Posts Tagged ‘Liebe’

Ein Brief mit Folgen.

30. September 2019

Lieber Boris,

zuallererst möchte ich dich um Entschuldigung bitten, dass ich deine Aufmerksamkeit auch auf diesem Wege beanspruche. Doch ich kann nicht anders, denn: Wir beide haben uns einander in den letzten Monaten vertraut gemacht. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, sagte der Fuchs.

In der gemeinsam verbrachten Zeit haben wir einander gezähmt, jeden Tag sind wir uns ein Stückchen näher gekommen; auch wenn noch viel Zähmen vor uns liegt. In der Zeit dazwischen haben wir voneinander erfahren über Geschriebenes, selten über Gesprochenes. Auch, wenn du schriftlich vielmehr über mich erfahren hast, als ich über dich. Und wie der Fuchs sagt, ist das Zähmen eine Sache, für die man sehr geduldig sein muss. Das ist nicht leicht für mich, doch ich lerne es durch dich. Niemals zuvor hat jemand meine Geduld derartig auf die Probe gestellt wie du. Und ich danke dir dafür, für diese neue und auch herausfordernde Grenzerfahrung. Ich warte gerne auf dich und ich bringe gerne die Geduld für dich auf. Gleichzeitig stürzt das mich in tiefen Kummer, wenn ich nichts von dir höre, weil ich noch lerne dich zu verstehen, weil ich noch ganz am Anfang stehe, weil ich nicht weiß, wie ich dir helfen kann oder ob du das überhaupt willst. „Man versteht nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. Dass wir noch keine Bräuche haben, wie der Fuchs sie beschreibt, dass die Netzabdeckung scheiße ist und du oft sehr schweigsam bist, all das verstärkt meinen Kummer.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mich verantwortlich fühle für dich, weil ich dich erreichen möchte in deinem Herzen, weil das bei WhatsApp scheinbar nicht möglich ist, weil ich dir meine Hände und meine ganze Kraft reichen möchte, weil ich dich unbedingt begleiten möchte auf dem Weg aus deiner Krise. Mir ist bewusst, wie frei und wild du bist, es zumindest sein möchtest. Doch ich sehe – in dem, was, wie, wann du schreibst und auch zwischen den Zeilen, „das Eigentliche ist unsichtbar“ – wie du leidest, und ich leide mit dir. Das schreibe ich nicht einfach so dahin. Es tut mir körperlich weh zu lesen, was du schreibst. Ich kenne diese Art der Verzweiflung und so trifft es mich umso mehr. Ich wünschte, du könntest es mir sagen, während ich dir in die Augen schaue und dich einfach nur halte in den dunkelsten Stunden deiner Verzweiflung. Doch es ist anders aus der Ferne, schwer, ganz schwer. Ich muss aushalten, dass ich dir keinen Halt geben kann, dass dein Herz gefangen ist in lauter Zweifel und Unsicherheit, dass du dich einsam und traurig fühlst, dass ich deinen Geist nicht streicheln kann, dass ich mit dir keine möglichen Auswege besprechen kann. Am schlimmsten jedoch ist es, nicht zu wissen, ob mein Eindruck überhaupt wahr ist.

Auf mich wirkst du wie vergiftet, wenn du in […] bist, ganz besonders in den letzten Wochen, ganz roh und verletzlich, erdrückt von Sorgen um die Zukunft, um dein weiteres Leben, unverstanden, einsam. Das steht ganz im Gegensatz dazu, wie ich dich in Kassel wahrgenommen und erlebt habe: Du warst innen wie außen – auch wenn wir über sehr schwere Themen sprachen – gut drauf, du warst so lustig, so abenteuerlich, so schön und wirkest glücklich auf mich. Diese Gegensätzlichkeit Kassel-[…] beunruhigt mich sehr.

Du hast einmal geschrieben: „Ich finde keinen Ort für mich.“ Und später: „Gleichzeitig besorgt mich der Winter.“ Und neulich: „Ich fühle mich einsam. Und traurig.“ Diese Worte machen mich wiederum so fassungslos traurig, dass ich manchmal einfach weine. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, wie oft ich an dich denke. Wie der Fuchs den Weizen liebgewonnen hat und an den Kleinen Prinzen denken muss, so denke ich an dich jedes Mal, wenn ich das Feuerzeug in der Hand halte, bei jedem Blick auf die Sterne, die wir zusammen angesehen haben, und bei jedem Stückchen Wald, denn du hast mir den Wald geschenkt. Ich habe in den letzten Monaten, um dich besser verstehen zu können – da ich nicht wirklich mit dir telefonieren kann und du eher wenig schreibst – so unendlich viel gelesen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Du hast mir Hesse geschenkt, du hast mir Kafka geschenkt, du hast mir den Kleinen Prinzen und Exupéry geschenkt. Und bald kommt noch Osho dazu.

Verstehst du nun, warum ich dir so oft schreibe? Warum ich mich so sorge? Warum ich verantwortlich für dich bin?

Ich reiche dir meine Hände. Doch zugreifen musst du schon selbst. Bitte Boris, bitte greife zu.

Riskiere es, dich auf jemanden einzulassen. Riskiere es, dich zähmen und verstehen zu lassen. Riskiere es, mit diesem Anderen zur größten Reise aufzubrechen, zu einer Reise nach dir, zu einer Suche nach einem Ort für dich und nach Antworten, die nur in deinem Herzen zu finden sind, wenn du frei bist, dich öffnest, Einblick in deine Seele gewährst und nicht umgeben bist von Gift und Sorgen, sondern von Freundschaft, von Zuneigung, von Liebe. Riskiere es, denn du kannst nichts verlieren in deiner gegenwärtigen Situation, du kannst nur dazu-gewinnen. Ich werde dich unterstützen auf deiner Suche, so gut ich kann, so viel du willst. Mir ist bewusst, vor welch bedeutender Lebensentscheidung du stehst: Neuanfang oder Weiterso? Beides ist schwer, beides erschöpft die Kräfte, beides hat seine Vorteile und seine Nachteile. Doch vertraue mir, Weiterso zermalmt die Seele. In […], so nehme ich dich wahr, bist du verschlossen und nicht frei für die Suche nach deiner Wahrheit. Ich meine den Alltag dort, die Routine, nicht die Festivals mit den Menschen, die du lieb gewonnen hast.

Und wenn die Zeit gekommen und du deine Antworten gefunden hast, wenn du einen Ort, eine Lebensweise für dich gefunden hast – in Kassel oder auch woanders –, dann werden wir erleben, ob uns die Antworten zusammen halten oder uns räumlich voneinander trennen, weil vielleicht Kassel doch kein Ort für dich ist. Doch muss das erst einmal herausgefunden werden, das dauert seine Zeit. Sollte das eintreffen, dann wird die Farbe des Weizens bleiben, wie der Fuchs es sagt, und es wird mir eine große Ehre und Freude gewesen sein, dich auf deiner Suche begleitet zu haben. Ich werde mich freuen und freuen über all die Erinnerungen, Erlebnisse und Erkenntnisse, die mir das Leben geschenkt haben wird. Doch dafür, dafür musst du eine Entscheidung treffen. Raus aus […]. Nach Kassel kommen. Und mir vertrauen.

Der Winter naht und ich fürchte um dich. Am liebsten würde ich nach […] fahren, dich einpacken und kidnappen. Ganz so, wie ich damals „in Sicherheit“ gebracht wurde, obwohl es sich erst einmal nicht so anfühlte. Ganz so, wie mich Marcus bei sich aufgenommen hat, mir beim Einleben und bei meiner Suche geholfen hat. Doch das kann ich nicht tun ohne dein Einverständnis, du musst selbst die Entscheidung treffen; eine freie Entscheidung, die aus deinem Herzen kommt. Man kann Menschen nicht einfach umtopfen wie Pflanzen.

Gestern Abend war Marcus bei mir und wir haben auf unseren achten Jahrestag angestoßen, auf unsere lange, seltene und schöne Freundschaft. Acht Jahre Kassel. Ich hatte anfangs große Angst, nichts und niemanden, nur Marcus, diesen Menschen, der umso wunderbarer und surrealer wurde, je mehr wir einander über die Jahre zähmten. Ich verstehe deine Sorge, in Kassel zu vereinsamen, das glaubte ich anfangs auch. Doch so kam es nicht, und so wird es auch nicht für dich kommen. Du hast mich – und damit auch Marcus und Nadja. Und von ganz allein wirst du weitere Menschen kennenlernen, Räume für dich erschließen. Kassel ist nicht Köln.

Komm‘ nach Kassel, komm‘ zu mir und wir gehen alles Schritt für Schritt gemeinsam. Wo du wohnen und leben, wo du arbeiten, wo dich verwirklichen kannst, all das werden wir herausfinden. Wenn du willst.

Ich forme auch hier in diesem Brief noch einmal deine eigenen Worte für dich um:

Du hast unglaubliches Glück, Boris.

Du kommst mit nichts nach Kassel und hast Leute gefunden, die dich aufnehmen.

In ihre Familien und in ihre Herzen.

Mit diesen Worten möchte ich diesen nun wirklich viel zu langen Brief beenden und freue mich auf eine Antwort von dir, egal auf welchem Wege. Die größte Freude für mich wäre allerdings eine Entscheidung, ein erster Schritt deinerseits, ein Plan, wie es weitergeht für dich.

Es grüßt dich hoffnungsvoll

Dein [A.]

P.S.:

Ich habe keine Ahnung, ob dich dieser Brief jemals erreichen wird. Auch weiß ich nicht, was du für mich eigentlich empfindest, ob ich dich überfordere und ob ich dir auf die Nerven gehe. Bitte gib mir ein Zeichen, damit ich Klarheit habe. Die Unbestimmtheit verzehrt mich.

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(1) Das Spiel geht weiter.

7. August 2019

Sonntag war ein sehr surrealer und wunderschöner Tag, gespickt mit allerlei Mysterien und seltsamen und wahrlich verrückten Zufällen. Ich glaube, dass das Leben mir mit Absicht solche Tage beschert, weil ich mich auf die Welt und auf ihre Verrücktheit einlasse und zuweilen keine Erwartungen an irgendwas stelle. Allein das überrascht mich je und je, doch war dieser Sonntag von besonders strahlender Surrealität. Ich fange mal an zu erzählen.

