Archive for August, 2010

Sümbüli Sabah Vakti.

28. August 2010

In einem bröckelnden, mit Efeu umwachsenen Bushaltestellenhäuschen, an dem seit Neunzehnhundertachtundneunzig kein einziger Bus hielt, geschweige denn vorbei fuhr, sitze ich und warte trübselig auf niemanden, vielleicht auf den Tod. Ich erwarte niemanden und ich warte auf ein Wunder, obwohl ich manchmal bezweifle, dass es jene Wunder außerhalb meiner Innenwelt gibt. Im windig frischen Halbdunkeln sehe ich einen heißblütigen Morgen anbrechen, ich sehe, wie rissig der Himmel über mir ist, wie glutrot der Horizont einer anderen Welt durch die aschgraue und pechschwarze Wolkendecke hindurchsticht. Die Zerrissenheit der Wolken erinnert mich an ein Ovum, aus dem augenblicklich ein Küken schlüpfen wird, erinnert mich an das Platzen einer Fruchtblase, an die Geburt eines neuen Menschenlebens.

Im Spiegel erblicke ich die müde Trauer meiner Augen. Und in meinen Augen erkenne ich das Spiegelbild meines müden Ichs. Wie schwach ich doch bin, wie unbegreiflich traurig.

Lebe wohl, liebes Kind des Himmels, du folgenschweres Wunder. Mach’s besser als ich, um Welten besser.

Lebe wohl, guter Morgen.

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Secretary.

25. August 2010

Heute habe ich den Film „Secretary“ gesehen, nachdem mir dies am Sonntag nicht möglich war, weil mein Vater für diesen Abend andere Pläne hatte und ich in seinen Plänen eine elementare Rolle spielen musste… (Memo an mich selbst: endlich die Gedanken über den letzten Sonntag in den Computer eintippen.)

Den Film hat mir Frau Fragmente empfohlen, obwohl ich „noch zu jung!!!“ dafür bin. Ab dem heutigen Tage werde ich Empfehlungen von Frau Fragmente anderen Empfehlungen vorziehen, denn ich weiß nun ganz sicher: ihre Tipps sind hochwertig und sprechen mich immer an. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Donnie Darko. (Memo an mich selbst: endlich den fragmentarisch entworfenen Blogpost über Donnie Darko zu Ende schreiben.)

Wer „Secretary“ noch nicht kennen sollte, kann die Wikipedia zur Wissenserweiterung heranziehen. Von mir gibt es nur ein paar Anmerkungen:

