Archive for November, 2011

Knopfaugen.

19. November 2011

Ich lege meine Jeans auf den Ladentisch und frage freundlich: „Haben Sie vielleicht einen passenden Knopf für meine Hose?“ Die kleine Dame hinter dem Tresen schiebt ihre Halbmondbrille zurecht und blickt dann an die Stelle, an der einst ein Knopf zu sehen war. „Natürlich haben wir das!“ sagt sie und führt mich zu einem Tisch, auf dem zahlreiche Knöpfe fein säuberlich nach Form, Farbe und Funktion sortiert sind. „Dieser hier müsste passen!“ sagt sie strahlend und legt mir einen schlichten, silbernen Knopf in die Hand. „Ähm…“ frage ich. „Haben Sie vielleicht auch einen Knopf, den man einfach mit ’ner Zange anbringen kann? Also einen, den man nicht annähen muss?“ – „Gewiss haben wir das!“ sagt die alte Dame mit den bewundernswerten Lachfalten. „Aber wissen Sie: Knöpfe zum Annähen sind die besseren! Sie halten länger und sitzen auch fester, wenn man’s richtig macht.“ – „Hm, okay.“ sage ich. „Und haben Sie auch Faden und Nadel für mich?“ – „Natürlich!“ sagt die Dame wieder und führt mich zu einer Wand, an der es hunderte Fadenrollen in verschiedenen Farben und Stärken gibt. Sie nimmt zwei Rollen von der Wand und vergleicht sie mit den Fäden und Nahtstellen meiner Jeans. „Diese Rolle!“ sagt sie nach kurzer Überlegung und lächelt mich an. „Und hier eine Packung Nähnadeln für Sie!“

„Ähm…“ frage ich wieder. „Und wie nähe ich den Knopf nun an? Muss ich dabei etwas Besonderes beachten?“

„Sagen Sie mal, junger Mann…“ scherzt die alte Dame schließlich. „Haben Sie denn keine Mutter?!“

(Ich lächle traurig, bezahle meine Besorgungen und verlasse den Laden.)

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Liebe Sue.

18. November 2011

Erst einmal möchte ich mich für die verspätete Antwort entschuldigen. Seit dem 10. November hat sich viel ereignet, und es fühlt sich für mich an, als ob sich in dieser einen Woche mein Leben mehrmals geändert hätte. Nicht mein Leben selbst, sondern die Möglichkeiten und Aussichten meines Lebens. Ich habe, nachdem du mir geschrieben hast, die Psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht und mir dort helfen lassen. Deine Nachricht hat etwas in mir ausgelöst, sie hat den Eispanzer gesprengt, den ich dem Anschein nach in mir hatte. Einen Tag später habe ich zusammen mit Marcus beschlossen, dass ich wieder zu ihm ziehe. Dem Vermieter/Mitbewohner in der Übergangs-WG habe ich erklärt, dass ich nicht mit der selbst auferlegten Einsamkeit und dem neuen Leben klar komme, und dass die WG für mich kein Zuhause darstellt, dass ich mich dort unwohl fühle. Dass das Wasser, in das ich gesprungen bin, doch zu kalt für mich ist, und ich Unterstützung von Freunden brauche und nur einen Freund in Kassel habe. Also habe ich gekündigt, eine Woche nach meinem Einzug. Im Laufe der Woche habe ich mir ein Bewerbungsgespräch für einen neuen Job erarbeitet — das lief sehr gut und vielleicht komme ich in die Psychiatrie oder in’s Krankenhaus. Die nächsten Tage, Wochen und Aktionen habe ich auch schon geplant. Du siehst, in dieser einen Woche gab es kaum Freiraum in meinem Kopf. Es ist so vieles passiert, und deshalb schreibe ich dir erst heute.

Ich möchte mich bei dir bedanken. Deine Nachricht war nicht direkt der Auslöser für meinen Nervenzusammenbruch, aber der entscheidende Schubser. Das habe ich sehr gebraucht, denn plötzlich konnte ich klar denken und in meinem Kopf hat sich alles auf das Wesentliche reduziert. Ich wusste genau, was mich an der aktuellen Situation stört und was ich ändern muss, damit es mir wieder besser gehen kann. Ich konnte im Nachhinein sogar lächelnd einschlafen. An den Ereignissen der letzten Woche spielst du also eine Schlüsselrolle. Dafür danke ich dir.

