Nie wieder Kater. (6/42)

23. August 2015

Gestern waren wir im Münsterland auf der Hochzeit von J. aus unserem Chor. Mit den angereisten Mitgliedern sangen wir während der kirchlichen Trauung und haben später auf der Feier noch ein paar weltliche Stücke zum Besten gegeben. Bis auf fünf Personen – einschließlich Stephan und mir – fuhren alle am Abend wieder zurück nach Kassel; wir hatten uns nachmittags schon in ein Hotel eingebucht. Zum Heiraten war das Wetter perfekt gewesen: wolkenloser Himmel, angenehme Wärme, ohne dass man im Anzug schwitzt, eine leichte Brise hier und da.

Wir feierten, tranken und tanzten bis in die frühen Morgenstunden. Während die Sonne langsam den Himmel lichtete, fuhren wir zu fünft mit dem Taxi zurück in unser Hotel. Frühstücken konnte man ab halb zehn und die Zimmer sollten kurz nach elf geräumten sein. Das war schon ziemlich sportlich, wenn man bedenkt, wie viel wir getrunken hatten. Es war sicherlich sechs Uhr morgens, als wir in den Zimmern verschwanden.

In weiser Voraussicht hatte ich uns übernachtenden Gästen Elektrolyte eingepackt, das sind im weitesten Sinne Mineralien, also: Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium, Bicarbonat, Chlorid, Phosphat und Sulfat. Sie steuern in unserem Körper unter anderem den Wasserhaushalt, und der ist nach ordentlichem Alkoholkonsum ziemlich aus dem Gleichgewicht. Vereinfacht gesagt sorgt Alkohol dafür, dass die Niere “trunken” wird und übermäßig Flüssigkeit ausscheidet und dabei nicht mehr kontrolliert, welche Elektrolyte der Körper noch braucht und welche nicht. Deshalb ist man nach so einer Nacht auch verkatert, weil man erstens dehydriert ist und zweitens weil die Mineralien fehlen.

An der Arbeit würde ich einer alkoholisierten und verkaterten Person eine Sterofundin-Infusion anhängen, also eine fertige Elektrolytlösung. Da ich uns aber sicher keine Nadel legen wollte, und das hätte ich in dem Zustand auch gar nicht gekonnt, habe ich Elektrolyte zum Auflösen in Wasser mitgenommen. Nennt sich Elotrans Elotrans und gibt es rezeptfrei in der Apotheke. Auf der Packung steht zwar, dass Mittel sei für Durchfallleiden gedacht, aber als Anti-Kater-Mittel ist es unschlagbar! Man fühlt sich höchstens müde, wenn man zu wenig schläft, aber verkatert ist man nicht. Zusätzlich zu den Elektrolyten ist noch Zucker enthalten, der ein bisschen Kraft spendet.

Zweieinhalb Stunden Schlaf haben sich bei uns natürlich bemerkbar gemacht, ich war bis eben noch ein wandelnder Winnie Pooh. Doch von einem Kater keine Spur; höchstens noch der Rest-Alkohol im Blute, der sich langsam über den Tag abbaute.

Ich kannte die Wirkung natürlich schon, die vier noch nicht. Sie waren überrascht, wie gut das wirkte. Falls Sie also mal vorhaben viel zu trinken, aber keinen Kater wollen, dann holen Sie sich so ein Päckchen aus der Apotheke. So als kleiner Tipp.

Und immer schön Wasser trinken!


Über die Liebe. (5/42)

22. August 2015

Ich lese ja immer gerne etwas über die Liebe“, sagt Frau Fragmente.

Definiere Liebe: Ein extrem starkes Gefühl, welches die Gedanken, das Verhalten und die Handlungen einer Person einnimmt und bestimmt. Körper und Seele lechzen nach Befriedigung, wie bei einem Suchtkranken, und tun alles dafür, diese Befriedigung zu erhalten; auch wenn der zu zahlende Preis einen in den Ruin treibt.

Bisher habe ich Liebe als etwas Schmerzhaftes erlebt. Aus meinem Erfahrungsschatz purzeln auch zu allererst bittere Erinnerungen hervor, erst viel später folgen ein paar wenige schöne Momente, in denen ich sehr glücklich war. Aber der Großteil der Gedanken ist mit Schmerz verbunden. Deshalb wohl auch meine eher zynische Definition der Liebe.

Meinen ersten Freund habe ich im Internet kennen gelernt, da war ich 17. Zu einer Zeit, in der ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten habe. Nachdem ich R.H. zweimal besucht hatte, musste ich mich bei meinen Eltern outen, da war ich 18. Ich hatte mehr Angst vor einem unerfüllten Leben, als vor den möglichen Konsequenzen. Rückblickend war die Zeit um das Outing ein nicht zu bändigender Prozess, befeuert durch die Unterstützung von Freunden für ein freies Leben.

Ich war sehr verliebt in ihn. So sehr, dass ich auf der Fahrt zu unserem ersten Treffen vor Angst um das Danach weinte. Ich war verliebt, ohne ihn jemals zuvor gesehen zu haben. Über ein halbes Jahr haben wir nur geschrieben. Text ist mächtiger in seiner Wirkung als gesprochene Sprache. Deshalb war ich wohl so schwer verliebt, ich fühlte mich verstanden und beachtet, da interessierte sich jemand für mich. Wort um Wort. Es war ein Leichtes mich zu verlieben.

Ich konnte weder die Zeit bei ihm genießen, noch mein Herz mit heilender Liebe erfüllen, dabei brauchte ich nichts mehr als das. In der ersten Nacht weinte ich so sehr an seiner Brust, wie ich noch nie zuvor weinte. Es war alles voller Schmerz.

Es hielt nicht lange. Heute kann ich sagen, dass ich wohl eine helfende Hand brauchte, die mich aus dem Abgrund zieht. Dieser Jemand war mein erster Freund. Es tut mir leid, dass er das mit mir durchmachten musste. Ich hoffe nur, dass auch er diese Zeit für sich zu nutzen wusste (wie das klingt…).

Die große Liebe meines Lebens war mein zweiter Freund, er folgte direkt auf den ersten. In dieser Beziehung war der Schmerz noch viel größer, wenn auch aus anderen Gründen. Alles war zersetzt von Eifersucht und Hass, von sexueller Begierde und dem Wissen, dass niemand aufrecht aus der Sache gehen würde. Und dennoch haben wir es uns fast ein Jahr lang angetan. Es gab ja auch die zuvor genannten Momente vollen Glückes, das wiegelt viel auf, denkt man.

M. lernte ich via App kennen. Was für mich damals überhaupt nichts Sexuelles hatte, unser kleiner Chat, liest sich aus heutiger Sicht wie ein sicheres Daraufhinwirken. Gleich beim ersten Date haben wir miteinander geschlafen. Dreimal. Dann bin ich nach Hause gefahren und wir haben uns einen Monat nicht gesehen, aber miteinander geschrieben und geschrieben und geschrieben. Und wieder war ich verliebt. Aber: M. hatte einen festen Partner, das wusste ich von Anfang an. Und dennoch ließ ich mich darauf ein. Unstillbare sexuelle Begierde war die Grundlage dieser Beziehung, Ekstase in Reinform. Irgendwann wünschte ich mir mehr als das, denn der Mensch in M. war ein ganz besonderer. Doch es sollte nicht sein. Es hatte alles seine Gründe, die rückblickend sehr vernünftig waren.

Aus dieser Beziehung habe ich enorm viel für mich mitgenommen. Ich entwickelte ein Selbstbewusstsein, ein Selbstwertgefühl für mich als Menschen. Ich habe viel gelernt und erfahren, was Liebe auch sein kann: eine illusionäre Erwartung an eine Person oder Beziehung, die niemals sättigt. In sexueller Hinsicht war ich vollkommen glücklich mit M., aber das kann ja nicht alles sein.

Mit Stephan bin ich seit zwei Jahren in einer festen Partnerschaft. Wir wohnen zusammen, wir haben einen gemeinsamen Alltag, gemeinsame Familie und Freunde; ich bin glücklich und zufrieden. Da ist kein Schmerz, kein Bedauern, kein Schatten aus der Vergangenheit. Eine normale Partnerschaft ohne extreme Spitzen. Die Gefühle sind hier nicht am Anschlag, niemand brennt aus, läuft leer. Vielleicht ist das der Grund für die Stabilität. Und vielleicht ist das die Art von Liebe, die zu mir passt. Ich denke, Zufriedenheit steht über der Liebe.

Es fällt mir schwer, ihm die Worte “Ich liebe dich” zu sagen – nicht, weil ich ihn nicht liebe, ich liebe ihn sehr –, sondern weil diese Wortfolge eine Myriade an bitteren Erinnerungen in mir hervor ruft. Viel zu oft habe ich diese Worte benutzt, obwohl mir beim Aussprechen immer etwas in der Brust zerplatzte. Jedes Mal ein bisschen mehr, bis ich nichts von der Liebe übrig war.

Ich möchte nicht, dass mir das mit Stephan passiert. Ich will, dass ich mit der Zeit lerne, Liebe anders zu definieren als oben. Durch ihn und mit ihm. Dass ich glücklich bleibe, dass wir weiterhin eine Partnerschaft führen, in der nicht die Bitterkeit, sondern die Zufriedenheit die Hauptrolle inne hat. Auch wenn es holpert, denn das tut es manchmal.

Aber jetzt ist alles gut. Und das soll es auch bleiben. :)


Nachts auf der Straße. (4/42)

18. August 2015

Es war kurz nach 23 Uhr, wir gingen nach Hause. Etwa hundert Meter vor uns neben einem geparkten Auto und fünf Meter vom Eingang des Nachbarhauses entfernt stand etwas auf dem Bürgersteig, das auf den ersten Blick aussah wie ein Pinguin. Natürlich konnte es kein Pinguin sein, die sind in Nordhessen nicht gerade in freier Wildbahn anzutreffen. Wobei wir in einer Stadt wohnen, die von Waschbären beherrscht wird, insofern ist hier so einiges sehr skurril. Jedenfalls bastelte mein Gehirn sich in der Dunkelheit irgendetwas zusammen, es muss ja alles verarbeitet und zugeordnet werden, und so kam mir der Pinguin in den Sinn. Je näher wir kamen, desto seltsamer wurde dieses Etwas. Plötzlich sah ich keinen Pinguin mehr, sondern drei Katzen: zwei große mit hellem Fell, die brav wie eine Sphinx nebeneinander auf dem Bürgersteig saßen, und eine kleine mit eher dunklem Fell, die auf dem Boden lag, alle vier Extremitäten von sich streckend. Alle sahen sie zu uns ‘rüber, so dachte ich. Je näher wir kamen, desto unsinniger wurde auch der Gedanke mit den Katzen. Wieso sollten sie da auf dem Bürgersteig eine Versammlung abhalten?! Ich zog mein Handy hervor und leuchtete das Etwas an, aber von den mutmaßlichen Katzen strahlte nichts zurück. Also konnten es auch keine Katzen sein. Mein Partner blieb auf Höhe unseres Hauses stehen und ich ging langsam an das Etwas heran. Nun sah ich, dass dort drei Tüten standen. Fein säuberlich in einer Reihe. Zwei große aus Papier und eine kleine, transparente Plastiktüte mit rötlichem Inhalt. Sofort dachte ich an Sprengstoff (rot, typische Böller-Farbe) und Explosionen (Tianjin, Bangkok). Ich sorgte mich und gleichzeitig ärgerte ich mich wegen der Gedanken, wollte aber auch nicht näher an die Tüten heran. Wer stellt schon einfach so Tüten auf die Straße? Offensichtlich war es kein Müll, und es sah auch nicht aus, als wäre jemand aus dem Auto ausgestiegen und hätte mal eben die Tüten abgestellt, um leichter aus der Karre zu kommen; der Öffnungswinkel der Tür hätte sie beim Schließen umgeworfen. Ich nahm einen kleinen Stein von der Wiese und warf ihn zu den Tüten. Es passierte genau nichts. Trotzdem war mir mulmig zumute, ich traute mich nicht an die Tüten heran. Wieso sollte jemand drei Tüten in Reih’ und Glied mitten auf den Bürgersteig stellen? Dieser Jemand muss doch etwas im Schilde führen! Ich ging zurück und dann gingen wir ins Haus. Leider nahm ich die Tüten in Gedanken mit und grübelte lange. Wir überlegten gemeinsam, ob es übertrieben ist wegen so etwas die Polizei anzurufen, entschieden uns aber dafür. Auch für solche Sachen ist sie doch da, die Polizei, der Freund und Helfer. Ich wählte die 110 und berichtete, was wir gesehen hatten. Ich fragte, ob es in Ordnung ist, wegen so etwas anzurufen. Der Mann am Ende der Leitung sagte, das sei vollkommen in Ordnung und sie würden sich das anschauen.

Während ich meine Zähne putzte sah ich aus dem Badezimmerfenster zur Straße hinunter. Keine fünfzehn Minuten waren seit dem Anruf vergangen, da war die Polizei auch schon da. Sie hielten schräg vor dem Objekt an und leuchteten es mit dem Auto aus. Dann stieg ein Polizist aus und ging langsam mit einer Taschenlampe zu den Tüten. Er leuchtete sie an und hob mit einem Hebeldings die kleine Tüte hoch zur näheren Betrachtung. Dann gab er seinem Kollegen ein Zeichen, der daraufhin ausstieg und sich die anderen beiden Tüten ansah. Aus ihren Gesichtern konnte ich nichts heraus lesen, also fragte ich vom Fenster aus, was das denn nun sei. “Ich hatte angerufen, weil das alles sehr suspekt aussah. So etwas gab es noch nie auf unserer Straße.”

Der erste Polizist leuchtete mit seiner Taschenlampe in meine Richtung und sagte mit tiefer Bärenstimme: “Das sind scheinbar Schaumwaffeln von der Kirmes.”

SCHAUMWAFFELN! So viele Gedanken und unnötige Ressourcenverschwendung wegen ein paar verkackten Schaumwaffeln! Ick glaub es hackt!

Ich entschuldigte mich für die Überbesorgnis, Mensch war mir das peinlich. Die Polizisten packten die Tüten in den Wagen, sagten, dass es schon in Ordnung sei und führen hinfort.

Schlimm, wie viel Angst die Medien schüren können. Hätte niemals von mir gedacht, dass ich mal so in solch einer Situation reagieren würde.

ANGRIFF DER KILLERSCHAUMWAFFELN!!!


Mit Aug’ und Ohr. (3/42)

16. August 2015

Vor fünf Jahren noch hörte ich viel Musik (Rock, Pop, Türkisch, Klassik) und ein paar Podcasts. Zeit dafür hatte ich genug, fuhr ich doch dreieinhalb Stunden am Tag zur Schule und wieder zurück. Am Wochenende las ich durchschnittlich zwei Stunden in Büchern (Romane, Fantasy, Science-Fiction) und in der Woche täglich am Abend meinen Feed-Reader (Technik, Design, Prosa- und Befindlichkeitsblogs, Erotik). Fernsehen schaute ich schon damals nicht mehr, Nachrichten waren mir egal und Zeitungen zu unhandlich.

Die Podcasts waren in dieser Zeit sehr techniklastig; sieben verschiedene waren es zu Spitzenzeiten, jeweils mehrere Stunden pro Folge. Trotz des hohen Zeitaufwandes konnte ich mithalten; vielleicht auch, weil ich sehr introvertiert war und lieber Zeit alleine verbrachte als mit Anderen (Freunde, Familie). Für Serien und Filme nahm ich mir kaum Zeit. Lesen von Büchern fiel mir schwer, das ging bis Ende des letzten Jahres so. Blogtexte waren ideal, da sie relativ kurz und episodenhaft sind; auch heute noch lese ich sie lieber. Außerdem waren sie eine Möglichkeit der Teilhabe am Leben von interessanten Personen, von denen einige zu meinen Freunden wurden.

Heute sieht es anders aus. Musik höre ich nur noch selten, und falls doch, nur nebenher zu anderen Tätigkeiten. Die Genres lauten nun Ambient, Klassik und Neo-Classic, damit kann ich prima lesen, lernen und duschen.

Die oben genannten Bücher-Genres lese ich kaum noch, mein Regal besteht mittlerweile zum Großteil aus Sachbüchern, denn scheinbar habe ich mich zu einem sonderbaren Schwamm entwickelt, der nur Wissen aufsaugen möchte.

Das zeigt sich auch anhand der Podcasts, die ich heute höre. Technik musste weichen und Platz für Gesellschaftspolitik und Tagesgeschehen machen. Meine neue große Liebe ist “hr2 – Der Tag” des Hessischen Rundfunks, eine Hintergrundsendung zu jeweils einem Thema. Die Sendung behandelt nicht unbedingt tagesaktuelle Themen wie der Name vermuten lassen würde. Seit einer Woche zum Beispiel geht es um verschiedene Städte und Kulturen auf der ganzen Welt, ist das nicht herrlich?! Auch höre ich viel vom Deutschlandfunk (Politik, Hintergrund, Forschung, Umwelt und Verbraucher). Auf meinem Arbeitsweg oder beim Einkaufen ist das ideal, so spricht mich keiner an und ich kann mich im Nu weiterbilden. Außerdem habe ich mir angewöhnt, alles in doppelter Geschwindigkeit zu hören, das spart extrem viel Zeit! Das klappt erstaunlich gut, sobald man sich daran gewöhnt hat; ich brauchte eine Woche für 1,5x und dann zwei Wochen für die doppelte Geschwindigkeit. Der Nachteil ist, dass ich Menschen aus dem Alltag nur noch ungeduldig zuhören kann, wenn es in dem Gespräch um Informationsaustausch geht. Das trifft zum Glück nicht meine Freunde, die sprechen aber auch so schnell wie meine Podcasts. Und mit Freunden spricht man ja auch viel über Erlebnisse und Gefühle, da ist es etwas Anderes. Da achte ich auf Stimme, Gesichtsausdruck, Wortwahl. Bei Informationen ist mir das Drumherum nicht so wichtig.

Fernsehen schaue ich nach wie vor nicht, stattdessen hat sich mein Serienkonsum enorm gesteigert. Beim Kochen und Speisen läuft eigentlich immer etwas, ich kann gar nicht mehr ohne. Dass das ungesund ist, weil man sich nicht mehr auf das Schmecken und Genießen konzentriert, ist mir bewusst. Aber auch egal, weil ich fast nie Zeit habe, in Ruhe zu essen. Schlimm ist das… Filme schaue ich eigentlich gar keine mehr.

Zeitungen sind mir immer noch zu unhandlich und per se schon veraltet, wenn ich sie in der Hand halte. Tagesgeschehen beziehe ich eh per Audio. Im Feed-Reader tummeln sich nur noch Befindlichkeitsblogs und ein Design-Magazin. An dieser Stelle muss ich Frau Novemberregen sehr danken, dass sie viele der verstummten Blogs durch ihre Wetten reaktiviert hat. So auch meines.

Ich muss sagen, dass ich das Schreiben sehr vermisst habe. Gleichzeitig fällt es mir schwer über meine Gefühle zu schreiben wie früher, dabei gibt es viel zu erzählen. Aber da kommen wir in 42 Tagen bestimmt wieder hin.


Der Kassetten-Player. (2/42)

14. August 2015

Wenn folgende Geschichte ein Witz wäre, würde ich ihn so erzählen:

Es war einmal ein kleiner türkischer Junge, der mit seiner Familie im Schwarzwald lebte. Seine Eltern kauften einen VHS-Player und von den Nachbarn durfte er sich Kassetten ausleihen, derer hatten die Nachbarn nämlich ganz viele. Er sah das Regal durch – von oben bis unten, von A bis Z – und suchte sich einen Disney-Film und “Ein Schweinchen namens Babe” aus. Doch Letzteren musste er wieder zurück legen, weil darin ein Schwein die Hauptrolle spielte. Und die sind bekanntlich haram für Muslime.

Meine Eltern habe ich damals nicht verstanden, ich war Grundschüler in der ersten oder zweiten Klasse. Ihre Gründe sind mir heute allzu klar, aber das soll jetzt kein Thema sein; sondern der erwähnte Disney-Film.

“Ein Schweinchen namens Babe” durfte ich also nicht sehen und “Dumbo” habe ich aus Trotz nach ein paar Minuten ausgeschaltet. Ich redete mir ein, dass Dumbo ganz dumm sein muss, schließlich wird er schon so genannt. Dann kann er ja nur blöd sein! Brauche ich ihn doch gar nicht zu sehen! (Beide Filme nie nachgeholt.)

Heute noch habe ich ein sonderbares Gefühl, wenn ich an Dumbo denke. Ich empfinde Zorn, dass ich ihn aufgrund seines Namens verurteilt und ihm keine Chance gegeben habe, meine Vorurteile aufzuklären. Schlimmer noch, dass ein Unbeteiligter den Trotz ausbaden musste, hatte er doch nichts mit dem Auslöser zu tun. Es mag verrückt klingen, dass ein Kinderfilm Derartiges bei mir auslöst; zumal diese Szene schon mehr als 15 Jahre her ist. Ich weiß natürlich, dass Dumbo nur eine Zeichentrickfigur ist, ein Phantasie-Gebilde, und dass ich über ihn denken kann, was ich will. Dennoch denke ich immer wieder an dieses Ereignis zurück: Immer dann, wenn mir Vorurteile im Alltag begegnen. Immer dann, wenn ich heraus finden möchte, ob ich selbst in einer Sache voreingenommen bin oder welchen Auslöser meine Voreingenommenheit hat.

Ich finde es spannend, dass so eine Kleinigkeit derartig tief gehende Verhaltensänderungen in einer Person bewirken kann. Vielleicht hat gerade dieses Ereignis mein Gefühl von Gerechtigkeit und Solidarität maßgeblich geprägt.


Wetten, dass … (1/42)

12. August 2015

Tja, da pöbelt man hier und da und zieht seltsame Schlüsse, strickt sich Verschwörungstheorien und Mafiazugehörigkeiten zusammen und schon hat man eine Wette am Laufen.

  • Wettpartner: Frau novemberregen und Frau fragmente.
  • Bedingungen: Dreimal die Woche drei Monate lang jeweils 300 Wörter schreiben und veröffentlichen, also bloggen. (Ich muss hier ein paar Füllwörter einbauen, versteht sich.)
  • Laufzeit: Drei Monate, also 12. August bis 11. November. Ingesamt 14 Wochen beziehungsweise 42 Tage. Zweiundvierzig! Ist das nicht schön!?
  • Wetteinsatz: Essen gehen und Karaoke.

Zu klären wäre noch, ob dieser Eintrag mitzählt und ob es unter den genannten Bedingungen auch Joker gibt. Ach, die erste Frage beantworte ich mir selbst, indem ich die 300 Wörter einhalte.

Ich bin seit kurz vor neun wach und habe es bisher nur geschafft, mir einen Kaffee zu machen (Knopf drücken) und mir die Kontaktlinsen einzusetzen (auf die Augen drücken). Ich habe heute frei und morgen mündliche Prüfung. In der Sache bin ich ganz entspannt, weil ich die zu lernenden Themen vor geraumer Zeit schon einmal zusammen gefasst und gelernt habe und sie mir nur noch einmal durchlesen müsste. Dazu habe ich aber keine Lust und noch ist der Zeitdruck nicht hoch genug. Stattdessen spiele ich mit dem Gedanken, den Vanille-Joghurt aus dem Kühlschrank mit einem gehäuften Esslöffel Zimt zu mischen und hierfür einen Apfel klein zu hacken. Danach mache ich mich fertig und gehe einkaufen, schließlich gilt nur heute der 10fach-Payback-Coupon. Ich werde mir eine Emaille-Aufbackform kaufen und Krams für Hackbällchen Toskana. Bekanntlich liebe ich ja Tomaten, obgleich meine Balkontomaten noch nicht errötet sind angesichts der tropischen Hitze und Hautkrebs-erregenden Sonneneinstrahlung. Vielleicht ist es ja nächste Woche so weit. Für die Hackbällchen hatte ich am Samstag schon Büffelmozzarella gekauft, denn den liebe ich auch. Auch dürfte allseits bekannt sein, dass mit leerem Bauch keine Revolutionen zu erwarten sind. Deshalb schiebe ich das Lernen wohl so vor mich her, aber ich muss ja alles nur nochmal lesen. Gelernt hatte ich all das schon einmal. Wie gut auch, dass ich um fünf zu unserem Gewerkschaftertreffen gehe, als hätte der Tag heute flexible 28 Stunden.


Nachträge.

31. Januar 2014

Ich warte gerade auf die Bahn nach Hause, freue mich, dass ich früher als geplant Feierabend habe, da schreibt mir Stephan, dass seine Mutter mich zum Mittagessen an Nikolaus eingeladen hat. Es ist die erste Einladung, ein Schritt auf mich zu seit Stephans Outing. Ich lese die Nachricht und freue mich, freue mich so sehr, dass ich laut “JA!” rufe und auf der Stelle springe. Die alte Dame neben mir schaut mich verwundert aus ihrer Echthaarperücke an und ich sage zu ihr “Heute ist einfach ein schöner Tag!” und steige breit vor Glück lächelnd in die mittlerweile angefahrene Bahn ein, setze mich an einen Fensterplatz und genieße die Sonnenstrahlen.

Ich besuche meine Nachbarin und wünsche ihr ein frohes neues Jahr. Sie schenkt mir ‘was ein und wir sprechen ein wenig über Weihnachten und noch ein wenig mehr von der letzten Nacht des Jahres. Irgendwie kommt die Sprache auf lange Zungen und ich erzähle von dem Kinde eines Freundes, das meiner Meinung nach die längste Zunge der Welt hat. “Die hab’ ich aber auch!”, sagt meine achtundsiebzigjährige Nachbarin und berührt mit ihrer Zunge ihre Nasenspitze. Daraufhin lachen wir beide und ich fühle, dass dies ein sehr schöner Moment zwischen uns ist.

“Einmal Chips&Chicken mit Ketchup und Mayo”, sage ich, als das Mädchen hinter der Theke dem Kunden vor mir zwanzig Cent Rückgeld auf die Ablage legt. Der Kunde nimmt hastig sein Geld in die Hand und brüllt die Bedienung an, wie sie sich nur anmaßen konnte, das Geld auf die rechte und nicht auf linke Ablage zu legen. Aus Courage sage ich “Sorry, mein Fehler. Ich habe mich wohl vorgedrängelt!” und der alte Mann schreit genervt: “Sie haben damit nichts zu tun!” Er zeigt mit dem Zeigefinger auf die Bedienung und brüllt, dass sie Schuld sei, schließlich wäre sie Ausländerin. Daraufhin das Mädchen hinter der Theke: “Entschuldigen Sie, aber wie sprechen Sie mit mir? Haben Sie keine Manieren?!” Der Mann: “Ich rede mit Ihnen, wie es sich für Sie gehört, Ausländerschlampe!” Mich packt die Wut, ich werde immer wütend, wenn unschuldige Menschen wegen irgendwelchen Überzeugungen angefahren werden, und brülle zurück: “Jetzt hören Sie mal auf! Was soll das denn?!” Der Mann: “Halten Sie sich ‘raus!” Ich: “Nein! Sie scheiß Nazi!” Alter Mann, rückwärts davon laufend: “Aha, Sie sind wohl auch Ausländer!” Ich, sehr laut: “Ja, das bin ich! Und Sie sind ein Nazi! NAZI!” Ich brülle noch etliche Male, viele Besucher des Einkaufszentrums bleiben stehen oder drehen sich um und der alte Mann hastet roten Kopfes durch die Menge. Das Mädchen hinter der Theke hat glasige Augen und fragt noch einmal nach meiner Bestellung, entschuldigt sich. Ich sage, dass der Vollidiot sich zu entschuldigen hat und nicht sie. Sie stimmt zu und meine Bestellung geht auf’s Haus.

Wir sitzen gemütlich auf dem Sofa und schauen eine Folge “Downton Abbey”, Stephan, seine Mutter und ich. Es folgt eine Szene, in der Lady Mary mit verzweifelter, beinahe weinerlicher Stimme zu ihrer Mutter sagt: “Oh Mamá, ich bin verloren! Ich habe mir einen Geliebten genommen genommen, ohne an Heirat zu denken. Einen Türken!” In dem Moment muss ich mich tierisch zusammenreißen, um nicht in Lachen auszubrechen. Denn die Situation ist durchaus lustig: auf dem Sofa sitzt Frau Mutter, links von ihr der Sohnemann und neben ihm sein Geliebter, der Türke.

Ich habe neulich am Bahnhof Rodriguez kennen gelernt, er macht hier ein Auslandssemester und kommt aus Brasilien, studiert Deutsch, ist 20. Er fragte mich in einem sehr klaren Deutsch nach dem Weg und sieht gar nicht wie ein Brasilianer aus, zumindest entspricht er nicht meinem Brasilianer-Stereotyp. Er hat rote Haare und sieht aus, wie ich mir Christopher Robin immer vorgestellt habe. Jedenfalls sprachen wir ein wenig und tauschten Nummern aus für den Fall, dass er in Kassel nicht zurecht kommt. Letzte Woche trafen wir uns und er erzählte mir, dass er noch nie in seinem Leben Schnee gesehen habe, weil er in Brasilien auf so einer Insel lebt mit Strand und Palmen und dauerhaft warmer Sonne. (Neid!) Nun hat es hier ja über Nacht zehn Zentimeter geschneit und er hat sich total darüber gefreut, Namen in den Schnee getippelt und so. Durchaus nachvollziehbar. Lustig daran finde ich, wie mir das kalte Wetter und der Schnee solange auf den Sack gingen, bis mir ein Fremder von seiner Faszination diesbezüglich berichtete und mir damit verdeutlichte, wie schön das auch sein kann. Wie könnte ich das nur jemals vergessen? Dennoch wünsche ich mir nichts sehnlicher als bunt und Frühling und ganz viel grün und Fahrrad fahren im T-Shirt und auf dem Balkon sitzen ohne zu frieren. Ich kann dieses GRAU nicht mehr ertragen.

Es ist bestimmt schon eins und wir hätten schon lange in den Federn liegen sollen, aber ich wollte ja unbedingt einen Mutterkuchen backen. Nach der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen, und so sitze ich mit Stephan im Wohnzimmer und wir lesen uns gegenseitig Details über die Charaktere unserer aktuellen Lieblingsserie vor. Den ganzen Tag schon trage ich “God Rest Ye Merry, Gentlemen” als Ohrwurm in mir herum. Ende Januar. Um mein Leid zu lindern oder um es vielleicht zu beenden, verbinde ich mein iPhone mit der Bluetooth-Box und lasse den Song laufen. Wir sitzen uns gegenüber in Sesseln, seine Beine zu mir ausgestreckt und meine zu ihm. Erst summen wir, jeder in sein Smartphone vertieft, und dann singen wir; zwar nicht ganz textsicher, aber dennoch stimmig an den wichtigen Stellen. Am Ende des Songs beuge ich mich zu ihm vor und küsse ihn, werfe ein weiteres winterlich-weihnachtliches Lied an. Wie es dazu kam, dass wir aufgestanden sind, weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls stehen wir plötzlich im Raum und tanzen zu “It could be a wonderful World” in der Version von Leon Bibb, Ronnie Gilbert und Robert De Cormier, halten uns, lächeln uns an, küssen uns. In diesem Moment fühle ich mein Glück stärker als jemals zuvor. Und nicht ein Zweifel.


Mein lieber Stephan.

26. Dezember 2013

Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns in einer Bar gegenüber saßen und uns kennen lernten. Wenn ich unser kleines Wir betrachte, das seitdem gewachsen ist, sehe ich eine Schatzkiste voller funkelnder Brillanten. Für mich bist du ein einmaliges Geschenk und ich kann bei Gott mein Glück nicht fassen, dass ich an deiner Seite sein darf. Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, mit dir rede oder dich fühle, bewundere ich deine Schönheit; die deiner Seele wie auch die deines Körpers.

Ich weiß, es wird dir schwer fallen, die nachfolgenden Zeilen zu lesen, weil du bescheiden bist und voller Selbstzweifel, doch ich möchte dir sagen, was ich in dir sehe. Du bist schlau, gesprächig, wortgewandt, witzig, charmant, phantasievoll, wissbegierig, intelligent, bedacht, reflektiert, demütig, vergebend, friedliebend, vorausschauend, achtsam, ehrlich, aufgeschlossen, aufrichtig, emotional, emphatisch, feinfühlig, mutig, poetisch, herzlich, liebevoll, begehrenswert, männlich, sinnlich, geil, saugeil, leidenschaftlich, verspielt, fürsorglich, sanft, weich, flauschig, auf wundersame Art verrückt, lebhaft, voller Freunde und schlicht wundervoll. Du bist aber auch verletzlich, zerbrechlich, zögerlich, manchmal melancholisch.

All diese Eigenschaften machen dich zu dem Stephan, der du bist. Zweifelsohne ist diese Aufzählung nicht komplett, denn das wird sie niemals sein können, und ich freue mich, mehr von dir kennen zu lernen.

Du bist mir sehr wichtig. Du machst mich glücklich und bringst mich zum Lachen, du redest mit mir, auch über schwere Themen; das bedeutet mir viel. Ich DANKE dir. Ich danke dir für das, was du bist. Nimm diese Worte an. Du hast sie verdient.

In diesem Sinne wünsche ich dir frohe Weihnachten. Welch’ ein Glück, dass ich dich gefunden habe!.. Ich küsse dich.

In Liebe
dein Attila


Outing².

26. Oktober 2013

Es passierte heute, am Samstag kurz vor zwei. Wir waren gerade sehr zärtlich zueinander, als seine Mutter kam. Sie stand vor verschlossener Tür, weil das Sicherheitsschloss eingehängt war. Er sprang entsetzt auf und zog sich an, ich versteckte mich unter der Bettdecke, war nicht fähig mich zu bewegen; zwischen Schock und Embryonalstellung.

Er öffnete die Tür und sagte: “Oh mein Gott…” Sie fragte besorgt, was los sei. Er sagte: “Ich habe jemanden kennengelernt.” Sie antwortete: “Das habe ich mir fast schon gedacht.”

“Es ist ein junger Mann.”

Sie sagte, “Aber das ist doch nicht schlimm” und “Hier zwei Berliner für euch” und “Dann bis später” und ging.

(OH MEIN GOTT!)


Zeugen Jehovas.

21. September 2013

Gerade standen Zeugen Jehovas vor meiner Wohnungstür. Ein Junge, vielleicht 12 oder 13, und vermutlich sein Vater. Der Junge war mitten im Stimmbruch, hatte viele Pickel und Sommersprossen und war noch ziemlich klein. Der Junge sagte, während sein Vater ein paar Schritte hinter ihm auf der Treppe stand: “Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen ein Heft über das Leid in der Welt zu schenken.” Der Junge versuchte auf eine schrullige, fast schon niedliche Art selbstbewusst zu wirken. Ich bat um einen Moment und suchte meine Brille; wunderte mich dabei über den Satz des Jungen. Wieder an der Tür nahm ich das Heft dankend an mich, der Junge lächelte. Dann sind die beiden Zeugen gegangen.

Auch wenn das Heft jetzt ungelesen im Müll liegt, wollte ich den Jungen nicht vor seinem Vater blamieren oder mit Fragen verunsichern, die sich zwischen Tür und Angel nicht klären lassen; mit irgendwelchen Sätzen und Meinungen, die man als Uninteressierter in Momenten wie diesen parat hat. Ich wollte keine Diskussion anzetteln oder unhöflich werden, nur weil ein anderer Mensch andere Ansichten hat. Der Junge sah stolz aus, dass er sein Heft los geworden ist, und nichts schien mir in diesem Moment wichtiger als ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.

Wenig später habe ich einer Freundin von diesem Ereignis erzählt. Sie sagte, dass sie früher als Jugendliche auch bei den Zeugen Jehovas gewesen und von Tür zu Tür gegangen war. Sie fand es ganz schrecklich. “Dich hätte ich sofort in meine Wohnung gelassen!”, sagte ich und wir lachten. “Wir hätten Kaffee getrunken und Musik gehört, wären bestimmt Freunde geworden.”

Und genau das wünsche ich dem Jungen. Dass er sich treu bleibt und viel liest und an seiner emotionalen Reife arbeitet, dann findet bestimmt auch er jemanden, der ihn zu sich lässt. Ich hoffe, er glaubt an sich und nicht an Dinge, die ihm auferlegt werden. Denn mich wiederum verunsicherte die Vaterfigur; der Mann, der hinter ihm stand, der den Jungen genau beobachtete.


Wehlheider Kirmes.

17. August 2013

Ich wohne ja ziemlich ruhig und idyllisch: abseits von Straßen, auf denen viel Verkehr ist; mit Garten und vielen Bäumen rundherum, die möglichen Lärm fern halten; bei Nachbarn, die großen Wert auf Ruhe legen und guten Geschmack beweisen, sollten sie mal die Musik lauter drehen.

Dieses Wochenende aber findet auf der Straße schräg gegenüber eine Kirmes statt, die seit Jahrhunderten zelebriert wird. Hierfür wurden am Freitag fleißig Vorkehrungen getroffen, inklusive vierstündigem Stromausfall: z.B. sind die umliegenden Straßen gesperrt worden, damit etliche Stände darauf hausen und ihre Waren oder Speisen oder Spiele oder Dienstleistungen anbieten können. Zusätzlich gibt es mehrere Musikstationen, meistens in Fressbuden oder Bierzelten oder Bars, die für Stimmung sorgen sollen. (Dieses Wirrwarr! Warum, warum nur?!)

Der Altbau, in dem ich wohne, liegt mitten im Kern des Geschehens. Daher wäre es mir möglich, an jedem Fenster der Wohnung einer anderen “Musik” zu lauschen, sofern ich die Torheit dafür besäße.