  • Das Theme ist toll. Ich muss mir unbedingt den Score bzw. den Soundtrack des Filmes besorgen. Hoffentlich ist so etwas erhältlich! Ich will unbedingt diese großartige Melodie auch außerhalb meines Kopfes hören können.
  • Ich habe mir den Mann (E. Edward Grey, gespielt von James Spader) viel älter vorgestellt, obwohl ich zuvor keine Vorstellung davon hatte, wie, wann, wo und mit wem der Film spielen wird. Wieder so ein Rätsel, das mir mein Gehirn aufgibt.
  • Maggie Gyllenhaal ist im echten Leben die Schwester von Jake Gyllenhaal und in „Donnie Darko“ die Schwester von Donnie Darko. Zufälle gibt’s. (Ich würde gerne mit beiden schlafen. Wäre das dann Inzucht oder so etwas in der Art? Hmm.)
  • Maggie Gyllenhaal ist eine schlichte Schönheit. Ich mag ihre Brüste und ihre Lippen und ihr Lächeln. Hübsche Augen. Kann es sein, dass sie Grübchen hat? Sie trägt im Film Pelz, was ich sehr interessant und schön anzusehen fand. Wie es sich wohl anfühlt, einmal mit der Hand über ihren Venushügel zu segeln? Als sie die schüchterne Lee Holloway verkörperte, fand ich sie unverschämt süß. Als sie die devote Lee Holloway spielte, fand ich sie sehr reizend. Ich mag es, wie sie atmet.
  • Der langsame Wandel der Charaktere und die schleichende Entwicklung der Geschichte hat mir sehr gefallen. „Langsam“ und „Schleichend“ sind zu hundert Prozent positiv gemeint. Tolle Farben! Und traumhaft schöne Detail.
  • Die Ticks der Lee Holloway sind mir gar nicht als solche aufgefallen. Außer das mit der Zunge; das war zu offensichtlich. Und dabei beobachte und analysiere ich immer alles minutiös! (Memo an mich selbst: öfters nicht Beobachten und Analysieren, sondern einfach nur ansehen.)
  • Erkenntnis: Schüchternheit täuscht. Stille Wasser sind tief, genauso wie die Wunden der Lee Holloway.
  • Während Lee Holloway sich irgendwo am Oberschenkel Schmerzen zufügte, musste ich an meinen Glastürenunfall denken und auf die Narben an meiner rechten Hand schauen. Sieht aus wie ein verunglückter Selbstmordversuch!
  • Während ich den vorherigen Abschnitt eintippte, habe ich einen Krampf in meiner rechten Wade bekommen und dabei unbeabsichtigt-eigenartig gestöhnt. Ganz kurz habe ich versucht, den Schmerz zu genießen. Nicht wirklich mein Ding. (Memo an mich selbst: das Ziehen nach dem Krampf ist ganz OK und erträglich.)
  • Für Lee Holloway ist Schmerz das, was für mich die Traurigkeit ist. Faszinierende Parallelen erkannt. Vor allem in der „Hörbuch“-Szene.
  • Der erste Sex der Lee Holloway war für sie nicht sehr berauschend. (Memo an mich selbst: während meines ersten Males auf Zeichen und Körpersprache achten, nicht zu früh kommen. „Standartratschläge“.)
  • Ich dachte, in dem Film wird knallhartes BDSM-Zeug gezeigt, so mit Leder, Lack, Auspeitschen und Fesseln. Ich sollte meine Blitzgedanken überdenken. Das, was gezeigt wurde, empfand ich als sehr sanft und lieblich. Knallhart dagegen sind meine Vorurteile. (Abknallen, sofort!)
  • Meine Mutter hat „Secretary“ schon gestern gesehen, während ich arbeiten war. Ich kam gegen Ende des Filmes zu Hause an. — Mutter kommentierte: „Was ist denn für ein komischer Film?“ Bruder kommentierte: „Die Frau ist ja voll psycho, die ritzt sich, um etwas zu fühlen!“ — Mein Bruder hat den Film nicht ganz gesehen, Mutter dahingegen schon. Ich machte mir viele Gedanken, heute wie gestern, denn ich wusste ja nicht, was meine Mami gesehen hatte. Bin jetzt beruhigt. Mir fiel auf, dass meine Mum an den kritischen Stellen (offensichtlich sexuelle Szenen) immer vorspulte. (Memo an mich selbst: das nächste Mal sollte ich DVDs nicht gemountet lassen.)
  • Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Mir hat „Secretary“ sehr gefallen. Ganz schlicht und schön.
  • (Memo an alle: ich bin für nichts nie zu jung!, glaube ich.)

Das Geheimnis stahlharter Männer.

24. August 2010

Ich kenne es, das Geheimnis stahlharter Männer.

12:00 Uhr — Mittagspause. Ich befand mich allein im Waschraum meiner Ferienjobarbeitsstätte und versuchte tiefschürfend meinen metallstaubschwarzen Händen ihre ursprüngliche Form und Farbe zu geben, als um die Ecke eine Horde Männer das Licht des Waschraumes erblickte und sich augenscheinlich ebenfalls der Körperpflege hingeben wollte.

In meiner Arbeitsstätte findet man jede Art von Mann. Man muss nur die Augen öffnen, oder wie ich, das Spiegelbild des Spiegels analysieren.

Manche Männer sind groß, andere so gut wie klein. Einige Typen sind muskelbepackt, andere eher schmächtig. Diverse Kerle sind behaart wie ein Bär, andere haarlos wie eine Frauenbrust. Und nicht wenige Burschen sind so rau wie eine Bürste oder sogar rauer als ein Schleifstein, während andere weich wie Babyspeck zu Tage treten.

Im Waschraum teilt sich die Mannschaft in zwei Gruppen auf. Gruppe Eins geht durch den Waschraum weiter zu den Toiletten und Pissoirs, Gruppe Zwei bleibt im Waschraum und wäscht sich.

Als ich meine Pranken halbwegs fleischfarben ausgewaschen hatte, wollte ich kurz das stille Örtchen aufsuchen, bevor meine Pause endgültig nach dem zweiten Händewaschen beginnen sollte. Also ging ich durch den großen Waschraum, trocknete meine Hände an dem erstbesten Handtuchziehautomaten ab und betrat die männliche Bedürfnisanstalt meiner Arbeitsstätte. Alle WC-Kabinen waren besetzt, darum positionierte ich mich vor einem Pinkelbecken, um dem Wasser freien Lauf lassen zu können. Man muss wissen, dass ich mich selten an Pissoirs stelle, weil mir das unangenehm ist und unhandlich vorkommt. Heute blieb mir aber nichts anderes übrig, also stand ich dort.

