Archive for März, 2011

Frühling.

31. März 2011

Fast Mittag, der Tag kaum warm, leichter Nebel in der Luft, der Frühling nur zart, die Bäume noch im Flaum der Blüten und Knospen. Ich fühle mich unwohl, mir geht es nicht so gut; vielleicht war es mein Frühstück, vielleicht sind es auch Gründe ohne Ausreden. Ich laufe durch den Rosensteinpark um mich zu verlieren, vielleicht finde ich so wieder zu mir zurück. Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, einen Ausweg aber kann ich nicht erblicken. Im Park ist kaum etwas los; zwei Fahrradfahrer und einen Jogger sehe ich, eine Frau mit Aktentasche, ein paar Hasen und zwei Kinder. Sonst kreuzen sich hier die Wege tausender Menschen, heute aber sind es nur sechs. Ich laufe ganz ruhig, der Kies knirscht kaum hörbar unter meinen Schuhen, der Wind steht still, die Sonne scheint spärlich. Das Gras nimmt langsam Farbe an, doch noch ist es nicht satt und grün, noch ist es erschöpft vom Winter, gräulich und im Kommen. Die Bäume scheinen so verletzlich ohne Blattwerk, so schutzlos unter dem weiten Himmel, doch selbst schützen sie aller Hand Eichhörnchen und Vögel und Kinderwagen.

Kinderwagen?! Ich schaue noch einmal genau hin und sehe wirklich einen Kinderwagen. Schwarz ist er und ziemlich neu, so aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich, wer hier auf das Gras einen leeren Kinderwagen hinstellt, unter einen großen Baum. Vielleicht hat ihn hier jemand vergessen? Ich gehe auf den Baum zu und je näher ich ihm komme, desto größer wird mein Unmut. Aus etwa einem Meter Distanz erkenne ich, dass in dem Kinderwagen eine weiße Decke liegt, und darin ein Kind. Ein Kind! Mein Herz zerspringt augenblicklich. Wer lässt an so einem Tag sein Kind hier stehen?! Ganz nah an den Wagen gehe ich heran und sehe in die Augen eines winzigen Babys, dessen Kopf gerade einmal so groß ist wie meine Faust. Es wirkt so jung, so unendlich klein. Das Kind ist sicher erst ein paar Wochen, wenn nicht sogar Tage alt. Armes Kleines, wer hat dich hier ausgesetzt? In deinen Augen sehe ich die Sonne leuchten. Wer weiß, wessen Kind du bist!? Was machst du hier draußen? Ich sehe mich um: weit und breit kein Mensch und keine Notiz am und im Kinderwagen. Kein Geld, kein Zettel, keine Babysachen, nur Bonbons im Seitenfach. In den klitzekleinen Augen des Sprösslings sehe ich ein ganzes Leben, hell schillernd. Die Fäustchen liegen über der Decke, fest geballt. Und darin ruhen unsere Hoffnungen, denke ich. Deine kleinen Fäustchen gegen das Schlechte in dieser Welt. Mich nimmt eine schwere Traurigkeit und Panik ein, die Tränen stehen mir in den Augen. Was mache ich denn nur mit dir? Du siehst mich so unschuldig an, als wüsstest du selbst nicht, was mit dir ist. Wie friedlich du da liegst! Wer bringt dich unter Schmerzen zur Welt und setzt dich in einem Park aus? Mein Herz rast vor Wut und Verzweiflung, es wird gleich noch einmal bersten. Ich zittere. Kleines, du bist wie der Frühling, der dich umgibt! Voller Zuversicht duftest du, hast eine ganze Welt im Gepäck, bist gerade erst angekommen und wirst bald wachsen. So klein bist du und schon schulterst du nicht nur deine eigene, sondern auch die ganze Welt, die dich umgibt. Oh Mann, was mach‘ ich denn jetzt nur? Soll ich die Polizei verständigen? Was ist, wenn du in’s Heim musst? Ganz gleich, wer dein Vater ist, und wer deine Mutter, ich bin genauso verantwortlich für dich. Und auch wenn ich deinen Namen nicht kenne, bist du jetzt mein Sohn.