Stattdessen halte ich mich bei geschlossenen Fenstern im Kern der Wohnung auf und lasse wider Willen mein Trommelfell von allen Seiten durch die abartig laute, unerträglich oberflächliche Partymukke beschallen, die immer wieder einen widerlichen Zorn in mir aufkochen lässt.

Gerade eben hatte dieser Zorn meinen persönlichen Siedepunkt erreicht. Ich war so sehr wütend, dass ich beinahe den Gedanken zu realisieren wagte, meine Sachen zu packen und bei einem Freund unterzukommen, bis dieses Sauffest vorüber ist. (Ich dachte sogar an eine Überdosis Tavor, die mich bis in den Nachmittag des nächsten Tages hätte ausschalten können, doch dann wäre dieser Kack ja immer noch nicht vorbei gewesen und ich hungrig oder gar tot.)

Interessanterweise folgte dem Wutausbruch die Belustigung darüber, dass ich mich wegen zwei Tagen des Lärms derart habe aufregen lassen. Dabei ist es an allen anderen Tagen des Jahres das perfekte Wohnen hier, und dafür bin ich trotz Zorn unendlich dankbar.

Wer weiß das schon: vielleicht soll dieses Straßenfest auch die Zufriedenheit der Anwohner steigern, wenn sie es erfolgreich oder auch mit kleinem Nervenzusammenbruch überlebt haben.


Die Ernte.

30. Juli 2013

Einem besten Freund, der in der schwierigsten Zeit meines Lebens für mich da und immer verlässlich war, ging es die letzten Tage nicht gut. Wir schrieben miteinander, ich habe ihm meine Unterstützung zugesichert und gesagt, dass ich für ihn da bin wie er es einst für mich war. Ein paar Tage war ich besorgt und fragte nach seiner Befindlichkeit, es schien aufwärts zu gehen. Gestern hatte ich ein ungutes Gefühl und habe ihn aufgesucht. Er war nicht da. Wir haben uns verabredet und getroffen. Er erzählte mir ausführlich, was passiert war und brach daraufhin und immer wieder in Tränen aus. Währenddessen habe ich ihn getröstet und gehalten; es war das erste Mal, dass er in meiner Gegenwart derart emotional wurde und über seine Gefühle sprach — obwohl wir sehr viel miteinander reden und nah zueinander stehen.

Nach vielen Worten wurde er klarer und es schien ihm besser zu gehen. Es war später Abend als er mein Angebot, in meiner Wohnung zu übernachten, annahm und wir nach Hause gingen.

In der Nacht dachte ich darüber nach, wie ich mich nach meinem Outing fühlte: vollkommen hilflos. Trotz allem Übel hatte ich Menschen an meiner Seite, die mir Unterstützung verschiedenster Art boten: Unterschlupf, Geld, Hilfe bei der Bewältigung von Papierkram, Fahrten in verschiedene Städte zur Klärung der Zukunft, Sachgegenstände und Kleidung, doch vor allem aufmerksame Ohren, zuversichtliche Worte und warmes Herz.

Meine Situation lässt sich objektiv nicht mit der des Freundes vergleichen, subjektiv gab es aber viele Gemeinsamkeiten, hier einige: die Annahme, es könnte keine Besserung geben, keine Auswege, nur schlechte Kompromisse. Erstklassiger Totalschaden.

Für mich war es interessant zu sehen, dass ich nun in einer Stellung bzw. Verfassung bin, Hilfe und Wärme zu geben. Dass ich Liebe spenden kann, wo sie bitter benötigt wird, und eine Schulter zum Anlehnen. Nie hätte ich das für möglich gehalten, dass ich, der kleine, schwache Junge, jemals Hilfe in Not- und Ausnahmesituationen leisten könnte.

Natürlich war das, was dem Freund passiert ist, nicht gut. Dennoch hat es mir gut getan, zu sehen, dass ich stärker geworden bin. Stark genug, um emotionale Extremsituationen abfedern zu können. Ein Hafen auf einer Insel, an der man getrost anlegen kann.

Solche Ereignisse haben ein ungeheuerliches Bindungspotenzial. Freundschaften werden stärker, man steht sich näher und entwickelt ein besseres Verständnis füreinander. Das hatte ich schon oft mit dem Freund erleben dürfen, bisher jedoch auf meine Probleme bezogen.

Es macht mich glücklich zu erkennen, was Freundschaft schaffen kann. Meine Stärke ist das Ergebnis der Wärme der Menschen, die zu mir standen und die an mich glaubten.

(Dem Freund geht es heute besser, seine Probleme scheinen sich tatsächlich zu lichten.)


Der kleine Junge.

28. Juni 2013

Als ich abends auf dem Balkon saß und mich auf den Besuch von Gustav freute, musste ich unweigerlich an den letzten Sommer denken. Ich war schwer verliebt in einen Mann und davon unabhängig frustriert über die Tatsache, dass ich in meiner neuen Wahlheimat einfach keine Freunde fand. Dann kam Gustav und wir wurden Freunde, verbrachten viel Zeit miteinander, reisten nach Berlin. Zum ersten Mal fühlte ich mich wohl mit einem Gleichaltrigen. Wir gingen Arm in Arm durch die Straßen Berlins, getragen von tiefer Freundschaft und einem Lebensgefühl, das mich hätte glücklich machen können. Ich hingegen war wegen gebrochenen Herzens den ganzen Sommer über traurig, trotz der schönen und guten Momente abseits der Liebe, von denen es rückblickend zahllose gab. Der Schmerz hatte alles Gute in meinem Leben verdeckt und erstickt. Ich war blind vor Liebe.

Zwanzig Sekunden lang hatte ich einen Heulkrampf auf dem Balkon, es überkam mich schlagartig. Es muss wohl an der Erkenntnis gelegen haben, dass ich damals trotz eines guten Lebens kein Glück empfand, mir still und leise ein anderes wünschte, nur weil ein fremdes Herz nicht wollte wie meines. Ich habe erkannt, dass ich im Bann einer einzigen Person stand und dass mir sonst nichts von Bedeutung gewesen war. Wie schade, dachte ich. Und wie traurig.

Ich habe sofort versucht zu verstehen, weshalb ich so heftig weinen musste, anstatt das Gefühl einfach da sein zu lassen und es zu akzeptieren. Ich dachte Sätze wie “Jetzt heulst du schon wieder, sei mal erwachsen” oder “Du bist eine Klette, du kannst einfach nicht loslassen”. In der Verhaltenstherapie habe ich gelernt solche automatischen Gedanken zu unterbrechen, die direkt auf mein Selbstbewusstsein abzielen. Als ich merkte, in welcher Schleife ich schon wieder gelandet bin, habe ich mir gesagt, dass jetzt der kleine Junge dran ist und nicht die Vernunft; dass die eingetrichterte Vernunft den Jungen unterdrückt und bevormundet und dass sie wenigstens einmal die Fresse halten sollte. Ich habe meine Gefühle zugelassen und noch mehr geweint.

Es hat gut getan, denn ich habe begriffen, dass mein Leben so viel schöner ist, so viel leichter und ehrlicher seit dem letzten Sommer. Ich habe Freunde gefunden, mir ein Zuhause geschaffen und mich verliebt in einen Menschen, der mich nicht zurückweist. Ich habe klar gesehen, wofür ich zuvor zu blind war.

Nach dem Weinen war ich erleichtert und sogar stolz auf mich, dass ich dem kleinen Jungen in mir erlaubt habe zu fühlen was er fühlen will. Ich weiß nicht genau, was die Trauer in mir auslöste. Wichtig ist nur, dass ich mittlerweile merke, wann es wichtig ist meine Gefühle zuzulassen und den denkenden Teil des Kopfes abzuschalten.

Mehr fühlen, weniger denken!


Unangekündigter Besuch.

28. Mai 2013

Ich war gerade bei Daniel, als mich mein Vater anrief. Er grüßte mich und fragte, ob “Grüß Gott” über dem Eingang des Hauses stünde, in dem ich wohne. Ich bestätigte das verwirrt und fragte ihn, weshalb er das wissen wolle. Mein Vater antwortete, dass er seit drei Uhr nachmittags dem Haus sei und gerne einen Kaffee mit mir trinken wolle. Dann fragte er, ob ich denn nie das Haus verlasse, er warte schon seit fünf Stunden auf mich. Ich war entsetzt, denn es war acht Uhr abends und ich hatte kurz nach drei mit Daniel das Haus verlassen. (Ob er uns verfolgt hatte?) Ich war genervt — er hatte weder geschrieben, noch angerufen — und erfreut zugleich. Ich sagte ihm, dass ich in zehn Minuten zu Hause sei.

Da stand er wirklich, an sein Auto gelehnt. Auf dem Heimweg dachte ich, dass er mich auf den Arm nehmen möchte, aber er war tatsächlich da. Ich umarmte ihn und wir gingen in’s Haus. Ich hatte mir seinen ersten Besuch in meiner Wohnung anders vorgestellt, doch nun war es wie es war. Ich schloss Haus- und Wohnungstür auf und hieß ihn willkommen in meinem Zuhause. In der Küche war mein Mitbewohner mit seiner Freundin am Kochen und ich grüßte sie mit dem Satz: Wir haben Überraschungsbesuch! Die Verwunderung stand ihnen buchstäblich in’s Gesicht geschrieben, als sie meinen Vater sahen. Ich stellte meinen Vater vor und sie gaben ihm die Hand. Dann folgte eine kleine Führung durch die Wohnung: Küche, Bad, Flur, Philipps Bereich bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer, und zu guter Letzt mein Zimmer. Es war etwas chaotisch. Überall lagen Schulsachen und Ordner und auf dem Boden türmte sich ein Berg Wäsche, den ich eigentlich an dem Abend in die Maschine stecken wollte. Er sah sich die Bilder, Poster und Gemälde an den Wänden an, begutachtete die Möbel und Raumnutzung. Mein Zimmer gefiel ihm, das freute mich. Dennoch war ich wütend darüber, dass er ohne Ankündigung auf der Matte stand und ich nicht einmal Kuchen zu bieten hatte; alle Bäcker unterwegs hatten bereits geschlossen.

Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und aßen Kekse, im Garten wehte die Wäsche an den Wäscheleinen, die Abendsonne schien direkt auf uns. Ich erzählte ihm, was ich an dem Tag alles unternommen hatte, und fragte ihn, weshalb er sich denn nicht eher gemeldet hatte. Wir hätten den Tag sinnvoll nutzen können und er hätte nicht fünf Stunden warten müssen. (Oder mich verfolgen?) Einerseits war es unglaublich, dass er mehr als 300 km hergefahren war um mich zu sehen, andererseits fühlte es sich wie Kontrolle an. Ich war wütend, aber es wäre nicht richtig gewesen, meine Wut auf ihn zu richten; schließlich war er mein Gast, wenn auch unangekündigt. Also sparte ich mir das.

Wir sprachen viel und lange über alles Mögliche und irgendwann kam er zu seinem Punkt und sagte er, er sei gekommen um mir in’s Gesicht zu sagen, dass er meine Art zu leben nicht richtig fände. (Also dass ich auf Männer stehe, an Wohnung, beruflicher Planung und auch sonst an nichts Anderem hatte er nichts auszusetzen.) Das war nichts Neues für mich, ich sagte meine zwei, drei Sätze dazu. Er fragte mich, ob ich glücklich sei. Ich antwortete deutlich mit einem Ja. Er sagte, dass könne nicht stimmen. Und siehe da: Aussage gegen Aussage. Ich zog die Geschworenen heran und bot ihm an: Papa, hinter dieser Glasscheibe in der Küche sind zwei Menschen am Werkeln, die mich bestens kennen, weil sie mit mir zusammen wohnen. Wenn du magst, kannst du sie fragen, ob ich glücklich bin.

Er wollte sie nicht fragen. Nun, dann halt eben nicht. Er wünschte mir, dass ich den richtigen Weg finde. Ich lächelte, denn an dem Wunsch gibt nichts auszusetzen, und bedankte mich.

Wir tranken noch eine Tasse Kaffee und dann wollte er auch schon wieder fortfahren. Ich sah mir die Situation von oben an und musste lächeln, denn wir saßen in einem Paradies, das in Grün und in Ruhe gelegen war und in dem es alles außer Kuchen zum Kaffee gab, und er sagte mir, er fände meine Art zu leben falsch. Das ist doch lustig! Ist das nicht lustig? würde jetzt der kleine Junge in mir fragen.

Ich wollte ihn nicht einfach gehen lassen, also fuhr ich mit ihm auf die Wilhelmshöhe. Wir standen über der Stadt unter dem Herkules und sahen der Sonne beim Untergehen zu. Er sollte sehen, wie schön es in Kassel ist und wie lebenswert. Dann fuhr er mich nach Hause und machte sich auf den Weg.

Wieder in der Wohnung sprach ich mit Philipp und seiner Freundin über dieses Geschehnis. Wir fanden es skurril, aber gut, denn es zeigte deutlich, dass mein Vater sich für mein Leben interessiert und dass da Potenzial ist. Und nun hat er auch die Gewissheit, dass ich nicht unter einer Brücke bei drogenabhängigen Homosexuellen im HIV-Endstadium wohne.

—– —– —– —– —–

Das war an einem Freitag. Am Dienstag darauf wurde ich von Oma, Opa und Onkel, Vater, Mutter und Bruder heimgesucht.

Immerhin angekündigt. Ich konnte aufräumen und alles in Glanz erstrahlen lassen. Es gab wieder eine kleine Führung durch die Wohnung, ein paar Einblicke auf meinen grünen Daumen (die Tomaten!) und kalte Getränke. Als Gastgebergeschenk wurde ich mit Paprikapflanzen und Petersilie, einer Packung “Merci” und etwa einer Tonne an selbst gemachten Backwaren und Gekochtem beehrt.

Kritik gab es fast nur positive, meiner Oma z.B. gefielen vor allem die funktionellen Aspekte (erster Stock, Balkon, Garten), die sonnige Lage und die hohen Decken der Wohnung. (Okay, Oma wollte wissen, wo Mekka ist, damit sie gen Mekka beten kann, aber ich wusste das nicht.) Lediglich meine Mutter sagte etwas, das ich als negativ empfand, und zwar: In der Wohnung sähe es sehr studentisch aus. Ich habe es heruntergeschluckt und habe kein Wort dazu gesagt, denn es gibt einen entscheidenden Grund, weshalb es hier “studentisch” aussieht. Erster Teil: Philipp legt sein Geld in Weltreisen an. Zweiter Teil: Ich wurde finanziell nicht von meinen Eltern unterstützt und musste mir Geld von Freunden leihen, um überhaupt ein Bett, ein Regal und einen Kleiderschrank zu haben. Die Schulden mussten abbezahlt werden, allein schon aus Gewissensgründen, und bei meinem Gehalt als Freiwilligendienstleistender bzw. Auszubildender hat es entsprechend lange gedauert. Seit diesem Monat bin ich endlich schuldenfrei; ich habe eineinhalb Jahre gebraucht. Es war nicht einfach für mich. Aber egal, ich möchte nicht weiter darüber aufregen.

Als wir gerade dabei waren, das Haus zu verlassen und in die Aue zu gehen, kam die Nachbarin mit Philipps Hund vom Gassi gehen zurück. Sie war erstaunt, dass so viele Menschen im Wohnungsflur unterkommen konnten. Ich stellte die Familie der Nachbarin vor und sie sagte: “Sie haben einen sehr freundlichen jungen Mann erzogen, so sollten alle Nachbarn sein. Er ist neben mir der einzige Mensch in diesem Haus, der die Treppen kehrt, und er schaut auch nach mir, ob ich denn tot in der Wohnung liege. Immer freundlich, immer zuvorkommend. Sie können stolz auf ihn sein!” Diese Worte haben den Zorn in mir gelindert und in den Ohren der Familie Vieles bewirkt.

In der Aue waren wir etwa eine Stunde, dann gab es Kaffee und Kuchen in der Orangerie. (Traumhaft für Gäste!) Zum Schluss fuhren wir allesamt zum Herkules. Die Stadt unter uns, zu Füßen quasi; Eindruck vorprogrammiert. Das war’s auch schon, sie fuhren fort.

Dieser Besuch ist sehr gut verlaufen. Ich habe ihnen mein Leben vorgestellt und sie haben es angenommen. Ihnen hat gefallen, was sie gesehen haben, und letztlich haben sich ihre Sorgen und Bedenken aufgelöst. (Wobei man wissen muss, dass nur mein Vater und meine Mutter wissen, dass ich schwul bin, und dass alle Anderen denken, ich sei irre und deshalb aus dem Schoß der Eltern abgehauen.) Ich führe ein anständiges Leben in einer sauberen, grünen und sonnigen Stadt. So können sie mich in Erinnerung behalten. Das finde ich gut.


It get’s better.

1. April 2013

Die Arbeit mit den alten Menschen hat mich unglaublich geduldig gemacht; sie sehen die Welt anders, gelassener als die jungen, weil sie gelernt haben während ihres Lebens, dass man alles gelassen nehmen muss aber bedacht. Sie haben gelernt und verstanden, dass Ruhe die Erlösung ist, die Grundlage zur Lösung einer jeden Aufgabe.

So musst auch du es sehen, so musst auch du es fühlen: alles wird gut, wenn du dafür sorgst. Und das werden wir tun.

It get’s better. Weißt du, als ich von zu Hause abgehauen bin und keine Kraft mehr für nichts hatte, habe ich immer gedacht: it get’s better. Das war das Einzige, an das ich mich geklammert habe und an das ich mich klammern konnte, als ich völlig allein war. Ich hatte nichts Anderes. Und schau’ jetzt: es ist so viel besser, mein Leben. Klar, Probleme gibt es immer, große wie kleine, aber es geht immer weiter, es wird immer besser. Alles im Leben formt uns, wir lernen das Leben. Und stolpern und weinen und stehen auf und lächeln und gehen weiter. Wie wertvoll das ist. Ohne Sorgen hätten die guten Dinge doch keinen Wert. Dadurch erst lernen wir zu leben. Demut ist vielleicht das Wichtigste im Leben.


Tiefblau.

25. März 2013

Ich erfahre, dass du in Kassel bist, du hattest einen Unfall und liegst auf meiner Station. Du bist auf die Fresse gefallen, Nase gebrochen, irgendetwas am Gehirn. Du sollst operiert werden. Ich habe dienstfrei, fahre aber trotzdem zur Arbeit, um dich zu sehen. Ich kleide mich ein und gehe auf Station, lese deine Akte nach und bin auf dem Weg in dein Zimmer, als ich dich im Flur mit deinem Holger und einem Freund sehe. Du sitzt im Rollstuhl. Ich starre dich entsetzt an, dein Gesicht ist zerfetzt und blutig, doch du erkennst mich nicht wieder. Holger blickt mich lange und böse an, bis ich weiter gehe. Ich bin sehr traurig und verlasse das Krankenhaus. Nach ein paar Stunden, es ist bereits Abend, schaue ich wieder nach dir. Du bist mittlerweile auf der Intensivstation, dein Kopf ist in Watte gepackt, nur deine Augen sind frei, sie schauen blau und traurig wie immer. Ich gehe ganz nah an dein Gesicht, mir steigen Tränen in die Augen und dir genauso. Ich glaube, dass du mich erkennst, aber der Zweifel bleibt. Du kannst dich weder rühren, noch bewegen. Ich setze mich neben dich und halte deine Hand, sie ist ganz weich, du hast keinen Druck darin. Du bist gelähmt. Ich weine und lasse dich los. Dabei hätte ich so gerne deine Hand gehalten.

Ich wache auf und schaue aus dem Fenster, weit in das Blau hinein, tiefblau. Was für ein Morgen.


Auf dem Balkon.

20. März 2013

Gestern saß ich nach einer langen Zeit wieder einmal auf dem Balkon und habe an den letzten Sommer gedacht. Auf dem Tisch waren weder Salzstangen, noch Oliven, am Geländer wuchsen keine Tomaten heran und im Garten lag Schnee. Alles war und ist anders, alles nicht Sommer, und dennoch fühlte es sich gestern an, als ob Marc bei mir säße. Dieser kleine Balkon – auf dem man nicht anders kann als zusammen zu rücken – ist wohl auf Ewig mit ihm verbunden.

Ich habe einen Jungen kennengelernt!, sagte ich zur Nacht. Aber warum fällt es mir so schwer, mich in ihn zu verlieben? Ich denke, es liegt an der Dichte und der Intensität, die ich in der Beziehung mit Marc hatte. Eine Beziehung gebaut auf Ferne und einer weitreichenden Lüge, denn Marc hatte einen Partner. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns nur ein paar Mal im Monat sahen, wenige, kostbare Tage, jede Stunde ein Geschenk, jedes Mal ein besonderes Ereignis. Das große Warten und dann das Gehört werden meiner kurzfristigen Wünsche, das Befeuern meiner lächerlichen Hoffnung, dass er eines Tages, ganz bald, auf mich zu gehen würde und seinen langjährigen Partner, den er monatelang belogen hat, für mich verlassen würde. (Ich rede mich schon wieder um Kopf und Kragen.) Mit jedem Ich liebe dich!.. seinerseits gab ich der trügerischen Hoffnung mehr und mehr Platz in meinem Herzen.

Damals Liebe und heute Tumor?, fragte ich die Nacht.

Marc war ein äußerst gefühlvoller, emphatischer Kerl, und wenn es etwas gibt, mit dem man mich ködern kann, dann sind es Gefühle. (Vielleicht, weil ich selbst so bin.) Er war ein schöner, reifer Mann. Nunja, und er war bisher auch der einzige Mensch, mit dem ich meine Musik ohne Zweifel und mit großer Freude teilen konnte. Ich habe mich in seinen Augen und in seinem Herzen verstanden gefühlt, und auch wenn ich heute denke, dass es nur teilweise so war, hat es mich sehr glücklich gemacht damals. (Es: der Gedanke, dass…)

Daniel hingegen ist eher sachlich. Er fühlt seine Umgebung nicht, er analysiert sie nach objektiven Kriterien. Ein hübscher Junge mit farbenfrohen Augen und einer tollen Mundpartie. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Dingen, die ihn zum Lachen bringen. Gefühlsbeladene, eher traurige und melancholische Sachen lassen ihn erst einmal kalt, dabei kann er auch romantisch sein in dem Sinne, was romantisch für mich bedeutet. Meine Musik kann er nicht nachempfinden. Ich denke ganz oft, dass meine Gefühle nicht zu ihm durchdringen. Ich frage mich dann, ob ich nicht genug Gefühl zeige.

Und ich frage mich, ob ich noch zu sehr an Marc hänge, aus welchen hoffnungslosen Gründen nun auch immer. Ob ich zu viel erwarte von einem Jungen meines Alters, ob das normal ist, ob er nicht einfach so gefühlvoll ist und ich verwöhnt und verdorben bin, was diese Sache anbelangt. Kann ich erwarten, dass es so wird wie mit Marc? Ist es nicht würdelos den Freund mit den ExPartnern zu vergleichen? Mache ich etwas falsch oder passen wir nur auf der Oberfläche zusammen? Ich möchte doch so sehr in die Tiefe gehen. Sollte ich es langsamer angehen, wo ich es doch kaum erwarten kann, mich in’s Meer zu stürzen?

Nun, gestern saß ich auf diesem Balkon und habe mich nicht getraut bzw. habe es mir untersagt, Marc zu schreiben, dass ich dort draußen sitze und an ihn denke. Welchen Sinn sollte das haben?, dachte ich. Lass’ ihn in Ruhe, am Ende weinst du wieder.



23:49 Uhr.

7. März 2013

Lieber Abdu,
ich bin bewusst still. Auch an unserem Jahrestag und auch an deinem kommenden Geburtstag. Die synapsen brauchen Zeit. Ich dachte nur deine. Aber auch meine. Ich freue mich wenn Du jemanden gefunden hast. Ich hoffe er ist gut zu Dir und besser als ich es war. ich wünsche dir dass es gut wird. Wenn sommer kommt werde ich gelb tragen und rot hören. wenn sommer kommt werde ich mich immer noch erinnern so wie ich es jeden tag tue. an kassel. an hund und gelb und rot und fahrrad und park und see und lila und wasser. und an sofa ikea kartons transporter lampe bild kuss und jauchzen und weinen und jauchzen und so vieles mehr. ich weine gerade. und wollte das doch nicht mehr. ich möchte dass du nicht mehr weinst sondern glücklich bist. dass er Dir das gibt. du bist ein so guter mensch. besser als ich. viel besser. ich lasse jetzt los. voller gedanken. voller träenen. nichts im vergleich zu deiner trauer. es tut mir so leid.
der mann mit dem weissen ring


06.03.2012.

6. März 2013

Mein lieber Marc,

Es war kurz vor neun als die ersten Blicke fielen, als unser Wunder zu wachsen begann; ich habe es noch glasklar vor Augen. Diesen Anfang werde ich niemals vergessen, und auch wenn es kein schönes Ende nahm, danke ich dir für diese Zeit. Du hast mir sehr geholfen; ich habe viel gelernt von dir und durch dich.

Du bist noch oft in meinen Gedanken, doch es wird weniger werden. Ich bin froh, dass da keine Wut mehr ist, dass die Enttäuschung nachlässt.

Deine Musik trägt mich durch die Tage, mir geht es gut. Ich bin dabei, mich neu zu verlieben; in einen Jungen, wie du ihn mir immer gewünscht hast: in meinem Alter, hübsch und klug. Jemand, mit dem ich eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnte. Mal schauen, was das Leben für mich vorgesehen hat.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, das Wetter zumindest verspricht viel. Ich hoffe, dir geht es gut.

Wohlan, dein kleiner Achdu.


20. Februar 2013

(Nur für die Statistik.)


Heute.

23. Januar 2013

Der Kaffee aus meiner kleinen Espressokanne schmeckte heute ausgesprochen gut. Bus und Bahn waren pünktlich. Zwei Patientinnen bedanken sich für die “liebevolle Pflege der letzten Wochen” mit einer – wie sie es nannten – “kleinen Aufmerksamkeit”, die ich kaum anzunehmen wagte, so hoch war für mich die Summe in dem kleinen Umschlag. Der Herr aus dem Zimmer sieben reichte mir zum Abschied seine Visitenkarte und sagte, dass ich mich unbedingt wegen der Nachttischlampe melden solle, denn er wolle mir dabei helfen, meinen Traum zu verwirklichen. (Er sagte: Ohne diese kleinen, persönlichen Ziele wäre ich niemals 82 geworden. Ich möchte Ihnen dabei helfen, mindestens genauso alt und genauso zufrieden mit sich und Ihrem Leben zu werden! Er war dem Tod mit letzter Kraft entkommen, und auf eine meiner Kennenlernfragen vor zwei Monaten, was er früher in seinem Leben beruflich gemacht habe, antwortete er: Ich habe, und das werde ich nach meiner Entlassung wieder tun, Instrumente gebaut. Vorrangig Orgeln, aber auch Klaviere und Harmonika.) Ich war den Tag über ein klares und helles Kerlchen, die Müdigkeit würdigte mich keines Blickes. Im Bus schleckte mir ein bildschöner Hund die Hand ab. Die Waschmaschine beendete gerade den Schleudergang, als ich durch die Haustür kam. In der ganzen Wohnung roch es nach Waschmittel. Das Abendessen von gestern schmeckte als Nachmittagessen von heute noch viel besser. Bene freute sich sehr über meine Ankündigung, dass ich ab morgen wieder mal im Ländle bin. Im Waschsalon an der Querallee hatte ich plötzlich Herzklopfen beim Anblick der wild und elegant wirbelnden Wäsche in all den Trocknern. Die Brezelfrau am Bahnhof schenkte mir die dritte Brezel, weil ich – wie sie sagte – so schön rote Bäckchen hätte. Die Deutsche Bahn machte wegen der Witterungsverhältnisse aus meinem “20 Euro, dafür vier Stunden Fahrt mit zweimal Umsteigen, ich werde mein Ziel nie erreichen”-Ticket ein ICE-Ticket, mit dem ich schneller und ohne Umstieg fahren konnte. Einer meiner Lieblingsmenschen schrieb mir, dass ich wunderbar sei. Im Ruheabteil war es tatsächlich ruhig. Am Zielbahnhof überkam mich eine schier unerträgliche Schmerzwelle, weil die erloschene Liebe zum Greifen nah und doch so weit in der Ferne lag. Die Umarmung meines Vaters war ehrlich und tröstlich. Die Katzen meiner Mutter sind nicht mehr nur Sohnersatz, sondern ein richtiger Teil der Familie geworden. Die kleine Katze schnurrte mich in den Schlaf. In der Nacht träumte ich von düsteren Feldern und allzu bekannten Gesichtern, die ich vor langer Zeit schon vergessen glaubte.


Untitled.

16. Januar 2013

Es ist so leicht für mich, dich zu lieben, dass es mir Angst macht. Ich war nie besonders gut in irgendetwas, aber ich habe ja auch noch nie etwas so sehr gewollt wie dich zu halten, sobald du wach bist, und in jeder Nacht, während ich schlafe. Die Frage lautet nicht mehr: Wie nur kann ich dich lieben?! Sie lautet nun: Wie nur würde ich jemals damit aufhören können?

(Es begann des Nachts, und so begann es auch zu enden: Momentaufnahme.)


Geduldsspiel.

4. Januar 2013

Großeinkauf bei ALDI in der Innenstadt, der Wagen ist bis oben hin voll. Endlich bin ich an der Reihe und packe mein Zeug sowie den Pfandbon auf das Band, alles wird schön eingescannt. Mangels Bargeld möchte ich mit Karte zahlen, das Gerät aber sagt: Karte verfallen, denn seit drei Tagen ist 2013. Ist mir in dem Moment sehr peinlich. Ich lasse meine Einkäufe hinter der Kasse stehen und verspreche der Kassiererin, dass ich wieder komme. Ich fahre mit dem Bus nach Hause, tausche alte gegen neue Karte aus, hänge schnell noch die Wäsche auf, führe im Treppenhaus ein Gespräch mit der Nachbarin und fahre mit dem Bus wieder in die Stadt. Im ALDI angekommen gehe ich direkt zur Kassiererin, die mich verwundert ansieht und sagt, ich solle kurz warten, bis sie fertig mit dem aktuellen Kunden ist, danach sei die Kasse geschlossen. Der Kunde ist fort, ich bin an der Reihe. Die Kassiererin versucht den Bon über meine Einkäufe zu stornieren, das klappt aber nicht. Sie klingelt und eine Frau in blau kommt angelaufen und sagt, ich solle mit zu einer anderen Kasse und meine Einkäufe dort noch einmal auf das Band legen. Auch sie versucht den Bon von vor einer Stunde zu stornieren. Sie vermutet, dass einer Stornierung wohl deshalb nicht statt gegeben wird, weil Pfand auf dem Bon ist. Weitere Kunden haben bereits hinter mir eine Schlange gebildet. Sie klingelt und ein großer Mann im Anzug kommt angelaufen und sagt, ich solle die Sachen wieder in den Wagen packen und warten, er müsse jetzt an einer anderen Kasse Diebstahl aufklären. Ich packe mein Zeug ein und stelle mich in eine Ecke und beobachte mit der Frau in blau, wie der Mann ein wirklich sehr verdächtig aussehendes Ehepaar beim Klauen ertappt. Die Frau in blau sagt, dass es nun noch länger dauern würde. Ich sage: Kein Problem, ich habe Zeit. Frau in blau und Mann im Anzug verschwinden mit dem Junkie-Ehepaar im Laden. Ich lächle die Kassiererin an, sie sagt: Heute ist wirklich alles verrückt! Wenige Minuten später kommt die Polizei und verschwindet auch im Laden. In der Schlange steht nun ein Junge meines Alters, verdammt sieht er freundlich aus! Moment, den habe ich mal im Bus gesehen; er ist mir damals schon aufgefallen. Auch er versucht zu bezahlen, jedoch: Karte verfallen. Die Kassiererin lacht und sagt: Kann doch nicht wahr sein! Das hatten wir noch nie! Ich lache ebenfalls, aus anderen Gründen, aber leider hat der Junge genug Bargeld bei sich und muss nicht mit mir in der Ecke warten. Wir werden keine Freunde und ich sehe wieder einen Menschen davon ziehen, den ich gerne kennengelernt hätte. Kurz darauf kommt die Frau in blau und versucht noch einmal den Bon zu stornieren, klappt auch diesmal nicht. Ich schlage vor, Bargeld zu holen, damit die Differenz in der Kasse ausgeglichen ist. Beide Frauen fassen sich an die Stirn. Ich gehe zur Bank und laufe zurück zum ALDI und möchte bezahlen, jedoch ist der Kassenzettel nicht aufzufinden und noch einmal alles auf das Band zu legen würde die Differenz nicht ausgleichen. Die Kassiererin klingelt und die Frau in blau kommt angelaufen und sagt eine Summe. Ich bezahle und bedanke mich für die Umstände und die Frau in blau sagt, dass sei gut so gewesen, denn nun könnten sie einen Fehler im Kassensystem melden. Die Kassiererin lächelt mich an: “Hätte nicht gedacht, dass Sie wieder kommen. Die meisten Leute lassen ihre Einkäufe stehen und wir dürfen das alles dann wieder einräumen. Aber so sehen Sie auch nicht aus.” Ich bedanke mich: “Freut mich, dass ich nicht so aussehe. Ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, noch einmal einkaufen zu gehen, aber ich wollte auch nicht, dass irgendwer die Sachen wieder einräumen muss.” Wir lächeln uns an.

Im Nachhinein bewundere ich meine Geduld in der ganzen Sache. Ich habe über eine halbe Stunde in einer Ecke gewartet und war weder frustriert noch wütend darüber, im Gegenteil: es hatte sogar etwas Beruhigendes, die Menschen und ihre Einkäufe an mir vorbei rauschen zu sehen, zudem hatte mein Abend mal einen anderen Inhalt. Sicherlich hat es mir gut getan, nicht den immer gleichen Gedanken in meinem Kopf nachzuhängen, sondern einfach mal die Umgebung zu beobachten.

Vermutlich hätten Freunde den selben Effekt.


Dinge tun.

2. Januar 2013

Ich verbringe wesentlich mehr Zeit damit, mir Dinge auszumalen, als dass ich mich dafür entscheiden würde, sie zu tun. So verhält es sich mit dem Lesen und Schreiben, mit Hobbys und Freunden. Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, dass ich mich mit der Vorstellung einer Handlung zufrieden gebe, zumindest für kurze Zeit; danach stellt sich erwartungsgemäß ein Gefühl der Unzufriedenheit ein.

Folglich muss es wohl an diesem Verhalten liegen, dass ich mich seit beinahe einem Jahr “dumpf” fühle; vergleichbar mit dem Gefühl, trotz Sehschwäche keine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen. Im Nachhinein frustriert mich dieses Verhalten immer, nur leider merke ich noch nicht, welch dumpfer Prozess in meinem Köpfchen abläuft, während ich mich gegen eine Aktivität entscheide, die mir gut tun oder die ich gerne tun würde. Ein gutes Buch lesen, in Ruhe einen Text schreiben, etwas mit Freunden unternehmen – eigentlich spricht nichts dagegen. Es ist auch nicht so, dass ich still stehen und mein hart erkämpftes Leben nicht genießen könnte; mir fehlt es sicher nicht an Antrieb oder Kraft. Vielleicht sind es auch die Sorgen, die ich hatte und habe – Geldmangel, Zukunftsängste, Liebeskummer –, die mir das Gefühl geben, ein dumpfes Kerlchen zu sein. Ich möchte so nicht sein, ich will das ändern. Ein guter Freund gab mir den Rat, mir darüber nicht so sehr den Kopf zu zerbrechen. Wenn mir danach sei, dann würde ich schon ein Buch lesen, mich an das Programmieren heran trauen, Freunde treffen.

Seit geraumer Zeit habe ich den Wunsch, eine kleine Nachttischlampe zu bauen. Der Wunsch kocht immer mal wieder auf und verschwindet dann, weil ich ihn mir aus diversen Gründen (sprich: Ausreden) nicht erfülle. Gustav zum Beispiel hat letzten Sommer einen Tisch gebaut, als er bei seinen Großeltern war. Mittels Photo Stream konnte ich die Entstehung des Tisches mitverfolgen, und ich bewundere heute noch die Zielstrebigkeit, mit der er sich von der Idee über tausend Skizzen bis zum fertigen Produkt durchgehangelt hat. Das habe ich mir als Vorbild genommen und der offenen Werkstatt in meiner Stadt eine Mail geschrieben, ob es denn möglich sei, dass ich dort an einem Projekt arbeiten könnte.

Mal sehen, was daraus wird. Es wäre schön, wenn ich es schaffen könnte, mir einen kleinen Wunsch zu erfüllen. Die Erfüllung der großen Wünsche sehe ich noch nicht kommen, und ein bisschen Zufriedenheit und Durchhaltevermögen würde mir ganz gut tun. Es liegt allein in meiner Hand, ob ich mich mit der Situation zufrieden gebe oder nicht, und ebenso kann nur ich etwas daran ändern.


Ein Traum.