Ich knöpfte zügig meine Jeans auf und packe meinen Pullermann aus, damit dieser seine Aufgabe erfüllen konnte. Während ich still vor mich hin urinierte, wagte ich es, aus den seitlichsten Winkeln meiner Augen nach links und nach rechts zu lugen. Man muss wissen, dass die Pissoirs nah beieinander stehen und keine Art von Sichtschutz bieten. Man ist ja unter Männern, da darf auch einmal heimlich Lümmelschau betrieben werden.

Bei dem Rundblick auf die wahrhaftigen Kindermacher bekam ich große Augen, denn fast alle Pissoirpinkler hatten noch metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger, mit denen sie ihre Zauberstäbe hielten!

Der massiv bestückte (und muskulöse!) Typ links von mir hatte seine Blase entleert und packte zwar schnell, aber nicht schnell genug sein tropfendes Schwert ein, sodass ich gerade noch so sehen konnte, dass der Penis des Typen an den Stellen, an denen er ihn gehalten hatte, nun sichtlich grau bis schwarz gefärbt war.

Ich pinkelte fertig und verließ das Örtchen der Offenbarung, nachdem ich meine Hände gewaschen hatte. Ich ging durch die Tür und dachte mir:

Das Geheimnis stahlharter Männer sind metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger, mit denen man seinen Penis anpacken muss.

Der erste Tag.

19. August 2010

Ich sitze oder stehe mit zwei oder drei Mitarbeitern oder Mitarbeiterinnen in dem einen oder in dem anderen Raum und schiebe mindestens ein, meistens aber mehrere Metallteile gleichzeitig in eine der vielen speziell dafür konstruierten Maschinen. Jedes Mal, wenn ich mindestens ein Metallteil in eine der vielen speziell dafür konstruierten Maschinen einlege, macht es entweder spürbar laut „Tick-Tock“ oder maschinenöl-zart „Tick-Tack“. Jenachdem. Entweder. Oder.

Um meine fleischblutige Existenz herum ist es laut. So laut, dass man Gehörschutz tragen muss. Trägt man keinen Gehörschutz, ist das gar nicht gut für die Ohren – vor allem nicht für meine Ohren, denn „die sind besonders sensibel“, sagte einmal der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt. Trägt man keinen Gehörschutz, fühlt man sich nach wenigen Minuten von den allumfassenden Schallwellen aus dem Gleichgewicht gebracht und in eine rauschende Betäubung gestoßen. Mit anderen Worten: das Trommelfell des Arbeiters oder der Arbeiterin, welches normalerweise am Ende des Gehörganges im Gehirn zu finden ist, wird platt gemacht, genau wie die Metallteile, die ich in eine der vielen speziell dafür konstruierten Maschinen einlege. Die Grenze meiner Schmerzensgrenze hatte ich schon nach einigen Sekunden erreicht.

Der Gehörschutz besteht objektiv betrachtet aus drei Elementen. Das sichtbarste Element ist ein schallisolierender Kapselgehörschutzkopfhörer, der die Außenwelt quasi um achtzig Prozent leiser und somit erträglicher macht. Die anderen beiden Elemente sind Schaumstoffgehörschutzstöpsel, die man mit den Fingern erst fein säuberlich in die Länge kneten muss, ehe man sie sich in die Gehörgänge links und rechts einführen kann. (Vorsicht! Nicht zu tief einführen, sonst tut’s weh! Und das Dünner- beziehungsweise Längermachen nicht vergessen! Zu dick tut nicht gut und zu lang auch nicht.) Nach wenigen Momenten nehmen die Schaumstoffgehörschutzstöpsel ihre einstige Form an, indem sie sich einfach aufbauschen, als wären sie Schlagsahnefäden, die gerade eine Sprühdose verlassen. Dieses Aufbauschen an sich ist völlig schmerzfrei. Man fühlt sich nur ein wenig komisch, weil das Aufbauschgefühl die Umgebung langsam, aber sicher ausblendet, bis man kaum noch etwas wahrnehmen kann (vergleichbar mit dem Gefühl, bewusstlos zu werden). Kombiniert man nun diese drei Elemente, dringt nichts, rein gar nichts in das Gehirn des Arbeiters oder der Arbeiterin, welches normalerweise vorhanden sein sollte.