Ich sehe noch einmal genau nach in den Fächern und im Wagen selbst, neben dem Baby und an der Unterseite des Sichtschutzes; nichts, nur ein kleines Baby und ein großes, noch zu lebendes, gerade erst geborenes Leben. Während des Suchens nach einem Brief oder einer Adresse oder etwas Ähnlichem, fällt mir auf, wie gut das Kind eingepackt ist. Die Decken sind fest und dick, genauso wie die Kleidung. Das Baby selbst scheint die Ruhe in Person zu sein. Es beobachtet mich und sieht mich an, bleibt aber starr bis auf die Augen; die wandern mit. Kann es mich überhaupt sehen? Können so junge Babys schon sehen? Ich überlege kurz und entscheide mich, den Wagen aus dem Park zu fahren. Hier kann ich das Kind keinesfalls stehen lassen, um Hilfe zu rufen. An mein Mobiltelefon denke ich gar nicht. Unten dann, an der Straße, da wird uns sicher jemand helfen.

Als ich nachsehe, ob die Räder des Wagens verriegelt sind, nehme ich die Rufe einer Frau wahr, die den Berg hochgerannt kommt. „Hey, was machst du da?! Lass‘ mein Kind in Ruhe!“ Ich richte mich auf und trete einen Schritt zurück, bin entsetzt und entschlossen, sie fertig zu machen. Als Sie vor mir steht, keuchend und mit dem Puls am Anschlag, erkenne ich Erleichterung in ihren Augen. Hübsch ist sie und jung, vielleicht 25. Sie sieht nicht nach mir, sondern nach dem Kind. Ich bin nur ein Jugendlicher und sage: „Wie können Sie das Kind hier draußen einfach stehen lassen?! Wissen Sie, was alles hätte passieren können?“ Nach ein paar Sekunden des Einredens auf das Baby sagt sie: „Ich habe unterwegs meinen Geldbeutel verloren, hier auf dem Berg. Deshalb bin ich nochmals zurück. Weil der Wagen so schwer ist, habe ich ihn hier geparkt.“ Sie wirkt sehr schuldbewusst. „Aber das können Sie doch nicht machen! Irgendwer hätte den Wagen einfach wegschieben können! Ich wollte gerade damit herunter an die Straße fahren, um die Polizei zu rufen! Ich dachte, der Junge wurde hier ausgesetzt!“ Sie blickt auf den Boden. Auf ihren Schultern die Gurte einer Babytasche. Ich frage mich, weshalb sie die sichtlich schwere Tasche mit sich schleppt, doch das Baby ihr zu schwer ist. Die Frage aber stelle ich ihr nicht. Sie sagt: „Ich weiß, das war falsch. Aber der Geldbeutel ist wichtig! Ich muss einkaufen und darin ist mein Geld, mein Ausweis! Gott sei Dank lag er noch da unten.“ Ich bin sprachlos, erschüttert und berührt. Das Geld ist ihr also wichtiger, das lag da noch! Mir fehlen die Worte, als sie sagt und mit dem Wagen davon spurtet: „Danke für deine Hilfe! Gut, dass du für mich aufgepasst hast!“

Minuten später stehe ich noch immer wie verwurzelt unter dem Baum und bin mir sicher: ich wäre ein guter Vater und sogar bessere Eltern für dieses Kind, für diesen Sohn gewesen.

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Der Blick.

26. März 2011

Diesen Blick kannte ich gar nicht von ihm; diese suchenden, rastlosen Augen, kornblumenblau. So hatte er mich noch nie angesehen; so sehr hatte ich noch nie gelitten. Er war auf der Suche nach den richtigen Worten. Auf der Zunge lagen sie ihm, nur musste sie jemand von seinen Lippen ablesen. Mich sah er an, hilflos wie ein verlorenes Kind, als hätte er seine stets begehrte Männlichkeit gegen die Empathie eines Vierjährigen getauscht. Er wusste nicht, dass ich wusste, was er vergessen hatte, diese zwei Wörter, diesen Begriff; er konnte nur hoffen. Ich aber, ich wusste es, konnte seine Lippen lesen, war vielleicht der Einzige in diesem Raum, der das konnte. Ich sprach aus, was ihm auf der Zunge lag und er sagte mit einem Lächeln, das mich schmelzen ließ: „Ja, genau DAS habe ich gesucht!“ Sein Blick nahm binnen einer Sekunde den Blick des Mannes an, welchen ich einst unglücklich begehrte, wissend, dass ich meinen Durst nie an ihm werde stillen können. Seine strahlenden Augen versetzten mich sofort in einen Zustand des hohen Fiebers, welcher ab dieser Sekunde in mir brannte, denn er war stolz auf mich, stolz auf mich, stolz auf mich. Keine zwei Minuten später setzte er sich wieder auf seinen Sitzplatz. Er streichelte wild meinen Kopf und sagte: „Voll süß, wie du das gewusst hast. Ich bin stolz auf dich!“