15. Dezember 2012

Geträumt, dass bulgarische Flüchtlinge an meinem Fenster stünden. Sie waren allesamt schmutzig und hatten eher dunkle Haut, doch ihre Augen waren hell, klar und ehrlich. Sie bettelten nach Geld, doch ich hatte nur Schmerzmittel in meinen vier Wänden. Das reichte ich ihnen, daraufhin zogen die Erwachsenen fort und zwei Kinder blieben übrig, sie weinten bitterlich und sahen sehr traurig aus. Sie sahen zu mir auf und kletterten durch das Fenster in mein Zimmer, schutzsuchend vor der Kälte, denn ihre Kleidung war sehr dünn, fast wie Papier. Sie sind in mein Zimmer eingedrungen und beschmutzen nun mein Bett, dachte ich, aber weinende Kinder wollte ich nicht von mir stoßen. Mein Mitbewohner war zu Hause und ich rief ihn zu mir, weil mich die Situation überforderte. Am Ende könnten das organisierte Kriminelle sein, dachte ich. Zusammen trösteten wir die Kinder und sagten ihnen, dass die Welt schlecht und kalt sei. Ich gewann langsam Vertrauen in die Sache und streichelte dem Jungen das Köpfchen, während ich gerührt meinem Mitbewohner dabei zusah, wie er dem kleinen Mädchen die Tränen aus den Augen fischte. Kurz darauf halfen wir den Kindern wieder aus dem Fenster nach draußen, anscheinend fehlte es ihnen nur an Zuwendung. Noch am selben Tag kamen die Vermieter in die Wohnung und sagten, dass wir nun weniger Miete zu zahlen hätten.


Melone.

5. November 2012

Ich schreibe ihm: “Die Melone hätte dir sicher geschmeckt. Reif, nicht zu süß, genau wie sie sein sollte.”

Ich schreibe ihm nicht: Mit dir hätte sie noch besser geschmeckt. Mit dir hätte auch das Abendessen besser geschmeckt, dein Rezept, der Wein, den du mal mitgebracht hast. Der Tag wäre – wie jeder Tag mit dir – ein Tag gewesen, an den ich mich gerne erinnert hätte, er wäre gut gewesen und alle schlechten Nachrichten hätten ihre Schwere verloren. Ich hätte in deine Augen gesehen und gewusst: das Leben ist seltenseltsamschön. Mit dir an meiner Seite wäre kein Platz für die scheinbar allgegenwärtige Traurigkeit gewesen, ich hätte nicht wieder und wieder die selben Musikstücke gehört, die mich mit jedem Mal noch trauriger machen, weil sie mich an dich und mich und an all die Träume in der Wolke über meinem Zimmer erinnern. Wir hätten uns stattdessen jene wunderbare Musik vorgespielt – handverlesen und voller Liebe – und hätten Geschichten dazu erzählt. Ich hätte in deinen Armen gelegen und wäre nicht alleine eingeschlafen, nicht noch eine einsame Nacht voller Träume, die ich nicht verstehen kann. Ich hätte dich wachgeküsst und wäre nicht mit der schmerzenden Angst aufgewacht, dich im Herzen zu verlieren, nach und nach. Mit dir hätte ich gelächelt, wäre schön und glücklich gewesen. Du auch, du auch, du auch, du auch, auch du.

Ich schreibe ihm: “Du hast alles hier vergessen. Die Melone, den Joghurt, die Joghurtmilch, dich.”


19:41.

30. Oktober 2012

Wir sind in einem Kaufhaus. Die Jacken und Mäntel, die er mir zum Anprobieren ausgesucht hat, sind zu groß oder zu lang für meinen zierlichen Körper, und auch die Verkäuferin konnte mir kein passendes Kleidungsstück reichen. Ich probiere einen Mantel an, den ich selbst ausgesucht habe und von dem ich glaube, dass er zu mir passen könnte. “Wow, steht dir wirklich gut!”, sagt er. “Hätte ich jetzt nicht gedacht.” Die Verkäuferin mustert mich und sagt schließlich: “Steht ihm ausgezeichnet! Da sieht man mal wieder: Kinder haben meistens einen anderen Geschmack als die Eltern.” Ich blicke ihn an und wir müssen beide plötzlich lachen. Ich kann ihm aber nur kurz in die Augen sehen; ich schaue zu Boden, bin verlegen und traurig über diesen Moment, doch ich lächle, um es zu überspielen.

Im Laufe des Tages lachen wir mehrmals über diese Situation, denn er ist nicht mein Vater, er ist mein Freund. “Dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. Aber du könntest natürlich mein Adoptivkind sein, oder ich dein Stiefvater.” Er macht kurz Pause und sagt leise: “So jemanden suchst du doch auch, nicht wahr?” – “Einen Daddy? Nein, also das wäre nichts für mich…” – “Das meinte ich nicht. Jemanden, der sich um dich kümmert.” – “Ah, ich verstehe. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern, aber es wäre schön, wenn da jemand wäre. Jemand, der ‘da’ ist für mich, der Vertrauen, Sicherheit und vor allem Ruhe ausstrahlt, alles andere ist variabel. Ich mache das nicht am Alter fest, nur scheint es niemanden in meinem Alter zu geben, der das bieten kann… Es ist auch unmöglich, all das mit zwanzig schon zu haben. Muss man sich ja erst aufbauen, indem man reifer wird.”

Der Tag verstreicht, die negativen Gefühle der letzten Wochen spielen nur noch eine Nebenrolle, wir werden wieder zärtlicher zueinander, doch immer noch können wir uns nicht küssen. Nach einem unerwartet schönen Abend sitzt er am Rand meines Bettes. Wir sprechen über unsere Beziehung und ob und wie es weitergehen sollte, inwiefern es überhaupt weitergehen kann mit uns. Ich frage ihn: “Du hast einmal gesagt, selbst wenn es deinen Partner nicht geben würde, wäre ich nicht die zweite Wahl. Was bedeutet das?” Er atmet tief ein und sagt mit brüchiger Stimme: “Du wirst die Antwort nicht verstehen, aber bitte glaube mir, ich kenne sie.” – “Bitte sag’ sie mir trotzdem.” Er sieht lange zu Boden, Tränen laufen ihm über das Gesicht. “Weil du gehen wirst.” – “Nein, ich…” – “Ich weiß, das ist wieder so ein blöder Satz, aber du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Ich habe es selbst erlebt. Du bist noch so jung, gerade erst in’s Berufsleben eingestiegen; wenn du nur wüsstest, was das mit einem macht! Du hast noch so viel vor dir, ein ganzes Leben! Vor zwanzig Jahren war ich ein vollkommen anderer Mensch. Ich bin so froh, diese ganze Scheiße nicht noch einmal durchmachen zu müssen, dieses ganze Leid.” Ich höre zu, kann nichts antworten. Nach einer kurzen Pause sagt er leise: “Schau’ mal, die Sache heute im Kaufhaus: so würde es immer sein. Hat mich so sehr getroffen, dass ich in dem Moment überlegt habe zu gehen. Stattdessen habe ich versucht es mit Humor zu nehmen.” – “Ich weiß, wir haben so sehr darüber gelacht, weil es so tragisch war. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Es tut mir so leid.” Ich drücke ihn an meine Brust und streichle ihm über den Kopf, wir weinen beide. Im Hintergrund läuft Die Nacht, sein zweites von insgesamt sieben Mixtapes für mich. Ich atme in seinen Nacken und spüre seinen Herzschlag. Ich flüstere die drei Worte in sein Ohr, die ich ihm seit Wochen nicht schreiben konnte, und sage: “Du bist so perfekt. Ich werde nie wieder jemanden treffen, der so ist wie du. Es ist unmöglich.” Er schaut auf zu mir, die Augen gerötet. Ich werde niemals jemanden treffen, der solch blaue Augen hat, denke ich, mit weißen Ringen darin, von denen du sagst, ich hätte sie entdeckt. Alle nach dir werden sich an dir messen müssen, du wirst unerreichbar sein, weil du genau das für mich bist. Er antwortet: “Ja, du hast leider Recht. Du wirst viele Menschen kennenlernen, aber niemals jemanden wie mich. Ich weiß es doch selbst. Noch heute, zwanzig Jahre später, tut es weh, wenn ich meiner ersten großen Liebe begegne. Du weißt, vor drei Wochen habe ich ihn getroffen, nach Jahren wieder. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen… Ich verstehe dich und ich weiß: alles, was ich sage, macht es weder einfacher, noch besser für dich. Es hilft nicht weiter. Nicht dir, nicht mir. Du wirst es verstehen, wenn du so alt bist wie ich.”

In der Nacht küssen wir uns, wie habe ich seine Lippen vermisst, wir lächeln uns an. Ich flüstere, die Trauer auf meinen Lippen: “Ich habe die Liebe meines Lebens verloren, aber nicht dich.” Ich schlafe in seinen Armen ein und träume von einem Kaufhaus, in dem es anscheinend alles zu haben gibt, was ich mir wünsche. Ich schaue mich um und erkenne viele Träume und Ziele wieder, doch was ich mir am meisten wünsche gibt es dort nicht. Ich verlasse den Laden mit leeren Händen.

Jim Croce: Photographs And Memories.


Ist mir wichtig.

26. September 2012

Das Konzert ist vorbei, der Abend war großartig, die Nacht voller Worte und Zuneigung; jetzt putzen wir uns die Zähne. Das haben wir noch nie gemacht, du und ich. Ich sage: “Bei Menschen, die mir egal sind, traue ich mich eher, sie Dinge zu fragen, die zu nah gehen könnten, denn ich habe nichts zu verlieren. Bei Menschen, die mir wichtig sind, muss ich mich sehr überwinden, denn hier habe ich viel zu verlieren; gleichzeitig gewinne ich dazu.” Und ich traue mich und frage dich: Wollen wir heute in einem Bett schlafen?

Ich habe dich in den Schlaf gefaselt, das merke ich an deiner Atmung und darüber muss ich lachen. Ich liege noch lange wach, kann nicht einschlafen, so viele Gedanken in meinem Kopf, so viele Sätze und Sorgen. Aber es ist schön, neben dir zu liegen und zu wissen: Das ist die engste Freundschaft, die es geben kann. Vertrauen und Geborgenheit, Spaß und Tiefe, alles ist da. Wir liegen hier beide nackt und es ist kein Problem, nicht anzüglich, nicht sexuell. Wir schlafen in einem Bett, wie es am gemütlichsten ist.

In der Nacht habe einen Traum. Mein Onkel schlägt mich mit meinem Gürtel, dem aus Stoff mit dem Metallende. Ich sehe aus der Extrospektive wie ich geschlagen werde und kann meine Gedanken hören. Es tut mir im Traum nicht weh, ich höre mich denken: “Es hört bald auf und dann ist sein Frust fort und er glaubt, mir weh getan zu haben. Gleich ist es vorbei, gleich ist es vorbei.” Dann wache ich auf, bin total erschrocken, aufgewühlt und verschwitzt. Ich weine ein wenig, bis ich begreife, wo ich bin: neben dir. Das schlechte Gefühl ist sofort weg, ich höre auf zu weinen. Ich weiß, ich bin sicher. Hier kann mir nichts passieren.

Manchmal habe ich ein Gefühl, ich nenne es meine kleine Schachtel. Das kommt immer dann zu mir, wenn ich mich sehr sicher und geborgen fühle; wie in Watte gepackt. Ich mag die Vorstellung, dass ich in einem weich gefütterten Sarg liege; und jetzt musst du sicher lachen, denn genau so fühle ich mich, wenn ich neben dir liege. Danke, mein Marcus.


Der Vollständigkeit halber.

26. August 2012

(Sonst fehlt mir etwas.)


Ich bin in deinem Kopf.

31. Juli 2012

Ja, du wohnst dort. Penthouse. Dein Coupé parkst du in der Garage, steigst in den Aufzug und fährst nach oben. Am Herzen machst du Halt und küsst mich, dann fährst du weiter und streichelst meine Seele. Im Köpfchen angekommen, lächelst du zufrieden. Die Aussicht gefällt dir. Du flüsterst: Ich liebe dich.


Festhalten und leben.

20. Juni 2012

Heute hatte ich den bisher anrührendsten Moment meines Lebens.

Einer Frau ist in der 24. Schwangerschaftswoche die Fruchtblase geplatzt, Kind muss per Not-Kaiserschnitt gerettet werden. Der Fötus ist so groß wie meine Hand; der Junge ist so winzig klein, ich habe so etwas noch nie gesehen. Bei derartigen Eingriffen ist keine Zeit für eine anständige Narkose da, zu kurz ist die Spanne zwischen Leben und Tod. Der Kaiserschnitt wird bei fast vollem Bewusstsein und Schmerzempfinden der Frau durchgeführt. Ich höre die Frau im OP-Saal wimmern, während im Nebensaal, in dem auch ich mich befinde, versucht wird, das kleine Wesen am Leben zu halten. Erst sieht die Lage sehr schlecht aus, der winzige Junge will oder kann nicht atmen, seine Lunge scheint nur teilweise entwickelt zu sein. Dann steigt der Sauerstoffwert im Blut langsam an, die bläuliche Färbung geht zurück, das Kind hat wieder mehr Rot als Blau auf der Haut. Nach der Intubation wird es von einer Maschine beatmet und bekommt vom Arzt sogenanntes Surfactant, das die Entwicklung der Lunge unterstützen soll. Als die Lage stabil und das Team entspannter ist, wage ich mich in die Nähe des Kleinen, bisher habe ich nur zugesehen. Ich schaue mir ganz genau die Haut an, erkenne fast unsichtbare Härchen; die Finger und Zehen sind beinahe durchsichtig, die Knochen und Knorpel trüb, aber nicht einmal im Ansatz weiß; der Schädel ist weich und wie aus Gummi, leichter Flaum. Ich bekomme ein Mützchen gereicht, dieses ziehe ich sehr vorsichtig über den Kopf des Jungen. Ich reiche ihm anschließend meinen kleinen Finger, er bewegt seine eigenen schon ganz fleißig, und plötzlich hat er meinen Finger fest in seiner klitzekleinen Hand; nun, so fest, wie es ein Fötus in der 24. Woche eben kann. Dieser Moment rührt mich sehr, dieser Junge hält sich fest an mir.

Der Junge kommt auf die Intensivstation, die Mutter in den Aufwachraum. Erst hier bekommt sie schmerzausschaltende und entspannende Substanzen. Sie weint leise vor sich hin, bald wird sie nicht mehr weinen und danach wird sie schlafen. Ich warte den richtigen Moment ab, der Anästhesist ist fertig und zeichnet irgendwelche Werte auf. Ich beuge mich vor zu ihr, nehme meinen ganzen Mut zusammen und sage: “Ihr Junge hat sich an diesem Finger festgehalten, sehen Sie mal!” Sie blickt auf meinen kleinen Finger, den ich hochstecke, weint noch immer. “Er hat sich am Leben festgehalten.” Ich streiche ihr mit dem kleinen Finger Tränen aus dem Augenwinkel, die Narkose wirkt bereits, sie wimmert nur noch. Ich streichle sie so lange, bis sie eingeschlafen ist. Dann kommen mir selbst die Tränen.

Der Anästhesist legt seine Hände auf meine Schultern und flüstert: “Das hast du schön gesagt.” Ich lächle und wische mir Tränen aus den Augen.


Momentaufnahme.

27. Mai 2012

Mein Kopf lehnt an seiner Schulter, sein Kopf lehnt an meiner. Ich weine vor Rührung und er flüstert meinen Namen, wir halten uns. Ich glaube er weint auch. Er streicht mir durch das Haar, ich über seinen Rücken. Wir halten uns und lassen nicht mehr los. Das ist Liebe, das ist Glück.


Amsterdam.

27. April 2012

Zusammen mit anderen Freiwilligendienstleistenden bin ich für eine Woche nach Amsterdam gefahren. Die Stadt hat mir äußerst gut gefallen: klein, dicht bevölkert, großes Angebot an Kunst und Kultur. Die Grachten und diese seltsam-schief aneinander gereihten, niedlichen Häuser, das viele Grün und die Fahrräder überall, die Beleuchtung bei Nacht: wunderschön. Eine durch und durch tolle Stadt, die man gesehen haben sollte.

Am Montag, dem Tag der Anreise, habe ich morgens noch überlegt, ob ich nicht einfach im Bett liegen bleiben und mich später krank melden soll, nachdem der Reisebus auf jeden Fall schon unterwegs ist. Ich wusste genau, was mich erwarten würde: eine Woche unter mehr oder minder Gleichaltrigen, für die ich unsichtbar bin und mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation war größer als die Freude auf eine erlebnisreiche Woche in einer Weltstadt. Ich wollte viel lieber arbeiten. Das alte Nähe/Distanz-Problem. Doch wie es bei mir immer so ist, bin ich letztlich doch aufgestanden, denn das Auslandsdatenpaket war schon gebucht und der Koffer bereits gepackt, und auf Ausräumen und Stornieren hatte ich keine Lust. Form follows function.

Nun saßen wir also im Reisebus und fuhren nach Amsterdam. (Etwa 150 Personen, zwei Reisebusse.) Dort angekommen hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr auf die anderen Mitreisenden. Immerhin durfte ich mir die Menschen aussuchen, mit denen ich mein Zimmer teilen sollte; das war gut. Als Gruppe von etwa zwanzig Personen, die ich alle nicht kannte, haben wir uns am späten Nachmittag aufgemacht und die Stadt erkundet, sprich: die Anderen haben einen Supermarkt gesucht, in dem man Alkohol kaufen konnte, und danach einen Coffeeshop, in dem man Zeug rauchen konnte. “Na super…”, dachte ich und habe mich aus dem Staub gemacht, um allein die Stadt kennenzulernen.

Ich bin durch die Straßen Amsterdams gelaufen, über die vielen Brücken und Grachten und habe mich genau umgesehen. Überall tolle Architektur, an jeder Ecke etwas, das ich interessant oder schön anzusehen fand. Und dann wurde es auch schon dunkel, und ich wurde melancholisch.

Ich habe viel über unglückliche Dinge und über mich nachgedacht, als ich alleine durch die Nacht ging, meinen ganz eigenen Stadtrundgang im Dunkeln machte. Ich wollte nicht mit den Anderen sein, ich wollte mir die Reise nicht mit Alkohol und Drogen verderben, doch allein sein wollte ich auch nicht. Also machte ich mir Gedanken. Ich habe an meine gescheiterte Beziehung gedacht, ich dachte an Freunde, die mir nach wie vor fehlen, an meine Eltern, die mir fern sind, an die Familie, die mir immer fremder wird. Ich dachte daran, wie ich mir alles anders vorgestellt hatte. Und zu guter Letzt dachte ich, dass ich einsam bin, dass ich niemanden habe, der mich begleitet auf meinem Weg. Ich stand allein auf einer Brücke über der Amstel, der Wind war kalt, das Wasser unter mir rauschte nur so vorbei. Ich sah den Fluss hinauf und hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als in der Ferne ein Schiff aufleuchtete, in schillernden Farben, ganz bunt. Es kam immer näher auf mich zu, es war farbenfroh und irgendwie niedlich, weil es bei näherer Betrachtung doch nicht so groß zu sein schien wie ich vermutet hatte. Es fuhr vorbei und nahm all meine dunklen Gedanken mit sich. Und zurück blieb etwas wie Glück in meinem Herzen, eine tiefe Zufriedenheit, ein starkes Selbstbewusstsein. Fortan dachte ich an die guten Dinge in meinem Leben, an den Mann, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, an seine Augen, seine starke Seele. An die vielen Menschen, die bei mir sind, auch wenn ich sie nicht oder selten sehe. Ich dachte an das vergangene Wochenende, den Geburtstag meines Vaters und meinen Überraschungsbesuch, den Abschied am Bahnhof, das Herzklopfen in Stuttgart, die Umarmung in Frankfurt, das Gewitter auf dem Maintower, das ich mit einem besonderen Menschen erleben durfte, hautnah. Ich dachte an meinen Lieblingsmitbewohner und seine Freundin, an die verkuppelten Fahrräder vor dem Fenster, an die Kinder, an meine Eltern, die mich lieben, an meine teuren Freunde, die da sind für mich, die mich anrufen, anschreiben, sich mit mir treffen, mit mir reden. Ich dachte an mich und welch’ Glück ich doch habe, und dass ich glücklich sein sollte. Und ich war es, ich war glücklich auf dieser Brücke, in dieser Nacht, in der ich mich einsam fühlte. Ich ging durch Amsterdam und lächelte. Ich bin allein gewesen, aber ganz sicher nicht einsam. Ich habe Liebe im Herzen, Träume für die Zukunft, Ziele in Nah und Fern. Ich bin nicht einsam, ich bin höchstens etwas verwirrt und gerade dabei, erwachsen zu werden. Alles gut.

Morgen mehr.


Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

“Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.”

“Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.” — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

“Das Tolle an ihm ist…”, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, “…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!”

“Ich sehe das in deinen Augen”, sagt er. “Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.”

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes’ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: “Du bist immer freundlich und du bist immer nett.” Ich widerspreche und er sagt: “Nein, gar nicht! Red’ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.”

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

“Ich kenne diesen Blick”, sagt er. “Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.” Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

“Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben”, sagt mein Großvater. “Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!”, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: “Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.” Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

“Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.”

20120408-024930.jpg “So schön. Und doch so traurig.”


Liebe Mutter.

6. April 2012

Anneciğim, daha kaç kere söylemem lazım, BEN ATEİST DEĞİLİM diye? Ne zaman bunu anlayacaksınız? Ne söylesem zaten inanmıyorsunuz. Yok ki güven, kalmadı bitti. Önceden de yoktu ki. Bir azıcık olsun sevinin benim için. “Zorunu seçti, ama ne olursa olsun gidiyor kendi yolunu” diye. Bir kere görün, hiç kolay olmadığını benim için, inadıma yılkılmadığımı, güçlü olmaya çalıştığımı, hayatın zoruna katlandığımı. Bıktım şu ateş, ölüm, korku dolu mesajlardan. Bir kere olsun siz yazın bana, başkaların yazdığını göndermeyin. Yeter artık. Korku ile hiç bir yere varılmaz. Kıyamet, günah, cehennem, beni bunlar ilgilendirmiyor. Ben hayatımı doğru ve dürüst yaşamaya çalışıyorum, en iyisini, en güzelini yapmaya çalışıyorum. Kime zararım var benim? Boş yere üzülüyorsunuz. Ama insan dediğin böyle işte: bir gün gülüyor, uç gün ağlıyor. Hep kötüyü görüyor, hep siyahi. Bazı şeyleri farklı görüyorum, bazı şeylere farklı inanıyorum diye ateist yapıyorsunuz beni. Kendi kendinize keder. Bunu iyice bir düşünün. İyi geceler.


Des Nachts.

31. März 2012

Gestern Nacht habe ich die ganze Zeit an dich gedacht. “Wie wäre es, wenn er plötzlich da wäre?” Mein Herz ist stehen geblieben, so schnell schlug es, Schlag auf Schlag. Meine Hände sind erstarrt, als ich an das Gefühl deiner Haut dachte. Wie sehr ich es gewollt habe, wie ein Wahnsinniger, wie sehr ich deine Wärme fühlen wollte, deine Augen, deinen Blick. Dein Atmen. Oh komm’ und hab’ mich lieb. Umarme mich, ich vermisse deine Hände, deine Haut, deinen Geruch und Geschmack. Komm’, umarme mich, ich will dich bei mir haben. Ich weiß nicht wieso und weshalb, aber ich vermisse dich. So sehr, das kenne ich gar nicht von mir. Ich wusste bisher nicht, dass ich das kann. Ich will dich so sehr halten und fühlen und umarmen. Das ist keine Vorstellung mehr, ich kann es nicht mehr leugnen: Ich liebe dich, falls du möchtest. Wirklich möchtest. Komm’ zu mir, komm’ her. Dein Geruch an meiner Haut, in der Wohnung, deine Stimme in den Wänden, dein Herzschlag an mir. Komm’ und geh’ wie du möchtest, du bist willkommen. Immer. Ich bin da. Ich höre dir zu und ich sehe dir gerne zu, wenn du mir zuhörst. Ich bin da, bin da für dich. Für dich und was du heute schreiben wolltest. Was du gefühlt hast, was auch immer dich berührt hat. Ich bin da.


Mitbewohnerhund.

23. Februar 2012

Der Hund meines Mitbewohners schnüffelt an meinen Beinen und steigt dann auf mein Bett und schnüffelt an meiner Decke und an meinem Seitenkissen. Er schaut mich lange mit einem herzerweichenden Hundeblick an und macht es sich rechts von mir gemütlich. Er sucht nach der besten Liegeposition, rückt näher an mich heran und legt den Kopf so, dass er mit seiner feuchten Nase meinen linken Arm berührt. Ich spüre jeden seiner sanften Atemzüge auf meiner Haut. Er sieht mich an und hebt schließlich den Kopf und leckt meine Arme und Hände ab, als wolle er damit ausdrücken, dass es wieder besser wird. Ich bewundere das Timing und frage mich, was der Hund neben mir fühlt und woher er weiß, dass ich gerade sehr traurig bin. Ich bewundere das Feingefühl und die Gründlichkeit, mit der er seine Zunge über meine Haut gleiten lässt, ganz sanft und langsam. Und gleichzeitig bestaune ich die Ruhe, die er in mir auslöst; eine sehr angenehme, friedliche Ruhe. Das ist Balsam für meine Wunden.

Nach etwa einer Minute senkt der Hund seinen Kopf und legt ihn wieder so, dass er mit seiner Nase meinen Arm berühren kann. Er sieht mich wieder lange an, und atmet dann mit einem Mal so tief und voller Friedlichkeit aus, dass ich ergriffen von dem Gefühl auf meiner Haut und in meinem Herzen erstarre.

Glück liegt manchen Lebewesen auf der Zunge, denke ich.


Kein Verrückter, nein.

1. Januar 2012

Ich weiß nicht, was sie meiner Großmutter erzählt haben, aber es macht mich wütend, dass Oma schluchzend zum Abschied sagte, sie trauere um mich. Ich sei doch gar kein Verrückter, nein. Ein anständiger Sohn sei ich, schon immer gewesen, einer der guten Menschen, der richtigen und guten.

Wäre in diesem Moment nicht mein Onkel gekommen, hätte er nicht gesagt Weshalb sollte der Junge wieder kommen, wenn ihr ihn jedes Mal so verabschiedet?, hätte auch ich geweint. Nicht, weil ich traurig bin oder etwas bereue, vielmehr aus Wut und Verzweiflung; weil ich nicht weiß, wie ich die Tränen all jener verhindern kann, die mir etwas bedeuten. Dabei kenne ich das Problem, ich weiß, dass jeder in der Kultur meiner Familie, der seinen eigenen Weg gehen möchte, als verrückt oder bösartig abgestempelt wird. Letztendlich, nach all den Monaten meines Outings, bin ich wie zuvor der Verlierer, der fremde und schlechte Sohn, weil ich mache, was ich möchte. Weil ich mich keinen Regeln unterwerfe, die andere entworfen und für richtig erklärt haben, und weil ich die Erwartungen nicht erfülle. Ich gehe meinen eigenen Weg, mache also das, was sich im Grunde alle Eltern von ihren Kindern wünschen, und dennoch werde ich dafür verurteilt.

Tatsächlich frage ich mich, ob ich noch einmal zu meiner Oma fahren möchte, wenn das Ende immer gleich ist, so schön die zwei Tage dort auch waren. Mit meinen Eltern ist es ja nicht anders, nur dass ich dort schon während meines Aufenthalts mit unerfüllten Erwartungen, Krankheit und Selbstsucht beschuldigt werde. Ich frage mich, ob es gut für mich ist, dass ich auf dem Rückweg immer traurig bin und nicht weiß, wie ich das unterbinden kann.

Als ich zuletzt bei meinen Eltern war, gab es einen kleinen Autounfall. Ich war abends mit meiner Mutter in der Stadt, und auf dem Rückweg ist sie gegen einen Leitpfosten gefahren. Viel ist nicht passiert, lediglich der linke Seitenspiegel wurde abgerissen. Meine Mutter ist entweder eingenickt oder ihr Blutdruck ist in den Keller gefallen, jedenfalls hat sie sich enorm erschrocken und war wie gelähmt, als das Auto zum Stehen gekommen ist. Ich bin ausgestiegen und habe auf der Wiese die Teile des Seitenspiegels zusammengesucht und den Pfosten an seine ursprüngliche Stelle gelegt, dann sind wir nach Hause gefahren. Und zu Hause sagte mein Vater, dass dieser Unfall meine Schuld sei, wie es auch alle anderen zukünftigen Unfälle und Pannen sein werden. Und obwohl ich genau weiß, dass das Schwachsinn und purer Nonsens ist, gibt mir das zu denken. Es lässt mich nicht mehr los, dass ich der Sündenbock und an allem Schuld bin. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht vorhabe, meine Eltern zu besuchen, solange es nicht nötig ist. Das letzte Mal war ich dort, weil ich meine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen musste. Ich möchte nicht jedes Mal geknickt zurückkehren, und solange ich die Rolle des Sündenbocks habe, will ich nicht in der Nähe meiner Familie sein.

Was ich will, ist einfach nur als der Sohn geliebt werden, der ich bin. Ich will keine Bedingungen erfüllen müssen und als das angenommen werden, was ich bin. Ich will mich nicht länger verstellen müssen, weil man es so von mir erwartet. Und falls das nicht ehrenwert ist, dieser schlichte Wunsch, falls das nicht für mich spricht, bleibt mir nichts anderes übrig, als lebenslang der schlechte Sohn zu sein, weil ich mich nicht der Familie annähere.


Hoch oben.

24. Dezember 2011

Wir befinden uns tausend Meter oberhalb des Meeresspiegels, der Schnee vor der Glasfront ist um weitere zehn Zentimeter gewachsen und das Wasser im Becken hat eine Temperatur von dreiunddreißig Grad Celsius erreicht. Es ist zwei Stunden nach Mitternacht und wir sind ganz allein in einem Hallenbad auf den Bergen. Niemand ahnt, dass wir dort sind und unerlaubterweise Tore und Türen aufgeschlossen, das Licht eingeschaltet und Musik eingelegt haben. Keiner kann uns sehen, denn wir sind die einzigen Menschen im ganzen Feriendorf. Nur der Schnee draußen, der groß angesagte Sturm — nur er allein kennt unser Geheimnis.

“Spring!” ruft Bene und ich sehe zu ihm hinab in das himmelblaue Wasser, das fünf Meter unter mir Wellen schlägt. “Spring!” sagt er und winkt mit den Armen. “Ist tief genug, vertrau’ mir!” Ich habe schon Schlimmeres überlebt und bin weitaus tiefer gefallen, denke ich und springe vom Balkon des zweiten Stockwerkes, weil es keinen Sprungturm gibt. Ich tauche kerzengerade in das Wasser ein und berühre mit den Händen den Boden, tauche schnell wieder auf und schwimme zur blauen Matte, an der sich Bene fest hält. Ich sage lächelnd “Wow!” und wir schauen uns lange in die Augen, treiben wortlos mit der Matte im Wasser umher, das nach meinem Sprung wieder zur Ruhe gekommen ist.

Wir sprechen nicht viel, wir lächeln die meiste Zeit und geben einander Halt. Wir lassen nicht los, gehen nicht unter, stehen aber auch nicht still, bleiben immer in Bewegung. Irgendwie glücklich und dennoch rastlos treiben wir durch das Wasser. Wir halten fest an unserer seltsamen und seltenen Freundschaft und singen beide fehlerfrei den Text zu “Mad World” mit, während der Schneesturm die Welt außerhalb der Glaskuppel unter sich begräbt.

Wir sind beide noch auf der Suche nach Antworten, für die es keine Fragen gibt, denke ich und flüstere: “Going nowhere, going nowhere.” Aber hier kann uns nichts passieren, hier sind wir sicher. Hier gibt es weder Furcht, noch Reue, Probleme oder Sorgen. Hier gibt es keine “Anderen”, weil sie hier und jetzt vollkommen unwichtig sind. Hier gibt es nur diesen Moment und dich und mich. Und nur das zählt. Das allein.

Kurz vor Tagesanbruch — Die Haut an uns beiden ist vollkommen faltig und verschrumpelt, und wir sehen ein bisschen aus, als wären wir soeben zur Welt gekommen — steigen wir aus dem Wasser, verwischen all unsere Spuren und verlassen das Hallenbad. Wir kämpfen uns durch den meterhohen Schnee zur Wohnung hindurch und tragen dabei lediglich Badehose und Badeschlappen, sind im Grunde nackt, weil wir Stunden zuvor nicht mit derartig krassem Schneefall gerechnet haben und des drolligen Gefühls wegen nur mit Badehose bekleidet ‘rübergelaufen sind.

“Schlaf’ gut!” sagt Bene später im Bett und dreht sich auf den Bauch. “Gute Nacht!” sage ich und denke: Danke, dass es dich gibt! Danke für die tollen Tage und den Urlaub mit dir. Was für ein Glück, dass ich dich kenne und bei dir sein kann! Schlaf’ gut, Bene, mein bester Freund.


Skarlet.

14. Dezember 2011

Eine Freundin aus der Heimat befindet sich derzeit in der Psychiatrie. Wir sind sehr gut befreundet, sie liegt mir sehr am Herzen, und dennoch haben wir in den letzten Monaten kaum voneinander gehört. An dem Tag, an welchem ich das Haus meiner Eltern verlassen und mich für ein neues Leben entschieden habe, war sie für meine Familie da und hat abends während des ersten aufklärenden Telefonats zwischen mir und meiner Familie vermittelt. Monate später haben wir einen ganzen Tag damit verbracht, auf einer Parkbank im Nirgendwo zu sitzen und miteinander zu reden. Diesen Tag zähle ich zu den schönsten und wichtigsten meines Lebens.

Nun, Skarlet habe ich zuletzt vor meinem Umzug nach Kassel gesehen, zwei flüchtige Stunden am Morgen. Dabei erzählte sie mir, dass es ihr nicht gut ginge, sie sich traurig fühle und keine Lust mehr auf ihr derzeitiges Leben habe. Sie bewundere die Kraft, mit der ich alles schultere, und sie sei auf der Suche nach psychologischer Hilfe, habe sogar schon die fünf von der Krankenkasse bewilligten Erstgespräche bei fünf verschiedenen Stellen verbraucht. Jemanden gefunden, bei dem sie sich wohl fühlen konnte und der ihr vielleicht hätte weiterhelfen können, habe sie nicht.

Ich wohne nun seit vielen Wochen in Kassel, und in dieser Zeit habe ich nichts von Skarlet gehört; mich bei ihr gemeldet habe ich aber auch nicht. Dann klingelt an einem Sonntag mein Handy und es ist Skarlet. Sie sagt, dass sie nur ganz kurz mit mir reden kann, und fragt mich, wie es mir geht. Ich antworte und frage, weshalb sie so traurig klingt. “Meine Hausärztin hat mich in die Psychiatrie eingewiesen”, sagt sie. “Ich hatte einen Zusammenbruch und seitdem bin ich hier. Bekomme Medikamente, darf einmal pro Woche mit einer Psychologin reden. Was ich bescheuert finde, aber das hier ist im Moment besser als mein Leben.” Das Telefonat dauert keine drei Minuten und endet damit, dass Skarlet sich panisch verabschiedet und auflegt, und dass ich den Tränen nahe und ziemlich verwirrt bin.

Nach zwei Wochen Funkstille schreibe ich ihr eine SMS.

Hey Skarlet, ich weiß nicht, ob ich mich derzeit einfach so bei dir melden kann. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich denke oft an dich und würde mich sehr freuen, von dir zu hören. Aber fühl’ dich nicht verpflichtet. Ich will nur, dass du weißt, dass du dich immer bei mir melden kannst. Pass’ auf dich auf. Dein Attila.

Keine Antwort. Heute habe ich dann der Mutter geschrieben:

Hallo, hier ist Attila. Ich erreiche Skarlet schon seit einer Woche nicht, geht es ihr gut? Darf ich sie am Freitag in der Klinik besuchen? Grüße aus Kassel!

Wenige Minuten später schreibt die Mutter zurück.

Es geht ihr schlecht. Sie will auch keine Besuche. Uns antwortet sie auch selten, sie hat mich heute auch wieder weggeschickt. Nimms nicht persönlich, sie ist total durch den Wind und ist mit allem überfordert. Echt heftig! Ich glaube sie braucht einfach jetzt Zeit für sich. LG

Ich mache mir große Sorgen, weiß so gut wie nichts und frage mich, ob ich Skarlet nicht trotzdem besuchen sollte. Ob sie sich freuen würde, mich wieder zu sehen, ob ich eine Stütze für sie und keine Belastung wäre.

Ich werde zwei Tage in Baden-Württemberg sein, muss Fingerabdrücke abgeben, damit ein neuer Ausweis ausgestellt werden kann. Und am Freitag würde ich Skarlet gerne besuchen. Denn eigentlich beunruhigt es mich, dass ich in der letzten Zeit nicht für sie da sein konnte, dass ich auch in den nächsten Jahren kaum in BW sein werde. Wenn ich sie jetzt nicht besuche, oder es nicht versuche, würde ich mich noch schlechter fühlen, als ohnehin schon. Es ist nicht Pflichtbewusstsein oder ein schlechtes Gewissen, das mich treibt. Ich möchte sie nur nicht noch mehr hängen lassen.

Was ist euer Rat?


Knopfaugen.

19. November 2011

Ich lege meine Jeans auf den Ladentisch und frage freundlich: “Haben Sie vielleicht einen passenden Knopf für meine Hose?” Die kleine Dame hinter dem Tresen schiebt ihre Halbmondbrille zurecht und blickt dann an die Stelle, an der einst ein Knopf zu sehen war. “Natürlich haben wir das!” sagt sie und führt mich zu einem Tisch, auf dem zahlreiche Knöpfe fein säuberlich nach Form, Farbe und Funktion sortiert sind. “Dieser hier müsste passen!” sagt sie strahlend und legt mir einen schlichten, silbernen Knopf in die Hand. “Ähm…” frage ich. “Haben Sie vielleicht auch einen Knopf, den man einfach mit ‘ner Zange anbringen kann? Also einen, den man nicht annähen muss?” – “Gewiss haben wir das!” sagt die alte Dame mit den bewundernswerten Lachfalten. “Aber wissen Sie: Knöpfe zum Annähen sind die besseren! Sie halten länger und sitzen auch fester, wenn man’s richtig macht.” – “Hm, okay.” sage ich. “Und haben Sie auch Faden und Nadel für mich?” – “Natürlich!” sagt die Dame wieder und führt mich zu einer Wand, an der es hunderte Fadenrollen in verschiedenen Farben und Stärken gibt. Sie nimmt zwei Rollen von der Wand und vergleicht sie mit den Fäden und Nahtstellen meiner Jeans. “Diese Rolle!” sagt sie nach kurzer Überlegung und lächelt mich an. “Und hier eine Packung Nähnadeln für Sie!”

