Archive for März, 2010

Traurig blau und perlweiß.

31. März 2010

Heute hatte ich nur eines im Kopf: das eventuell anstehende Treffen mit Frau Fragmente. Indes habe ich überlegt, was wir machen könnten, wenn die Sonne scheint. Ob die Sonne letztlich scheinen wird, ist natürlich ungewiss, doch ich hoffe sehr, dass dieser Tag ein strohgoldener Tag in der Sonne des Aprils sein wird.

Ich stelle mir diesen hoffentlich angenehm-sonnigen Tag so vor: Wir treffen uns irgendwann zur Mittagszeit an einer zuvor abgemachten Stelle in der Stadt (der Bahnhof bietet sich geradezu als diese Stelle an; den Weg dorthin kennt sie ja schon), und fahren dann in das wenige Meter entfernt liegende Parkhaus.

Den Moment unserer Begegnung möchte ich nutzen, um das zu tun, was ich letztes Mal unterdrückt habe, weil ich dachte, es wäre unangebracht.

Wir werden das Parkhaus verlassen und uns in ein Café setzen, um anschließend gemütlich an dem See entlang zu laufen, den ich persönlich als sehr schön empfinde. (Ich kenne eigentlich nur diesen einen See, es gibt bestimmt schönere.) Vielleicht werden wir aber erst den See und dann das Café aufsuchen; je nach dem, wie uns gerade ist.

Ich habe über Tage hinweg Fragen und Stichworte notiert, denn dieses mal möchte ich „vorbereitet“ sein. Das letzte Mal hatte ich zwar ein positives Gefühl, doch fehlte es von meiner Seite aus an Fragen; da ich sie nicht wirklich „kannte“ und nicht wusste, was ich sie fragen kann bzw. ob ihr die Fragen zu privat wären. Im Nachhinein war das ein bisschen feige von mir.

An diesem Tag wird das anders sein, das weiß ich.

Während wir an dem See entlang laufen werden, werden kleine, weiße Wolken den tiefblauen Himmel bruchstückhaft bedecken; die Sonne wird nicht zu intensiv scheinen. Es wird warm sein, aber nicht heiß. Ein leichter Wind wird durch ihr Haar wehen und ihre Augen werden im Sonnenlicht erstrahlen. Die Augenfarbe eines Menschens ist im Sonnenlicht am intensivsten. Die Wolken werden Schatten auf den See werfen, welcher edlen Enten als Zuhause dient. Das saftig-grüne Gras wird im Takte des Windes mitschwingen und kleine Gänseblümchen werden glücklich mitwippen.

Nach und nach werden die weißen Wolken ein Stück traurig-blauen Himmel freilegen und wir werden uns auf eine perlweiße Parkbank setzen und die Wolken am Rande des traurigen Blaus betrachten. Vielleicht werden wir die Wolken zu deuten versuchen, wer weiß.

Manchmal spielt dort ein älterer Herr Klavier, vielleicht wird er an diesem Tag an jenem Ort sitzen und die Luft in Melancholie tränken.

Wir werden über vieles sprechen, ich werde ihr so einiges erzählen, was ich hier erzählen möchte, wenn ich endlich die Maske der Anonymität aufgezogen habe.

Am Ende des Tages werde ich ein bisschen traurig sein, weil es so schön und kurz war, doch das wird mir lehren, den Moment zu schätzen und in mir festzuhalten.

Diesmal werde ich ganz besonders auf ihre Stimme achten und mir diese Stimme einprägen, denn ich erinnere mich nur noch an ein zartes „Tschüss!“ am Telefon.

Und dann wird sie wegfahren und ich werde ihr glücklich bis traurig hinterher winken. „Lebe wohl, Schwesterherz!“

So könnte das stattfinden. Ich lasse mich überraschen und bin nicht enttäuscht, falls nicht.

Advertisements

Waldbrand.

29. März 2010

An Tagen wie diesen scheine ich nicht zu leben. Vielmehr träume ich einen Traum, in dem ich gefangen, doch unglücklicherweise glücklich bin. Das unbestimmbare Gefühl gleicht einer unbestimmbaren Unruhe, als würde der Variationswald der Persönlichkeit lichterloh brennen. Der innere Waldbrand und die äußere Maske, die Fassade, hinter der wir uns verstecken, niemals werden sie sich vereinbaren lassen.

So zerstückelt, so zerrissen, als sei ich das Puzzle meiner Unruhe, einer erfüllenden Unruhe, die mich trägt, hinaus in ferne Länder…

Tiefblauer Himmel.

25. März 2010

„Eine Übelkeit erregende Frische in der kalten Reglosigkeit eines lauen Meeres.“

Die Banalität meines Lebens zeichnet sich in den von der Sonne vergoldeten Wolken ab. Kleine Schäfchen in der Obhut des Himmeldaches.

