Posts Tagged ‘Verzweiflung’

Flughafen. (25/42)

5. August 2017

Am schlimmsten sind diejenigen Träume, die ich nicht unbedingt als Albtraum bezeichnen würde. Träume, deren inhaltliches Geschehen dem Grunde nach nicht zu einem Albtraum passen; also in denen nichts „Schlechtes“ geschieht, die aber dennoch so stark stresserfüllt sind, dass man sie einfach nur durchleidet, bis man total gerädert aus ihnen erwacht – endlich!

Heute Nacht musste ich zu einer fixen Zeit (19:22 Uhr) an einem Flughafen sein, um einchecken zu können. Wohin genau die Reise gehen sollte weiß ich nicht mehr. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich zuvor mit Kollegen aus Wien telefoniert habe und wir uns in Norwegen (?) treffen wollten.

Nun sind aber Träume so ein Gebilde aus Abertausenden einzelnen Fragmenten; in diesem Traum zumindest blieb ich überall hängen, weil plötzlich etwas anderes relevant war, weil ich von irgendwem angesprochen wurde oder irgendetwas zu erledigen hatte. Ich musste eine Ewigkeit mit jemandem telefonieren, der etwas von mir brauchte. (War es Zuspruch? Ich weiß es nicht mehr.) Dabei saß mir die Zeit im Nacken, es war schon fast Abend. Ich packte nebenbei meinen Koffer, leider war noch all die Wäsche, die ich mitnehmen wollte, auf dem Dachboden zum Trocknen; die Wäsche war noch ganz klamm, weil es die letzten Tage ununterbrochen geregnet hatte, also musste ich einige Sache fönen. Dann ging ich aus dem Haus, es regnete wie aus Strömen und der Himmel glich schwarzem Marmor. Das bestellte Taxi kam einfach nicht, ich fragte meinen Freund, ob er mich zum Flughafen fahren konnte. Leider hatte seine Mutter das Auto mitgenommen, also konnte er nicht. Das Taxi kam dann doch noch an. Der Fahrer allerdings musste die ganze Zeit mit mir quatschen, er fuhr so langsam er konnte und an den Ampeln kurbelte er sein Fenster herunter, um entweder mit anderen Taxi-Fahrern zu schwatzen oder irgendwelche Frauen zu belästigen. Die Fahrt in diesem Taxi war die Hölle für mich. Die Zeit wurde immer knapper. Plötzlich waren wir weit aus der Stadt heraus gefahren, doch konnten wir nicht über eine Brücke fahren. Diese war wegen Regen nur für Fußgänger zugänglich, also musste ich wohl oder übel mit meinem Rollkoffer durch den Regen über die Brücke. (Habe ich das Taxi bezahlt? Ich hoffe nicht!) Auf der anderen Seite angekommen wollte ich ein weiteres Taxi rufen, doch gab es dort kein Netz. Die Menschen, die ich ansprach, konnten mir auch nicht weiterhelfen. Ich war so verzweifelt, dass ich mich auf den nassen Asphalt legte; vollkommen durchnässt war ich sowieso schon. Ob sie mich in diesem Zustand überhaupt in das Flugzeug lassen würden? Es war sowieso schon 19:11 Uhr, wie sollte ich es jemals pünktlich schaffen? Zu meinem Glück fuhr dann ein leeres Taxi an mir vorbei, dem ich noch erfolgreich zuwinken konnte. Dieser Taxi-Fahrer wusste ganz genau, was ich wollte, und gab Vollgas. Nun hatte ich nicht nur Angst, den Flug zu verpassen, ich hatte zusätzlich noch eine Art Todesangst, weil ich von der Geschwindigkeit so stark in den Sitz gedrückt wurde, dass ich beinahe vollkommen darin verschwand. Und wie sollte es anders sein, wurden wir von einer Polizei-Streife angehalten wegen zu schnellen Fahrens. Jetzt war ich am Ende meiner Geduld, ich konnte meiner Verzweiflung nicht mehr standhalten.

Ich hatte die ganze Zeit unendlichen Stress in diesem Traum. Scheinbar so arg, dass ich aus Verzweiflung aufgewacht bin: Mein Körper hat die Notbremse gezogen und mich mit einem Krampf in der Schulter aus dem Schlaf gerissen. Vielen Dank und Aua!