Man hört nur noch sich selbst, den eigenen Atem und den eigenen Herzschlag. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich höre oder ob ich nur glaube zu hören, wie mein Herz schlägt und wie sich meine Lungenflügel entfalten, um Sauerstoff aus der Luft zu schöpfen, wenn ich mich den Gehörschutzmechanismen hingebe.

Das Aufbauschen ist schmerzfrei, wie schon gesagt. Doch etwas anderes löste – zumindest in mir – tiefe Schmerzen aus: meine Stimme.

Die Sache mit der Stimme… Ich glaube, dass jeder Mensch, der denken kann, im Besitz einer inneren Stimme ist. Das mag sein, mag aber auch nicht sein, ist aber in diesem Fall eigentlich egal (Hinweise gerne in den Kommentaren!). Ich jedenfalls habe eine innere Stimme. Eine Stimme, die sich wandeln, jede erdenkliche Form und Tonlage annehmen und sein kann. Diese Stimme in mir bin ich, das glaube ich zumindest. Ich sehe mich als Ganzes, als einen Körper an, welcher aber auf dieser inneren Stimme basiert. Sie ist in Kombination mit meinen Erinnerungen und Erfahrungen die Grundlage meines Wesens, das Fundament meiner Psyche. Sie ist mein Kommunikationsinstrument zur Außenwelt, wird von meinem Körper in Schrift oder Ton gewandelt und so zu Ausdruck gebracht. Auch der Körper selbst dient zur Kommunikation, genauso wie ein Lächeln oder eine einsame Träne, die sich im Mundwinkel verfangen hat. Diese magische Wandlung fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Der Mensch ist ein verdammtes Wunder!

Die Sache mit der Stimme meines Kopfes… Vor meinem ersten Arbeitstag habe ich sie nie zuvor so stark wahrgenommen. Klar, sie ist immer zugegen, zum Beispiel jetzt, während ich diesen Text schreibe. Sie diktiert meinen Armen und meinen Fingern, was ich wie in diesen Computer zu tippen habe. Sie ist auch da, wenn ich mit Jemandem rede oder Jemandem zuhöre. Doch in solchen Fällen spielt sie eine kleine Rolle, den in solchen Fällen höre ich eher der Stimme zu, die meinen Mund verlässt. Ich bekomme Feedback über meine Ohren: somit kann ich überprüfen, was ich ausgesprochen habe und was nicht – und vor allem, wie ich ‚was ausgesprochen habe. Das ist sehr wichtig!

Ich weiß, dass mein Inneres ehrlich zu mir ist. Die Stimme ist ein Teil meines Inneres und deswegen spricht sie auch die Sprache der Selbstwahrheit. Das mag sein, mag aber auch nicht sein, ist aber in diesem Fall eigentlich egal (Hinweise gerne in den Kommentaren!). Diese Stimme ist knallhart und kritisiert mich zum Beispiel (konstruktiv), wenn ich etwas ausspreche oder signalisiere, das ich eigentlich ganz anders meine. Die Stimme meines Kopfes meint. Ich meine also.

Höre ich Musik, spielt meine innere Stimme, der kleine Heartcore in mir, eigentlich keine Rolle. Der kleine Heartcore hört zu in Momenten, in denen er wirklich nur zuhört. Ich nehme den Text und die Akustik des Musikstückes wahr, verarbeite diese vielleicht. In Momenten, in denen ich mir Gedanken mache, spricht die Stimme wieder. Auch wenn die Musik läuft.

Sehe ich einen Film, spielt mein inneres Auge, der kleine Heartcore in mir, eigentlich keine Rolle. Der kleine Heartcore sieht zu in Momenten, in denen er wirklich nur zusieht. Ich nehme das Bild und die Akustik des Filmes wahr, verarbeite diese vielleicht. In Momenten, in denen ich mir Gedanken mache, spricht die Stimme wieder. Auch wenn ein Film läuft.

Die innere Stimme und das innere Auge. Ein unzertrennliches Paar!

An meinem ersten Arbeitstag stand ich also an einer speziell konstruierten Maschine und schob Metallteile in kreisrunde Öffnungen. Auf meinem Kopf befanden sich der Kapselgehörschutzkopfhörer und darunter die Schaumstoffgehörschutzstöpsel. In mein Gehirn drang keine Akustik von außen ein und das Bild, das meinen Augen geboten wurde, bestand aus der speziell konstruierten Maschine und meiner Aufgabe, die ich so schnell wie möglich zu erledigen hatte. Ich konnte nicht wegschauen, weil sich die Maschine vor mir immer weiterdrehte und ich mit ihr einen Taktakt bilden musste, damit ich meine Aufgabe so schnell wie möglich erledigen kann. Monotonie at it’s best.

