Archive for August, 2019

Die Welt steht Kopf.

29. August 2019

Ich war abends mit Thomas auf dem Dach der Grimmwelt, da kann man sehr gemütlich sitzen und auf die Stadt schauen. Wir laberten und laberten, irgendwann hatten wir Hunger und gingen paar Minuten zu einem Imbiss, bestellten was und haben uns raus auf die Straße gesetzt, weil es drinnen so heiß war.

Da kam so ein Typ gelaufen, oben ohne, er trug so eine weite Hose aus Patchwork, die ihm bis an die Waden reichten, weiß nicht genau wie die heißen. Er hatte so Barfußschuhe aus Leder. Seine dunkelblonden Haare waren etwas länger, sie waren teilweise zum Zopf gebunden. Er sah sehr freundlich und zufrieden aus. So mein Alter würde ich sagen.

Als er gerade in den Laden wollte, um zu bestellen, sagte ich: „Coole Schuhe. Sind das Barfußschuhe?“ Er so: „Ja, aber die sind doof. Gehen schnell kaputt.“ Er zeigte mir die Sohle, die schon aufgescheuert war, wo seine Haut zu sehen war. Thomas‘ und meine Bestellung war fertig, ich ging mit dem Mann in den Laden. Ich ließ ihn vor und er bestellte eine Pommes und quatschte kurz mit dem Verkäufer, fragte ihn wie es ihm geht. Der Verkäufer war ganz verblüfft. Nachdem ich bezahlt hatte, sah ich, dass der Typ auf der Straße Handstand und dabei so Yogazeug mit den Beinen machte. Er meinte dann zu mir, dass er es mit einer Hand noch nicht hinbekomme. „Wenn ich doch nur keine Angst hätte, hinzufallen, dann könnte ich es.“

Ich fragte ihn, ob er aus Kassel ist. Er sagte nein, er sei gerade hier, um Menschen zu helfen, heute sei er mit einer Freundin unterwegs gewesen. Da fragte ich, was er so macht im Leben. Er sagte, er lebe seit knapp drei Jahren nirgends, sei mal hier, mal da. Ich fragte, ob er bei der Freundin untergebracht sei. Nein, er lebe in seinem Auto. Es sei auch keine richtige Freundin, nur eine Bekannte.

Dann hab ich ihm von einem Freund erzählt. Dass dieser gerade nicht weiß, wohin mit sich, von dessen aktuellem Wohnort in einer Gemeinschaft, in der er sich nicht richtig wohl fühlt, dass er sich hier eine Kommune angeschaut hatte, von dessen Sehnsucht, völlig frei zu sein, autonom zu leben nur mit Sachen, die er auf seinen Schultern tragen kann.

Ich fragte den Mann vor mir, wie er entschieden hat, so zu leben. Was sein Rat an den Freund wäre. Er sagte, während Thomas und ich aßen, dass er eines Tages aufgewacht sei und nicht mehr leben wollte wie vorher. „Ich sehe die Menschen heute und wie sie immer unglücklich sind, das aber gar nicht merken. Schau‘ dich doch mal um, das alles war früher einmal eine Utopie und heute ist es Wirklichkeit. Wir leben in einer Utopie! Aber es stimmt etwas mit dieser Welt nicht.“ Dass er die Produktions- und Lebensweise hier seltsam finde. Dass es ein langer Weg für ihn war und immer noch sei. Dass er Phasen habe, da konsumiere er ganz viel, sei sesshaft, dann habe er wieder Phasen, da sei er Asket. Das sei so ein Hin und Her, das habe er einfach akzeptiert und seitdem sei er ganz froh. Es sei aber nicht einfach, und glücklich sei er auch nicht immer, doch kenne er die Gründe. Er genieße einfach die Schönheit, vor allem die Natur, er finde überall was Schönes. Dass er überall zu Hause sei, weil er zu sich selbst gefunden habe.

Ich solle den Freund von ihm grüßen. „Sag‘ ihm, dass wenn er in sich selbst ein Zuhause gefunden hat, dann kann er überall zu Hause sein. Dafür muss er nicht im Wald leben. Wo er wohnt ist egal. Ich hab für mich gelernt, dass ich nicht ganz alleine sein kann. Also helfe ich einfach, wo ich kann. So hab ich viele Menschen kennengelernt. Was ich brauche, generiere ich mir einfach. Ich wünsche mir etwas, und paar Tage später habe ich es.“

Dann war seine Pommes abholbereit und er hat uns guten Appetit gewünscht. Mit der Tüte in der Hand hat er Rad geschlagen und ist so über die Straße geradelt. Eine stark befahrene Hauptstraße. Und wie so ein Heiliger ist ihm nichts passiert und er war fort.