Am Abend zuvor, am Samstag, waren Boris und ich auf dem Kasseler Zissel, einem Jahrmarkt entlang der Fulda. Wir badeten im lichten Farbenmeer, blieben hier und da staunend stehen und beobachteten belustigt das Treiben der Menschen. Ich kam auf die Idee, dass wir unweit vom Jahrmarkt Nadja an ihrem Arbeitsplatz besuchen könnten, wenn sie zufällig da ist. Boris wollte nämlich einige meiner Freunde kennenlernen, von denen ich ihm wieder und wieder erzählt hatte. Und so lernte er Nadja kennen, und zwar genau dort, wo Marcus, nun ihr Mann, ich der Trauzeuge, sie kennenlernte vor Jahren, als ich mit ihm dort auf einem Konzert war. Spät nach Mitternacht und durch einige Erfrischungen aufgeheitert begleiteten wir Nadja zu ihrem Auto, sprachen noch eine Weile, hörten Nadja zu, wie es sonst hier ist, nachts alleine zum Auto zu laufen und von betrunkenen Männer belästigt zu werden, gerade jetzt während des Zissels; sie war sehr froh, dass wir plötzlich aufgetaucht waren. Wir versprachen, am nächsten Tag zur Mittagszeit vorbeizuschauen, verabschiedeten sie in den wohlverdienten Feierabend und schlenderten weiter über den Zissel, aßen ausgesprochen leckere und für den Moment perfekte Fischbrötchen, hörten irritiert und belustigt einem rundlichen, schwer genervten Trinkflaschenverkäufer zu, wie er mich laut per Lautsprecher beleidigte, weil er – warum auch immer – annahm, ich hätte an seinen Wagen gepinkelt. Schließlich trafen wir auf Christoph, den ich flüchtig von einem Uniseminar kenne, dessen Namen ich immer wieder vergesse und den ich sehr oft irgendwo zu sehen bekomme. Die Gespräche laufen dann in etwa so ab: „Hey du! Na? Ich hab wieder deinen Namen vergessen. Wie war er nochmal?“ – „Boah, verflixt, ich hab deinen auch vergessen. Also ich bin Christoph, und du?“ – „Ich bin sowieso.“ – „Mensch, wie oft müssen wir uns noch treffen, damit wir endlich die Namen können. Ist doch echt verrückt!“ Und so war es auch dieses Mal wieder. Wir quatschten ein wenig, Boris bewunderte seine Haare und bald trennten sich unsere Wege. Auf dem Heimweg saß ich mit Boris auf einer Parkbank im Dunkel des Aueparks und wir sprachen mit weitem Blick über die Welt und wie schwierig es zuweilen ist, hineinzupassen und zuzusehen, wie diese vom Menschen zerstört wird, die Grundlage allen Lebens, die Natur, wie es ist, ewig auf der Suche nach einem Ort für das eigene Selbst zu sein. Unsere warmen Hände streichelten sich und später das Haar und das mittlerweile in der Nacht erkaltete Gesicht des Anderen. Durch den Park gingen wir nach Hause, über eine Brücke, vorüber am Spielplatz, an dem wir vor zwei Monaten die Sterne beobachteten und einen Waschbären fütterten, der gierig und süß und freudig aus unseren Händen fraß, vorbei an der Wohnung eines Freundes, in der kein Licht brannte, und vorbei am Balkon eines anderen Freundes, der zufällig in diesem Moment eine Spinne aus der Wohnung brachte. Wie unwahrscheinlich war es, ihn so spät in der Nacht anzutreffen? Es war schon vier Uhr morgens, als Boris und ich Haut auf Haut einschliefen.

Am frühen Nachmittag, es war ein schöner, sonnig-wolkiger Tag, haben wir uns auf den Weg zu Marcus und Nadja gemacht. Unterwegs trafen wir die beiden und ihre zwei kleinen Kinder. Sie waren gerade dabei zum Jahrmarkt zu laufen, wir schlossen uns an. Sonntag nun schlenderten wir alle zusammen, begleitet von Sonnenschein, durch die Stadt und über den vollen Jahrmarkt mit seinen tausend Gerüchen und Angeboten, unser Ziel war ein Kinderkonzert. Neben den Kindern freute sich besonders Boris darüber, seine granitfarbenen Augen groß und die Lachfalten sichtbar, wohl aus beruflichem wie auch aus seinem Kindskopfinteresse heraus. Nach gute Laune machender Musik und einer köstlichen Schokobanane, nach kühlender Erdbeerbowle und Riesenradfahren mit den Kindern machten Boris und ich uns auf den Weg zu einem besonderen Ort.

Ich hatte ihm vor ein paar Wochen geschrieben, dass ich einen Ort entdeckt habe, den ich ihm unbedingt zeigen muss. So war nun endlich der Tag gekommen. Über den Ort hab ich ihm genau nix erzählt, ich wollte ihn nicht beeinflussen in seiner Wahrnehmung, Interpretation und es sollte ja auch spannend sein. Wir fuhren mit dem Bus durch die ganze Stadt, bis an ihr Ende, zum Fuße des Habichtswaldes am Rande des Bergparks. Mit uns im Vierer fuhr ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, zuckersüß und Freude strahlend, das uns fragte, ob wir denn schon neun Jahre alt alt sind, schon zur Schule gehen, das Boris‘ Armkette sehr hübsch, doch für ihr kleines Handgelenk zu groß fand, das meinen Rucksack gegen ihre kleine Handtasche tauschen wollte, die innen drin mit rotem und sehr frischem Kaugummi verklebt war – ein schlechter Deal für mich! Zwischendrin gab die offensichtlich geisteskranke Mitfahrerin neben uns seltsame Sachen von sich, ohne jeglichen Kontext, sprach lauthals mit nicht anwesenden Personen und schrie diese an und sagte irgendwann zu uns zwei Erwachsenen „Mit Fremden spielt man nicht!“ und zum schwarzen Mädchen: „Wage es nicht! Du bist winzig und ich bin groß, viel stärker als du!“ Zum Schluss ihres Satzes fletschte sie ihre Zähne und imitierte ein gruseliges Tiergeräusch, chchchchch! Das Mädchen lachte nur darüber. Wir waren froh als die Frau endlich ausgestiegen war, noch bevor sie das Mädchen irgendwo hinschubsen konnte. Wir hätten nicht zugelassen, dass sie dem kleinen Mädchen irgendein Haar krümmt. Noch vor unserer Zielhaltestelle stieg auch das Mädchen mit ihrer Mutter aus. „Tschühüüüß!“

Von der Endhaltestelle aus gingen wir in den Wald. Ich fragte Boris, ob er irgendeine Ahnung hat, was ihn erwartet. Er sagte, er habe sich keine Gedanken gemacht, wollte sich überraschen lassen. Er rätselte ein wenig und kam natürlich nicht drauf – mir selbst ging es vor ein paar Wochen auch so. Ich schwieg weiter über den Ort. Mitten im Wald, der uns saftig-grün und voller alter Buchen umgab, stand ein bewohntes Häuschen, ein sehr schönes, mit einem gigantischen Garten, in das sich Boris instant verliebte. „Da will ich wohnen! Oder irgendwo hier im Wald und dann einen Waldkindergarten, genau hier, das wäre mein Traum!“ Kurz nach dem Häuschen erreichten wir den Ort. Der Weg führte uns immer tiefer in das mystische und wunderschöne Geheimnis dieses Waldes, dunkelgrünes Moos bewuchs Baumwurzeln und Hügel, die den Weg einschlossen und den Eindruck eines Tunnels vermittelten. Nun standen wir selbst auf einem Hügel und blickten auf den Blauen See hinab, der ringsum von Bäumen umgeben ist. Boris kletterte direkt den nächsten Abhang hinunter, ich hinterher. Er war begeistert von der Schönheit des Sees und allen Bäumen, Sträuchern, Felsen, Steinen, Wurzeln, fand sogleich eine mit Steinen errichtete Feuerstelle und sagte, dies sei der perfekte Ort für Erfahrungen der erweiternden Art. Wir saßen am Seeufer auf einem Baumstamm und nahmen alles in uns auf, und kletterten einen anderen Hügel wieder hoch, entlang an Wurzeln, die uns als Treppe und als Halt, wie ausgestreckte Hände dienten. Dort oben wuchsen Gräser, Sträucher, Blumen, Dornengestrüpp und wunderschöner, reifer Atropa Belladonna. Während mein Blick über die Schönheit der Natur kreiste, stolperte ich und knickte heftig mit dem Fuß um. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, damit der unerträgliche Schmerz seinen Raum erhalten und ich das weitere Vorgehen abschätzen konnte, atmen und leiden, um geschärften Verstandes eine Diagnose zu stellen und eine Entscheidung zu treffen: Bruch, Bänderriss, Amputation, Belladonna oder einfach weiter? Denn die bisherige Natur war Teil des Ortes, jedoch nicht ausschließlich der Grund für unseren Besuch. Mir liefen vor Schmerzen die Tränen in den Augen zusammen, der Fuß schwoll mächtig an, einen Bluterguss konnte ich nicht erkennen, er ließ sich auch durchbewegen und humpeln war möglich, also kein Bruch, irgendwas mit den Bändern; so ging es nach kurzer Rast weiter. Zu erklettern gab es eine Menge, wir nahmen den einfachsten Weg zurück zum Waldpfad. Meine Schmerzen schlummerten alsbald mit der Wirkung des Betäubungsmittels.

Schließlich erreichten wir die Nekropole, genau genommen das erste Grab von vielen, die im ganzen Wald verteilt sind, von denen es einmal 40 Stück geben soll. Dieser ganze Ort verbindet das ewige Leben, die Natur, den Tod des Menschen und seine Kunst auf einer wunderschöne und mystische Weise. Künstler gestalten hier ihre Grabstätte, wie sie wollen, am Ende werden sie dort beigesetzt, die Gräber werden nicht gepflegt, sondern der Natur überlassen. Am ersten Grab, das als solches nicht zu erkennen ist, rätselte Boris sehr lange. Unter einer quadratisch eingefassten Glasplatte sind Fußabdrücke zu sehen, dreidimensional aus Stahl, die Versen wie ein Trichter in das Erdreich führend. Er kam des Rätsels Lösung nahe, doch wollte ich ihn nicht weiter matern, ich löste auf: Der Betrachter sieht den lebensgroßen Abguss des Künstlers, jedoch von unten, auf dem Kopf quasi. Der Abguss ist innen hohl und dient als Urne. Eine Inschrift oder wer hier liegt ist nicht vorhanden. Ich klärte Boris über diesen ganzen Ort auf, aus seinem Gesicht las ich Faszination und unbändige Entdeckerfreude.

Weiter ging es zu einer Art Tempelanlage, quadratisch, außen vier Tore aus Holz, daran jeweils eine aus Holz gefertigte Plastik, ähnlich einem Menschenkopf, die Augen verbunden durch Stahlbänder, die die Plastik an das Holz heften. In der Mitte der Arena ein quadratisches Amphitheater mit wenigen Stufen, darin mittig ein Steinblock mit den Namen der Beigesetzten und rund herum mit je einem Wort zu jeder Seite der Satz: „Das Spiel geht weiter.“ Für mich ist dies das wundersamste Grab, gleichzeitig ein schöner Ort zum Verweilen. Das Leben als Spiel zu betrachten, das weitergeht, egal was in der Arena passiert, egal wer gewinnt oder verliert, diesen Gedanken finde ich genial. Doch würden noch weitere solche Gräber folgen. Bei meinem letzten Besuch hatte ich zwischen das Holz eines Torbogens eine mysteriöse Nachricht hinterlassen, auf der Rückseite eines Kassenzettels (Vitamin B12 aus der Apotheke), der Zettel war noch immer da und wurde scheinbar mehrmals entfaltet und wieder hineingesteckt. Wir lasen meine verrückte Nachricht an die Welt. Als nächstes kamen wir an einer gigantischen, aus Granit gefertigten, runden Vogeltränke vorbei, der Durchmesser breiter noch als die Spanne meiner Arme, in der ein goldener Hase eingefasst ist. Der Hase dient als Urne, zu sehen ist er aber nicht. Die Granitschale füllt sich von selbst durch den fallenden Regen, dafür muss es selbstverständlich auch regnen. Wir und auch die Tiere des Waldes hatten Glück, dass der Samstag ziemlich verregnet war. In der Granitschale waren seit meinem letzten Besuch rot, blau und gelb schimmernde Sterne, Monde und Sonnen verstreut worden, ähnlich Glitzerkonfetti. Es sah ganz hübsch aus und wurde behutsam und wenig gestreut, so dass nicht unbedingt von Umweltverschmutzung die Rede sein konnte, wobei diese Sonnen, Monde und Sterne womöglich niemals verrotten werden.