“Ähm…” frage ich wieder. “Und wie nähe ich den Knopf nun an? Muss ich dabei etwas Besonderes beachten?”

“Sagen Sie mal, junger Mann…” scherzt die alte Dame schließlich. “Haben Sie denn keine Mutter?!”

(Ich lächle traurig, bezahle meine Besorgungen und verlasse den Laden.)


Liebe Sue.

18. November 2011

Erst einmal möchte ich mich für die verspätete Antwort entschuldigen. Seit dem 10. November hat sich viel ereignet, und es fühlt sich für mich an, als ob sich in dieser einen Woche mein Leben mehrmals geändert hätte. Nicht mein Leben selbst, sondern die Möglichkeiten und Aussichten meines Lebens. Ich habe, nachdem du mir geschrieben hast, die Psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht und mir dort helfen lassen. Deine Nachricht hat etwas in mir ausgelöst, sie hat den Eispanzer gesprengt, den ich dem Anschein nach in mir hatte. Einen Tag später habe ich zusammen mit Marcus beschlossen, dass ich wieder zu ihm ziehe. Dem Vermieter/Mitbewohner in der Übergangs-WG habe ich erklärt, dass ich nicht mit der selbst auferlegten Einsamkeit und dem neuen Leben klar komme, und dass die WG für mich kein Zuhause darstellt, dass ich mich dort unwohl fühle. Dass das Wasser, in das ich gesprungen bin, doch zu kalt für mich ist, und ich Unterstützung von Freunden brauche und nur einen Freund in Kassel habe. Also habe ich gekündigt, eine Woche nach meinem Einzug. Im Laufe der Woche habe ich mir ein Bewerbungsgespräch für einen neuen Job erarbeitet — das lief sehr gut und vielleicht komme ich in die Psychiatrie oder in’s Krankenhaus. Die nächsten Tage, Wochen und Aktionen habe ich auch schon geplant. Du siehst, in dieser einen Woche gab es kaum Freiraum in meinem Kopf. Es ist so vieles passiert, und deshalb schreibe ich dir erst heute.

Ich möchte mich bei dir bedanken. Deine Nachricht war nicht direkt der Auslöser für meinen Nervenzusammenbruch, aber der entscheidende Schubser. Das habe ich sehr gebraucht, denn plötzlich konnte ich klar denken und in meinem Kopf hat sich alles auf das Wesentliche reduziert. Ich wusste genau, was mich an der aktuellen Situation stört und was ich ändern muss, damit es mir wieder besser gehen kann. Ich konnte im Nachhinein sogar lächelnd einschlafen. An den Ereignissen der letzten Woche spielst du also eine Schlüsselrolle. Dafür danke ich dir.

Was das Freunde finden angeht: mittlerweile habe ich mich mit einigen Menschen getroffen, und das Einsamkeitsgefühl ist nicht mehr so stark. Ich habe meinen Freunden “aus der Heimat” geschrieben und sie angerufen, habe mir sogar überlegt, dass ich jedem meiner besten Freunde eine Postkarte schreiben werde, dessen Bild ich selbst fotografiere. Auch meinen Lieblingslehrern werde ich so eine Postkarte machen. Mit dem anderen Bundesfreiwilligendienst-Leistenden habe ich mich auch schon angefreundet und wir verstehen uns gut. Ich war sogar schon bei ihm zu Hause und nächste Woche möchte er mich ein paar seiner Freunde vorstellen. Es geht also voran.

Der Auszug aus der WG in ein Zuhause, dass ich bei Marcus sehe, ist die beste Entscheidung, die ich in dieser Woche getroffen habe. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit bei ihm und das trägt mich durch die Tage. Ich habe unterschätzt, wie unermesslich wichtig es ist, sich zu Hause zu fühlen an dem Ort, an dem man wohnt. Das ist tatsächlich die Grundlage für fast alles andere und ich kann nur darüber lächeln, wie achtlos ich mit dieser Tatsache umgegangen bin. Aber jetzt weiß ich es besser, jetzt hab’ ich’s gelernt und mache es richtig. Wohlfühlen geht vor Pflichtbewusstsein.

Manchmal aber habe ich noch das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Vielleicht hätte ich den Jungen da drüben und das Mädchen dort hinten doch ansprechen sollen, vielleicht hätten wir uns gut verstanden und wären Freunde geworden. Vielleicht hätte ich das Leben eines Jemanden bereichert, und mir gleichzeitig das Leben gerettet. Vielleicht. Dieses Wort spüre ich dieser Tage so oft auf der Zunge. Das wird sich auch nicht so schnell wieder schlucken lassen, dafür ist es viel zu früh. Ich werde es mit mir tragen müssen und versuchen, es nicht auszusprechen, indem ich dagegen vorgehe und handle. Wenn ich mir denke “Oh, der sieht aber nett aus!” werde ich nicht erst überlegen, ob ich ihn ansprechen soll. Ich werde es einfach machen. Auch wenn ich scheitern sollte, wird es kein “Vielleicht…” und auch kein “Hätte ich doch…” geben. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann nur noch gewinnen.

Und noch ein Dankeschön für diesen Song. Hat mir in den Momenten, in denen ich Ruhe gebraucht habe, sehr geholfen.

Mach’s gut und bis dann,

dein Hearty.


Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: “Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!” Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt “Natürlich!” und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: “Gönül ektiğini biçiyor.”

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

“Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön”, sagt sie. “Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.”

https://twitter.com/#!/harveypuca/status/134439615099707392

In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: “Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?” Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: “Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!” Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.


Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: “Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.”

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die “richtige Seite”, “zur Gesundheit” und “zu Verstand” helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.


Stand der Dinge.

4. November 2011

Am Sonntag ziehe ich in die Stadt, in der ich ursprünglich studieren wollte. Nachdem ich mich aus unerfreulichen Gründen nicht einschreiben konnte, musste ich nach Alternativen suchen, von denen es mir auch möglich sein sollte, die Miete zu bezahlen und Lebenskosten zu decken. Nach kurzer Suche und Dank eines Tipps auf Twitter wurde ich auf einen für meine Verhältnisse ziemlich coolen Job im Zuge des Bundesfreiwilligendienstes aufmerksam. Noch in der selben Nacht habe ich mich per eMail für die Stelle beworben und wurde am nächsten Tag telefonisch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Entweder habe ich dort einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen oder es gab wirklich nur zwei Bewerber für zwei Stellen, wie ich später von einem jungen Mann erfahren habe. Jedenfalls gehört der Job mir.

Am Sonntag ziehe ich also in eine Stadt, die mitten in Deutschland liegt und die den meisten Menschen nur vom Durchfahren her bekannt ist: Kassel. Eine niedlich-kleine, perfekt für’s Fahrradfahren geeignete Stadt, in der ich schon zuvor zwei Wochen wegen der WG-Suche verbracht habe. Ich mag die überschaubare Größe und die Stimmung, die Kassel auf mich ausstrahlt. An jedem Tag während der zwei Wochen dort hatte ich ein Lächeln im Gesicht, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich dort an der richtigen Stelle bin.

Bis zum nächsten Wintersemester habe ich noch knapp ein Jahr Zeit, und in diesem einen Jahr möchte meine zukünftige Uni-Stadt kennenlernen und die noch zu erledigen Aufgaben zu Ende bringen oder sie in Angriff nehmen: Einrichten meines WG-Zimmers, Einbürgerung, Psychotherapie, Aufbau von Rückenmuskulatur, Stärkung und Erweiterung meines Wissens, Fotografieren, Kochen und vielleicht auch den Führerschein.

Die erste Aufgabe, das Einrichten meines WG-Zimmers, wird sich vorerst schwierig gestalten. Mein Gehalt ist knapp bemessen und wird erst Ende November ausgezahlt. Bundesfreiwilligendienst-Leistenden steht zwar Kindergeld zu, doch der entsprechende Gesetzesentwurf wurde noch nicht verabschiedet; das heißt, vorerst habe ich keinen Anspruch auf Kindergeld und eine Lücke von monatlich 184 Euro. Wenigstens kann ich mich darauf einstellen, dass mir die Summe des nicht auszahlten Kindergeldes überwiesen wird, sobald die neue Kindergeldregelung in Kraft getreten ist. Dass ich nur bis Februar in der WG wohnen werde, ist eine andere Geschichte.

Aufgabe Nummer Zwei, die Einbürgerung, wird ein längerer Prozess mit vielen Hürden sein. Gestern erst habe ich meinen türkischen Pass um zwei Jahre verlängern lassen und dabei erfahren, dass ich eventuell an meinem neunzehnten Geburtstag einen Brief aus der Türkei erhalte und zum Militär einberufen werde. Unter Umständen könnte mir dann die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt bleiben, weil die türkische Seite meine Einbürgerung blockiert. Für die Einbürgerung selbst muss ich meinen Hauptwohnsitz nach Kassel verlegen, damit die Post nicht bei meinen Eltern landet. Aber das hatte ich sowieso vor.

Nummer drei, die Psychotherapie, ist ein wichtiges Muss auf dem Weg zur inneren Ruhe. Mir geht es seit einiger Zeit nicht gut und das weiß ich schon sehr lange. Im letzten Jahr fehlte mir die Zeit und auch die Lust, regelmäßig jemanden aufzusuchen, doch in Kassel werde ich nach Arbeitsschluss genug Zeit für Hilfe und Beratung haben. Es wird nichts geben, das ich noch zu Hause erledigen muss, keine Hausaufgaben und auch keine Projekte; ich muss nicht vier Stunden am Tag durch das Bundesland fahren. Somit bleibt viel Zeit übrig, die nur darauf wartet, mit sinnvollen Angelegenheiten gefüllt zu werden.

Zum Beispiel mit regelmäßigem Sport. (Hihi.) Während der Wochen in Kassel war ich ohne Ausnahme mit dem Fahrrad unterwegs und habe dies sehr genossen. Das werde ich so weiter führen und so oft es geht in die Pedale treten. Aber wichtiger als das ist die Stärkung meines Rückens; ich muss endlich meine Rückenschmerzen los werden. Mir wurde sogar schon eine einjährige Rehamaßnahme verschrieben, doch die muss ich mir in Kassel noch einmal verschreiben lassen, da ich mich nun in einem anderen Bundesland befinde. Das wiederum heißt, dass ich mir auch einen neuen Hausarzt suchen muss. Und Zähne, HNO, Schilddrüse…

Meine Kamera lag die meiste Zeit in ihrer Tasche auf meinem Nachttisch herum, neben einem Stapel Bücher, die ich schon immer einmal lesen wollte. Dass ich selten fotografiert und noch seltener gelesen habe, werde ich wieder auf den Zeitmangel schieben, doch eigentlich lag es nur an mir selbst. Ich habe viel lieber geschlafen, als meine Hobbys zu pflegen; als ob unruhiger Schlaf abends nach der Schule in irgend einer Weise förderlich für mich wäre. Das wird mir in Kassel nicht passieren, das weiß ich ganz genau. Ich habe jetzt schon eine enorme Menge an Energie in mir, und ich spüre, wie sie von Tag zu Tag stärker wird. Ab Montag starte ich ganz offiziell in mein neues Leben, und darin ist es nicht vorgesehen, dass ich still und leise all meine Tage einsam im Bett oder im Internet verbringe. Stattdessen wird gelesen und geschrieben, fotografiert und gekocht.

Ob ich den Führerschein machen werde, hängt ganz von der Situation meines Kontos ab. Realistisch betrachtet werde ich ihn nicht machen können, selbst wenn ich für den Nebenjob im Kino eine Zusage erhalten sollte.

Nun, ich freue mich sehr darauf, endlich in mein eigenes Leben ziehen zu können, auch wenn sich damit viele Probleme nicht lösen lassen. Meine Eltern sind so uneinsichtig und stur wie zuvor, aber davon möchte ich jetzt nicht mehr schreiben. Sprengt den Rahmen.


Canan.

12. Oktober 2011

Bu dünya analara ve babalara kalsa, sevenler hiç kavuşamaz.


Die Frage nach dem Sinn.

10. Oktober 2011

Die Lebenszeit nicht verschwenden, das ist mir wichtig, immer wieder nach dem Sinn fragen, denn Sinn ist wichtig, wichtiger als Glück […] schreibt Frau Fragmente.

Ich denke dieser Tage viel darüber nach, welchen Sinn mein Leben derzeit hat. Ich habe Wochen und Monate damit verbracht, auf Briefe, Antworten, Zu- oder Absagen zu warten und befinde mich jetzt inmitten einer großen Leere, weil die Grundlage, auf der ich meine Zukunft aufbauen wollte, auf der Kippe steht und sich immer mehr in Richtung Abgrund neigt. Eigentlich kann ich den Boden schon berühren und sollte endlich aufstehen und nach vorne schauen. Aber da ist noch Hoffnung, an die ich mich klammere. Eine letzte Chance, die das Ruder herumreißen könnte.

Ich war nicht faul und untätig, ich habe viel unternommen, damit ich mein Studium so entspannt wie möglich angehen kann, doch weil dieses jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit wegbrechen wird, muss ich mir etwas Anderes suchen, das mir einen Sinn gibt. Termine bei verschiedenen Beratungsstellen; der Versuch, mein Zeugnis anerkennen zu lassen; Praktika, Kindergeld, BAföG; die Suche nach einer WG, in der ich mich wohl fühlen könnte … all das habe ich in den letzten Wochen versucht in die Wege zu leiten, doch letztlich stehe ich da, ohne etwas erreicht zu haben, weil die Grundlage all dessen marode ist und wegbrechen wird. Wenn da nicht die Hoffnung wäre, der ich jedes Mal blind vertraue, naiv und optimistisch wie ich bin, wäre ich jetzt woanders, als im Hause meiner Eltern.

Ich bin wieder bei meinen Eltern. Ich bin wieder dort, wo ich eigentlich nicht sein möchte. Nicht aus der Not heraus, sondern weil ich meine Familie vermisst habe, weil ich meine Oma und ein paar Verwandte nach langen Jahren wieder sehen wollte, die wegen der Hochzeit meines Cousins aus der Türkei eingereist sind. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist derzeit okay — wir waren sogar bei einem Familientherapeuten und es lief erfreulich —, dennoch halte ich es in der Wohnung nicht aus. Ich will ausziehen, und das Studium wäre ein guter Grund und eine finanzielle Stütze gewesen, aber das kann ich jetzt wohl vergessen. Ich muss nach vorne schauen, ich muss endlich lernen, auf mehreren Gleisen gleichzeitig zu fahren. Ich darf nicht mehr (allein) auf die Hoffnung setzen.

Seit ein paar Tagen suche ich in der Stadt, in der ich studieren möchte, nach Arbeit, nach Jobs, nach einer Beschäftigung, die mich über Wasser hält, bis ich mich nächsten Juli wieder für ein Studium bewerben kann. Aber aus der Ferne geht das schlecht. Immerhin habe ich einige Anlaufstellen, die vielversprechend klingen; denen werde ich schreiben. Ich brauche Arbeit, ich brauche ein Projekt oder eine Beschäftigung, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken kann und dafür entlohnt werde. Ich brauche einen Sinn, etwas, woran ich arbeiten und wachsen kann. Sonst komme ich mir nutzlos und verschwendet vor.

Und ich weiß nicht einmal, ob die Zeit, die ich jetzt mit Warten und Suchen verbringe, verschwendete Zeit ist oder einfach nur der normale Lauf eines eigenständigen Lebens.


Bester Freund.

6. Oktober 2011

Ich verlasse den Bahnhof und gehe die Straße in Richtung Ortskern entlang, bis ich weit in der Ferne die Gestalt von Bene erkennen kann. Das Wetter ist gut, es ist windig-warm und ich bereue es, eine dicke Jacke angezogen zu haben. Mein Herz schlägt mit jedem Schritt wilder, und als Bene vor mir steht, sprechen wir kein Wort und nehmen uns in den Arm. Es ist eine gute und ehrliche Umarmung. Ich merke an seinem Herzschlag, dass auch er aufgeregt ist: wir haben uns wirklich vermisst. Er sagt, dass ich gut und gesund aussehe. Ich lobe die Entspannung in seinem Gesicht und frage, ob er in den letzten zwei Monaten gewachsen ist. Ich komme mir plötzlich klein vor, fühle mich aber sehr wohl dabei, weil es Bene ist. Wir lachen beide wegen unserer eigenartigen Komplimente und gehen zu ihm nach Hause.

Bene wohnt noch bei seinen Eltern in einem tollen Fachwerkhaus. In seinem Zimmer reiche ich ihm sein Geburtstagsgeschenk, leider mit einem Monat Verspätung. Er liest aufmerksam den Brief, den ich ihm geschrieben habe, und lächelt. Es ist ein ehrliches Lächeln. Mit einem Ruck reißt er die Geschenkverpackung auf und legt das Game in die Konsole ein, um Einstellungen vorzunehmen und sich einen Überblick zu verschaffen. Dann gibt es Abendessen. Die Eltern und die drei Geschwister von Bene sind angenehm und wir verstehen uns. Das Essen schmeckt hervorragend und die Gespräche am Tisch sind lebendig. In seinem Zimmer schauen wir uns den Film an, den ich mitgebracht habe. Exam. Gefällt ihm sehr gut. Wir schalten die Xbox ein und spielen knapp drei Stunden lang sein Geschenk — Alan Wake —, und sind beide vollends begeistert. Die Spielatmosphäre ist düster und dunkel, und die Story beschert uns alle paar Minuten eine heftige Gänsehaut. Wir erschrecken uns an denselben Stellen und blicken uns dann aus den Augenwinkeln an, lachen darüber und spielen weiter. Kurz nach Mitternacht gehen wir schlafen.

Doch anstatt zu schlafen, reden wir. Ich erzähle ihm alles ganz ausführlich, die ganze Geschichte von Anfang an bis zu meiner Ankunft bei ihm. So umfassend habe ich bisher noch niemandem erzählt, was sich alles weshalb ereignet hat in den letzten Wochen. Bene hört aufmerksam zu und ist interessiert, stellt wichtige Fragen an den richtigen Stellen und sagt dann irgendwann, dass das alles drehbuchreif ist. Ich scherze: Dir ist aber klar, dass du bis dahin deine Theaterausbildung vollendet haben musst!? Ich bestehe darauf, dass du dich selbst spielst! Irgendwann nicken wir ein, sicher ist es schon nach zwei Uhr. Ich genieße es, dass Bene mein bester Freund ist und schlafe zufrieden ein.

In Heidelberg angekommen empfängt uns Jes und ist erst zögerlich und gereizt, aber schon nach fünf Minuten ist sie dieselbe Jes, wie wir sie kennen und lieben. Wir verbringen den Tag mit guten Dingen und gehen dann schlafen. Jes schläft in ihrem Bett und ich teile mir mit Bene ihre Ausziehcouch. Der Platz ist knapp, wir liegen unweigerlich nah beieinander. Nachts wache ich auf und merke, dass sich Bene an mich gekuschelt hat. Er liegt halb unter meiner und halb unter seiner Decke. Sein linker Arm hängt schlaff an mir herab und ich kann seine Atmung in meinem Nacken spüren. Ich lächle im ersten Moment, weil ich denke, dass es mein Held ist, realisiere aber dann, wo und bei wem ich bin. Ich empfinde Benes Umarmung als angenehm und irgendwie süß, habe aber das Gefühl, dass es falsch ist, so zu empfinden. Einerseits scheine ich diese Nähe zu brauchen, andererseits bekomme ich sie von der falschen Person. Ich denke kurz darüber nach, ob ich mich bewegen und seinen Arm woanders hinlegen soll, entscheide mich aber dagegen, weil ich Bene nicht aufwecken will und es ihm sicher peinlich wäre. Ich weiß nicht so recht, ob mein Verhalten nun richtig oder falsch ist, und schlafe grübelnd, aber dennoch zufrieden ein.

Dieses Ereignis verfolgt mich ein paar Tage lang, und ich denke viel darüber nach. Dass mich Bene — wenn auch versehentlich und im Schlaf — umarmt und mir somit Nähe, Sicherheit und Vertrauen vermittelt hat, ist etwas Gutes. Es gibt nichts Schlechtes daran, und auch dass ich das als angenehm empfunden habe, ist okay und normal. Nähe ist Nähe. Und ich freue mich so sehr, nach langer Suche sagen zu können, dass ich einen besten Freund gefunden habe, bei dem ich mich richtig gut und wohl fühle. Einen besten Freund, der Sicherheit und Nähe ausstrahlt und mich mag, wie ich bin. Das ist toll und macht mich glücklich.

Mittlerweile habe ich Bene von der Umarmung erzählt. Es war ihm etwas unangenehm, aber er sagte, dass er das gerne gemacht hat, auch wenn er nichts davon gemerkt hat. Kannst du immer bei mir haben!

Nächste Woche zieht Bene in ein kleines Feriendorf, um dort sein freiwilliges soziales Jahr anzutreten. Jes und ich, wir werden ihn bei Gelegenheit mal besuchen und ein paar Tage bei ihm übernachten. Ist ja schließlich ein Feriendorf! Und bald darauf sind die Beiden zu Gast in meiner WG. Ich male mir jetzt schon aus, was wir gemeinsam unternehmen, wohin wir fahren und abhängen könnten; was ich den Beiden kochen werde, und was ich dafür noch lernen und einkaufen muss. Ich denke viel über dieses Treffen nach, das vielleicht erst im Frühling nächsten Jahres oder sogar noch später stattfinden wird. Und es bereitet mir Freude, auf Wolken zu schweben, deren Zukunft allein in meinen Händen liegt.


Aufbruch.

5. Oktober 2011

Ich hatte damit gerechnet, dass es nach und nach Änderungen und Verbesserungen geben würde, doch dass sie so schnell und mit solch gewaltiger Wucht in mein Leben einschlagen würden, daran habe ich im Traum nicht gedacht. Innerhalb von zwei Monaten hat sich das, was ich einst Leben und Alltag nannte, komplett geändert.

Viel ist passiert in dieser Zeit, und es würde sich lohnen, darüber zu schreiben, doch mir fällt es schwer. Ich weiß nicht, ob ich bezüglich des Schreibens stumpf geworden bin oder ob das nur eine unschöne Phase ist, die es zu überwinden gilt. Anstatt zu schreiben, schweige ich, und das gefällt mir nicht. Und ich weiß, dass es euch ebenfalls nicht gefällt. Also werde ich versuchen, das zu ändern.

Ich werde versuchen, jeden Tag etwas aus dieser Zeit aufzuschreiben. Das wird nicht nur mir helfen, meine Gründe und Entscheidungen besser zu verstehen, sondern auch euch, meinen Unterstützern. Ich will nicht, dass ihr euch im Stich gelassen oder verraten fühlt, und ich will auch nicht mehr mit schlechtem Gewissen durch die Gegend schleichen müssen. Also werde ich schreiben, um mich wieder wohl fühlen zu können. (So, wie’s schon immer gewesen ist.)

Auf geht’s!


Super 8.

16. September 2011

Es ist an der Zeit, einen Teil meiner Geschichte aufzuschreiben. Ich möchte, dass sie hier geschrieben steht und zu lesen ist; ich möchte, dass ihr wisst, was passiert ist, wie es dazu kam und welche Konsequenzen und Gründe das hatte und noch haben wird. Ich schreibe diesen Text auch aus Gründen der Sicherheit; ich will euch auf dem Laufenden halten und euch bitten, auf mich zu achten. Denn ich werde für eine Woche bei meiner Familie sein.


Bene und ich, wir trafen uns Anfang August in der Stadt, aßen etwas und gingen dann in’s Kino, wo wir uns Super 8 anschauen wollten. Zuvor kauften wir Alkohol, weil ich das wollte und weil ich glaubte, den Rausch zu brauchen, damit ich wieder lächeln konnte. Und vielleicht war dieser Wunsch einer der wichtigeren in meinem Leben, denn er hat mächtige Brocken in’s Rollen gebracht. Der Film lief an, das Kino war fast leer und mit uns saßen um die sechs Personen im Saal. Ich trank ein paar Schlücke und merkte bereits, dass der Alkohol wirkte, doch er machte mich nicht gesellig wie beim ersten Mal, er machte mich traurig und selbstmitleidig. Der Alkohol schälte meine äußere Hülle ab, nahm mir jegliches Gefühl der Vernunft und brauchte zum Vorschein, wie ich mich wirklich fühlte: traurig bis in die letzte Knochenfaser. Eine Fassade hatte ich nicht mehr. Kurz darauf platzte etwas in mir und ich verlor die Kontrolle über mich, wurde so emotional wie noch nie zuvor und krallte mich an Bene fest, der einzigen Konstante, die ich hatte. Ich krallte mich fest an seine Arme, und sicher habe ich ihn auch verletzt, doch er blieb bei mir, ist nicht gegangen. Hat mich nicht allein und zurück gelassen. Er blieb konstant, bis der Film endete, ließ es zu, dass ich ihn voll heulte. Er tröstete mich, und ich glaube mich sogar daran zu erinnern, dass er mir den Kopf streichelte und sagte, dass alles gut wird. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, was ich ihm erzählte und ich weiß auch nicht, womit ich ihn sonst noch so belastet habe. Ich weiß nur noch, wie er zu mir sagte, dass ich auf der Parkbank sitzen bleiben soll, bis mein Bus fährt. Sein Bus fuhr früher als meiner, und deshalb musste er auch früher gehen, denn einen anderen Bus gab es nicht. Dorfkinder. Ich sah Bene dabei zu, wie er ging, und immer wieder nach mir schaute, und als er nicht mehr zu sehen war, stand ich auf, um ihn zu suchen. Als ich am Bahnhof war, fand ich keinen Bene vor, sondern nur eine leere Sitzgelegenheit. Ich setzte mich und wartete auf meinen Bus nach Hause.

Nach 22 Uhr wird der Bahnhof von der Polizei überwacht, denn es kommt öfter vor, dass dort Streit ausbricht und Flaschen und Fäuste durch die Gegend fliegen. Natürlich hatten die beiden Polizisten dort gesehen, wie ich angetorkelt kam und mich hinsetzte, und netterweise sprachen sie mich an, ob es mir gut erginge. Ich konnte einigermaßen deutlich sprechen, alle Fragen beantworten und mich ausweisen, musste aber trotzdem einen Alkoholtest machen. 1,6. Mir sagten diese Zahlen nichts, ich hatte erst zum dritten oder vierten Mal in meinem Leben getrunken. Dann ging alles sehr schnell. Sie riefen die Festnetz-Nummer an, die ich ihnen sagte, konnten aber niemanden erreichen, denn zu Hause war niemand. Das hatte ich ihnen aber auch gesagt. Ich wusste, wo meine Eltern zu Besuch waren, kannte aber die Nummer nicht. Ich sagte ihnen die Adresse und sie schlugen vor, mich dorthin zu fahren. Im Nachhinein war das sehr tolerant von ihnen, doch in der Situation selbst dachte ich, dass es das schlimmste ist, was sie mir hätten antun können. Ich sagte ihnen die Wahrheit, sagte, warum ich getrunken hatte und weshalb es wichtig ist, dass sie mich nicht an meine Familie ausliefern. Sie verstanden mich zwar, mussten aber trotzdem ihren Job machen. Wir vereinbarten, dass sie mich an der Tür absetzen und wieder gehen, und genau das machten sie. Ich ging in das Haus und sagte, dass mir schlecht ist, ich schlecht gegessen hatte, und legte mich in ein Zimmer und schlief ein. Stunden später wurde ich geweckt. Heimfahrt. Zu Hause duschte ich und musste dann in’s Wohnzimmer, Rede und Antwort stehen. Den weiteren Verlauf habe ich bereits hier auf Formspring nieder geschrieben.

Bis zuletzt dachte ich, dass wenn meine Familie erfahren würde, dass ich homosexuell bin, sie mich verprügeln, verschlagen und verstoßen würde. Ich hatte diese schreckliche Vorstellung im Kopf, in der mich mein Vater bewusstlos und krankenhausreif schlägt, mich gar umbringt. Aus diesem Grund, aus Angst um mein Leben wollte ich das Outing vermeiden, solange ich es eben vermeiden konnte. Jedoch kam es – wie alles andere auch – anders, als ich es erwartet hatte: Im angetrunkenen Zustand sagte ich meinen Eltern, dass ich es nicht mehr aushalte, dass ich nicht mehr damit leben kann; dass ich es satt habe, zu lügen, und dass sie die Wahrheit kennen sollten. Den Grund, weshalb ich an diesem Samstagabend getrunken hatte. Und dann sagte ich es ihnen.

Vielleicht war die Entscheidung, es ihnen in dieser Nacht zu sagen, das dümmste, was ich je getan habe, vielleicht aber auch nicht. Für mich war es jedenfalls eine enorme Erleichterung, ein Loslassen aller Lasten, ein Gefühl von endloser Freiheit. Für meine Eltern nicht, denn ich hatte sie mit einer Tatsache belastet, mit der sie nicht umgehen konnten. Mit der sie vielleicht niemals werden umgehen können.

Meine Eltern reagierten “ruhig” darauf, versuchten mit mir darüber zu sprechen, wurden in jener Nacht kein einziges Mal laut. Ich glaube, dass sie zu sehr unter Schock standen. Sie sprachen bis in die Morgenstunden mit mir, und je heller es draußen wurde, desto trauriger wurden ihre Stimmen. Sie so zu sehen, brach mir das Herz, denn ich war “Schuld” an ihrer Traurigkeit, ich hatte sie in diese dunkle Schlucht gestoßen, aus der sie jetzt – fast einen Monat nach meinem Outing – immer noch nicht heraus gekommen sind. Die folgenden Tage waren nicht erfreulich für mich. Ich bekam zu hören, dass ich falsch, schlecht und abartig sei, sie mich nicht als Sohn akzeptieren könnten, solange ich krank sei. Was sollten die Verwandten denken, was die Bekannten? Das sei doch nicht im Sinne von Gott, niemals wieder könnten sie aufrecht gehen. Und als sie sagten, dass ich weder studieren, noch ausziehen darf, solange ich nicht geheilt bin, platzte in mir etwas ab.

Ich weiß nicht, was ich mir erhofft habe, als ich es ihnen sagte. War es Mitleid, Nachsicht oder gar Verständnis? Ich wollte es ihnen einfach nur sagen, hatte mir aber keinerlei Gedanken über die unmittelbaren Konsequenzen gemacht. Im Nachhinein bereue ich den Zeitpunkt meines Outings, aber nicht mein Outing selbst. Das Freiheitsgefühl, das ich in der Nacht verspürt habe, verflüchtigte sich sehr schnell, denn ich bekam schon am nächsten Tag das Gegenteil zu spüren: Beleidigungen der verletzendsten Art, verbale Attacken auf meine Person, das Bezweifeln meiner Urteilsfähigkeit und meiner Intelligenz, Schlafentzug, Internetverbot, … sprich: unerträglicher, psychischer Druck, viel schlimmer, als er es vor meinem Outing gewesen ist. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen, hatte jede Nacht Albträume und war morgens von Kopf bis Fuß nassgeschwitzt. Ich hatte mehr Angst, als jemals zuvor in meinem Leben.

Der Entschluss zu gehen war nicht einfach, aber konsequent.

Mehr als einen Monat ist es nun her, dass ich das Elternhaus verlassen habe. Ich werde nicht ausführen, wo und mit wem ich in der Zeit war, was ich die Zeit über gemacht habe. Wichtig ist nur, dass es mir immer gut erging und ich mich wohl fühlte, dass ich jetzt einen Studienplatz habe und auch dass ich sehr viel gelacht und gelächelt habe. Und ich möchte mich nochmals bei euch allen bedanken. Danke, dass ihr mir geholfen und mich unterstützt habt, dass ihr da wart, als ich in Not war, und mir in so vielen und wichtigen Dingen weiterhelfen konntet, dass ich es immer noch nicht fassen kann. Ich möchte mich bedanken, weiß aber auch gleichzeitig, dass ich mich selbst in Gefahr begebe, indem ich für ein paar Tage zurück zu meiner Familie fahre. Doch ich würde dies nicht tun, wenn es nicht ein paar Sicherheiten gäbe. Meine Entscheidung ist riskant und verdient zu Recht Kritik und die Wenigen, die bereits wissen, dass ich für eine Woche bei meiner Familie sein werde, halten das für keine gute Idee, doch sie sagen alle, dass das niemand besser einschätzen kann, als ich selbst. Und auch wenn ich oft daneben lag mit meinen Einschätzungen, lag ich nie falsch.

Ich werde mich jeden Tag so oft es geht melden, und sollte ich für eine längere Zeit nicht in der Timeline sein, wisst ihr, was zu tun ist. Ihr kennt meinen Namen und auch die Adresse.

Und nochmals: Danke, dass euch gibt. Ich bin so froh darüber, euch zu kennen und würde mich am liebsten bei jedem von Euch einzeln und persönlich bedanken, aber das geht leider nicht an einem Tag, per Text schon gar nicht. Aber ich werde das nachholen.


Vorsprung.

6. August 2011

Ich steige aus der viel zu vollen S-Bahn und gehe auf eine junge Frau zu und sage ihr vollen Ernstes in’s Gesicht: “Hör’ mir zu. Die Antwort ist Nein. Nein, tu’ es nicht.” Dann gehe ich meinen Weg weiter, ohne auch nur einmal zurückzublicken, die Treppe hinab, durch den Tunnel hindurch und die Treppe zu den Haltestellen hinauf und in den Bus hinein. Ich setze mich, der Bus fährt los und ich frage mich, was genau ich gerade eben getan habe und ob das Konsequenzen haben wird, mehr schlimme als gute, ob sie auf meine Worte hören und etwas nicht tun wird, nur weil ich, ein Fremder aus der S-Bahn, es ihr gesagt habe. Ich frage mich, ob das ihr Leben verändern wird und ob ich Schuld daran sein werde, dass sie leidet, stirbt oder möglicherweise glücklich sein wird.

Zu Hause angekommen denke ich noch immer an die junge Frau und was nun mit ihr geschehen wird. Ich weiß nicht, ob ich bereuen oder mich meiner Verrücktheit wegen freuen soll, oder ob das vollkommen gleich und unbedeutend ist, weil es letztendlich nicht in meiner Hand liegt, was sie zu tun vermag.

Nachts träume ich, wie sie sich am Geländer einer Brücke festhält, hinab sieht und wieder den Weg zurück geht, der sie dorthin geführt hat.


Zwei Tage im neuen Leben.

1. August 2011

In der ersten Nacht weine ich an seiner Brust, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint habe. Am nächsten Tag sagt er mir in einem passenden Moment, dass das kein Weinen, sondern vielmehr Rotz und Wasser heulen gewesen ist. Er sagt, dass es nicht stimmt, was ich in dieser Nacht sagte. Es stimmt nicht, dass du “zurück” musst, denn du warst niemals wirklich dort. Niemand wird dich aufhalten können, du bist schon längst gegangen. Und damit hat er Recht, denn das Elternhaus war niemals mein Zuhause, niemals ein Ort, an dem ich mich wohl und geborgen gefühlt habe. Er hingegen ist genau das für mich: ein Zuhause, ein Ort, an dem es mir gut geht, an welchem ich mich lebendig und vor Allem glücklich fühle.

Am Tag meiner Abreise bin ich zuversichtlich, und von Trauer oder Trübsinn ist nicht die leiseste Spur zu erkennen. Er kauft mir ein Ticket in die nächste Stadt, von wo aus ich per Mitfahrgelegenheit zurück fahren werde. Der Zug hält an, ich laufe zur Tür und spüre kurz seinen Blick an mir haften. Ich steige in den Zug und sehe ihn dort stehen, zwei Meter von mir entfernt. Er ist gerade dabei, zwei älteren Menschen den Weg zu weisen, und als er fertig damit ist, treffen sich unsere Blicke wieder. In seinem Blick liegt etwas sehr Zärtliches und Vertrautes, etwas, das mich sehr berührt. Ich lege meine rechte Hand an die Glasscheibe und sage mir, dass ich nicht traurig werden darf, dass es keinen rationalen Grund dafür gibt, ausgerechnet jetzt zu weinen. Doch als der Zug in’s Rollen kommt und losfährt, unsere Blicke sich unweigerlich voneinander trennen, empfinde ich dasselbe Gefühl, das ich bei unserem ersten Abschied im Juni verspürt habe: ich fühle mich, als wäre ich erschossen worden. Mitten in’s Herz, genau dort hin, wo es so sehr schmerzt, dass ich aufschreien könnte. Doch ich schlucke die Tränen, den Schmerz herunter, und beiße mir auf die Lippen. Nicht jetzt, jetzt nicht!

Kurz nach sechzehn Uhr ruft mein Vater an. Ich sage ihm, dass wir gerade losgefahren sind, ich und meine Freunde, und dass wir bald zu Hause sein würden. Und während ich das sage, merke ich, wie dumm das gewesen ist. Denn die Fahrt würde etwa vier Stunden dauern, die Haustüre würde ich also erst gehen zweiundzwanzig Uhr aufschließen. Sechs Stunden, die ich nachher rechtfertigen muss. Und ich denke mir, dass es schon irgendwie gut werden würde, ich klug genug bin, um mir eine passende und glaubhafte Ausrede einfallen zu lassen.

