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Ein Brief mit Folgen.

30. September 2019

Lieber Boris,

zuallererst möchte ich dich um Entschuldigung bitten, dass ich deine Aufmerksamkeit auch auf diesem Wege beanspruche. Doch ich kann nicht anders, denn: Wir beide haben uns einander in den letzten Monaten vertraut gemacht. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, sagte der Fuchs.

In der gemeinsam verbrachten Zeit haben wir einander gezähmt, jeden Tag sind wir uns ein Stückchen näher gekommen; auch wenn noch viel Zähmen vor uns liegt. In der Zeit dazwischen haben wir voneinander erfahren über Geschriebenes, selten über Gesprochenes. Auch, wenn du schriftlich vielmehr über mich erfahren hast, als ich über dich. Und wie der Fuchs sagt, ist das Zähmen eine Sache, für die man sehr geduldig sein muss. Das ist nicht leicht für mich, doch ich lerne es durch dich. Niemals zuvor hat jemand meine Geduld derartig auf die Probe gestellt wie du. Und ich danke dir dafür, für diese neue und auch herausfordernde Grenzerfahrung. Ich warte gerne auf dich und ich bringe gerne die Geduld für dich auf. Gleichzeitig stürzt das mich in tiefen Kummer, wenn ich nichts von dir höre, weil ich noch lerne dich zu verstehen, weil ich noch ganz am Anfang stehe, weil ich nicht weiß, wie ich dir helfen kann oder ob du das überhaupt willst. „Man versteht nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. Dass wir noch keine Bräuche haben, wie der Fuchs sie beschreibt, dass die Netzabdeckung scheiße ist und du oft sehr schweigsam bist, all das verstärkt meinen Kummer.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mich verantwortlich fühle für dich, weil ich dich erreichen möchte in deinem Herzen, weil das bei WhatsApp scheinbar nicht möglich ist, weil ich dir meine Hände und meine ganze Kraft reichen möchte, weil ich dich unbedingt begleiten möchte auf dem Weg aus deiner Krise. Mir ist bewusst, wie frei und wild du bist, es zumindest sein möchtest. Doch ich sehe – in dem, was, wie, wann du schreibst und auch zwischen den Zeilen, „das Eigentliche ist unsichtbar“ – wie du leidest, und ich leide mit dir. Das schreibe ich nicht einfach so dahin. Es tut mir körperlich weh zu lesen, was du schreibst. Ich kenne diese Art der Verzweiflung und so trifft es mich umso mehr. Ich wünschte, du könntest es mir sagen, während ich dir in die Augen schaue und dich einfach nur halte in den dunkelsten Stunden deiner Verzweiflung. Doch es ist anders aus der Ferne, schwer, ganz schwer. Ich muss aushalten, dass ich dir keinen Halt geben kann, dass dein Herz gefangen ist in lauter Zweifel und Unsicherheit, dass du dich einsam und traurig fühlst, dass ich deinen Geist nicht streicheln kann, dass ich mit dir keine möglichen Auswege besprechen kann. Am schlimmsten jedoch ist es, nicht zu wissen, ob mein Eindruck überhaupt wahr ist.

Auf mich wirkst du wie vergiftet, wenn du in […] bist, ganz besonders in den letzten Wochen, ganz roh und verletzlich, erdrückt von Sorgen um die Zukunft, um dein weiteres Leben, unverstanden, einsam. Das steht ganz im Gegensatz dazu, wie ich dich in Kassel wahrgenommen und erlebt habe: Du warst innen wie außen – auch wenn wir über sehr schwere Themen sprachen – gut drauf, du warst so lustig, so abenteuerlich, so schön und wirkest glücklich auf mich. Diese Gegensätzlichkeit Kassel-[…] beunruhigt mich sehr.

Du hast einmal geschrieben: „Ich finde keinen Ort für mich.“ Und später: „Gleichzeitig besorgt mich der Winter.“ Und neulich: „Ich fühle mich einsam. Und traurig.“ Diese Worte machen mich wiederum so fassungslos traurig, dass ich manchmal einfach weine. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, wie oft ich an dich denke. Wie der Fuchs den Weizen liebgewonnen hat und an den Kleinen Prinzen denken muss, so denke ich an dich jedes Mal, wenn ich das Feuerzeug in der Hand halte, bei jedem Blick auf die Sterne, die wir zusammen angesehen haben, und bei jedem Stückchen Wald, denn du hast mir den Wald geschenkt. Ich habe in den letzten Monaten, um dich besser verstehen zu können – da ich nicht wirklich mit dir telefonieren kann und du eher wenig schreibst – so unendlich viel gelesen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Du hast mir Hesse geschenkt, du hast mir Kafka geschenkt, du hast mir den Kleinen Prinzen und Exupéry geschenkt. Und bald kommt noch Osho dazu.

Verstehst du nun, warum ich dir so oft schreibe? Warum ich mich so sorge? Warum ich verantwortlich für dich bin?

Ich reiche dir meine Hände. Doch zugreifen musst du schon selbst. Bitte Boris, bitte greife zu.

Riskiere es, dich auf jemanden einzulassen. Riskiere es, dich zähmen und verstehen zu lassen. Riskiere es, mit diesem Anderen zur größten Reise aufzubrechen, zu einer Reise nach dir, zu einer Suche nach einem Ort für dich und nach Antworten, die nur in deinem Herzen zu finden sind, wenn du frei bist, dich öffnest, Einblick in deine Seele gewährst und nicht umgeben bist von Gift und Sorgen, sondern von Freundschaft, von Zuneigung, von Liebe. Riskiere es, denn du kannst nichts verlieren in deiner gegenwärtigen Situation, du kannst nur dazu-gewinnen. Ich werde dich unterstützen auf deiner Suche, so gut ich kann, so viel du willst. Mir ist bewusst, vor welch bedeutender Lebensentscheidung du stehst: Neuanfang oder Weiterso? Beides ist schwer, beides erschöpft die Kräfte, beides hat seine Vorteile und seine Nachteile. Doch vertraue mir, Weiterso zermalmt die Seele. In […], so nehme ich dich wahr, bist du verschlossen und nicht frei für die Suche nach deiner Wahrheit. Ich meine den Alltag dort, die Routine, nicht die Festivals mit den Menschen, die du lieb gewonnen hast.

Und wenn die Zeit gekommen und du deine Antworten gefunden hast, wenn du einen Ort, eine Lebensweise für dich gefunden hast – in Kassel oder auch woanders –, dann werden wir erleben, ob uns die Antworten zusammen halten oder uns räumlich voneinander trennen, weil vielleicht Kassel doch kein Ort für dich ist. Doch muss das erst einmal herausgefunden werden, das dauert seine Zeit. Sollte das eintreffen, dann wird die Farbe des Weizens bleiben, wie der Fuchs es sagt, und es wird mir eine große Ehre und Freude gewesen sein, dich auf deiner Suche begleitet zu haben. Ich werde mich freuen und freuen über all die Erinnerungen, Erlebnisse und Erkenntnisse, die mir das Leben geschenkt haben wird. Doch dafür, dafür musst du eine Entscheidung treffen. Raus aus […]. Nach Kassel kommen. Und mir vertrauen.

Der Winter naht und ich fürchte um dich. Am liebsten würde ich nach […] fahren, dich einpacken und kidnappen. Ganz so, wie ich damals „in Sicherheit“ gebracht wurde, obwohl es sich erst einmal nicht so anfühlte. Ganz so, wie mich Marcus bei sich aufgenommen hat, mir beim Einleben und bei meiner Suche geholfen hat. Doch das kann ich nicht tun ohne dein Einverständnis, du musst selbst die Entscheidung treffen; eine freie Entscheidung, die aus deinem Herzen kommt. Man kann Menschen nicht einfach umtopfen wie Pflanzen.

Gestern Abend war Marcus bei mir und wir haben auf unseren achten Jahrestag angestoßen, auf unsere lange, seltene und schöne Freundschaft. Acht Jahre Kassel. Ich hatte anfangs große Angst, nichts und niemanden, nur Marcus, diesen Menschen, der umso wunderbarer und surrealer wurde, je mehr wir einander über die Jahre zähmten. Ich verstehe deine Sorge, in Kassel zu vereinsamen, das glaubte ich anfangs auch. Doch so kam es nicht, und so wird es auch nicht für dich kommen. Du hast mich – und damit auch Marcus und Nadja. Und von ganz allein wirst du weitere Menschen kennenlernen, Räume für dich erschließen. Kassel ist nicht Köln.

Komm‘ nach Kassel, komm‘ zu mir und wir gehen alles Schritt für Schritt gemeinsam. Wo du wohnen und leben, wo du arbeiten, wo dich verwirklichen kannst, all das werden wir herausfinden. Wenn du willst.

Ich forme auch hier in diesem Brief noch einmal deine eigenen Worte für dich um:

Du hast unglaubliches Glück, Boris.

Du kommst mit nichts nach Kassel und hast Leute gefunden, die dich aufnehmen.

In ihre Familien und in ihre Herzen.