An einem weiteren Grab machten wir Rast, denn davor stand eine Bank, ich trank Wasser und fragte Boris, ob ihn dieses Kunstwerk berührt. Er sagte nein, er fühle sich beobachtet. So ging es mir auch angesichts eines riesigen Holzauges, das die Besucher auf der Bank anblickt und sonst nichts. Das Auge des Waldes? Ein Auge aus dem Jenseits? Für mich strahlt dieses Grab keine mystische Energie aus, muss es ja auch nicht – auch allein das Sich-Beobachtet-Fühlen war ja schon ausreichend. Ich bemerkte, dass Rast meinem Fuß nicht besonders gut tut, was für den Moment doof, für die Gesundheit des Fußes allerdings ein gutes Zeichen war. Also folgten wir dem Waldpfad weiter zu den letzten zwei Grabstätten, die es heute noch zu sehen gab.

Der Waldpfad zweigt irgendwann ab zu einer Lichtung, auf der sich zwei Grabstätten befinden. Die erste setzt sich zusammen aus 97 Marmorblöcken in scheinbar zufälliger, Dominostein-artiger Anordnung, ein jeder Block groß und quadratisch auf dem Gras ruhend. Es gibt Blöcke aus weißem Marmor und es gibt Blöcke aus schwarzem Marmor. Auf den schwarzen Steinen ist immer ein Buchstabe eingraviert und golden ausgemalt, vielleicht sogar Blattgold. Nach jedem Stein mit einem Buchstaben wechselt die Richtung des Verlaufs, es lässt sich der Satz „La vita corre come rivo fluente“ lesen, was soviel bedeutet wie: Das Leben verrinnt als fließender Strom. Dieses Kunstwerk beeindruckt mich auf Ebene der Kunst am meisten, ist es doch eine Verbindung von Mathematik und Natur, von Ewigkeit und Endlichkeit, Tod und Mensch. Nach jedem Buchstaben wechselt die Verlaufsrichtung, jeder schwarze Stein stellt eine Primzahl dar, die zufällig in der Mathematik auftaucht und keinem bisher bekannten Prinzip folgt. So ist es ja auch im Leben: Es passieren Dinge, scheinbar zufällige Ereignisse, und das Leben verändert sich, ändert seine Ausrichtung und folgt dem ewigen Mäandern, sucht sich je und je einen Weg durch die Welt, wie das Wasser, das zum Meere hin fließt, in das große unendliche Blau.

Weiter hinten auf der Waldlichtung stehen acht riesige Stahlplatten, rostrot, vier Stück bilden den äußeren und vier Stück den inneren Kreis. Die Platten stehen versetzt zueinander, sodass man in das Kunstwerk hineingehen kann. Auf jeder Platte ist eine andere feingliedrige und miteinander verschwungene Form hineingeschnitten, sodass man durch die feinen Linien hindurchschauen, das Grün der Lichtung oder weiter fern stehende Bäume oder gar das Sonnenlicht hindurch scheinen sehen kann. Sind es Gesichter, Fratzen, sind es Blumen, Bäume oder irgendwelche Symbole, all das ist nicht klar zu erkennen. Es bleibt dem Betrachter überlassen, was er dort sieht. Auch dies, so sagte Boris, sei ein Ort für Erfahrungen.

Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle erfragten wir Hilfe an dem Häuschen im Wald, sodann wurden mir Schmerztabletten gebracht. Der Weg zurück dauerte natürlich seine Zeit, wenn der eine humpelt und der andere Pflanzen mit einer App identifiziert. Auf den letzten 500 Metern kamen uns ein Mann und eine Frau entgegen, so unser Alter etwa, beide sehr zueinander passend und sehr freundlich wirkend. Sie fragten uns, ob dies der Weg zum Blauen See sei. Ja, das ist er. Nach einigen gewechselten Sätzen stellte Boris fest, dass er die beiden kannte, von gestern vom Frühstück im Café Hahn, dass sie neben ihm saßen. Welch ein Zufall! Die beiden erzählten, dass sie oberhalb der Nekropole in einem der Häuschen wohnten, die man mieten kann. Boris strahlte, sein Traum schien sich bald zu erfüllen. Wir wünschten beiden Besuchern noch alles Gute und gingen zur Bushaltestelle, denn ein weiterer Ort, der mir selbst unbekannt und dessen Existenz mich auf höchst eigenartige, kryptische und mysteriöse Weise die Woche über erreicht hatte, wartete auf uns.

Halte mich fest, ganz fest, fest.

19. Juni 2019

Ich fühle mich immer öfter zerrissen. Wie ein Granatapfel, der mit enormer Wucht auf dem Boden aufgeschlagen ist, schwer von all der Last, zersplittert in tausend blutige Teile, kein Ganzes mehr. Es ist ein seltsames Gefühl, entspringt es doch immer wieder der Erkenntnis, dass ich mein Wesen zum Wohle vieler Menschen einsetze. Was ja eigentlich schön ist.

Das, was ich mache, betrifft entweder einige wenige, mir bekannte Menschen, meine Freunde, denen ich aufgrund meiner Fähigkeiten und Netzwerke helfen kann, wenn sie meine Hilfe brauchen oder meinen Rat erfragen, oder gleich Tausende, Zehntausende, die ich niemals kennenlernen werde, die indirekt von meinen Entscheidungen profitieren und deren Leben nachweislich ein besseres ist, als es zuvor der Fall war. Ich habe mir schon oft vorgestellt, wie ich aufgrund meiner Handlungen mit all diesen Menschen verbunden bin. Abertausende hauchdünne Fäden aus weiß schimmerndem Licht, ausgehend von meinem Geist.

Die Verantwortung diesen vielen Menschen gegenüber, seien sie mir nun bekannt oder auch nicht, sie lastet schwer auf meinen Schultern. Ich nehme meine Aufgaben ernst und führe sie gewissenhaft aus. Ich weiß, ich bin niemandem etwas schuldig. Und doch erdrückt mich das Wissen, dass ich all diese Leben berühre durch das, was ich mache. In diesen Momenten weiß ich: Ich bin nicht traurig. Ich glaube, dass ich zutiefst überwältigt bin. Überwältigt von all den imaginären Verbindungssträngen. Wie viel Kraft und Energie kann ein einzelner Mensch aufbringen? Wie viel meiner eigenen Kraft kann ich zum Wohl der Menschen aufopfern? Wann ist meine Energie erschöpft? Ich bin manchmal so sehr müde, dass ich nicht schlafen kann. Sollte mich das nicht beunruhigen?

Manchmal schlendere ich durch die Straßen, auf dem Weg in eines der vielen Betten, in denen ich schlafe, wenn ich wieder einmal unterwegs bin mit dem, was ich mache. Und ich denke: Dieser Himmel, immer dieser wunderschöne Himmel mit all seinen Sternen, mal mit mehr Wolken, mal mit weniger Sternen, je nachdem, wo ich gerade bin, welche Jahreszeit gerade ist. Immer dieser Himmel, der sich scheinbar nie im Wesen ändert: Und doch milliardenfach vereinzelt wie ich. Was ändert sich schon? Warum fühle ich so? Weshalb kann ich nicht mal glücklich sein vermöge meiner Erfolge, warum kann ich sie nicht genießen, warum kann ich aus ihnen keine Kraft für mich zehren?

Heute habe ich mich gefragt, ob ich all das seit Jahren mache, um meinem Leben einen Sinn zu verleihen. Ja, sicherlich mache ich das deswegen. Oder etwa nicht? Ist das der Tatsache geschuldet, dass ich schon über die Hälfte meiner Lebenszeit den Eindruck habe, als Sohn zu versagen? Egal wie viel ich mache, egal wie vielen Menschen ich helfe, egal wie menschlich gut und menschlich erfolgreich ich bin. Egal wie stark ich werde, wie gebildet, wie strahlend schön. Und doch: Niemals wird mir das, was ich mache, diese Art der Bestätigung und Liebe geben können, die mir zu fehlen scheint, die ich mir in den Tiefen meines Herzens so sehr zu wünschen scheine. Kann es dieses Maß an Liebe überhaupt geben? Lässt sich diese meine Sehnsucht jemals real stillen? Nein?

Vielleicht ist das Ehrenamt mein Opium. Vielleicht betäube ich mich auch einfach mit all der Arbeit und den Aufgaben und der Verantwortung, um den Gefühlen und Gedanken des Versagens, der Sehnsucht und der ewigen Suche nach Liebe nicht allzuoft ausgesetzt zu sein. Manchmal platzt es eben heraus und ich spüre dann nur jene Überwältigung. Ist das eine Art von Selbstschutz? Wenn ein Mensch nicht mehr fühlen kann, als er ertragen kann, fühlt er sich dann überwältigt?

Fürchte ich die Nähe vielleicht deshalb so sehr? Die Nähe, mit der ich wahrlich tiefe Wurzeln in den Herzen der Menschen zu schlagen im Stande bin? Kommt die Angst, mich zu sehr auf einen Menschen einzulassen, daher? Fürchte ich mich deshalb davor, mich zu verlieben? Mich in den Augen, im Geist und an den Worten eines anderen Mannes zu verlieren? Muss ich deshalb meine Kraft, Energie und Liebe auf die vielen Menschen aufteilen? Um Distanz zu wahren? Und am Ende fühle ich mich doch so sehr zerrissen, stürze über all die weiß schimmernden Verbindungen zu Boden. Alles fesselt mich und nichts hält mich.

Ich habe so viel Liebe zu geben, so viel, und doch fürchte ich zu lieben. Habe Angst, fallengelassen zu werden, zu versagen, nicht zu reichen, nicht zu gefallen.

Hallo, Angst. Meine Angst, zu lieben. Komm‘ in meine Arme. Ich halte dich fest, ganz fest, fest.

Nachträge.

31. Januar 2014

Ich warte gerade auf die Bahn nach Hause, freue mich, dass ich früher als geplant Feierabend habe, da schreibt mir Stephan, dass seine Mutter mich zum Mittagessen an Nikolaus eingeladen hat. Es ist die erste Einladung, ein Schritt auf mich zu seit Stephans Outing. Ich lese die Nachricht und freue mich, freue mich so sehr, dass ich laut „JA!“ rufe und auf der Stelle springe. Die alte Dame neben mir schaut mich verwundert aus ihrer Echthaarperücke an und ich sage zu ihr „Heute ist einfach ein schöner Tag!“ und steige breit vor Glück lächelnd in die mittlerweile angefahrene Bahn ein, setze mich an einen Fensterplatz und genieße die Sonnenstrahlen.

Ich besuche meine Nachbarin und wünsche ihr ein frohes neues Jahr. Sie schenkt mir ‚was ein und wir sprechen ein wenig über Weihnachten und noch ein wenig mehr von der letzten Nacht des Jahres. Irgendwie kommt die Sprache auf lange Zungen und ich erzähle von dem Kinde eines Freundes, das meiner Meinung nach die längste Zunge der Welt hat. „Die hab‘ ich aber auch!“, sagt meine achtundsiebzigjährige Nachbarin und berührt mit ihrer Zunge ihre Nasenspitze. Daraufhin lachen wir beide und ich fühle, dass dies ein sehr schöner Moment zwischen uns ist.

