Zwei Tage im neuen Leben.

1. August 2011

In der ersten Nacht weine ich an seiner Brust, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint habe. Am nächsten Tag sagt er mir in einem passenden Moment, dass das kein Weinen, sondern vielmehr Rotz und Wasser heulen gewesen ist. Er sagt, dass es nicht stimmt, was ich in dieser Nacht sagte. Es stimmt nicht, dass du „zurück“ musst, denn du warst niemals wirklich dort. Niemand wird dich aufhalten können, du bist schon längst gegangen. Und damit hat er Recht, denn das Elternhaus war niemals mein Zuhause, niemals ein Ort, an dem ich mich wohl und geborgen gefühlt habe. Er hingegen ist genau das für mich: ein Zuhause, ein Ort, an dem es mir gut geht, an welchem ich mich lebendig und vor Allem glücklich fühle.

Am Tag meiner Abreise bin ich zuversichtlich, und von Trauer oder Trübsinn ist nicht die leiseste Spur zu erkennen. Er kauft mir ein Ticket in die nächste Stadt, von wo aus ich per Mitfahrgelegenheit zurück fahren werde. Der Zug hält an, ich laufe zur Tür und spüre kurz seinen Blick an mir haften. Ich steige in den Zug und sehe ihn dort stehen, zwei Meter von mir entfernt. Er ist gerade dabei, zwei älteren Menschen den Weg zu weisen, und als er fertig damit ist, treffen sich unsere Blicke wieder. In seinem Blick liegt etwas sehr Zärtliches und Vertrautes, etwas, das mich sehr berührt. Ich lege meine rechte Hand an die Glasscheibe und sage mir, dass ich nicht traurig werden darf, dass es keinen rationalen Grund dafür gibt, ausgerechnet jetzt zu weinen. Doch als der Zug in’s Rollen kommt und losfährt, unsere Blicke sich unweigerlich voneinander trennen, empfinde ich dasselbe Gefühl, das ich bei unserem ersten Abschied im Juni verspürt habe: ich fühle mich, als wäre ich erschossen worden. Mitten in’s Herz, genau dort hin, wo es so sehr schmerzt, dass ich aufschreien könnte. Doch ich schlucke die Tränen, den Schmerz herunter, und beiße mir auf die Lippen. Nicht jetzt, jetzt nicht!

Kurz nach sechzehn Uhr ruft mein Vater an. Ich sage ihm, dass wir gerade losgefahren sind, ich und meine Freunde, und dass wir bald zu Hause sein würden. Und während ich das sage, merke ich, wie dumm das gewesen ist. Denn die Fahrt würde etwa vier Stunden dauern, die Haustüre würde ich also erst gehen zweiundzwanzig Uhr aufschließen. Sechs Stunden, die ich nachher rechtfertigen muss. Und ich denke mir, dass es schon irgendwie gut werden würde, ich klug genug bin, um mir eine passende und glaubhafte Ausrede einfallen zu lassen.

Um zwanzig Uhr klingelt das Handy nochmals und ich gehe ‚ran und sage, dass ich bald da bin, wir gerade an einer Tankstelle in der Nähe sind und ich deshalb nicht die viermal zuvor an’s Telefon gegangen bin, weil es auf lautlos geschaltet war. Und wieder bewundere ich meine Dummheit, und hasse mich dafür. Der nächste Bus in’s Dorf fährt erst in einer Stunde, also überlege ich mir, zu sagen, dass ich mit zu den Freunden gefahren bin, sie mich eingeladen haben. Ich gehe in eine Dönerbude am Bahnhof und warte dort auf den Bus, lese eines der beiden Bücher weiter, die mir mein Held ausgeliegen hat. Schon ein Drittel habe ich hinter mir, als mich ein Besucher des Ladens fragt, ob ich die restlichen Stücke seiner Pizza essen würde, er sei schon satt. Ich freue mich und sage zu, bedanke mich und esse die beiden Pizzastücke. Ich glaube, dass das die beste Pizza ist, die ich je gegessen habe.

Der Bus ist da, ich steige ein und fahre in Richtung Wohnort. Während der Fahrt klingelt immer wieder mein Handy; es ist mein Vater, ich schalte auf lautlos und hebe nicht ab. Er würde hören, dass ich im Bus sitze. Doch er lässt nicht locker, ruft jede Minute an, wieder und wieder. Macht mich wahnsinnig. Natürlich, sein Sohn ist immer noch nicht da, doch ich habe ihm vor einer Stunde gesagt, dass ich bald da sein würde. Ich rede mir ein, dass ich ihn damit konditionieren könnte, indem ich nicht abhebe. Doch nichts Dergleichen.