Mit diesen Worten möchte ich diesen nun wirklich viel zu langen Brief beenden und freue mich auf eine Antwort von dir, egal auf welchem Wege. Die größte Freude für mich wäre allerdings eine Entscheidung, ein erster Schritt deinerseits, ein Plan, wie es weitergeht für dich.

Es grüßt dich hoffnungsvoll

Dein [A.]

P.S.:

Ich habe keine Ahnung, ob dich dieser Brief jemals erreichen wird. Auch weiß ich nicht, was du für mich eigentlich empfindest, ob ich dich überfordere und ob ich dir auf die Nerven gehe. Bitte gib mir ein Zeichen, damit ich Klarheit habe. Die Unbestimmtheit verzehrt mich.

(2) Kino im Nirgendwo.

18. September 2019

In der letzten Woche erreichten mich kryptische und mysteriöse SMS-Nachrichten. Allein dass es sich um SMS handelte war schon seltsam, doch der Inhalt dieser Nachrichten war noch um Welten aufregender.

Sonntag, 28. Juli 2019, 22:01 Uhr

Ihr Freund*innen der Nacht und der vergessenen Orte;

wo sich die Natur die Gleise zurückholt, die Balken morsch sind und sich die Vergangenheit unter einer dicken Staubschicht versteckt dient uns der bröckelnde Putz am Abend des 04.08. als Leinwand für die erste Ausgabe […]: Kino im Nirgendwo!!

Also kramt die Stirnlampen raus, pumpt die Reifen auf und save the date!

Weitere Infos folgen in Kürze…

Vorfreudig, Eure Kru von […]

Freitag, 2. August 2019, 20:44 Uhr

Bevor ihr euch allzu übermotiviert ins Wochenende stürzt, bedenket, dass das Highlight erst am Sonntagabend auf dem Programm steht! Damit ihr eure Planung entsprechend darauf ausrichten könnt, kommen hier die versprochenen Infos.

Treffpunkt: [GPS-Koordinate]

Dort werden wir Euch erwarten und Gruppenweise zum Ort des Spektakels führen. Bitte seid zwischen 20:15 (Zeit zum stöbern) und allerspätestens 20:45 (latecomers) da!

Zu eurem Survival-Package des Abends sollte gehören:

– Festes Schuhwerk

– Taschenlampe/Stirnlampe

– Getränke/Snacks

– Decke und/oder Sitzkissen

– Sehhilfe vom Optiker eures Vertrauens

– Tarnumhang

Aus logistischen Gründen werden wir nur das Grundnahrungsmittel eines jeden gepflegten Kinobesuchs stellen können: ja genau, Popcorn! Falls es euch nach mehr gelüstet, gibt es für Spätentschlossene ganz in der Nähe auch eine gut sortierte Tankstelle.

Bitte habt aber auf dem Schirm, dass wir uns mit diesem inoffiziellen Kulturprogramm potentiell für eine Bekanntschaft mit Wachmeister Waldemar qualifizieren. Shoppt deswegen am besten schon morgen, übt Euch in diskreter Anreise und schaut, dass ihr Euch einigermaßen geschwind durch den Tunnel zum Treffpunkt begebt.

Sobald der Saal gefüllt ist, freuen wir uns auf ein locker leichtes Sommerkino mit Euch!

Gespannt wie Flitzebögen, Eure Kru von […]

Es war Freitagabend, als ich Boris die Nachrichten weiterleitete.

Ich kenne weder die Nummer, noch gibt es irgendwas bei Google zu „[…]“. Da ist ja eine Koordinate angegeben, die hab ich gegoogelt. Ist in Kassel. Also müssen es irgendwelche Freunde oder Bekannte sein. Mich reizt es, dahin zu gehen am Abend. Alleine würde ich das irgendwie nicht machen. Hast du vielleicht auch Lust zu? Wir könnten tagsüber den „Ort“ erkunden und abends da mal vorbeischauen, was denn das ist mit den mysteriösen SMS. — Ja, geil. So beginnen Horrorfilme. Bin dabei.

So war es nun ausgemacht, dass wir an dem Sonntag zwei Orte zu erschließen hatten. Einen, den ich kannte, aber Boris nicht, und einen, den keiner von uns beiden kannte.

So saßen wir im Bus, fort vom Habichtswald, und fuhren zur genannten GPS-Koordinate. Wir waren aufgeregt, was uns wohl erwarten würde. Ich war sogar ein wenig besorgt, ob es nicht vielleicht eine Falle sein könnte; eine Falle für Menschen wie mich, zwei meiner Freunde hatten auch die SMS erhalten und niemand wusste irgendwas. Mit meinem zerstörten Fuß würde ich nicht schnell genug weglaufen können, sollte es eine Falle sein. Einerseits belustige mich dieser Gedanke, dann sei es eben so, dann wirst du eben ein Opfer sein. Andererseits war da dieses seltsame Gefühl, in etwas vollkommen Unbekanntes, Aufregendes hinzugeraten. Was sollte schon geschehen? Was es sein würde, ob es gut und ein Abenteuer für uns sein würde, das sollte sich noch früh genug herausstellen.

Wir verließen den Bus an einer Haltestelle, die der GPS-Koordinate nahe war. Und wie es in der einen SMS geschrieben stand, fanden wir dort eine gut sortierte Tankstelle vor, bei der wir uns mit Saft, Knabberein, Brezeln und einer Bockwurst mit Brötchen eindeckten. Wir ließen unsere Wasserflaschen füllen und teilten uns Würstchen und Brötchen. Großen Hunger hatte keiner von uns, doch wäre es dumm gewesen, sich in ein Abenteuer mit Nichts im Magen zu stürzen. So saßen wir in der Tankstelle an einem Tisch und aßen. Dabei fiel mir ein junger Mann auf, groß, dunkelhaarig, mit besonders blauen Augen, komplett schwarz gekleidet, er wirkte in seinem Wesen sehr freundlich. Ich merkte mir sein Gesicht, ohne zu ahnen, dass es irgendwas mit dem Abenteuer zu tun haben würde. Nach unserer Mahlzeit gingen wir gemächlich in die Nähe der Koordinate. Da wir entgegen unseres Planes nicht vorher zu mir nach Hause gefahren sind, waren wir eine Stunde zu früh da. Wir setzten uns unter einen Baum in die Nähe des besagten Tunnels und beobachteten Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer. Zwei Frauen unseres Alters wirkten auffällig auf uns, da sie ein suchendes Fahrbild mit ihren Rädern hatten und vor dem Tunnel mehrmals in verschiedene Richtungen radelten. Offensichtlich machten sie sich ein Bild von der Umgebung, die beiden mussten also irgendwie dazugehören; als sie in den Tunnel fuhren, fanden wir unsere Annahme bestätigt. Ich konnte nicht mehr sitzen, denn Rast schmerzte meinen Fuß mehr als das Gehen, so begaben wir uns in das Abenteuer. Wir gingen wie selbstverständlich in den Tunnel hinein und versuchten äußerst leise zu sein. Nach 200 Metern befanden wir uns auf einem Gelände, welches es zu betreten verboten war; so stand es zumindest auf einem Schild am Tunneleingang. Doch gab es weder ein Tor, noch irgendwelche Wächter. Da mein GPS nicht zu hundert Prozent korrekt war, sahen wir uns ein wenig um. Da kamen uns die beiden Fahrradfahrerinnen wieder entgegen, fuhren an uns vorbei. Wir tauschten suchende Blicke aus, und als wir uns umdrehten, sahen wir, dass die beiden auch angehalten hatten. Wir sprachen die beiden an, ob sie auch nur rein zufällig genau hier seien. Die Antwort war ja. Auch die beiden hatten die SMS bekommen und wollten sich vor der Zeit ein bisschen umsehen. Wir schlossen uns zusammen und sahen uns gemeinsam um. Schon erreichten wir die ersten verlassen wirkenden Gebäude, teilweise eingestürzt, teilweise von außen verschlossen. Wir rätselten zu viert, was das denn sein könnte, das, was hier wirklich stattfinden sollte. Es ergaben sich auch keine Verbindungen zueinander, außer, dass wir scheinbar ähnliche politische Interessen hatten, was die Sache wieder verdächtig machte. Um uns die Zeit zu vertreiben, gingen wir in eines der Gebäude hinein, dessen Tür wir nach einer Zeit aufbekamen. Dem Zustand nach zu urteilen war dort seit Jahrzehnten niemand mehr drin gewesen. Alles war von Staub und Schmutz bedeckt, überall lagen lose Kabel, alte Dokumente, technische Geräte und Müll. Wir gingen zusammen durch das Gebäude, Raum für Raum, und waren erstaunt darüber, was wir alles vorfanden. In einigen Bereichen war das Gebäude schon zusammengestürzt, Pflanzen und sogar kleine Bäume hatten sich den Raum zurückerobert. Wir fanden Zeitungen in einem Aufenthaltsraum, vom Anfang der 90er Jahre. Was war nur passiert, dass dieser Ort scheinbar so schlagartig verlassen werden musste? Nach einer Weile gingen wir wieder aus dem Gebäude heraus, und zu meiner Überraschung saßen vor dem Gebäude vier weitere Menschen, darunter Christoph, den wir am Abend zuvor noch auf dem Jahrmarkt getroffen hatten. Hallo Christoph, sagte ich. Hallo sowieso, sagte Christoph. So hatten wir nun doch Gelegenheit gefunden, unsere Namen einzuprägen. Welch ein schöner Zufall! Die vier hatten sich dort niedergesetzt, weil sie dort die geparkten Fahrräder gesehen hatten. Wir tauschten uns aus, ob irgendwer irgendwas weiß. Eine Person sagte ja, jedoch kein weiteres Wort. Meine Besorgnis wich dem Vertrauen, und als ich aus der Ferne einen Bekannten dazustoßen sah, wurde ich immer verwunderter. Was für Ort, was für ein Abenteuer! Was für ein Mensch hatte uns hier zusammengebracht, was waren wir für offene und abenteuerlustige Menschen, dass wir doch tatsächlich hierher gekommen waren. Einige Leute sahen sich ebenfalls im Gebäude um, nach und nach festigte sich der Entschluss, gemeinsam weiterzuziehen, die exakte Koordinate aufzusuchen. Dort fanden wir weitere Menschen, darunter der Mann mit den blauen Augen aus der Tankstelle. Er begrüßte uns und sah mich länger an, und ich sagte, dass er mir in der Tankstelle schon aufgefallen war. Er sagte Ähnliches über mich und Boris, wir lachten. Er zeigte uns den weiteren Weg, den wir gehen sollten, während sie hier auf weitere Menschen warteten. Boris und ich gingen noch um die Ecke, um uns weitere Gebäude anzusehen. Durch ein offenes Fenster stieg er in eines ein, für mich mit meinem Fuß war es nicht möglich. Ich wartete davor auf ihn und rief ihn nach einer Viertelstunde an, da ich bemerkte, dass die anderen sich auf den Weg machten. Boris berichtete, dass es sich um ein riesiges Verwaltungsgebäude handelte, mit Hunderten Zimmern und etlichen Etagen. Wenig war darin eingestürzt, dennoch glich der verlassene Zustand dem ersten Gebäude. Er war verwundert darüber, wie solche Gebäude einfach leer stehen konnten, mit all den Sachen und Möbeln darin, wo doch Wohnraum allgemein knapp ist und es Menschen gibt, die auf der Flucht sind und eine Herberge benötigen. Wir folgten den anderen, immer tiefer hinein in ein Labyrinth aus Wegen, Gleisen und Gebäuden. Es war erstaunlich, wie sich die Natur hier verbreitet hatte. Nicht mehr ganz so junge Bäume wuchsen an Ort und Stelle, wo normalerweise nichts wachsen würde: Auf ehemaligen Parkplätzchen, auf Gleisen und Hütten. Schließlich erreichten wir ein großes, mehrstöckiges Gebäude, dessen Fenster teilweise zerschlagen, teilweise mit Gittern verhangen waren. Dort sah ich dann einen weiteren Freund und fragte ihn, ob er irgendwas weiß. Mit einem breiten Grinsen sagte er, er habe die Nachrichten geschrieben. Dieser Fuchs! Ich dankte ihm für all die Aufregung, die wir im Voraus hatten, und dass dieser Ort ja ein Schatz sei, wie viel es hier doch zu entdecken gab. Er schickte uns für eine weitere Erkundungstour durch das Gebäude, in dem alles stattfinden sollte. Tatsächlich ein Filmabend.