Und so brannte ich, schmolz wie Glas, glühend und zäh, doch nicht seinetwegen; ich schmolz aus Sehnsucht, die nicht ihm, sondern einem Anderen gebührte, dessen Nähe ich mir mehr ersehnte, als ich es bei David je konnte.

(Zwei Accounts, zwei Versionen.)

https://twitter.com/#!/Milchbartbube/status/50259811417337856

Ironie.

24. März 2011

Irgendwann mittags sitzen Jes und ich an der Haltestelle und warten auf den Bus. Die Sonne scheint warm und wolkenlos und Jes erzählt mir: „Dann fragte mich Jan, weshalb du eigentlich kein Frauenheld oder wenigstens jemand bist, auf den alle Frauen stehen, weil er findet, dass du ja schon gut aussehend bist. Ich war dann erst einmal entsetzt und sagte, dass sich Frauen grundsätzlich nur in Arschlöcher verlieben und du eben keines bist.“

Jes blickt auf zu mir und schaut mich an, ich blicke auf zu ihr und schaue sie an. Unsere Mundwinkel formen in Zeitlupe ein Lächeln — breiter, immer breiter — und dann lachen wir, weil wir beide die Wahrheit über mich und die Heldensache kennen.

Himmelblau.

23. März 2011

Ein kleiner, dicker Junge steigt in den Bus ein und setzt sich mir gegenüber. Sein Gesicht ist rund, das Haar blond, gelockt und nass vom Schweiß; die Augen blau und groß, die Kleidung weit und grau.

Da sitzt er mir nun gegenüber und sieht aus dem Fenster, als wenig später zwei Jungen gleichen Alters zusteigen und ihn erblicken. Einer der beiden Jungs grölt laut und für alle Fahrgäste hörbar: „Haha, guck‘ mal! Da ist Fettbauchbenni! Na, Fettbauchbenni, bist du immer noch so fett oder bist du fetter geworden?!“ Und dann lachen die Beiden über ihren dummen Spruch und gehen weiter nach hinten durch, wo sie auch hingehören.

Der kleine, dicke Junge sieht nicht mehr aus dem Fenster, nicht mehr in den blauen, wolkenlosen Himmel, sondern auf den grauen, staubbedeckten Boden. Er drückt sich wieder und wieder mit seinen Fingern in den Bauch, während still und leise perlengroße Tränen über sein Mondgesicht fließen und ihn für ein paar Minuten erzittern und aufschluchzen lassen.

Mein Herz war nie gebrochener, als bei dem Anblick dieses Kindes.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Zeitsprung.

21. März 2011

Ich lese die Texte deines alten Selbst und bewundere deine Aufschriften und Fragen, und kenne auf eine Frage sogar eine Antwort. Kurz denke ich darüber nach, deinem einstigen Ich einen Kommentar zu hinterlassen, doch dann ertappe ich mich dabei, mit einer Zeit in Kontakt treten zu wollen, in welcher es mich in meiner jetzigen Form nicht gab; ich war schlicht zu jung. Und vielleicht willst du jetzt gar nicht, dass ich einer älteren Version deines Wesens schreibe, und dich somit an alte Zeiten erinnere.

Und so stehe ich nun hier, deiner Vergangenheit gegenüber, und verspüre ein bitteres Gefühl, meinem Drang, dir schreiben zu wollen, nicht nachgehen zu können.

Vielleicht ist es besser so.
Vielleicht aber auch nicht.

Was denkst du?

Zweiundzwanzig.

20. März 2011

Mein Klassenlehrer sah in den Regen, als ob er dort etwas längst Vergessenes erkannt hätte; sein Gesicht warf Falten und sein Blick war trüb geworden.

