Posts Tagged ‘Mutter’

Outing².

26. Oktober 2013

Es passierte heute, am Samstag kurz vor zwei. Wir waren gerade sehr zärtlich zueinander, als seine Mutter kam. Sie stand vor verschlossener Tür, weil das Sicherheitsschloss eingehängt war. Er sprang entsetzt auf und zog sich an, ich versteckte mich unter der Bettdecke, war nicht fähig mich zu bewegen; zwischen Schock und Embryonalstellung.

Er öffnete die Tür und sagte: „Oh mein Gott…“ Sie fragte besorgt, was los sei. Er sagte: „Ich habe jemanden kennengelernt.“ Sie antwortete: „Das habe ich mir fast schon gedacht.“

„Es ist ein junger Mann.“

Sie sagte, „Aber das ist doch nicht schlimm“ und „Hier zwei Berliner für euch“ und „Dann bis später“ und ging.

(OH MEIN GOTT!)

Advertisements

Unangekündigter Besuch.

28. Mai 2013

Ich war gerade bei Daniel, als mich mein Vater anrief. Er grüßte mich und fragte, ob „Grüß Gott“ über dem Eingang des Hauses stünde, in dem ich wohne. Ich bestätigte das verwirrt und fragte ihn, weshalb er das wissen wolle. Mein Vater antwortete, dass er seit drei Uhr nachmittags dem Haus sei und gerne einen Kaffee mit mir trinken wolle. Dann fragte er, ob ich denn nie das Haus verlasse, er warte schon seit fünf Stunden auf mich. Ich war entsetzt, denn es war acht Uhr abends und ich hatte kurz nach drei mit Daniel das Haus verlassen. (Ob er uns verfolgt hatte?) Ich war genervt — er hatte weder geschrieben, noch angerufen — und erfreut zugleich. Ich sagte ihm, dass ich in zehn Minuten zu Hause sei.

Da stand er wirklich, an sein Auto gelehnt. Auf dem Heimweg dachte ich, dass er mich auf den Arm nehmen möchte, aber er war tatsächlich da. Ich umarmte ihn und wir gingen in’s Haus. Ich hatte mir seinen ersten Besuch in meiner Wohnung anders vorgestellt, doch nun war es wie es war. Ich schloss Haus- und Wohnungstür auf und hieß ihn willkommen in meinem Zuhause. In der Küche war mein Mitbewohner mit seiner Freundin am Kochen und ich grüßte sie mit dem Satz: Wir haben Überraschungsbesuch! Die Verwunderung stand ihnen buchstäblich in’s Gesicht geschrieben, als sie meinen Vater sahen. Ich stellte meinen Vater vor und sie gaben ihm die Hand. Dann folgte eine kleine Führung durch die Wohnung: Küche, Bad, Flur, Philipps Bereich bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer, und zu guter Letzt mein Zimmer. Es war etwas chaotisch. Überall lagen Schulsachen und Ordner und auf dem Boden türmte sich ein Berg Wäsche, den ich eigentlich an dem Abend in die Maschine stecken wollte. Er sah sich die Bilder, Poster und Gemälde an den Wänden an, begutachtete die Möbel und Raumnutzung. Mein Zimmer gefiel ihm, das freute mich. Dennoch war ich wütend darüber, dass er ohne Ankündigung auf der Matte stand und ich nicht einmal Kuchen zu bieten hatte; alle Bäcker unterwegs hatten bereits geschlossen.

Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und aßen Kekse, im Garten wehte die Wäsche an den Wäscheleinen, die Abendsonne schien direkt auf uns. Ich erzählte ihm, was ich an dem Tag alles unternommen hatte, und fragte ihn, weshalb er sich denn nicht eher gemeldet hatte. Wir hätten den Tag sinnvoll nutzen können und er hätte nicht fünf Stunden warten müssen. (Oder mich verfolgen?) Einerseits war es unglaublich, dass er mehr als 300 km hergefahren war um mich zu sehen, andererseits fühlte es sich wie Kontrolle an. Ich war wütend, aber es wäre nicht richtig gewesen, meine Wut auf ihn zu richten; schließlich war er mein Gast, wenn auch unangekündigt. Also sparte ich mir das.