Boris und ich, wir sahen uns Stockwerk für Stockwerk um, fanden Lagerräume, Schulungsräume, Büroräume und noch viele weitere Menschen vor. Manche Räume waren sogar noch möbliert, in manchen standen alte IBM-Computer herum. Überall lagen Akten und Unterlagen und Baupläne auf dem Boden verstreut.

Wir gingen nochmal raus und setzten uns zu den anderen Leuten auf den Boden, quatschten mit den neuen Bekanntschaft über Dies und Das, über alles Mögliche. Sodann wurde laut die Einladung ausgesprochen, hineinzukommen, es ginge bald los. Ich holte mit Boris noch zwei Freunde am Tunneleingang ab, damit sie sich nicht verlaufen, es war schon recht düster geworden.

Im „Kinosaal“ lief bereits die Werbung; der Beamer wurde über ein Aggregat mit Strom versorgt, Sound kam aus einer Bluetoothbox. Um die 30 Leute hatten es sich auf dem gefegten Boden, auf Decken mit Knabberzeug und Getränken gemütlich gemacht. Nach der Werbung wurde der Film mit einer kurzen Ansprache präsentiert: „Stand by me“, passend zum Ort. Im Film waren oft Züge zu sehen, und als ob es geplant gewesen wäre, hörten wir zu den Szenen immer Züge vorbeifahren, echt Züge, draußen. So gab es viele absurde Momente, in denen sich Filmrealität- und reale Realität mischten, in denen alle lachen mussten. Die Stimmung war sehr schön, geruhsam und dem Ort gegenüber respektvoll.

Mit Ende des Filmes löste sich die Menschenmenge auf. Es wurde noch aufgeräumt und gequatscht, und trotz Aufbruchstimmung verband uns alle ein Gefühl der Solidarität: Gemeinsame Abenteuer schweißen zusammen. Ein Freund nahm mich und Boris in seinem Auto mit, das lange Ruhen hatte sich nicht gut auf meinen Fuß ausgewirkt.

Zu Hause verband Boris meinen Fuß, das Gehen war danach stabilisiert und recht gut möglich. Während ich einen plötzlichen Schmerzstress mit Schmerztropfen zu überwinden versuchte, bereitete uns Boris ein paar Brote zu. Wir saßen noch lange auf meinem Balkon, wir aßen dabei und sprachen über unsere Familien, über Väter und Mütter, über die Bedeutung von Zufällen, über Menschen im Besonderen, die das Leben zum Guten hin beeinflussen.

Was war dies nur für ein surrealer Tag gewesen?, fragten wir uns. Supercool und wunderschön, bisschen creepy und sicher auch illegal. Wir waren geflasht von unseren Erlebnissen und den schönen, eigentümlichen Orten, von den tollen Menschen und wahrlich verrückten Zufällen.

Es war spät in der Nacht, als wir erschöpft und sehr zufrieden Haut an Haut einschliefen.

Die Welt steht Kopf.

29. August 2019

Ich war abends mit Thomas auf dem Dach der Grimmwelt, da kann man sehr gemütlich sitzen und auf die Stadt schauen. Wir laberten und laberten, irgendwann hatten wir Hunger und gingen paar Minuten zu einem Imbiss, bestellten was und haben uns raus auf die Straße gesetzt, weil es drinnen so heiß war.

Da kam so ein Typ gelaufen, oben ohne, er trug so eine weite Hose aus Patchwork, die ihm bis an die Waden reichten, weiß nicht genau wie die heißen. Er hatte so Barfußschuhe aus Leder. Seine dunkelblonden Haare waren etwas länger, sie waren teilweise zum Zopf gebunden. Er sah sehr freundlich und zufrieden aus. So mein Alter würde ich sagen.

Als er gerade in den Laden wollte, um zu bestellen, sagte ich: „Coole Schuhe. Sind das Barfußschuhe?“ Er so: „Ja, aber die sind doof. Gehen schnell kaputt.“ Er zeigte mir die Sohle, die schon aufgescheuert war, wo seine Haut zu sehen war. Thomas‘ und meine Bestellung war fertig, ich ging mit dem Mann in den Laden. Ich ließ ihn vor und er bestellte eine Pommes und quatschte kurz mit dem Verkäufer, fragte ihn wie es ihm geht. Der Verkäufer war ganz verblüfft. Nachdem ich bezahlt hatte, sah ich, dass der Typ auf der Straße Handstand und dabei so Yogazeug mit den Beinen machte. Er meinte dann zu mir, dass er es mit einer Hand noch nicht hinbekomme. „Wenn ich doch nur keine Angst hätte, hinzufallen, dann könnte ich es.“

Ich fragte ihn, ob er aus Kassel ist. Er sagte nein, er sei gerade hier, um Menschen zu helfen, heute sei er mit einer Freundin unterwegs gewesen. Da fragte ich, was er so macht im Leben. Er sagte, er lebe seit knapp drei Jahren nirgends, sei mal hier, mal da. Ich fragte, ob er bei der Freundin untergebracht sei. Nein, er lebe in seinem Auto. Es sei auch keine richtige Freundin, nur eine Bekannte.

Dann hab ich ihm von einem Freund erzählt. Dass dieser gerade nicht weiß, wohin mit sich, von dessen aktuellem Wohnort in einer Gemeinschaft, in der er sich nicht richtig wohl fühlt, dass er sich hier eine Kommune angeschaut hatte, von dessen Sehnsucht, völlig frei zu sein, autonom zu leben nur mit Sachen, die er auf seinen Schultern tragen kann.