Was das Freunde finden angeht: mittlerweile habe ich mich mit einigen Menschen getroffen, und das Einsamkeitsgefühl ist nicht mehr so stark. Ich habe meinen Freunden „aus der Heimat“ geschrieben und sie angerufen, habe mir sogar überlegt, dass ich jedem meiner besten Freunde eine Postkarte schreiben werde, dessen Bild ich selbst fotografiere. Auch meinen Lieblingslehrern werde ich so eine Postkarte machen. Mit dem anderen Bundesfreiwilligendienst-Leistenden habe ich mich auch schon angefreundet und wir verstehen uns gut. Ich war sogar schon bei ihm zu Hause und nächste Woche möchte er mich ein paar seiner Freunde vorstellen. Es geht also voran.

Der Auszug aus der WG in ein Zuhause, dass ich bei Marcus sehe, ist die beste Entscheidung, die ich in dieser Woche getroffen habe. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit bei ihm und das trägt mich durch die Tage. Ich habe unterschätzt, wie unermesslich wichtig es ist, sich zu Hause zu fühlen an dem Ort, an dem man wohnt. Das ist tatsächlich die Grundlage für fast alles andere und ich kann nur darüber lächeln, wie achtlos ich mit dieser Tatsache umgegangen bin. Aber jetzt weiß ich es besser, jetzt hab‘ ich’s gelernt und mache es richtig. Wohlfühlen geht vor Pflichtbewusstsein.

Manchmal aber habe ich noch das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Vielleicht hätte ich den Jungen da drüben und das Mädchen dort hinten doch ansprechen sollen, vielleicht hätten wir uns gut verstanden und wären Freunde geworden. Vielleicht hätte ich das Leben eines Jemanden bereichert, und mir gleichzeitig das Leben gerettet. Vielleicht. Dieses Wort spüre ich dieser Tage so oft auf der Zunge. Das wird sich auch nicht so schnell wieder schlucken lassen, dafür ist es viel zu früh. Ich werde es mit mir tragen müssen und versuchen, es nicht auszusprechen, indem ich dagegen vorgehe und handle. Wenn ich mir denke „Oh, der sieht aber nett aus!“ werde ich nicht erst überlegen, ob ich ihn ansprechen soll. Ich werde es einfach machen. Auch wenn ich scheitern sollte, wird es kein „Vielleicht…“ und auch kein „Hätte ich doch…“ geben. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann nur noch gewinnen.

Und noch ein Dankeschön für diesen Song. Hat mir in den Momenten, in denen ich Ruhe gebraucht habe, sehr geholfen.

Mach’s gut und bis dann,

dein Hearty.

Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: „Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!“ Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt „Natürlich!“ und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: „Gönül ektiğini biçiyor.“

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

„Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön“, sagt sie. „Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.“

https://twitter.com/#!/harveypuca/status/134439615099707392

In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: „Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?“ Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: „Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!“ Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.

Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: „Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.“

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die „richtige Seite“, „zur Gesundheit“ und „zu Verstand“ helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.

Stand der Dinge.

4. November 2011

Am Sonntag ziehe ich in die Stadt, in der ich ursprünglich studieren wollte. Nachdem ich mich aus unerfreulichen Gründen nicht einschreiben konnte, musste ich nach Alternativen suchen, von denen es mir auch möglich sein sollte, die Miete zu bezahlen und Lebenskosten zu decken. Nach kurzer Suche und Dank eines Tipps auf Twitter wurde ich auf einen für meine Verhältnisse ziemlich coolen Job im Zuge des Bundesfreiwilligendienstes aufmerksam. Noch in der selben Nacht habe ich mich per eMail für die Stelle beworben und wurde am nächsten Tag telefonisch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Entweder habe ich dort einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen oder es gab wirklich nur zwei Bewerber für zwei Stellen, wie ich später von einem jungen Mann erfahren habe. Jedenfalls gehört der Job mir.

Am Sonntag ziehe ich also in eine Stadt, die mitten in Deutschland liegt und die den meisten Menschen nur vom Durchfahren her bekannt ist: Kassel. Eine niedlich-kleine, perfekt für’s Fahrradfahren geeignete Stadt, in der ich schon zuvor zwei Wochen wegen der WG-Suche verbracht habe. Ich mag die überschaubare Größe und die Stimmung, die Kassel auf mich ausstrahlt. An jedem Tag während der zwei Wochen dort hatte ich ein Lächeln im Gesicht, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich dort an der richtigen Stelle bin.

Bis zum nächsten Wintersemester habe ich noch knapp ein Jahr Zeit, und in diesem einen Jahr möchte meine zukünftige Uni-Stadt kennenlernen und die noch zu erledigen Aufgaben zu Ende bringen oder sie in Angriff nehmen: Einrichten meines WG-Zimmers, Einbürgerung, Psychotherapie, Aufbau von Rückenmuskulatur, Stärkung und Erweiterung meines Wissens, Fotografieren, Kochen und vielleicht auch den Führerschein.