Wir sprachen viel und lange über alles Mögliche und irgendwann kam er zu seinem Punkt und sagte er, er sei gekommen um mir in’s Gesicht zu sagen, dass er meine Art zu leben nicht richtig fände. (Also dass ich auf Männer stehe, an Wohnung, beruflicher Planung und auch sonst an nichts Anderem hatte er nichts auszusetzen.) Das war nichts Neues für mich, ich sagte meine zwei, drei Sätze dazu. Er fragte mich, ob ich glücklich sei. Ich antwortete deutlich mit einem Ja. Er sagte, dass könne nicht stimmen. Und siehe da: Aussage gegen Aussage. Ich zog die Geschworenen heran und bot ihm an: Papa, hinter dieser Glasscheibe in der Küche sind zwei Menschen am Werkeln, die mich bestens kennen, weil sie mit mir zusammen wohnen. Wenn du magst, kannst du sie fragen, ob ich glücklich bin.

Er wollte sie nicht fragen. Nun, dann halt eben nicht. Er wünschte mir, dass ich den richtigen Weg finde. Ich lächelte, denn an dem Wunsch gibt nichts auszusetzen, und bedankte mich.

Wir tranken noch eine Tasse Kaffee und dann wollte er auch schon wieder fortfahren. Ich sah mir die Situation von oben an und musste lächeln, denn wir saßen in einem Paradies, das in Grün und in Ruhe gelegen war und in dem es alles außer Kuchen zum Kaffee gab, und er sagte mir, er fände meine Art zu leben falsch. Das ist doch lustig! Ist das nicht lustig? würde jetzt der kleine Junge in mir fragen.

Ich wollte ihn nicht einfach gehen lassen, also fuhr ich mit ihm auf die Wilhelmshöhe. Wir standen über der Stadt unter dem Herkules und sahen der Sonne beim Untergehen zu. Er sollte sehen, wie schön es in Kassel ist und wie lebenswert. Dann fuhr er mich nach Hause und machte sich auf den Weg.

Wieder in der Wohnung sprach ich mit Philipp und seiner Freundin über dieses Geschehnis. Wir fanden es skurril, aber gut, denn es zeigte deutlich, dass mein Vater sich für mein Leben interessiert und dass da Potenzial ist. Und nun hat er auch die Gewissheit, dass ich nicht unter einer Brücke bei drogenabhängigen Homosexuellen im HIV-Endstadium wohne.

—– —– —– —– —–

Das war an einem Freitag. Am Dienstag darauf wurde ich von Oma, Opa und Onkel, Vater, Mutter und Bruder heimgesucht.

Immerhin angekündigt. Ich konnte aufräumen und alles in Glanz erstrahlen lassen. Es gab wieder eine kleine Führung durch die Wohnung, ein paar Einblicke auf meinen grünen Daumen (die Tomaten!) und kalte Getränke. Als Gastgebergeschenk wurde ich mit Paprikapflanzen und Petersilie, einer Packung „Merci“ und etwa einer Tonne an selbst gemachten Backwaren und Gekochtem beehrt.

Kritik gab es fast nur positive, meiner Oma z.B. gefielen vor allem die funktionellen Aspekte (erster Stock, Balkon, Garten), die sonnige Lage und die hohen Decken der Wohnung. (Okay, Oma wollte wissen, wo Mekka ist, damit sie gen Mekka beten kann, aber ich wusste das nicht.) Lediglich meine Mutter sagte etwas, das ich als negativ empfand, und zwar: In der Wohnung sähe es sehr studentisch aus. Ich habe es heruntergeschluckt und habe kein Wort dazu gesagt, denn es gibt einen entscheidenden Grund, weshalb es hier „studentisch“ aussieht. Erster Teil: Philipp legt sein Geld in Weltreisen an. Zweiter Teil: Ich wurde finanziell nicht von meinen Eltern unterstützt und musste mir Geld von Freunden leihen, um überhaupt ein Bett, ein Regal und einen Kleiderschrank zu haben. Die Schulden mussten abbezahlt werden, allein schon aus Gewissensgründen, und bei meinem Gehalt als Freiwilligendienstleistender bzw. Auszubildender hat es entsprechend lange gedauert. Seit diesem Monat bin ich endlich schuldenfrei; ich habe eineinhalb Jahre gebraucht. Es war nicht einfach für mich. Aber egal, ich möchte nicht weiter darüber aufregen.