Ich fragte den Mann vor mir, wie er entschieden hat, so zu leben. Was sein Rat an den Freund wäre. Er sagte, während Thomas und ich aßen, dass er eines Tages aufgewacht sei und nicht mehr leben wollte wie vorher. „Ich sehe die Menschen heute und wie sie immer unglücklich sind, das aber gar nicht merken. Schau‘ dich doch mal um, das alles war früher einmal eine Utopie und heute ist es Wirklichkeit. Wir leben in einer Utopie! Aber es stimmt etwas mit dieser Welt nicht.“ Dass er die Produktions- und Lebensweise hier seltsam finde. Dass es ein langer Weg für ihn war und immer noch sei. Dass er Phasen habe, da konsumiere er ganz viel, sei sesshaft, dann habe er wieder Phasen, da sei er Asket. Das sei so ein Hin und Her, das habe er einfach akzeptiert und seitdem sei er ganz froh. Es sei aber nicht einfach, und glücklich sei er auch nicht immer, doch kenne er die Gründe. Er genieße einfach die Schönheit, vor allem die Natur, er finde überall was Schönes. Dass er überall zu Hause sei, weil er zu sich selbst gefunden habe.

Ich solle den Freund von ihm grüßen. „Sag‘ ihm, dass wenn er in sich selbst ein Zuhause gefunden hat, dann kann er überall zu Hause sein. Dafür muss er nicht im Wald leben. Wo er wohnt ist egal. Ich hab für mich gelernt, dass ich nicht ganz alleine sein kann. Also helfe ich einfach, wo ich kann. So hab ich viele Menschen kennengelernt. Was ich brauche, generiere ich mir einfach. Ich wünsche mir etwas, und paar Tage später habe ich es.“

Dann war seine Pommes abholbereit und er hat uns guten Appetit gewünscht. Mit der Tüte in der Hand hat er Rad geschlagen und ist so über die Straße geradelt. Eine stark befahrene Hauptstraße. Und wie so ein Heiliger ist ihm nichts passiert und er war fort.

Ich wollte ihn eigentlich fragen, ob er für die Nacht eine Unterkunft braucht. Ich hab, glaub‘ ich, noch nie so einen Menschen getroffen. Er hat wirklich wie ein Heiliger auf mich gewirkt. Ich hätte noch so gerne mehr mit ihm gesprochen.

Nach ein paar Minuten ist dann Thomas zu seiner Tram und meine sollte später kommen. Ich hab in der Zeit das Auto des Mannes gesucht, es musste ja irgendwo geparkt sein, und in der Innenstadt gibt es nicht so viele Orte, wo das geht. Bin so um ein paar Blocks gelaufen. Ich hab ihn leider nicht gefunden.

Ich hab ihn nichtmal nach seinem Namen gefragt, ich war so fasziniert von ihm, von dem zufälligen Gespräch, von seiner Mimik. Wie kann ein Mensch nur so aussehen? Einfach heilig.

(1) Das Spiel geht weiter.

7. August 2019

Sonntag war ein sehr surrealer und wunderschöner Tag, gespickt mit allerlei Mysterien und seltsamen und wahrlich verrückten Zufällen. Ich glaube, dass das Leben mir mit Absicht solche Tage beschert, weil ich mich auf die Welt und auf ihre Verrücktheit einlasse und zuweilen keine Erwartungen an irgendwas stelle. Allein das überrascht mich je und je, doch war dieser Sonntag von besonders strahlender Surrealität. Ich fange mal an zu erzählen.

Am Abend zuvor, am Samstag, waren Boris und ich auf dem Kasseler Zissel, einem Jahrmarkt entlang der Fulda. Wir badeten im lichten Farbenmeer, blieben hier und da staunend stehen und beobachteten belustigt das Treiben der Menschen. Ich kam auf die Idee, dass wir unweit vom Jahrmarkt Nadja an ihrem Arbeitsplatz besuchen könnten, wenn sie zufällig da ist. Boris wollte nämlich einige meiner Freunde kennenlernen, von denen ich ihm wieder und wieder erzählt hatte. Und so lernte er Nadja kennen, und zwar genau dort, wo Marcus, nun ihr Mann, ich der Trauzeuge, sie kennenlernte vor Jahren, als ich mit ihm dort auf einem Konzert war. Spät nach Mitternacht und durch einige Erfrischungen aufgeheitert begleiteten wir Nadja zu ihrem Auto, sprachen noch eine Weile, hörten Nadja zu, wie es sonst hier ist, nachts alleine zum Auto zu laufen und von betrunkenen Männer belästigt zu werden, gerade jetzt während des Zissels; sie war sehr froh, dass wir plötzlich aufgetaucht waren. Wir versprachen, am nächsten Tag zur Mittagszeit vorbeizuschauen, verabschiedeten sie in den wohlverdienten Feierabend und schlenderten weiter über den Zissel, aßen ausgesprochen leckere und für den Moment perfekte Fischbrötchen, hörten irritiert und belustigt einem rundlichen, schwer genervten Trinkflaschenverkäufer zu, wie er mich laut per Lautsprecher beleidigte, weil er – warum auch immer – annahm, ich hätte an seinen Wagen gepinkelt. Schließlich trafen wir auf Christoph, den ich flüchtig von einem Uniseminar kenne, dessen Namen ich immer wieder vergesse und den ich sehr oft irgendwo zu sehen bekomme. Die Gespräche laufen dann in etwa so ab: „Hey du! Na? Ich hab wieder deinen Namen vergessen. Wie war er nochmal?“ – „Boah, verflixt, ich hab deinen auch vergessen. Also ich bin Christoph, und du?“ – „Ich bin sowieso.“ – „Mensch, wie oft müssen wir uns noch treffen, damit wir endlich die Namen können. Ist doch echt verrückt!“ Und so war es auch dieses Mal wieder. Wir quatschten ein wenig, Boris bewunderte seine Haare und bald trennten sich unsere Wege. Auf dem Heimweg saß ich mit Boris auf einer Parkbank im Dunkel des Aueparks und wir sprachen mit weitem Blick über die Welt und wie schwierig es zuweilen ist, hineinzupassen und zuzusehen, wie diese vom Menschen zerstört wird, die Grundlage allen Lebens, die Natur, wie es ist, ewig auf der Suche nach einem Ort für das eigene Selbst zu sein. Unsere warmen Hände streichelten sich und später das Haar und das mittlerweile in der Nacht erkaltete Gesicht des Anderen. Durch den Park gingen wir nach Hause, über eine Brücke, vorüber am Spielplatz, an dem wir vor zwei Monaten die Sterne beobachteten und einen Waschbären fütterten, der gierig und süß und freudig aus unseren Händen fraß, vorbei an der Wohnung eines Freundes, in der kein Licht brannte, und vorbei am Balkon eines anderen Freundes, der zufällig in diesem Moment eine Spinne aus der Wohnung brachte. Wie unwahrscheinlich war es, ihn so spät in der Nacht anzutreffen? Es war schon vier Uhr morgens, als Boris und ich Haut auf Haut einschliefen.

Am frühen Nachmittag, es war ein schöner, sonnig-wolkiger Tag, haben wir uns auf den Weg zu Marcus und Nadja gemacht. Unterwegs trafen wir die beiden und ihre zwei kleinen Kinder. Sie waren gerade dabei zum Jahrmarkt zu laufen, wir schlossen uns an. Sonntag nun schlenderten wir alle zusammen, begleitet von Sonnenschein, durch die Stadt und über den vollen Jahrmarkt mit seinen tausend Gerüchen und Angeboten, unser Ziel war ein Kinderkonzert. Neben den Kindern freute sich besonders Boris darüber, seine granitfarbenen Augen groß und die Lachfalten sichtbar, wohl aus beruflichem wie auch aus seinem Kindskopfinteresse heraus. Nach gute Laune machender Musik und einer köstlichen Schokobanane, nach kühlender Erdbeerbowle und Riesenradfahren mit den Kindern machten Boris und ich uns auf den Weg zu einem besonderen Ort.