„Einmal Chips&Chicken mit Ketchup und Mayo“, sage ich, als das Mädchen hinter der Theke dem Kunden vor mir zwanzig Cent Rückgeld auf die Ablage legt. Der Kunde nimmt hastig sein Geld in die Hand und brüllt die Bedienung an, wie sie sich nur anmaßen konnte, das Geld auf die rechte und nicht auf linke Ablage zu legen. Aus Courage sage ich „Sorry, mein Fehler. Ich habe mich wohl vorgedrängelt!“ und der alte Mann schreit genervt: „Sie haben damit nichts zu tun!“ Er zeigt mit dem Zeigefinger auf die Bedienung und brüllt, dass sie Schuld sei, schließlich wäre sie Ausländerin. Daraufhin das Mädchen hinter der Theke: „Entschuldigen Sie, aber wie sprechen Sie mit mir? Haben Sie keine Manieren?!“ Der Mann: „Ich rede mit Ihnen, wie es sich für Sie gehört, Ausländerschlampe!“ Mich packt die Wut, ich werde immer wütend, wenn unschuldige Menschen wegen irgendwelchen Überzeugungen angefahren werden, und brülle zurück: „Jetzt hören Sie mal auf! Was soll das denn?!“ Der Mann: „Halten Sie sich ‚raus!“ Ich: „Nein! Sie scheiß Nazi!“ Alter Mann, rückwärts davon laufend: „Aha, Sie sind wohl auch Ausländer!“ Ich, sehr laut: „Ja, das bin ich! Und Sie sind ein Nazi! NAZI!“ Ich brülle noch etliche Male, viele Besucher des Einkaufszentrums bleiben stehen oder drehen sich um und der alte Mann hastet roten Kopfes durch die Menge. Das Mädchen hinter der Theke hat glasige Augen und fragt noch einmal nach meiner Bestellung, entschuldigt sich. Ich sage, dass der Vollidiot sich zu entschuldigen hat und nicht sie. Sie stimmt zu und meine Bestellung geht auf’s Haus.

Wir sitzen gemütlich auf dem Sofa und schauen eine Folge „Downton Abbey“, Stephan, seine Mutter und ich. Es folgt eine Szene, in der Lady Mary mit verzweifelter, beinahe weinerlicher Stimme zu ihrer Mutter sagt: „Oh Mamá, ich bin verloren! Ich habe mir einen Geliebten genommen genommen, ohne an Heirat zu denken. Einen Türken!“ In dem Moment muss ich mich tierisch zusammenreißen, um nicht in Lachen auszubrechen. Denn die Situation ist durchaus lustig: auf dem Sofa sitzt Frau Mutter, links von ihr der Sohnemann und neben ihm sein Geliebter, der Türke.

Ich habe neulich am Bahnhof Rodriguez kennen gelernt, er macht hier ein Auslandssemester und kommt aus Brasilien, studiert Deutsch, ist 20. Er fragte mich in einem sehr klaren Deutsch nach dem Weg und sieht gar nicht wie ein Brasilianer aus, zumindest entspricht er nicht meinem Brasilianer-Stereotyp. Er hat rote Haare und sieht aus, wie ich mir Christopher Robin immer vorgestellt habe. Jedenfalls sprachen wir ein wenig und tauschten Nummern aus für den Fall, dass er in Kassel nicht zurecht kommt. Letzte Woche trafen wir uns und er erzählte mir, dass er noch nie in seinem Leben Schnee gesehen habe, weil er in Brasilien auf so einer Insel lebt mit Strand und Palmen und dauerhaft warmer Sonne. (Neid!) Nun hat es hier ja über Nacht zehn Zentimeter geschneit und er hat sich total darüber gefreut, Namen in den Schnee getippelt und so. Durchaus nachvollziehbar. Lustig daran finde ich, wie mir das kalte Wetter und der Schnee solange auf den Sack gingen, bis mir ein Fremder von seiner Faszination diesbezüglich berichtete und mir damit verdeutlichte, wie schön das auch sein kann. Wie könnte ich das nur jemals vergessen? Dennoch wünsche ich mir nichts sehnlicher als bunt und Frühling und ganz viel grün und Fahrrad fahren im T-Shirt und auf dem Balkon sitzen ohne zu frieren. Ich kann dieses GRAU nicht mehr ertragen.

Es ist bestimmt schon eins und wir hätten schon lange in den Federn liegen sollen, aber ich wollte ja unbedingt einen Mutterkuchen backen. Nach der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen, und so sitze ich mit Stephan im Wohnzimmer und wir lesen uns gegenseitig Details über die Charaktere unserer aktuellen Lieblingsserie vor. Den ganzen Tag schon trage ich „God Rest Ye Merry, Gentlemen“ als Ohrwurm in mir herum. Ende Januar. Um mein Leid zu lindern oder um es vielleicht zu beenden, verbinde ich mein iPhone mit der Bluetooth-Box und lasse den Song laufen. Wir sitzen uns gegenüber in Sesseln, seine Beine zu mir ausgestreckt und meine zu ihm. Erst summen wir, jeder in sein Smartphone vertieft, und dann singen wir; zwar nicht ganz textsicher, aber dennoch stimmig an den wichtigen Stellen. Am Ende des Songs beuge ich mich zu ihm vor und küsse ihn, werfe ein weiteres winterlich-weihnachtliches Lied an. Wie es dazu kam, dass wir aufgestanden sind, weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls stehen wir plötzlich im Raum und tanzen zu „It could be a wonderful World“ in der Version von Leon Bibb, Ronnie Gilbert und Robert De Cormier, halten uns, lächeln uns an, küssen uns. In diesem Moment fühle ich mein Glück stärker als jemals zuvor. Und nicht ein Zweifel.

Auf dem Balkon.

20. März 2013

Gestern saß ich nach einer langen Zeit wieder einmal auf dem Balkon und habe an den letzten Sommer gedacht. Auf dem Tisch waren weder Salzstangen, noch Oliven, am Geländer wuchsen keine Tomaten heran und im Garten lag Schnee. Alles war und ist anders, alles nicht Sommer, und dennoch fühlte es sich gestern an, als ob Marc bei mir säße. Dieser kleine Balkon – auf dem man nicht anders kann als zusammen zu rücken – ist wohl auf Ewig mit ihm verbunden.

Ich habe einen Jungen kennengelernt!, sagte ich zur Nacht. Aber warum fällt es mir so schwer, mich in ihn zu verlieben? Ich denke, es liegt an der Dichte und der Intensität, die ich in der Beziehung mit Marc hatte. Eine Beziehung gebaut auf Ferne und einer weitreichenden Lüge, denn Marc hatte einen Partner. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns nur ein paar Mal im Monat sahen, wenige, kostbare Tage, jede Stunde ein Geschenk, jedes Mal ein besonderes Ereignis. Das große Warten und dann das Gehört werden meiner kurzfristigen Wünsche, das Befeuern meiner lächerlichen Hoffnung, dass er eines Tages, ganz bald, auf mich zu gehen würde und seinen langjährigen Partner, den er monatelang belogen hat, für mich verlassen würde. (Ich rede mich schon wieder um Kopf und Kragen.) Mit jedem Ich liebe dich!.. seinerseits gab ich der trügerischen Hoffnung mehr und mehr Platz in meinem Herzen.

Damals Liebe und heute Tumor?, fragte ich die Nacht.

Marc war ein äußerst gefühlvoller, emphatischer Kerl, und wenn es etwas gibt, mit dem man mich ködern kann, dann sind es Gefühle. (Vielleicht, weil ich selbst so bin.) Er war ein schöner, reifer Mann. Nunja, und er war bisher auch der einzige Mensch, mit dem ich meine Musik ohne Zweifel und mit großer Freude teilen konnte. Ich habe mich in seinen Augen und in seinem Herzen verstanden gefühlt, und auch wenn ich heute denke, dass es nur teilweise so war, hat es mich sehr glücklich gemacht damals. (Es: der Gedanke, dass…)

Daniel hingegen ist eher sachlich. Er fühlt seine Umgebung nicht, er analysiert sie nach objektiven Kriterien. Ein hübscher Junge mit farbenfrohen Augen und einer tollen Mundpartie. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Dingen, die ihn zum Lachen bringen. Gefühlsbeladene, eher traurige und melancholische Sachen lassen ihn erst einmal kalt, dabei kann er auch romantisch sein in dem Sinne, was romantisch für mich bedeutet. Meine Musik kann er nicht nachempfinden. Ich denke ganz oft, dass meine Gefühle nicht zu ihm durchdringen. Ich frage mich dann, ob ich nicht genug Gefühl zeige.

Und ich frage mich, ob ich noch zu sehr an Marc hänge, aus welchen hoffnungslosen Gründen nun auch immer. Ob ich zu viel erwarte von einem Jungen meines Alters, ob das normal ist, ob er nicht einfach so gefühlvoll ist und ich verwöhnt und verdorben bin, was diese Sache anbelangt. Kann ich erwarten, dass es so wird wie mit Marc? Ist es nicht würdelos den Freund mit den ExPartnern zu vergleichen? Mache ich etwas falsch oder passen wir nur auf der Oberfläche zusammen? Ich möchte doch so sehr in die Tiefe gehen. Sollte ich es langsamer angehen, wo ich es doch kaum erwarten kann, mich in’s Meer zu stürzen?

Nun, gestern saß ich auf diesem Balkon und habe mich nicht getraut bzw. habe es mir untersagt, Marc zu schreiben, dass ich dort draußen sitze und an ihn denke. Welchen Sinn sollte das haben?, dachte ich. Lass‘ ihn in Ruhe, am Ende weinst du wieder.


23:49 Uhr.

7. März 2013

Lieber Abdu,
ich bin bewusst still. Auch an unserem Jahrestag und auch an deinem kommenden Geburtstag. Die synapsen brauchen Zeit. Ich dachte nur deine. Aber auch meine. Ich freue mich wenn Du jemanden gefunden hast. Ich hoffe er ist gut zu Dir und besser als ich es war. ich wünsche dir dass es gut wird. Wenn sommer kommt werde ich gelb tragen und rot hören. wenn sommer kommt werde ich mich immer noch erinnern so wie ich es jeden tag tue. an kassel. an hund und gelb und rot und fahrrad und park und see und lila und wasser. und an sofa ikea kartons transporter lampe bild kuss und jauchzen und weinen und jauchzen und so vieles mehr. ich weine gerade. und wollte das doch nicht mehr. ich möchte dass du nicht mehr weinst sondern glücklich bist. dass er Dir das gibt. du bist ein so guter mensch. besser als ich. viel besser. ich lasse jetzt los. voller gedanken. voller träenen. nichts im vergleich zu deiner trauer. es tut mir so leid.
der mann mit dem weissen ring

06.03.2012.

6. März 2013

Mein lieber Marc,

Es war kurz vor neun als die ersten Blicke fielen, als unser Wunder zu wachsen begann; ich habe es noch glasklar vor Augen. Diesen Anfang werde ich niemals vergessen, und auch wenn es kein schönes Ende nahm, danke ich dir für diese Zeit. Du hast mir sehr geholfen; ich habe viel gelernt von dir und durch dich.

Du bist noch oft in meinen Gedanken, doch es wird weniger werden. Ich bin froh, dass da keine Wut mehr ist, dass die Enttäuschung nachlässt.

Deine Musik trägt mich durch die Tage, mir geht es gut. Ich bin dabei, mich neu zu verlieben; in einen Jungen, wie du ihn mir immer gewünscht hast: in meinem Alter, hübsch und klug. Jemand, mit dem ich eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnte. Mal schauen, was das Leben für mich vorgesehen hat.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, das Wetter zumindest verspricht viel. Ich hoffe, dir geht es gut.

Wohlan, dein kleiner Achdu.

Untitled.