Als wir gerade dabei waren, das Haus zu verlassen und in die Aue zu gehen, kam die Nachbarin mit Philipps Hund vom Gassi gehen zurück. Sie war erstaunt, dass so viele Menschen im Wohnungsflur unterkommen konnten. Ich stellte die Familie der Nachbarin vor und sie sagte: „Sie haben einen sehr freundlichen jungen Mann erzogen, so sollten alle Nachbarn sein. Er ist neben mir der einzige Mensch in diesem Haus, der die Treppen kehrt, und er schaut auch nach mir, ob ich denn tot in der Wohnung liege. Immer freundlich, immer zuvorkommend. Sie können stolz auf ihn sein!“ Diese Worte haben den Zorn in mir gelindert und in den Ohren der Familie Vieles bewirkt.

In der Aue waren wir etwa eine Stunde, dann gab es Kaffee und Kuchen in der Orangerie. (Traumhaft für Gäste!) Zum Schluss fuhren wir allesamt zum Herkules. Die Stadt unter uns, zu Füßen quasi; Eindruck vorprogrammiert. Das war’s auch schon, sie fuhren fort.

Dieser Besuch ist sehr gut verlaufen. Ich habe ihnen mein Leben vorgestellt und sie haben es angenommen. Ihnen hat gefallen, was sie gesehen haben, und letztlich haben sich ihre Sorgen und Bedenken aufgelöst. (Wobei man wissen muss, dass nur mein Vater und meine Mutter wissen, dass ich schwul bin, und dass alle Anderen denken, ich sei irre und deshalb aus dem Schoß der Eltern abgehauen.) Ich führe ein anständiges Leben in einer sauberen, grünen und sonnigen Stadt. So können sie mich in Erinnerung behalten. Das finde ich gut.

Festhalten und leben.

20. Juni 2012

Heute hatte ich den bisher anrührendsten Moment meines Lebens.

Einer Frau ist in der 24. Schwangerschaftswoche die Fruchtblase geplatzt, Kind muss per Not-Kaiserschnitt gerettet werden. Der Fötus ist so groß wie meine Hand; der Junge ist so winzig klein, ich habe so etwas noch nie gesehen. Bei derartigen Eingriffen ist keine Zeit für eine anständige Narkose da, zu kurz ist die Spanne zwischen Leben und Tod. Der Kaiserschnitt wird bei fast vollem Bewusstsein und Schmerzempfinden der Frau durchgeführt. Ich höre die Frau im OP-Saal wimmern, während im Nebensaal, in dem auch ich mich befinde, versucht wird, das kleine Wesen am Leben zu halten. Erst sieht die Lage sehr schlecht aus, der winzige Junge will oder kann nicht atmen, seine Lunge scheint nur teilweise entwickelt zu sein. Dann steigt der Sauerstoffwert im Blut langsam an, die bläuliche Färbung geht zurück, das Kind hat wieder mehr Rot als Blau auf der Haut. Nach der Intubation wird es von einer Maschine beatmet und bekommt vom Arzt sogenanntes Surfactant, das die Entwicklung der Lunge unterstützen soll. Als die Lage stabil und das Team entspannter ist, wage ich mich in die Nähe des Kleinen, bisher habe ich nur zugesehen. Ich schaue mir ganz genau die Haut an, erkenne fast unsichtbare Härchen; die Finger und Zehen sind beinahe durchsichtig, die Knochen und Knorpel trüb, aber nicht einmal im Ansatz weiß; der Schädel ist weich und wie aus Gummi, leichter Flaum. Ich bekomme ein Mützchen gereicht, dieses ziehe ich sehr vorsichtig über den Kopf des Jungen. Ich reiche ihm anschließend meinen kleinen Finger, er bewegt seine eigenen schon ganz fleißig, und plötzlich hat er meinen Finger fest in seiner klitzekleinen Hand; nun, so fest, wie es ein Fötus in der 24. Woche eben kann. Dieser Moment rührt mich sehr, dieser Junge hält sich fest an mir.

