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Schillernde Sterne. (27/42)

18. Juli 2018

Mein Leben lang ist es mir schwer gefallen, gleichaltrige Freunde zu finden. Womöglich liegt es daran, dass ich Interessen habe, die in meiner Generation offensichtlich nicht besonders verbreitet sind, oder an meinem Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit, dem bisher nur wenige Gleichaltrige entsprechen konnten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich in meinem Leben tiefergehende Freundschaften sehr selten entwickelt haben.

Letztes Jahr im Oktober habe ich angefangen zu studieren. Die ersten Wochen war ich furchtbar überfordert mit all den Menschen, all dem Smalltalk, den Oberflächlichkeiten. Auch wenn oder gerade weil mir bewusst war, dass jede Startphase so verläuft, dass ich über die Hälfte der Leute womöglich nie wieder sehen werde, rechnete ich fest damit, auch an der Uni keine wirklichen Freundschaften zu schließen; ich wollte nicht enttäuscht werden. Dennoch habe ich die (Des-)Orientierungswochen genutzt, um Menschen kennenzulernen und mögliche Freunde ausfindig zu machen. Dass ich mit meiner Annahme selbstverständlich falsch lag, erkannte ich Anfang des Jahres. Ich habe durchaus einige Freunde gefunden, mit denen ich mich bestens verstehe; die Stärke der Freundschaften variieren natürlich.

Mit einem Menschen habe ich eine ganz besonders intensive Freundschaft entwickelt: Darius. Anfangen hat das mit einer Fahrradtour an einem der ersten Sommertage des Jahres, die uns unter eine ICE-Brücke führte. Wir schlossen unsere Fahrräder an und kletterten auf die Brücke, um auf der Versorgungsebene Rast zu machen. In etwa 20 Metern Höhe hatten wir eine phantastische Aussicht, der Fluss war direkt unter uns; die Wälder rundherum waren saftig grün, die Schäfchenwolken am Himmel strahlend weiß. Alle paar Minuten überfuhr uns ein Zug und die ganze Brücke vibrierte. Im Gespräch erst lernten wir uns richtig kennen. Ich merkte, dass ich tatsächlich einen gleichaltrigen Menschen gefunden hatte, mit dem ich wunderbar reden und teilen konnte.

Am vergangenen Wochenende, in der Nacht von Sonntag auf Montag, haben wir uns für eine Nachtwanderung verabredet. Die Idee entstand spontan: Wir wollten vom Bismarckturm aus den Sonnenaufgang beobachten. Um Mitternacht fuhr uns mein Freund zu einem Wanderplatz, von dort aus machten wir uns auf den Weg. Im Wald war es stockfinster, lediglich der schwarzblaue, mondlose Himmel, der mal mehr, mal minder durch die Baumkronen zu sehen war, gab uns Orientierung; ab und an sahen wir den Großen Wagen. Wir hatten zwar eine Lampe dabei, doch blieb diese in der Tasche; wir wollten uns der Dunkelheit aussetzen.

Kurz nach Mitternacht erreichten wir den Turm. Im Dunkeln der Nacht sah er aus wie eine riesige Schachfigur. Wir verbrachten einige Minuten davor und sahen durch hohe Bäume hinweg auf die Stadt. Zuvor hatten wir gerätselt, ob der Turm nachts vielleicht verschlossen wird. Zum Glück war er nicht verschlossen – es gab nichtmal ein Tor –, denn die Aussicht war durch die vielen Bäume und Gebüsche eingeschränkt. Wir gingen in den Turm und machten dort unsere Lampe an. Entlang der vier Wände führte eine Stahltreppe nach oben; im schwachen Licht der Lampe wirkte der Turm unendlich hoch. Vor dem Aufgang war ein Warnschild angebracht: Vorsicht, Treppe dient als Blitzableiter. Wir stiegen empor.