16. Januar 2013

Es ist so leicht für mich, dich zu lieben, dass es mir Angst macht. Ich war nie besonders gut in irgendetwas, aber ich habe ja auch noch nie etwas so sehr gewollt wie dich zu halten, sobald du wach bist, und in jeder Nacht, während ich schlafe. Die Frage lautet nicht mehr: Wie nur kann ich dich lieben?! Sie lautet nun: Wie nur würde ich jemals damit aufhören können?

(Es begann des Nachts, und so begann es auch zu enden: Momentaufnahme.)

Melone.

5. November 2012

Ich schreibe ihm: „Die Melone hätte dir sicher geschmeckt. Reif, nicht zu süß, genau wie sie sein sollte.“

Ich schreibe ihm nicht: Mit dir hätte sie noch besser geschmeckt. Mit dir hätte auch das Abendessen besser geschmeckt, dein Rezept, der Wein, den du mal mitgebracht hast. Der Tag wäre – wie jeder Tag mit dir – ein Tag gewesen, an den ich mich gerne erinnert hätte, er wäre gut gewesen und alle schlechten Nachrichten hätten ihre Schwere verloren. Ich hätte in deine Augen gesehen und gewusst: das Leben ist seltenseltsamschön. Mit dir an meiner Seite wäre kein Platz für die scheinbar allgegenwärtige Traurigkeit gewesen, ich hätte nicht wieder und wieder die selben Musikstücke gehört, die mich mit jedem Mal noch trauriger machen, weil sie mich an dich und mich und an all die Träume in der Wolke über meinem Zimmer erinnern. Wir hätten uns stattdessen jene wunderbare Musik vorgespielt – handverlesen und voller Liebe – und hätten Geschichten dazu erzählt. Ich hätte in deinen Armen gelegen und wäre nicht alleine eingeschlafen, nicht noch eine einsame Nacht voller Träume, die ich nicht verstehen kann. Ich hätte dich wachgeküsst und wäre nicht mit der schmerzenden Angst aufgewacht, dich im Herzen zu verlieren, nach und nach. Mit dir hätte ich gelächelt, wäre schön und glücklich gewesen. Du auch, du auch, du auch, du auch, auch du.

Ich schreibe ihm: „Du hast alles hier vergessen. Die Melone, den Joghurt, die Joghurtmilch, dich.“

19:41.

30. Oktober 2012

Wir sind in einem Kaufhaus. Die Jacken und Mäntel, die er mir zum Anprobieren ausgesucht hat, sind zu groß oder zu lang für meinen zierlichen Körper, und auch die Verkäuferin konnte mir kein passendes Kleidungsstück reichen. Ich probiere einen Mantel an, den ich selbst ausgesucht habe und von dem ich glaube, dass er zu mir passen könnte. „Wow, steht dir wirklich gut!“, sagt er. „Hätte ich jetzt nicht gedacht.“ Die Verkäuferin mustert mich und sagt schließlich: „Steht ihm ausgezeichnet! Da sieht man mal wieder: Kinder haben meistens einen anderen Geschmack als die Eltern.“ Ich blicke ihn an und wir müssen beide plötzlich lachen. Ich kann ihm aber nur kurz in die Augen sehen; ich schaue zu Boden, bin verlegen und traurig über diesen Moment, doch ich lächle, um es zu überspielen.

Im Laufe des Tages lachen wir mehrmals über diese Situation, denn er ist nicht mein Vater, er ist mein Freund. „Dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. Aber du könntest natürlich mein Adoptivkind sein, oder ich dein Stiefvater.“ Er macht kurz Pause und sagt leise: „So jemanden suchst du doch auch, nicht wahr?“ – „Einen Daddy? Nein, also das wäre nichts für mich…“ – „Das meinte ich nicht. Jemanden, der sich um dich kümmert.“ – „Ah, ich verstehe. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern, aber es wäre schön, wenn da jemand wäre. Jemand, der ‚da‘ ist für mich, der Vertrauen, Sicherheit und vor allem Ruhe ausstrahlt, alles andere ist variabel. Ich mache das nicht am Alter fest, nur scheint es niemanden in meinem Alter zu geben, der das bieten kann… Es ist auch unmöglich, all das mit zwanzig schon zu haben. Muss man sich ja erst aufbauen, indem man reifer wird.“

Der Tag verstreicht, die negativen Gefühle der letzten Wochen spielen nur noch eine Nebenrolle, wir werden wieder zärtlicher zueinander, doch immer noch können wir uns nicht küssen. Nach einem unerwartet schönen Abend sitzt er am Rand meines Bettes. Wir sprechen über unsere Beziehung und ob und wie es weitergehen sollte, inwiefern es überhaupt weitergehen kann mit uns. Ich frage ihn: „Du hast einmal gesagt, selbst wenn es deinen Partner nicht geben würde, wäre ich nicht die zweite Wahl. Was bedeutet das?“ Er atmet tief ein und sagt mit brüchiger Stimme: „Du wirst die Antwort nicht verstehen, aber bitte glaube mir, ich kenne sie.“ – „Bitte sag‘ sie mir trotzdem.“ Er sieht lange zu Boden, Tränen laufen ihm über das Gesicht. „Weil du gehen wirst.“ – „Nein, ich…“ – „Ich weiß, das ist wieder so ein blöder Satz, aber du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Ich habe es selbst erlebt. Du bist noch so jung, gerade erst in’s Berufsleben eingestiegen; wenn du nur wüsstest, was das mit einem macht! Du hast noch so viel vor dir, ein ganzes Leben! Vor zwanzig Jahren war ich ein vollkommen anderer Mensch. Ich bin so froh, diese ganze Scheiße nicht noch einmal durchmachen zu müssen, dieses ganze Leid.“ Ich höre zu, kann nichts antworten. Nach einer kurzen Pause sagt er leise: „Schau‘ mal, die Sache heute im Kaufhaus: so würde es immer sein. Hat mich so sehr getroffen, dass ich in dem Moment überlegt habe zu gehen. Stattdessen habe ich versucht es mit Humor zu nehmen.“ – „Ich weiß, wir haben so sehr darüber gelacht, weil es so tragisch war. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Es tut mir so leid.“ Ich drücke ihn an meine Brust und streichle ihm über den Kopf, wir weinen beide. Im Hintergrund läuft Die Nacht, sein zweites von insgesamt sieben Mixtapes für mich. Ich atme in seinen Nacken und spüre seinen Herzschlag. Ich flüstere die drei Worte in sein Ohr, die ich ihm seit Wochen nicht schreiben konnte, und sage: „Du bist so perfekt. Ich werde nie wieder jemanden treffen, der so ist wie du. Es ist unmöglich.“ Er schaut auf zu mir, die Augen gerötet. Ich werde niemals jemanden treffen, der solch blaue Augen hat, denke ich, mit weißen Ringen darin, von denen du sagst, ich hätte sie entdeckt. Alle nach dir werden sich an dir messen müssen, du wirst unerreichbar sein, weil du genau das für mich bist. Er antwortet: „Ja, du hast leider Recht. Du wirst viele Menschen kennenlernen, aber niemals jemanden wie mich. Ich weiß es doch selbst. Noch heute, zwanzig Jahre später, tut es weh, wenn ich meiner ersten großen Liebe begegne. Du weißt, vor drei Wochen habe ich ihn getroffen, nach Jahren wieder. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen… Ich verstehe dich und ich weiß: alles, was ich sage, macht es weder einfacher, noch besser für dich. Es hilft nicht weiter. Nicht dir, nicht mir. Du wirst es verstehen, wenn du so alt bist wie ich.“

In der Nacht küssen wir uns, wie habe ich seine Lippen vermisst, wir lächeln uns an. Ich flüstere, die Trauer auf meinen Lippen: „Ich habe die Liebe meines Lebens verloren, aber nicht dich.“ Ich schlafe in seinen Armen ein und träume von einem Kaufhaus, in dem es anscheinend alles zu haben gibt, was ich mir wünsche. Ich schaue mich um und erkenne viele Träume und Ziele wieder, doch was ich mir am meisten wünsche gibt es dort nicht. Ich verlasse den Laden mit leeren Händen.

Jim Croce: Photographs And Memories.

Ich bin in deinem Kopf.

31. Juli 2012

Ja, du wohnst dort. Penthouse. Dein Coupé parkst du in der Garage, steigst in den Aufzug und fährst nach oben. Am Herzen machst du Halt und küsst mich, dann fährst du weiter und streichelst meine Seele. Im Köpfchen angekommen, lächelst du zufrieden. Die Aussicht gefällt dir. Du flüsterst: Ich liebe dich.

Festhalten und leben.

20. Juni 2012

Heute hatte ich den bisher anrührendsten Moment meines Lebens.

Einer Frau ist in der 24. Schwangerschaftswoche die Fruchtblase geplatzt, Kind muss per Not-Kaiserschnitt gerettet werden. Der Fötus ist so groß wie meine Hand; der Junge ist so winzig klein, ich habe so etwas noch nie gesehen. Bei derartigen Eingriffen ist keine Zeit für eine anständige Narkose da, zu kurz ist die Spanne zwischen Leben und Tod. Der Kaiserschnitt wird bei fast vollem Bewusstsein und Schmerzempfinden der Frau durchgeführt. Ich höre die Frau im OP-Saal wimmern, während im Nebensaal, in dem auch ich mich befinde, versucht wird, das kleine Wesen am Leben zu halten. Erst sieht die Lage sehr schlecht aus, der winzige Junge will oder kann nicht atmen, seine Lunge scheint nur teilweise entwickelt zu sein. Dann steigt der Sauerstoffwert im Blut langsam an, die bläuliche Färbung geht zurück, das Kind hat wieder mehr Rot als Blau auf der Haut. Nach der Intubation wird es von einer Maschine beatmet und bekommt vom Arzt sogenanntes Surfactant, das die Entwicklung der Lunge unterstützen soll. Als die Lage stabil und das Team entspannter ist, wage ich mich in die Nähe des Kleinen, bisher habe ich nur zugesehen. Ich schaue mir ganz genau die Haut an, erkenne fast unsichtbare Härchen; die Finger und Zehen sind beinahe durchsichtig, die Knochen und Knorpel trüb, aber nicht einmal im Ansatz weiß; der Schädel ist weich und wie aus Gummi, leichter Flaum. Ich bekomme ein Mützchen gereicht, dieses ziehe ich sehr vorsichtig über den Kopf des Jungen. Ich reiche ihm anschließend meinen kleinen Finger, er bewegt seine eigenen schon ganz fleißig, und plötzlich hat er meinen Finger fest in seiner klitzekleinen Hand; nun, so fest, wie es ein Fötus in der 24. Woche eben kann. Dieser Moment rührt mich sehr, dieser Junge hält sich fest an mir.

Der Junge kommt auf die Intensivstation, die Mutter in den Aufwachraum. Erst hier bekommt sie schmerzausschaltende und entspannende Substanzen. Sie weint leise vor sich hin, bald wird sie nicht mehr weinen und danach wird sie schlafen. Ich warte den richtigen Moment ab, der Anästhesist ist fertig und zeichnet irgendwelche Werte auf. Ich beuge mich vor zu ihr, nehme meinen ganzen Mut zusammen und sage: „Ihr Junge hat sich an diesem Finger festgehalten, sehen Sie mal!“ Sie blickt auf meinen kleinen Finger, den ich hochstecke, weint noch immer. „Er hat sich am Leben festgehalten.“ Ich streiche ihr mit dem kleinen Finger Tränen aus dem Augenwinkel, die Narkose wirkt bereits, sie wimmert nur noch. Ich streichle sie so lange, bis sie eingeschlafen ist. Dann kommen mir selbst die Tränen.