Um mich nicht zu langweilen, fing ich an, mir Gedanken zu machen. Erst beschäftigte ich mich mit der Arbeit und dem Umfeld, in dem ich mich befand, und reflektierte die bis dorthin erlebten Gesichter. Danach schweifte ich auf abwegige Pfade ab und verlor mich im Gestrüpp meiner Selbst, das eigentlich ein unendlich flächiger und unübersichtlicher Regenwald ist. Die ständige Stille und der Input, der nicht vorhanden zu sein schien, zwang mich geradezu, mich mit meiner inneren Stimme zu beschäftigen. Ich war zusammen mit meiner unbestimmbaren Stimme in meinem unstimmigen Kopf gefangen! Gefangen, in einer Gummizelle… links und rechts nur Schaumstoff und Gummi, oben und unten nur Gehirnmasse, Blut und Knochen(gewebe)… Interniert in mir selbst und mit mir selbst allein…

Nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass ich nicht der Panik verfallen darf, wenn ich in dieser Firma weiterhin arbeiten will. Also sprach ich mit mir selbst, schrieb nie abgeschickte Briefe und nie veröffentlichte Blogeinträge, sang die Lieder, die mir auf der Zunge lagen, und malte mir nie da gewesene Bilder aus.

Doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Ständig diese Bilder und ständig diese Stimme(n)! Ich sehnte mir die Stille herbei, die absolute Stille, doch dabei befand ich mich inmitten einer solchen Stille, die mich komplett für sich eingenommen hatte. Nur das Grundrauschen des Lebens und meine Gedanken durchbrachen das absolut Unhörbare. Mir wurde klar, dass es nur eine einzige, absolute Stille gibt: den Tod.

Die Angst saß mir im Nacken und flüsterte mir vorlaut ins Ohr, doch ich konnte weder aufsehen, noch hinhören. Ich musste den Fluss der Maschine aufrecht erhalten. „Nicht panieren, nicht panieren!“

Und wie aus dem Nichts wurde mir klar: ich bin ein Teil der Maschine. Zwar denkend und aus Fleisch und Blut, doch trotzdem ein Teil einer ganzen Maschine, die ohne mich nicht funktionieren kann. Das machte mich einerseits interessant und andererseits unfassbar traurig.

Ich war gerade dabei, innerlich meine Trauer zu zelebrieren, als einer der zwei oder drei Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen neben mir stand und mich lustig von der Seite anfummelte. Ich stoppte die Maschine, nahm meine Kapselgehörschutzkopfhörer ab und zog dann langsam meinen linken Schaumstoffgehörschutzstöpsel aus meinem Gehörgang, damit ich etwas verstehen konnte – denn Lippenlesen, das kann ich noch nicht!

Die erlösenden Worte des Mitarbeiters waren: „Du kannst an die Kopfhörer auch einen mp3-Player oder iPod anschließen! Probier’s mal, vielleicht gefällt’s dir!“

Ich stand da wie der letzte Idiot des untergehenden Abendlandes und grinste so lange debil in die kleine Abteilung, bis mein Trommelfell Schmerz verzeichnete und meine Augen freaky zu zucken begannen. Der Schmerz befreite mich aus meiner Idiotie und ich kam wieder zu mir.

Das erste Musikstück, für das ich an meinem ersten Arbeitstag während der viel zu lauten, tonlosen Arbeit die Ohren spitzte, war folgendes: { Anhören! } „Ave Maria“ in der Version von Giulio Caccini & Paul Pritchar aus dem Album „Donnie Darko (Soundtrack & Score)“.

Das befriedigendste Musikerlebnis, das ich je hatte.

Teppichfransen.

13. August 2010

Ich lag gerade lesend auf meinem Bett, leicht und wohlig bekleidet, als ich zügig-schwere Schritte vernahm, die sich in das Stockwerk bewegten, in dem ich mich befand. Die Türe meines zuvor aufgeräumten Zimmers stand bis zum Anschlag offen, sodass ich den flüchtigen Schatten meiner Mutter erkennen konnte, die sich in das Badezimmer bewegte, in dem die Waschmaschine gerade der dreckigen Wäsche ein Schleudertrauma verpasste. Ich zuckte nichtsahnend mit den Schultern und dachte mir nichts dabei. Der Fokus meiner Augen legte sich wieder wie von selbst auf das digitale Endgerät, das ich still in meinen Händen hielt.