Der Junge kommt auf die Intensivstation, die Mutter in den Aufwachraum. Erst hier bekommt sie schmerzausschaltende und entspannende Substanzen. Sie weint leise vor sich hin, bald wird sie nicht mehr weinen und danach wird sie schlafen. Ich warte den richtigen Moment ab, der Anästhesist ist fertig und zeichnet irgendwelche Werte auf. Ich beuge mich vor zu ihr, nehme meinen ganzen Mut zusammen und sage: „Ihr Junge hat sich an diesem Finger festgehalten, sehen Sie mal!“ Sie blickt auf meinen kleinen Finger, den ich hochstecke, weint noch immer. „Er hat sich am Leben festgehalten.“ Ich streiche ihr mit dem kleinen Finger Tränen aus dem Augenwinkel, die Narkose wirkt bereits, sie wimmert nur noch. Ich streichle sie so lange, bis sie eingeschlafen ist. Dann kommen mir selbst die Tränen.

Der Anästhesist legt seine Hände auf meine Schultern und flüstert: „Das hast du schön gesagt.“ Ich lächle und wische mir Tränen aus den Augen.

Liebe Mutter.

6. April 2012

Anneciğim, daha kaç kere söylemem lazım, BEN ATEİST DEĞİLİM diye? Ne zaman bunu anlayacaksınız? Ne söylesem zaten inanmıyorsunuz. Yok ki güven, kalmadı bitti. Önceden de yoktu ki. Bir azıcık olsun sevinin benim için. „Zorunu seçti, ama ne olursa olsun gidiyor kendi yolunu“ diye. Bir kere görün, hiç kolay olmadığını benim için, inadıma yılkılmadığımı, güçlü olmaya çalıştığımı, hayatın zoruna katlandığımı. Bıktım şu ateş, ölüm, korku dolu mesajlardan. Bir kere olsun siz yazın bana, başkaların yazdığını göndermeyin. Yeter artık. Korku ile hiç bir yere varılmaz. Kıyamet, günah, cehennem, beni bunlar ilgilendirmiyor. Ben hayatımı doğru ve dürüst yaşamaya çalışıyorum, en iyisini, en güzelini yapmaya çalışıyorum. Kime zararım var benim? Boş yere üzülüyorsunuz. Ama insan dediğin böyle işte: bir gün gülüyor, uç gün ağlıyor. Hep kötüyü görüyor, hep siyahi. Bazı şeyleri farklı görüyorum, bazı şeylere farklı inanıyorum diye ateist yapıyorsunuz beni. Kendi kendinize keder. Bunu iyice bir düşünün. İyi geceler.

Knopfaugen.

