Heute.

23. Januar 2013

Der Kaffee aus meiner kleinen Espressokanne schmeckte heute ausgesprochen gut. Bus und Bahn waren pünktlich. Zwei Patientinnen bedanken sich für die „liebevolle Pflege der letzten Wochen“ mit einer – wie sie es nannten – „kleinen Aufmerksamkeit“, die ich kaum anzunehmen wagte, so hoch war für mich die Summe in dem kleinen Umschlag. Der Herr aus dem Zimmer sieben reichte mir zum Abschied seine Visitenkarte und sagte, dass ich mich unbedingt wegen der Nachttischlampe melden solle, denn er wolle mir dabei helfen, meinen Traum zu verwirklichen. (Er sagte: Ohne diese kleinen, persönlichen Ziele wäre ich niemals 82 geworden. Ich möchte Ihnen dabei helfen, mindestens genauso alt und genauso zufrieden mit sich und Ihrem Leben zu werden! Er war dem Tod mit letzter Kraft entkommen, und auf eine meiner Kennenlernfragen vor zwei Monaten, was er früher in seinem Leben beruflich gemacht habe, antwortete er: Ich habe, und das werde ich nach meiner Entlassung wieder tun, Instrumente gebaut. Vorrangig Orgeln, aber auch Klaviere und Harmonika.) Ich war den Tag über ein klares und helles Kerlchen, die Müdigkeit würdigte mich keines Blickes. Im Bus schleckte mir ein bildschöner Hund die Hand ab. Die Waschmaschine beendete gerade den Schleudergang, als ich durch die Haustür kam. In der ganzen Wohnung roch es nach Waschmittel. Das Abendessen von gestern schmeckte als Nachmittagessen von heute noch viel besser. Bene freute sich sehr über meine Ankündigung, dass ich ab morgen wieder mal im Ländle bin. Im Waschsalon an der Querallee hatte ich plötzlich Herzklopfen beim Anblick der wild und elegant wirbelnden Wäsche in all den Trocknern. Die Brezelfrau am Bahnhof schenkte mir die dritte Brezel, weil ich – wie sie sagte – so schön rote Bäckchen hätte. Die Deutsche Bahn machte wegen der Witterungsverhältnisse aus meinem „20 Euro, dafür vier Stunden Fahrt mit zweimal Umsteigen, ich werde mein Ziel nie erreichen“-Ticket ein ICE-Ticket, mit dem ich schneller und ohne Umstieg fahren konnte. Einer meiner Lieblingsmenschen schrieb mir, dass ich wunderbar sei. Im Ruheabteil war es tatsächlich ruhig. Am Zielbahnhof überkam mich eine schier unerträgliche Schmerzwelle, weil die erloschene Liebe zum Greifen nah und doch so weit in der Ferne lag. Die Umarmung meines Vaters war ehrlich und tröstlich. Die Katzen meiner Mutter sind nicht mehr nur Sohnersatz, sondern ein richtiger Teil der Familie geworden. Die kleine Katze schnurrte mich in den Schlaf. In der Nacht träumte ich von düsteren Feldern und allzu bekannten Gesichtern, die ich vor langer Zeit schon vergessen glaubte.

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3 Antworten to “Heute.”

  1. konsul0201 Says:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Magda Says:

    Wunderschön. Wenn jemand endlich mal fucking ehrlich ist. Das Schlimme ist, die meisten fühlen irgendwie intensiv und so, wie Du es beschreibst. Deswegen lieben sie es so hier und fühlen sich zuhause (oder rennen weg aus Angst). Aber keiner traut sich, es auszusprechen. Außer anonym im Netz. Weil sonst alle schief gucken, und innerlich trotzdem genauso denken. Mich diese Heuchelei so an.

    Was sollen wir nur tun?


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