Eines dieser Schäfchen ist klar und deutlich zu erkennen; es ist reiner in seinem Weiß als alle anderen.

Während die anderen zu einem aschgrauen Sumpf der Allgemeinheit verschmelzen, steht das weiße Schäfchen einsam am Rande des Teiches. Tief im Inneren ist es glücklich über seine weiße Einsamkeit im Blau des Himmels, welcher so blau ist, wie es ein Himmel nur sein kann.

Das Schäfchen hat gelernt, mit der weißen Einsamkeit zu leben; sie ist Freund und Begleiter und immer in der Gedankenlandschaft vorhanden. Insgeheim hofft das Schäfchen, dass die goldene Sonne der Klarheit die aschgraue Masse entzwei teilt und der Einsamkeit ein Ende setzt.

Er wird kommen, dieser himmelblaue Tag, an dem sich die Schmetterlinge der Verlockung auf den weißen Flieder der Zweisamkeit setzen werden.

Landschaften aus dem Bilderbuch der Träume ziehen an mir vorbei.

„Alles fesselt mich und nichts hält mich.“

Ich liebe diesen Satz.

Twitter Conversations [1].

16. März 2010

@thistell: Alles Fiktion? Wenn du was brauchst melde dich. Explodieren? Kann ich dir ein Lied singen. Kein schönes.

@Heartcore: Sing es mir vor, @thistell, vielleicht verliere ich mich darin und finde mich wieder.

@thistell: Man hält sich für unzerstörbar; meint durch die Explosion den eigenen Wirkungsradius vergrößern zu können. Es ist nutzlos.

@Heartcore: Was soll ich tun? Das rote oder das blaue Kabel durchtrennen?

@thistell: Abwarten und Tee trinken. Es wird dir von selbst einfallen.

@Lowrids: Ich glaube, es ist einfach: Du brauchst eine Freundin, in die du verliebt bist und mit der du mehr Zeit verbringst als mit Twitter.

@Heartcore: Ich wünsche mir das seit geraumer Zeit, doch noch ist sie mir nicht begegnet. Sie irrt da draußen umher, ohne mich zu kennen und würde sie mich kennen, würde sie einen großen Bogen um mich herum machen. Wer will schon jemanden, der so ist, wie ich?

@Lowrids: Was redest du da für Unsinn. Sorry, aber das musste gesagt werden. Die Frage wird vielleicht eher sein, ob die Art Mädchen, die dich wegen deiner Art und deiner Werte besonders anziehend findet, auch umgekehrt dir gefällt. Da hab ich keine Ahnung. Frag doch mal Frau @Fragmente danach, die kennt dich persönlich und kann als Frau beurteilen, was für ein Typ du bist und auf welchen Typ Mädchen du Eindruck machen kannst. Ganz plump gesagt: Es gibt ca. 4 Milliarden Frauen auf der Erde, davon sind viele jung genug und ganz in deiner Nähe. Also nur Mut!

@Heartcore: Ich weiß nicht, was ich rede. Es verlässt mich, sprudelt aus mir heraus. Ich weiß, es gibt diese Person da draußen. Ich bin zuversichtlich sie eines Tages zu finden. Doch wann wird dieser Tag kommen? Es bleibt im Ungewissen.

@Lana74: aber Schatz Du hast uns und Twitter, das ist mehr als manch andere in Deinem Alter haben! <3

@Heartcore: Das stimmt. Ihr seid in solchen Momenten für mich da, doch ich sehne mich nach einer Schulter, nach einer Brust, an die ich mich lehnen kann. Ich sehne mich nach einem Menschen, der mich auffängt, und zwar physisch.

@Lana74: und auch das verbindet viele von uns!!!

@Heartcore: Werde mich jetzt Pessoas Buch widmen, genauer gesagt werde ich Fragment 41 auf den Seiten 49/50 lesen. (@silenttiffy)

@silenttiffy: Fragment 49 tötet mich. Das ist 1:1 aus meinem Kopf.

@Heartcore: Tiffy! Fragment 41 hat mich soeben ermordet. Ich werde mich jetzt zu 49 durchlesen. Mein Tod ist nah, ich spüre es.

@silenttiffy: Auf keinen Fall sterben, kleiner Abdu! Die Welt braucht dich! :)

Das mit den Regentropfen wie Diamanten, wie Krümel, ist das nicht eine wunderschöne Stelle? #41

@Heartcore: Ich wünsche mir, davon zu träumen. Denn diese Zeilen strahlen eine Schönheit aus, von der ich nur träumen kann. Weißt du, mein Herz schlägt schneller und rast, wenn ich diese Stelle lese. Mir bleibt der Atem weg und ich kann nicht denken, weil mir der Sauerstoff fehlt. Ich wünschte, ich würde in Ohnmacht fallen, um davon träumen zu können.