Ich wollte ihn eigentlich fragen, ob er für die Nacht eine Unterkunft braucht. Ich hab, glaub‘ ich, noch nie so einen Menschen getroffen. Er hat wirklich wie ein Heiliger auf mich gewirkt. Ich hätte noch so gerne mehr mit ihm gesprochen.

Nach ein paar Minuten ist dann Thomas zu seiner Tram und meine sollte später kommen. Ich hab in der Zeit das Auto des Mannes gesucht, es musste ja irgendwo geparkt sein, und in der Innenstadt gibt es nicht so viele Orte, wo das geht. Bin so um ein paar Blocks gelaufen. Ich hab ihn leider nicht gefunden.

Ich hab ihn nichtmal nach seinem Namen gefragt, ich war so fasziniert von ihm, von dem zufälligen Gespräch, von seiner Mimik. Wie kann ein Mensch nur so aussehen? Einfach heilig.

Der Kater.

20. August 2019

Ich war im Schwarzwald, bei meinen Eltern; meine Großeltern waren auch da. Mit jedem Besuch und je mehr Zeit ich mit der Familie verbringe, umso entfremdeter fühle ich mich. Alle leben so vor sich hin, es wird viel geredet und dabei über nichts, was nicht Alltäglichkeit oder irgendwie Tagesgeschehen wäre. Es wäre wohl ganz okay, wenn ich nicht so ein Alien wäre. Eine Stufe weiter, im Sinne von: Mir fehlt in allem die Tiefe. Es gibt auch keinen Raum dafür, so absurd ist alles. Ich verstumme dort immer, ziehe mich zurück in mich hinein. Sitze da wie eine Hülle, höre alles, sehe alles. Beteilige mich zwar auch mal an Gesprächen, doch irgendwie nicht so, wie ich es sonst mache. Was ich sage oder zu sagen hätte, verhallt einfach. Vermutlich zu komplex und weitreichend und gefühlslastig. Auch stelle ich zunehmend eine sprachliche Barriere fest: Ich kann meine Gedanken auf Türkisch nicht so schnell und bedacht ausdrücken wie auf Deutsch, ich brauche zu lange dafür. Im Alltag fehlt mit die Gelegenheit der Anwendung, fehlen mir die Menschen, mit denen ich mich auf Türkisch in aller Tiefe unterhalten könnte, wie ich es brauche. Andererseits ist so ein Besuch in der Elternwelt gut für mich, so weiß ich doch mein Leben fern der Familie zu schätzen. Wie ein Resetknopf. Familie ist wohl immer der gleiche Wahnsinn, ganz egal, wie man zueinander steht.

Ich war auch beim Freitagsgebet in der Moschee, war ein seltsames Erlebnis. Äußerlich die Bewegungen mitgemacht, innerlich die arabischen Worte gesprochen und gedanklich doch ganz woanders gewesen. Ich fühlte mich teilweise schuldig, dass ich inmitten dieser Menschen war, wusste aber gleich, es einzuordnen. Es waren die alten Gedanken und Erinnerungen, die da hochkamen.

Eine Sache ist mir diesmal klar geworden. Die Erkenntnis finde ich mega witzig, weil absurd, gleichzeitig irgendwie tragisch und naja, dadurch eigentlich noch witziger.

Seit meine Eltern einen Kater haben, seit 2013 oder so, ist meine Lebensweise scheinbar nicht mehr so wichtig für sie. Zumindest diskutieren sie seitdem nicht mehr so viel mit mir darüber, seit einigen Jahren schweigen wir dazu einfach. Den Kater lieben sie wie einen Sohn, sie sagen auch wirklich „mein Sohn“ zu ihm. „Mein Sohn, komm‘ her zu mir!“ Dann streicheln und füttern sie ihn. „Ja, mein Sohn ist ein guter Sohn! Wie schön du bist! Hast du fein gemacht.“ Dann wird er gekrault und gekämmt. Abends legt er sich auf das Sofa, neben meinen Bruder, auf meinen Vater, und er wird beim Fernsehen gestreichelt. Vor dem Schlafengehen gibt es noch ein Leckerli. „Ja, warst aber auch brav heute! Hier hast du deine Belohnung. Ey, nicht alles auf einmal!“

Er ist ein wunderschöner Kater, ruhig, er maunzt ganz goldig, ist superflauschig, so ein weiches Fell hab ich noch nie gefühlt. Ein rundum sehr hübscher Sohnersatz. Er heißt auch noch Pascha, passenderweise. So hat mich mein Vater als Kind auch mal genannt.