Ich hatte ihm vor ein paar Wochen geschrieben, dass ich einen Ort entdeckt habe, den ich ihm unbedingt zeigen muss. So war nun endlich der Tag gekommen. Über den Ort hab ich ihm genau nix erzählt, ich wollte ihn nicht beeinflussen in seiner Wahrnehmung, Interpretation und es sollte ja auch spannend sein. Wir fuhren mit dem Bus durch die ganze Stadt, bis an ihr Ende, zum Fuße des Habichtswaldes am Rande des Bergparks. Mit uns im Vierer fuhr ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, zuckersüß und Freude strahlend, das uns fragte, ob wir denn schon neun Jahre alt alt sind, schon zur Schule gehen, das Boris‘ Armkette sehr hübsch, doch für ihr kleines Handgelenk zu groß fand, das meinen Rucksack gegen ihre kleine Handtasche tauschen wollte, die innen drin mit rotem und sehr frischem Kaugummi verklebt war – ein schlechter Deal für mich! Zwischendrin gab die offensichtlich geisteskranke Mitfahrerin neben uns seltsame Sachen von sich, ohne jeglichen Kontext, sprach lauthals mit nicht anwesenden Personen und schrie diese an und sagte irgendwann zu uns zwei Erwachsenen „Mit Fremden spielt man nicht!“ und zum schwarzen Mädchen: „Wage es nicht! Du bist winzig und ich bin groß, viel stärker als du!“ Zum Schluss ihres Satzes fletschte sie ihre Zähne und imitierte ein gruseliges Tiergeräusch, chchchchch! Das Mädchen lachte nur darüber. Wir waren froh als die Frau endlich ausgestiegen war, noch bevor sie das Mädchen irgendwo hinschubsen konnte. Wir hätten nicht zugelassen, dass sie dem kleinen Mädchen irgendein Haar krümmt. Noch vor unserer Zielhaltestelle stieg auch das Mädchen mit ihrer Mutter aus. „Tschühüüüß!“

Von der Endhaltestelle aus gingen wir in den Wald. Ich fragte Boris, ob er irgendeine Ahnung hat, was ihn erwartet. Er sagte, er habe sich keine Gedanken gemacht, wollte sich überraschen lassen. Er rätselte ein wenig und kam natürlich nicht drauf – mir selbst ging es vor ein paar Wochen auch so. Ich schwieg weiter über den Ort. Mitten im Wald, der uns saftig-grün und voller alter Buchen umgab, stand ein bewohntes Häuschen, ein sehr schönes, mit einem gigantischen Garten, in das sich Boris instant verliebte. „Da will ich wohnen! Oder irgendwo hier im Wald und dann einen Waldkindergarten, genau hier, das wäre mein Traum!“ Kurz nach dem Häuschen erreichten wir den Ort. Der Weg führte uns immer tiefer in das mystische und wunderschöne Geheimnis dieses Waldes, dunkelgrünes Moos bewuchs Baumwurzeln und Hügel, die den Weg einschlossen und den Eindruck eines Tunnels vermittelten. Nun standen wir selbst auf einem Hügel und blickten auf den Blauen See hinab, der ringsum von Bäumen umgeben ist. Boris kletterte direkt den nächsten Abhang hinunter, ich hinterher. Er war begeistert von der Schönheit des Sees und allen Bäumen, Sträuchern, Felsen, Steinen, Wurzeln, fand sogleich eine mit Steinen errichtete Feuerstelle und sagte, dies sei der perfekte Ort für Erfahrungen der erweiternden Art. Wir saßen am Seeufer auf einem Baumstamm und nahmen alles in uns auf, und kletterten einen anderen Hügel wieder hoch, entlang an Wurzeln, die uns als Treppe und als Halt, wie ausgestreckte Hände dienten. Dort oben wuchsen Gräser, Sträucher, Blumen, Dornengestrüpp und wunderschöner, reifer Atropa Belladonna. Während mein Blick über die Schönheit der Natur kreiste, stolperte ich und knickte heftig mit dem Fuß um. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, damit der unerträgliche Schmerz seinen Raum erhalten und ich das weitere Vorgehen abschätzen konnte, atmen und leiden, um geschärften Verstandes eine Diagnose zu stellen und eine Entscheidung zu treffen: Bruch, Bänderriss, Amputation, Belladonna oder einfach weiter? Denn die bisherige Natur war Teil des Ortes, jedoch nicht ausschließlich der Grund für unseren Besuch. Mir liefen vor Schmerzen die Tränen in den Augen zusammen, der Fuß schwoll mächtig an, einen Bluterguss konnte ich nicht erkennen, er ließ sich auch durchbewegen und humpeln war möglich, also kein Bruch, irgendwas mit den Bändern; so ging es nach kurzer Rast weiter. Zu erklettern gab es eine Menge, wir nahmen den einfachsten Weg zurück zum Waldpfad. Meine Schmerzen schlummerten alsbald mit der Wirkung des Betäubungsmittels.

Schließlich erreichten wir die Nekropole, genau genommen das erste Grab von vielen, die im ganzen Wald verteilt sind, von denen es einmal 40 Stück geben soll. Dieser ganze Ort verbindet das ewige Leben, die Natur, den Tod des Menschen und seine Kunst auf einer wunderschöne und mystische Weise. Künstler gestalten hier ihre Grabstätte, wie sie wollen, am Ende werden sie dort beigesetzt, die Gräber werden nicht gepflegt, sondern der Natur überlassen. Am ersten Grab, das als solches nicht zu erkennen ist, rätselte Boris sehr lange. Unter einer quadratisch eingefassten Glasplatte sind Fußabdrücke zu sehen, dreidimensional aus Stahl, die Versen wie ein Trichter in das Erdreich führend. Er kam des Rätsels Lösung nahe, doch wollte ich ihn nicht weiter matern, ich löste auf: Der Betrachter sieht den lebensgroßen Abguss des Künstlers, jedoch von unten, auf dem Kopf quasi. Der Abguss ist innen hohl und dient als Urne. Eine Inschrift oder wer hier liegt ist nicht vorhanden. Ich klärte Boris über diesen ganzen Ort auf, aus seinem Gesicht las ich Faszination und unbändige Entdeckerfreude.

Weiter ging es zu einer Art Tempelanlage, quadratisch, außen vier Tore aus Holz, daran jeweils eine aus Holz gefertigte Plastik, ähnlich einem Menschenkopf, die Augen verbunden durch Stahlbänder, die die Plastik an das Holz heften. In der Mitte der Arena ein quadratisches Amphitheater mit wenigen Stufen, darin mittig ein Steinblock mit den Namen der Beigesetzten und rund herum mit je einem Wort zu jeder Seite der Satz: „Das Spiel geht weiter.“ Für mich ist dies das wundersamste Grab, gleichzeitig ein schöner Ort zum Verweilen. Das Leben als Spiel zu betrachten, das weitergeht, egal was in der Arena passiert, egal wer gewinnt oder verliert, diesen Gedanken finde ich genial. Doch würden noch weitere solche Gräber folgen. Bei meinem letzten Besuch hatte ich zwischen das Holz eines Torbogens eine mysteriöse Nachricht hinterlassen, auf der Rückseite eines Kassenzettels (Vitamin B12 aus der Apotheke), der Zettel war noch immer da und wurde scheinbar mehrmals entfaltet und wieder hineingesteckt. Wir lasen meine verrückte Nachricht an die Welt. Als nächstes kamen wir an einer gigantischen, aus Granit gefertigten, runden Vogeltränke vorbei, der Durchmesser breiter noch als die Spanne meiner Arme, in der ein goldener Hase eingefasst ist. Der Hase dient als Urne, zu sehen ist er aber nicht. Die Granitschale füllt sich von selbst durch den fallenden Regen, dafür muss es selbstverständlich auch regnen. Wir und auch die Tiere des Waldes hatten Glück, dass der Samstag ziemlich verregnet war. In der Granitschale waren seit meinem letzten Besuch rot, blau und gelb schimmernde Sterne, Monde und Sonnen verstreut worden, ähnlich Glitzerkonfetti. Es sah ganz hübsch aus und wurde behutsam und wenig gestreut, so dass nicht unbedingt von Umweltverschmutzung die Rede sein konnte, wobei diese Sonnen, Monde und Sterne womöglich niemals verrotten werden.

An einem weiteren Grab machten wir Rast, denn davor stand eine Bank, ich trank Wasser und fragte Boris, ob ihn dieses Kunstwerk berührt. Er sagte nein, er fühle sich beobachtet. So ging es mir auch angesichts eines riesigen Holzauges, das die Besucher auf der Bank anblickt und sonst nichts. Das Auge des Waldes? Ein Auge aus dem Jenseits? Für mich strahlt dieses Grab keine mystische Energie aus, muss es ja auch nicht – auch allein das Sich-Beobachtet-Fühlen war ja schon ausreichend. Ich bemerkte, dass Rast meinem Fuß nicht besonders gut tut, was für den Moment doof, für die Gesundheit des Fußes allerdings ein gutes Zeichen war. Also folgten wir dem Waldpfad weiter zu den letzten zwei Grabstätten, die es heute noch zu sehen gab.

Der Waldpfad zweigt irgendwann ab zu einer Lichtung, auf der sich zwei Grabstätten befinden. Die erste setzt sich zusammen aus 97 Marmorblöcken in scheinbar zufälliger, Dominostein-artiger Anordnung, ein jeder Block groß und quadratisch auf dem Gras ruhend. Es gibt Blöcke aus weißem Marmor und es gibt Blöcke aus schwarzem Marmor. Auf den schwarzen Steinen ist immer ein Buchstabe eingraviert und golden ausgemalt, vielleicht sogar Blattgold. Nach jedem Stein mit einem Buchstaben wechselt die Richtung des Verlaufs, es lässt sich der Satz „La vita corre come rivo fluente“ lesen, was soviel bedeutet wie: Das Leben verrinnt als fließender Strom. Dieses Kunstwerk beeindruckt mich auf Ebene der Kunst am meisten, ist es doch eine Verbindung von Mathematik und Natur, von Ewigkeit und Endlichkeit, Tod und Mensch. Nach jedem Buchstaben wechselt die Verlaufsrichtung, jeder schwarze Stein stellt eine Primzahl dar, die zufällig in der Mathematik auftaucht und keinem bisher bekannten Prinzip folgt. So ist es ja auch im Leben: Es passieren Dinge, scheinbar zufällige Ereignisse, und das Leben verändert sich, ändert seine Ausrichtung und folgt dem ewigen Mäandern, sucht sich je und je einen Weg durch die Welt, wie das Wasser, das zum Meere hin fließt, in das große unendliche Blau.