Diese Diamanten, ich sehe sie mich blenden. Vielleicht erkenne ich in deren Licht mein „wahres Ich“, so wie sich Pessoa selbst erkannte. Ich wünschte, ich könnte es. Ich werde dir auf Ewig dankbar sein.

@silenttiffy: Er sieht mit seinen Facettenaugen Schönheit in jedem Millimeter der Erscheinungen. Seine Seele färbt die Welt schillernd ein. <3

Ich liebe es, dass es immer die traurigen Seelen sind, die zu diesem Zauber der Wahrnehmung befähigt sind. Das ist des Leidens Lohn.

@Heartcore: Traurigkeit ist das Gefühl, dass mich „am meisten“ erfüllt, das ich „am besten“ spüren kann. Einerseits breitet sie sich wie ein Tumor in mir aus, zerfrisst mich manchmal, andererseits ist es das, was ich an mir liebe. Die Gabe der Traurigkeit ist etwas ganz besonderes; ich möchte sie nicht verlieren und doch möchte ich von ihr nicht zermalmt werden. Lieber leide ich, anstatt an Oberflächlichkeiten festzuhalten. Ich glaube, das ist meine Bestimmung.

@silenttiffy: Guter Gedanke, den jeder gute Psychotherapeut dir bestätigen und nahelegen wird: Die Melancholie behalten, aber nicht an ihr leiden. Das eigentliche Leid rührt daher, dass man die Traurigkeit als etwas „falsches“ betrachtet, das abgeschafft werden muss, wenn man „glücklich“ werden will. Aber das ist Quatsch. Wenn man die Traurigkeit bejaht tut sie paradoxerweise gar nicht mehr weh.

@Heartcore: Ich zögerte, die Traurigkeit zu umarmen, doch dank dir weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich strecke meine Arme aus und hoffe, dass sich mein Zustand bessert. Die Paralle dazu ist erschreckend: „Und darum sollten wir uns umarmen bis der Notarzt kommt oder wenigstens die Schwarte kracht.“

@silenttiffy: hahahaha! :) Schlaf gut. Ich knicke weg wie ein Schilfrohr. Wannanders mehr.

@Heartcore: Ich wünsche dir einen Traum, der dich glücklich macht, egal ob der Inhalt traurig, lustig, trashig oder nuttig ist. Schlaf gut!

Pessoa [2].

16. März 2010

Werde mich jetzt Pessoas Buch widmen, genauer gesagt werde ich Fragment 41 auf den Seiten 49/50 lesen. (@silenttiffy)

Wenigstens gibt mir dieses Buch das Gefühl von Verständnis.

„Doch ich weiß weder, was ich empfinde, noch, was ich empfinden will, ich weiß weder, was ich denke, noch, was ich bin.“

„Ich stelle fest, daß ich mich, sooft ich auch heiter und zufrieden bin, doch immer traurig fühle.“

Fragment 41 beschreibt HAARGENAU den Weg, auf dem ich vorhin ging, und die Gedanken, die ich dabei hatte.

Er vernichtet mich, reibt meine Knochen zu Staub und streut sie über dem unendlichen Meer der Sehnsucht, immer und immer wieder. Sein Name ist Pessoa, zu dessen Seele ich mich hingezogen fühle, so stark und intensiv, wie zu niemanden je zuvor.

Und plötzlich fallen mir tausend Bilder ein; in meinem Kopf findet ein Feuerwerk der Phantasie statt. Traurigkeit ist eben meine Bestimmung.

Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der „weise, türkische Junge“. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

„Es ist real, aber woanders.“ – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, „was besser wäre“. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so „reingerutscht“ bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.

Der 13. März.

13. März 2010

Heute vor zwei Jahren erreichte die Freundschaft zwischen mir und Paul ihren Höhepunkt. Nie zuvor war sie intensiver; nie wieder erlangte sie diesen Grad an Intensität.

Wenn ich an diesen Tag denke, leide ich, denn Paul befindet sich nun hinter dem schweren Vorhang der Vergangenheit.

Nie werde ich den Ausdruck seines angsterfüllten Gesichtes vergessen, als er jenes Blut an meinen Händen erblickte.

„Lass es uns ‚VV‘ nennen.“

In der Ecke.

13. März 2010

Ich hasse Menschen, die mich in die Ecke drängen.

„Und was genau machst du jetzt? … Warum denn das? … Denkst du, dass das eine Zukunft hat? … Nein, das wird nichts. … Was machst du danach? Was, du weißt es noch nicht genau? … Du musst es wissen, sonst wird das nichts. … Du musst dein Ziel kennen. … Nein, am besten, du machst etwas anderes. … Ich sehe keine Zukunft darin. … Heutzutage geht es nur ums Geld. … Du solltest das verwerfen. … Aus dir wird so nichts.“

Ich schweige, um nicht zu platzen.

Honig.