Wenige Minuten später schoss meine Mutter aus dem Badezimmer in Richtung Schlafzimmer. Ich konnte hören, wie sie Schubladen auf- und zuschob. Nach ein paar Sekunden schien sie gefunden zu haben, was sie suchte. Ich vernahm, wie ein Teppich ausgebreitet wurde, wieder und wieder, bis er perfekt auf dem Boden auf lag; es konnte nur ein Gebetsteppich sein. Leise schlich sich das unverständliche Flüstern einer Frau an meine Ohren, welches mir bestätigte, dass meine Mutter sich dem Nachmittagsgebet hingab.

Es beschämte mich, dass gerade ich, der große Bruder, der, in den so viel Hoffnung gesetzt wird, gemütlich auf dem Bett lag und dem Gebet meiner Mutter lauschte. Ich machte mir sehr lange Gedanken darüber, ob mein passives Verhalten respektlos gegenüber Gott oder meine Mutter ist, als diese plötzlich am Rahmen der Tür stand und leicht kopfschüttelnd in meine Richtung blickte.

MM (Meine Mutter, auf Türkisch natürlich): „Was machst du?“

Heartcore (auch auf Türkisch): „Ich lese gerade einen Artikel über Zukunftschancen.“

In Wirklichkeit las ich das Blog, das ich abends immer lese. Darin ging es um Zukunftschancen. Ich hatte also nicht gelogen.

MM: „Und wann hast du vor, etwas sinnvolles zu tun? Los, steh‘ auf und wasch‘ dich! Press‘ deine Stirn auch mal auf den Teppich!“

Heartcore: „Hmm. Wir gehen doch nachher eh in die Moschee!..“

MM: „Ja, und? Los jetzt.“

Heartcore: „Mama, wir beten nie 5x am Tag. Warum ausgerechnet heute?“

MM: „Weil jetzt Ramadan ist. Und damit deine Fastenzeiten anerkannt werden.“

Heartcore: „Warum sollten diese nicht anerkannt werden?“

MM: „Das weiß nur Gott. Auf jetzt! SOFORT!“

Gott. Das beste Totschlagargument, das meine Umgebung gegen mich zu bieten hat.

Ich legte also das digitale Endgerät zur Seite und rappelte mich auf, streckte mich und ging müden Schrittes in das Badezimmer, um mich rituell zu waschen. Das Gefühl von Wasser im Mund löste kurz einen Schock in mir aus, denn zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist Flüssigkeit sowie Nahrung jeglicher Art verboten. In Sekundenbruchteilen wurde mir aber klar, dass das Ausspülen des Mundes während der rituellen Waschung ausdrücklich erlaubt ist. Im Spiegel blickte ich mich einige Augenblicke interessiert an und versprach mir, dass ich einmal Bilder von mir machen werde, auf denen Gesicht und Haare nass sind.

Frisch gewaschen verließ ich das Zimmer mit dem meisten Wasservorkommen des Hauses und begab mich ins Schlafzimmer meiner Eltern, in dem der Gebetsteppich schon sehnsüchtig auf meine Stirn zu warten schien. Ich bereitete mich vor und warf mit der üblichen Bewegung am Ohr alle Welt hinter mich. Innerlich sprach ich die arabischen Texte, von denen ich nicht ein einziges Wort verstehe. In den wenigen Koranschulen, die ich besuchen musste, lernte ich den Koran zu lesen, doch nie die Bedeutung dieser Texte, von denen man einige für das Gebet auswendig können muss. Ich sprach also in einer Sprache, von der ich weder ein Wort verstehen, noch sprechen kann.

Während ich im Kopf vor mich hin flüsterte, spaltete sich mein Gehirn und ich konnte zwei-gleisig denken. Die eine Gehirnhälfte sprach weiterhin die arabischen Suren, die andere Gehirnhälfte dachte darüber nach, welchen Sinn mein Gebet hat.

„Ich bete hier nicht aus Überzeugung. Ich bete hier, weil meine Mutter mir das sozusagen befohlen hat. Und ich weiß doch gar nicht, ob ich an Gott glaube! Ich denke schon, dass es einen Gott gibt. Könnte ja sein. Aber beweisen kann das natürlich niemand. Man braucht ja keine Beweise, um glauben zu können, das sehe ich ein. Ich weiß einfach nicht so recht… Jemand, an den man sich in den dunkelsten Momenten klammern kann, ist schon ganz nützlich, psychologisch gesehen. Aber dafür habe ich doch Twitter. ORRR, wie komme ich denn jetzt darauf? Ist Twitter Gott oder etwa göttlich? Schnell, Gedanken wechseln! Sonst wird mein Gebet komplett aus allen Nähten platzen. Dabei ist es das doch schon passiert: ich denke an andere Dinge, obwohl ich nur an das Gebet und die Suren denken sollte…“