Meine Eltern sind ein oder zwei Jahre nach meiner Flucht in ein Haus gezogen, darin hab ich so ein Zimmer, das sie für mich eingerichtet haben. Da schläft der Kater zuweilen. Im Zimmer steht ein riesiges Bücherregal, darin tausend Bücher über den Islam und wie man zum Glauben zurückfindet etc. Der Kater hat auch schonmal das Bett markiert, wenn ich da war. Was maße ich mich auch an, mich da reinzulegen! Als ob er sagen wollte: „Wer bist du eigentlich, du komischer Besucher! Kommst einzweimal im Jahr und legst dich in MEIN Bett! Ich bin der Sohn hier im Haus. Verpiss dich, hier hast du erstmal schön meinen Urin, viel Spaß damit.“ Streicheln lässt er sich von mir. Einmal hatte ich die Tür nicht geschlossen, da kam er und wollte mich wohl im Schlaf ersticken. Hat sich so auf mein Gesicht gedrückt, dass ich aufgewacht bin!..

Ich glaube, durch den Kater haben sich meine Eltern selbst geheilt. Anstatt mich heilen zu lassen, haben sie sich mit dem Kater von ihrem Sohn geheilt. Irgendwie schön, und durchaus witzig. Ich lache mich gerade tot. Vielleicht sollte ich so Therapien anbieten? Kauft euch einen Kater, liebt ihn wie euren verlorenen Sohn, und schon ist die Welt eine andere! Liebe für den Kater, Freiheit für den Sohn!

„Wieso tust du dir das an? Ich würde mich gedemütigt fühlen.“ — Es berührt mich nicht mehr. Vor ein paar Jahren fand ich das komisch und demütigend, konnte aber nicht zuordnen, warum. Jetzt hab ich es erkannt und freue mich für meine Eltern. Sollen sie „ihren Sohn“ streicheln und lieben. Es macht mich frei. Seitdem müssen sie mir ihre „Liebe“ nicht mehr aufzwingen, weil sie die scheinbar an den Kater schenken und er nimmt sie schnurrend an. Seit dem Kater tatsächlich ist alles entspannter für mich. Sie rufen nicht mehr jede Woche an. Ich rufe auch mal an, sechsmal im Jahr oder so. Sie nerven mich insgesamt weniger.

„Unsere Eltern haben ihr Bestes gegeben, trotzdem schulden wir ihnen keine Loyalität. Frage dich immer: Würde ich einem Fremden, der sich mir gegenüber so verhält, Respekt zollen? Die Antwort könnte weh tun.“ — Ich kenne die Antwort. Es schmerzt von Jahr zu Jahr weniger. Vielleicht ist dieses Erstarren hier ein Teil davon, dass auch ich mich löse von meiner „Schuld“. Ich habe keine, das weiß ich. Und dennoch ist jeder Schritt in dieser Welt, der Elternwelt, von Schuld gepflastert. Das werde ich aber auch noch schaffen zu überwinden.

Ich glaube, meine Eltern checken gar nicht, was für ein genial witziges, psychologisch wertvolles Schauspiel sie da mit dem Kater veranstalten. Sie spielen sich selbst eine heile Eltern-Kind-Welt vor. Wenn das ihr Umgang ist, dann sei es so. Ich freue mich darüber, dass sie einen Weg für sich gefunden haben. Sollen sie den flauschigen hübschen Kater streicheln, mir ist es recht. Ich liebe den Kater dafür.

„Du solltest dir zwei Hunde holen. Und sie Anne und Baba nennen.“

(1) Das Spiel geht weiter.

7. August 2019

Sonntag war ein sehr surrealer und wunderschöner Tag, gespickt mit allerlei Mysterien und seltsamen und wahrlich verrückten Zufällen. Ich glaube, dass das Leben mir mit Absicht solche Tage beschert, weil ich mich auf die Welt und auf ihre Verrücktheit einlasse und zuweilen keine Erwartungen an irgendwas stelle. Allein das überrascht mich je und je, doch war dieser Sonntag von besonders strahlender Surrealität. Ich fange mal an zu erzählen.