12. März 2010

Es macht mich irgendwie traurig, dass meine Ausdruckweise an einem Punkt angelangt ist, an dem es mir schwer fällt, mich mit Gleichaltrigen zu verständigen. Gleichzeitig hat es Vorteile für mich. Doch was nützen mir diese Vorteile, wenn ich das, was ich sagen möchte, in einer Art und Weise ausdrücke, in der es die meisten Menschen, mit denen ich es zu tun habe, nicht verstehen?

Eben habe ich die erste Antwort auf einen Kommentar hier gegeben; dabei wurde mir wieder etwas bewusst: Wenn ich mir Gedanken über etwas mache, das ich an sich schon „weiß“, dann erweitert sich mein Wissen über diese Sache bzw. mein Denken darüber wird klarer.

Vor mir steht ein Glas Kamilletee, in dem der Honig schwer und träge auf dem Boden liegt. Rühre ich um, so löst sich der Honig nach und nach auf. Nehme ich den Löffel schnell während dem Rühren aus dem Glas, sehe ich, wie der Honig langsam nach unten sinkt und beim Sinken an seinen Rändern aufgerauht wird und sich langsam, aber dennoch auflöst.

Vielleicht sind meine Gedanken wie Honig.

Mein Ziel hier ist es, meine Gedanken zu überdenken und in Wortkleider zu hüllen, um Klarheit und Ordnung in meinem Kopf zu schaffen. Nebenbei soll hier ein Nachschlagewerk für mich selbst entstehen, das offen für Leser ist.

Mal sehen, wie es sich entwickelt. Das wichtigste fehlt mir noch: Eine Identität, eine Maske, ein Pseudonym.

Live dabei.

11. März 2010

Gestern schrieb ich: „Ich erwarte nicht, dass man sich andauernd bei mir meldet. Ich erwarte auch nicht, dass man ständig etwas mit mir unternimmt. Ich fände es nur schön, auch abseits von Feier- und Geburtstagen von anderen zu hören.“

Mir ging eben ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht empfinde ich das so, weil ich jeden Tag sehr viel von „Menschen aus dem Internet“ lese, an deren Leben teilnehme. Meine Twitter-Timeline wird täglich von schätzungsweise 3.000 Tweets durchströmt. Ob diese Zahl stimmt, kann ich nicht sagen; ich denke, dass es so viele Tweets sind.

Dieser kleinen Informationsbruchstücke kann man am Stück kaum abarbeiten, es ist „sinnvoller“ live dabei zu sein. Twitter läuft bei mir immer nebenbei, egal, wo ich mich befinde.

Ich glaube, dass sich bei mir ein „Informationsbruchstück“-Gefühl entwickelt hat. Ich möchte immer auf dem Laufenden sein, möchte mitbekommen, wie es den anderen geht. Mir ist es egal, ob diese Menschen nun aus meinen bürgerlichen Leben oder aus dem Internet kommen. Ich möchte wissen, wie es den Menschen geht, die mich interessieren.

Twitter ist perfekt für mich. In der Timeline kann ich lesen, wie es um die Person gerade steht. Im RL ist das schwieriger; ich kann und will mich nicht bei jedem erkundigen.

Dieser eine Tag.

10. März 2010

Morgen werde ich 17 Jahre alt. Dieser Tag ist zwar mein Geburtstag, doch ich habe nicht vor, etwas besonderes zu veranstalten. Eigentlich wollte diesen Tag ganz normal durchleben. Schlicht, so wie jeden anderen.

Vorhin rief Marie an. Sie war überrascht darüber, mich an der Strippe zu haben. Normalerweise bin ich mittwochs erst gegen 19 Uhr zu Hause. Schon an ihrer Stimme merkte ich, dass sie eigentlich nicht mit mir, sondern mit meiner Mutter oder meinem Vater sprechen wollte.

Sie fragte mich, was ich denn morgen so vor hätte. Gute Frage.

Ich habe mir den morgigen Tag so vorgestellt:
Morgens Schule mit ein bisschen Alles-Gute und Geburtstagsstimmung inklusive Händedrücken, Rückenklopfern und Blabla. Mittags dann wie immer. Abends vielleicht Kuchenessen mit Eltern. In Sachen Geschenken habe ich keine Erwartungen. Geschenke am Geburtstag sind nicht so meine Sache. Ich würde mich viel mehr über spontane Aufmerksamkeiten außerhalb meines Geburtstages freuen.

Immer mal wieder wird mein Mobiltelefon klingeldingsen. Ich werde ein paar Kurzmitteilungen erhalten und mein Twitter-Client wird mit Geburtstags-Replies verstopft sein. Wenn ich ehrlich bin, wird es mich freuen. Doch auch hier gilt: Man kann mich auch ruhig außerhalb meines Geburtstages kontaktieren. Ich werde Kurzmitteilungen von Menschen erhalten, die sich sonst kaum bei mir melden. Schön, dass diese wenigstens an meinem Geburtstag an mich denken.

