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Wirbelsäule.

24. Mai 2011

Mein Gedächtnis ist eine der Eigenschaften an mir, die ich sehr mag, denn ich kann mich sehr gut an alles Mögliche erinnern und mir sehr leicht Dinge und Erlebnisse merken. Vokabeln zum Beispiel lerne ich immer am Tag des Vokabeltests im Bus, indem ich sie zweimal lese. So geht es mir auch mit Textabschnitten in Büchern und in Blogs, mit Tweets und auch mit gesprochenen Inhalten. Am besten kann ich mir Musikstücke und die Texte dazu einprägen.
Manche Menschen finden diese Eigenschaft sehr unheimlich, andere beneiden mich dafür. Ich mag diese Eigenschaft, denn was mir lieb und teuer ist, das ist sicher in mir aufbewahrt. (Und leider auch das Gegenteil davon.)

Es müsste 2001 gewesen sein, als der Hausarzt unseres alten Wohnortes bemerkte, dass etwas mit meiner Wirbelsäule nicht stimmt. An dieses Ereignis kann ich mich noch sehr genau erinnern; ich weiß, dass der Arzt sagte, meine Knochen seien verrückt. Meine Mutter war während der Untersuchung im Raum und hat für mich einen Überweisungsschein zum Orthopäden bekommen. Als Belohnung dafür, dass ich die Untersuchung tapfer durchgestanden habe, durfte ich mir etwas aus der Du warst tapfer und nun darfst du dir ein Geschenk aussuchen!-Box greifen. Mein Geschenk war ein Schlüsselanhänger in Form eines Skelettes.

Dieses Ereignis ist als bedeutend in meinem Gedächtnis verzeichnet, denn seit Jahren schon plagen mich Rückenschmerzen, weil meine Wirbelsäule noch immer verrückt ist. Meine Eltern sind nicht mit mir zum Orthopäden gegangen, weil sie der Meinung waren, dass die zu verschreibende Krankengymnastik etwas für Kranke und nicht für ihren Sohn sei. So blieb das dann…

…bis ich 2010 selbst an meine Gesundheit denken konnte und zum Orthopäden gegangen bin. Leider viel zu spät. Der Orthopäde sagte, dass meine Knochen ihre Wachstumsphase hinter sich hätten und sich an meiner verrückten Wirbelsäule nichts mehr richten ließe. Meine einzige Chance gegen die Rückenschmerzen sei der Aufbau einer guten Rückenmuskulatur mittels Schwimmen, Krafttraining und Fitnessstudio.
Das waren keine guten Nachrichten. Zurück vom Arzt und am Esstisch erzählte ich davon und mir wurde gesagt, die Rückenschmerzen würden daher kommen, dass ich kaum mein Zimmer verlassen, dem Vater nicht beim Handwerk helfen und nicht unter Menschen gehen würde. Was durchaus sein kann, aber nicht stimmt. Es liegt an meiner Wirbelsäule.

Seitdem ich einen Grund habe, versuche ich regelmäßig schwimmen zu gehen, wie man hier manchmal lesen kann. Ich mag das sogar, es gibt mir Ruhe und Frieden. Doch in den letzten Monaten hatte ich weder Lust, noch die Kraft für Regelmäßigkeit. Ich habe das Schwimmen vernachlässigt. Und das hat sich am Montag in sehr starken Rücken- und Schulterblattschmerzen geäußert; ausgerechnet einen Tag vor der zweiten Prüfungswoche.
Morgens bin ich sehr verspannt und von Schmerzen durchsetzt aufgewacht, und wusste mir nicht zu helfen. Ich habe ein paar Aspirin eingenommen und bin sehr heiß duschen gegangen, doch geholfen hat das wenig. Erst mittags habe ich Entspannung verspürt; Reizstromtherapie beim Hausarzt. Jetzt muss ich fünf Tage lang in die Praxis, um diese Woche schmerzfrei meine Prüfungen schreiben zu können.

Vielmehr als mein Rücken schmerzt mich die Tatsache, dass sich an diesem Zustand nichts mehr wird ändern lassen. Einzig der große Aufwand eines Muskeltrainings kann mir noch helfen; und das auch nur solange, wie ich die Muskeln zu behalten weiß. Das ist nichts Schlechtes, doch wäre das nicht nötig gewesen, hätten meine Eltern an mich und nicht daran gedacht, wie es wohl bei Anderen ankommen würde, wenn ihr Sohn in die Krankengymnastik geht. Meine Wirbelsäule wird sich nie wieder reparieren lassen und mit dieser Schwachstelle muss ich nun ein Leben lang leben.

Ich wurde heute sehr wütend, als dieser Satz fiel: „Stimmt doch gar nicht! Wir waren nie deshalb beim Hausarzt, das bildest du dir nur ein, wie alles andere auch! Nur du trägst Schuld an deinen Rückenschmerzen! Du gehst ja auch nie ‚raus! Also beschwer‘ dich gefälligst bei dir!“
Mir wird also meine liebste Eigenschaft abgesprochen, und es wird behauptet, dass ich mich irre bzw. dass ich lüge! Und obwohl ich vorhin mit Reizstrom behandelt wurde, habe ich jetzt wieder Rückenschmerzen wie am Montagmorgen. Ich glaube, die Wut auf meine Eltern und die Wut auf mich, beides strahlt auf meinen Rücken ab.