Warum all das? Dabei hätte ich so schön ausschlafen können.

(Ich glaube, ich weiß warum: Ich warte seit Wochen auf einen Brief, doch er kommt einfach nicht. „Der Vorgang ist in Bearbeitung.“ Seit zwei Monaten schon!)

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Zwei Tage im neuen Leben.

1. August 2011

In der ersten Nacht weine ich an seiner Brust, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint habe. Am nächsten Tag sagt er mir in einem passenden Moment, dass das kein Weinen, sondern vielmehr Rotz und Wasser heulen gewesen ist. Er sagt, dass es nicht stimmt, was ich in dieser Nacht sagte. Es stimmt nicht, dass du „zurück“ musst, denn du warst niemals wirklich dort. Niemand wird dich aufhalten können, du bist schon längst gegangen. Und damit hat er Recht, denn das Elternhaus war niemals mein Zuhause, niemals ein Ort, an dem ich mich wohl und geborgen gefühlt habe. Er hingegen ist genau das für mich: ein Zuhause, ein Ort, an dem es mir gut geht, an welchem ich mich lebendig und vor Allem glücklich fühle.

Am Tag meiner Abreise bin ich zuversichtlich, und von Trauer oder Trübsinn ist nicht die leiseste Spur zu erkennen. Er kauft mir ein Ticket in die nächste Stadt, von wo aus ich per Mitfahrgelegenheit zurück fahren werde. Der Zug hält an, ich laufe zur Tür und spüre kurz seinen Blick an mir haften. Ich steige in den Zug und sehe ihn dort stehen, zwei Meter von mir entfernt. Er ist gerade dabei, zwei älteren Menschen den Weg zu weisen, und als er fertig damit ist, treffen sich unsere Blicke wieder. In seinem Blick liegt etwas sehr Zärtliches und Vertrautes, etwas, das mich sehr berührt. Ich lege meine rechte Hand an die Glasscheibe und sage mir, dass ich nicht traurig werden darf, dass es keinen rationalen Grund dafür gibt, ausgerechnet jetzt zu weinen. Doch als der Zug in’s Rollen kommt und losfährt, unsere Blicke sich unweigerlich voneinander trennen, empfinde ich dasselbe Gefühl, das ich bei unserem ersten Abschied im Juni verspürt habe: ich fühle mich, als wäre ich erschossen worden. Mitten in’s Herz, genau dort hin, wo es so sehr schmerzt, dass ich aufschreien könnte. Doch ich schlucke die Tränen, den Schmerz herunter, und beiße mir auf die Lippen. Nicht jetzt, jetzt nicht!

Kurz nach sechzehn Uhr ruft mein Vater an. Ich sage ihm, dass wir gerade losgefahren sind, ich und meine Freunde, und dass wir bald zu Hause sein würden. Und während ich das sage, merke ich, wie dumm das gewesen ist. Denn die Fahrt würde etwa vier Stunden dauern, die Haustüre würde ich also erst gehen zweiundzwanzig Uhr aufschließen. Sechs Stunden, die ich nachher rechtfertigen muss. Und ich denke mir, dass es schon irgendwie gut werden würde, ich klug genug bin, um mir eine passende und glaubhafte Ausrede einfallen zu lassen.

Um zwanzig Uhr klingelt das Handy nochmals und ich gehe ‚ran und sage, dass ich bald da bin, wir gerade an einer Tankstelle in der Nähe sind und ich deshalb nicht die viermal zuvor an’s Telefon gegangen bin, weil es auf lautlos geschaltet war. Und wieder bewundere ich meine Dummheit, und hasse mich dafür. Der nächste Bus in’s Dorf fährt erst in einer Stunde, also überlege ich mir, zu sagen, dass ich mit zu den Freunden gefahren bin, sie mich eingeladen haben. Ich gehe in eine Dönerbude am Bahnhof und warte dort auf den Bus, lese eines der beiden Bücher weiter, die mir mein Held ausgeliegen hat. Schon ein Drittel habe ich hinter mir, als mich ein Besucher des Ladens fragt, ob ich die restlichen Stücke seiner Pizza essen würde, er sei schon satt. Ich freue mich und sage zu, bedanke mich und esse die beiden Pizzastücke. Ich glaube, dass das die beste Pizza ist, die ich je gegessen habe.