Oben auf der Aussichtsplattform angekommen erwartete uns im Osten der Blick auf die Stadt und ihre vielen Lichter: Von orange bis gelb war alles dabei, Autos fuhren hier und da und leuchteten rot und weiß, Einsatzfahrzeuge pulsierten blau oder orange, je nachdem, welchen Zweck sie verfolgten. Im Süden waren einige ferne Dörfer zu sehen, West und Nord waren durch den Wald gekennzeichnet; dunkle Schatten, die sich im Wind bewegten. Über uns war der wolkenlose Sternenhimmel. Die wahrnehmbare Lichtverschmutzung reichte lediglich bis zwei Finger breit über den Horizont, der sicheldürre Mond war schon längst untergegangen, sodass vielmehr Sterne zu sehen waren, als es sonst der Fall ist. Sogar die Milchstraße war zu erkennen; ein dichter, weißlicher Schleier aus Abertausenden Sternen. Besonders hell leuchteten Saturn, Mars und Wega im Süden.

Der Wind war erst angenehm, wurde dann aber zunehmend kühler. Nachdem wir einige Zeit in alle vier Himmelsrichtungen geschaut hatten, packten wir die Musikbox aus; per Bluetooth koppelte ich mein Handy daran und Darius positionierte die Box im Obergeschoss des Turninneren. Ich hatte eine Playlist vorbereitet und erweiterte sie noch um einige Titel. Mit Darius verbindet mich insbesondere der Musikgeschmack, da sind wir uns sehr ähnlich. Dann begannen wir mit der Sache, weshalb wir uns eigentlich verabredet hatten.

Wir nahmen halluzinogene Pilze ein, breiteten unsere Decken aus und legten uns auf den Boden. Die hohe Steinmauer, das Geländer des Turms, schützte uns vor dem Wind und wir konnten entspannt in den Himmel über uns schauen. Wir sahen Sternschnuppen, Satelliten und Flugzeuge und warteten darauf, dass die Wirkung einsetzt. Etwa eine halbe Stunde später begannen die Sterne zu schimmern; sie lösten sich nach und nach vom Himmel und fielen wie winzige Diamanten auf die Erde, nur um sich in Glühwürmchen zu verwandeln; über dem Turm, der Schachfigur inmitten des Waldes, hoch oben über der Stadt bildeten sie eine Kuppel aus schillernden Brillanten. Noch tauschten wir uns rege darüber aus, was wir sahen. Wenig später tauchte jeder in seine eigene Erfahrungswelt ein.

Dieses Erlebnis war ein ganz besonderes für mich. Ich konnte für eine kurze Zeit ohne jegliche Filterung fühlen, ohne direkt alles zu analysieren; mein Alltagsverstand verstummte und mein Denken wurde ersetzt durch die pure Wahrnehmung und Achtsamkeit. Ich war eins mit der Natur und eins mit allem, was mich umgab; ich empfand Glück. Ich staunte und staunte über alles, was seinen Weg in meinen Geist fand. Ich begann zu weinen angesichts der Schönheit der Welt, ich hatte schon lange nicht mehr geweint, und schon gar nicht so heftig. Augenblicke später musste ich lachen; so sehr lachen, dass mir die Zwischenrippenmuskulatur schmerzte. Manch Erfahrung war wirklich schräg, zum Beispiel dass ich kindlich wurde oder auch kurz nicht wusste, wer, wo und wann ich bin. Ich war zwischendurch nur noch ein wahrnehmendes Etwas in einem Körper, ohne Vergangenheit oder Persönlichkeit. Dieser Zustand wird auch Selbstauflösung genannt.