Um zwanzig Uhr klingelt das Handy nochmals und ich gehe ‘ran und sage, dass ich bald da bin, wir gerade an einer Tankstelle in der Nähe sind und ich deshalb nicht die viermal zuvor an’s Telefon gegangen bin, weil es auf lautlos geschaltet war. Und wieder bewundere ich meine Dummheit, und hasse mich dafür. Der nächste Bus in’s Dorf fährt erst in einer Stunde, also überlege ich mir, zu sagen, dass ich mit zu den Freunden gefahren bin, sie mich eingeladen haben. Ich gehe in eine Dönerbude am Bahnhof und warte dort auf den Bus, lese eines der beiden Bücher weiter, die mir mein Held ausgeliegen hat. Schon ein Drittel habe ich hinter mir, als mich ein Besucher des Ladens fragt, ob ich die restlichen Stücke seiner Pizza essen würde, er sei schon satt. Ich freue mich und sage zu, bedanke mich und esse die beiden Pizzastücke. Ich glaube, dass das die beste Pizza ist, die ich je gegessen habe.

Der Bus ist da, ich steige ein und fahre in Richtung Wohnort. Während der Fahrt klingelt immer wieder mein Handy; es ist mein Vater, ich schalte auf lautlos und hebe nicht ab. Er würde hören, dass ich im Bus sitze. Doch er lässt nicht locker, ruft jede Minute an, wieder und wieder. Macht mich wahnsinnig. Natürlich, sein Sohn ist immer noch nicht da, doch ich habe ihm vor einer Stunde gesagt, dass ich bald da sein würde. Ich rede mir ein, dass ich ihn damit konditionieren könnte, indem ich nicht abhebe. Doch nichts Dergleichen.

Kurz vor dem Wohnort meiner Eltern schreibt mir Marie, eine meiner Freunde, mit denen ich — so sagten wir es jedenfalls zu meinen Eltern — über’s Wochenende nach Hessen verreist bin, eine SMS, in der steht, dass mein Bruder und mein Vater sie angerufen haben und sie ihnen sagte, dass ich schon unterwegs nach Hause bin. Scheiße, denke ich. Du bist aufgeflogen.

Im Wohnort sehe ich mich um; könnte ja sein, dass mein Vater irgendwo steht und nur darauf wartet, dass ich mich selbst verrate. Ich glaube niemanden zu sehen und steige aus dem Bus, und mein Bruder, der sich hinter einem Baum versteckt hat, rennt los nach Hause. Er hat mich erkannt. Ich werde gleich tot sein. Ich laufe nach Hause und versuche währenddessen eine Ausrede, einen Ausweg zu finden, doch das Denken ist mir nicht möglich. Er wird mich schlagen, er wird mich schlagen. Und da steht er schon an der Tür, auf mich wartend, wütend das Gesicht, die Körperhaltung aggressiv.

Ich sage: Was ist denn los? Vater sagt: Komm’ erst einmal in’s Haus! Ich streife meine Schuhe ab und lasse meinen Rucksack auf der Treppe zurück, gehe in’s Wohnzimmer und ziehe meine Jacke aus, setze mich, wie es mir befohlen wurde. Ich fühle mich, als sei dieser Moment die letzte Stunde meines Lebens, das erste und letzte Gericht, vor dem ich mich verantworten müsste.

Sie sagen mir, dass sie mich durchschaut haben, mich und meine Lügen, dass sie Bescheid wissen. Mir stockt der Atem. Sie sagen, dass ich gar nicht mit Marie nach Hause gefahren bin, sondern mit der Bahn, denn Marie habe ihnen am Telefon gesagt, dass ich schon unterwegs sei. Sie sagen, dass sie wissen, dass Marie noch dort geblieben sei, aber nicht, dass Marie das gesagt hat. Und das hat sie auch nicht, denn sie schrieb mir, was sie sagte. Und plötzlich reimen sich meine Eltern eine Ausrede zurecht und ich stimme und gebe zu, dass ich gelogen habe. Weil ihr mir eh wieder vorwerfen würdet, dass meine Freunde mich nur ausnutzen und stehen lassen! Lügen, alles, durch und durch.

Nach langer Diskussion glaube ich mich aus der Misere gerettet zu haben, doch dann verlangt Vater nach meinem Handy. Erst weigere ich mich, doch dann beuge ich mich, als er mir Schläge androht, mich sehr fest am Arm packt. Ich beuge mich, um nicht zu zerbrechen und händige mein iPhone aus, das einzige Etwas in meinem alten Leben, mit dessen Hilfe ich mit meinem neuen Leben, mit meinem Helden kommunizieren kann. Er verlangt nach dem Sicherheitscode und ich sage ihn auf, weil ich ihn selbst nicht eintippen darf. Er öffnet meine SMS-App und ich sehe schon mein Blut an seinen Händen kleben, doch glücklicherweise sind nur die Nachrichten von Marie zu sehen. Er hätte nur auf Zurück tippen müssen, um die Nachrichten an meinen Freund zu lesen. Bevor es soweit kommt, schlage ich vor, Marie zu schreiben, dass ich jetzt zu Hause bin und alles okay ist, sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Ich schreibe ihr die SMS, wieder eine Lüge, und zeige sie meinem Vater, schalte dann das Handy aus und gebe es ihm, sage, dass ich jetzt endlich auf’s Klo muss und gehe die Treppen hinauf und wecke den Computer aus dem Ruhezustand auf, gebe die Fernlöschung aller Daten meines iPhones in Auftrag und gehe dann sofort auf’s Klo, denn mein Vater kommt die Treppen hochgestürmt. Er fragt mich durch die Klotüre hindurch, wie meine PIN lautet, ich sage sie ihm und weiß, dass er mit der Eingabe dieser mein iPhone löscht. Und so geschieht es, ohne dass er es merkt. Alles ist fort, mein Handy ist ein Backstein in seinen Händen.

Im Wohnzimmer sagt mir mein Vater wieder einmal, dass er mir und nicht an mich glaubt, und dass aus mir nie etwas werden wird, ich scheitern werde. Er sagt, ich sei dazu verdammt, und nichts Anderes käme für mich in Frage. Du wirst versagen!

Zwei Wochen lang wird er mir den einzigen Gegenstand vorenthalten, ohne den es mir wirklich schwer fällt, das Real Life zu durchleben. Das ist eine harte Strafe, aber dennoch um Welten milder als die, die ich bekommen hätte, wäre die Wahrheit an’s Tageslicht gekommen. Hätte er nur den vorletzten Nachrichtverlauf gelesen, die Mail-App gestartet oder in das Kontaktbuch gesehen, wäre meine Welt in tausend Teile zersplittert. Ich wäre dann nur noch ein Trümmerhaufen, jämmerlich und ausgebrannt.

Ich habe mich wieder einmal gebeugt, um nicht zu zerbrechen, und ich bin es müde und so sehr leid. Diesen Text habe ich wie in Trance niedergeschrieben und bevor dieser Absatz entstand, habe ich sehr heftig geweint, wieder im Elternhaus, wieder zürück sein zu müssen. Dieser Vorfall kann niemals das Wochenende, das voller Freude und Lächeln gewesen ist, überschatten, trotzdem überwiegt im Moment der Schmerz, der daraus geboren wurde. Ich habe an die vielen und wahren Worte meines Helden gedacht und mir dennoch gewünscht, niemals in den Zug und zur Mitfahrgelegenheit gestiegen zu sein. Ich habe mir zum ersten Mal gewünscht, tot zu sein, damit ich endlich leben und in Frieden ruhen kann.


Ende eines Lebensabschnittes.

15. Juli 2011

Gestern habe ich mein Abschlusszeugnis erhalten, und obwohl ich selbst nur bedingt zufrieden mit meinen Leistungen bin, hätte ich gerne von meinen Eltern gehört, dass sie stolz auf mich sind. Stolz auf ihren Sohn, der sich den besten Abschluss in der gesamten Familie und Verwandtschaft erarbeitet hat, den drittbesten seiner Klasse. Ich hätte gerne ein Lächeln auf dem Gesicht meines Vaters gesehen, einen kleinen Funken Anerkennung, oder aus dem Munde meiner Mutter gehört, dass sie sich für mich und meine gute Durchschnittsnote freut, doch was ich stattdessen bekam, hat mich so sehr verletzt, dass ich aus dem Wohnzimmer gestürmt und mich unter meinem Kopfkissen in den Schlaf geweint habe.

Meine Eltern werden nie stolzer auf mich sein, als sie es in diesem Moment gewesen sind, und sie werden sich auch in Zukunft nicht für mich und meinen Lebensentwurf freuen. Das ist okay, damit kann ich mich abfinden, schließlich leben sie in einer ganz anderen Welt und haben andere Wertmaßstäbe als ich. Sie meinen es gut mit mir, und auch die Kritik an meinem Zeugnis, das weder befriedigend, noch sehr gut ist, war nicht böse gemeint, dennoch — und vielleicht gerade deshalb — verletzen sie mich mit ihrer Verhaltensweise.

Mittlerweile kann mir mein altes Leben nichts mehr geben, und ich weiß nun genau, weshalb ich innerhalb meines neuen Lebens als der Mensch, der ich bin, geschätzt und geliebt werde, doch solange ich mir die Realität schön reden und sie mit dem besten Freund glücklich trinken muss, werde ich nicht zufrieden sein. So möchte ich — falls das überhaupt möglich und kein naiver Wunsch ist — nie wieder leben müssen.

Ich stehe am bisher wichtigsten Wendepunkt meines Lebens, und bin gespannt, welche Überraschungen, Wunder und Enttäuschungen die Welt noch so auf Lager hat. Ich erwarte nicht viel, nur, dass es besser wird für mich. Und wie man mir gestern sagte: ich habe großes Glück mit mir.


Wie hast du denn gemerkt…

6. Juli 2011

Er hatte schon immer eine gewisse Anziehungskraft auf mich, doch erst im Januar merkte ich, dass ich wirklich auf ihn stehe.

Seit Langem schon schrieben wir DMs miteinander, doch wurde das mit der Zeit zu umständlich, also wechselten wir in den Chat-Client. So ging das viele Tage und Nächte, wochenlang, bis ich eines Morgens zitternd und schweißgebadet aufgewacht bin. Die Nacht war sehr lang gewesen, wir hatten bis in die Morgenstunden miteinander geschrieben, entsprechend war meine Müdigkeit. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, hatte Kopf- und Augenschmerzen, war verspannt bis in die letzte Muskelfaser. Mein Körper glich dem Innenleben einer Tiefkühltruhe und war nicht, wie ich ihn gewohnt bin. Ich stand auf und versuchte, mir die Kälte vom Körper zu waschen, mich zu enteisen, doch an meiner Empfindung änderte das wenig. Ich aß eine Banane und gleich noch eine und trank heiße Milch mit extra viel Honig, vielleicht brauchte ich einfach nur etwas Zucker, um zu mir zu kommen. Es roch überall nach Moos und Wald und Pilzen, als wäre es Herbst und als stünde ich mitten in einem Tannenwald zwischen Reh und Hirsch, aber das bildete ich mir nur ein. Kein Stückchen Musik konnte mich auf dem Weg zur Schule beruhigen, nichts, nicht einmal die Lieblingstitel schafften es. Die Busfahrt sollte lange dauern, die Zugfahrt würde noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Meine Hände fühlten sich glühend-heiß an, während es mich regelrecht schüttelte, als wäre ich schutzlos der Kälte Sibiriens ausgeliefert gewesen. Der Schnee, der damals fiel, war kein Schnee, er war nicht flockig und weich, sondern wie abgeriebene Seife-Stückchen, wie Glassplitter, hart und zackig. Er verletzte mich und kratze mir unverständliche Worte und Zeichen in die Haut. In der Schule saß ich nun und wusste nicht, was mit mir los und weshalb ich plötzlich so emotional war. An keinem Tag zuvor hatte ich einen derartigen Durst, eine solche Sehnsucht in mir gehabt. Ich konnte dieses Gefühl nicht stillen, ich wusste nicht wie und hätte geweint, wäre es mir möglich gewesen. Stattdessen versuchte ich mich abzulenken und rechnete Mathe-Aufgaben. Ich las die Formeln und Regeln und rechnete die selbe Aufgabe wieder und wieder durch, kam aber zu keinem Ergebnis. In meinem Kopf gab es keinen Platz für Rechenaufgaben; ich konnte nur an ihn denken.

Und dann hatte ich die Lösung: Ich war verliebt.


Formspring.

4. Juli 2011

Folgend acht Fragen und Antworten aus meinem Formspring-Profil, die ich sehr mochte und hier gerne festhalten würde, bevor sie in der Timeline untergehen.


Frage:

Hasst du deine Familie?

Antwort:

“Eure Ehre ist unser Leid.” (Die Fremde)

Obwohl ich sehr unter meiner Familie leide und sie mich traurig und depressiv macht, hasse ich meine Familie nicht. Dass sie so sind, wie sie sind, liegt nicht an ihnen selbst, sondern auch und vor allem an ihrem Umfeld und an ihrer Lebenswirklichkeit. Beide Elternteile wurden nach den Normen und Werten des türkischen Patriarchats erzogen, und obwohl auch sie ganz sicher darunter zu leiden hatten, leben sie in diesen Strukturen fort. Sie kennen es nicht anders; sie kennen nur die Welt, in der sie aufgewachsen und fest verwurzelt sind. Für sie ist das die ideale Lebensform; sie ist ehrenhaft, rein und traditionell. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, dass sie mich so behandeln, wie sie es für richtig halten. Schließlich denken sie, dass das die beste Art ist, einen Sohn zu erziehen. Meine Eltern lieben mich und meinen es gut mit mir, doch auf eine Art und Weise, die mir schwer zusetzt. Ich komme nicht damit klar, wie sie sich mir gegenüber verhalten und was sie tun und was nicht. Zum Beispiel schnürt sich mir der Hals zu, wenn mir meine Mutter davon erzählt, was sie meiner “Aussteuer” hinzugefügt hat. (Als Aussteuer bezeichnet man beispielsweise Gegenstände, die mit in die Ehe genommen werden.) Sie tut das aus Liebe zu mir, doch dass ich homosexuell bin und somit eine Ehe nach ihren Vorstellungen nicht in Frage kommt, weiß sie nicht. Es würde ihr das Herz brechen, würde sie davon erfahren, denn sie gibt sich soviel Mühe dabei, mir eine möglichst wundervolle Aussteuer bieten zu können. Mein Vater zum Beispiel träumt davon, dass er eines Tages mal ein Haus besitzen wird, indem er mit meiner Mutter im Dachgeschoss wohnt und ich und mein Bruder die jeweils anderen beiden Stockwerke mit unseren Familien besiedeln. Er malt sich das aus, wieder und wieder, und erklärt mir dann, dass er sich umentschieden hat und sich statt eines Apfelbaumes einen Kirschbaum wünscht. In all diesen Träumen fehlt die Wahrheit, die meine ist. ICH werde nicht in dieses System und auch nicht in die verwirklichten Träume passen, denn ich bin ein Sonderfall, in ihren Augen eine Schande: ich glaube nicht an Gott und bin zudem schwul, verachte das Patriarchat und dessen Konzept und finde keinen Gefallen daran, mich wegen eines Buches in meiner persönlichen Entfaltung einschränken zu müssen. (Wobei mich eher die Kultur und Tradition einschränkt, als der Koran.) Als ich mit 12 oder 13 Jahren für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt wurde, damit die eventuelle Homosexualität aus meinem Gehirn gewaschen wird, habe ich verstanden, dass mich das System nicht als Mitglied haben will, weil ich, wie ich es bin, das System in Frage stelle. Ich hasse meine Familie nicht, doch meine Familie würde mich hassen, wüsste sie die Wahrheit. Denn das System, die Gesellschaft, in der sie leben, schreibt ihnen vor, dass sie mich zu hassen haben. — “Wenn sie sich entscheiden müssen, wenn sie wählen müssen, zwischen dir und der Gesellschaft, sie werden sich nicht für dich entscheiden.” (Die Fremde) — Ich empfehle JEDEM, der sich auch nur im Ansatz für türkische Familienstrukturen interessiert, sich den Film “Die Fremde” anzusehen. Dieser Film ist von Anfang bis Ende WAHR, nichts darin ist übertrieben oder abgeschwächt dargestellt. Darin kann man sehr gut sehen, zu was das System fähig ist, wenn es sich in seiner Ehre und Würde bedroht sieht. Seht euch diesen Film an! Er ist der einzige seiner Art, der meine Noch-Wirklichkeit zeigt, wie sie ist. Sicher werdet ihr nicht glauben können, was ihr dort seht, doch ich versichere euch: es stimmt mit der Wahrheit überein und könnte mir genauso passieren wie hunderttausend anderen Türken und Türkinnen auch.


Frage:

Wann wirst du deinen Eltern sagen dass du schwul bist?

Antwort:

Ich habe nicht vor, es meinen Eltern zu sagen. Ich erachte das Outing bei ihnen als sinnlos. Wenn sie es wissen wollen, können sie mich ja fragen, doch von mir aus werde ich nichts sagen. Und solange es sich vermeiden lässt, werde ich mich bei ihnen nicht outen. Meinen zwei besten Freunden hingegen, Jes und Bene, habe ich es gesagt. Ich wollte, dass sie es wissen.


Frage:

Du erachtest das Outing als sinnlos? Oder willst du einfach keine Konfrontation, da ich jetzt mal (basierend auf deinen Erzählung von deiner Familie) glaube, dass sie unschön/aggressiv reagieren würden.

Antwort:

Genau, ich möchte Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, da meine Eltern vorerst sowieso nicht verstehen werden, warum ich so bin, wie ich bin. Ich fühle mich außerdem noch nicht stark genug, um mich bei ihnen outen zu können. Es lässt sich noch vermeiden, also werde ich es vermeiden. Und wenn es ‘rauskommt, müssen sie mich ansprechen. Auf diesen Tag werde ich warten und mir Prügel, Schläge und eventuell auch den Ehrenmord ersparen.


Frage:

Hey, wie sind denn deine Erfahrungen mit flittern auf twitter?

Antwort:

Hihihi. Da fragst du den Richtigen! Ich habe meinen Freund via Twitter kennengelernt. Ich denke, dass man auf Twitter Menschen auf einer besonderen Ebene kennenlernt; auf eine ehrliche, tolle Art. Dadurch, dass die Timeline öffentlich ist und jeder, man selbst und der (potenzielle) Partner, in die Runde spricht, entsteht ein großes Vertrauen zueinander, da man weiß, wie sich welche Person zu Anderen verhält, wie diese und jene Person die Möglichkeiten Twitters nutzt und wozu und so weiter. Auf Twitter kann sich das ganze Spektrum eines Charakters ausbreiten. Man lernt Menschen viel “breiter”, “satter” und “voller” kennen. Auch, wenn die Timeline einer großen Party gleicht, jeder vor sich hin brabbelt und viel gechattet und geschrieben wird, geht die Konzentration auf Einzelne nicht verloren. Twitter ist nicht so “laut” wie eine Party, nicht so “grell”. Twitter ist sanft und süß und lustig, und das sind doch gute Voraussetzungen, um jemanden kennenzulernen!


Frage:

Wusstest du schon vor deiner Beziehung, dass es ein Held sein wird und keine Heldin?

Antwort:

Im Alter von neun Jahren wurde meine Sexualität aktiviert. Es begann eine Zeit, in der Dinge wuchsen und sich Interessen entwickelten, in welcher Hormone in Massen durch meine Adern rauschten. Ich entdeckte meinen Körper und fand recht schnell heraus, was man mit dem Ding zwischen den Beinen so alles machen konnte. Und ich mochte, was man damit machen konnte, denn es bereitete mir Freude. Wie alle Jugendlichen in dem Alter (12 oder so) las auch ich die Bravo und sah mir die nackten Körper in der Dr. Sommer-Rubik an. Doch mit der Zeit interessierte ich mich immer weniger für die Mädchen, denn diese empfand ich bald schon als “langweilig” und “fremd”. Ich sah mir viel lieber die Jungs an, und wie deren Körper geformt und bestückt war. Mich interessierte, welche äußerlichen Merkmale die Genitalien anderer Jungen hatten, und was sie dazu sagten. Bald wurde mir klar, dass ich mich eher für Jungs als für Mädchen interessierte. Doch das konnte man natürlich keinem sagen, vor allem ich nicht als Sohn, der aus türkischen Hause kommt und in dessen Familie Kultur und Islam eine wichtige Rolle spielen. ‘Ne Zeit lang sagte ich mir selbst, dass ich bisexuell sei, doch das war nur eine Scheinbehauptung, die ich mir aus “Gewissensgründen” auferlegt hatte. Letztes Jahr habe ich viel nachgedacht und ein paar Updates in meinen Kopf eingespielt. Die größte Neuerung war, dass ich mir eingestehen konnte, dass ich homosexuell bin. Ich wusste also sehr genau, dass es ein Held und keine Heldin sein würde.


Frage:

Wenn du es könntest, würdest du gern unsterblich sein? Begründung.

Antwort:

Ich stelle mir Unsterblichkeit sehr schrecklich vor. Was wäre das für ein trostloses, sinnloses Leben, wenn am Ende keine Pointe, nicht der Tod steht? Ich wüsste nicht, was ich mit all der Zeit und mit all den Möglichkeiten anfangen sollte; das überfordert mich ja jetzt schon! Nein, ich möchte auf gar keinen Fall unsterblich sein. Ich glaube, dass man in der Unsterblichkeit sehr schnell den Sinn für Feinheiten und für das Besondere im Leben verlieren würde. Alles wäre irgendwie bekannt und würde gleich schmecken. Abläufe würden sich ständig wiederholen, eine unendliche Langeweile würde sich in mir ausbreiten. Gerechtigkeit, der Glaube an Wunder, Wissen, all das würde an Bedeutung verlieren. Die KOSTBARKEIT eines Lebens würde verblassen und nur noch dann durchscheinen, wenn man versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Nein, für mich bitte keine Unsterblichkeit.


Frage:

Wenn du dich entscheiden müsstest: aufs Herz hören oder auf den Kopf?

Antwort:

In ihrem Song “İki Gözüm” verleiht Sezen Aksu den Worten “Gönül ektiğini biçer” ihre Stimme. Dieser Satz, welcher soviel bedeutet wie “Das Herz erntet, was es zum Einsatz bringt”, ist so endgültig und vollkommen, dass jeder weitere Satz überflüssig erscheint, der versucht zu erklären, dass man auf den Kopf hören sollte.


Frage:

Wie fühlst du dich, wenn du ein “Nein” als Antwort erhältst?

Antwort:

Ich habe schon viele Neins in meinem Leben als Antwort erhalten und bin es mittlerweile gewohnt, damit umzugehen. Doch manchmal trifft mich ein Nein so stark, dass ich für ein paar Stunden unfähig bin, damit umgehen zu können. Das kommt selten vor, ist aber sehr schrecklich für mich, weil ich dann die Kontrolle verliere und zertrümmert bin. Letzte Woche ist mir so ein Nein passiert und ich habe sehr heftig geweint; geweint um alles, was war, hätte sein können und vielleicht nicht sein wird. Jetzt, Tage später, weiß ich, was ich tun muss, um dieses Nein zu kompensieren. Hoffentlich klappt’s. Und falls es nicht klappen sollte: es gibt viele Wege und Alternativen.


Der freie Fall.

29. Juni 2011

Seit Wochen schon träume ich, dass ich falle. Irgendwo hinein, irgendwo herab. Mal ist es ein dunkler Brunnen ohne Grund, mal eine Brücke über dem Meer. Manchmal stürze ich aus den Wolken, sehe Nebel unter mir und die Lichter einer Stadt; manchmal falle ich einfach nur vom Bahnsteig auf das Gleis. Doch zu Boden komme ich nie. Ich erreiche nie den Grund des Brunnens, schlage nie auf dem dunklen Meer oder den rostigen Schienen auf. Lande nie auf der Baumkrone einer alten Eiche. Ich schwebe einfach nur in der Luft, als wäre ich dort gefangen.

Ich kann mir diese Träume kaum merken, und am wenigsten kann ich sie mir erklären. Ich weiß nur, dass ich sie ab dem Nullpunkt nicht mehr hatte, und dass sie erst dann wieder zu mir fanden, als ich im Hause meiner Eltern schlief.

Ich würde gerne wieder etwas träumen, das mir keinen bitteren Nachgeschmack und eine Hand voll Grübelstoff hinterlässt. Etwas Schönes, das mich lächeln lässt, das mir Mut macht, mich stärkt.


Ohne Titel.

31. Mai 2011

Das Licht der Straßenlaterne scheint matt durch die weit geöffnete Fensterfront. Der Tag ist vor wenigen Stunden erloschen und nun legt die Nacht ihre beruhigende Stille über das Dorf, dessen kühles Rauschen mich an das Telefonat erinnert, welches ich mittags geführt habe. Das Rauschen der Leitung ist wie das Rauschen in meinem Kopf. Die Wanduhr tickt leise im Sekundentakt und die Zeit rinnt mit jedem Herzschlag ein bisschen schneller durch meine Blutbahnen. Bald werde ich den Nullpunkt erreicht haben.

Die schwere Bettdecke, die ich einst brauchte, um in den Schlaf gedrückt zu werden, lehnt schon seit Tagen an der kalten Wand und beherbergt all jene Sorgen und Ängste, welche in den letzten Monaten in Form von Schweiß und Tränen aus mir gewichen sind. Ich fürchte mich davor, sie auf mich zu nehmen, und so ziehe ich das seidene Licht der Straßenbeleuchtung auf mich und verzichte auf die schwere Bettdecke, in dessen Bezug ich einen großen Teil meines Wesens erkenne. Meine Hände ruhen müde auf meinem Schoß und leuchten schützend im Orange der Straßenlaterne; mein Bauch hebt und senkt sich mit jedem Atemzug. Ich schaue an die Holzdecke und sehe in meinen Sternenhimmel, der aus Kiefernholz besteht. Jede Maserung des Jahrzehnte alten Holzes hat ihre eigene Bedeutung, bildet mit anderen Flecken und Schatten ein Sternenbild, ein Netz der Erinnerung. Über mir ruhen die letzten sieben Jahre; still, stumm und leise.

Als ich frierend aufwache, draußen tiefschwarze Nacht, kein Licht, kein anbrechender Tag, ziehe ich die Decke doch auf mich und denke: solange ich sie am Morgen wieder ablegen kann, ist alles okay.


Samstag.

29. Mai 2011

Einige der eintreffenden Hochzeitsgäste erblicken meine Mutter und begrüßen sie, reden mit ihr über Dies und Jenes und dann über mich in der dritten Person. “Und, hat er denn schon eine Freundin? Er ist ja schließlich groß gewachsen und bald an der Reihe!” Ich stehe oder sitze fassungslos daneben und rege mich darüber auf, dass nicht ich, sondern meine Mutter gefragt wird; als ob sie meine Verwaltungs- und Auskunftsstelle und ich ein Mensch wäre, der nicht sprechen kann.
Jeder, der solche Situationen kennt, kann nachvollziehen, wie deprimierend das sein kann. Wie deprimierend es für mich ist. Ich ertrage es nicht, dass meine Mutter Unmengen an Geld in Aussteuer verschwendet und sich ausmalt, wie toll doch meine Hochzeit werden soll, wen sie einladen würde und wen nicht, was sie ihrer Schwiegertochter schenken würde. Denn all das wird es nicht geben. Als Sohn bin ich ein Verlustgeschäft.

Türkische Verlobungen bzw. Hochzeiten funktionieren so: man pinnt dem Paar mit einer Sicherheitsnadel Geld (mindestens 50 Euro, alles darunter ist ein Zeichen dafür, dass man das Paar nicht mag) oder Gold (ein Goldstück von hoher Reinheit, welches mindestens ein Gramm wiegen sollte) an, damit man später, bei der Verlobung bzw. Hochzeit der eigenen Kinder, das Verschenke wieder zurück geschenkt bekommt. Es ist also eine Art Geben und Zurückbekommen, nur dass darüber im wahrsten Sinne des Wortes Buch geführt wird. Auf einem Blatt Papier steht dann zum Beispiel, was man wem in welchem Zusammenhang geschenkt hat.
Die Schenkungszeremonie läuft so ab: die Gäste werden nach ein paar Stunden Tanz, Feiern und Essen dazu aufgefordert, eine Reihe zu bilden und das Paar zu beschenken. Mein Vater als Familienoberhaupt stellt sich also in die Reihe und übergibt das Geschenk, welches dann laut per Mikrophon von einem Mann kommentiert wird. “100 Euro von Familie […].” Jeder im Saal kann hören, wer was verschenkt. Es findet also eine Art Wettbewerb statt: wer hat wie viel und wer am meisten verschenkt, wer ist zur Zeit gut bei Kasse?

Auf derlei Ereignisse werden aus zwei einfachen Gründen so viele Menschen eingeladen: erstens, damit der Wert und das Ansehen des heiratenden Paares steigt, zweitens, damit die Gäste sehen können, wen sie auf ihre eigene Feierlichkeit einladen sollten.
Natürlich hat man auch Spaß auf so einem Ereignis, doch das ist in meinen Augen nur Fassade. Es geht um die Geschenke, nicht um den Spaß, nicht um die schöne Zeit miteinander, die man haben kann. Für mich ist das Folter.

Unsere und auch die Familie meines Onkels, wir werden so gut wie zu jeder Verlobung bzw. Hochzeit im Umkreis eingeladen, da mein Großvater ein bekannter und geschätzter Mann war. Und natürlich nehmen wir an allen Veranstaltungen teil, damit unsere eigenen gut besucht werden. Deshalb werde ich auch immer mitgeschleift; ich muss nett sein und eine gute Figur machen. Ich soll lernen, wie das alles abläuft, mir die Gesichter und die Bräuche merken.
Doch das will ich nicht, denn ich werde nicht heiraten; zumindest nicht so, wie es sich meine Eltern und auch alle Anderen vorstellen, sollte ich überhaupt jemals heiraten. Ich habe in den letzten zwei Jahren herausgefunden, dass ich auf Männer stehe, und dass sich dieser Zustand weder mit Familie, noch mit der Religion der Familie vereinbaren lässt.

Das ganze Geld und Gold, das meine Eltern in dem Glauben, sie würden es auf meiner Verlobung und Hochzeit wiederbekommen, verschenkt haben und auch weiterhin verschenken werden, all das werden sie nie wieder sehen. Als Sohn werde ich eine große Enttäuschung für Familie und Verwandtschaft sein. Eine Schande, etwas Schlechtes, das es auszurotten und zu vergessen gilt. Meine Eltern werden sich entwürdigt fühlen und verletzt sein, sollten sie je die Wahrheit erfahren. Und das ist das Schlimmste: ich möchte nicht, dass sie meinetwegen leiden, doch einen Ausweg gibt es nicht. Entweder, ich gehe meinen Weg, oder ich gehe den Weg, der mir vorgegeben wird. Welchen Weg ich schon längst eingeschlagen habe, ist mehr als deutlich.

Es ist so unheimlich deprimierend, dass ich diese Folter durchleiden muss, dass ich ständig zu hören bekomme, wie das denn bei mir sein würde, wann ich vorhätte, zu heiraten, wie viele Kinder ich haben möchte, welche Musik auf meiner Hochzeit spielen soll. Das raubt mir alle Kraft und Freude, und es fällt mir schwer, zu lächeln. Manchmal denke ich, dass ich das Lachen verlernt habe.

Ich fühle mich so sehr eingeengt und unter Druck gesetzt, dass ich Angst davor habe, unter all der Last zusammen zu brechen. Was auf mir lastet ist nicht zu ertragen und der einzige Weg in die Freiheit ist, es zu durchleiden. Und mit jedem Wochenende, mit jeder Verlobung und Hochzeit gewinnt die Bürde an Wucht.
Gestern lag ich zehn Minuten weinend auf dem Dachbodens des Gemeindehauses, in welchem die Verlobung eines Verwandten stattfand. Von Unten schlug sich der basslastige Sound der Musik in meinen Schädel und von Oben drückte mich die Welt nieder.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu fühlend bin, ob ich nicht härter werden sollte. Und immer muss ich an diesen Satz denken:

“Man muß härter werden,” sage ich, und Frau Engel antwortet: “nein, weicher. Weicher.”


Verpflegung inklusive.

29. Mai 2011

Ich sage Guten Morgen! und stelle meine Saftflasche auf den Tisch, packe Bonbons, Aspirin und diverse Schreib- und Zeicheninstrumente für die Prüfung aus und schaue auf meine Hände, als David plötzlich meinen Oberarm umfasst und mit einem erschreckend freundlichen Psychoblick sagt: “Guten Morgen, Heartcore! Ich brauch’ dich, kann ich dich buchen?!”

Erst begreife ich nicht, was er mir zu sagen versucht, doch als es Klick! macht in meinem Köpfchen, sagt er, bevor ich ein Wort der Nachfrage sprechen kann: “Weißt ja, mein MacBook ist so lahm. Und da wollte ich dich fragen, ob du nicht mal Lust hast, zu mir nach Hause zu kommen. Wir könnten das Ding wieder auf Vordermann bringen, Filme schauen und reden. Ich wollte eh schon immer mal etwas mit dir unternehmen! Verpflegung inklusive!”

Ich schlucke und versuche den Schock zu verkraften, und weil ich kipple, falle ich fast vom Stuhl. Gerade so noch kann ich mein Gleichgewicht halten und Ja, klar! sagen, während ich WAS, WIE JETZT?! denke. David, der nun lacht, tätschelt mir den Kopf und gibt von sich: “Ganz ruhig, Heartcore! So schlimm wird’s schon nicht werden!”


Ich finde es erstaunlich, dass David auf mich zu gekommen ist und mich zu sich nach Hause (!) eingeladen hat, mir also zuvor gekommen und den ersten Schritt in Richtung Kontakt halten gegangen ist. Als hätte er das Blog hier gelesen; was mit Sicherheit nicht sein kann.
Freut mich sehr, dass es ihm nicht nur um den Computer-Support geht, sondern auch darum, dass wir Zeit miteinander verbringen, reden. Wie Zwei, die vielleicht ja doch Freunde werden.


Sagenhafter Zufall.

28. Mai 2011

Der Blick meines Vaters, als der kleine, süße Sohn des Gastes, vielleicht drei, vier Jahre alt, auf die Frage, wen er denn im Kindergarten am meisten liebe, mit Florian! antwortet.

Der Sprung meines Herzens, als der kleine Sohn lächelnd und selbstbewusst seine Antwort wiederholt.


Wirbelsäule.

24. Mai 2011

Mein Gedächtnis ist eine der Eigenschaften an mir, die ich sehr mag, denn ich kann mich sehr gut an alles Mögliche erinnern und mir sehr leicht Dinge und Erlebnisse merken. Vokabeln zum Beispiel lerne ich immer am Tag des Vokabeltests im Bus, indem ich sie zweimal lese. So geht es mir auch mit Textabschnitten in Büchern und in Blogs, mit Tweets und auch mit gesprochenen Inhalten. Am besten kann ich mir Musikstücke und die Texte dazu einprägen.
Manche Menschen finden diese Eigenschaft sehr unheimlich, andere beneiden mich dafür. Ich mag diese Eigenschaft, denn was mir lieb und teuer ist, das ist sicher in mir aufbewahrt. (Und leider auch das Gegenteil davon.)

Es müsste 2001 gewesen sein, als der Hausarzt unseres alten Wohnortes bemerkte, dass etwas mit meiner Wirbelsäule nicht stimmt. An dieses Ereignis kann ich mich noch sehr genau erinnern; ich weiß, dass der Arzt sagte, meine Knochen seien verrückt. Meine Mutter war während der Untersuchung im Raum und hat für mich einen Überweisungsschein zum Orthopäden bekommen. Als Belohnung dafür, dass ich die Untersuchung tapfer durchgestanden habe, durfte ich mir etwas aus der Du warst tapfer und nun darfst du dir ein Geschenk aussuchen!-Box greifen. Mein Geschenk war ein Schlüsselanhänger in Form eines Skelettes.

Dieses Ereignis ist als bedeutend in meinem Gedächtnis verzeichnet, denn seit Jahren schon plagen mich Rückenschmerzen, weil meine Wirbelsäule noch immer verrückt ist. Meine Eltern sind nicht mit mir zum Orthopäden gegangen, weil sie der Meinung waren, dass die zu verschreibende Krankengymnastik etwas für Kranke und nicht für ihren Sohn sei. So blieb das dann…

…bis ich 2010 selbst an meine Gesundheit denken konnte und zum Orthopäden gegangen bin. Leider viel zu spät. Der Orthopäde sagte, dass meine Knochen ihre Wachstumsphase hinter sich hätten und sich an meiner verrückten Wirbelsäule nichts mehr richten ließe. Meine einzige Chance gegen die Rückenschmerzen sei der Aufbau einer guten Rückenmuskulatur mittels Schwimmen, Krafttraining und Fitnessstudio.
Das waren keine guten Nachrichten. Zurück vom Arzt und am Esstisch erzählte ich davon und mir wurde gesagt, die Rückenschmerzen würden daher kommen, dass ich kaum mein Zimmer verlassen, dem Vater nicht beim Handwerk helfen und nicht unter Menschen gehen würde. Was durchaus sein kann, aber nicht stimmt. Es liegt an meiner Wirbelsäule.

Seitdem ich einen Grund habe, versuche ich regelmäßig schwimmen zu gehen, wie man hier manchmal lesen kann. Ich mag das sogar, es gibt mir Ruhe und Frieden. Doch in den letzten Monaten hatte ich weder Lust, noch die Kraft für Regelmäßigkeit. Ich habe das Schwimmen vernachlässigt. Und das hat sich am Montag in sehr starken Rücken- und Schulterblattschmerzen geäußert; ausgerechnet einen Tag vor der zweiten Prüfungswoche.
Morgens bin ich sehr verspannt und von Schmerzen durchsetzt aufgewacht, und wusste mir nicht zu helfen. Ich habe ein paar Aspirin eingenommen und bin sehr heiß duschen gegangen, doch geholfen hat das wenig. Erst mittags habe ich Entspannung verspürt; Reizstromtherapie beim Hausarzt. Jetzt muss ich fünf Tage lang in die Praxis, um diese Woche schmerzfrei meine Prüfungen schreiben zu können.