Kurz vor dem Wohnort meiner Eltern schreibt mir Marie, eine meiner Freunde, mit denen ich — so sagten wir es jedenfalls zu meinen Eltern — über’s Wochenende nach Hessen verreist bin, eine SMS, in der steht, dass mein Bruder und mein Vater sie angerufen haben und sie ihnen sagte, dass ich schon unterwegs nach Hause bin. Scheiße, denke ich. Du bist aufgeflogen.

Im Wohnort sehe ich mich um; könnte ja sein, dass mein Vater irgendwo steht und nur darauf wartet, dass ich mich selbst verrate. Ich glaube niemanden zu sehen und steige aus dem Bus, und mein Bruder, der sich hinter einem Baum versteckt hat, rennt los nach Hause. Er hat mich erkannt. Ich werde gleich tot sein. Ich laufe nach Hause und versuche währenddessen eine Ausrede, einen Ausweg zu finden, doch das Denken ist mir nicht möglich. Er wird mich schlagen, er wird mich schlagen. Und da steht er schon an der Tür, auf mich wartend, wütend das Gesicht, die Körperhaltung aggressiv.

Ich sage: Was ist denn los? Vater sagt: Komm‘ erst einmal in’s Haus! Ich streife meine Schuhe ab und lasse meinen Rucksack auf der Treppe zurück, gehe in’s Wohnzimmer und ziehe meine Jacke aus, setze mich, wie es mir befohlen wurde. Ich fühle mich, als sei dieser Moment die letzte Stunde meines Lebens, das erste und letzte Gericht, vor dem ich mich verantworten müsste.

Sie sagen mir, dass sie mich durchschaut haben, mich und meine Lügen, dass sie Bescheid wissen. Mir stockt der Atem. Sie sagen, dass ich gar nicht mit Marie nach Hause gefahren bin, sondern mit der Bahn, denn Marie habe ihnen am Telefon gesagt, dass ich schon unterwegs sei. Sie sagen, dass sie wissen, dass Marie noch dort geblieben sei, aber nicht, dass Marie das gesagt hat. Und das hat sie auch nicht, denn sie schrieb mir, was sie sagte. Und plötzlich reimen sich meine Eltern eine Ausrede zurecht und ich stimme und gebe zu, dass ich gelogen habe. Weil ihr mir eh wieder vorwerfen würdet, dass meine Freunde mich nur ausnutzen und stehen lassen! Lügen, alles, durch und durch.

Nach langer Diskussion glaube ich mich aus der Misere gerettet zu haben, doch dann verlangt Vater nach meinem Handy. Erst weigere ich mich, doch dann beuge ich mich, als er mir Schläge androht, mich sehr fest am Arm packt. Ich beuge mich, um nicht zu zerbrechen und händige mein iPhone aus, das einzige Etwas in meinem alten Leben, mit dessen Hilfe ich mit meinem neuen Leben, mit meinem Helden kommunizieren kann. Er verlangt nach dem Sicherheitscode und ich sage ihn auf, weil ich ihn selbst nicht eintippen darf. Er öffnet meine SMS-App und ich sehe schon mein Blut an seinen Händen kleben, doch glücklicherweise sind nur die Nachrichten von Marie zu sehen. Er hätte nur auf Zurück tippen müssen, um die Nachrichten an meinen Freund zu lesen. Bevor es soweit kommt, schlage ich vor, Marie zu schreiben, dass ich jetzt zu Hause bin und alles okay ist, sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Ich schreibe ihr die SMS, wieder eine Lüge, und zeige sie meinem Vater, schalte dann das Handy aus und gebe es ihm, sage, dass ich jetzt endlich auf’s Klo muss und gehe die Treppen hinauf und wecke den Computer aus dem Ruhezustand auf, gebe die Fernlöschung aller Daten meines iPhones in Auftrag und gehe dann sofort auf’s Klo, denn mein Vater kommt die Treppen hochgestürmt. Er fragt mich durch die Klotüre hindurch, wie meine PIN lautet, ich sage sie ihm und weiß, dass er mit der Eingabe dieser mein iPhone löscht. Und so geschieht es, ohne dass er es merkt. Alles ist fort, mein Handy ist ein Backstein in seinen Händen.

Im Wohnzimmer sagt mir mein Vater wieder einmal, dass er mir und nicht an mich glaubt, und dass aus mir nie etwas werden wird, ich scheitern werde. Er sagt, ich sei dazu verdammt, und nichts Anderes käme für mich in Frage. Du wirst versagen!

