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Sterbebegleitung. (19/42)

23. September 2015

Letztes Jahr habe ich eine Weiterbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter gemacht. Dazu kam es so: In der Ausbildung hatten wir das Thema „Tod und Sterben“. Das fand ich super, endlich etwas Spannendes, nur hatte ich ein Problem mit der Themenwoche, wie überall im Leben, es ist ein Fluch: Die eine Woche war mir viel zu kurz. Ich habe sehr oft das Gefühl, egal worum es sich handelt, dass die vermittelten Inhalte zu oberflächlich und ungenau sind. Am liebsten würde ich ein kleines Studium beginnen und mich tiefergehend mit der Thematik beschäftigen. Vorgesehen war aber nur eine Woche, es ist eine Ausbildung und kein Studium, da hatte ich wohl Pech gehabt. Bis mich kurz darauf ein Freund ansprach, ob ich denn schon von der ehrenamtlichen Arbeit in diesem Bereich gehört hätte, da würde man sich lange mit der Thematik beschäftigen und mit sterbenden Menschen Zeit verbringen, ihnen zuhören und einfach da sein. Es brauchte nicht lange und ich entschied dazu, mich ein Dreivierteljahr ausbilden zu lassen. Die sehr detailreiche und einfühlsame Gestaltung der Inhalte fand ich ganz wunderbar und jetzt bin ich eben ehrenamtlicher Sterbebegleiter.

Nun. Natürlich ist die Frage, weshalb ich mich trotz oder neben meiner Arbeit als Krankenpfleger – die ganz oft nicht einfach ist, körperlich wie menschlich, und wo es auch Situationen gibt, zweimal im Jahr oder so, in denen man Gespräche führen muss, die den Tod als Thema haben –, in der Sterbebegleitung engagiere. Vor ein paar Tagen ist mir diese Frage in den Sinn gekommen und wenig später auch die Antwort, wenn auch in einem anderen Kontext.

Mit der Sterbebegleitung kompensiere ich mein Gefühl, ein schlechter Pfleger zu sein.

Im Krankenhaus habe ich nicht die Zeit, mit Patienten zu sprechen. Man unterhält sich flüchtig während der Behandlung, außer diese ist kompliziert und bedarf alle Aufmerksamkeit, und dann huscht man so schnell es geht zum nächsten Patienten, weil die To-Do-Liste ewig lang ist. Dabei ist es mir sehr wichtig, sie nicht mit dem Gefühl zurück zu lassen, ihre Lebensgeschichte wäre mir egal. Ich mag Geschichten sehr, deshalb lese ich ja auch Blogs und Twitter und folge fremden Menschen. Doch an der Arbeit ist es ein wenig anders, denn die Patienten haben das Bedürfnis, gehört zu werden. Das klingt jetzt sicher etwas esoterisch, aber dieses Bedürfnis ist sehr wichtig für die Heilung. Und dem kann ich im Krankenhaus nicht nachkommen. Das frustriert mich, und wenn ich mir dann doch Zeit nehme zuzuhören, werde ich später als lahm bezeichnet von Kolleg_innen. Ich hätte den Verband, die Infusion doch schneller wechseln können und so weiter, jetzt hätten sie alles Andere allein machen müssen. Solche Aussagen frustrieren mich noch mehr, ich nehme mir eh schon mehr Zeit für die Behandlung als andere, um keine Flüchtigkeitsfehler zu machen. Mit diesem Frust gehe ich dann nach Hause und habe das Gefühl, ein schlechter Pfleger zu sein.

Da ist es doch nur logisch, dass ich genug von der Pflege habe und es kaum abwarten kann, dem Krankenhaus nach der Prüfung den Rücken zu kehren.

Die Begleitung von Sterbenden finde ich nach wie vor sehr schön, das mache ich nach der Ausbildung auf jeden Fall weiter. Es erdet mich und ich fühle mich vom Ballast der Welt befreit, wenn die Sterbenden erzählen, das Gespräch hätte ihnen sehr gefallen, endlich hätte mal jemand zugehört oder sie seien mal eine Zeit lang auf andere Gedanken gekommen.

(Seltsam, dass ich so viel Energie aus dem Tod ziehe.)

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Peanuts.

28. November 2010

Ich spreche, erzähle oder frage und werde meistens still gestellt, unterbrochen oder abgewiesen. Nicht selten schweige ich, weil ich das genau weiß und kein Verlangen nach zusätzlicher Enttäuschung in mir hege.

Ist es aber einmal vonnöten, dass ich sprechen, erzählen oder fragen muss, so spreche, erzähle oder frage ich. Des Öfteren kommt es vor, dass ich nur halbherzig wahrgenommen werde, weil Fernseher, Computer oder Zeitschrift relevanter sind, als ich es bin.