19. November 2011

Ich lege meine Jeans auf den Ladentisch und frage freundlich: „Haben Sie vielleicht einen passenden Knopf für meine Hose?“ Die kleine Dame hinter dem Tresen schiebt ihre Halbmondbrille zurecht und blickt dann an die Stelle, an der einst ein Knopf zu sehen war. „Natürlich haben wir das!“ sagt sie und führt mich zu einem Tisch, auf dem zahlreiche Knöpfe fein säuberlich nach Form, Farbe und Funktion sortiert sind. „Dieser hier müsste passen!“ sagt sie strahlend und legt mir einen schlichten, silbernen Knopf in die Hand. „Ähm…“ frage ich. „Haben Sie vielleicht auch einen Knopf, den man einfach mit ’ner Zange anbringen kann? Also einen, den man nicht annähen muss?“ – „Gewiss haben wir das!“ sagt die alte Dame mit den bewundernswerten Lachfalten. „Aber wissen Sie: Knöpfe zum Annähen sind die besseren! Sie halten länger und sitzen auch fester, wenn man’s richtig macht.“ – „Hm, okay.“ sage ich. „Und haben Sie auch Faden und Nadel für mich?“ – „Natürlich!“ sagt die Dame wieder und führt mich zu einer Wand, an der es hunderte Fadenrollen in verschiedenen Farben und Stärken gibt. Sie nimmt zwei Rollen von der Wand und vergleicht sie mit den Fäden und Nahtstellen meiner Jeans. „Diese Rolle!“ sagt sie nach kurzer Überlegung und lächelt mich an. „Und hier eine Packung Nähnadeln für Sie!“

„Ähm…“ frage ich wieder. „Und wie nähe ich den Knopf nun an? Muss ich dabei etwas Besonderes beachten?“

„Sagen Sie mal, junger Mann…“ scherzt die alte Dame schließlich. „Haben Sie denn keine Mutter?!“

(Ich lächle traurig, bezahle meine Besorgungen und verlasse den Laden.)

Frühling.

31. März 2011

Fast Mittag, der Tag kaum warm, leichter Nebel in der Luft, der Frühling nur zart, die Bäume noch im Flaum der Blüten und Knospen. Ich fühle mich unwohl, mir geht es nicht so gut; vielleicht war es mein Frühstück, vielleicht sind es auch Gründe ohne Ausreden. Ich laufe durch den Rosensteinpark um mich zu verlieren, vielleicht finde ich so wieder zu mir zurück. Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, einen Ausweg aber kann ich nicht erblicken. Im Park ist kaum etwas los; zwei Fahrradfahrer und einen Jogger sehe ich, eine Frau mit Aktentasche, ein paar Hasen und zwei Kinder. Sonst kreuzen sich hier die Wege tausender Menschen, heute aber sind es nur sechs. Ich laufe ganz ruhig, der Kies knirscht kaum hörbar unter meinen Schuhen, der Wind steht still, die Sonne scheint spärlich. Das Gras nimmt langsam Farbe an, doch noch ist es nicht satt und grün, noch ist es erschöpft vom Winter, gräulich und im Kommen. Die Bäume scheinen so verletzlich ohne Blattwerk, so schutzlos unter dem weiten Himmel, doch selbst schützen sie aller Hand Eichhörnchen und Vögel und Kinderwagen.

Kinderwagen?! Ich schaue noch einmal genau hin und sehe wirklich einen Kinderwagen. Schwarz ist er und ziemlich neu, so aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich, wer hier auf das Gras einen leeren Kinderwagen hinstellt, unter einen großen Baum. Vielleicht hat ihn hier jemand vergessen? Ich gehe auf den Baum zu und je näher ich ihm komme, desto größer wird mein Unmut. Aus etwa einem Meter Distanz erkenne ich, dass in dem Kinderwagen eine weiße Decke liegt, und darin ein Kind. Ein Kind! Mein Herz zerspringt augenblicklich. Wer lässt an so einem Tag sein Kind hier stehen?! Ganz nah an den Wagen gehe ich heran und sehe in die Augen eines winzigen Babys, dessen Kopf gerade einmal so groß ist wie meine Faust. Es wirkt so jung, so unendlich klein. Das Kind ist sicher erst ein paar Wochen, wenn nicht sogar Tage alt. Armes Kleines, wer hat dich hier ausgesetzt? In deinen Augen sehe ich die Sonne leuchten. Wer weiß, wessen Kind du bist!? Was machst du hier draußen? Ich sehe mich um: weit und breit kein Mensch und keine Notiz am und im Kinderwagen. Kein Geld, kein Zettel, keine Babysachen, nur Bonbons im Seitenfach. In den klitzekleinen Augen des Sprösslings sehe ich ein ganzes Leben, hell schillernd. Die Fäustchen liegen über der Decke, fest geballt. Und darin ruhen unsere Hoffnungen, denke ich. Deine kleinen Fäustchen gegen das Schlechte in dieser Welt. Mich nimmt eine schwere Traurigkeit und Panik ein, die Tränen stehen mir in den Augen. Was mache ich denn nur mit dir? Du siehst mich so unschuldig an, als wüsstest du selbst nicht, was mit dir ist. Wie friedlich du da liegst! Wer bringt dich unter Schmerzen zur Welt und setzt dich in einem Park aus? Mein Herz rast vor Wut und Verzweiflung, es wird gleich noch einmal bersten. Ich zittere. Kleines, du bist wie der Frühling, der dich umgibt! Voller Zuversicht duftest du, hast eine ganze Welt im Gepäck, bist gerade erst angekommen und wirst bald wachsen. So klein bist du und schon schulterst du nicht nur deine eigene, sondern auch die ganze Welt, die dich umgibt. Oh Mann, was mach‘ ich denn jetzt nur? Soll ich die Polizei verständigen? Was ist, wenn du in’s Heim musst? Ganz gleich, wer dein Vater ist, und wer deine Mutter, ich bin genauso verantwortlich für dich. Und auch wenn ich deinen Namen nicht kenne, bist du jetzt mein Sohn.