Weiter hinten auf der Waldlichtung stehen acht riesige Stahlplatten, rostrot, vier Stück bilden den äußeren und vier Stück den inneren Kreis. Die Platten stehen versetzt zueinander, sodass man in das Kunstwerk hineingehen kann. Auf jeder Platte ist eine andere feingliedrige und miteinander verschwungene Form hineingeschnitten, sodass man durch die feinen Linien hindurchschauen, das Grün der Lichtung oder weiter fern stehende Bäume oder gar das Sonnenlicht hindurch scheinen sehen kann. Sind es Gesichter, Fratzen, sind es Blumen, Bäume oder irgendwelche Symbole, all das ist nicht klar zu erkennen. Es bleibt dem Betrachter überlassen, was er dort sieht. Auch dies, so sagte Boris, sei ein Ort für Erfahrungen.

Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle erfragten wir Hilfe an dem Häuschen im Wald, sodann wurden mir Schmerztabletten gebracht. Der Weg zurück dauerte natürlich seine Zeit, wenn der eine humpelt und der andere Pflanzen mit einer App identifiziert. Auf den letzten 500 Metern kamen uns ein Mann und eine Frau entgegen, so unser Alter etwa, beide sehr zueinander passend und sehr freundlich wirkend. Sie fragten uns, ob dies der Weg zum Blauen See sei. Ja, das ist er. Nach einigen gewechselten Sätzen stellte Boris fest, dass er die beiden kannte, von gestern vom Frühstück im Café Hahn, dass sie neben ihm saßen. Welch ein Zufall! Die beiden erzählten, dass sie oberhalb der Nekropole in einem der Häuschen wohnten, die man mieten kann. Boris strahlte, sein Traum schien sich bald zu erfüllen. Wir wünschten beiden Besuchern noch alles Gute und gingen zur Bushaltestelle, denn ein weiterer Ort, der mir selbst unbekannt und dessen Existenz mich auf höchst eigenartige, kryptische und mysteriöse Weise die Woche über erreicht hatte, wartete auf uns.

Schillernde Sterne. (27/42)

18. Juli 2018

Mein Leben lang ist es mir schwer gefallen, gleichaltrige Freunde zu finden. Womöglich liegt es daran, dass ich Interessen habe, die in meiner Generation offensichtlich nicht besonders verbreitet sind, oder an meinem Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit, dem bisher nur wenige Gleichaltrige entsprechen konnten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich in meinem Leben tiefergehende Freundschaften sehr selten entwickelt haben.

Letztes Jahr im Oktober habe ich angefangen zu studieren. Die ersten Wochen war ich furchtbar überfordert mit all den Menschen, all dem Smalltalk, den Oberflächlichkeiten. Auch wenn oder gerade weil mir bewusst war, dass jede Startphase so verläuft, dass ich über die Hälfte der Leute womöglich nie wieder sehen werde, rechnete ich fest damit, auch an der Uni keine wirklichen Freundschaften zu schließen; ich wollte nicht enttäuscht werden. Dennoch habe ich die (Des-)Orientierungswochen genutzt, um Menschen kennenzulernen und mögliche Freunde ausfindig zu machen. Dass ich mit meiner Annahme selbstverständlich falsch lag, erkannte ich Anfang des Jahres. Ich habe durchaus einige Freunde gefunden, mit denen ich mich bestens verstehe; die Stärke der Freundschaften variieren natürlich.

Mit einem Menschen habe ich eine ganz besonders intensive Freundschaft entwickelt: Darius. Anfangen hat das mit einer Fahrradtour an einem der ersten Sommertage des Jahres, die uns unter eine ICE-Brücke führte. Wir schlossen unsere Fahrräder an und kletterten auf die Brücke, um auf der Versorgungsebene Rast zu machen. In etwa 20 Metern Höhe hatten wir eine phantastische Aussicht, der Fluss war direkt unter uns; die Wälder rundherum waren saftig grün, die Schäfchenwolken am Himmel strahlend weiß. Alle paar Minuten überfuhr uns ein Zug und die ganze Brücke vibrierte. Im Gespräch erst lernten wir uns richtig kennen. Ich merkte, dass ich tatsächlich einen gleichaltrigen Menschen gefunden hatte, mit dem ich wunderbar reden und teilen konnte.

Am vergangenen Wochenende, in der Nacht von Sonntag auf Montag, haben wir uns für eine Nachtwanderung verabredet. Die Idee entstand spontan: Wir wollten vom Bismarckturm aus den Sonnenaufgang beobachten. Um Mitternacht fuhr uns mein Freund zu einem Wanderplatz, von dort aus machten wir uns auf den Weg. Im Wald war es stockfinster, lediglich der schwarzblaue, mondlose Himmel, der mal mehr, mal minder durch die Baumkronen zu sehen war, gab uns Orientierung; ab und an sahen wir den Großen Wagen. Wir hatten zwar eine Lampe dabei, doch blieb diese in der Tasche; wir wollten uns der Dunkelheit aussetzen.

Kurz nach Mitternacht erreichten wir den Turm. Im Dunkeln der Nacht sah er aus wie eine riesige Schachfigur. Wir verbrachten einige Minuten davor und sahen durch hohe Bäume hinweg auf die Stadt. Zuvor hatten wir gerätselt, ob der Turm nachts vielleicht verschlossen wird. Zum Glück war er nicht verschlossen – es gab nichtmal ein Tor –, denn die Aussicht war durch die vielen Bäume und Gebüsche eingeschränkt. Wir gingen in den Turm und machten dort unsere Lampe an. Entlang der vier Wände führte eine Stahltreppe nach oben; im schwachen Licht der Lampe wirkte der Turm unendlich hoch. Vor dem Aufgang war ein Warnschild angebracht: Vorsicht, Treppe dient als Blitzableiter. Wir stiegen empor.

Oben auf der Aussichtsplattform angekommen erwartete uns im Osten der Blick auf die Stadt und ihre vielen Lichter: Von orange bis gelb war alles dabei, Autos fuhren hier und da und leuchteten rot und weiß, Einsatzfahrzeuge pulsierten blau oder orange, je nachdem, welchen Zweck sie verfolgten. Im Süden waren einige ferne Dörfer zu sehen, West und Nord waren durch den Wald gekennzeichnet; dunkle Schatten, die sich im Wind bewegten. Über uns war der wolkenlose Sternenhimmel. Die wahrnehmbare Lichtverschmutzung reichte lediglich bis zwei Finger breit über den Horizont, der sicheldürre Mond war schon längst untergegangen, sodass vielmehr Sterne zu sehen waren, als es sonst der Fall ist. Sogar die Milchstraße war zu erkennen; ein dichter, weißlicher Schleier aus Abertausenden Sternen. Besonders hell leuchteten Saturn, Mars und Wega im Süden.

Der Wind war erst angenehm, wurde dann aber zunehmend kühler. Nachdem wir einige Zeit in alle vier Himmelsrichtungen geschaut hatten, packten wir die Musikbox aus; per Bluetooth koppelte ich mein Handy daran und Darius positionierte die Box im Obergeschoss des Turninneren. Ich hatte eine Playlist vorbereitet und erweiterte sie noch um einige Titel. Mit Darius verbindet mich insbesondere der Musikgeschmack, da sind wir uns sehr ähnlich. Dann begannen wir mit der Sache, weshalb wir uns eigentlich verabredet hatten.

Wir nahmen halluzinogene Pilze ein, breiteten unsere Decken aus und legten uns auf den Boden. Die hohe Steinmauer, das Geländer des Turms, schützte uns vor dem Wind und wir konnten entspannt in den Himmel über uns schauen. Wir sahen Sternschnuppen, Satelliten und Flugzeuge und warteten darauf, dass die Wirkung einsetzt. Etwa eine halbe Stunde später begannen die Sterne zu schimmern; sie lösten sich nach und nach vom Himmel und fielen wie winzige Diamanten auf die Erde, nur um sich in Glühwürmchen zu verwandeln; über dem Turm, der Schachfigur inmitten des Waldes, hoch oben über der Stadt bildeten sie eine Kuppel aus schillernden Brillanten. Noch tauschten wir uns rege darüber aus, was wir sahen. Wenig später tauchte jeder in seine eigene Erfahrungswelt ein.