Das hört sich jetzt so vorwurfsvoll an. Doch es ist, wie es ist. Ich erwarte nicht, dass man sich andauernd bei mir meldet. Ich erwarte auch nicht, dass man ständig etwas mit mir unternimmt. Ich fände es nur schön, auch abseits von Feier- und Geburtstagen von anderen zu hören. Ich habe es satt, immer der zu sein, der sich meldet.

Abends, so gegen 22 Uhr, hätte ich mich in mein Bett gelegt und ein bis zwei Stunden auf Twitter verbracht. Ein schlichter Tag mit gewohntem Ende.

Doch nun kommt es anders. Marie wird abends hier sein und wir werden wahrscheinlich ein bisschen rumdaddeln, Germanys Next Topmodel anschauen und uns dabei den Bauch mit Kuchen vollschlagen.

Insgeheim freue ich mich, dass sie an mich gedacht hat. Aber irgendwie wäre es mir lieber gewesen, wenn ich diesen Tag hätte einsam verbringen können. Nunja, mal sehen, wie es sich entwickelt.

Pessoa [1].

10. März 2010

Diesen Montag habe ich angefangen, „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa zu lesen. Es lag schon länger auf meinem Nachttisch, doch ich konnte mich nicht dazu aufraffen, es endlich mal in die Hand zu nehmen.

Aktuell bin ich auf Seite 32 und kann schon sagen: Noch nie zuvor habe ich mich so stark in den Worten eines anderen wiedererkannt.

Mein Gefühlseindruck diesem Buch gegenüber ist schwer zu beschreiben; es ist, als hätte Pessoa viele meiner Gedanken in einer Art niedergeschrieben, wie es mir nicht möglich ist.

Vor mir liegen noch 500 Seiten und ich bin gespannt, welche Parallelen ich noch entdecken werde.

Seite 24 // Fragment 10.

10. März 2010

„Und so bin ich — ein belangloser, sensibler Mensch — fähig zu heftigen, verzehrenden Impulsen, bösen wie guten, edlen wie niedrigen, nie aber zu einem dauerhaften Gefühl, nie zu einer Emotion, die fortwirkte und in die Substanz der Seele einginge. Alles in mir neigt dazu, weiterzugehen und etwas anderes zu werden; es ist eine Ungeduld der Seele mit sich selbst wie mit einem lästigen Kind; eine wachsende, immer gleiche Unruhe. Alles fesselt mich und nichts hält mich. Ich achte auf alles und träume beständig; ich bemerke jedes noch so winzige Mienenspiel meines Gesprächspartners, nehme die kleinste Veränderung in seiner Stimme wahr, und während ich ihn höre, höre ich ihm nicht zu, sondern denke an etwas anderes, am allerwenigstens aber erinnere ich mich an das, was gesagt wurde, von mir und von ihm. So sage ich jemanden stets aufs neue, was ich ihm bereits mehrfach gesagt habe, oder stelle ihm eine Frage, die er mir bereits beantwortete hat; und doch kann ich mit vier photographischen Worten die Gesichtsmuskeln beschreiben, mit denen er mir sagte, woran ich mich nicht mehr erinnere, oder den Augenausdruck, mit dem er aufnahm, was ich mich nicht erinnern kann, ihm gesagt zu haben. Ich bin zwei, und beide halten Abstand — siamesische Zwillinge, die nicht miteinander verwachsen sind.“

Fernando Pessoa.

Existenzerhaltungstheater.

9. März 2010

Durstig wache ich auf, weit und breit keine Wasserflasche in Sicht. Zu müde, um die Treppen herunterzulaufen; zu durstig, um einfach wieder einzuschlummern. Ich rede mit mir selbst, unhörbar. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an den Inhalt meines Selbstgesprächs erinnern, doch ich weiß, dass ich ein Selbstgespräch geführt habe. Es war eher so „Frage-und-Antwort“-mäßig. Nach ein paar Minuten bin ich wieder eingeschlafen.

Traumbeschreibung:
Ich befinde mich in einer Stadt, sie kommt mir bekannt vor, doch ich kenne ihren Namen nicht. Mit einer Person, ich glaube, jemand aus der näheren Verwandtschaft, laufe ich eine Straße entlang. Es ist dunkel, die Straßenlaternen leuchten gelblich-orangeartig. Die Straße ist eher ein Gasse, oder sogar ein Pfad. Ich erinnere mich an Erde und wie diese unter meinen Schuhen knirschte.

Zusammen mit dieser Person betrete ich ein Haus. Meine Erinnerung sagt mir, dass das Haus aus Lehm oder so etwas ähnlichem gebaut war und die Form einer Halbkugel hatte. In diesem Haus befand sich ein dicker Herr. Es war unglaublich heiß, ich glaube mich an einen Bachofen zu erinnern. Brot?

