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Fallout Shelter. (11/42)

6. September 2015

Nun folgt eine kleine Gesellschaftskritik, vom Hersteller sicherlich nicht beabsichtigt, aber verpackt in einem zutiefst kapitalistischen Spiel, in dem ich die Menschen nur nach Leistung bewerte und sie systematisch ausbeute. Doch von vorne…

Ab und an spiele ich Quizduell mit Freunden, das war’s aber auch schon. Zur Schulzeit spielte ich gerne „Die Sims“, ich hatte sehr viel Spaß am Bauen und Einrichten von Häusern. Die Sims an sich empfand ich als langweilig und tötete sie auf unschöne Arten und Weisen: Zimmer mit Kamin und ohne Sauerstoffzufuhr. Swimmingpool mit Sprungbrett und ohne Leiter zum Aussteigen. Herbeirufen des Sensenmannes mittels Cheat…

  

Aktuell spiele ich auf dem Handy „Fallout Shelter“. Die Welt ist einem Atomkrieg oder einer sonstigen Umweltkatastrophe im Zusammenhang mit der Atomkraft zum Opfer gefallen. Ich bin Leiter eines Schutzbunkers und habe zum Ziel, meine Bunkerstadt mit immer mehr überlebenden Menschen zu bevölkern und die Anlage zu erweitern, um die Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Die Menschen erhalten je nach Begabung eine Aufgabe, für die sie geeignet sind. Je mehr Menschen Zuflucht in meinem Bunker finden, desto mehr Arbeit gibt es und desto mehr kann ich bauen. Die Produktion von Nahrung, Wasser und Strom muss zu jeder Zeit gewährleistet sein, sonst werden meine Schützlinge krank und versterben. Außerdem kann ihre Zufriedenheit sinken, dann arbeiten sie schlecht und unzuverlässig und sind der Gesellschaft nicht von Nutzen.

Die Leistung der Menschen wird nach ihrem SPECIAL-Wert beurteilt, danach kann man sie auch sortieren und hat schnell einen Überblick über ihr Potenzial.

    S = Stärke (Strength)
    P = Wahrnehmung (Perception)
    E = Ausdauer (Endurance)
    C = Charisma (Charisma)
    I = Intelligenz (Intelligence)
    A = Beweglichkeit (Agility)
    L = Glück (Luck)

Diese Eigenschaften hat jeder, sie sind nur unterschiedlich ausgeprägt. Je nach Eigenschaft sind die Menschen für verschiedene Dinge gut:

    Stärke: Strom produzieren
    Wahrnehmung: Wasseraufbereitung
    Ausdauer: Lagerraum
    Charisma: Kinder produzieren oder Radiostudio
    Intelligenz: Klinik oder Forschungslabor
    Beweglichkeit: Nahrung produzieren
    Glück: Überall nützlich, besonders beim Kinder machen

In diesem Spiel bin ich im Grunde Arbeitgeber und verantwortlich dafür, dass alles läuft. Dies hat zur Folge, dass ich die Menschen nur nach ihrer Tauglichkeit bewerte, um mehr und mehr Ressourcen produzieren und meine Anlage stetig maximieren zu können. Doch meine Arbeitnehmer werden träge, krank und faul. Sie jammern und fallen auch um vor Erschöpfung. Dann sind sie schlechtes Human Kapital, schließlich sollen sie Leistung erbringen. Also überschütte ich sie ständig mit Drogen, dafür habe ich extra eine Klinik und ein Forschungslabor, damit sie arbeiten, arbeiten, arbeiten!

Doch was bringen mir diese Menschen, wenn sie sich nicht weiter entwickeln?! Also muss ich sie wohl oder übel fortbilden, damit sie ihre Arbeit besser und besserer erledigen. Alles nur für unsere Gesellschaft, für unseren Bunker! (Für meine Zufriedenheit!)