Und so liege ich hier, zwischen Hass, Wut und Verzweiflung, eingeengt von Leid, Vorwürfen und einem Leben, das ich nicht gerne lebe, und denke an den berühmten Satz des Schriftstellers Jonathan Safran Foer, während ich nirgendwo lieber wäre, als bei dem Träger meines Herzens; als dort, wo ich für das geliebt werde, was ich bin.

Sometimes I can hear my bones straining under the weight of all the lives I’m not living.

Mit diesem Satz ist alles gesagt.

Die Wirbelsäule des Heartcore, 2010.

(Ja, das ist meine Wirbelsäule.)

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29:17:58:52.

20. Mai 2011

Ich komm‘ einfach nicht mit dem Gedanken klar, dass es nicht ist, wie sein sollte: ich bei dir, physisch. Diese Ferne tut mir jetzt schon sehr weh, und auch wenn wir nie wieder so fern sein werden wie jetzt, bleiben wir das. Ich habe eine sehr große Angst davor, dich auf dem Weg in meine Freiheit als Partner zu verlieren. Dass du es nicht mehr aushältst, dass es zu Ende ist, bevor wir es miteinander ausleben können, nicht nur fünf und ein paar noch unbestimmte Tage lang. Mir geht es wie dir, mit dem Denken, Träumen usw. und es freut mich zu hören, dass du mich „anders, tiefer und breiter“ liebst, es lässt mich lächeln. Du wirst nicht „verschwinden“, das weiß ich. Und dennoch habe ich Angst. Gestern hatte ich diese Angst nicht, gestern war alles gut und ich hatte keine Sorgen. Doch jetzt, wieder einen Tag in diesem „RL“ und alles ist stärker als zuvor. Ich sehe die Zeit hier in diesem RL als Verschwendung an und würde diese Zeit gerne bei dir sein, etwas Tolles, Schönes und Erfüllendes erleben, anstatt nur die Tage zu zählen.

Traurig blau und perlweiß.

31. März 2010

Heute hatte ich nur eines im Kopf: das eventuell anstehende Treffen mit Frau Fragmente. Indes habe ich überlegt, was wir machen könnten, wenn die Sonne scheint. Ob die Sonne letztlich scheinen wird, ist natürlich ungewiss, doch ich hoffe sehr, dass dieser Tag ein strohgoldener Tag in der Sonne des Aprils sein wird.

Ich stelle mir diesen hoffentlich angenehm-sonnigen Tag so vor: Wir treffen uns irgendwann zur Mittagszeit an einer zuvor abgemachten Stelle in der Stadt (der Bahnhof bietet sich geradezu als diese Stelle an; den Weg dorthin kennt sie ja schon), und fahren dann in das wenige Meter entfernt liegende Parkhaus.

Den Moment unserer Begegnung möchte ich nutzen, um das zu tun, was ich letztes Mal unterdrückt habe, weil ich dachte, es wäre unangebracht.

Wir werden das Parkhaus verlassen und uns in ein Café setzen, um anschließend gemütlich an dem See entlang zu laufen, den ich persönlich als sehr schön empfinde. (Ich kenne eigentlich nur diesen einen See, es gibt bestimmt schönere.) Vielleicht werden wir aber erst den See und dann das Café aufsuchen; je nach dem, wie uns gerade ist.

Ich habe über Tage hinweg Fragen und Stichworte notiert, denn dieses mal möchte ich „vorbereitet“ sein. Das letzte Mal hatte ich zwar ein positives Gefühl, doch fehlte es von meiner Seite aus an Fragen; da ich sie nicht wirklich „kannte“ und nicht wusste, was ich sie fragen kann bzw. ob ihr die Fragen zu privat wären. Im Nachhinein war das ein bisschen feige von mir.

An diesem Tag wird das anders sein, das weiß ich.

Während wir an dem See entlang laufen werden, werden kleine, weiße Wolken den tiefblauen Himmel bruchstückhaft bedecken; die Sonne wird nicht zu intensiv scheinen. Es wird warm sein, aber nicht heiß. Ein leichter Wind wird durch ihr Haar wehen und ihre Augen werden im Sonnenlicht erstrahlen. Die Augenfarbe eines Menschens ist im Sonnenlicht am intensivsten. Die Wolken werden Schatten auf den See werfen, welcher edlen Enten als Zuhause dient. Das saftig-grüne Gras wird im Takte des Windes mitschwingen und kleine Gänseblümchen werden glücklich mitwippen.

Nach und nach werden die weißen Wolken ein Stück traurig-blauen Himmel freilegen und wir werden uns auf eine perlweiße Parkbank setzen und die Wolken am Rande des traurigen Blaus betrachten. Vielleicht werden wir die Wolken zu deuten versuchen, wer weiß.

Manchmal spielt dort ein älterer Herr Klavier, vielleicht wird er an diesem Tag an jenem Ort sitzen und die Luft in Melancholie tränken.

Wir werden über vieles sprechen, ich werde ihr so einiges erzählen, was ich hier erzählen möchte, wenn ich endlich die Maske der Anonymität aufgezogen habe.

Am Ende des Tages werde ich ein bisschen traurig sein, weil es so schön und kurz war, doch das wird mir lehren, den Moment zu schätzen und in mir festzuhalten.

Diesmal werde ich ganz besonders auf ihre Stimme achten und mir diese Stimme einprägen, denn ich erinnere mich nur noch an ein zartes „Tschüss!“ am Telefon.

Und dann wird sie wegfahren und ich werde ihr glücklich bis traurig hinterher winken. „Lebe wohl, Schwesterherz!“

So könnte das stattfinden. Ich lasse mich überraschen und bin nicht enttäuscht, falls nicht.