Dieses Erlebnis war ein ganz besonderes für mich. Ich konnte für eine kurze Zeit ohne jegliche Filterung fühlen, ohne direkt alles zu analysieren; mein Alltagsverstand verstummte und mein Denken wurde ersetzt durch die pure Wahrnehmung und Achtsamkeit. Ich war eins mit der Natur und eins mit allem, was mich umgab; ich empfand Glück. Ich staunte und staunte über alles, was seinen Weg in meinen Geist fand. Ich begann zu weinen angesichts der Schönheit der Welt, ich hatte schon lange nicht mehr geweint, und schon gar nicht so heftig. Augenblicke später musste ich lachen; so sehr lachen, dass mir die Zwischenrippenmuskulatur schmerzte. Manch Erfahrung war wirklich schräg, zum Beispiel dass ich kindlich wurde oder auch kurz nicht wusste, wer, wo und wann ich bin. Ich war zwischendurch nur noch ein wahrnehmendes Etwas in einem Körper, ohne Vergangenheit oder Persönlichkeit. Dieser Zustand wird auch Selbstauflösung genannt.

Als ich langsam wieder zu mir kam, zurück zu mir selbst fand, hatte ich die Angst vor dem Tod verloren. Mir war gleich, ob und wann ich sterben würde. Ich fühlte mich der Natur so nah nie zuvor; das hat mir die Angst genommen und ich verstand: Der Tod ist Teil der Natur, der Tod ist vollkommen natürlich. Ich erkannte, dass alles Physik und Chemie ist, miteinander verbunden. Dass der Mensch, für wie einzigartig oder wichtig er sich selbst auch erachtet, nur eine Ausnahme ist. Ein Nichts im unendlichen Universum, unbedeutend angesichts all der Zeit, die bereits vergangen war und noch kommen wird.

Im Nachhinein macht mich sehr nachdenklich, dass ich mich trotz all des empfundenen Glücks auch einsam fühlte. Ich wusste, ich bin nicht allein, schließlich machten wir zu zweit diese Erfahrung, dennoch spürte ich eine große Einsamkeit und Leere in mir. Sowohl in dem Zustand der Selbstauflösung, als auch danach. Ich habe verstanden, dass ich mich ganz oft im Leben einsam fühle. Einsam mit mir in meinem Kopf, gefangen im Schädel. Vielleicht ist das mein innerer Schatten, die Angst vor der Einsamkeit, die ich im Alltag nicht sehe, weil ich sie in das Schattenreich meiner Seele verdränge. Ich erkannte, dass dies meine größte Angst ist: Einsam zu sein. Ich fürchtete mich vor der Einsamkeit im Inneren, ich rief um Hilfe. Darius beruhigte mich. Es war schön, einen Freund an der Seite zu haben. Später tanzten wir im Turninneren, gingen die Treppen im Dunkeln auf und ab, sangen, lachten und weinten.

Zeit war keine feste Größe mehr, die Nacht dauerte Jahre. Dennoch ließ die psychoaktive Wirkung des Psilocins pünktlich zur Dämmerung nach. Die intensivere Farb- und Geräuschwahrnehmung blieb weiterhin. Die Musik war in der Zwischenzeit ausgegangen. Die erwachende Welt war ein einziges Farbenmeer, das Zwitschern all der unterschiedlichen Vögel ein phänomenales Konzert. Die Dämmerung verdrängte die Nacht, dem Dunkel folgte Farbe für Farbe. Violett, blau, türkis und grün breiteten sich in allen Schattierungen über den Himmel aus, die wenigen Wolken am Horizont färbten sich orange, rot, rosa. Über den Tälern bildete sich ein leichter Nebelschleier.

Und schließlich ging die Sonne auf. Das Gold ihrer Strahlen erhellte den Himmel und wärmte unsere staunenden Gesichter. Der Sonnenaufgang war der schönste, den ich je gesehen hatte; die Intensität der Farben war atemberaubend. Mit Anbruch des Tages fanden wir zurück in die Realität; wir fühlten uns wie neugeboren. Innere Ruhe machte sich breit. Wir beobachteten aus der Ferne große Kehrmaschinen, die Müllabfuhr und wie Menschen in Verkehrsmittel stiegen, um ihrem Tagewerk nachzugehen. Endlich wurde es etwas wärmer, wir sprachen über das Leben, über unsere Erfahrungen.

Wenig später setzte bei mir die Müdigkeit ein. Ich rollte mich in die Decke ein und legte mich schlafen. Darius machte Musik und sah sich noch etwas um. Er weckte mich etwa eine Stunde später und wir räumten alles auf und machten uns auf den Heimweg. Wir nahmen eine andere Route durch den Wald; eine kleine Morgenwanderung. Die Natur erschien in ihren schönsten Farben, jegliches Bunt an Sträuchern, Blumen, Schmetterlingen zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Der Wald duftete. Einige Male blieben wir vor gefällten Baumstämmen stehen und atmeten tief den holzig-harzigen Duft ein. Später in der Straßenbahn schlief Darius direkt ein. Ich weckte ihn an meiner Zielhaltestelle, wir verabschiedeten uns und jeder ging seinen Weg nach Hause.

Erschöpft legte ich mich ins Bett, reich an Erfahrungen, reich an Erkenntnissen. Ich schlief einen traumlosen Schlaf.

Obelisk. (24/42)

9. Juni 2017

Gestern nach Feierabend habe ich mir einen Haarschnitt gegönnt; den hatte ich auch bitter nötig. Am Königsplatz musste ich auf meine Tram warten und nutze die Zeit, um mir den Obelisken anzusehen, der zur Documenta auf dem Königsplatz in Kassel errichtet wurde. Über einen Monat hinweg wurde er in drei Einzelteilen gegossen und zusammengesetzt. Auf den dunklen Beton hat der Künstler tagelang die Inschriften graviert und anschließend golden lackiert. Auf den vier Seiten steht jeweils der Satz „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ in Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch. Eine starke Botschaft. Ein Mahnmal im Grunde, das aufmerken lässt und nachdenklich macht.

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Ich ging rundherum und sah mir den Obelisken an, und obwohl ich kein Geflüchteter in dem Sinne bin, habe ich mich selbst in dem Satz wieder erkannt. Ich dachte: Wie schön, dass ihr mich aufgenommen habt! Welch‘ Möglichkeiten sich dadurch eröffnet haben!

Als ich das so dachte, hörte ich plötzlich ein Flüstern direkt in meinem Kopf: Sprache ist ein Rätsel und doch sprechen wir sie alle. Das Flüstern irritierte mich sehr, da ich In-Ear-Kopfhörer trug und einen Podcast hörte, abgeschottet von der Außenwelt sozusagen. Als ich das Flüstern noch einmal hörte, zog ich die Kopfhörer ab und sah mich um. Das Flüstern kam aus einer Entfernung von etwa 20 Metern, eine junge Frau hatte ein kleines Mikrofon an ihrer Bluse und sprach hinein. Mit einer Art Richt-Lautsprecher zeigte sie auf einzelne Menschen und flüsterte ihnen etwas zu. Alle Menschen um mich herum schienen irritiert zu sein, denn es gab mehrere Flüsterer auf dem Platz und das Flüstern überschattete alles, obwohl es wirklich leise war. Die seltsame Geräuschkulisse war unheimlich und heimlich zugleich, da Geflüster ja eher für etwas Geheimes, Diskretes steht. Ich beobachtete die junge Frau und ging nach etwa zehn Minuten auf sie zu, mit den Händen fragend, ob ich sie ansprechen dürfte. Sie schaltete ihr Mikrofon aus und lächelte mich an. Ich fragte, ob das eine Documenta-Performance sei und wenn ja, welche. Sie erzählte mir von der Whispering Campaign (Documenta-Seite) und reichte mir eine Art Stadtkarte – wunderschön gestaltet, auf der tatsächlich auch ein Stück der Stadt zu sehen war und wo die Campaign zu finden sein wird – und erzählte mir, dass sie mehrmals in der Woche an verschiedenen Orten – innen und außen – diese Whispering Campaign (Wikipedia) durchführen.

Dabei handelt es sich um eine Art der Kommunikation, bei der vermeintlich Gerüchte gestreut werden, um Meinungen zu bilden, jemanden zu überzeugen oder schlecht zu reden. Die Gerüchte kommen dann vom Beeinflussenden selbst, der ein bestimmtes Ziel verfolgt. Ich erkenne darin Vieles von den heutigen „Sozialen Netzwerken“ wieder, insbesondere Twitter. Fake News! Durch die Nutzung dieser Methode möchte der Künstler Pope.L womöglich auf die heutige Mediennutzung aufmerksam machen und wie leicht es ist, im Alltag beeinflusst zu werden.

Mich hat diese Performance sehr berührt, und ich denke, wenn wir Menschen die Informationen nicht hinterfragen, die wir irgendwo aufschnappen, und nicht wissen, wie wir diese auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen können, dann werden wir immerzu der Bauer auf dem Schachbrett der Realität sein.

Unangekündigter Besuch.