Zwei Wochen lang wird er mir den einzigen Gegenstand vorenthalten, ohne den es mir wirklich schwer fällt, das Real Life zu durchleben. Das ist eine harte Strafe, aber dennoch um Welten milder als die, die ich bekommen hätte, wäre die Wahrheit an’s Tageslicht gekommen. Hätte er nur den vorletzten Nachrichtverlauf gelesen, die Mail-App gestartet oder in das Kontaktbuch gesehen, wäre meine Welt in tausend Teile zersplittert. Ich wäre dann nur noch ein Trümmerhaufen, jämmerlich und ausgebrannt.

Ich habe mich wieder einmal gebeugt, um nicht zu zerbrechen, und ich bin es müde und so sehr leid. Diesen Text habe ich wie in Trance niedergeschrieben und bevor dieser Absatz entstand, habe ich sehr heftig geweint, wieder im Elternhaus, wieder zürück sein zu müssen. Dieser Vorfall kann niemals das Wochenende, das voller Freude und Lächeln gewesen ist, überschatten, trotzdem überwiegt im Moment der Schmerz, der daraus geboren wurde. Ich habe an die vielen und wahren Worte meines Helden gedacht und mir dennoch gewünscht, niemals in den Zug und zur Mitfahrgelegenheit gestiegen zu sein. Ich habe mir zum ersten Mal gewünscht, tot zu sein, damit ich endlich leben und in Frieden ruhen kann.

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19 Antworten to “Zwei Tage im neuen Leben.”

  1. hühnerschreck Says:

    *schluck* wie gut, dass du geistesgegenwärtig genug warst, das handy fernzulöschen. (und dass es möglich ist, das überhaupt aus der ferne zu steuern … ) ich wünsche dir viel kraft.

    übrigens: auch bambus biegt sich bei sturm – und du weißt, wie zäh der ist! manchmal muss man sich beugen, wenn man nicht zerbrechen will.

  2. Hannah Says:

    : ( Oh man .. Wie kann dein Vater nur so sein und nicht merken, wie mies er sich verhält.

  3. flugunfaehig Says:

    Ich wünsche dir so sehr, dass es bald aufhört. Einfach aufhört. Denn du verdienst es so sehr, das Glück, jeden Tag.

  4. Toengi Says:

    Hi, bin schon lange eher Stummer Leser Deiner Seite und bin immer wieder aufs neue schockiert, was in Deinem Elternhaus abgeht. Ich hoffe, dass Du weiterhin die Kraft hast durchzuhalten und Trost und Zuspruch bei Deinen Freunden findest. It gets better. Nicht vergessen. It really gets better.

  5. Ulrich L* Says:

    *Sei einfach nur gedrückt ohne weitere Worte*

  6. imjustim Says:

    So etwas zu lesen schockt mich immer wieder auf’s Neue. Das ist mMn schon krankhaftes Verhalten von deinem Vater. Auch wenn es anfangs wohl etwas schwer fällt aber ignoriere solche Aussagen von deinem Vater und lass sie erst gar nicht an dich ran kommen.

  7. Tobias Says:

    Mir stockt der Atem. Ich erkenne das Muster dieser Form von Kontrolle(, die welche mir nicht fremd ist).

    Auf dass du bald die Pforte aus dem Land ihrer „dunklen Herrschschaft“ finden mögest. Exit, „Neon in alter Vertrautheit.“ Meine Wünsche begleiten Dich/Euch.

  8. Tilman Says:

    Ich bin erschüttert. Ich hoffe, das nimmt ein gutes Ende für Dich. Das wünsche ich Dir so sehr!

  9. die_heldin Says:

    wow.
    kann da nicht viel mehr denken als: alter, nimm deine klamotten so schnell du kannst und schau nie mehr zurück!

    ich wünsche dir leben. und nicht mehr nur überleben.

    • kiki Says:

      ja, tu das! raus da und zieh in ne wg und arbeite irgendwas, es geht alles, wenn man WILL! sonst ist es gewollte selbstzerstörung. oder du bist zu faul, um konsequenzen zu ziehen.far far and away!!!

  10. Anna Says:

    Ich habe bisher nur still mitgelesen, aber dieser Eintrag hat mich wirklich erschuettert. ich wuensche Dir viel Kraft und Staerke durchzuhalten, und denke dran: Es wird wirklich besser. Jeden Tag ein Stueck. Thiking of you.