Vielmehr als mein Rücken schmerzt mich die Tatsache, dass sich an diesem Zustand nichts mehr wird ändern lassen. Einzig der große Aufwand eines Muskeltrainings kann mir noch helfen; und das auch nur solange, wie ich die Muskeln zu behalten weiß. Das ist nichts Schlechtes, doch wäre das nicht nötig gewesen, hätten meine Eltern an mich und nicht daran gedacht, wie es wohl bei Anderen ankommen würde, wenn ihr Sohn in die Krankengymnastik geht. Meine Wirbelsäule wird sich nie wieder reparieren lassen und mit dieser Schwachstelle muss ich nun ein Leben lang leben.

Ich wurde heute sehr wütend, als dieser Satz fiel: “Stimmt doch gar nicht! Wir waren nie deshalb beim Hausarzt, das bildest du dir nur ein, wie alles andere auch! Nur du trägst Schuld an deinen Rückenschmerzen! Du gehst ja auch nie ‘raus! Also beschwer’ dich gefälligst bei dir!”
Mir wird also meine liebste Eigenschaft abgesprochen, und es wird behauptet, dass ich mich irre bzw. dass ich lüge! Und obwohl ich vorhin mit Reizstrom behandelt wurde, habe ich jetzt wieder Rückenschmerzen wie am Montagmorgen. Ich glaube, die Wut auf meine Eltern und die Wut auf mich, beides strahlt auf meinen Rücken ab.

Und so liege ich hier, zwischen Hass, Wut und Verzweiflung, eingeengt von Leid, Vorwürfen und einem Leben, das ich nicht gerne lebe, und denke an den berühmten Satz des Schriftstellers Jonathan Safran Foer, während ich nirgendwo lieber wäre, als bei dem Träger meines Herzens; als dort, wo ich für das geliebt werde, was ich bin.

Sometimes I can hear my bones straining under the weight of all the lives I’m not living.

Mit diesem Satz ist alles gesagt.

Die Wirbelsäule des Heartcore, 2010.

(Ja, das ist meine Wirbelsäule.)


29:17:58:52.

20. Mai 2011

Ich komm’ einfach nicht mit dem Gedanken klar, dass es nicht ist, wie sein sollte: ich bei dir, physisch. Diese Ferne tut mir jetzt schon sehr weh, und auch wenn wir nie wieder so fern sein werden wie jetzt, bleiben wir das. Ich habe eine sehr große Angst davor, dich auf dem Weg in meine Freiheit als Partner zu verlieren. Dass du es nicht mehr aushältst, dass es zu Ende ist, bevor wir es miteinander ausleben können, nicht nur fünf und ein paar noch unbestimmte Tage lang. Mir geht es wie dir, mit dem Denken, Träumen usw. und es freut mich zu hören, dass du mich “anders, tiefer und breiter” liebst, es lässt mich lächeln. Du wirst nicht “verschwinden”, das weiß ich. Und dennoch habe ich Angst. Gestern hatte ich diese Angst nicht, gestern war alles gut und ich hatte keine Sorgen. Doch jetzt, wieder einen Tag in diesem “RL” und alles ist stärker als zuvor. Ich sehe die Zeit hier in diesem RL als Verschwendung an und würde diese Zeit gerne bei dir sein, etwas Tolles, Schönes und Erfüllendes erleben, anstatt nur die Tage zu zählen.


Die Eule und der Durst.

19. Mai 2011

Als ich sie umarme, drückt sie mich fest an sich und streichelt mir den Rücken, während mein Kopf auf ihrer Schulter ruht. Ich schließe meine Augen und atme den zarten Duft ihres Nackens ein und verspüre eine starke Gänsehaut, die um ein Vielfaches an Kraft gewinnt, als er mich von hinten umarmt und uns Beide in Sicherheit und Liebe wiegt. Umschlossen von starken Armen und zwischen zwei schlagenden Herzen denke ich an den Satz, der bis zuletzt mein Leben beschrieb — Alles fesselt mich und nichts hält mich — und fühle mich so frei und leicht wie noch nie zuvor; trage weder Last, noch Sorge in mir. Ich glaube zu schweben und weiß, dass Glück sich genau so anfühlen muss.

Ich küsse sie auf die Stirn und ihn auf die Wange.

Genau einen Tag später, also jetzt, vermisse ich dieses Hochgefühl, diesen großen Moment des Glückes so sehr, dass ich wieder in das alte Muster zurückfalle und mich in die Arme der Traurigkeit flüchte.

Alles fesselt mich und nichts hält mich.


Crushdiät.

17. Mai 2011

In weniger als einem Monat wird die letzte Prüfung geschrieben und meine Schulzeit offiziell zu Ende sein. Zwei Schuljahre, eine Depression und ein Klassenzimmer voller Idioten werden als Vergangenheit in meiner Erinnerung verweilen; zwei Schuljahre, die mich eine Menge an Kraft, viel Zeit und ein paar Freundschaften gekostet haben.

Ich habe in diesen zwei Jahren viel verloren, doch ist das Verlorene winzig neben all dem, was ich gewonnen habe. Und nein, in dieser Schule habe ich nichts für’s Leben gelernt. Alles, was ich in den zwei Jahren per Definition für’s Leben hätte lernen sollen, habe ich mir selbst beigebracht bzw. wurde mir von den Leuten vermittelt, denen ich glücklicherweise dort begegnet bin, wo ich sein kann, wer ich bin: hier im Internet.

Zwei Freunde habe ich in den zwei Jahren für mich gewonnen: Jes, das expressive Frauenwunder, und Bene, den klugen Sportler, der gleichzeitig der Jüngste in der Klasse ist. Mein Verhältnis zum Rest des Klassenverbandes ist eher bescheiden: ich bin freundlich, doch habe ich kein Interesse an ihnen.

Wobei… morgen wird mir David ein letztes Mal nahe sein, denn morgen ist der letzte normale Schultag vor den Prüfungen. Ich werde David und seinen Körper nie wieder bewundern, ihn nie wieder riechen und fühlen können. Diese Zeiten sind vorbei.

Am ersten Schultag habe ich mich von meinem Begehren leiten lassen und bin David gefolgt, nachdem verkündet wurde, dass ich mit ihm und ein paar Anderen eine Klasse bilden werde. David war der erste Mann, der mich schlagartig glühend machte, und ich weiß noch, wie stark die Erektion damals war, als ich ihn das erste Mal sah. Ich folgte meinem Begehren und wurde sein Sitznachbar.
In den folgenden zwei Jahren hat sich zwischen uns wenig verändert. Er ist nun 23, ich bin 18 geworden. Er ist schon immer zurückhaltend, klug und reif gewesen, ich lerne das zu sein. Anfangs rauchte er noch, jetzt raucht nicht mehr. (Ich weiß nicht, ob das etwas mit seiner sehr ernst gemeinten Frage zu tun hat, ob es mich störe, dass er raucht. Ich sagte, ich sei nicht so sehr erfreut davon.)

Und verdammt, David sieht noch immer unfassbar gut aus, auch ohne dass er so athletisch ist wie damals. Knuffig ist er geworden und wohlbeleibt, trägt einen leichten Bauch mit sich. Und bis heute ist mir kein Mann begegnet, an dem ein Vollbart so schön und so gepflegt aussieht wie bei David. Er ist noch immer wie Jake Gyllenhaal in tausend Mal schöner und begehrenswerter, und ich könnte hier noch stundenlang schwärmen und ihn und seinen Körper beschreiben, doch was letztlich zählt, ist: In diesen zwei Jahren hatte ich nie ein enges Verhältnis zu ihm. Wir waren mehr Kumpels als Freunde; wir haben nie über das gesprochen, was ich mit ihm gerne gesprochen hätte. Ich habe oft versucht und versuche es noch immer, ihm auf selber Augenhöhe entgegen zu treten; manchmal waren wir das, manchmal nicht. In seiner Gegenwart wurde ich still; David liebt die Ruhe und so wollte ich ihm ein ruhiger Sitznachbar sein. (Und ihn ganz still beobachten.)

Ich bereue aber, in Sachen Freundschaft nie auf ihn zu gegangen zu sein, weil ich es nicht konnte. Natürlich haben wir oft und täglich gesprochen, doch zumeist waren das leere Gespräche ohne wirklichen Inhalt. Mir ist bewusst, dass David nicht auf Männer steht und bereits verlobt ist, doch hätte ich ihn trotzdem gerne als Freund gewusst. Ich bereue es so sehr, ihn zwei Jahre lang nur still bewundert und angehimmelt zu haben; in der Zeit hätte ich ihm ein guter Freund sein können.

Es schmerzt, ihn gehen zu lassen. Mir werden all die Momente fehlen, in denen er mitfühlend war, reines Herz zeigte. Natürlich, er war schön anzusehen, doch nicht das macht ihn zu dem David, der er ist; sein Verstand und sein Verhalten, die Art, wie er beispielsweise spricht und sich auszudrücken weiß oder wie er mit mir umgeht, das zeichnet ihn aus. Sein Aussehen macht ihn lediglich attraktiver.

Ich bin nicht verliebt in David, doch dass ich noch immer einen Crush auf ihn habe, das kann ich nicht leugnen. Den Platz in meinem Herzen, den ich ihm gerne geschenkt hätte, habe ich an einen Anderen vergeben. Dennoch ist David der begehrenswerte Mann, der er schon immer war. Ich habe die Zeit neben ihm sehr genossen und denke, dass ich ein guter Sitznachbar für ihn gewesen bin.

Was ich am meisten vermissen werde, ist dieser milde Frieden, den sein Anblick in mir auslöste. Und dieses Lachen, wenn er mit hochgezogenen Augenbrauen und Stirnfalten zum Dahinschmelzen sagte, dass ich wieder einmal provokativ süß sei.

Mir stellt sich jetzt die Frage, was ich tun kann, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Tipps?


Lesetipp.

7. Mai 2011

frage” von Frau engl.


Der Leichnam eines Sohnes.

6. Mai 2011

Bald ist der Wall hoch, groß und echt genug, um mich allumfassend schützen zu können, und bald bin ich stark, mutig und klug genug, um den Fortschritt zu wagen. Und wenn dieses Bald dann ist, wird von mir nur noch der Wall zurück bleiben, denn ich werde fort gehen und hinter mir lassen, was mich schmerzt.


Treppenstufen.

30. April 2011

Ich stehe früh auf und gehe zur Mathenachhilfe, lerne drei Stunden für mich und laufe wieder nach Hause, wecke meinen Vater und schmiere mir und meinem Bruder Brote. Ich schreibe ein wenig an meiner Abschlussarbeit weiter und werde dann mit in die Moschee geschleift, Gott sei wichtiger.

Ich sitze zwischen knapp tausend Gläubigen und lausche der Predigt. Muhammed sei ein Spiegel, und wenn man selbst ein richtiger Muslim sei, so könne man sich selbst in diesem Spiegel erkennen. Erfülle man nicht die Pflichten eines Muslims, so könne man sich in Mohammed nicht wieder erkennen. Es sei die Pflicht eines jeden Muslims, ehrlich, aufrichtig und herzlich, für den Frieden und gegen alles Schlechte zu sein, das Schlechte zu vermeiden und es zu verhindern, indem man gut handle und ein gutes Verhältnis zu Mitmenschen und Umwelt habe, Ehre und Stolz bewahre, den Weg Gottes gehe. Es sei eine unverzeihliche Todsünde, die Existenz Gottes zu bezweifeln, und wer von dessen Wegen abkomme, der sei für immer verdammt, habe einen ewigen Platz in den ewigen Gluten des ewigen Feuers.

Mittlerweile schmerzt mich der Gedanke an dieses Feuer nicht mal mehr, mittlerweile gibt es nämlich kein Feuer in meinen Gedanken, in dessen Flammen ich bis in alle Ewigkeiten leiden muss.
Ich frage mich, weshalb mir schon mehrere Leute sagten, die Menschen in den vorderen Reihen der Moschee würden mehr “Punkte” für ihre Hingabe erhalten. Ich frage mich, welcher Gott nach so einem Punktesystem seine Jünger bewerten und welchen Sinn das haben könnte. Das Hungern am Tage während des Ramadans halte ich für ziemlich sinnlos, da man sich von abends bis morgens zuspachtelt bis der Bauch zu platzen droht. Wie soll man da nachvollziehen können, wie sich jemand fühlen muss, der keine Möglichkeiten hat, drei Malzeiten am Tag und mal hier und mal da etwas zu essen; wie es für jemanden sein muss, zu dursten? Zumal in keinem Monat des Jahres so viel und gut gekocht wird, in fast schon perversen Mengen, von denen genau nichts übrig bleibt. Wäre es nicht “menschlicher”, seine Nahrung, diese fast verschwenderischen Massen, mit Fremden und Hilfebedürftigen zu teilen, als “Punkte” zu sammeln, die man gegen das so genannte Paradies einlösen kann? Wäre man nicht ein besserer “Muslim”, wenn man sich nicht für Gott, sondern für sich, seine Mitmenschen und die Welt um einen herum bemüht?

Ich frage mich meine Fragen und gehe meinen Gedanken nach, während ich mich von Außen betrachtet für Gott bemühe, wie es sich in den Augen derer gehört, zu denen sich meine Familie zugehörig sieht.

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Zu Hause angekommen, muss ich erst die Reste der von den Wänden heruntergerissenen Tapeten in blaue Säcke räumen und die Treppen grob fegen, damit mein Vater gründlich saugen kann und bevor ich an meiner Abschlussarbeit weiterschreiben darf. Als der Müll in den Müllsäcken und die Treppe schon zur Hälfte gefegt ist, sagt mein Vater von oben herab, dass ich schneller machen solle. Ich sage, dass ich doch gleich fertig bin und er brüllt mich an, ich solle auf meine Antworten achten. Ich sage nichts und fege weiter. Später bin ich fast fertig und fege nochmals vom oberen Stockwerk zum unteren herunter und stolpere über eine Treppenstufe, um dann gleich zu hören, ich solle langsam machen. Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich schneller oder langsamer machen soll. Ich kann das ganz gut alleine und brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun soll!, sage ich und er brüllt: Achte auf deine Worte! Was ist das eigentlich für ein Zustand, den du in letzter Zeit an den Tag legst? Gefällt mir gar nicht. Sei endlich ein Mensch! Ich schweige, schweige, schweige.

Damit er nicht sagen kann, ich hätte meine Aufgabe nicht gründlich erledigt, frage ich ihn nach dem Staubsauger. Ich mach’ das schon, du kannst das eh nicht gründlich. ORR!, denke ich mir und sage: Natürlich kann ich das! Warum glaubst du denn nicht, dass ich es kann? Ich werd’s dir zeigen! Er nickt mit dem Kopf, als wolle er mich abschütteln, sieht nicht mich, sondern seinen Bildschirm an und sagt: Jaja, jetzt geh’ und mach’ einfach.

Und als ich die gefegten Treppen mit dem Staubsauger hochsteige, steigen mir Tränen in die Augen. Warum glaubt er nicht einmal an mich? Ich nehme den Staubsaugerdeckel ab und lasse im Bad kaltes Wasser hineinlaufen. Auch ein paar Tränen fallen in den Behälter. Ich werd’s ihm beweisen!

Ich sauge so gründlich ich nur kann, steigere mich so richtig in meine Aufgabe und spreche im Kopf mit meinem Vater.

Ich bin dein Sohn, wider Gott und homosexuell, all das, was für dich die Definition des Schlechten ist. “Vom Teufel besessen…!”, so würde mich der Prediger von heut’ Mittag beschreiben. Aber weißt du, ich BIN ein MENSCH und ich HABE ein HERZ. Und ich bin mir sicher, dass mein Herz gut ist, dass ich gut bin. Du kannst dir aber nicht vorstellen, wie sehr es mich schmerzt, dass ich in deinem Weltbild “schlecht” bin.

Mir laufen viele Tränen über das Gesicht, so wütend und verzweifelt bin ich. Du wirst schon sehen! Und weil Staubsaugen nicht gründlich genug ist, nehme ich mir einen Eimer Wasser mit Allzweckreiniger zur Hand und putze den Boden, die Treppen und das Geländer. Ich möchte kein Ich bin stolz auf dich! hören, sondern ein Hast du gut gemacht!, Prima! oder Ui, ist das sauber hier!. Nein, nicht einmal das will ich. Ein Lächeln für mich, das würde mir schon reichen.

Und als ich fertig bin, bin ich ziemlich stolz auf mich, weil Flur und Treppen sauber und rein und glänzend sind. Gut gemacht!, sage ich mir und räume den Eimer weg und leere den Staubsauger aus.

Ich lege mich auf mein Bett und warte darauf, dass mein Vater die Stille im Flur bemerkt und nach mir ruft. Wie schlecht geht es mir denn wirklich, dass ich nach Anerkennung kreischen muss?, denke ich gerade, als mein Vater im Flur herum werkelt und mich wenig später ruft.

Ich gehe die Stufen herunter und alles, was er sagt, ist: Hier, fünf Euro, geh’ mir Kippen holen.


“Wenn ich…” von Erich Fried.

29. April 2011

Wenn ich jetzt stark bin
will ich dich
vor der Kälte zudecken
mit mir

und wenn ich jetzt schwach bin
will ich mich
verstecken
bei dir und in dir

wenn ich jetzt klug bin
will ich dein Schutz
gegen jede Gefahr sein

und wenn ich jetzt dumm bin
will ich
dein Nichtsnutz
und dein Narr sein


Dunkle Stunden.

24. April 2011

Er fragt sie nach ihrem Handy, sie sagt, es liegt in ihrer Handtasche. Er greift nach der Tasche, sucht das Handy und findet es, speichert seine Nummer ein und geht in die SMS-Anwendung, tut so, als ob er ihre Nachrichten lesen würde. Sie bemerkt das und es gefällt ihr nicht, sie versucht ihm das Handy zu entnehmen, er gibt sich stark und sie schwächelt, und als er aufsteht, um in das nächste Stockwerk zu flüchten, folgt sie ihm, schließlich will sie ihr Handy wieder haben.

Eine Stunde später mischen sich die Beiden wieder unter die Menge. Außer mir ist keinem der fünfzehn Partygäste das Fehlen der Beiden aufgefallen — jeder scheint mit sich selbst beschäftigt; mit sich, dem Alkohol und den Hormonen, deren Auslöser das jeweils andere Geschlecht ist.

Ich verspüre weder Hormone, noch beschäftige ich mich mit mir oder dem Alkohol. Ich verbringe den Abend damit, meine Freunde und die Freunde des gastgebenden Freundes zu beobachten.

Kurz vor Zwölf verlasse ich das Haus des gastgebenden Freundes und gehe in den Wald, um dort Frieden zu finden. Ich fühle mich frei und glücklich in der Orientierungslosigkeit, kann tief ein- und ausatmen, Ruhe genießen. Die Nacht ist sternenklar und das Laub unter meinen Schuhen knistert leise. Im Wald, da rauscht und raschelt es, doch Angst empfinde ich erst, als das niederschmetternde Gefühl der Realität meine Lungenflügel eindrückt und ich mich verloren und einsam fühle.

Die Lichter auf den Straßen und in den Häusern sind schon längst erloschen, als ich müde in’s Bett falle.

Gegen drei Uhr morgens schleicht sich mein Vater in das Zimmer und beschlagnahmt meinen Computer, in der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken. Im Wohnzimmer sieht er sich meine Dateien, Chats und Mails an, während ich ein Stockwerk höher aus Angst kaum atmen kann.

Bin ich vorsichtig genug gewesen? Habe ich das DiskImage ausgeworfen, die Chats gründlich archiviert, Blog-, Reader- sowie Twitter-App nach der letzten Nutzung unsichtbar gemacht? Wird jetzt alles auffliegen, muss ich den Sommer vergessen? Werde ich diese Nacht überleben?

Erst zwei Stunden später legt mein Vater das MacBook zurück und geht in’s Bett. Nach wenigen Minuten der Erleichterung schlafe ich ein und träume vom Sommer, als ob dies der letzte Traum meines Lebens wäre.


Regenstraße.

16. April 2011

Seine Hände halten ihn an der Stange, als der Bus zum Stehen kommt. Stramm steht er da und beißt sich auf die Lippe, mich dabei musternd, als sei ich der Zünder seines Begehrens. Mein Herz schlägt große Wellen und er merkt das, sieht das und reizt es vollends aus; er lächelt mir direkt in die Augen, ich erweiche und weil ich es nicht aushalten und glauben kann, schließe ich meine Augen, um der Anziehungskraft seiner Arme zu entkommen.

Ich höre das stumpfe Auslösegeräusch der Haltewunschtaste und als ich meine Augen wieder öffne, ist er schon ausgestiegen, ehe ich noch einmal sein rauhes Gesicht und seinen Bartwuchs bewundern konnte. Der Bus steht still und rührt sich nicht von der Stelle, und so sehe ich dem fremden, schönen Mann dabei zu, wie er seines Weges nach Hause geht, in der trüben Dunkelheit des ermattenden Tages erlischt und nur noch ein Schatten in den Winkeln meiner Augen ist.

Der Bus fährt weiter in Richtung Regenstraße; währenddessen halte ich Ausschau nach dem Mann, der mich hat flammend sitzen lassen in einem Bus mit mir als einzigen Fahrgast. Oh Wunder!, denke ich und sehe den Mann vor einem Fachwerkhaus stehen und in einen Briefkasten lugen. Er findet nichts darin, weder einen Brief, noch eine Art Werbung, schiebt die Holztüre auf Höhe seines Schrittes in den Hof und geht wahrscheinlich durch die erste Tür in’s Haus; doch das sehe ich nicht mehr, der Bus hat an Fahrt gewonnen und lässt meinen Blick unweigerlich weiterziehen. Ich drücke erzürnt die Haltewunschtaste und steige an der nächsten Haltestelle aus, laufe den ganzen Weg zurück und habe nur eines vor Augen: den Mann.

Als ich vor dem Fachwerkhaus stehe, lese ich leise seinen Namen vom Briefkastenschildchen und gehe weiter in den Hof, stehe aufrecht vor der Tür, durch welche er hindurch gegangen sein muss, und zögere kurz, wie immer in solchen Momenten. Zitternd drücke auf die Klingel und der fremde, schöne Mann öffnet die Türe und ist mir auf einmal gar nicht mehr so fremd. Er wundert sich, und gleichzeitig wundert er sich nicht. Ich trete wortlos ein in’s Haus und wir schlafen miteinander.

Ich schlucke, während er mich ansieht. Ich glühe.

Und dann ist der Traum zu Ende.


Im Posteingang.

11. April 2011

Ich hatte dich erwartet, denke ich und lese Wort für Wort und Zeile um Zeile, lese Buchstaben und Sätze und versuche Hintergrundgedanken zu erkennen, lese zwischen den Zeilen, in den Smileys und den vielen Informationen, die dich mir gegenüber weniger fremd machen, und erlebe das stärkste Déjà-Vu seit jeher.

Aufgewühlt gehe ich schlafen.


Einschüchternd.

2. April 2011

Ich stehe seinem athletischen Körper gegenüber, bewundere Bauchmuskulatur, Oberarme und Beine, seine Körpergröße und seinen üppigen Schwanz. Ich, mit meinem durchschnittlichen Körper, komme mir Fehl am Platz vor und fühle mich unwohl angesichts des Gleichaltrigen, welcher wie ein griechischer Gott vor mir steht und nichts tut, außer sich zu duschen. Er beachtet mich nicht, merkt nicht einmal, wie gebannt ich ihn anstarre. Als wäre sein Anblick ein seltener, versuche ich mich satt an ihm zu sehen, verspüre gleichzeitig aber auch das Gefühl, ihm um Welten unterlegen zu sein. Je länger ich ihn bestaune, desto mehr schüchtert er mich mit seinem Körper ein. Ich fühle mich minderwertig.

Als er den Duschraum verlässt, verbleibe ich dort noch zehn Minuten, damit er genügend Zeit hat, das Hallenbad zu verlassen. Ich möchte ihm nicht noch einmal begegnen; so mies habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Auf dem Heimweg denke ich an den Mann meiner Träume und bin froh, bei ihm noch kein Unwohlsein meines Körpers wegen verspürt zu haben.


Frühling.

31. März 2011

Fast Mittag, der Tag kaum warm, leichter Nebel in der Luft, der Frühling nur zart, die Bäume noch im Flaum der Blüten und Knospen. Ich fühle mich unwohl, mir geht es nicht so gut; vielleicht war es mein Frühstück, vielleicht sind es auch Gründe ohne Ausreden. Ich laufe durch den Rosensteinpark um mich zu verlieren, vielleicht finde ich so wieder zu mir zurück. Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, einen Ausweg aber kann ich nicht erblicken. Im Park ist kaum etwas los; zwei Fahrradfahrer und einen Jogger sehe ich, eine Frau mit Aktentasche, ein paar Hasen und zwei Kinder. Sonst kreuzen sich hier die Wege tausender Menschen, heute aber sind es nur sechs. Ich laufe ganz ruhig, der Kies knirscht kaum hörbar unter meinen Schuhen, der Wind steht still, die Sonne scheint spärlich. Das Gras nimmt langsam Farbe an, doch noch ist es nicht satt und grün, noch ist es erschöpft vom Winter, gräulich und im Kommen. Die Bäume scheinen so verletzlich ohne Blattwerk, so schutzlos unter dem weiten Himmel, doch selbst schützen sie aller Hand Eichhörnchen und Vögel und Kinderwagen.

Kinderwagen?! Ich schaue noch einmal genau hin und sehe wirklich einen Kinderwagen. Schwarz ist er und ziemlich neu, so aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich, wer hier auf das Gras einen leeren Kinderwagen hinstellt, unter einen großen Baum. Vielleicht hat ihn hier jemand vergessen? Ich gehe auf den Baum zu und je näher ich ihm komme, desto größer wird mein Unmut. Aus etwa einem Meter Distanz erkenne ich, dass in dem Kinderwagen eine weiße Decke liegt, und darin ein Kind. Ein Kind! Mein Herz zerspringt augenblicklich. Wer lässt an so einem Tag sein Kind hier stehen?! Ganz nah an den Wagen gehe ich heran und sehe in die Augen eines winzigen Babys, dessen Kopf gerade einmal so groß ist wie meine Faust. Es wirkt so jung, so unendlich klein. Das Kind ist sicher erst ein paar Wochen, wenn nicht sogar Tage alt. Armes Kleines, wer hat dich hier ausgesetzt? In deinen Augen sehe ich die Sonne leuchten. Wer weiß, wessen Kind du bist!? Was machst du hier draußen? Ich sehe mich um: weit und breit kein Mensch und keine Notiz am und im Kinderwagen. Kein Geld, kein Zettel, keine Babysachen, nur Bonbons im Seitenfach. In den klitzekleinen Augen des Sprösslings sehe ich ein ganzes Leben, hell schillernd. Die Fäustchen liegen über der Decke, fest geballt. Und darin ruhen unsere Hoffnungen, denke ich. Deine kleinen Fäustchen gegen das Schlechte in dieser Welt. Mich nimmt eine schwere Traurigkeit und Panik ein, die Tränen stehen mir in den Augen. Was mache ich denn nur mit dir? Du siehst mich so unschuldig an, als wüsstest du selbst nicht, was mit dir ist. Wie friedlich du da liegst! Wer bringt dich unter Schmerzen zur Welt und setzt dich in einem Park aus? Mein Herz rast vor Wut und Verzweiflung, es wird gleich noch einmal bersten. Ich zittere. Kleines, du bist wie der Frühling, der dich umgibt! Voller Zuversicht duftest du, hast eine ganze Welt im Gepäck, bist gerade erst angekommen und wirst bald wachsen. So klein bist du und schon schulterst du nicht nur deine eigene, sondern auch die ganze Welt, die dich umgibt. Oh Mann, was mach’ ich denn jetzt nur? Soll ich die Polizei verständigen? Was ist, wenn du in’s Heim musst? Ganz gleich, wer dein Vater ist, und wer deine Mutter, ich bin genauso verantwortlich für dich. Und auch wenn ich deinen Namen nicht kenne, bist du jetzt mein Sohn.

Ich sehe noch einmal genau nach in den Fächern und im Wagen selbst, neben dem Baby und an der Unterseite des Sichtschutzes; nichts, nur ein kleines Baby und ein großes, noch zu lebendes, gerade erst geborenes Leben. Während des Suchens nach einem Brief oder einer Adresse oder etwas Ähnlichem, fällt mir auf, wie gut das Kind eingepackt ist. Die Decken sind fest und dick, genauso wie die Kleidung. Das Baby selbst scheint die Ruhe in Person zu sein. Es beobachtet mich und sieht mich an, bleibt aber starr bis auf die Augen; die wandern mit. Kann es mich überhaupt sehen? Können so junge Babys schon sehen? Ich überlege kurz und entscheide mich, den Wagen aus dem Park zu fahren. Hier kann ich das Kind keinesfalls stehen lassen, um Hilfe zu rufen. An mein Mobiltelefon denke ich gar nicht. Unten dann, an der Straße, da wird uns sicher jemand helfen.

Als ich nachsehe, ob die Räder des Wagens verriegelt sind, nehme ich die Rufe einer Frau wahr, die den Berg hochgerannt kommt. “Hey, was machst du da?! Lass’ mein Kind in Ruhe!” Ich richte mich auf und trete einen Schritt zurück, bin entsetzt und entschlossen, sie fertig zu machen. Als Sie vor mir steht, keuchend und mit dem Puls am Anschlag, erkenne ich Erleichterung in ihren Augen. Hübsch ist sie und jung, vielleicht 25. Sie sieht nicht nach mir, sondern nach dem Kind. Ich bin nur ein Jugendlicher und sage: “Wie können Sie das Kind hier draußen einfach stehen lassen?! Wissen Sie, was alles hätte passieren können?” Nach ein paar Sekunden des Einredens auf das Baby sagt sie: “Ich habe unterwegs meinen Geldbeutel verloren, hier auf dem Berg. Deshalb bin ich nochmals zurück. Weil der Wagen so schwer ist, habe ich ihn hier geparkt.” Sie wirkt sehr schuldbewusst. “Aber das können Sie doch nicht machen! Irgendwer hätte den Wagen einfach wegschieben können! Ich wollte gerade damit herunter an die Straße fahren, um die Polizei zu rufen! Ich dachte, der Junge wurde hier ausgesetzt!” Sie blickt auf den Boden. Auf ihren Schultern die Gurte einer Babytasche. Ich frage mich, weshalb sie die sichtlich schwere Tasche mit sich schleppt, doch das Baby ihr zu schwer ist. Die Frage aber stelle ich ihr nicht. Sie sagt: “Ich weiß, das war falsch. Aber der Geldbeutel ist wichtig! Ich muss einkaufen und darin ist mein Geld, mein Ausweis! Gott sei Dank lag er noch da unten.” Ich bin sprachlos, erschüttert und berührt. Das Geld ist ihr also wichtiger, das lag da noch! Mir fehlen die Worte, als sie sagt und mit dem Wagen davon spurtet: “Danke für deine Hilfe! Gut, dass du für mich aufgepasst hast!”

Minuten später stehe ich noch immer wie verwurzelt unter dem Baum und bin mir sicher: ich wäre ein guter Vater und sogar bessere Eltern für dieses Kind, für diesen Sohn gewesen.


Der Blick.

26. März 2011

Diesen Blick kannte ich gar nicht von ihm; diese suchenden, rastlosen Augen, kornblumenblau. So hatte er mich noch nie angesehen; so sehr hatte ich noch nie gelitten. Er war auf der Suche nach den richtigen Worten. Auf der Zunge lagen sie ihm, nur musste sie jemand von seinen Lippen ablesen. Mich sah er an, hilflos wie ein verlorenes Kind, als hätte er seine stets begehrte Männlichkeit gegen die Empathie eines Vierjährigen getauscht. Er wusste nicht, dass ich wusste, was er vergessen hatte, diese zwei Wörter, diesen Begriff; er konnte nur hoffen. Ich aber, ich wusste es, konnte seine Lippen lesen, war vielleicht der Einzige in diesem Raum, der das konnte. Ich sprach aus, was ihm auf der Zunge lag und er sagte mit einem Lächeln, das mich schmelzen ließ: “Ja, genau DAS habe ich gesucht!” Sein Blick nahm binnen einer Sekunde den Blick des Mannes an, welchen ich einst unglücklich begehrte, wissend, dass ich meinen Durst nie an ihm werde stillen können. Seine strahlenden Augen versetzten mich sofort in einen Zustand des hohen Fiebers, welcher ab dieser Sekunde in mir brannte, denn er war stolz auf mich, stolz auf mich, stolz auf mich. Keine zwei Minuten später setzte er sich wieder auf seinen Sitzplatz. Er streichelte wild meinen Kopf und sagte: “Voll süß, wie du das gewusst hast. Ich bin stolz auf dich!”

Und so brannte ich, schmolz wie Glas, glühend und zäh, doch nicht seinetwegen; ich schmolz aus Sehnsucht, die nicht ihm, sondern einem Anderen gebührte, dessen Nähe ich mir mehr ersehnte, als ich es bei David je konnte.

(Zwei Accounts, zwei Versionen.)

https://twitter.com/#!/Milchbartbube/status/50259811417337856


Ironie.

24. März 2011

Irgendwann mittags sitzen Jes und ich an der Haltestelle und warten auf den Bus. Die Sonne scheint warm und wolkenlos und Jes erzählt mir: “Dann fragte mich Jan, weshalb du eigentlich kein Frauenheld oder wenigstens jemand bist, auf den alle Frauen stehen, weil er findet, dass du ja schon gut aussehend bist. Ich war dann erst einmal entsetzt und sagte, dass sich Frauen grundsätzlich nur in Arschlöcher verlieben und du eben keines bist.”

Jes blickt auf zu mir und schaut mich an, ich blicke auf zu ihr und schaue sie an. Unsere Mundwinkel formen in Zeitlupe ein Lächeln — breiter, immer breiter — und dann lachen wir, weil wir beide die Wahrheit über mich und die Heldensache kennen.


Himmelblau.

23. März 2011

Ein kleiner, dicker Junge steigt in den Bus ein und setzt sich mir gegenüber. Sein Gesicht ist rund, das Haar blond, gelockt und nass vom Schweiß; die Augen blau und groß, die Kleidung weit und grau.

Da sitzt er mir nun gegenüber und sieht aus dem Fenster, als wenig später zwei Jungen gleichen Alters zusteigen und ihn erblicken. Einer der beiden Jungs grölt laut und für alle Fahrgäste hörbar: “Haha, guck’ mal! Da ist Fettbauchbenni! Na, Fettbauchbenni, bist du immer noch so fett oder bist du fetter geworden?!” Und dann lachen die Beiden über ihren dummen Spruch und gehen weiter nach hinten durch, wo sie auch hingehören.

Der kleine, dicke Junge sieht nicht mehr aus dem Fenster, nicht mehr in den blauen, wolkenlosen Himmel, sondern auf den grauen, staubbedeckten Boden. Er drückt sich wieder und wieder mit seinen Fingern in den Bauch, während still und leise perlengroße Tränen über sein Mondgesicht fließen und ihn für ein paar Minuten erzittern und aufschluchzen lassen.

Mein Herz war nie gebrochener, als bei dem Anblick dieses Kindes.


Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden “hat sich gelohnt”.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: “Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk’ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.”

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich “Schäden”, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen “aus meinem Kopf”, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

“Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?” — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: “Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?” Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus “Brokeback Mountain” (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis’ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.


Zeitsprung.

21. März 2011

Ich lese die Texte deines alten Selbst und bewundere deine Aufschriften und Fragen, und kenne auf eine Frage sogar eine Antwort. Kurz denke ich darüber nach, deinem einstigen Ich einen Kommentar zu hinterlassen, doch dann ertappe ich mich dabei, mit einer Zeit in Kontakt treten zu wollen, in welcher es mich in meiner jetzigen Form nicht gab; ich war schlicht zu jung. Und vielleicht willst du jetzt gar nicht, dass ich einer älteren Version deines Wesens schreibe, und dich somit an alte Zeiten erinnere.

Und so stehe ich nun hier, deiner Vergangenheit gegenüber, und verspüre ein bitteres Gefühl, meinem Drang, dir schreiben zu wollen, nicht nachgehen zu können.

Vielleicht ist es besser so.
Vielleicht aber auch nicht.

Was denkst du?


Zweiundzwanzig.

20. März 2011

Mein Klassenlehrer sah in den Regen, als ob er dort etwas längst Vergessenes erkannt hätte; sein Gesicht warf Falten und sein Blick war trüb geworden.

Er sagte, leise und gar flüsternd, er sei damals aus dem Stuttgarter Staatstheater gelaufen, mitten in den “schwarzen Regen” hinein, welcher aus finsteren Wolken auf Erde und Laub, auf Haut und Haar gefallen ist.

Schutzlos sei er da gestanden, gebannt von Schmerz, Zorn und Angst, denn die Menschen hatten den Regen, den himmlischen Reinwascher, “kontaminiert” und “verunreinigt”.

Auf schnellstem Wege sei er nach Hause gerannt und habe sich dort stundenlang gewaschen, ohne Gewissheit darüber zu besitzen, ob das Wasser aus der Dusche, welches ihn “reinwaschen” sollte, nicht auch “kontaminiert” ist.

