Archive for Juli, 2013

Die Ernte.

30. Juli 2013

Einem besten Freund, der in der schwierigsten Zeit meines Lebens für mich da und immer verlässlich war, ging es die letzten Tage nicht gut. Wir schrieben miteinander, ich habe ihm meine Unterstützung zugesichert und gesagt, dass ich für ihn da bin wie er es einst für mich war. Ein paar Tage war ich besorgt und fragte nach seiner Befindlichkeit, es schien aufwärts zu gehen. Gestern hatte ich ein ungutes Gefühl und habe ihn aufgesucht. Er war nicht da. Wir haben uns verabredet und getroffen. Er erzählte mir ausführlich, was passiert war und brach daraufhin und immer wieder in Tränen aus. Währenddessen habe ich ihn getröstet und gehalten; es war das erste Mal, dass er in meiner Gegenwart derart emotional wurde und über seine Gefühle sprach — obwohl wir sehr viel miteinander reden und nah zueinander stehen.

Nach vielen Worten wurde er klarer und es schien ihm besser zu gehen. Es war später Abend als er mein Angebot, in meiner Wohnung zu übernachten, annahm und wir nach Hause gingen.

In der Nacht dachte ich darüber nach, wie ich mich nach meinem Outing fühlte: vollkommen hilflos. Trotz allem Übel hatte ich Menschen an meiner Seite, die mir Unterstützung verschiedenster Art boten: Unterschlupf, Geld, Hilfe bei der Bewältigung von Papierkram, Fahrten in verschiedene Städte zur Klärung der Zukunft, Sachgegenstände und Kleidung, doch vor allem aufmerksame Ohren, zuversichtliche Worte und warmes Herz.

Meine Situation lässt sich objektiv nicht mit der des Freundes vergleichen, subjektiv gab es aber viele Gemeinsamkeiten, hier einige: die Annahme, es könnte keine Besserung geben, keine Auswege, nur schlechte Kompromisse. Erstklassiger Totalschaden.

Für mich war es interessant zu sehen, dass ich nun in einer Stellung bzw. Verfassung bin, Hilfe und Wärme zu geben. Dass ich Liebe spenden kann, wo sie bitter benötigt wird, und eine Schulter zum Anlehnen. Nie hätte ich das für möglich gehalten, dass ich, der kleine, schwache Junge, jemals Hilfe in Not- und Ausnahmesituationen leisten könnte.

Natürlich war das, was dem Freund passiert ist, nicht gut. Dennoch hat es mir gut getan, zu sehen, dass ich stärker geworden bin. Stark genug, um emotionale Extremsituationen abfedern zu können. Ein Hafen auf einer Insel, an der man getrost anlegen kann.

Solche Ereignisse haben ein ungeheuerliches Bindungspotenzial. Freundschaften werden stärker, man steht sich näher und entwickelt ein besseres Verständnis füreinander. Das hatte ich schon oft mit dem Freund erleben dürfen, bisher jedoch auf meine Probleme bezogen.

Es macht mich glücklich zu erkennen, was Freundschaft schaffen kann. Meine Stärke ist das Ergebnis der Wärme der Menschen, die zu mir standen und die an mich glaubten.

(Dem Freund geht es heute besser, seine Probleme scheinen sich tatsächlich zu lichten.)

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