Ich sehe noch einmal genau nach in den Fächern und im Wagen selbst, neben dem Baby und an der Unterseite des Sichtschutzes; nichts, nur ein kleines Baby und ein großes, noch zu lebendes, gerade erst geborenes Leben. Während des Suchens nach einem Brief oder einer Adresse oder etwas Ähnlichem, fällt mir auf, wie gut das Kind eingepackt ist. Die Decken sind fest und dick, genauso wie die Kleidung. Das Baby selbst scheint die Ruhe in Person zu sein. Es beobachtet mich und sieht mich an, bleibt aber starr bis auf die Augen; die wandern mit. Kann es mich überhaupt sehen? Können so junge Babys schon sehen? Ich überlege kurz und entscheide mich, den Wagen aus dem Park zu fahren. Hier kann ich das Kind keinesfalls stehen lassen, um Hilfe zu rufen. An mein Mobiltelefon denke ich gar nicht. Unten dann, an der Straße, da wird uns sicher jemand helfen.

Als ich nachsehe, ob die Räder des Wagens verriegelt sind, nehme ich die Rufe einer Frau wahr, die den Berg hochgerannt kommt. „Hey, was machst du da?! Lass‘ mein Kind in Ruhe!“ Ich richte mich auf und trete einen Schritt zurück, bin entsetzt und entschlossen, sie fertig zu machen. Als Sie vor mir steht, keuchend und mit dem Puls am Anschlag, erkenne ich Erleichterung in ihren Augen. Hübsch ist sie und jung, vielleicht 25. Sie sieht nicht nach mir, sondern nach dem Kind. Ich bin nur ein Jugendlicher und sage: „Wie können Sie das Kind hier draußen einfach stehen lassen?! Wissen Sie, was alles hätte passieren können?“ Nach ein paar Sekunden des Einredens auf das Baby sagt sie: „Ich habe unterwegs meinen Geldbeutel verloren, hier auf dem Berg. Deshalb bin ich nochmals zurück. Weil der Wagen so schwer ist, habe ich ihn hier geparkt.“ Sie wirkt sehr schuldbewusst. „Aber das können Sie doch nicht machen! Irgendwer hätte den Wagen einfach wegschieben können! Ich wollte gerade damit herunter an die Straße fahren, um die Polizei zu rufen! Ich dachte, der Junge wurde hier ausgesetzt!“ Sie blickt auf den Boden. Auf ihren Schultern die Gurte einer Babytasche. Ich frage mich, weshalb sie die sichtlich schwere Tasche mit sich schleppt, doch das Baby ihr zu schwer ist. Die Frage aber stelle ich ihr nicht. Sie sagt: „Ich weiß, das war falsch. Aber der Geldbeutel ist wichtig! Ich muss einkaufen und darin ist mein Geld, mein Ausweis! Gott sei Dank lag er noch da unten.“ Ich bin sprachlos, erschüttert und berührt. Das Geld ist ihr also wichtiger, das lag da noch! Mir fehlen die Worte, als sie sagt und mit dem Wagen davon spurtet: „Danke für deine Hilfe! Gut, dass du für mich aufgepasst hast!“