Filmriss.

Ich erinnere mich an vier Jugendliche, die einen Jungen verfolgen. Ich schätze, dass diese Jugendlichen um die 20 Jahre alt waren, genau wie dieser Junge. Ich und dieser Junge rannten so schnell wir konnten und versteckten uns in einer Seitengasse. Ich glaube, dass wir eine Treppe hochgerannt sind. Ich befinde mich in einem Badezimmer und kann von der Tür aus den Jungen die Treppen hoch rennen sehen. Ich rufe ihn herbei, und als er das Badezimmer betritt, schließe ich die Türe und drehe den Schlüssel um.

Was dann genau passiert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zusammen mit diesem Jungen onaniert habe. Ich sehe das Sperma auf dem Boden, dann sehe ich das Gesicht und die Augen des Jungen. Sein Blick ist traurig.

Und in diesem Moment wache ich auf. Meine Boxershort ist gefüllt und entsprechend verklebt. Die letzten Tropfen verlassen meinen Körper.

Es ist 4.50 Uhr. Ich liege da und frage mich, welche Bedeutung dieser Traum hat. Je mehr ich versuche, mich an die Details zu erinnern, desto trüber werden meine Erinnerungen. Ein eigenartiger Traum.

Feuchte Träume im Zusammenhang mit Jungs habe ich selten, fast nie. Ich verstehe nicht, was mir das alles sagen soll.

Den Inhalt des Traumes kenne ich nicht. Doch ich weiß, dass er spannend war. Ich erinnere mich an Gefühle und matte Gesichter / Gesichtsausdrücke. Es ist, als hätte ich ein Buch gelesen, dessen Geschichte ich vergessen habe, von der ich aber weiß, das sie aufregend war.

Die letzten Wochen waren langatmig und monoton. Vielleicht versucht mein Geist, mich „am Leben“ zu beteiligen, in dem er mir packende Abenteuer vorspielt. Eine Art Existenzerhaltungstheater.

Mein Leben ist langweilig und meine Phantasie ist bunt. Manchmal treffen sich diese beiden Welten und veranstalten eine farbenprächtige Orgie. An solchen Tagen stehe ich unter Strom.

Ich brauche keine Drogen, ich habe meine Phantasie.

Donnerstag, nachmittags.

9. März 2010

Seit zwei Wochen versuche ich, diesen einen Donnerstag in einen Text zu bannen, doch es gelingt mir nicht. Das deprimiert mich.

Es war ein Gespräch, wie kein anderes; besonders in der jeglicher Hinsicht. Ich konnte und kann es nicht festhalten.

Vielleicht gibt es Dinge, die man nicht verewigen sollte. Und vielleicht gehört diese Konversation zu diesen Dingen.

Donnerstag, mittags.

2. März 2010

12.00 Uhr. Mein Regional Express fährt ein. Ich habe mich bewusst gegen die S-Bahn entschieden, denn die Schneedecke über Stuttgart ist geschmolzen und endlich kann ich wieder etwas anderes als schwarz, grau und weiß sehen.

Während meiner Fahrt schmökerte ich in meinem RSS-Reader; als ich diesen Blogpost las, musste ich irgendwie an Paul denken. Die Frage “Wie oft masturbieren Sie am Tag?” konnte ich schnell beantworten: Keinmal. In letzter Zeit einmal in drei Wochen.

Ich fühlte mich ein bisschen dreckig, da ich nicht geduscht hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht.

Es deprimiert mich, dass ich kaum Zeit für mich selbst habe. Ich wusste an diesem Tag nicht einmal, warum ich überhaupt noch in diese Schule fuhr. Ich hätte mich auch in ein Café setzen können. Hat es sich zu einem Zwang entwickelt?

Was würde Paul jetzt dazu sagen? Was würde er mir raten? Und wie geht es ihm überhaupt?

Seit Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe etliche Male versucht, ihn zu erreichen, doch entweder war er (angeblich) nie da, oder er hat meine Anrufe und Nachrichten in Form von SMS/eMail/Mailboxaufnahmen ignoriert. Sollte ich einfach mal bei ihm vorbeischauen? Was würde ich mit ihm reden? Könnte ich das überhaupt?

12.30 Uhr. Hauptbahnhof Stuttgart. Ein hässlicher Bahnhof. Ich lasse mir Zeit beim Aussteigen, denn ich habe sie ausnahmsweise zur Verfügung. Ich laufe so langsam wie möglich über die abgenutzten Steinplatten. Dabei erkenne ich Dinge, die ich morgens nie sehe. Bin ich blind?

Die S-Bahn in den Stadtteil, in dem meine Schule liegt, fährt in zehn Minuten. Acht davon verbringe ich auf einer Sitzbank, indem ich Menschen beobachte. Hektisch bis gelassen, jede Sorte ist vertreten. Interessanterweise sind die Leute an diesem Tag bunter als sonst angezogen.