Er hat sich schuldig gefühlt, sagte er, als Mensch schuldig, obwohl gerade er nichts für diese Katastrophe konnte.

Die Traurigkeit war ihm in’s Gesicht geschrieben; kaum hörbar und mit den Gedanken in seiner Jugend sagte er: “Nie wieder in meinem Leben habe ich mich dreckiger gefühlt, als in diesen Stunden.”


Obhut.

15. März 2011

Von dir geträumt; wahrscheinlich der schönste Traum von allen bisherigen. Wir befanden uns in einem Haus mit hundert Räumen, Türen und Treppen, welches eine Art Geheimnis war. Im Kern des Hauses — ein altes, aber solides Gebäude —, dort standest du, hast mich erwartet. Und ich wusste, dass du auf mich wartest, also habe ich alle Türen geöffnet, alle Schlösser geknackt und alle Register gezogen, um bei dir zu sein, um dich zu sehen.  Die letzte Tür stand offen, und du standest dort in diesem Raum, ich sah dein Gesicht im matten Licht, sah deine Augen lachen. Du hast mir deine Hand ausgestreckt und ich hab’ kurz gezögert. In dem Moment ist die Zeit eingefroren, aber du hast noch gelebt. Du warst in meiner Zeitebene, wir waren die einzigen Lebewesen in dieser Zeit und alle Sorgen waren vergessen. Alle Bedenken und Ängste lagen nun hinter uns und ich nahm deine Hand in meine Hände. Was dann passierte, ist, dass wir uns wie Magneten anzogen, Plus und Minus, zack. Ein sanftes, ein weiches Zack. Wir waren federleicht, und das Licht trug uns auf ein weiches Bett, weiß, unschuldig und wahr. Und darauf hast du mich gehalten; fest und immer fester, so fest, wie ich es mir niemals vorgestellt hatte. Es war angenehmer als in meiner Vorstellung, du warst warm und die Kälte in mir ist immer weniger geworden, bis sie fort und uns fern war. So lagen wir da, ineinander verschlungen, Hand in Hand, Auge um Auge und Haut an Haut. Und wie du einmal gesagt hast: wir haben beide sehr viel gespürt.

Es war Zeit zu gehen, die Welt draußen stand schon zu lange still, sie würde gleich über uns hereinbrechen, bliebe ich noch ein paar Minuten länger. Es war schwierig und schmerzhaft, voneinander loszulassen, aber nicht unmöglich. Das Bett war noch immer weiß und unschuldig, das Licht noch immer matt. Wir hatten noch kein Wort gesprochen und du sagtest, zum Abschied: “Worte braucht es nicht.”


1103.

11. März 2011

Geburtstage waren mir nie wichtig, doch dieser, der achtzehnte, ist es irgendwie doch, denn ich komme meinem Ziel, in naher Zukunft ein Leben zu führen, welches mich glücklich machen würde, einen nicht kleinen Schritt näher.


Schuld und Sühne.

5. März 2011

Mit brüchiger Stimme sage ich: “Dann schlag’ mich, vielleicht hast du im Nachhinein Schuldgefühle und bereust dein Verhalten.” Mein Vater erwidert nichts und schlägt zu. Nicht mit seinen Fäusten, nicht mit seinen Händen, sondern mit einem DIN-A4-Papierschneider. Ich wehre mich nicht, obwohl jeder Schlag einer Qual gleicht, versuche lediglich mein Gesicht zu schützen, indem ich meine Arme fest dagegen drücke. Noch mehr Kerben, noch mehr Spuren meines Vaters möchte ich nicht sehen, wenn ich in den Spiegel blicke.

Gleich ist es vorbei.

Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich mehr schmerzte. War es der harte und scharfkantige Aufschlag von massivem Aluminium, oder waren es die Stunden danach in meinem Bett, die Erkenntnis über die Brutalität meines gegenwärtigen Lebens?

Ich habe Angst.

Es passierte an einem Dienstag. Ich halte mich selten im Wohnzimmer auf; allein schon deshalb, weil es dort nichts Interessantes für mich gibt. Nur Familie. Dienstags aber schaue ich meine türkische Lieblingsserie, deren Titel sinngemäß übersetzt “Schuld und Sühne” lautet.

Vater, sagte ich ganz ruhig, kannst du nicht in der Küche rauchen? Wie du hören und sehen kannst, bin ich erkältet. Der Rauch reizt mich.

Er sagte: “Nur noch diese Zigarette und danach keine mehr.” Ich erwiderte nichts und tolerierte es, wie immer, und wand mich wieder dem Fernseher zu. Meine Atemwege aber hielten den Reiz nicht aus und ich musste husten. Damit sich die Luft im Wohnzimmer einigermaßen “klären” konnte, stand ich auf und zog die Jalousie bis zur Hälfte der Fensterfront auf und kippte eines der vier Fenster.

Draußen schneit es, vielleicht der letzte Schnee.

Das Sofa, auf welchem mein Vater saß, ist an die Wand mit den Fenstern angelehnt. Die Luft von Draußen schien ihm zu kalt zu sein; er zog die große, schwere Decke, welche auf seinem Rücken lag, hoch auf seine Schultern. Noch während er seine Zigarette ausdrückte, befahl er mir, das Fenster zu schließen. Ihm sei es zu kalt im Hause.

“Nur noch fünf Minuten, die Luft hier drin ist echt nicht zu ertragen!”

“Mach’ das verdammte Fenster zu. JETZT, SOFORT.”

“Fünf Minuten! Ich bin krank und die Luft hier drin reizt mich.”

“MACH’ DAS FENSTER ZU, HAB’ ICH GESAGT!”

“Fünf Minuten, hab’ ich gesagt. Nur fünf Minuten!”

“EINS… ZWEI…”

“Dann mach’ es halt selbst zu! Du sitzt davor, hast den Rauch verursacht, und wenn dir kalt ist, dann mach’ es eben zu. Hier drin STINKT es aber und ich bin KRANK.”

“DREI! DU ELENDIGER HUND, WIE KANNST DU DICH MIR NUR WIDERSETZEN? WER BIST DU EIGENTLICH, DASS DU DAS VERSUCHST?”

“Dein Sohn.”

Und dann ist er aufgesprungen, mir entgegen brüllend, dass er seine Hände nicht schmutzig machen werde, und nahm den Papierschneider in seine Hände.


Es ist nicht so, dass ich ihn nicht provoziert hätte. Das habe ich. Aber hätte er nicht fünf Minuten seiner Geduld für mich opfern können?

Letzten Endes habe ich trotzdem nicht das Fenster geschlossen. Natürlich ging es nicht um dieses Fenster oder darum, dass ich es hätte schließen sollen. Es ging schlicht darum, dass ich nicht einsehen wollte, seinen patriarchalischen und herrischen Aufforderungen zu folgen. Ihm gefiel mein Widerstand nicht.
Auch dass er raucht, ist nicht das Problem. Soll er doch, aber eben nicht im Haus. Das versuche ich ihm seit Jahren klarzumachen, er versteht es nur nicht. Er ist der Herr des Hauses und alles muss nach seiner Pfeife tanzen. Aber okay, soll er halt auch im Haus rauchen, aber bitte nicht in meiner Gegenwart.

Ich wusste ganz genau, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt. Aber das war und ist mir egal. Dann schlägt er mich halt, es war nie anders. Dieses Mal aber hat die “Züchtung” viel in mir ausgelöst: Vorgänge, die es ohne vielleicht nicht gegeben hätte.

Hart, aber wahr: seine Brutalität tut mir letzten Endes gut und bringt mich in meiner Entwicklung weiter, denn im Grunde erfüllt mein Vater nur seine Vaterpflicht, indem er auf unschöne Art und Weise meinen Fortschritt weg von ihm unterstützt, und diesen sogar beschleunigt.

Ich weine nicht vergebens.


Schritt für Schritt.

9. Februar 2011

Ich mache mir nichts vor, hoffe ich. Ich weiß, dass es besser werden wird, denn es wird immer besser. Aber jetzt im Moment — besser gesagt: in den letzten Jahren meines Lebens — stecke ich in einem Tunnel fest, in dem ich kein Ende erkenne. Ich habe Angst, von einem Zug erfasst zu werden, bevor ich je das Tageslicht, “das Gute” der Welt da draußen erblickt habe. Ich sehe nur Geröll, die Wächter des Todes, und graue Wände und schwarzen Ruß. Oft fühle ich mich einfach kraftlos und kann nicht mehr weiterlaufen. Doch ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss, wenn ich überleben will. Ich versuche mich weiter zu entwickeln, ich lese viel und schreibe Einiges auf, um in meinem Kopf Ordnung zu schaffen. Ich möchte nicht stehen bleiben, denn ich weiß, wie es sich anfühlt, stillzustehen, zu erlahmen und dann zu erfrieren. Immer wieder passiert mir das und ich lerne daraus immer wieder das Gleiche: nicht aufgeben, weiter gehen, weiter leben, weiter atmen. Doch manchmal bringt mir das Bewusstsein darüber einfach nichts und ich kann nicht mehr, muss mich ausruhen und werde dabei verletzlich. Ich lege mich quasi auf die Schienen und lausche dem Zug, der sich mir nähert. Und es schmerzt mich, dass ich in diesem Tunnel stecke, dass ich mich oft nicht mehr beherrschen kann, daran leide und schreie, bis ich heiser werde. Diese Schreie bleiben hilflos, denke ich manchmal. Doch dann treffe ich auf Menschen wie dich, die mir aufhelfen und mich stützen, mich so lange tragen, bis ich wieder selbst gehen kann. Es ist wahr, wenn ich sage, dass du zu meinen Schutzengeln gehörst. Ihr seid immer für mich da und das zu wissen gibt mir Kraft. Ich weiß aber auch, dass mir keiner meiner Schutzengel den Weg nach draußen zeigen kann. Nur ich allein kann heraus finden aus diesem Elend, indem ich Schritt für Schritt voran schreite.

Ich werde nicht aufgeben, das verspreche ich dir. Ich könnte meine Schutzengel nicht enttäuschen und ich könnte vor allem mich selbst nicht enttäuschen. Ich werde so schnell es geht voran gehen und versuchen, dem Licht am Ende des Tunnels entgegen zu rennen. Ich möchte nicht als Schattenwesen verenden, ohne je gelebt zu haben.


Eindrücke.

30. Januar 2011

Meine Gedanken darüber, dass ich bald nicht mehr Teil dieses Hauses und nicht mehr Sohn dieser Familie sein werde, dass ich vielleicht verfolgt, verletzt und herabgewürdigt werde, mir Steine, Schlägertypen und Drohungen auf meinen Weg gelegt werden, ich eine Zeit lang Angst um mein Leben haben muss und auch haben werde, ja, all diese Gedanken verglühen mit einem Mal, wenn ich das Wasser solange in Richtung warm drehe, bis es heiß ist und der Schmerz flammender Haut mich betäubt und ich nicht mehr fähig bin zu denken.

Während ich mein Gesicht mit einem himmelblauen Handtuch abtrockne, frage ich mich, ob es klug wäre, in zehn Jahren Bilder meines Glückes unter meinem Realnamen in’s Internet zu stellen, damit jeder, der nach mir sucht, sehen kann, wie es mir nun geht, wie glücklich ich nun bin, ohne dieses Gefängnis namens Familie, ohne Freiheitsentzug und ohne Blutsbande. Und ich sehe das Gesicht meiner Mutter vor mir, wie sie in zehn Jahren das Internet nach mir absucht und fündig wird, Bilder meines Lebens sieht, mich erkennt und Tränen vergießt und leidet, und ich muss mir nochmals das Gesicht abtrocknen.

In der Stadt laufe ich eine Straße entlang und sehe, wie zärtlich sich ein Vater von seinem kleinen Sohn und seiner Frau verabschiedet und ich denke: genau so will ich das auch bei meiner Familie machen. Und keine zwei Sekunden später realisiere ich, dass ich weder Frau noch Kind haben werde.

Nachts um drei schlage ich meine Augen auf, greife nach der Wasserflasche und schaue auf die Uhr. Eine eMail, sagt das iPhone und ich lese Zeile für Zeile und erzittere nach jedem Absatz stärker als beim Absatz zuvor. Ob aus Angst, Traurigkeit oder Zuversicht, ob der schönen, wahren und großen Worte wegen, ich weiß es nicht und schlafe ein und wache am Morgen um zehn Uhr auf und fühle mich vollkommen und voller guten Mutes.


Lesetipp.

29. Januar 2011

siebzehn” von Miss Caro.

(Link via @fragmente.)


Fußspuren und Morgenrot.

23. Januar 2011

Es ist ruhig im Dorf. Kein Auto fährt an mir vorbei und kein Mensch kreuzt meine Wege. Der noch junge Schnee fällt sanft auf Haar und Wimpern und knirscht nicht unter dem Schuhwerk. Der Wind steht still. Noch gibt es nichts, was er aufwirbeln könnte. In meiner rechten Hand ein Beutel aus Jute, darin ein Buch, welches nicht meines ist.

Ich drücke auf die Klingel und warte ein paar Sekunden, bis die Tür sich öffnet. Guten Morgen, sagt sie, Guten Morgen, sage ich. Vielen Dank für das Mathebuch, hat mir echt geholfen! Sie lächelt. Gerne doch! Wir hätten auch zusammen lernen können. Du kannst immer vorbeikommen! Wie ist’s gelaufen? Ich schaue auf den Boden. Ganz okay. Sie nimmt es entgegen, das Buch und das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe. Sie bedankt sich freudestrahlend und fischt sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Selbst im Winter hat sie Sommersprossen.

Gelassen laufe ich zurück, mein Heimweg ist nicht weit. Auf dem Boden meine leicht bedeckten Fußspuren von vor fünf Minuten. Frau Holle hat einen Zahn zugelegt und Herr Winde macht sich bemerkbar. In meiner Hand der nun leere Beutel aus Jute, welcher allerdings schwerer als zuvor ist. Ob das Brot, welches ich unterwegs noch kaufen muss, Platz darin findet, zwischen all den Zweifeln?

Gelogen habe ich. Nichts lief am Dienstag ganz okay. Am Wochenende und am Montag habe ich bis in die spätdunklen Stunden gelernt. Und ich konnte es, ich konnte alle Aufgaben lösen, nur nicht am Dienstag. Nicht an diesem Dienstag.

Noch vor dem Wecker war ich wach, hatte meine Sachen gepackt und mich angezogen, war bereit, mich zu beweisen. Weil ich es nun endlich konnte! Und wie jeden Tag machte ich mich auf den Weg, unternahm eine kleine Weltreise.

Im Zug saß mir ein Herr Anfang zwanzig gegenüber, munter und schmerzlich gut aussehend. Schon allein die Tatsache, dass er “Alice im Wunderland” las, machte ihn liebenswert, doch sein klares Gesicht und dieser wild-gepflegte, blond-braune Bartwuchs, seine wohlgeformten Lippen und diese olivgrün-leuchtenden Augen versetzten mich zusätzlich in Ekstase. Ich saß ihm etwa eine halbe Stunde gegenüber und konnte mich nicht sattsehen. Crushed Heartcore. Meine Gedanken kreisten die gesamte Strecke über um seine Lippen. Ich wollte ihn küssen — und wie ich das wollte!..

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, war ich todtraurig. Nicht nur, weil sich unsere Wege trennen sollten und es natürlich keinen Kuss gab, sondern auch, weil ich tagtäglich begehre, ohne meine Begierde auszuleben oder zumindest halbwegs zu befriedigen. Jedes Mal fühle ich mich trüb, weil ich so empfinde.

Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich beim Anblick Fremder, welche eine gewisse Attraktivität auf mich ausstrahlen, eine Art Verlangen verspüre. Ich ertappe mich dabei, diese Fremden zu “wollen”. Und so “wollte” ich auch diesen Herren im Zug. Ich hätte meinen Kopf am liebsten auf seinen Schoß gelegt; so, wie es wohl ein Kätzchen machen würde. Ein Kuss wäre vielleicht schon zu viel des guten Guten gewesen. Mir hätte allein schon seine Wärme gereicht; wochenlang, da bin ich mir sicher.

In der Schule angekommen, war ich ausgebrannt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu matt war ich, und emotional entgleist. Doch die Klausur musste geschrieben werden. Ein Blackout allen Wissens war die Folge.

Ich realisiere, wie versunken ich durch die Straßen schlendere und wie viel Schnee plötzlich vom Himmel fällt. Ich suche meine Fußspuren. Vor wenigen Minuten noch waren sie hier. Hat der Schnee sie etwa so schnell unter sich begraben?

Ich laufe über den ehemaligen Zebrastreifen und frage mich: kann es vielleicht sein, dass ich mich mehr und mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle, weil mir mein Vater keine Vaterliebe entgegenbringt?

Ich mein’, ich merke das doch. Diesen Wandel, die Veränderungen. Noch vor drei oder vier Jahren interessierte ich mich kaum für Jungs. Und wenn doch, dann nur für sehr kurze Zeit. Jetzt aber scheint das meine einzige Interesse hinsichtlich der Sexualität und des Begehrens zu sein. Ich begegne vielen Jungs und Männern, doch nur jene ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, welche den Anschein erwecken, dass sie mir Sicherheit und Unterschlupf bieten könnten. Manchmal sehe ich einen Mann und habe den unerfüllbaren Wunsch, mich von ihm umarmen, halten zu lassen. Nur das, mehr nicht. Ich sehne mich nach Schutz und nach Intimität. Vielleicht bin ich auch nur ein Schäfchen, das auf der Suche nach einem Hirten ist.

Mein Vater, ein emotional kalter Mann, war nicht immer so kühl. Als ich noch ein Kind war — so glaube ich mich zu erinnern —, hat er oft mit mir gespielt, er ist oft mit mir spazieren gegangen, hat sich um mich gekümmert, wie es ein Vater wohl tun sollte. Er war ein Bilderbuchvater. Doch nun, nun ist er ganz anders. Ich weiß nicht, warum und wie er so werden konnte, wie er heute ist. Ich weiß nur, dass ich über nichts mit ihm reden kann, was von Bedeutung für mich ist. Er unterdrückt mich regelrecht. Ist es vielleicht seine aggressive Emotionslosigkeit, welche dafür sorgt, dass ich nicht nur im Kopf Abstand von ihm nehme? Suche ich deshalb nach einem “Vaterersatz”, nach einem Mann voller Wärme?

Mein Vater sagt über die Vaterliebe: “Gab’s früher nicht, wird’s in Zukunft auch nicht geben.” Gab es früher seitens meines Vaters wirklich keine Vaterliebe? War er wirklich ein Bilderbuchvater? Erinnere ich mich falsch? Täusche ich mich, spiele ich mir etwas vor? Oder merke ich erst mit fortschreitender Reife, wie er wirklich ist? Ist mir eine heile Kindheit wichtig? Versuche ich mich von ihm zu distanzieren, indem ich genau das werde, was er verabscheut?

Ich trete in die Bäckerei ein und kaufe ein kleines Kartoffelbrot. Geschnitten, bitte! Auf den letzten Metern nach Hause denke ich noch einmal über ein Gespräch nach. Alles, was mein Gesprächspartner über mich und mein zukünftiges Ich gesagt hat, passt eins zu eins auf mich zu. Auf eine gewisse Art und Weise unheimlich, und doch so wahr, so erlebenswert und schön. Nach all den Worten und nach all den Vorstellungen und Wünschen lag ich da und bin lächelnd, mit Herz und Seele lächelnd und glücklich eingeschlafen.

Ich ziehe aus dem Briefkasten die Post heraus und schließe die Türe auf, trete ein in’s Haus, ziehe die Schublade auf und werfe meinen Schlüssel hinein, streife meine Schuhe ab, stelle mich aufrecht hin und blicke in den Spiegel.

Geh’ weiter, es wird sich lohnen.


Schlaflos.

11. Januar 2011

Nein, denke ich und weine, habe ich jetzt schon nichts mehr zu sagen? Ist dieses Gefühl die große Leere vor dem Nichts, die Langeweile am Ende eines Lebens? Nein, denke ich und weine, das ist doch nicht wahr! Schatten flimmern in der Ferne. Ein Lichtspiel, tiefschwarz und blau. Nein, denke ich und schweige. Nein.


Nichts Neues.

7. Januar 2011

Ich weiß nicht, wo ich stehe.
Ich weiß nicht, was ich will.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ich weiß nicht, was ich bin.
Ich weiß nicht, warum das so ist.
Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte.
Ich weiß nicht, wohin es geht.
Ich weiß nicht, welche Folgen das hat.
Ich weiß nicht, wie viel ich ertragen kann.
Ich weiß nicht, wann das ein Ende hat.
Ich weiß nicht, ob es ein Ende hat.

Ich weiß es einfach nicht.


Dieser Tage.

11. Dezember 2010

Zu laut, zu schnell, zu leer. Der Stress steigt, mein Atem wird schwer, meine Augen fallen zu und ich bin müde. Morgens komme ich kaum aus dem Bett und der Bus ist nie pünktlich — wie auch, bei diesem Wetter? —, ich verpasse meine Bahnen und Züge und Busse und erscheine zu spät in der Schule; fünf, zehn, zwanzig Minuten, vielleicht auch eine Stunde. Und immer diese ekligen Blicke meiner “Klassenkameraden”, welche auf mich gerichtet werden, sobald ich nach Unterrichtsbeginn das Zimmer betrete. Immer diese verdammten Kommentare von wegen “Steh’ doch früher auf!” oder “Geh’ doch früher schlafen!”. Warum muss ich mich rechtfertigen, was kann ich denn dafür? Das Busunternehmen und die Bahn entschuldigen sich mit zwei Worten — “Höhere Gewalt!” —, warum kann ich das nicht? Warum gilt das bei mir nicht? Ich möchte sie alle ermorden, ihnen die Augen ausstechen und alle Gliedmaßen abtrennen und vor die S-Bahn werfen. Diese verständnislosen Kinder, alle haben sie nichts drauf und wissen es besser, denken, dass sie besser sind in dem, was sie tun und nicht tun. Manchmal möchte ich sie anschreien und ihnen klar machen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, dass sie sich ihre unnützen Kommentare und Ratschläge rektal einführen können. Aber nein, ich schweige. Ich halte meine Fresse und bin unauffällig. Verdammt, ich hasse diese Leute! Abends komme ich zu Hause an und kenne mich nicht mehr. Ich bin fertig, enttäuscht und müde. Die Gleise sprechen mit mir, schreien nach mir und ich halte es unten im S-Bahnhof nicht aus und warte oben auf meinen Regionalzug. Oben bleiben, oben bleiben, sage ich zu mir. Musik hält mich nicht mehr, Bücher strengen mich zu sehr an und Filme ebenfalls und Serien auch. Ich kann nicht mehr, sagt mein Gesicht, ich will nicht mehr. Alles ist so rasend, so schnell und so unglaublich lahm darin, dass ich zusammenbrechen und sterben möchte. Zu Hause finde ich keine Ruhe, auch hier ist es kalt, ich friere emotional. Immer wird nach mir gerufen und etwas erwartet, immer muss ich irgendetwas tun, von morgens bis abends meinem Vater helfen und in seinem Schatten, im Weg stehen. Er kann alles und ich kann es nicht, ich bin unerfahren, nutzlos und empfindlich, sagt er mir. Nie kann ich entspannen, nie ist es ruhig, ein Wochenende habe ich nicht. Morgens werde ich von abartig schlechter Musik geweckt, gestern niveaulos und heute in den Charts. Es ist zehn Uhr und ich bin noch immer müde, dabei ging ich “früher” schlafen. Mir tut alles weh, ich will nichts hören und sehen und bitte mach’ die Musik aus, lass’ mich doch schlafen! Das Wasser weckt mich nicht, ich dusche eiskalt und merke nichts, ich verbrenne mich und merke wieder nichts. Ich sitze auf der Schüssel, stilles Örtchen, und es wird nach mir verlangt, SOFORT! Ich soll etwas einstellen, einkaufen, schreiben, rühren und nicht zu vergessen das Haus saugen, aufräumen und den Schnee schippen. Das Telefon klingelt und es ist für mich und die Gespräche sind lahm, mein Gesprächspartner hat nichts zu erzählen, ist langweilig und nervt mich. Ich lege auf, gehe in “mein” Zimmer, lege mich auf mein Bett und starre an die Holzdecke, zähle die Flecken und schlafe ein und wache geil auf und kann mich nicht befriedigen, jemand ist im Zimmer, sitzt am Computer oder hängt Wäsche auf. Draußen ist es dunkel und in mir auch und ich bin müde, voller Hass und Trauer. Alles steht still und doch ist es mir zu unruhig. Lass’ mich doch einfach sein, geh’ weg, frag’ nicht nach mir. Mir ist alles egal, die Welt, die Nachrichten, das Wetter. Ich weiß nicht, welches Datum wir haben, ob heute der Nikolaus ist oder ob er schon war, welcher Monat auf meiner Fahrkarte verzeichnet ist. Ich treffe Menschen, die ich wirklich treffen möchte, kann es aber nicht genießen, denn es muss geheim bleiben, Eltern und Freunde dürfen nichts wissen, dürfen nichts ahnen. Ich lüge und hasse es und es frisst mich auf, der Zeitdruck, die prüfenden Blicke, ich selbst. Werde ich wieder verprügelt werden? Was wird mit mir geschehen, wenn rauskommt, wo ich war und dass ich eine siebenundzwanzig-jährige und später einen siebenunddreißig-jährigen getroffen habe? Ich schreibe diesen Text und im Flur brennt Licht, Mutter kommt und will, dass ich etwas an ihren eBay-Einstellungen ändere und es kotzt mich an. Nacht wird es und die Tage kommen und gehen und das Jahr ist fast schon vorbei und ich weiß ganz genau, es war ein Scheißjahr und eine fette Enttäuschung und bald sind Prüfungen und ich habe Angst davor und dann kommt das halbe Jahr mit nichts und danach die Uni. Werde ich es schaffen, werden sie mich annehmen? Ich lese zu wenig, sehe zu wenig und höre zu wenig. Ich schlafe in meiner freien Zeit; wann soll ich das denn sonst machen? Ich bin ständig geil, unfassbar geil und manchmal durchzieht mich eine schmerzhaft-große, rostige Sehnsucht und ich weiß nicht wohin und wie und warum. Das Sperma spritzt aus mir und ich bin noch immer nicht zufrieden, noch immer geil, noch immer voller Sehnsucht. Ich bin durstig und hungrig und habe alles so satt, diese Wände, diese Worte, dieses Leben. Komm’, hol’ mich, bring’ mich weg, weit weg und lass’ mich nie zurückgehen! Und schon kommen mir die Tränen, ich habe kein Zuhause und keine Heimat. Die Türkei ist meine Heimat, sage ich oft, aber auch dort fühle ich mich unwohl, falsch und vor allem fremd. Ich umarme das Internet, sie ist siebenundzwanzig und ich fühle mich so wohl bei ihr. Weil sie mich versteht, weil sie all das nachempfinden kann. Nicht einmal zwei Stunden und sie muss gehen, weiterreisen. Danach treffe ich wieder das Internet und er ist so alt wie mein Vater und ich frage mich, warum mein Vater nicht so cool sein kann. Zu Hause denke ich gerade an Meersalz und mein Vater bringt mir das Telefon, und es ist eine Freundin, sie will wissen, ob ich Lust habe, einer anderen Freundin beim Singen zuzusehen. Und ich habe ehrlich gesagt Lust — und wie! —, aber nicht darauf, doch das bleibt natürlich in mir und ich sage zu und ziehe mich an und mache mich schick und gehe aus dem Haus in eine Halle, treffe die Freundin und ihre Freunde und es langweilt mich, weil ich nicht dazu passe, weil ich einfach nicht zu der Jugend passe. Ich sitze da und höre zu und dann ist es vorbei, ich gehe nach Hause, schließe die Türe auf und reiße mir alles vom Leib, stelle mich unter’s Wasser und werfe mich in’s Bett, schlafe ein und träume wild und wache auf und starre an die Holzdecke.


Kader.

29. November 2010

Schicksal ist eine Dichtung aus Milch, niedergeschrieben auf einem weißen Blatt Papier.


Peanuts.

28. November 2010

Ich spreche, erzähle oder frage und werde meistens still gestellt, unterbrochen oder abgewiesen. Nicht selten schweige ich, weil ich das genau weiß und kein Verlangen nach zusätzlicher Enttäuschung in mir hege.

Ist es aber einmal vonnöten, dass ich sprechen, erzählen oder fragen muss, so spreche, erzähle oder frage ich. Des Öfteren kommt es vor, dass ich nur halbherzig wahrgenommen werde, weil Fernseher, Computer oder Zeitschrift relevanter sind, als ich es bin.

Manchmal kommt es vor, dass ich mich auf einst Gesagtes beziehen muss. So auch heute: während der Sommerferien habe ich mir nach einem Jahr des vergeblichen Wartens einen Rucksack für meinen Mobil-Computer bestellt, weil ich es satt hatte, unter der Woche dreieinhalb Stunden am Tag meinen Computer samt Ladegerät und Maus in meinem Schulrucksack durch Stadt und Land zu transportieren. Dieser Rucksack hat genau zwei Fächer: ein großes für alles und ein kleines für Taschentücher oder ähnlich winziges. Nun ist es so, dass ich Computer, Bücher, Ordner, Blätter, Mäppchen und WasWeißIchNichtAlles in ein einziges Fach zwängen musste, weil die Tasche zu klein für diese Menge an Zeug ist. Zudem besitze ich diese Tasche seit der sechsten (!) Klasse; das sollte sechs Jahre her sein. Nun, nach sechs Jahren ist so eine Tasche nicht mehr das, was sie einst einmal gewesen ist. Trotz der guten Behandlung meinerseits ist die Tasche auf natürliche Art und Weise gealtert. Die Fähigkeit, Wasser einigermaßen abzuweisen, hat sie beispielsweise komplett verloren. Gerade das aber ist wichtig, trägt man elektronische Gerätschaften mit sich herum. Bei Regen habe ich immer befürchtet, dass mein Computer nass werden könnte. Bücher kann man trocknen, einen Computer muss man einschicken. Nach einem Jahr hatte ich die Nase voll und habe aus Frust einen Laptop-Rucksack auf Rechnung meiner Eltern bestellt, da sich diese nicht für mein Anliegen zu interessieren schienen. Natürlich habe vorher immer wieder auf mein Problem hingewiesen und erläutert, weshalb ich eine neue Tasche brauche, doch ich wurde jedes Mal mit “Ja, ja! Mach’ nur, kauf’ nur!” fortgeschickt. Daher der Frust, deshalb die Bestellung. Ich habe mir einen — wie ich finde — schönen, preiswerten Rucksack bestellt, der groß, belastbar und schick genug ist, um mein Zeug und Krimskrams sicher zu beherbergen. Meine Eltern haben gezahlt: “Wenn’s schonmal da ist, müssen wir es ja nicht zurückschicken!”

Heute aber ging es darum, dass ich meinen Vater gebeten habe, mir in ein paar Wochen eine bestimmte Kameratasche zu kaufen, in welcher ich meine Spiegelreflexkamera verstauen möchte, die ich mir gegen Weihnachten kaufen werde. Ich habe ihn gefragt, weil ich nach dem Kauf der Kamera kein Geld mehr für eine Tasche haben werde, denn das Objektiv hat auch seinen Preis.

Den Sommer über habe ich gearbeitet und im Herbst habe ich eBay vollgestellt, um an Geld zu kommen. Ich habe mich anscheinend ganz gut angestellt, denn Kamera und Objektiv werde ich gerade so bezahlen können, was mich sehr glücklich macht.

Doch meine Eltern, die interessiert das nicht. Ich bekam zu hören, dass sie (!) mir einen Rucksack gekauft hätten und dass ich meine Kamera doch darin verstauen solle. Als ich damit konterte, dass ich täglich mit dem Rucksack dreieinhalb Stunden durch die Gegend fahre und keine teure Kamera mit mir herum schleppen will, sagten sie, dass sie (!) mir den Rucksack doch deswegen gekauft hätten, “weil da eine Kameratasche schon dabei ist”, was nicht stimmt. Mein Rucksack ist weder für Kameras gedacht, noch lag eine Kameratasche bei. Das aber wollten meine Eltern nicht hören und haben mir vorgeworfen, dass ich versuchen würde, sie zu verarschen.

Warum sollte ich meine Eltern verarschen, wenn schon eine Kameratasche beiliegt, wie sie es behaupten?

Die Tasche, um deren Erwerb ich bat, kostet etwa vierzig Euro.

Das alles kann ich mir nur so erklären: meine Eltern hören mir nicht richtig zu, verdrehen die Worte, die ich ausgesprochen oder nicht ausgesprochen habe, kotzen sie mir vor die Füße und erwarten, dass ich hinnehme, was nicht stimmt. So war’s schon immer, nie wird’s anders sein.

Die Kameratasche werde ich mir übrigens selbst kaufen. Allein schon dass ich fragte war ein Fehler. Muss wohl noch ein paar Sachen auf eBay loswerden.


Liebe Eltern dieser Welt,

hört euren Kindern zu und sorgt dafür, dass euer Kind keinen Hass für euch empfindet, denn kein Kind will seine Eltern hassen.

Stets,
Ihr Heartcore.


Der erste Schnee.

26. November 2010

Wir sitzen am Esstisch, es ist Abend. Der Schnee fällt leise, draußen, wo der Wind still steht und das Weiß stellenweise orange leuchtet. Vor mir stehen unsere weißen, schlichten Teller, die meine Eltern zur Hochzeit bekommen haben, vor siebzehn oder achtzehn Jahren. Noch leer sind sie und ohne Suppe, ohne Salz. Die Luft im Hause ist viel zu warm und viel zu trocken, betäubend und gar bleiern schwer. Dreißig Grad sagt mein Vater und dreiunddreißig Grad kontert das kleine Display unter dem Lichtschalter.

Meine Mutter ist in der Küche, der Salat noch nicht fertig. Wir warten schweigsam; gleich ist sie da, gleich können wir anfangen! Mein Vater aber hat keine Geduld, steht auf und geht zum Sofa, nimmt die Zigarettenschachtel vom Tisch und zündet sich eine Kippe an.

Er zieht an ihr. Ich höre den Schnee knirschen und denke an Zähne.

Meine Mutter stellt eine große Schüssel Feldsalat auf den Esstisch. Sattes, frisches Grün stimuliert meine Augen und ein wohl-duftendes, würziges Dressing schleicht in meine Nase. Als ich tief einatme, um das Aroma aus der Luft zu schmecken — weil ich es endlich kann, dieses tief durch die Nase atmen! —, schlägt der beißende Smog der Zigarette meines Vaters hart in meinem Nasenrachen auf und reizt mich, tiefschürfend. Mein jüngst operiertes Riechorgan gibt sich beleidigt und macht sofort dicht im Schacht.

“Vater, was hatten wir miteinander ausgemacht, bevor ich in’s Krankenhaus gegangen bin?”

Er ignoriert mich und drückt provokativ auf die Fernbedienung, um den Fernseher ein- und mich auszuschalten.

“Du hattest mir versprochen, nicht in meiner Gegenwart und zwei Wochen lang nicht im Haus zu rauchen, erinnerst du dich?”

Er zappt durch die Kanäle, drückt wild auf der Fernbedienung herum, um mich ruhig zu stellen.

“Du hast es mir versprochen und hast es wieder einmal nicht eingehalten. … Hörst du mir überhaupt zu?!”

Er drückt auf Lauter, immer auf Lauter, damit ich endlich verstumme.

“Warum hältst du dich nie an deine Versprechen? Ich darf weder in die Kälte, noch darf ich Rauch einatmen, und das weißt du ganz genau!”

Er zieht an seiner Kippe, glühend, und atmet genervt aus.

“Kannst du nicht einmal an unsere Gesundheit denken? Musst du uns auch vergiften, nur weil dir deine eigene Gesundheit egal ist?”

Er wechselt noch einmal das Programm, in der Hoffnung, Ruhe zu finden.

“Ich wurde vor vier Tagen operiert. … Hörst du mich? … Erst vier Tage ist das her! Jetzt mach’ endlich diese scheiß’ Kippe aus oder geh’ vor die Tür!”

Während ich mit einem ausgeklügelten Widerstandsmechanismus rede, schenkt meine Mutter den schlichten, weißen Tellern Suppe ein. Sie ist ebenfalls sichtlich aufgekratzt.

“Vater, so geht das nicht! Halt’ dich doch mal an deine Versprechen…!”

Und mit einem Mal dreht sich mein Vater um und wirft mir entschlossen die Fernbedienung entgegen. Ich versuche auszuweichen, mich wegzudrehen — doch vergebens; die Fernbedienung schlägt mir mitten in’s Gesicht und fällt auf den Tisch, dann auf den Boden. Die Batterien rollen quer über das Parkett.

Meine Mutter kreischt.

Vom Schmerz und von der Situation, vom Geschehen überwältigt, beuge ich mich über die Suppe. Rinnsal-artig tropft das Blut aus meiner Nase direkt in die selbst gemachte Championcremesuppe hinein und setzt sich klar erkennbar als oberste, dominierende Flüssigkeitsschicht ab. Der Aufprall war so gewaltig, dass sich die in meiner Nase befindlichen Metallplättchen tief in’s Fleisch geschnitten haben. Ich weine augenblicklich.

Noch im selben Moment steht mein Vater wutentbrannt neben mir und sagt “Dein immer gleiches Geschwafel werde ich mir nicht länger anhören!” und nimmt das gezackte Brotmesser in die Hand und rammt es mir mit einer väterlichen Wucht in den Bauch.


Krankenhausgedanken.