Der Bus ist da, ich steige ein und fahre in Richtung Wohnort. Während der Fahrt klingelt immer wieder mein Handy; es ist mein Vater, ich schalte auf lautlos und hebe nicht ab. Er würde hören, dass ich im Bus sitze. Doch er lässt nicht locker, ruft jede Minute an, wieder und wieder. Macht mich wahnsinnig. Natürlich, sein Sohn ist immer noch nicht da, doch ich habe ihm vor einer Stunde gesagt, dass ich bald da sein würde. Ich rede mir ein, dass ich ihn damit konditionieren könnte, indem ich nicht abhebe. Doch nichts Dergleichen.

Kurz vor dem Wohnort meiner Eltern schreibt mir Marie, eine meiner Freunde, mit denen ich — so sagten wir es jedenfalls zu meinen Eltern — über’s Wochenende nach Hessen verreist bin, eine SMS, in der steht, dass mein Bruder und mein Vater sie angerufen haben und sie ihnen sagte, dass ich schon unterwegs nach Hause bin. Scheiße, denke ich. Du bist aufgeflogen.

Im Wohnort sehe ich mich um; könnte ja sein, dass mein Vater irgendwo steht und nur darauf wartet, dass ich mich selbst verrate. Ich glaube niemanden zu sehen und steige aus dem Bus, und mein Bruder, der sich hinter einem Baum versteckt hat, rennt los nach Hause. Er hat mich erkannt. Ich werde gleich tot sein. Ich laufe nach Hause und versuche währenddessen eine Ausrede, einen Ausweg zu finden, doch das Denken ist mir nicht möglich. Er wird mich schlagen, er wird mich schlagen. Und da steht er schon an der Tür, auf mich wartend, wütend das Gesicht, die Körperhaltung aggressiv.

Ich sage: Was ist denn los? Vater sagt: Komm‘ erst einmal in’s Haus! Ich streife meine Schuhe ab und lasse meinen Rucksack auf der Treppe zurück, gehe in’s Wohnzimmer und ziehe meine Jacke aus, setze mich, wie es mir befohlen wurde. Ich fühle mich, als sei dieser Moment die letzte Stunde meines Lebens, das erste und letzte Gericht, vor dem ich mich verantworten müsste.

Sie sagen mir, dass sie mich durchschaut haben, mich und meine Lügen, dass sie Bescheid wissen. Mir stockt der Atem. Sie sagen, dass ich gar nicht mit Marie nach Hause gefahren bin, sondern mit der Bahn, denn Marie habe ihnen am Telefon gesagt, dass ich schon unterwegs sei. Sie sagen, dass sie wissen, dass Marie noch dort geblieben sei, aber nicht, dass Marie das gesagt hat. Und das hat sie auch nicht, denn sie schrieb mir, was sie sagte. Und plötzlich reimen sich meine Eltern eine Ausrede zurecht und ich stimme und gebe zu, dass ich gelogen habe. Weil ihr mir eh wieder vorwerfen würdet, dass meine Freunde mich nur ausnutzen und stehen lassen! Lügen, alles, durch und durch.

Nach langer Diskussion glaube ich mich aus der Misere gerettet zu haben, doch dann verlangt Vater nach meinem Handy. Erst weigere ich mich, doch dann beuge ich mich, als er mir Schläge androht, mich sehr fest am Arm packt. Ich beuge mich, um nicht zu zerbrechen und händige mein iPhone aus, das einzige Etwas in meinem alten Leben, mit dessen Hilfe ich mit meinem neuen Leben, mit meinem Helden kommunizieren kann. Er verlangt nach dem Sicherheitscode und ich sage ihn auf, weil ich ihn selbst nicht eintippen darf. Er öffnet meine SMS-App und ich sehe schon mein Blut an seinen Händen kleben, doch glücklicherweise sind nur die Nachrichten von Marie zu sehen. Er hätte nur auf Zurück tippen müssen, um die Nachrichten an meinen Freund zu lesen. Bevor es soweit kommt, schlage ich vor, Marie zu schreiben, dass ich jetzt zu Hause bin und alles okay ist, sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Ich schreibe ihr die SMS, wieder eine Lüge, und zeige sie meinem Vater, schalte dann das Handy aus und gebe es ihm, sage, dass ich jetzt endlich auf’s Klo muss und gehe die Treppen hinauf und wecke den Computer aus dem Ruhezustand auf, gebe die Fernlöschung aller Daten meines iPhones in Auftrag und gehe dann sofort auf’s Klo, denn mein Vater kommt die Treppen hochgestürmt. Er fragt mich durch die Klotüre hindurch, wie meine PIN lautet, ich sage sie ihm und weiß, dass er mit der Eingabe dieser mein iPhone löscht. Und so geschieht es, ohne dass er es merkt. Alles ist fort, mein Handy ist ein Backstein in seinen Händen.