Zwei Minuten dauerte mein Weg von der Sitzbank zur S-Bahn. Die stickige Luft im Waggon war nicht zu ertragen, doch mein Ziel war bald erreicht.

13.00 Uhr. Der Bus fährt um 13.07 Uhr. Und wieder schlage ich meine Zeit mit Beobachten tot. Das gefällt mir, ich mag es, dem Lauf von Dingen zuzuschauen. Es beruhigt und macht mich irgendwie glücklich.

Ich sehe, wie eine Mutter ihrem Kleinkind eine Brezel kauft, wie Tauben die herunterfallenden Krümel aufsammeln und wie andere Passanten den Tauben noch mehr Brotartiges auf den Boden werfen. Ich sehe, dass die Wilhelma die Papageien freigelassen hat und ich höre, wie diese kreischen. Ich sehe, wie das Wasser vom Brunnen gegenüber herabplätschert; vielleicht tut es das zum ersten Mal. Der Stein, aus dem das Wasser quellt, wirkt trocken und spröde. Bald wird sich eine feine Schleimschicht auf ihm absetzen. Eine Art Schutz vor der Außenwelt.

Ich erblicke viele, sehr viele Menschen auf den Straßen. Die meisten tragen eine Tüte oder ein Kind an der Hand. Besonders die älteren Damen und Herren stechen heraus. Sonst sieht man sie selten, weil sie grau und unscheinbar gekleidet sind. Doch heute sehe ich viele prächtige Farben an ihnen haften: Blutrot und sonnengelb, grasgrün und königsblau. Ein buntes Meer bestehend aus Menschen und ihren Fassaden.

13.08 Uhr. Der Bus hat Verspätung, doch er ist da. Im Inneren sitzen nur eine Hand voll Menschen. Die Gesichter sind mir unbekannt. Woher sollte ich diese auch kennen?

13.15 Uhr. Eine Kindergarten-Gruppe steigt in den Bus ein. Nein, eigentlich waren es Krabbelgruppenkinder. Ein kleiner Junge mit blauen Augen und blonden Haaren wird neben mich gesetzt. Er ist eigentlich ganz niedlich, doch das chinesische Mädchen gegenüber ist viel süßer. (Wird man gleich zum Pädophilen, wenn man so etwas schreibt?)

Der Junge fragte in den Raum: „Wo fahma hin?“ Seine Betreuerin antwortete: „In den Kindi!“ Der Junge: „Des holport aba! Des holport!“ Dann guckte er verdutzt um sich. Sein Blick blieb an mir haften. Er setzte eine ernste Miene auf und spitzte seine Lippen. „Un wo fahrs du hin?“ Seine kleinen Augen hatten mich fest fixiert, die Betreuerin grinste und wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich sagte: „Ich fahre in die Schule!“ Und plötzlich wurden seine Augen groß. Die ernste Miene war verschwunden; ein strahlendes Kind saß nun neben mir. „Wenni groß bin, dann gehi au in Schul.“ Das chinesische Mädchen klatschte und bemerkte, so ganz nebenbei: „Ick au! Aba alleine! Un mi Tasche!“ Beide Kinder musterten sich und kicherten ein bisschen.

In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas Gutes getan hatte.

(Diese Kinder träumen davon, groß und stark zu werden, um dann in die Schule zu gehen. Im Gegensatz dazu träume ich davon, groß und stark zu werden, um nicht mehr in die Schule gehen zu müssen.)

13.20 Uhr. Ich stehe auf und verabschiede mich von den Kindern. „Tschühüss!“ „Du geh jez in Schul!“ Eine ältere Dame starrt mich an, als sei ich ein Kinderficker. Ich glaube Zähneknirschen zu hören.

Warum wird man gleich blöd angemacht, wenn man Kinder zum Lachen bringt, ihnen etwas mitgibt? In der ZEIT lese ich etwas von Kindesmissbrauch. Hmm.

13.30 Uhr. Zehn Minuten dauert mein Weg von der Bushaltestelle den Berg hoch ins Schulgebäude. Ich habe den Matheunterricht und den Deutschunterricht verpasst. Who cares? Der Content dieser Fächer langweilt mich eh. Dem Kultusministerium fällt nichts besseres ein, als den Schülern die Inhalte der vergangenen Jahre zuzumuten. Gleichgültiges Pack! Ich verstehe die Schulschwänzer. Teilweise. Zwar ist das mein erstes „freiwilliges Fehlen“, doch ich kann nachvollziehen, warum tausende Schüler und Studenten einfach nicht in den Lehranstalten erscheinen: Der Inhalt ist langweilig, die Lehrbeauftragten sind zum Kotzen und die Lernbedingungen unzumutbar.