Minuten später stehe ich noch immer wie verwurzelt unter dem Baum und bin mir sicher: ich wäre ein guter Vater und sogar bessere Eltern für dieses Kind, für diesen Sohn gewesen.

Knebelehre.

4. August 2010

Meine Mutter hat wieder „für meine Zukunft“ eingekauft. Besser gesagt: für meine Zukünftige. Heute morgen lieferte die Post zwei riesige Kartons bei uns ab. Die Postbotin scherzte: „Sind da Töpfe drin?“ Ich wusste natürlich nicht, was in den Kartons war. Ich unterschrieb und schob die beiden Kisten ins Haus.

Am Mittag platzte meine Mutter vor Freude, weil „es endlich da ist“. Verwundert verließ ich mein Bett, das eigentlich meine heilige Festung war, und schlenderte ins Wohnzimmer, in dem die Kartons nun auf dem Esstisch standen. Die Postbotin hatte Recht: in dem einen Karton befanden sich wirklich Töpfe. Kochtöpfe jeder Art und dazu auch noch Pfannen. In dem anderen Karton befand sich ein riesiges Besteck- und Koch-Set. — „Das ist alles für dich!“ — Nachdem sie mir die gelieferten Edelstahlwaren detailliert und alle einzeln vorgeführt hatte, durfte ich die beiden Boxen nach oben in den Dachboden tragen. Der Dachboden liegt im vierten Stock und die Treppen dorthin sind ab dem zweiten Stockwerk vollgestellt. Mein Aufstieg war „steinig und schwer“, im wahrsten Sinne des Wortes…

Es freut mich, dass meine Mutter an mich bzw. an meine Zukunft denkt. Aber dass sie ständig irgendwelche Sachen ins Haus bringt, die ich später einmal in die Ehe mitnehmen soll, geht mir mitten ins Herz. Anstatt sinnvoll in meine Zukunft zu investieren, gibt sie das Geld für Gebrauchsgegenstände aus, die auf dem Dachboden ihren Wert verlieren.

Vorhin telefonierte sie mit irgendeiner Freundin, als ich in der Küche war, um etwas zu trinken. — „…meine Eltern kommen am Tag vor Ramadan wieder zurück. … Na, weil mein kleiner Bruder in Deutschland geblieben ist! Er isst sein Brot ja noch zu Hause. … Nee, der ist immer noch nicht verheiratet…“ — Der Bruder meiner Mutter ist 20.

Und ich, ich bin 17. Ich plane nicht, zu heiraten. Mit wem auch? Ich habe keine Freundin.

Tag ein, Tag aus. Es vergeht kaum einen Tag, an dem meine Mutter nicht von Heirat, Hochzeit und Ehe redet. Sie spricht zwar selten mit mir darüber, dafür aber mit anderen: mit Freundinnen und Besuchern, mit Tanten und Tantchen.

Ich fühle mich umzingelt, fast schon in die Ecke gedrängt. Als wollte sie „such‘ dir endlich eine Freundin“ sagen. Vielleicht meint sie das auch.

Mir macht am meisten Angst: dass ich meine Eltern eines Tages richtig enttäusche, weil ich nicht der Sohn bin, den sie in mir sehen (wollen). Und eigentlich möchte ich sie nicht enttäuschen. Doch ich kann nicht ändern, was ich bin.

(Aus diesem Text lässt sich der dicke Knebel, der in meinem Hals steckt, etwa kurz vor dem Herzen, nicht herauslesen. Deswegen dürft ihr euch vorstellen, wie mir dieser Knebel das Atmen erschwert.)