Der Anästhesist legt seine Hände auf meine Schultern und flüstert: „Das hast du schön gesagt.“ Ich lächle und wische mir Tränen aus den Augen.

Momentaufnahme.

27. Mai 2012

Mein Kopf lehnt an seiner Schulter, sein Kopf lehnt an meiner. Ich weine vor Rührung und er flüstert meinen Namen, wir halten uns. Ich glaube er weint auch. Er streicht mir durch das Haar, ich über seinen Rücken. Wir halten uns und lassen nicht mehr los. Das ist Liebe, das ist Glück.

Amsterdam.

27. April 2012

Zusammen mit anderen Freiwilligendienstleistenden bin ich für eine Woche nach Amsterdam gefahren. Die Stadt hat mir äußerst gut gefallen: klein, dicht bevölkert, großes Angebot an Kunst und Kultur. Die Grachten und diese seltsam-schief aneinander gereihten, niedlichen Häuser, das viele Grün und die Fahrräder überall, die Beleuchtung bei Nacht: wunderschön. Eine durch und durch tolle Stadt, die man gesehen haben sollte.

Am Montag, dem Tag der Anreise, habe ich morgens noch überlegt, ob ich nicht einfach im Bett liegen bleiben und mich später krank melden soll, nachdem der Reisebus auf jeden Fall schon unterwegs ist. Ich wusste genau, was mich erwarten würde: eine Woche unter mehr oder minder Gleichaltrigen, für die ich unsichtbar bin und mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation war größer als die Freude auf eine erlebnisreiche Woche in einer Weltstadt. Ich wollte viel lieber arbeiten. Das alte Nähe/Distanz-Problem. Doch wie es bei mir immer so ist, bin ich letztlich doch aufgestanden, denn das Auslandsdatenpaket war schon gebucht und der Koffer bereits gepackt, und auf Ausräumen und Stornieren hatte ich keine Lust. Form follows function.

Nun saßen wir also im Reisebus und fuhren nach Amsterdam. (Etwa 150 Personen, zwei Reisebusse.) Dort angekommen hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr auf die anderen Mitreisenden. Immerhin durfte ich mir die Menschen aussuchen, mit denen ich mein Zimmer teilen sollte; das war gut. Als Gruppe von etwa zwanzig Personen, die ich alle nicht kannte, haben wir uns am späten Nachmittag aufgemacht und die Stadt erkundet, sprich: die Anderen haben einen Supermarkt gesucht, in dem man Alkohol kaufen konnte, und danach einen Coffeeshop, in dem man Zeug rauchen konnte. „Na super…“, dachte ich und habe mich aus dem Staub gemacht, um allein die Stadt kennenzulernen.

Ich bin durch die Straßen Amsterdams gelaufen, über die vielen Brücken und Grachten und habe mich genau umgesehen. Überall tolle Architektur, an jeder Ecke etwas, das ich interessant oder schön anzusehen fand. Und dann wurde es auch schon dunkel, und ich wurde melancholisch.

Ich habe viel über unglückliche Dinge und über mich nachgedacht, als ich alleine durch die Nacht ging, meinen ganz eigenen Stadtrundgang im Dunkeln machte. Ich wollte nicht mit den Anderen sein, ich wollte mir die Reise nicht mit Alkohol und Drogen verderben, doch allein sein wollte ich auch nicht. Also machte ich mir Gedanken. Ich habe an meine gescheiterte Beziehung gedacht, ich dachte an Freunde, die mir nach wie vor fehlen, an meine Eltern, die mir fern sind, an die Familie, die mir immer fremder wird. Ich dachte daran, wie ich mir alles anders vorgestellt hatte. Und zu guter Letzt dachte ich, dass ich einsam bin, dass ich niemanden habe, der mich begleitet auf meinem Weg. Ich stand allein auf einer Brücke über der Amstel, der Wind war kalt, das Wasser unter mir rauschte nur so vorbei. Ich sah den Fluss hinauf und hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als in der Ferne ein Schiff aufleuchtete, in schillernden Farben, ganz bunt. Es kam immer näher auf mich zu, es war farbenfroh und irgendwie niedlich, weil es bei näherer Betrachtung doch nicht so groß zu sein schien wie ich vermutet hatte. Es fuhr vorbei und nahm all meine dunklen Gedanken mit sich. Und zurück blieb etwas wie Glück in meinem Herzen, eine tiefe Zufriedenheit, ein starkes Selbstbewusstsein. Fortan dachte ich an die guten Dinge in meinem Leben, an den Mann, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, an seine Augen, seine starke Seele. An die vielen Menschen, die bei mir sind, auch wenn ich sie nicht oder selten sehe. Ich dachte an das vergangene Wochenende, den Geburtstag meines Vaters und meinen Überraschungsbesuch, den Abschied am Bahnhof, das Herzklopfen in Stuttgart, die Umarmung in Frankfurt, das Gewitter auf dem Maintower, das ich mit einem besonderen Menschen erleben durfte, hautnah. Ich dachte an meinen Lieblingsmitbewohner und seine Freundin, an die verkuppelten Fahrräder vor dem Fenster, an die Kinder, an meine Eltern, die mich lieben, an meine teuren Freunde, die da sind für mich, die mich anrufen, anschreiben, sich mit mir treffen, mit mir reden. Ich dachte an mich und welch‘ Glück ich doch habe, und dass ich glücklich sein sollte. Und ich war es, ich war glücklich auf dieser Brücke, in dieser Nacht, in der ich mich einsam fühlte. Ich ging durch Amsterdam und lächelte. Ich bin allein gewesen, aber ganz sicher nicht einsam. Ich habe Liebe im Herzen, Träume für die Zukunft, Ziele in Nah und Fern. Ich bin nicht einsam, ich bin höchstens etwas verwirrt und gerade dabei, erwachsen zu werden. Alles gut.

Morgen mehr.

Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

Des Nachts.

31. März 2012

Gestern Nacht habe ich die ganze Zeit an dich gedacht. „Wie wäre es, wenn er plötzlich da wäre?“ Mein Herz ist stehen geblieben, so schnell schlug es, Schlag auf Schlag. Meine Hände sind erstarrt, als ich an das Gefühl deiner Haut dachte. Wie sehr ich es gewollt habe, wie ein Wahnsinniger, wie sehr ich deine Wärme fühlen wollte, deine Augen, deinen Blick. Dein Atmen. Oh komm‘ und hab‘ mich lieb. Umarme mich, ich vermisse deine Hände, deine Haut, deinen Geruch und Geschmack. Komm‘, umarme mich, ich will dich bei mir haben. Ich weiß nicht wieso und weshalb, aber ich vermisse dich. So sehr, das kenne ich gar nicht von mir. Ich wusste bisher nicht, dass ich das kann. Ich will dich so sehr halten und fühlen und umarmen. Das ist keine Vorstellung mehr, ich kann es nicht mehr leugnen: Ich liebe dich, falls du möchtest. Wirklich möchtest. Komm‘ zu mir, komm‘ her. Dein Geruch an meiner Haut, in der Wohnung, deine Stimme in den Wänden, dein Herzschlag an mir. Komm‘ und geh‘ wie du möchtest, du bist willkommen. Immer. Ich bin da. Ich höre dir zu und ich sehe dir gerne zu, wenn du mir zuhörst. Ich bin da, bin da für dich. Für dich und was du heute schreiben wolltest. Was du gefühlt hast, was auch immer dich berührt hat. Ich bin da.

Wie hast du denn gemerkt…

6. Juli 2011

Er hatte schon immer eine gewisse Anziehungskraft auf mich, doch erst im Januar merkte ich, dass ich wirklich auf ihn stehe.

Seit Langem schon schrieben wir DMs miteinander, doch wurde das mit der Zeit zu umständlich, also wechselten wir in den Chat-Client. So ging das viele Tage und Nächte, wochenlang, bis ich eines Morgens zitternd und schweißgebadet aufgewacht bin. Die Nacht war sehr lang gewesen, wir hatten bis in die Morgenstunden miteinander geschrieben, entsprechend war meine Müdigkeit. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, hatte Kopf- und Augenschmerzen, war verspannt bis in die letzte Muskelfaser. Mein Körper glich dem Innenleben einer Tiefkühltruhe und war nicht, wie ich ihn gewohnt bin. Ich stand auf und versuchte, mir die Kälte vom Körper zu waschen, mich zu enteisen, doch an meiner Empfindung änderte das wenig. Ich aß eine Banane und gleich noch eine und trank heiße Milch mit extra viel Honig, vielleicht brauchte ich einfach nur etwas Zucker, um zu mir zu kommen. Es roch überall nach Moos und Wald und Pilzen, als wäre es Herbst und als stünde ich mitten in einem Tannenwald zwischen Reh und Hirsch, aber das bildete ich mir nur ein. Kein Stückchen Musik konnte mich auf dem Weg zur Schule beruhigen, nichts, nicht einmal die Lieblingstitel schafften es. Die Busfahrt sollte lange dauern, die Zugfahrt würde noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Meine Hände fühlten sich glühend-heiß an, während es mich regelrecht schüttelte, als wäre ich schutzlos der Kälte Sibiriens ausgeliefert gewesen. Der Schnee, der damals fiel, war kein Schnee, er war nicht flockig und weich, sondern wie abgeriebene Seife-Stückchen, wie Glassplitter, hart und zackig. Er verletzte mich und kratze mir unverständliche Worte und Zeichen in die Haut. In der Schule saß ich nun und wusste nicht, was mit mir los und weshalb ich plötzlich so emotional war. An keinem Tag zuvor hatte ich einen derartigen Durst, eine solche Sehnsucht in mir gehabt. Ich konnte dieses Gefühl nicht stillen, ich wusste nicht wie und hätte geweint, wäre es mir möglich gewesen. Stattdessen versuchte ich mich abzulenken und rechnete Mathe-Aufgaben. Ich las die Formeln und Regeln und rechnete die selbe Aufgabe wieder und wieder durch, kam aber zu keinem Ergebnis. In meinem Kopf gab es keinen Platz für Rechenaufgaben; ich konnte nur an ihn denken.

Und dann hatte ich die Lösung: Ich war verliebt.

Formspring.

4. Juli 2011

Folgend acht Fragen und Antworten aus meinem Formspring-Profil, die ich sehr mochte und hier gerne festhalten würde, bevor sie in der Timeline untergehen.


Frage:

Hasst du deine Familie?