Als ich langsam wieder zu mir kam, zurück zu mir selbst fand, hatte ich die Angst vor dem Tod verloren. Mir war gleich, ob und wann ich sterben würde. Ich fühlte mich der Natur so nah nie zuvor; das hat mir die Angst genommen und ich verstand: Der Tod ist Teil der Natur, der Tod ist vollkommen natürlich. Ich erkannte, dass alles Physik und Chemie ist, miteinander verbunden. Dass der Mensch, für wie einzigartig oder wichtig er sich selbst auch erachtet, nur eine Ausnahme ist. Ein Nichts im unendlichen Universum, unbedeutend angesichts all der Zeit, die bereits vergangen war und noch kommen wird.

Im Nachhinein macht mich sehr nachdenklich, dass ich mich trotz all des empfundenen Glücks auch einsam fühlte. Ich wusste, ich bin nicht allein, schließlich machten wir zu zweit diese Erfahrung, dennoch spürte ich eine große Einsamkeit und Leere in mir. Sowohl in dem Zustand der Selbstauflösung, als auch danach. Ich habe verstanden, dass ich mich ganz oft im Leben einsam fühle. Einsam mit mir in meinem Kopf, gefangen im Schädel. Vielleicht ist das mein innerer Schatten, die Angst vor der Einsamkeit, die ich im Alltag nicht sehe, weil ich sie in das Schattenreich meiner Seele verdränge. Ich erkannte, dass dies meine größte Angst ist: Einsam zu sein. Ich fürchtete mich vor der Einsamkeit im Inneren, ich rief um Hilfe. Darius beruhigte mich. Es war schön, einen Freund an der Seite zu haben. Später tanzten wir im Turninneren, gingen die Treppen im Dunkeln auf und ab, sangen, lachten und weinten.

Zeit war keine feste Größe mehr, die Nacht dauerte Jahre. Dennoch ließ die psychoaktive Wirkung des Psilocins pünktlich zur Dämmerung nach. Die intensivere Farb- und Geräuschwahrnehmung blieb weiterhin. Die Musik war in der Zwischenzeit ausgegangen. Die erwachende Welt war ein einziges Farbenmeer, das Zwitschern all der unterschiedlichen Vögel ein phänomenales Konzert. Die Dämmerung verdrängte die Nacht, dem Dunkel folgte Farbe für Farbe. Violett, blau, türkis und grün breiteten sich in allen Schattierungen über den Himmel aus, die wenigen Wolken am Horizont färbten sich orange, rot, rosa. Über den Tälern bildete sich ein leichter Nebelschleier.

Und schließlich ging die Sonne auf. Das Gold ihrer Strahlen erhellte den Himmel und wärmte unsere staunenden Gesichter. Der Sonnenaufgang war der schönste, den ich je gesehen hatte; die Intensität der Farben war atemberaubend. Mit Anbruch des Tages fanden wir zurück in die Realität; wir fühlten uns wie neugeboren. Innere Ruhe machte sich breit. Wir beobachteten aus der Ferne große Kehrmaschinen, die Müllabfuhr und wie Menschen in Verkehrsmittel stiegen, um ihrem Tagewerk nachzugehen. Endlich wurde es etwas wärmer, wir sprachen über das Leben, über unsere Erfahrungen.

Wenig später setzte bei mir die Müdigkeit ein. Ich rollte mich in die Decke ein und legte mich schlafen. Darius machte Musik und sah sich noch etwas um. Er weckte mich etwa eine Stunde später und wir räumten alles auf und machten uns auf den Heimweg. Wir nahmen eine andere Route durch den Wald; eine kleine Morgenwanderung. Die Natur erschien in ihren schönsten Farben, jegliches Bunt an Sträuchern, Blumen, Schmetterlingen zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Der Wald duftete. Einige Male blieben wir vor gefällten Baumstämmen stehen und atmeten tief den holzig-harzigen Duft ein. Später in der Straßenbahn schlief Darius direkt ein. Ich weckte ihn an meiner Zielhaltestelle, wir verabschiedeten uns und jeder ging seinen Weg nach Hause.

Erschöpft legte ich mich ins Bett, reich an Erfahrungen, reich an Erkenntnissen. Ich schlief einen traumlosen Schlaf.

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