Mein Blick, so starr wie Aluminiumfolie, löste sich langsam von dem Punkt auf dem Gebetsteppich, den ich die ganze Zeit über wie in Trance angestarrt hatte. Mir wurde klar, dass das nicht wirklich Glaube ist, was ich dort auf dem Teppich veranstaltete. Doch ich konnte nicht abbrechen, meine Vernunft ließ dies nicht zu. Ich sprach die restlichen Suren auf und setzte mich im Schneidersitz nieder, um mein Gebet gemäß dem Koran zu vollenden. Der letzte Teil des Gebetes ist der betenden Person überlassen. Man öffnet die Hände und spricht zu Gott. Interessanterweise spricht man, so habe ich es als Türke gelernt, auf Türkisch.

„Aber warum denn bloß? Hätte ich die Suren nicht in deutscher oder türkischer Sprache aufsagen können? Wenn Gott allwissend ist, kann er doch auch jede Sprache sprechen und verstehen, die jemals existiert hat, oder etwa nicht?“

Als ich dies gedacht hatte, wurde ich traurig.

„Was ist, wenn es Gott wirklich gibt? Was ist, wenn ich ewig in der Hölle schmoren muss, weil ich nur semi-gläubig bin? Würde mir Gott vergeben für das, was ich bin? Man sagt, das Leben der Menschen stehe schon fest. Man spricht von Schicksal oder Kısmet. Und wenn das so sein sollte, kann ich etwas dafür, dass ich so bin, wie ich bin? Kann ich überhaupt etwas anderes sein?“

Meine bebenden Augen füllten sich mit Tränen, die nie über den Balkon meiner Wimpern sprangen. Ich saß da, die Hände für Gott geöffnet, und zweifelte an seiner Existenz und an meiner Bestimmung. Ich saß da, im Schneidersitz, und litt, als ich die Teppichfransen studierte, die mich ablenken und betäuben sollten.

Ich war und bin hungrig. Ich faste, weil man das so macht im Islam. Die Idee dahinter verstehe ich; man soll den Schmerz der Armen fühlen. Doch ist das überhaupt möglich? Nach Sonnenuntergang werden die Bäuche mit Nahrung zugespachtelt, man isst sich einen schönen runden Bauch. Und kurz vor Sonnenaufgang nochmals. Ist das sinnvoll? Wie soll man denn so bloß fühlen können, was die Hungrigen dieser Welt fühlen?

Heute Abend werde ich mit meinem Vater in die größte Moschee der Umgebung gehen, für deren Aufbau mein Großvater verantwortlich ist. Dort werde ich unter Gläubigen sitzen und zweifeln, mich in Grund und Boden schämen. Ich werde dort sitzen und innerlich zersetzt werden, wie von einer bitteren Säure, die sich durch Fleisch und Blut frisst. Dabei bin ich der namentliche Erbe meines geliebten Großvaters.

Ich fühle mich zerrissen, ich fühle mich in meine kleinsten Bestandteile gespalten. Ich bin hungrig und durstig, doch mein Hunger und mein Durst gelten nicht den Mitteln, die ein Mensch zum Überleben braucht, nein. Ich bin hungrig nach Antworten und durstig nach etwas, an das ich mich klammern kann, das mir Halt gibt, in den dunkelsten Momenten. In Momenten, wie diesen.

Knebelehre.

4. August 2010

Meine Mutter hat wieder „für meine Zukunft“ eingekauft. Besser gesagt: für meine Zukünftige. Heute morgen lieferte die Post zwei riesige Kartons bei uns ab. Die Postbotin scherzte: „Sind da Töpfe drin?“ Ich wusste natürlich nicht, was in den Kartons war. Ich unterschrieb und schob die beiden Kisten ins Haus.