Antwort:

„Eure Ehre ist unser Leid.“ (Die Fremde)

Obwohl ich sehr unter meiner Familie leide und sie mich traurig und depressiv macht, hasse ich meine Familie nicht. Dass sie so sind, wie sie sind, liegt nicht an ihnen selbst, sondern auch und vor allem an ihrem Umfeld und an ihrer Lebenswirklichkeit. Beide Elternteile wurden nach den Normen und Werten des türkischen Patriarchats erzogen, und obwohl auch sie ganz sicher darunter zu leiden hatten, leben sie in diesen Strukturen fort. Sie kennen es nicht anders; sie kennen nur die Welt, in der sie aufgewachsen und fest verwurzelt sind. Für sie ist das die ideale Lebensform; sie ist ehrenhaft, rein und traditionell. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, dass sie mich so behandeln, wie sie es für richtig halten. Schließlich denken sie, dass das die beste Art ist, einen Sohn zu erziehen. Meine Eltern lieben mich und meinen es gut mit mir, doch auf eine Art und Weise, die mir schwer zusetzt. Ich komme nicht damit klar, wie sie sich mir gegenüber verhalten und was sie tun und was nicht. Zum Beispiel schnürt sich mir der Hals zu, wenn mir meine Mutter davon erzählt, was sie meiner „Aussteuer“ hinzugefügt hat. (Als Aussteuer bezeichnet man beispielsweise Gegenstände, die mit in die Ehe genommen werden.) Sie tut das aus Liebe zu mir, doch dass ich homosexuell bin und somit eine Ehe nach ihren Vorstellungen nicht in Frage kommt, weiß sie nicht. Es würde ihr das Herz brechen, würde sie davon erfahren, denn sie gibt sich soviel Mühe dabei, mir eine möglichst wundervolle Aussteuer bieten zu können. Mein Vater zum Beispiel träumt davon, dass er eines Tages mal ein Haus besitzen wird, indem er mit meiner Mutter im Dachgeschoss wohnt und ich und mein Bruder die jeweils anderen beiden Stockwerke mit unseren Familien besiedeln. Er malt sich das aus, wieder und wieder, und erklärt mir dann, dass er sich umentschieden hat und sich statt eines Apfelbaumes einen Kirschbaum wünscht. In all diesen Träumen fehlt die Wahrheit, die meine ist. ICH werde nicht in dieses System und auch nicht in die verwirklichten Träume passen, denn ich bin ein Sonderfall, in ihren Augen eine Schande: ich glaube nicht an Gott und bin zudem schwul, verachte das Patriarchat und dessen Konzept und finde keinen Gefallen daran, mich wegen eines Buches in meiner persönlichen Entfaltung einschränken zu müssen. (Wobei mich eher die Kultur und Tradition einschränkt, als der Koran.) Als ich mit 12 oder 13 Jahren für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt wurde, damit die eventuelle Homosexualität aus meinem Gehirn gewaschen wird, habe ich verstanden, dass mich das System nicht als Mitglied haben will, weil ich, wie ich es bin, das System in Frage stelle. Ich hasse meine Familie nicht, doch meine Familie würde mich hassen, wüsste sie die Wahrheit. Denn das System, die Gesellschaft, in der sie leben, schreibt ihnen vor, dass sie mich zu hassen haben. — „Wenn sie sich entscheiden müssen, wenn sie wählen müssen, zwischen dir und der Gesellschaft, sie werden sich nicht für dich entscheiden.“ (Die Fremde) — Ich empfehle JEDEM, der sich auch nur im Ansatz für türkische Familienstrukturen interessiert, sich den Film „Die Fremde“ anzusehen. Dieser Film ist von Anfang bis Ende WAHR, nichts darin ist übertrieben oder abgeschwächt dargestellt. Darin kann man sehr gut sehen, zu was das System fähig ist, wenn es sich in seiner Ehre und Würde bedroht sieht. Seht euch diesen Film an! Er ist der einzige seiner Art, der meine Noch-Wirklichkeit zeigt, wie sie ist. Sicher werdet ihr nicht glauben können, was ihr dort seht, doch ich versichere euch: es stimmt mit der Wahrheit überein und könnte mir genauso passieren wie hunderttausend anderen Türken und Türkinnen auch.


Frage:

Wann wirst du deinen Eltern sagen dass du schwul bist?

Antwort:

Ich habe nicht vor, es meinen Eltern zu sagen. Ich erachte das Outing bei ihnen als sinnlos. Wenn sie es wissen wollen, können sie mich ja fragen, doch von mir aus werde ich nichts sagen. Und solange es sich vermeiden lässt, werde ich mich bei ihnen nicht outen. Meinen zwei besten Freunden hingegen, Jes und Bene, habe ich es gesagt. Ich wollte, dass sie es wissen.


Frage:

Du erachtest das Outing als sinnlos? Oder willst du einfach keine Konfrontation, da ich jetzt mal (basierend auf deinen Erzählung von deiner Familie) glaube, dass sie unschön/aggressiv reagieren würden.

Antwort:

Genau, ich möchte Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, da meine Eltern vorerst sowieso nicht verstehen werden, warum ich so bin, wie ich bin. Ich fühle mich außerdem noch nicht stark genug, um mich bei ihnen outen zu können. Es lässt sich noch vermeiden, also werde ich es vermeiden. Und wenn es ‚rauskommt, müssen sie mich ansprechen. Auf diesen Tag werde ich warten und mir Prügel, Schläge und eventuell auch den Ehrenmord ersparen.


Frage:

Hey, wie sind denn deine Erfahrungen mit flittern auf twitter?

Antwort:

Hihihi. Da fragst du den Richtigen! Ich habe meinen Freund via Twitter kennengelernt. Ich denke, dass man auf Twitter Menschen auf einer besonderen Ebene kennenlernt; auf eine ehrliche, tolle Art. Dadurch, dass die Timeline öffentlich ist und jeder, man selbst und der (potenzielle) Partner, in die Runde spricht, entsteht ein großes Vertrauen zueinander, da man weiß, wie sich welche Person zu Anderen verhält, wie diese und jene Person die Möglichkeiten Twitters nutzt und wozu und so weiter. Auf Twitter kann sich das ganze Spektrum eines Charakters ausbreiten. Man lernt Menschen viel „breiter“, „satter“ und „voller“ kennen. Auch, wenn die Timeline einer großen Party gleicht, jeder vor sich hin brabbelt und viel gechattet und geschrieben wird, geht die Konzentration auf Einzelne nicht verloren. Twitter ist nicht so „laut“ wie eine Party, nicht so „grell“. Twitter ist sanft und süß und lustig, und das sind doch gute Voraussetzungen, um jemanden kennenzulernen!


Frage:

Wusstest du schon vor deiner Beziehung, dass es ein Held sein wird und keine Heldin?

Antwort:

Im Alter von neun Jahren wurde meine Sexualität aktiviert. Es begann eine Zeit, in der Dinge wuchsen und sich Interessen entwickelten, in welcher Hormone in Massen durch meine Adern rauschten. Ich entdeckte meinen Körper und fand recht schnell heraus, was man mit dem Ding zwischen den Beinen so alles machen konnte. Und ich mochte, was man damit machen konnte, denn es bereitete mir Freude. Wie alle Jugendlichen in dem Alter (12 oder so) las auch ich die Bravo und sah mir die nackten Körper in der Dr. Sommer-Rubik an. Doch mit der Zeit interessierte ich mich immer weniger für die Mädchen, denn diese empfand ich bald schon als „langweilig“ und „fremd“. Ich sah mir viel lieber die Jungs an, und wie deren Körper geformt und bestückt war. Mich interessierte, welche äußerlichen Merkmale die Genitalien anderer Jungen hatten, und was sie dazu sagten. Bald wurde mir klar, dass ich mich eher für Jungs als für Mädchen interessierte. Doch das konnte man natürlich keinem sagen, vor allem ich nicht als Sohn, der aus türkischen Hause kommt und in dessen Familie Kultur und Islam eine wichtige Rolle spielen. ‚Ne Zeit lang sagte ich mir selbst, dass ich bisexuell sei, doch das war nur eine Scheinbehauptung, die ich mir aus „Gewissensgründen“ auferlegt hatte. Letztes Jahr habe ich viel nachgedacht und ein paar Updates in meinen Kopf eingespielt. Die größte Neuerung war, dass ich mir eingestehen konnte, dass ich homosexuell bin. Ich wusste also sehr genau, dass es ein Held und keine Heldin sein würde.


Frage:

Wenn du es könntest, würdest du gern unsterblich sein? Begründung.

Antwort:

Ich stelle mir Unsterblichkeit sehr schrecklich vor. Was wäre das für ein trostloses, sinnloses Leben, wenn am Ende keine Pointe, nicht der Tod steht? Ich wüsste nicht, was ich mit all der Zeit und mit all den Möglichkeiten anfangen sollte; das überfordert mich ja jetzt schon! Nein, ich möchte auf gar keinen Fall unsterblich sein. Ich glaube, dass man in der Unsterblichkeit sehr schnell den Sinn für Feinheiten und für das Besondere im Leben verlieren würde. Alles wäre irgendwie bekannt und würde gleich schmecken. Abläufe würden sich ständig wiederholen, eine unendliche Langeweile würde sich in mir ausbreiten. Gerechtigkeit, der Glaube an Wunder, Wissen, all das würde an Bedeutung verlieren. Die KOSTBARKEIT eines Lebens würde verblassen und nur noch dann durchscheinen, wenn man versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Nein, für mich bitte keine Unsterblichkeit.


Frage:

Wenn du dich entscheiden müsstest: aufs Herz hören oder auf den Kopf?

Antwort:

In ihrem Song „İki Gözüm“ verleiht Sezen Aksu den Worten „Gönül ektiğini biçer“ ihre Stimme. Dieser Satz, welcher soviel bedeutet wie „Das Herz erntet, was es zum Einsatz bringt“, ist so endgültig und vollkommen, dass jeder weitere Satz überflüssig erscheint, der versucht zu erklären, dass man auf den Kopf hören sollte.


Frage:

Wie fühlst du dich, wenn du ein “Nein” als Antwort erhältst?

Antwort:

Ich habe schon viele Neins in meinem Leben als Antwort erhalten und bin es mittlerweile gewohnt, damit umzugehen. Doch manchmal trifft mich ein Nein so stark, dass ich für ein paar Stunden unfähig bin, damit umgehen zu können. Das kommt selten vor, ist aber sehr schrecklich für mich, weil ich dann die Kontrolle verliere und zertrümmert bin. Letzte Woche ist mir so ein Nein passiert und ich habe sehr heftig geweint; geweint um alles, was war, hätte sein können und vielleicht nicht sein wird. Jetzt, Tage später, weiß ich, was ich tun muss, um dieses Nein zu kompensieren. Hoffentlich klappt’s. Und falls es nicht klappen sollte: es gibt viele Wege und Alternativen.

Sagenhafter Zufall.

28. Mai 2011

Der Blick meines Vaters, als der kleine, süße Sohn des Gastes, vielleicht drei, vier Jahre alt, auf die Frage, wen er denn im Kindergarten am meisten liebe, mit Florian! antwortet.

Der Sprung meines Herzens, als der kleine Sohn lächelnd und selbstbewusst seine Antwort wiederholt.

29:17:58:52.

20. Mai 2011

Ich komm‘ einfach nicht mit dem Gedanken klar, dass es nicht ist, wie sein sollte: ich bei dir, physisch. Diese Ferne tut mir jetzt schon sehr weh, und auch wenn wir nie wieder so fern sein werden wie jetzt, bleiben wir das. Ich habe eine sehr große Angst davor, dich auf dem Weg in meine Freiheit als Partner zu verlieren. Dass du es nicht mehr aushältst, dass es zu Ende ist, bevor wir es miteinander ausleben können, nicht nur fünf und ein paar noch unbestimmte Tage lang. Mir geht es wie dir, mit dem Denken, Träumen usw. und es freut mich zu hören, dass du mich „anders, tiefer und breiter“ liebst, es lässt mich lächeln. Du wirst nicht „verschwinden“, das weiß ich. Und dennoch habe ich Angst. Gestern hatte ich diese Angst nicht, gestern war alles gut und ich hatte keine Sorgen. Doch jetzt, wieder einen Tag in diesem „RL“ und alles ist stärker als zuvor. Ich sehe die Zeit hier in diesem RL als Verschwendung an und würde diese Zeit gerne bei dir sein, etwas Tolles, Schönes und Erfüllendes erleben, anstatt nur die Tage zu zählen.