Manchmal kommt es vor, dass ich mich auf einst Gesagtes beziehen muss. So auch heute: während der Sommerferien habe ich mir nach einem Jahr des vergeblichen Wartens einen Rucksack für meinen Mobil-Computer bestellt, weil ich es satt hatte, unter der Woche dreieinhalb Stunden am Tag meinen Computer samt Ladegerät und Maus in meinem Schulrucksack durch Stadt und Land zu transportieren. Dieser Rucksack hat genau zwei Fächer: ein großes für alles und ein kleines für Taschentücher oder ähnlich winziges. Nun ist es so, dass ich Computer, Bücher, Ordner, Blätter, Mäppchen und WasWeißIchNichtAlles in ein einziges Fach zwängen musste, weil die Tasche zu klein für diese Menge an Zeug ist. Zudem besitze ich diese Tasche seit der sechsten (!) Klasse; das sollte sechs Jahre her sein. Nun, nach sechs Jahren ist so eine Tasche nicht mehr das, was sie einst einmal gewesen ist. Trotz der guten Behandlung meinerseits ist die Tasche auf natürliche Art und Weise gealtert. Die Fähigkeit, Wasser einigermaßen abzuweisen, hat sie beispielsweise komplett verloren. Gerade das aber ist wichtig, trägt man elektronische Gerätschaften mit sich herum. Bei Regen habe ich immer befürchtet, dass mein Computer nass werden könnte. Bücher kann man trocknen, einen Computer muss man einschicken. Nach einem Jahr hatte ich die Nase voll und habe aus Frust einen Laptop-Rucksack auf Rechnung meiner Eltern bestellt, da sich diese nicht für mein Anliegen zu interessieren schienen. Natürlich habe vorher immer wieder auf mein Problem hingewiesen und erläutert, weshalb ich eine neue Tasche brauche, doch ich wurde jedes Mal mit „Ja, ja! Mach‘ nur, kauf‘ nur!“ fortgeschickt. Daher der Frust, deshalb die Bestellung. Ich habe mir einen — wie ich finde — schönen, preiswerten Rucksack bestellt, der groß, belastbar und schick genug ist, um mein Zeug und Krimskrams sicher zu beherbergen. Meine Eltern haben gezahlt: „Wenn’s schonmal da ist, müssen wir es ja nicht zurückschicken!“

Heute aber ging es darum, dass ich meinen Vater gebeten habe, mir in ein paar Wochen eine bestimmte Kameratasche zu kaufen, in welcher ich meine Spiegelreflexkamera verstauen möchte, die ich mir gegen Weihnachten kaufen werde. Ich habe ihn gefragt, weil ich nach dem Kauf der Kamera kein Geld mehr für eine Tasche haben werde, denn das Objektiv hat auch seinen Preis.

Den Sommer über habe ich gearbeitet und im Herbst habe ich eBay vollgestellt, um an Geld zu kommen. Ich habe mich anscheinend ganz gut angestellt, denn Kamera und Objektiv werde ich gerade so bezahlen können, was mich sehr glücklich macht.

Doch meine Eltern, die interessiert das nicht. Ich bekam zu hören, dass sie (!) mir einen Rucksack gekauft hätten und dass ich meine Kamera doch darin verstauen solle. Als ich damit konterte, dass ich täglich mit dem Rucksack dreieinhalb Stunden durch die Gegend fahre und keine teure Kamera mit mir herum schleppen will, sagten sie, dass sie (!) mir den Rucksack doch deswegen gekauft hätten, „weil da eine Kameratasche schon dabei ist“, was nicht stimmt. Mein Rucksack ist weder für Kameras gedacht, noch lag eine Kameratasche bei. Das aber wollten meine Eltern nicht hören und haben mir vorgeworfen, dass ich versuchen würde, sie zu verarschen.

Warum sollte ich meine Eltern verarschen, wenn schon eine Kameratasche beiliegt, wie sie es behaupten?

Die Tasche, um deren Erwerb ich bat, kostet etwa vierzig Euro.

Das alles kann ich mir nur so erklären: meine Eltern hören mir nicht richtig zu, verdrehen die Worte, die ich ausgesprochen oder nicht ausgesprochen habe, kotzen sie mir vor die Füße und erwarten, dass ich hinnehme, was nicht stimmt. So war’s schon immer, nie wird’s anders sein.

Die Kameratasche werde ich mir übrigens selbst kaufen. Allein schon dass ich fragte war ein Fehler. Muss wohl noch ein paar Sachen auf eBay loswerden.


Liebe Eltern dieser Welt,

hört euren Kindern zu und sorgt dafür, dass euer Kind keinen Hass für euch empfindet, denn kein Kind will seine Eltern hassen.

Stets,
Ihr Heartcore.