Die erste Aufgabe, das Einrichten meines WG-Zimmers, wird sich vorerst schwierig gestalten. Mein Gehalt ist knapp bemessen und wird erst Ende November ausgezahlt. Bundesfreiwilligendienst-Leistenden steht zwar Kindergeld zu, doch der entsprechende Gesetzesentwurf wurde noch nicht verabschiedet; das heißt, vorerst habe ich keinen Anspruch auf Kindergeld und eine Lücke von monatlich 184 Euro. Wenigstens kann ich mich darauf einstellen, dass mir die Summe des nicht auszahlten Kindergeldes überwiesen wird, sobald die neue Kindergeldregelung in Kraft getreten ist. Dass ich nur bis Februar in der WG wohnen werde, ist eine andere Geschichte.

Aufgabe Nummer Zwei, die Einbürgerung, wird ein längerer Prozess mit vielen Hürden sein. Gestern erst habe ich meinen türkischen Pass um zwei Jahre verlängern lassen und dabei erfahren, dass ich eventuell an meinem neunzehnten Geburtstag einen Brief aus der Türkei erhalte und zum Militär einberufen werde. Unter Umständen könnte mir dann die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt bleiben, weil die türkische Seite meine Einbürgerung blockiert. Für die Einbürgerung selbst muss ich meinen Hauptwohnsitz nach Kassel verlegen, damit die Post nicht bei meinen Eltern landet. Aber das hatte ich sowieso vor.

Nummer drei, die Psychotherapie, ist ein wichtiges Muss auf dem Weg zur inneren Ruhe. Mir geht es seit einiger Zeit nicht gut und das weiß ich schon sehr lange. Im letzten Jahr fehlte mir die Zeit und auch die Lust, regelmäßig jemanden aufzusuchen, doch in Kassel werde ich nach Arbeitsschluss genug Zeit für Hilfe und Beratung haben. Es wird nichts geben, das ich noch zu Hause erledigen muss, keine Hausaufgaben und auch keine Projekte; ich muss nicht vier Stunden am Tag durch das Bundesland fahren. Somit bleibt viel Zeit übrig, die nur darauf wartet, mit sinnvollen Angelegenheiten gefüllt zu werden.

Zum Beispiel mit regelmäßigem Sport. (Hihi.) Während der Wochen in Kassel war ich ohne Ausnahme mit dem Fahrrad unterwegs und habe dies sehr genossen. Das werde ich so weiter führen und so oft es geht in die Pedale treten. Aber wichtiger als das ist die Stärkung meines Rückens; ich muss endlich meine Rückenschmerzen los werden. Mir wurde sogar schon eine einjährige Rehamaßnahme verschrieben, doch die muss ich mir in Kassel noch einmal verschreiben lassen, da ich mich nun in einem anderen Bundesland befinde. Das wiederum heißt, dass ich mir auch einen neuen Hausarzt suchen muss. Und Zähne, HNO, Schilddrüse…

Meine Kamera lag die meiste Zeit in ihrer Tasche auf meinem Nachttisch herum, neben einem Stapel Bücher, die ich schon immer einmal lesen wollte. Dass ich selten fotografiert und noch seltener gelesen habe, werde ich wieder auf den Zeitmangel schieben, doch eigentlich lag es nur an mir selbst. Ich habe viel lieber geschlafen, als meine Hobbys zu pflegen; als ob unruhiger Schlaf abends nach der Schule in irgend einer Weise förderlich für mich wäre. Das wird mir in Kassel nicht passieren, das weiß ich ganz genau. Ich habe jetzt schon eine enorme Menge an Energie in mir, und ich spüre, wie sie von Tag zu Tag stärker wird. Ab Montag starte ich ganz offiziell in mein neues Leben, und darin ist es nicht vorgesehen, dass ich still und leise all meine Tage einsam im Bett oder im Internet verbringe. Stattdessen wird gelesen und geschrieben, fotografiert und gekocht.

Ob ich den Führerschein machen werde, hängt ganz von der Situation meines Kontos ab. Realistisch betrachtet werde ich ihn nicht machen können, selbst wenn ich für den Nebenjob im Kino eine Zusage erhalten sollte.

Nun, ich freue mich sehr darauf, endlich in mein eigenes Leben ziehen zu können, auch wenn sich damit viele Probleme nicht lösen lassen. Meine Eltern sind so uneinsichtig und stur wie zuvor, aber davon möchte ich jetzt nicht mehr schreiben. Sprengt den Rahmen.