Er sagte, leise und gar flüsternd, er sei damals aus dem Stuttgarter Staatstheater gelaufen, mitten in den „schwarzen Regen“ hinein, welcher aus finsteren Wolken auf Erde und Laub, auf Haut und Haar gefallen ist.

Schutzlos sei er da gestanden, gebannt von Schmerz, Zorn und Angst, denn die Menschen hatten den Regen, den himmlischen Reinwascher, „kontaminiert“ und „verunreinigt“.

Auf schnellstem Wege sei er nach Hause gerannt und habe sich dort stundenlang gewaschen, ohne Gewissheit darüber zu besitzen, ob das Wasser aus der Dusche, welches ihn „reinwaschen“ sollte, nicht auch „kontaminiert“ ist.

Er hat sich schuldig gefühlt, sagte er, als Mensch schuldig, obwohl gerade er nichts für diese Katastrophe konnte.

Die Traurigkeit war ihm in’s Gesicht geschrieben; kaum hörbar und mit den Gedanken in seiner Jugend sagte er: „Nie wieder in meinem Leben habe ich mich dreckiger gefühlt, als in diesen Stunden.“

Obhut.

15. März 2011

Von dir geträumt; wahrscheinlich der schönste Traum von allen bisherigen. Wir befanden uns in einem Haus mit hundert Räumen, Türen und Treppen, welches eine Art Geheimnis war. Im Kern des Hauses — ein altes, aber solides Gebäude —, dort standest du, hast mich erwartet. Und ich wusste, dass du auf mich wartest, also habe ich alle Türen geöffnet, alle Schlösser geknackt und alle Register gezogen, um bei dir zu sein, um dich zu sehen.  Die letzte Tür stand offen, und du standest dort in diesem Raum, ich sah dein Gesicht im matten Licht, sah deine Augen lachen. Du hast mir deine Hand ausgestreckt und ich hab‘ kurz gezögert. In dem Moment ist die Zeit eingefroren, aber du hast noch gelebt. Du warst in meiner Zeitebene, wir waren die einzigen Lebewesen in dieser Zeit und alle Sorgen waren vergessen. Alle Bedenken und Ängste lagen nun hinter uns und ich nahm deine Hand in meine Hände. Was dann passierte, ist, dass wir uns wie Magneten anzogen, Plus und Minus, zack. Ein sanftes, ein weiches Zack. Wir waren federleicht, und das Licht trug uns auf ein weiches Bett, weiß, unschuldig und wahr. Und darauf hast du mich gehalten; fest und immer fester, so fest, wie ich es mir niemals vorgestellt hatte. Es war angenehmer als in meiner Vorstellung, du warst warm und die Kälte in mir ist immer weniger geworden, bis sie fort und uns fern war. So lagen wir da, ineinander verschlungen, Hand in Hand, Auge um Auge und Haut an Haut. Und wie du einmal gesagt hast: wir haben beide sehr viel gespürt.

Es war Zeit zu gehen, die Welt draußen stand schon zu lange still, sie würde gleich über uns hereinbrechen, bliebe ich noch ein paar Minuten länger. Es war schwierig und schmerzhaft, voneinander loszulassen, aber nicht unmöglich. Das Bett war noch immer weiß und unschuldig, das Licht noch immer matt. Wir hatten noch kein Wort gesprochen und du sagtest, zum Abschied: „Worte braucht es nicht.“

1103.

11. März 2011

Geburtstage waren mir nie wichtig, doch dieser, der achtzehnte, ist es irgendwie doch, denn ich komme meinem Ziel, in naher Zukunft ein Leben zu führen, welches mich glücklich machen würde, einen nicht kleinen Schritt näher.

Schuld und Sühne.

5. März 2011

Mit brüchiger Stimme sage ich: „Dann schlag‘ mich, vielleicht hast du im Nachhinein Schuldgefühle und bereust dein Verhalten.“ Mein Vater erwidert nichts und schlägt zu. Nicht mit seinen Fäusten, nicht mit seinen Händen, sondern mit einem DIN-A4-Papierschneider. Ich wehre mich nicht, obwohl jeder Schlag einer Qual gleicht, versuche lediglich mein Gesicht zu schützen, indem ich meine Arme fest dagegen drücke. Noch mehr Kerben, noch mehr Spuren meines Vaters möchte ich nicht sehen, wenn ich in den Spiegel blicke.

Gleich ist es vorbei.

Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich mehr schmerzte. War es der harte und scharfkantige Aufschlag von massivem Aluminium, oder waren es die Stunden danach in meinem Bett, die Erkenntnis über die Brutalität meines gegenwärtigen Lebens?

Ich habe Angst.

Es passierte an einem Dienstag. Ich halte mich selten im Wohnzimmer auf; allein schon deshalb, weil es dort nichts Interessantes für mich gibt. Nur Familie. Dienstags aber schaue ich meine türkische Lieblingsserie, deren Titel sinngemäß übersetzt „Schuld und Sühne“ lautet.

Vater, sagte ich ganz ruhig, kannst du nicht in der Küche rauchen? Wie du hören und sehen kannst, bin ich erkältet. Der Rauch reizt mich.

Er sagte: „Nur noch diese Zigarette und danach keine mehr.“ Ich erwiderte nichts und tolerierte es, wie immer, und wand mich wieder dem Fernseher zu. Meine Atemwege aber hielten den Reiz nicht aus und ich musste husten. Damit sich die Luft im Wohnzimmer einigermaßen „klären“ konnte, stand ich auf und zog die Jalousie bis zur Hälfte der Fensterfront auf und kippte eines der vier Fenster.

Draußen schneit es, vielleicht der letzte Schnee.

Das Sofa, auf welchem mein Vater saß, ist an die Wand mit den Fenstern angelehnt. Die Luft von Draußen schien ihm zu kalt zu sein; er zog die große, schwere Decke, welche auf seinem Rücken lag, hoch auf seine Schultern. Noch während er seine Zigarette ausdrückte, befahl er mir, das Fenster zu schließen. Ihm sei es zu kalt im Hause.

„Nur noch fünf Minuten, die Luft hier drin ist echt nicht zu ertragen!“

„Mach‘ das verdammte Fenster zu. JETZT, SOFORT.“

„Fünf Minuten! Ich bin krank und die Luft hier drin reizt mich.“

„MACH‘ DAS FENSTER ZU, HAB‘ ICH GESAGT!“

„Fünf Minuten, hab‘ ich gesagt. Nur fünf Minuten!“

„EINS… ZWEI…“

„Dann mach‘ es halt selbst zu! Du sitzt davor, hast den Rauch verursacht, und wenn dir kalt ist, dann mach‘ es eben zu. Hier drin STINKT es aber und ich bin KRANK.“

„DREI! DU ELENDIGER HUND, WIE KANNST DU DICH MIR NUR WIDERSETZEN? WER BIST DU EIGENTLICH, DASS DU DAS VERSUCHST?“

„Dein Sohn.“

Und dann ist er aufgesprungen, mir entgegen brüllend, dass er seine Hände nicht schmutzig machen werde, und nahm den Papierschneider in seine Hände.


Es ist nicht so, dass ich ihn nicht provoziert hätte. Das habe ich. Aber hätte er nicht fünf Minuten seiner Geduld für mich opfern können?

Letzten Endes habe ich trotzdem nicht das Fenster geschlossen. Natürlich ging es nicht um dieses Fenster oder darum, dass ich es hätte schließen sollen. Es ging schlicht darum, dass ich nicht einsehen wollte, seinen patriarchalischen und herrischen Aufforderungen zu folgen. Ihm gefiel mein Widerstand nicht.
Auch dass er raucht, ist nicht das Problem. Soll er doch, aber eben nicht im Haus. Das versuche ich ihm seit Jahren klarzumachen, er versteht es nur nicht. Er ist der Herr des Hauses und alles muss nach seiner Pfeife tanzen. Aber okay, soll er halt auch im Haus rauchen, aber bitte nicht in meiner Gegenwart.

Ich wusste ganz genau, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt. Aber das war und ist mir egal. Dann schlägt er mich halt, es war nie anders. Dieses Mal aber hat die „Züchtung“ viel in mir ausgelöst: Vorgänge, die es ohne vielleicht nicht gegeben hätte.

Hart, aber wahr: seine Brutalität tut mir letzten Endes gut und bringt mich in meiner Entwicklung weiter, denn im Grunde erfüllt mein Vater nur seine Vaterpflicht, indem er auf unschöne Art und Weise meinen Fortschritt weg von ihm unterstützt, und diesen sogar beschleunigt.

Ich weine nicht vergebens.