Im Wohnzimmer sagt mir mein Vater wieder einmal, dass er mir und nicht an mich glaubt, und dass aus mir nie etwas werden wird, ich scheitern werde. Er sagt, ich sei dazu verdammt, und nichts Anderes käme für mich in Frage. Du wirst versagen!

Zwei Wochen lang wird er mir den einzigen Gegenstand vorenthalten, ohne den es mir wirklich schwer fällt, das Real Life zu durchleben. Das ist eine harte Strafe, aber dennoch um Welten milder als die, die ich bekommen hätte, wäre die Wahrheit an’s Tageslicht gekommen. Hätte er nur den vorletzten Nachrichtverlauf gelesen, die Mail-App gestartet oder in das Kontaktbuch gesehen, wäre meine Welt in tausend Teile zersplittert. Ich wäre dann nur noch ein Trümmerhaufen, jämmerlich und ausgebrannt.

Ich habe mich wieder einmal gebeugt, um nicht zu zerbrechen, und ich bin es müde und so sehr leid. Diesen Text habe ich wie in Trance niedergeschrieben und bevor dieser Absatz entstand, habe ich sehr heftig geweint, wieder im Elternhaus, wieder zürück sein zu müssen. Dieser Vorfall kann niemals das Wochenende, das voller Freude und Lächeln gewesen ist, überschatten, trotzdem überwiegt im Moment der Schmerz, der daraus geboren wurde. Ich habe an die vielen und wahren Worte meines Helden gedacht und mir dennoch gewünscht, niemals in den Zug und zur Mitfahrgelegenheit gestiegen zu sein. Ich habe mir zum ersten Mal gewünscht, tot zu sein, damit ich endlich leben und in Frieden ruhen kann.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Stunden später.

27. Oktober 2010

Und noch Stunden später liege ich leblos unter meiner Bettdecke, mit dem feinen Unterschied, dass ich nun Musik höre, um mich nicht einsam zu fühlen. — „If You Wanna Make The World A Better Place / Take A Look At Yourself, And Then Make A Change“ — Und ich sehe wieder mein Gesicht im Spiegel und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich möchte etwas ändern, und wie ich das möchte! Doch was, was um Himmels Willen soll ich an mir ändern und wo soll ich anfangen, damit die Welt eine bessere wird? Ich drücke mir die Hände in’s Gesicht und spüre meine Verzweiflung. Als meine Reflextränen verdunstet sind, öffne ich meine Augen und nehme wahr, dass ich im Schein des Mondes liege. Blass und kaum sichtbar schimmert meine Haut. Soll ich nach draußen gehen? Was soll ich dort machen? Viel wichtiger: wohin soll ich gehen oder zu wem? Ich habe niemanden, der mich in den Arm nehmen könnte, auf dessen Schoß ich liegen und mich ausheulen könnte, nachts um 01:32 Uhr.

Ich umarme meinen Teddybären und drehe mich um.

Am Ende.

26. Oktober 2010

Morgens stehe ich vor dem Spiegel und sehe mich selbst, wie ich mich kenne. Abends stehe ich wieder vor dem Spiegel und sehe noch einmal in meine Augen. Nachts liege ich stundenlang im Bett und kann nicht schlafen, weil der Schmerz dafür sorgt, dass ich meine Augen nicht schließen kann. Mein Herz schlägt selten, ich fühle mich schwer beladen. Ich blicke leblos in die Dunkelheit und erkenne, dass mich niemand kennt. In meinem Kopf rauscht das Blut, um die Leere zu übermalen. Ich denke an nichts, an gar nichts. Ich lausche meinem Atem und meinem Herzschlag, fühle mich versunken und allein. Bleib‘ endlich stehen und mir laufen die Tränen über’s Gesicht. Ich bin am Ende.