Die Eule und der Durst.

19. Mai 2011

Als ich sie umarme, drückt sie mich fest an sich und streichelt mir den Rücken, während mein Kopf auf ihrer Schulter ruht. Ich schließe meine Augen und atme den zarten Duft ihres Nackens ein und verspüre eine starke Gänsehaut, die um ein Vielfaches an Kraft gewinnt, als er mich von hinten umarmt und uns Beide in Sicherheit und Liebe wiegt. Umschlossen von starken Armen und zwischen zwei schlagenden Herzen denke ich an den Satz, der bis zuletzt mein Leben beschrieb — Alles fesselt mich und nichts hält mich — und fühle mich so frei und leicht wie noch nie zuvor; trage weder Last, noch Sorge in mir. Ich glaube zu schweben und weiß, dass Glück sich genau so anfühlen muss.

Ich küsse sie auf die Stirn und ihn auf die Wange.

Genau einen Tag später, also jetzt, vermisse ich dieses Hochgefühl, diesen großen Moment des Glückes so sehr, dass ich wieder in das alte Muster zurückfalle und mich in die Arme der Traurigkeit flüchte.

Alles fesselt mich und nichts hält mich.

Der Leichnam eines Sohnes.

6. Mai 2011

Bald ist der Wall hoch, groß und echt genug, um mich allumfassend schützen zu können, und bald bin ich stark, mutig und klug genug, um den Fortschritt zu wagen. Und wenn dieses Bald dann ist, wird von mir nur noch der Wall zurück bleiben, denn ich werde fort gehen und hinter mir lassen, was mich schmerzt.

Obhut.

15. März 2011

Von dir geträumt; wahrscheinlich der schönste Traum von allen bisherigen. Wir befanden uns in einem Haus mit hundert Räumen, Türen und Treppen, welches eine Art Geheimnis war. Im Kern des Hauses — ein altes, aber solides Gebäude —, dort standest du, hast mich erwartet. Und ich wusste, dass du auf mich wartest, also habe ich alle Türen geöffnet, alle Schlösser geknackt und alle Register gezogen, um bei dir zu sein, um dich zu sehen.  Die letzte Tür stand offen, und du standest dort in diesem Raum, ich sah dein Gesicht im matten Licht, sah deine Augen lachen. Du hast mir deine Hand ausgestreckt und ich hab‘ kurz gezögert. In dem Moment ist die Zeit eingefroren, aber du hast noch gelebt. Du warst in meiner Zeitebene, wir waren die einzigen Lebewesen in dieser Zeit und alle Sorgen waren vergessen. Alle Bedenken und Ängste lagen nun hinter uns und ich nahm deine Hand in meine Hände. Was dann passierte, ist, dass wir uns wie Magneten anzogen, Plus und Minus, zack. Ein sanftes, ein weiches Zack. Wir waren federleicht, und das Licht trug uns auf ein weiches Bett, weiß, unschuldig und wahr. Und darauf hast du mich gehalten; fest und immer fester, so fest, wie ich es mir niemals vorgestellt hatte. Es war angenehmer als in meiner Vorstellung, du warst warm und die Kälte in mir ist immer weniger geworden, bis sie fort und uns fern war. So lagen wir da, ineinander verschlungen, Hand in Hand, Auge um Auge und Haut an Haut. Und wie du einmal gesagt hast: wir haben beide sehr viel gespürt.

Es war Zeit zu gehen, die Welt draußen stand schon zu lange still, sie würde gleich über uns hereinbrechen, bliebe ich noch ein paar Minuten länger. Es war schwierig und schmerzhaft, voneinander loszulassen, aber nicht unmöglich. Das Bett war noch immer weiß und unschuldig, das Licht noch immer matt. Wir hatten noch kein Wort gesprochen und du sagtest, zum Abschied: „Worte braucht es nicht.“

Secretary.

25. August 2010

Heute habe ich den Film „Secretary“ gesehen, nachdem mir dies am Sonntag nicht möglich war, weil mein Vater für diesen Abend andere Pläne hatte und ich in seinen Plänen eine elementare Rolle spielen musste… (Memo an mich selbst: endlich die Gedanken über den letzten Sonntag in den Computer eintippen.)

Den Film hat mir Frau Fragmente empfohlen, obwohl ich „noch zu jung!!!“ dafür bin. Ab dem heutigen Tage werde ich Empfehlungen von Frau Fragmente anderen Empfehlungen vorziehen, denn ich weiß nun ganz sicher: ihre Tipps sind hochwertig und sprechen mich immer an. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Donnie Darko. (Memo an mich selbst: endlich den fragmentarisch entworfenen Blogpost über Donnie Darko zu Ende schreiben.)

Wer „Secretary“ noch nicht kennen sollte, kann die Wikipedia zur Wissenserweiterung heranziehen. Von mir gibt es nur ein paar Anmerkungen:

  • Das Theme ist toll. Ich muss mir unbedingt den Score bzw. den Soundtrack des Filmes besorgen. Hoffentlich ist so etwas erhältlich! Ich will unbedingt diese großartige Melodie auch außerhalb meines Kopfes hören können.
  • Ich habe mir den Mann (E. Edward Grey, gespielt von James Spader) viel älter vorgestellt, obwohl ich zuvor keine Vorstellung davon hatte, wie, wann, wo und mit wem der Film spielen wird. Wieder so ein Rätsel, das mir mein Gehirn aufgibt.
  • Maggie Gyllenhaal ist im echten Leben die Schwester von Jake Gyllenhaal und in „Donnie Darko“ die Schwester von Donnie Darko. Zufälle gibt’s. (Ich würde gerne mit beiden schlafen. Wäre das dann Inzucht oder so etwas in der Art? Hmm.)
  • Maggie Gyllenhaal ist eine schlichte Schönheit. Ich mag ihre Brüste und ihre Lippen und ihr Lächeln. Hübsche Augen. Kann es sein, dass sie Grübchen hat? Sie trägt im Film Pelz, was ich sehr interessant und schön anzusehen fand. Wie es sich wohl anfühlt, einmal mit der Hand über ihren Venushügel zu segeln? Als sie die schüchterne Lee Holloway verkörperte, fand ich sie unverschämt süß. Als sie die devote Lee Holloway spielte, fand ich sie sehr reizend. Ich mag es, wie sie atmet.
  • Der langsame Wandel der Charaktere und die schleichende Entwicklung der Geschichte hat mir sehr gefallen. „Langsam“ und „Schleichend“ sind zu hundert Prozent positiv gemeint. Tolle Farben! Und traumhaft schöne Detail.
  • Die Ticks der Lee Holloway sind mir gar nicht als solche aufgefallen. Außer das mit der Zunge; das war zu offensichtlich. Und dabei beobachte und analysiere ich immer alles minutiös! (Memo an mich selbst: öfters nicht Beobachten und Analysieren, sondern einfach nur ansehen.)
  • Erkenntnis: Schüchternheit täuscht. Stille Wasser sind tief, genauso wie die Wunden der Lee Holloway.
  • Während Lee Holloway sich irgendwo am Oberschenkel Schmerzen zufügte, musste ich an meinen Glastürenunfall denken und auf die Narben an meiner rechten Hand schauen. Sieht aus wie ein verunglückter Selbstmordversuch!
  • Während ich den vorherigen Abschnitt eintippte, habe ich einen Krampf in meiner rechten Wade bekommen und dabei unbeabsichtigt-eigenartig gestöhnt. Ganz kurz habe ich versucht, den Schmerz zu genießen. Nicht wirklich mein Ding. (Memo an mich selbst: das Ziehen nach dem Krampf ist ganz OK und erträglich.)
  • Für Lee Holloway ist Schmerz das, was für mich die Traurigkeit ist. Faszinierende Parallelen erkannt. Vor allem in der „Hörbuch“-Szene.
  • Der erste Sex der Lee Holloway war für sie nicht sehr berauschend. (Memo an mich selbst: während meines ersten Males auf Zeichen und Körpersprache achten, nicht zu früh kommen. „Standartratschläge“.)
  • Ich dachte, in dem Film wird knallhartes BDSM-Zeug gezeigt, so mit Leder, Lack, Auspeitschen und Fesseln. Ich sollte meine Blitzgedanken überdenken. Das, was gezeigt wurde, empfand ich als sehr sanft und lieblich. Knallhart dagegen sind meine Vorurteile. (Abknallen, sofort!)
  • Meine Mutter hat „Secretary“ schon gestern gesehen, während ich arbeiten war. Ich kam gegen Ende des Filmes zu Hause an. — Mutter kommentierte: „Was ist denn für ein komischer Film?“ Bruder kommentierte: „Die Frau ist ja voll psycho, die ritzt sich, um etwas zu fühlen!“ — Mein Bruder hat den Film nicht ganz gesehen, Mutter dahingegen schon. Ich machte mir viele Gedanken, heute wie gestern, denn ich wusste ja nicht, was meine Mami gesehen hatte. Bin jetzt beruhigt. Mir fiel auf, dass meine Mum an den kritischen Stellen (offensichtlich sexuelle Szenen) immer vorspulte. (Memo an mich selbst: das nächste Mal sollte ich DVDs nicht gemountet lassen.)
  • Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Mir hat „Secretary“ sehr gefallen. Ganz schlicht und schön.
  • (Memo an alle: ich bin für nichts nie zu jung!, glaube ich.)

Tiefblauer Himmel.

25. März 2010

„Eine Übelkeit erregende Frische in der kalten Reglosigkeit eines lauen Meeres.“

Die Banalität meines Lebens zeichnet sich in den von der Sonne vergoldeten Wolken ab. Kleine Schäfchen in der Obhut des Himmeldaches.

Eines dieser Schäfchen ist klar und deutlich zu erkennen; es ist reiner in seinem Weiß als alle anderen.

Während die anderen zu einem aschgrauen Sumpf der Allgemeinheit verschmelzen, steht das weiße Schäfchen einsam am Rande des Teiches. Tief im Inneren ist es glücklich über seine weiße Einsamkeit im Blau des Himmels, welcher so blau ist, wie es ein Himmel nur sein kann.

Das Schäfchen hat gelernt, mit der weißen Einsamkeit zu leben; sie ist Freund und Begleiter und immer in der Gedankenlandschaft vorhanden. Insgeheim hofft das Schäfchen, dass die goldene Sonne der Klarheit die aschgraue Masse entzwei teilt und der Einsamkeit ein Ende setzt.

Er wird kommen, dieser himmelblaue Tag, an dem sich die Schmetterlinge der Verlockung auf den weißen Flieder der Zweisamkeit setzen werden.

Landschaften aus dem Bilderbuch der Träume ziehen an mir vorbei.

„Alles fesselt mich und nichts hält mich.“

Ich liebe diesen Satz.

Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der „weise, türkische Junge“. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

„Es ist real, aber woanders.“ – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, „was besser wäre“. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so „reingerutscht“ bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.

Auf der Suche.

8. Januar 2010

„Wir alle suchen nach jemanden – nach diesem besonderen Menschen, der uns das gibt, was wir im Leben vermissen. Nach jemanden der uns Gesellschaft leistet, oder Hilfe verspricht, oder Sicherheit bietet und manchmal, wenn wir wirklich lange genug suchen, finden wir jemanden, der uns alles auf einmal gibt. Ja, wir alle suchen nach jemanden. Und wenn wir diesen jemand nicht finden, dann können wir nur beten, dass er uns findet.“

Mary Alice Young.