Am Mittag platzte meine Mutter vor Freude, weil „es endlich da ist“. Verwundert verließ ich mein Bett, das eigentlich meine heilige Festung war, und schlenderte ins Wohnzimmer, in dem die Kartons nun auf dem Esstisch standen. Die Postbotin hatte Recht: in dem einen Karton befanden sich wirklich Töpfe. Kochtöpfe jeder Art und dazu auch noch Pfannen. In dem anderen Karton befand sich ein riesiges Besteck- und Koch-Set. — „Das ist alles für dich!“ — Nachdem sie mir die gelieferten Edelstahlwaren detailliert und alle einzeln vorgeführt hatte, durfte ich die beiden Boxen nach oben in den Dachboden tragen. Der Dachboden liegt im vierten Stock und die Treppen dorthin sind ab dem zweiten Stockwerk vollgestellt. Mein Aufstieg war „steinig und schwer“, im wahrsten Sinne des Wortes…

Es freut mich, dass meine Mutter an mich bzw. an meine Zukunft denkt. Aber dass sie ständig irgendwelche Sachen ins Haus bringt, die ich später einmal in die Ehe mitnehmen soll, geht mir mitten ins Herz. Anstatt sinnvoll in meine Zukunft zu investieren, gibt sie das Geld für Gebrauchsgegenstände aus, die auf dem Dachboden ihren Wert verlieren.

Vorhin telefonierte sie mit irgendeiner Freundin, als ich in der Küche war, um etwas zu trinken. — „…meine Eltern kommen am Tag vor Ramadan wieder zurück. … Na, weil mein kleiner Bruder in Deutschland geblieben ist! Er isst sein Brot ja noch zu Hause. … Nee, der ist immer noch nicht verheiratet…“ — Der Bruder meiner Mutter ist 20.

Und ich, ich bin 17. Ich plane nicht, zu heiraten. Mit wem auch? Ich habe keine Freundin.

Tag ein, Tag aus. Es vergeht kaum einen Tag, an dem meine Mutter nicht von Heirat, Hochzeit und Ehe redet. Sie spricht zwar selten mit mir darüber, dafür aber mit anderen: mit Freundinnen und Besuchern, mit Tanten und Tantchen.

Ich fühle mich umzingelt, fast schon in die Ecke gedrängt. Als wollte sie „such‘ dir endlich eine Freundin“ sagen. Vielleicht meint sie das auch.

Mir macht am meisten Angst: dass ich meine Eltern eines Tages richtig enttäusche, weil ich nicht der Sohn bin, den sie in mir sehen (wollen). Und eigentlich möchte ich sie nicht enttäuschen. Doch ich kann nicht ändern, was ich bin.

(Aus diesem Text lässt sich der dicke Knebel, der in meinem Hals steckt, etwa kurz vor dem Herzen, nicht herauslesen. Deswegen dürft ihr euch vorstellen, wie mir dieser Knebel das Atmen erschwert.)

Schuljahr 09/10 — Teil Eins.

1. August 2010

Das erste Schuljahr ist in einem Zug an mir vorbeigerauscht. Vieles hat sich geändert in diesem ersten Jahr, vieles hat sich gefestigt und vieles hat sich verflüchtigt.

Blicke ich in meine noch faltenfrei Erinnerung zurück, sehe ich meinen ersten Schultag vor mir, als hätte dieser erst gerade eben stattgefunden. Wie früh ich aufgestanden war, um mich auf diesen Tag vorzubereiten, um diesen Tag zu begrüßen, indem ich der Sonne beim Aufsteigen zusehe. Ich hatte mich den Sommer über auf diesen einen Tag im September gefreut, auf den Tag, der mein Leben verändern und mich in eine Richtung tragen sollte, die ich mir selbst ausgesucht hatte.

Gründlichst hatte ich mein Gesicht gewaschen, minutenlang die Zähne geputzt, meine fassungslosen Haare in eine ansehnliche Form gebracht, mich schlicht und unaufdringlich gekleidet und im Spiegel angelächelt, als der Wecker zu klingeln begann. Ich wollte Eindruck hinterlassen.

Im Auto ging ich in Gedanken nochmals meinen Rucksack durch. Stifte, Spitzer, Mäppchen, Schreibblock, Essen und Trinken, Fahrkarten, Geld, Kopfhörer. Alles war da. Es musste da sein, denn ich hatte diese Tasche so oft gepackt. Ich überlegte mir zum tausendsten Mal, was ich sagen würde, falls man sich vorstellen sollte. — „Hallo ich bin der Heartcore … nein … Hallo, ich heiße Heartcore und…“ — Mein Herz schlug so stark, dass ich den Puls deutlich an meinem Halse spüren konnte. Ich legte meine Hand auf diese Stelle und zählte: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, — und schon war ich draußen. Ich konnte nicht mitzählen, weil ich zu langsam dachte und weil mein Herz zu schnell schlug. Die Vorfreude hatte mich gepackt, ich saß in einer mentalen Achterbahn, fuhr Looping um Looping. Es gab keinen Halt für mich. Ich wollte dieses neue Leben betreten.

Ich stieg aus dem Auto und stand mitten im Lichte der Sonne.