Am Abend zuvor, am Samstag, waren Boris und ich auf dem Kasseler Zissel, einem Jahrmarkt entlang der Fulda. Wir badeten im lichten Farbenmeer, blieben hier und da staunend stehen und beobachteten belustigt das Treiben der Menschen. Ich kam auf die Idee, dass wir unweit vom Jahrmarkt Nadja an ihrem Arbeitsplatz besuchen könnten, wenn sie zufällig da ist. Boris wollte nämlich einige meiner Freunde kennenlernen, von denen ich ihm wieder und wieder erzählt hatte. Und so lernte er Nadja kennen, und zwar genau dort, wo Marcus, nun ihr Mann, ich der Trauzeuge, sie kennenlernte vor Jahren, als ich mit ihm dort auf einem Konzert war. Spät nach Mitternacht und durch einige Erfrischungen aufgeheitert begleiteten wir Nadja zu ihrem Auto, sprachen noch eine Weile, hörten Nadja zu, wie es sonst hier ist, nachts alleine zum Auto zu laufen und von betrunkenen Männer belästigt zu werden, gerade jetzt während des Zissels; sie war sehr froh, dass wir plötzlich aufgetaucht waren. Wir versprachen, am nächsten Tag zur Mittagszeit vorbeizuschauen, verabschiedeten sie in den wohlverdienten Feierabend und schlenderten weiter über den Zissel, aßen ausgesprochen leckere und für den Moment perfekte Fischbrötchen, hörten irritiert und belustigt einem rundlichen, schwer genervten Trinkflaschenverkäufer zu, wie er mich laut per Lautsprecher beleidigte, weil er – warum auch immer – annahm, ich hätte an seinen Wagen gepinkelt. Schließlich trafen wir auf Christoph, den ich flüchtig von einem Uniseminar kenne, dessen Namen ich immer wieder vergesse und den ich sehr oft irgendwo zu sehen bekomme. Die Gespräche laufen dann in etwa so ab: „Hey du! Na? Ich hab wieder deinen Namen vergessen. Wie war er nochmal?“ – „Boah, verflixt, ich hab deinen auch vergessen. Also ich bin Christoph, und du?“ – „Ich bin sowieso.“ – „Mensch, wie oft müssen wir uns noch treffen, damit wir endlich die Namen können. Ist doch echt verrückt!“ Und so war es auch dieses Mal wieder. Wir quatschten ein wenig, Boris bewunderte seine Haare und bald trennten sich unsere Wege. Auf dem Heimweg saß ich mit Boris auf einer Parkbank im Dunkel des Aueparks und wir sprachen mit weitem Blick über die Welt und wie schwierig es zuweilen ist, hineinzupassen und zuzusehen, wie diese vom Menschen zerstört wird, die Grundlage allen Lebens, die Natur, wie es ist, ewig auf der Suche nach einem Ort für das eigene Selbst zu sein. Unsere warmen Hände streichelten sich und später das Haar und das mittlerweile in der Nacht erkaltete Gesicht des Anderen. Durch den Park gingen wir nach Hause, über eine Brücke, vorüber am Spielplatz, an dem wir vor zwei Monaten die Sterne beobachteten und einen Waschbären fütterten, der gierig und süß und freudig aus unseren Händen fraß, vorbei an der Wohnung eines Freundes, in der kein Licht brannte, und vorbei am Balkon eines anderen Freundes, der zufällig in diesem Moment eine Spinne aus der Wohnung brachte. Wie unwahrscheinlich war es, ihn so spät in der Nacht anzutreffen? Es war schon vier Uhr morgens, als Boris und ich Haut auf Haut einschliefen.

Am frühen Nachmittag, es war ein schöner, sonnig-wolkiger Tag, haben wir uns auf den Weg zu Marcus und Nadja gemacht. Unterwegs trafen wir die beiden und ihre zwei kleinen Kinder. Sie waren gerade dabei zum Jahrmarkt zu laufen, wir schlossen uns an. Sonntag nun schlenderten wir alle zusammen, begleitet von Sonnenschein, durch die Stadt und über den vollen Jahrmarkt mit seinen tausend Gerüchen und Angeboten, unser Ziel war ein Kinderkonzert. Neben den Kindern freute sich besonders Boris darüber, seine granitfarbenen Augen groß und die Lachfalten sichtbar, wohl aus beruflichem wie auch aus seinem Kindskopfinteresse heraus. Nach gute Laune machender Musik und einer köstlichen Schokobanane, nach kühlender Erdbeerbowle und Riesenradfahren mit den Kindern machten Boris und ich uns auf den Weg zu einem besonderen Ort.