Ich hole etwas weiter aus: Ich habe mich letztes Jahr für eine weiterführende Schule entschieden, die mir damals aufgrund ihrer fachlichen Ausrichtung sehr gefiel. Damals, als ich mit meinem Vater auf der Info-Veranstaltung war. Dort wurde die Schule als „Wunder des Schulsystems“ angepriesen. Ich bin natürlich darauf reingefallen und habe mich dort registrieren lassen.

„Die Fächer entsprechen mehr oder minder meinen Interessen“, dachte ich. Nun, der erste Monat in dieser Schule war schon etwas besonderes. Ich fühlte mich wohl. Die Versprechen der Informationsveranstaltung wurden eingehalten. So weit, so gut. Doch dann ging es richtig los. Montag bis Freitag von acht bis siebzehn Uhr. Anfangs nahm ich an, dass ich das meistern könnte. „Ist ja genau mein Ding!“ Eben nicht. Inzwischen hat sich der Unterrichtsstoff in einen Bereich verschoben, der dem Ursprünglichen kaum noch entspricht. Und das allerschlimmste: Der Stoff wird vom Ministerium vorgegeben.

Bitte, liebes Kultusministerium, versuche dich nicht in technischen Dingen. Ich glaube, und davon bin ich fest überzeugt, dass du keine Ahnung von der Welt da draußen hast. Wie kannst du uns SO ETWAS nur zumuten? Für mich bist du ein altbackenes Stück Scheiße. Wir sollen Dinge lernen, deren Entwicklung schon vor Jahren eingestellt wurde!? Hast du dich JEMALS in der Computer- und Internetwelt umgesehen?

Ich wünsche mir eine Revolution. Ich möchte ein neues Schulsystem.

Selbst meine Freunde, die sich für andere Schulen entschieden haben, sagen das selbe: es ist unzumutbar.

Doch wir haben es so gewollt, wir müssen das ertragen. Wer achtet schon auf die Meinung von Schülern und Studenten?

13.35 Uhr. Ich stehe vor der Tür ins Klassenzimmer, bin ein bisschen unsicher. Eine Ausrede habe ich schon: Ich musste mir beim Arzt Blut entnehmen lassen. Ein Attest kann ich nicht vorlegen, weil ein solches fünf Euro kostet und ich erstens kein Geld und zweitens keine Lust hatte, für dieses Stück Papier zu zahlen.

Ich betrete also das Klassenzimmer und werde von einem „Woah! Du kommst aber früh!“ begrüßt. Ich glaube, dass ich selbstsicher gelächelt habe. An meinem Platz saß die einzige Person aus dieser Klasse, mit der ich mich anständig unterhalten kann. Der Platz daneben war frei, also setzte ich mich dort hin.

„Ich trage Sie dann ‚mal als anwesend ein.“ höre ich den Herrn Lehrer sagen. Schön, dass ich „anwesend“ bin. Und daraufhin verlässt er das Klassenzimmer. Jetzt ist also Pause.

13.45 Uhr. BWL ist ein Fach, das ich wirklich mag und in dem ich gut bin. Obendrein haben wir eine kluge Frau Ende 30 als Dozentin; Sie hat einen schwarzen Humor und das schätze ich sehr an ihr.

Jessica, das Mädchen, das auf meinem Platz saß, wirkte angeschlagen. Als ich sie darauf ansprach, reichte sie mir ihr Handy und blickte betrübt aus dem Fenster.

Ich kann mich zwar nicht an den ganzen Text erinnern, doch die letzten Zeilen der SMS waren folgende: „Such dir jemand anderen für ernste Gespräche.“

Ich reichte ihr das Handy zurück und sie sagte, dass wir nachher über etwas reden müssten.

15.20 Uhr. Der Unterricht ist beendet. Jes und ich sind die letzten, die das Klassenzimmer verlassen. Wortlos laufen wir den Gang entlang. Wir beide wissen, dass unausgesprochene Worte im Raum hängen. Doch hier können wir nicht reden. An der Bushaltestelle mussten wir fünf Minuten warten, ehe der Bus eintraf.

„Dass du jetzt noch gekommen bist, hat sich aber voll gelohnt!“ höre einen Klassenkameraden grölen. Seine hässliche, hinterhältige Lache enerviert mich. „Ich mag BWL.“ „Jaja, würde ich jetzt auch sagen!“ Ohne ein weiteres Wort aus mir zu lassen, steige ich den Bus ein.

Ich habe keine Lust, mich mit hirnamputierten Jugendlichen herumzuschlagen. Ich schweige und gut ist.

15.40 Uhr. Die Busfahrt über habe ich Musik gehört, damit mich keiner anspricht. Jes ebenfalls. Am Bahnhof haben wir uns dann von den anderen verabschiedet und uns auf eine Bank im Freien gesetzt.

[Fortsetzung folgt…]