28. Mai 2013

Ich war gerade bei Daniel, als mich mein Vater anrief. Er grüßte mich und fragte, ob „Grüß Gott“ über dem Eingang des Hauses stünde, in dem ich wohne. Ich bestätigte das verwirrt und fragte ihn, weshalb er das wissen wolle. Mein Vater antwortete, dass er seit drei Uhr nachmittags dem Haus sei und gerne einen Kaffee mit mir trinken wolle. Dann fragte er, ob ich denn nie das Haus verlasse, er warte schon seit fünf Stunden auf mich. Ich war entsetzt, denn es war acht Uhr abends und ich hatte kurz nach drei mit Daniel das Haus verlassen. (Ob er uns verfolgt hatte?) Ich war genervt — er hatte weder geschrieben, noch angerufen — und erfreut zugleich. Ich sagte ihm, dass ich in zehn Minuten zu Hause sei.

Da stand er wirklich, an sein Auto gelehnt. Auf dem Heimweg dachte ich, dass er mich auf den Arm nehmen möchte, aber er war tatsächlich da. Ich umarmte ihn und wir gingen in’s Haus. Ich hatte mir seinen ersten Besuch in meiner Wohnung anders vorgestellt, doch nun war es wie es war. Ich schloss Haus- und Wohnungstür auf und hieß ihn willkommen in meinem Zuhause. In der Küche war mein Mitbewohner mit seiner Freundin am Kochen und ich grüßte sie mit dem Satz: Wir haben Überraschungsbesuch! Die Verwunderung stand ihnen buchstäblich in’s Gesicht geschrieben, als sie meinen Vater sahen. Ich stellte meinen Vater vor und sie gaben ihm die Hand. Dann folgte eine kleine Führung durch die Wohnung: Küche, Bad, Flur, Philipps Bereich bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer, und zu guter Letzt mein Zimmer. Es war etwas chaotisch. Überall lagen Schulsachen und Ordner und auf dem Boden türmte sich ein Berg Wäsche, den ich eigentlich an dem Abend in die Maschine stecken wollte. Er sah sich die Bilder, Poster und Gemälde an den Wänden an, begutachtete die Möbel und Raumnutzung. Mein Zimmer gefiel ihm, das freute mich. Dennoch war ich wütend darüber, dass er ohne Ankündigung auf der Matte stand und ich nicht einmal Kuchen zu bieten hatte; alle Bäcker unterwegs hatten bereits geschlossen.

Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und aßen Kekse, im Garten wehte die Wäsche an den Wäscheleinen, die Abendsonne schien direkt auf uns. Ich erzählte ihm, was ich an dem Tag alles unternommen hatte, und fragte ihn, weshalb er sich denn nicht eher gemeldet hatte. Wir hätten den Tag sinnvoll nutzen können und er hätte nicht fünf Stunden warten müssen. (Oder mich verfolgen?) Einerseits war es unglaublich, dass er mehr als 300 km hergefahren war um mich zu sehen, andererseits fühlte es sich wie Kontrolle an. Ich war wütend, aber es wäre nicht richtig gewesen, meine Wut auf ihn zu richten; schließlich war er mein Gast, wenn auch unangekündigt. Also sparte ich mir das.

Wir sprachen viel und lange über alles Mögliche und irgendwann kam er zu seinem Punkt und sagte er, er sei gekommen um mir in’s Gesicht zu sagen, dass er meine Art zu leben nicht richtig fände. (Also dass ich auf Männer stehe, an Wohnung, beruflicher Planung und auch sonst an nichts Anderem hatte er nichts auszusetzen.) Das war nichts Neues für mich, ich sagte meine zwei, drei Sätze dazu. Er fragte mich, ob ich glücklich sei. Ich antwortete deutlich mit einem Ja. Er sagte, dass könne nicht stimmen. Und siehe da: Aussage gegen Aussage. Ich zog die Geschworenen heran und bot ihm an: Papa, hinter dieser Glasscheibe in der Küche sind zwei Menschen am Werkeln, die mich bestens kennen, weil sie mit mir zusammen wohnen. Wenn du magst, kannst du sie fragen, ob ich glücklich bin.

Er wollte sie nicht fragen. Nun, dann halt eben nicht. Er wünschte mir, dass ich den richtigen Weg finde. Ich lächelte, denn an dem Wunsch gibt nichts auszusetzen, und bedankte mich.

Wir tranken noch eine Tasse Kaffee und dann wollte er auch schon wieder fortfahren. Ich sah mir die Situation von oben an und musste lächeln, denn wir saßen in einem Paradies, das in Grün und in Ruhe gelegen war und in dem es alles außer Kuchen zum Kaffee gab, und er sagte mir, er fände meine Art zu leben falsch. Das ist doch lustig! Ist das nicht lustig? würde jetzt der kleine Junge in mir fragen.

Ich wollte ihn nicht einfach gehen lassen, also fuhr ich mit ihm auf die Wilhelmshöhe. Wir standen über der Stadt unter dem Herkules und sahen der Sonne beim Untergehen zu. Er sollte sehen, wie schön es in Kassel ist und wie lebenswert. Dann fuhr er mich nach Hause und machte sich auf den Weg.

Wieder in der Wohnung sprach ich mit Philipp und seiner Freundin über dieses Geschehnis. Wir fanden es skurril, aber gut, denn es zeigte deutlich, dass mein Vater sich für mein Leben interessiert und dass da Potenzial ist. Und nun hat er auch die Gewissheit, dass ich nicht unter einer Brücke bei drogenabhängigen Homosexuellen im HIV-Endstadium wohne.

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Das war an einem Freitag. Am Dienstag darauf wurde ich von Oma, Opa und Onkel, Vater, Mutter und Bruder heimgesucht.

Immerhin angekündigt. Ich konnte aufräumen und alles in Glanz erstrahlen lassen. Es gab wieder eine kleine Führung durch die Wohnung, ein paar Einblicke auf meinen grünen Daumen (die Tomaten!) und kalte Getränke. Als Gastgebergeschenk wurde ich mit Paprikapflanzen und Petersilie, einer Packung „Merci“ und etwa einer Tonne an selbst gemachten Backwaren und Gekochtem beehrt.

Kritik gab es fast nur positive, meiner Oma z.B. gefielen vor allem die funktionellen Aspekte (erster Stock, Balkon, Garten), die sonnige Lage und die hohen Decken der Wohnung. (Okay, Oma wollte wissen, wo Mekka ist, damit sie gen Mekka beten kann, aber ich wusste das nicht.) Lediglich meine Mutter sagte etwas, das ich als negativ empfand, und zwar: In der Wohnung sähe es sehr studentisch aus. Ich habe es heruntergeschluckt und habe kein Wort dazu gesagt, denn es gibt einen entscheidenden Grund, weshalb es hier „studentisch“ aussieht. Erster Teil: Philipp legt sein Geld in Weltreisen an. Zweiter Teil: Ich wurde finanziell nicht von meinen Eltern unterstützt und musste mir Geld von Freunden leihen, um überhaupt ein Bett, ein Regal und einen Kleiderschrank zu haben. Die Schulden mussten abbezahlt werden, allein schon aus Gewissensgründen, und bei meinem Gehalt als Freiwilligendienstleistender bzw. Auszubildender hat es entsprechend lange gedauert. Seit diesem Monat bin ich endlich schuldenfrei; ich habe eineinhalb Jahre gebraucht. Es war nicht einfach für mich. Aber egal, ich möchte nicht weiter darüber aufregen.

Als wir gerade dabei waren, das Haus zu verlassen und in die Aue zu gehen, kam die Nachbarin mit Philipps Hund vom Gassi gehen zurück. Sie war erstaunt, dass so viele Menschen im Wohnungsflur unterkommen konnten. Ich stellte die Familie der Nachbarin vor und sie sagte: „Sie haben einen sehr freundlichen jungen Mann erzogen, so sollten alle Nachbarn sein. Er ist neben mir der einzige Mensch in diesem Haus, der die Treppen kehrt, und er schaut auch nach mir, ob ich denn tot in der Wohnung liege. Immer freundlich, immer zuvorkommend. Sie können stolz auf ihn sein!“ Diese Worte haben den Zorn in mir gelindert und in den Ohren der Familie Vieles bewirkt.

In der Aue waren wir etwa eine Stunde, dann gab es Kaffee und Kuchen in der Orangerie. (Traumhaft für Gäste!) Zum Schluss fuhren wir allesamt zum Herkules. Die Stadt unter uns, zu Füßen quasi; Eindruck vorprogrammiert. Das war’s auch schon, sie fuhren fort.

Dieser Besuch ist sehr gut verlaufen. Ich habe ihnen mein Leben vorgestellt und sie haben es angenommen. Ihnen hat gefallen, was sie gesehen haben, und letztlich haben sich ihre Sorgen und Bedenken aufgelöst. (Wobei man wissen muss, dass nur mein Vater und meine Mutter wissen, dass ich schwul bin, und dass alle Anderen denken, ich sei irre und deshalb aus dem Schoß der Eltern abgehauen.) Ich führe ein anständiges Leben in einer sauberen, grünen und sonnigen Stadt. So können sie mich in Erinnerung behalten. Das finde ich gut.