Ich hatte ihm vor ein paar Wochen geschrieben, dass ich einen Ort entdeckt habe, den ich ihm unbedingt zeigen muss. So war nun endlich der Tag gekommen. Über den Ort hab ich ihm genau nix erzählt, ich wollte ihn nicht beeinflussen in seiner Wahrnehmung, Interpretation und es sollte ja auch spannend sein. Wir fuhren mit dem Bus durch die ganze Stadt, bis an ihr Ende, zum Fuße des Habichtswaldes am Rande des Bergparks. Mit uns im Vierer fuhr ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, zuckersüß und Freude strahlend, das uns fragte, ob wir denn schon neun Jahre alt alt sind, schon zur Schule gehen, das Boris‘ Armkette sehr hübsch, doch für ihr kleines Handgelenk zu groß fand, das meinen Rucksack gegen ihre kleine Handtasche tauschen wollte, die innen drin mit rotem und sehr frischem Kaugummi verklebt war – ein schlechter Deal für mich! Zwischendrin gab die offensichtlich geisteskranke Mitfahrerin neben uns seltsame Sachen von sich, ohne jeglichen Kontext, sprach lauthals mit nicht anwesenden Personen und schrie diese an und sagte irgendwann zu uns zwei Erwachsenen „Mit Fremden spielt man nicht!“ und zum schwarzen Mädchen: „Wage es nicht! Du bist winzig und ich bin groß, viel stärker als du!“ Zum Schluss ihres Satzes fletschte sie ihre Zähne und imitierte ein gruseliges Tiergeräusch, chchchchch! Das Mädchen lachte nur darüber. Wir waren froh als die Frau endlich ausgestiegen war, noch bevor sie das Mädchen irgendwo hinschubsen konnte. Wir hätten nicht zugelassen, dass sie dem kleinen Mädchen irgendein Haar krümmt. Noch vor unserer Zielhaltestelle stieg auch das Mädchen mit ihrer Mutter aus. „Tschühüüüß!“

Von der Endhaltestelle aus gingen wir in den Wald. Ich fragte Boris, ob er irgendeine Ahnung hat, was ihn erwartet. Er sagte, er habe sich keine Gedanken gemacht, wollte sich überraschen lassen. Er rätselte ein wenig und kam natürlich nicht drauf – mir selbst ging es vor ein paar Wochen auch so. Ich schwieg weiter über den Ort. Mitten im Wald, der uns saftig-grün und voller alter Buchen umgab, stand ein bewohntes Häuschen, ein sehr schönes, mit einem gigantischen Garten, in das sich Boris instant verliebte. „Da will ich wohnen! Oder irgendwo hier im Wald und dann einen Waldkindergarten, genau hier, das wäre mein Traum!“ Kurz nach dem Häuschen erreichten wir den Ort. Der Weg führte uns immer tiefer in das mystische und wunderschöne Geheimnis dieses Waldes, dunkelgrünes Moos bewuchs Baumwurzeln und Hügel, die den Weg einschlossen und den Eindruck eines Tunnels vermittelten. Nun standen wir selbst auf einem Hügel und blickten auf den Blauen See hinab, der ringsum von Bäumen umgeben ist. Boris kletterte direkt den nächsten Abhang hinunter, ich hinterher. Er war begeistert von der Schönheit des Sees und allen Bäumen, Sträuchern, Felsen, Steinen, Wurzeln, fand sogleich eine mit Steinen errichtete Feuerstelle und sagte, dies sei der perfekte Ort für Erfahrungen der erweiternden Art. Wir saßen am Seeufer auf einem Baumstamm und nahmen alles in uns auf, und kletterten einen anderen Hügel wieder hoch, entlang an Wurzeln, die uns als Treppe und als Halt, wie ausgestreckte Hände dienten. Dort oben wuchsen Gräser, Sträucher, Blumen, Dornengestrüpp und wunderschöner, reifer Atropa Belladonna. Während mein Blick über die Schönheit der Natur kreiste, stolperte ich und knickte heftig mit dem Fuß um. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, damit der unerträgliche Schmerz seinen Raum erhalten und ich das weitere Vorgehen abschätzen konnte, atmen und leiden, um geschärften Verstandes eine Diagnose zu stellen und eine Entscheidung zu treffen: Bruch, Bänderriss, Amputation, Belladonna oder einfach weiter? Denn die bisherige Natur war Teil des Ortes, jedoch nicht ausschließlich der Grund für unseren Besuch. Mir liefen vor Schmerzen die Tränen in den Augen zusammen, der Fuß schwoll mächtig an, einen Bluterguss konnte ich nicht erkennen, er ließ sich auch durchbewegen und humpeln war möglich, also kein Bruch, irgendwas mit den Bändern; so ging es nach kurzer Rast weiter. Zu erklettern gab es eine Menge, wir nahmen den einfachsten Weg zurück zum Waldpfad. Meine Schmerzen schlummerten alsbald mit der Wirkung des Betäubungsmittels.