24. November 2010

Sechs Uhr zwanzig. Ich schlage meine Augen auf, stelle den Wecker leise und schaue an die Decke. Kiefernholz, wunderschön gescheckt. Ich stehe auf und gehe in’s Badezimmer, wasche mein Gesicht und putze mir die Zähne. Wasche mein Gesicht nochmals und schaue mich im Spiegel an. Ich bin zufrieden mit mir. “Bist du bereit zum Sterben?”, frage ich mich und antworte nicht, indem ich gehe. Ich wecke meine Mutter, ziehe mich an, gehe meine Tasche durch. Schlafanzug, Handtuch, Unterwäsche, Shampoo, Ladegerät, Jeans, T-Shirt, Pullover, Hausschuhe. Braucht man alles nicht zum Sterben. Oh, das Zahnzeug fehlt. Ich gehe nochmals in’s Badezimmer und packe Zahnbürste und Zahnpasta in die Tasche. In meinem Zimmer, das ich mit meinem Bruder teile, hänge ich mit meiner Mutter frisch gewaschene und nach Waschmittel duftende Wäsche auf, und dann gehen wir in’s Wohnzimmer, die Papiere holen. Im Auto erkundigt sich meine Mutter nach meiner Befindlichkeit. Ich sage: “Weiß nicht. Bin zu müde für Gefühle.”

Krankenhaus, Anmeldung. Wir warten und kommen an die Reihe, registrieren mich und gehen in das Zimmer, welches ich später mit zwei anderen teilen werde. Station zweiundzwanzig, Zimmer zwanzig. Letzte Türe rechts, ganz hinten im Gang. Die Krankenschwester meint, nachdem sie mir ausgiebig die Funktionen des Bettes und der vielen anderen Knöpfe erklärt hat, dass ich erst gegen zehn Uhr operiert werden soll. Mutter fragt, ob sie gehen und arbeiten oder bleiben und warten soll. Ich sage: “Geh’ und komm’ mittags wieder.” Mutter küsst mich und geht mit einem Gefühl des Unwohlseins. Die Krankenschwester gibt mir Tabletten. Ich nehme sie ein und lege mich in mein Bett. Während ich dort liege, treffen meine Zimmergenossen ein, verabschieden sich von ihrer Begleitung, begrüßen mich und nehmen ebenfalls die Beruhigungstabletten ein. Später höre und sehe ich, wie einer meiner Nachbarn — der blonde, den ich auf Anfang zwanzig schätze —, aus dem Zimmer gefahren wird. Ich drehe mich um. Momente später, so scheint es, werde ich aus dem Zimmer gefahren, ganz sanft, ganz leise. Ich sehe, wie mein blonder Nachbar aus dem OP-Saal geschoben wird. Eine charmante Dame mit Großmutterstimme versucht mir einen Venenkatheter an die Hand anzubringen und scheitert, dreimal. “Ganz zähe Haut, ganz zäh…” Kann mir egal sein, denn ich lächle ob meiner benebelten Schmerzen. Ich nehme nicht wahr, dass sie es nochmals erfolgreich an meiner Ellenbeuge versucht hat. Ich werde in den OP-Saal geschoben und dort von meinem Bett auf eine Liege gewuchtet. Mir ist kalt. Ich sage dem Arzt noch, dass ich etwas auf meinen Unterlagen verbessert habe. “Nich’ hundert, sondern fünfundzwanzig…” Was und ob der Arzt antwortet, das weiß ich nicht mehr. Jemand, nicht der Arzt, sagt “Atmen Sie tief ein und atmen Sie tief aus!” und hält mir eine Maske an Mund und Nase. Ich mache, was von mir verlangt wird, versuche noch zu sagen “Und gleich bin ich…” und bin weg.

Später wache ich auf und blinzle aus drogenunterlaufenen Augen in der Gegend herum. “Bin ich also im Aufwachraum…”, denke ich und schlafe wieder ein. Dann werde ich aus dem Raum geschoben. Ein Mann mit grauen Haaren möchte wissen, wo mein Bett einst stand. Ich sage irgendetwas und versuche hinzuzeigen, bin aber zu schwach, um meinen Arm zu heben. Ich schlafe wieder ein.

Irgendwann nachmittags steht meine Familie an meinem Bett und flüstert etwas, das ich nicht verstehe. Ich blinzle verklebt und schaue an die Decke. Ich spüre meinen Kopf kaum, wundere mich, dass ich überhaupt sehen kann. Erleichtert atme ich auf, denn erst jetzt realisiere ich, dass ich noch am Leben bin. Alle Sorgen waren vergebens und vor meinen Augen zerschellt ein schwarzer eitriger Luftballon, dessen tausend Fetzen als Erleichterung auf mich herab fallen. Ich fühle mich wohl. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, schlafe ich ein. Später, es ist schon sichtlich dunkler geworden, sitzen mein Bruder und meine Mutter an dem Tischchen links von mir. Ich sage “Hallo” und drücke auf den Krankenschwesternknopf, welcher geschickterweise in meiner Hand liegt. Eine Schwester steht augenblicklich neben mir und liest von meinen Lippen den Wunsch nach Wasser ab. Sie richtet mein Bett auf, ich trinke. Das Wasser spüre ich im Bauch, es ist kalt und ich bin warm. Mein Bruder hält mir zwei Tafeln Schokolade hin, ich glaube mich bedankt zu haben. Später erfahre ich, dass mein Bruder mit dem Bus zum Krankenhaus gefahren und unterwegs für mich eingekauft hat. Ich soll ihn angeschnauzt haben, aber daran erinnere ich mich nicht. Später entschuldige ich mich für das, an was ich mich nicht erinnern kann. Er sagt: “Geht schon klar. Du warst ja unter Narkose.” Ich spreche nicht viel, denn mein Hals schmerzt. Der Beatmungsschlauch hat mich ziemlich aufgekratzt. Ich schließe meine Augen und schlafe ein.

Nachts, “niemand” im Zimmer, weine ich. Wenig später drücke ich auf die Lämpchen-Taste und sehe auf den Beistelltisch. In einem kleinen Plastikgläschen, das meinen Namen trägt, liegen drei Tabletten. Ich nehme sie ein. Nach kurzer Zeit geht es mir besser, ich fühle mich erleichtert und frei. An mir hängt auch keine Elektrolyt-Flasche mehr, nur noch der Venenkatheter ist an mir angebracht. Wohl aus Sicherheitsgründen.

Es wird allmählich Morgen, ich bin nicht der Einzige, der das merkt. Meine Zimmergenossen sind ebenfalls schon wach. Dreimal raunt jeweils ein “Morgen” durch das Zimmer. Wir lernen uns kennen, so im Dunkeln, tauschen Name, Alter, Familienstand und Beruf aus.


Mani, 29, verheiratet und Vater zweier Kinder, irgendetwas mit Logistik.

Ali, 23, verlobt, irgendetwas mit Metall.

Heartcore, 17, single, Schüler.


Mani, “den Blonden”, hatte ich auf Anfang zwanzig geschätzt, dabei hat er die dreißig fast schon erreicht. Für sein Alter sieht er erstaunlich jung, aber nicht jugendlich aus, das habe ich ihm auch gesagt. “Höre ich oft. Kann ich mir nur so erklären: gute Gene!” Mani hat zwei wunderschöne Töchter, einmal in der Drei- und einmal in der Vierjahresversion. Seine Frau — ob aus West- oder Osteuropa, das kann ich gar nicht raten — ist eine schlichte Schönheit und verhält sich auch so. Sie spricht leise, ist sehr freundlich und drückt sich schlicht, aber treffend aus. Insgesamt eine schöne Familie. Mani ist gar kein Deutscher, wie er mir später erzählt. “Ich bin ein französischer Pole!”

Ali ist in der Türkei verwurzelt, genau wie ich. Morgens, kurz vor der Operation, konnte ich ihn nicht ganz zuordnen. Die Beruhigungstabletten hatten mich so sehr im Griff, dass ich die Worte seiner Mutter mit einer anderen Sprache als der türkischen verband. Dabei hatte sie nie in einer anderen Sprache gesprochen. Die Haut von Ali ist dunkler als meine und seine Haare sind pechschwarz. Die Verlobte von Ali ist eine kluge, zurückhaltend-hübsche Türkin, die etwas mit Recht studiert hat und nun auf Arbeitsuche ist. “Sollte ich bis nächste Woche nichts finden, werde ich mich dem Master widmen.” Alis Familie macht sich Gedanken über Alis Hochzeit, die nächstes Jahr stattfinden soll. Meine Mutter verstand sich natürlich bestens mit Alis Mutter.

Der zweite Tag verging mit vielen Schmerztabletten und vielen Stunden Schlaf. Dazwischen, wir wachten interessanterweise immer zur selben Zeit auf, lernten wir uns kennen. Wir mochten uns, hatten mehr oder minder den selben Humor und ähnliche Hintergründe. Mani war sogar auf meiner Realschule und hatte im Großen und Ganzen die selben Lehrer, die auch ich hatte.

Immer wieder betraten Besucher das Zimmer und ich fühle mich unwohl dabei. Nicht, dass es mich störte, dass Mani und Ali besucht wurden; ich wurde ja auch selbst besucht. Doch irgendwie waren Besucher eine Last für mich, der ich nicht gewachsen oder einfach nur zu schwach war. Ich empfand es als unglaublich anstrengend, mich auf Gespräche mit Bekannt- und Verwandtschaften einzulassen. Der Krankenhausaufenthalt sollte eine Art Kur werden, so hatte ich es mir zumindest verordnet. Ich wollte in Ruhe genesen…

Trotzdem freute es mich, besucht zu werden. Schließlich waren die Tage, an denen ich im Krankenhaus lag, Bayram. (Vergleichbar mit Weihnachten.) Dass ich von so einigen in’s Bayram-Programm aufgenommen wurde, hat mich schon sehr überrascht. Zum Beispiel wurde ich von meinen dominant-aggressiven Onkel besucht, welcher eher kalt und unsichtbar ist. Er ist lieber im Hintergrund und steuert von dort aus die Dinge, die in seiner Hand liegen oder liegen sollten. Doch dass er sich zeigte und gekommen ist, das rechne ich ihm hoch an. Sonst macht er so etwas nicht. Meine liebevolle Tante hatte er natürlich mitgebracht.

Später betrat ein Freund meines Großvaters (verstorben 2003) mein Zimmer und sagte: “Mein Sohn! Warum hast du denn nicht gesagt, dass du hier liegst?” Diesen Herren besuchen wir als Familie Heartcore sehr oft, denn wir, oder zumindest ich, kennen ihn schon seit Ewigkeiten. Er und seine Frau, welche Lupenglasbrillengläser zu tragen scheint, sind ein ziemlich nettes Pärchen. Mit ihm saß ich mehr als eine Stunde da und habe über Dies und Jenes, dir Jugend und das Alter geredet. Mir wurde aber nicht langweilig, ich wurde eher müde, was an den Medikamenten lag. Dass er abends noch ganz alleine in die Stadt gefahren und mich besucht hat, das fand ich sehr schön.


Nunja, letztlich wurde das Zimmer sehr oft von irgendwem aufgesucht. Erst nach zwanzig Uhr herrschte Ruhe im Raum zwanzig auf der Station zweiundzwanzig.


Tagsüber gab es Medikamente; von mir und meinen Zimmergenossen auch liebevoll “Drogen” genannt. Diese Tabletten hatten es durchaus in sich: sie löschten nicht nur Schmerzen, sie löschten auch alle negativen Gedanken und Gefühle aus. Abends waren wir “high” und lustig drauf. Ich glaube, dass ich in diesem Jahr nirgendwo mehr gelacht habe, als in diesem Zimmer. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen für Lachmuskulatur! Weil wir besonders viel kicherten, schauten oft verwunderte Schwestern jeglicher Couleur vorbei und erkundigten sich nach unserer Gesundheit. Ob die Schwestern unser Verhalten auch lustig fanden, oder ob sie sich eher Sorgen machten, das kann ich gar nicht sagen. Eine Schwester jedenfalls, ein mürrisches Schwabenbiest, mochte unser Glucksen gar nicht. Kam sie in das Zimmer, herrschte augenblicklich kühle Stille, die sie auszulösen wusste. Wir nannten sie hinter ihrem Rücken “Schwester Dementor”, denn sie war wie die Dementoren aus “Harry Potter”, entzog einem jegliche mentale Empfindung. Uns dreien wurde es regelrecht kalt um Hand, Herz und Fuß, sobald sie im Zimmer stand. Das Gute an ihr war, dass sie nur nachts zu arbeiten schien und uns somit nicht oft besuchte. An einem Morgen jedoch sprengte sie so gegen vier Uhr die Türe und platzierte Medikamente wie Bombemkoffer auf unseren Beistelltischen. Wir schraken hoch wie von der Tarantel gestochen. Sie lächelte.


Meine Krankenhausfreunde waren schwer OK. Abends heulten wir ein wenig und dann gab’s Essen. Danach heulten wir wieder. Dann gab’s Frühstück.

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Mit Ali habe ich sehr viel über Bücher gesprochen. Ich habe ihm sogar Einblick auf meine Leseliste, der “Urigen Literatur-Mischung” gewährt. Er war beeindruckt von der Auswahl und fügte noch zwei Bücher hinzu; ich war beeindruckt von seinem Wissen über Literatur. So etwas habe ich nicht von ihm erwartet, denn kaum jemand, den ich persönlich kenne, wälzt heute noch freiwillig Bücher. Deutsche Türken lesen, so mein Eindruck, im Allgemeinen sehr wenig. Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Eltern früher, in ihren Zwanzigern, besonders viel gelesen haben. Das hat mich schwer beeinflusst. Es gab Tage in meiner Kindheit, an denen habe ich das Haus nicht verlassen, weil ich Angst hatte, die Geschichten würden aus den Bücher schwinden, wenn ich sie nicht festhalte und an mich nehme. Ich habe mich mehr von Büchern und ihren Geschichten ernährt als von lebensnotwendiger Nahrung.

Es war ein sehr langes, schönes Gespräch, das wir führten, während Mani schlief. Ali hat mir unter anderem erzählt, wie sehr ihn das Buch “Martin Eden” von Jack London berührt, wie sehr er sich in dem Protagonisten wieder erkannt hat. Und während er von sich sprach, da fuhr ein imaginärer Spiegel hoch und ich sah mich plötzlich selbst in ihm, in Ali. Für einen kurzen Moment sah ich kristallklar, wie sehr wir uns in machen Dingen glichen. Und als ich ihm das sagen wollte, klopfte es an der Tür und Besuch in Form von Mutter und Kind stand im Zimmer. Manchmal ist meine Familie ziemlich nervig.


Die erste Nacht war für mich mit Abstand die schlimmste im Krankenhaus, denn die Schmerzen waren groß. Ich wurde von einem exorbitant-großen, schwer-aushaltbaren Druck zermalmt und hatte kurzzeitig das Gefühl, dass mein Schädel bald detonieren müsste. Wie gut, dass die Schmerztabletten gleich auf meinem Tischchen zu finden waren.

Die zweit-schlimmsten Schmerzen waren jene, als mir die Silikontampons aus der Nase gezogen wurden, je zwei aus jedem Nasenloch, durchschnittlich 2,5 cm dick. Es wäre wohl nicht so schrecklich gewesen, gingen die Tampons nicht bis nach ganz hinten in’s Gehirn, wo sie sich neben meiner Denkmasse breit machten. Das Rausziehen der Tampons, das sich sich übrigens anfühlte, als würden mir begierige Ägypter das Gehirn durch die Nase entfernen, dauerte nicht einmal eine Sekunde, doch der Schmerz, der war so gewaltig, dass ich Krokodilstränen in Form einer fließenden Linie geweint habe. Wahrscheinlich war ich nach den fünf Minuten im Behandlungszimmer deshalb so durstig.

So im Nachhinein weiß ich nicht mehr, ob das Rausziehen der Tampons oder das Aussaugen meines Kopfes schmerzhafter war. Das Aussaugen der verkrusteten Blut- und Schleimreste war aber eindeutig das ekligste Gefühl, das ich je verspürt habe. Ein winziges, Bleistiftminen-kleines Saugkerlchen, welches durch jedes Nasenloch bis nach ganz hinten in den Rachen geschoben wurde, um unterwegs fleißig seiner Aufgabe nachzugehen. Das Kerlchen entfernte nicht nur Blut, Kruste und Schleim, es zog mir auch einen nicht kleinen Anteil an Atemluft aus dem Hals. Ich wusste nicht, ob ich jetzt durch Nase oder Mund, oder ob ich überhaupt atmen sollte. Das Gefühl war derart widerlich, dass mir übel wurde. Schön auch, dass es nicht bei dem einen Mal blieb: ich wurde morgens und abends vom Schleim befreit!..


Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung, was ich sehr mysteriös finde.


Die Stimme(n), die in meinem Kopf hauste(n) und wegen der ich mich eigentlich operieren ließ, wohnt noch immer neben mir im Oberstübchen. Der Arzt sagte, dass sie langsam aussterben wird und dass dieser Sterbensweg bis zu zwei Monate andauern kann. Also werde ich mich immer wieder doppelt und dreifach hören, bis ich dann wieder einsam und allein mit mir sein kann. Olej!


Ein unschöner Nebeneffekt ist, dass ich auch zu Hause ständig von Leuten besucht werden. Freundinnen meiner Mutter, entfernt Verwandte und mir kaum bekannte, sie alle kommen, um mich zu sehen und sagen dann: “Du wurdest doch nicht operiert, so wie du aussiehst! Du bist ja nicht einmal blau oder grün. Und Narben hast du ja auch keine!”


Ab Montag heißt es dann wieder eineinhalb Stunden durch Land und Stadt zur Schule fahren. Ich freue mich so rein gar nicht, denn ich darf etliche Arbeiten und Tests nachschreiben. Als ob ich die Kraft hätte, für die Schule zu lernen…


Ich kann jedem, der sich doppelt hört oder nicht richtig durch die Nase atmen kann, diesen kleinen, operativen Eingriff empfehlen (Krankenkasse zahlt!), denn das Gefühl, tief und noch tiefer atmen zu, ist schlicht großartig. Es hat sich gelohnt, ein paar Tage im Krankenhaus zu liegen und nicht wirklich zu leiden. Man spürt nach dem ersten Tag nur einen leichten Druck, mehr aber nicht. Das hat man wahrscheinlich den Tabletten zu verdanken.


Manchmal, wenn ich zu Hause keine Ruhe finde, wünsche ich mich in das Krankenhaus zurück, denn dort hatte ich ab acht Uhr abends die Ruhe, die ich mir sonst immer ersehne.


Letzte Liste.

14. November 2010

Morgen werde ich in der Gegend von Gehirn und Nase operiert. Und ehrlich gesagt habe ich ein wenig Angst vor der Operation. Daher weht ein stiller, trüber Wind durch die Alleen meiner verwobenen Gedanken. Mir ist bewusst, dass der Eingriff ein eher kleiner Eingriff ist und dass die Wahrscheinlichkeit während der Operation oder an den eventuell darauffolgenden Folgen zu sterben, sehr niedrig ist. Doch trotz diesem Wissen mache ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, nicht zu leben, was und ob mich etwas erwartet und welche Dinge, Menschen und Gefühle ich eigentlich zurücklasse, in Falle dass.

Mir sind in den letzten Tagen so einige Dinge klar geworden, welche ich versuchen werde, hier festzuhalten.

  • Es sagt sich so leicht, dieses “Mach’ dir keine Sorgen, wird schon werden!”.
  • Freunde und Freundschaften sind unglaublich anstrengend, vereinzelt sogar ermüdend bis kräftezehrend. Manchmal wünsche ich mir, ein paar Tage lang keine Freunde zu haben, um unruhig in der Ruhe verharren und vielleicht ein wenig entspannen zu können. Doch nicht meine Freunde sind es, die mich anstrengen und ermüden oder die an meinen Kräften zehren; ich bin es.
  • Ich habe den Wunsch nach Einsamkeit, diesen großen Wunsch nach völliger Isolation und Abgeschiedenheit. Ich möchte alleine sein und mich mit Dingen beschäftigen, für welche ich keine zweite, dritte oder vierte Person brauche, die mich in gleich welcher Weise unterstützt oder mir auf die Sprünge hilft. Ich will einsam sein, weil ich einfach nur ich selbst sein will. Ich will keine schwere Maske tragen, will mich nicht verstecken und verheimlichen. Und dennoch möchte ich nicht einsam sein.
  • Meine Freunde kennen nur meine Fassade, welche ich selbst gestaltet und bemalt habe, um mich möglichst gut (vor was eigentlich?) abschirmen zu können. Hinter dieser meist lächelnden Fassade, hinter meinen türkisch-braunen Augen sitze ich und steuere traurig meinen Körper, als ob dieser eine Marionette wäre. Jeder Schritt und jedes Wort wird hoffentlich genauestens bedacht und erst dann ausgeführt.
  • Das Leben ist ein Schachspiel.
  • Meine Marionette mag vernünftig sein, ich bin es nicht.
  • Die einzige Person aus meinem Freundeskreis, die mich — also meine wahre Persönlichkeit — kennt, ist Jes. Doch leider wohnt Jes weit und noch weiter von mir entfernt, sodass mir ein freundschaftlicher Besuch nach der Schule zum Beispiel unmöglich ist. Freizeit gleich null.
  • Treffen mit Freunden empfinde ich als mühselig, weil mich das Tragen meiner Maske ermüdet. Es ist schwierig, ganz allein eine schwere Fassade zu stemmen und diese auch zu pflegen. Deswegen bin ich lieber alleine, denn in meiner Gegenwart brauche ich keine Maske zu tragen.
  • Im Krankenhaus möchte ich nicht besucht werden, denn Besuch bedeutet, sich verstellen zu müssen. Am liebsten würde ich eine Besuchersperre einrichten lassen. Ich möchte in Ruhe genesen und nicht “Besuch empfangen”, auch wenn’s lieb gemeint ist.
  • Mein bisheriges Leben hat und hatte wenig zu bieten, obwohl ich doch recht viel Schönes und Bitteres erlebt habe. Glücklich war ich nicht wirklich. Es gab zwar Momente, in denen ich gewiss glücklich gewesen bin, doch über meine Existenz als solche würde ich das nicht sagen. Ich habe bis heute immer in Angst gelebt. Und falls ich dann einmal keine Angst hatte, lebte ich mit dem Wissen, gefesselt und geknebelt zu sein.
  • Ich bin gerne traurig und umarme die Traurigkeit.
  • Ich würde sogar etwas hinterlassen, sollte ich sterben. Im RL wären es gemeinsam erlebte Momente und hier im Internet wäre es ein Blog mit zwei dazu gehörigen Twitter-Accounts und noch so ein paar andere Sachen. (Wobei der Blog eher zu den Accounts gehört.)
  • Sollte ich sterben, würde ich in den Herzen mancher Menschen weiterleben, wann immer sich diese Menschen an mich erinnern. Das hieße, dass ich erst dann wahrhaftig sterben würde, wenn die letzte Erinnerung an mich erloschen ist.
  • Hat man einen bestimmten Tag im Kopf, an dem man sterben könnte — obwohl die Wahrscheinlich zu überleben höher ist als die Wahrscheinlich zu sterben — macht man sich viele Gedanken über Leben und Tod. Dabei ist das total hirnrissig, finde ich, denn sterben könnte und kann man immer, egal ob aus Zufall, Schicksal oder Gottesfurcht.
  • Vieles scheint plötzlich unwichtig und sinnlos. In einer solchen Phase fällt das Aussortieren von einst bedeutungsvollen Sachen und Dingen leicht. Nur das wirklich wichtige bleibt zurück.
  • Festplatte, Lesezeichen, Social Media — plötzlich ist alles aufgeräumt und rein, die Passwörter sind stärker denn je.
  • Ich weiß noch immer nicht, was ich heute gemacht hätte, wüsste ich, dass morgen mein Leben endet.
  • Ich bin unfassbar unentschlossen.
  • Schuldgefühle entfalten sich in mir, weil ich Gott vernachlässigt habe. Gleichzeitig empfinde ich Schuld dafür, dass mein Glaube an Gott gerade jetzt wieder zunimmt.

Hmm. Ursprünglich hatte ich noch viel mehr Gedanken, die ich aufschreiben wollte. Egal, verflogen ist verflogen.

Hier noch ein bisschen Musik in Form einer ZIP-Datei. Die Titel darin würde ich am liebsten mit in’s Grab nehmen. Ich denke, dass mich die Auswahl ganz gut widerspiegelt.

So, nun aber lebt wohl, meine phantastischen Freunde. Vielleicht sehen wir uns schon morgen, vielleicht aber auch erst später.

Ich liebe euch sehr.


Ein Traum.

3. November 2010

Es ist tiefster Winter, überall liegt Schnee und die Kälte zieht rücksichtslos die Wärme und die Seelen aus den Menschen. Ich stehe kurz vor’m Gefriertod, habe Hunger und der Bus ist noch immer nicht aufgetaucht. Wahrscheinlich will ich in die Stadt fahren oder in die Schule. Es ist dunkel. Ich sehe mich um und gehe dann in die Bäckerei, die sich gleich hinter der Haltestelle befindet. Dort möchte ich etwas kaufen, denn Bewegung tut gut, selbst wenn es nur der Mund ist. Eigenartigerweise sehe ich meine Großmutter mütterlicherseits hinter dem Tresen stehen. Sie sagt: “Mein Sohn, kauf’ das hier, das schmeckt gut.” Ich zeige aber auf etwas mit Banane und bestehe darauf, dass sie mir das verkauft. Ich zahle, küsse meine Oma auf ihre Backe und gehe wieder in die Kälte. Das Bananending schmeckt gut und so stehe ich dort draußen und warte und kaue und warte, doch kein Bus kommt. Plötzlich tauchst du auf und es wird hell und du sagst, ich solle einsteigen, du hast schon für mich gepackt und bist bereit, mich “von diesem Elend und der Kälte” zu befreien. Ich steige ein, du bist mir ja nicht fremd. Dein Gesicht aber kenne ich nicht wirklich, ich möchte dich ansehen, deinen Bartwuchs betrachten, kann aber nicht, weil ich versuche “vernünftig” zu sein. Du merkst das und sagst: “Du musst lernen, unvernünftig zu sein! Reiß’ deine Maske ab, ich kenne dich ja so, wie du darunter bist.” Ich hebe meine Hand und fahre über mein verfrorenes Scheingesicht, finde die richtige Stelle und reiße mir mit Wucht die Maske vom Kopf. Ein bisschen Fleisch fällt auf den Boden, löst sich aber in Sekundenbruchteilen auf. Ich blute, kann aber endlich richtig sehen und atmen und riechen. Du siehst mich im Rückspiegel an und lächelst. Und dann fahren wir irgendwo hin, wahrscheinlich weit in die Ferne, an einen Ort voller Wahrheit und Schönheit, der uns mit Liebe empfängt. Ich wache glückselig auf.


Vaters Dunst.

2. November 2010

Er zündet eine Zigarette an, völlig unbewusst und automatisch, zieht an ihr und atmet aus. Schon die dritte in meiner Gegenwart. Seine Augen haften am Fernseher. Er blinzelt wie erwartet: abwesend. Der Rauch schleicht um mich und kommt in meiner Lunge an. Diesmal aber richtig. Mir platzt der Kragen. Gehirn verstopft, Nase voll und jetzt auch noch Feuer in den Flügeln. Der blaue Dunst schürft meinen Hals herab. Ich huste gereizt und denke “Raucherhusten”. Er merkt nichts, nimmt nicht wahr, zuckt nicht einmal. Mein Kopf ruht auf dem modrigen Kissen, welches Tag und Nacht im blassen Ekel liegt und leidet. Er zieht wieder und wieder an seiner verdammten Zigarette, doch der Inhalt des Aschenbechers bleibt unverändert. In meinen Augenwinkeln bilden sich Tränen; der Reiz des Qualmes ist zu groß, als dass ich ihn einfach runterschlucken könnte. Still weine ich und liege quasi neben ihm, doch er sieht mich nicht, obwohl er könnte. Er sieht mich einfach nicht.

Ich stehe auf und sage: “Bin oben.” Er blickt weder auf, noch nickt oder antwortet er. Seine Augen sind auf den Fernseher gerichtet. Türkische Nachrichten. Die sind wichtiger als das, was der Sohn zu sagen hat.

Ich drehe mich um, gehe ein bisschen und schlage die Türe unsanft zu. Hoffentlich ist ihm die Asche direkt auf den neuen Pullover gefallen.


Freitag.

30. Oktober 2010

Laub bedeckt das, was einst einmal als Gras bekannt war, die Sonne scheint kalt und der Wind weht still. Straßen, verlassen und leer. Vereinzelt fahren Autos einsamer Menschen über meinen Schatten, schrammen an meiner Existenz vorbei. Der Herbst scheint sein Bestes zu geben; der Boden unter mir ist ein Meer aus Farben und Nuancen. Ich schleiche durch den Ozean und denke analytischer als sonst. In meinen Ohren tönt ein Titel aus dem Score der Serie “Dexter”. Ich beobachte meine Umgebung ganz genau, spüre sogar den Richtungswechsel des stillstehenden Windes. Doch es scheint sich kaum etwas zu verändern. Die urbane Landschaft ist tot. Das einzige Menschenwesen hier bin wohl ich, denke ich und sehe ein Auto um die Ecke kommen. Das ist kein Mensch, das ist ein Zombie, der da in diesem Gefährt sitzt und angefressen über die rote Ampel rauscht. Am Bahnhof nimmt die Menschendichte wie erwartet zu, doch der Missmut weicht nicht aus den Gesichtern. Im Regional Express raubt mir Brian Eno das Bewusstsein und ich schlafe ein. Kurz vor’m Zielbahnhof wache ich auf spüre jeden meiner Knochen. Mein Kopf gleicht innen als auch außen einem heißblütigen Vulkan. Welch ein Glück, dass mich der Deutschlehrer hat gehen lassen. Im Bus nur fremde Schalen und unbekannte Hüllen. Zu Hause stürze ich in mein Bett, tauche unter in einen tiefen, traumlosen Schlaf und wache erst abends wieder auf. Meine Augen verklebt und jeder Blick Stahlwolle. Der Geruch guten Essens in meiner Nase, das Gefühl eines großen Hungers auf meinem Bauch. Im Badezimmer fließend Wasser. Ich packe meine sieben Sachen, ziehe mich warm an und gehe runter in die Küche. Das Essen muss noch werden, sagt Mutter. Tschüss und Türe zu, Berg hinauf und Türe ziehen, bezahlen, ausziehen, anziehen, duschen und springen. Erschöpfung und Enttäuschung erleiden, zwei Stunden durchhalten. Auf dem Weg in’s Hallenbad vernahm ich des Rossmanns Pfeifen, doch er schien den Berg hinabzugehen. Wir haben uns verpasst; schade um die wilden Träume. Später dusche ich mit einem Gleichaltrigen, den ich nicht kenne. Seine Gesichtszüge sind klar und viril, sein Körper haarlos und ausgewogen. Ein schöner Junge. Wir schauen uns beide genauer an, von oben bis unten, und für mehrere Sekunden sogar in unsere Augen. Ein leichtes Schmunzeln und tiefe Grübchen durchziehen seine Physiognomie. In einer bestimmten Sache gleichen wir uns und es gibt keinen, der sich unterlegen fühlen muss. Seine Augen verfolgen mich und ich weiß nicht, welche Bedeutung das haben könnte. Er bleibt am Ball, denke ich. Möchte er etwas sagen, oder weshalb betrachtet er mich so genau? Doch es bleibt bei den Blicken. Mein Durst bleibt ungesühnt. Wir gehen gemeinsam aus dem Duschraum und ziehen uns gemeinsam im Umkleideraum an. Ich sage “Tschüss” und er “Ciao”. Den Berg laufe ich schnellen Schrittes herunter, kalt ist es und schon nach zweiundzwanzig Uhr. Zu Hause steht das Essen noch auf dem Tisch. Ein spezieller Tontopf bergt in sich eine warm-würzige Fleischzubereitung türkischer Art. Dazu Reis und ich bin für kurze Zeit glücklich. Ich bleibe noch ein bisschen im Wohnzimmer und sehe mir die Pläne unseres eventuell ersten Hauses an. Dort wird mein Bett und der Nachttisch stehen, hier mein Schreibtisch samt Computer und da der Kleiderschrank. Mehr brauche ich nicht. Oben in meinem Ruhelager ein bisschen Twitter und Verbitterung, synchron dazu das Gefühl tiefer Lust und Sehnsucht nach Zuneigung.

Schwermut und Musik, Müdigkeit und Schlaflosigkeit. Nachts um drei Uhr dann “Gute Nacht”.


Herzmett.

28. Oktober 2010

Als der Architekt inmitten der klirrenden Kälte schilderte, dass man den Dachboden doch ausbauen und vermieten könnte, sagte meine Mutter euphorisch: “Ein paar Jahre könnten hier oben Mieter wohnen und noch ein paar Jahre später mein Sohn und seine Frau!”

In der Millisekunde, in welcher die Worte meiner Mutter meinen Verstand erreichten, verkrampfte sich mein Herz und detonierte bei dem Gedanken, noch viele weitere Jahre mit meinen Eltern wohnen zu müssen.


Der Tag in Worten.

27. Oktober 2010

Heute sehr wenig gesprochen. Folgend alle Worte, die über meine Lippen gesprungen sind. (Total nichts sagend und uninteressant. Ein Tag, an den ich mich bald nicht mehr erinnern werde. Deswegen steht’s hier geschrieben.)

———

Morgens: “Hey Jes!” – “Moin.” – “Kannst du dem Herrn [Lehrer] bitte sagen, dass ich etwa eine halbe Stunde zu spät komme? Mein RE hat Verspätung.” – “Du, sorry. Ich werde heute nicht zur Schule gehen. Bin unglaublich müde und meine Stimme ist kaum da, wie du vielleicht hören kannst.” – “Achso, OK. Wünsche dir gute Besserung und einen erholsamen Schlaf.” – “Danke. Bis morgen!” – “Bis dann.” // “Hey Jenny, ich bin’s [Heartcore].” – “Hi.” – “Stecke noch am Hauptbahnhof fest, hier fahren seit zwanzig Minuten keine S-Bahnen mehr.” – “Ah, deswegen steht meine Bahn hier rum.” – “Oh, du kannst dem [Lehrer] also auch nicht Bescheid sagen.” – “ORRR, nee. Scheiß Bahn, Ey!” – “Hmm, ja. Also bis nachher.” – “Ciao!” // “Morgen.” // “Sorry für die Verspätung. Bahnchaos.” – “Kein Problem. Wie Sie sehen, fehlen so Einige.” // “Kommt Jes heute nicht?” – “Nein, sie ist krank.” – “Cool. Dann setze ich mich an ihren Platz.” – “Mach’ halt.”

Vormittags: “Kannst du mir fünfzig Cent leihen? Muss noch das Ding für den [Lehrer] ausdrucken.” – “Klar, kein Problem.” – “Echt nett von dir. Danke!” // “Du schaust eine Serie während du Tetris spielst?!” – “Jep. So kann ich mich am besten auf die Dialoge konzentrieren. Und was machst du so?” – “Ich lese Internetbücher.” – “Stimmt ja, du bist so ‘ne Leseratte.” – “Wie schmeichelhaft!” – “Ratten sind toll!”

Mittags: “Herr [Lehrer], warten Sie kurz! Hier meine Mappe. Ich musste noch etwas einheften.” – “Legen Sie sie einfach auf den Stapel drauf.” – “Erledigt. Schöne Ferien!” – “Schöne Ferien!” // “Ist der Bus schon weg?” – “Ja.”

Nachmittags: “Hi!” – “Hey. Was gibt’s zu Essen?” – “Mama und ich haben Kartoffelpüree gegessen. In der Küche steht dein Teller.” – “Yeah! Und wo ist Mama jetzt?” – “Bei Katharina im Krankenhaus.” – “Achso, hab’ ich ganz vergessen.” // “Sag’ mir mal ein anderes Wort für schreiben!” – “Aussprechen.” – “Haha.” – “Da hinten liegt der Duden, guck’ da mal rein.” // “Willkommen, Papa!” – “Wo ist Mama?” – “Katharina besuchen. Die liegt ja im Krankenhaus.” – “Wie war’s in der Schule?” – “So wie immer. Wie läuft’s im Geschäft?” – “Wie immer.”

Abends: “Ich geh’ zum REWE.” – “Tschüss!” // “Wir essen! Komm’ runter.” – “Ich hab’ schon. Ich bin außerdem müde, werde jetzt schlafen.” – “Ich stell’ deine Portion in den Kühlschrank.” – “OK.”

———

Ich glaube, das war wirklich alles, was ich heute von mir gegeben habe. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Befindlichkeitszustand: Kind der Zwangsleere.


Stunden später.

27. Oktober 2010

Und noch Stunden später liege ich leblos unter meiner Bettdecke, mit dem feinen Unterschied, dass ich nun Musik höre, um mich nicht einsam zu fühlen. — “If You Wanna Make The World A Better Place / Take A Look At Yourself, And Then Make A Change” — Und ich sehe wieder mein Gesicht im Spiegel und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich möchte etwas ändern, und wie ich das möchte! Doch was, was um Himmels Willen soll ich an mir ändern und wo soll ich anfangen, damit die Welt eine bessere wird? Ich drücke mir die Hände in’s Gesicht und spüre meine Verzweiflung. Als meine Reflextränen verdunstet sind, öffne ich meine Augen und nehme wahr, dass ich im Schein des Mondes liege. Blass und kaum sichtbar schimmert meine Haut. Soll ich nach draußen gehen? Was soll ich dort machen? Viel wichtiger: wohin soll ich gehen oder zu wem? Ich habe niemanden, der mich in den Arm nehmen könnte, auf dessen Schoß ich liegen und mich ausheulen könnte, nachts um 01:32 Uhr.

Ich umarme meinen Teddybären und drehe mich um.


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