  11. Heartcore Says:

    Jeden Tag die stille Hoffnung, dass es morgen endlich besser wird, doch immer kommt es anders. Besser kann es nur werden, wenn ich nicht mehr in diesem Haus und vor allem weit weg wohne. Aber wie’s aussieht, wird mein Plan, das Studium als felsenfesten Grund für meinen Auszug anzugeben, nicht funktionieren. Fünf Ablehnungsbescheide, und noch immer keine Zusage. Sieben Antworten fehlen noch.

  12. M. Says:

    Hallo,

    Unglaublich!

    Ich bin zum ersten Mal hier und hab nur diesen Text gelesen. Dir hier Kraft und Stärke zu wünschen reicht einfach nicht!!

    Ich denke du brauchst auf jedenfall Hilfe, sei es vom Amt, oder von anderen Mitgliedern deiner Familie. Du solltest dich jemanden anvertrauen der Zugang zu deiner Familie hat. Im speziellen dem dein Vater zuhört.

    Sicher kann man ihn nicht einfach darauf ansprechen, sowas muss behutsam geschehen.

    Ich bin nur ein wildfremder und mich „geht das nichts an“, aber ich will und kann da nicht wegsehen und mich da auch aus diesem Grund auch nicht raushalten. Und ich überlege wie man dich Unterstützen kann.

    LG.
    M.

    • Heartcore Says:

      Mein Vater lässt sich von niemandem etwas sagen, und der Familie kann ich meine Wahrheit nicht zumuten; die würden die Klappe nicht halten und plötzlich wüssten es alle. Das möchte ich nicht riskieren.

      Allein schon dein Kommentar stellt Unterstützung für mich dar. :)

  13. arboretum Says:

    Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass bald eine Zusage kommt. Welches Studienfach soll es denn sein?

    • Heartcore Says:

      Wirtschaftspsychologie, weil ich in die „normale“ Psychologie wohl kaum ‚reinkommen würde. Fachhochschulreife mit 2,5 ist natürlich nicht gut genug. :(

  14. wohlgestalt Says:

    Wie können wir Dir helfen? In welches Bundesland würdest Du denn am Liebsten gehen? Den Link wirst Du schon kennen, aber falls nicht: http://www.wirtschaftspsychologie-studieren.de/oft-gestellte-fragen/ Das, was Du über Deinen Vater schreibst, klingt nicht gut und Du solltest Dich so schnell wie möglich aus der Reichweite Deines Vaters begeben. Dafür drücke ich Dir feste die Daumen und wünche Dir viel Kraft und Mut! Je eher Du unabhängig bist, desto besser. Falls es mit dem Studium nicht gleich klappt, vielleicht ein Praktikum oder einen Job suchen, der für das spätere Psychologiestudium nützlich sein könnte? Hauptsache, unabhängig! Aber man redet (bzw. schreibt) sich so leicht aus dem Abstand und der Anonymität… Jedenfalls: ALLES GUTE! Nicht verzagen! Und wie schon andere schrieben: vertraue Dich jemandem an, der Dir, wenn auch vielleicht nicht enger Vertrauter/Bekannter, vertrauenswürdig erscheint. Jemand aus der Umgebung. Du wirst das schaffen! Beratung: http://www.das-beratungsnetz.de/project.php (> keine Ahnung, ob die gut sind: http://www.das-beratungsnetz.de/project.php > http://www.das-beratungsnetz.de/beratungslotse/institut/listfirms.php?beratungsfeld=15)

  15. Maren Emm Says:

    Es tut mir beinahe physisch weh, zu wissen, dass es Leute wie Deinen Vater wirklich gibt. Natürlich bin ich auch oft sauer auf meine Eltern, aber Deine Erfahrungen holen mich auf den Boden der Tatsachen zurück!
    Ich wünsche dir alle Kraft, die du brauchst und gute Freunde, die dir helfen, es durchzustehen. Und ich wünsche dir mindestens eine Zusage für einen Studienplatz weit weg von all dem Scheiß.

  16. junedown Says:

    Habe deinen Blog grade erst gefunden, aber als ich das hier gelesen habe war ich direkt ergriffen.
    Ich bewundere dich, dass du so ruhig geblieben bist und direkt an die Fernlöschung gedacht hast. Ich wäre da niemals drauf gekommen, wusste bis grade auch gar nicht, dass sowas möglich ist.

    Ich weiß es klingt schwer, aber diese Zeiten gehen vorbei. Irgendwann wirst du hocherhobenen Kopfes aus deinem Elternhaus gehen und dein Leben so leben wir du möchtest, frei und offen.

    Liebe Grüße


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