Schließlich erreichten wir die Nekropole, genau genommen das erste Grab von vielen, die im ganzen Wald verteilt sind, von denen es einmal 40 Stück geben soll. Dieser ganze Ort verbindet das ewige Leben, die Natur, den Tod des Menschen und seine Kunst auf einer wunderschöne und mystische Weise. Künstler gestalten hier ihre Grabstätte, wie sie wollen, am Ende werden sie dort beigesetzt, die Gräber werden nicht gepflegt, sondern der Natur überlassen. Am ersten Grab, das als solches nicht zu erkennen ist, rätselte Boris sehr lange. Unter einer quadratisch eingefassten Glasplatte sind Fußabdrücke zu sehen, dreidimensional aus Stahl, die Versen wie ein Trichter in das Erdreich führend. Er kam des Rätsels Lösung nahe, doch wollte ich ihn nicht weiter matern, ich löste auf: Der Betrachter sieht den lebensgroßen Abguss des Künstlers, jedoch von unten, auf dem Kopf quasi. Der Abguss ist innen hohl und dient als Urne. Eine Inschrift oder wer hier liegt ist nicht vorhanden. Ich klärte Boris über diesen ganzen Ort auf, aus seinem Gesicht las ich Faszination und unbändige Entdeckerfreude.

Weiter ging es zu einer Art Tempelanlage, quadratisch, außen vier Tore aus Holz, daran jeweils eine aus Holz gefertigte Plastik, ähnlich einem Menschenkopf, die Augen verbunden durch Stahlbänder, die die Plastik an das Holz heften. In der Mitte der Arena ein quadratisches Amphitheater mit wenigen Stufen, darin mittig ein Steinblock mit den Namen der Beigesetzten und rund herum mit je einem Wort zu jeder Seite der Satz: „Das Spiel geht weiter.“ Für mich ist dies das wundersamste Grab, gleichzeitig ein schöner Ort zum Verweilen. Das Leben als Spiel zu betrachten, das weitergeht, egal was in der Arena passiert, egal wer gewinnt oder verliert, diesen Gedanken finde ich genial. Doch würden noch weitere solche Gräber folgen. Bei meinem letzten Besuch hatte ich zwischen das Holz eines Torbogens eine mysteriöse Nachricht hinterlassen, auf der Rückseite eines Kassenzettels (Vitamin B12 aus der Apotheke), der Zettel war noch immer da und wurde scheinbar mehrmals entfaltet und wieder hineingesteckt. Wir lasen meine verrückte Nachricht an die Welt. Als nächstes kamen wir an einer gigantischen, aus Granit gefertigten, runden Vogeltränke vorbei, der Durchmesser breiter noch als die Spanne meiner Arme, in der ein goldener Hase eingefasst ist. Der Hase dient als Urne, zu sehen ist er aber nicht. Die Granitschale füllt sich von selbst durch den fallenden Regen, dafür muss es selbstverständlich auch regnen. Wir und auch die Tiere des Waldes hatten Glück, dass der Samstag ziemlich verregnet war. In der Granitschale waren seit meinem letzten Besuch rot, blau und gelb schimmernde Sterne, Monde und Sonnen verstreut worden, ähnlich Glitzerkonfetti. Es sah ganz hübsch aus und wurde behutsam und wenig gestreut, so dass nicht unbedingt von Umweltverschmutzung die Rede sein konnte, wobei diese Sonnen, Monde und Sterne womöglich niemals verrotten werden.