Nun, Fortbildungen sind doof. Es fehlt dann jemand im Wasserkraftwerk und weniger Strom wird produziert, es fehlt jemand in der Radiostation, wo Überlebende angelockt werden, und niemand zeugt Kinder, die für mich arbeiten können, wenn sie erwachsen sind. Aber es muss sein, also schicke ich eine Person in die Schule oder in den Sportraum, nur damit er nützlicher wird. Am liebsten würde ich alle fortbilden, das bedeutet nämlich Leistung!, aber wer sorgt dann für die Reproduktion der Gesellschaft? Ein Dilemma. Vor lauter Arbeiten kommen die Menschen nicht oder kaum dazu, ihre Eigenschaften zu erweitern. Weil ich es mir nicht leisten kann, den Stärksten aus der Stromproduktion in die Schule zu schicken, nur weil er so wenig intelligent ist. Er tut doch seine Arbeit dort gut! Doch was ist, wenn mein Bunker überfallen wird? Das passiert nämlich häufig. Auch Feuer brechen aus und radioaktiv verseuchte Käfer dringen ein, dann weiß dieser Stärkste nicht, was er tun soll und rennt wie die Schwangeren und die Kinder schreiend durch die Gegend. Und verteidigt nicht den Bunker! Schlimm ist das.

Es gibt übrigens noch etwas Tolles: einen Tempo-Knopf. Wenn zum Beispiel wenig Wasser vorhanden ist, kann ich in der Aufbereitungsanlage auf den Tempo-Knopf drücken. Dann wird quasi die Zeit in diesem Raum beschleunigt und die Menschen arbeiten schneller. Bevor man auf den Knopf drücken kann, sieht man die Unfall-Wahrscheinlichkeit. Je schlechter die Menschen ausgebildet sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls. Also liegt es in meinem Interesse, dass die gefälligst schlau zu sein haben!

Und an diesem Punkt staune ich über dieses Spiel. Es führt mir vor Augen, was eine Gesellschaft wie unsere, die sich über Leistung definiert, letztendlich ist: Ausbeutung mit Hinblick auf die Nützlichkeit mit dem Ziel der Maximierung. Mehr, immer mehr!

Ich denke, jeder kann in diesem Spiel Parallelen zu unserer Welt finden. Montagabend, nachdem wir Bildungsurlauber uns kennen gelernt haben, handelte das Gespräch unter Anderem davon, dass wir uns im Grunde alle im Kennenlern-Interview über unsere Leistungen definiert haben. Der eine ist hier und da aktiv, der andere singt in einem Chor, die eine studiert dieses hoch komplexe Fach und die andere hat schon so und so viele klassische Literatur gelesen… Diese Erkenntnis war witzig, ich musste dann an Fallout Shelter denken. Ich zückte das Handy hervor und erklärte das Spiel und wir sprachen noch bis in die Nacht über die Bedeutung von Leistung in dieser Welt.

Und wahrscheinlich rührt zur Zeit die Angst vor Fremden daher, dass ein Anderer ihre Arbeit besser machen könnte als sie, zum Beispiel ein Geflüchteter. Und deshalb sprießen die besorgten Arschlöcher nur so aus dem Boden. Getrimmt auf Leistung, angetrieben durch Unwissen und Angst, jeder hier und da gut, gerade so gebildet, um ganz normal durch das Leben zu kommen und nicht reflektiert genug, das zu erkennen und in Frage zu stellen. Natürlich haben die Angst. Hat es doch unser Bunkerleiter versäumt für Gerechtigkeit zu sorgen, sodass niemand gerade so über der Armutsgrenze leben oder sich bis zur Erschöpfung abrackern muss, um sich in seiner sogenannten Freizeit ausruhen zu können. Stattdessen besitzen ein paar Wenige allen Reichtum und die restlichen 98 Prozent müssen Leistung erbringen und arbeiten und arbeiten und arbeiten, um bestehen zu können und den Reichtum der Reichen zu mehren.

Dabei sind neue Menschen im Bunker super, sie erfüllen Arbeit und erzeugen Mehrwert. Wo ist denn für das System gesprochen der Haken? – Jeder ist austauschbar, wichtig nur sein SPECIAL-Wert. Bildung würde nur das System in Frage stellen.

Und genau hier liegt das Problem.