An einem weiteren Grab machten wir Rast, denn davor stand eine Bank, ich trank Wasser und fragte Boris, ob ihn dieses Kunstwerk berührt. Er sagte nein, er fühle sich beobachtet. So ging es mir auch angesichts eines riesigen Holzauges, das die Besucher auf der Bank anblickt und sonst nichts. Das Auge des Waldes? Ein Auge aus dem Jenseits? Für mich strahlt dieses Grab keine mystische Energie aus, muss es ja auch nicht – auch allein das Sich-Beobachtet-Fühlen war ja schon ausreichend. Ich bemerkte, dass Rast meinem Fuß nicht besonders gut tut, was für den Moment doof, für die Gesundheit des Fußes allerdings ein gutes Zeichen war. Also folgten wir dem Waldpfad weiter zu den letzten zwei Grabstätten, die es heute noch zu sehen gab.

Der Waldpfad zweigt irgendwann ab zu einer Lichtung, auf der sich zwei Grabstätten befinden. Die erste setzt sich zusammen aus 97 Marmorblöcken in scheinbar zufälliger, Dominostein-artiger Anordnung, ein jeder Block groß und quadratisch auf dem Gras ruhend. Es gibt Blöcke aus weißem Marmor und es gibt Blöcke aus schwarzem Marmor. Auf den schwarzen Steinen ist immer ein Buchstabe eingraviert und golden ausgemalt, vielleicht sogar Blattgold. Nach jedem Stein mit einem Buchstaben wechselt die Richtung des Verlaufs, es lässt sich der Satz „La vita corre come rivo fluente“ lesen, was soviel bedeutet wie: Das Leben verrinnt als fließender Strom. Dieses Kunstwerk beeindruckt mich auf Ebene der Kunst am meisten, ist es doch eine Verbindung von Mathematik und Natur, von Ewigkeit und Endlichkeit, Tod und Mensch. Nach jedem Buchstaben wechselt die Verlaufsrichtung, jeder schwarze Stein stellt eine Primzahl dar, die zufällig in der Mathematik auftaucht und keinem bisher bekannten Prinzip folgt. So ist es ja auch im Leben: Es passieren Dinge, scheinbar zufällige Ereignisse, und das Leben verändert sich, ändert seine Ausrichtung und folgt dem ewigen Mäandern, sucht sich je und je einen Weg durch die Welt, wie das Wasser, das zum Meere hin fließt, in das große unendliche Blau.

Weiter hinten auf der Waldlichtung stehen acht riesige Stahlplatten, rostrot, vier Stück bilden den äußeren und vier Stück den inneren Kreis. Die Platten stehen versetzt zueinander, sodass man in das Kunstwerk hineingehen kann. Auf jeder Platte ist eine andere feingliedrige und miteinander verschwungene Form hineingeschnitten, sodass man durch die feinen Linien hindurchschauen, das Grün der Lichtung oder weiter fern stehende Bäume oder gar das Sonnenlicht hindurch scheinen sehen kann. Sind es Gesichter, Fratzen, sind es Blumen, Bäume oder irgendwelche Symbole, all das ist nicht klar zu erkennen. Es bleibt dem Betrachter überlassen, was er dort sieht. Auch dies, so sagte Boris, sei ein Ort für Erfahrungen.

Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle erfragten wir Hilfe an dem Häuschen im Wald, sodann wurden mir Schmerztabletten gebracht. Der Weg zurück dauerte natürlich seine Zeit, wenn der eine humpelt und der andere Pflanzen mit einer App identifiziert. Auf den letzten 500 Metern kamen uns ein Mann und eine Frau entgegen, so unser Alter etwa, beide sehr zueinander passend und sehr freundlich wirkend. Sie fragten uns, ob dies der Weg zum Blauen See sei. Ja, das ist er. Nach einigen gewechselten Sätzen stellte Boris fest, dass er die beiden kannte, von gestern vom Frühstück im Café Hahn, dass sie neben ihm saßen. Welch ein Zufall! Die beiden erzählten, dass sie oberhalb der Nekropole in einem der Häuschen wohnten, die man mieten kann. Boris strahlte, sein Traum schien sich bald zu erfüllen. Wir wünschten beiden Besuchern noch alles Gute und gingen zur Bushaltestelle, denn ein weiterer Ort, der mir selbst unbekannt und dessen Existenz mich auf höchst eigenartige, kryptische und mysteriöse Weise die Woche über erreicht hatte, wartete auf uns.