Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: „Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.“

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die „richtige Seite“, „zur Gesundheit“ und „zu Verstand“ helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.

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15 Antworten to “Mein Vater und die eine Sache.”

  1. engl Says:

    definitiv. einer der liebsten und besten menschen, die mir je begegnet sind. aber keine macht, keine energie und erst recht keine wucht kann erkenntnis bewirken. das können nur herzen. oder sowas in der art. ;)

  2. k-note Says:

    Hör auf deinen Eltern oder Wemauchimmer etwas beweisen zu wollen. Sonst bist du irgendwann 50 und hast dein Leben vertan mit allenetwasbeweisenzuwollen. Lebe DEIN Leben und nicht das Leben für andere. Fang einfach an zu leben, der Rest wird sich ergeben und du wirst sicher auch ein glückliches Leben haben.

  3. Barbara Says:

    Ich glaube, solange man versucht, den anderen etwas zu beweisen… ist man deren Sklave.

    Grüsslis und alles Gute!

    Barbara

  4. kleinesm Says:

    Umarım birgün ailen seni olduğun gibi kabul eder. Seni sen olduğun için sever. Onlar olaya belli bi çerçeveden bakıyorlar. Ama gün gelir, erkekliğin bıyıkla ve karı kızla alakası olmadığını anlarlar. Hani türkler der ya hep: „Erkeksen şunu yap, bunu yap.“ Asıl erkeklik senin gibi dürüst, cesaretli ve kararlı bi sekilde onların karşısına geçtiğin gibi kendini ifade edebilmektir!

  5. vitzliputzli Says:

    Bist du moslem? weil du islam tagst.

    dein vater hat es nicht anders gelernt. wir tun und denken alles auf der basis dessen, was wir gelernt haben.

    ob es um juden, ungläubige, schwule oder moslems oder sonstwas geht.

    ist meine meinung.

  6. ichich Says:

    Ein Freund ist inzwischen über 50, hat erfolgreich mit seinem Freund eine Firma mit zig Angestellten aufgebaut, verdient wesentlich mehr als seine Eltern … und doch: am Ende des Tages bleibt ES für sie ein Makel, der zwar kleiner wurde mit den Jahren, aber ein Makel blieb. Und immer noch versucht er vieles, um vorbehaltlos geliebt zu werden.

    … The race is long and, in the end, it’s only with yourself …

    http://www.chicagotribune.com/news/columnists/chi-schmich-sunscreen-column,0,5909206,full.column

  7. Rin Says:

    Was k-note sagt.

    Davon abgesehen: Auch wenn das Ergebnis nicht besonders „schön“ ist, ich finde es irgendwie beeindruckend, dass Du mit Deinem Vater darüber gesprochen hast und ihr beide so offen geäussert habt, was ihr denkt. Selbst wenn das eher ein Streit war … irgendwie finde ich alles besser als überhaupt nicht darüber zu reden.

  8. luzifer Says:

    ich nenne zwei nicht mehr eltern, weil ich keine eltern mehr habe. ich habe sie von mir gestoßen, wie man ein kind bei der abtreibung abstößt. sie verdienen unermessliches leid und ich werde sie darauf hinweisen. ich werde ihnen zeigen, wie ihr dasein endet, wenn sie in der hölle beerdigt werden. ich bin luzifer, der auf die erde gekommen ist, um mich zu rächen. ich bin das leiden, das du im fernsehen gesehen, aber nie gespürt hast. ich werde in ihren innereien wühlen wie sie in meiner psyche. sie verdienen nichts als leid und ich werde sie auf ihre bestimmung erinnern, solange ich hier auf dieser erde weile.

  9. axaneco Says:

    Du bist nicht verantwortlich dafür, dass sich irgendjemand auf der Welt, Deine Eltern eingeschlossen, glücklich fühlt. Du bist einzig für Dein eigenes Glück verantwortlich. Du musst nichts begründen und nichts erklären.
    Es ist Dein Leben.

  10. hühnerschreck Says:

    was k sagt.

    so lange du irgend jemandem etwas zu beweisen versuchst, kommsxt du nicht dazu, dein eigenes leben zu leben. (eigene erfahrung.)

    pass auf dich auf. ich bewundere dich für deinen mut!

  11. Bisaz Says:

    Ich habe so viel Achtung vor Menschen, die zu sich stehen, die sich reflektieren, sich so akzeptieren wie sie sind. Und trotz der ganzen Zweifel, die sie selber haben und der harten Abweisung der Nähsten, weiter machen. Ihr Leben leben. Und irgendwann auch begreifen, dass genau das der richtige Weg war.

    Du bist homosexuell. Das sagt nichts über dich aus. Genau wie meine Lieblingsfarbe nichts über mich aussagt. Oder welchen Fußballclub dein Vater anfeuert. Deine Sexualität musst du mit niemanden verhandeln. Wie auch? Wenn dein Vater das ablehnt und dich deswegen ablehnt, dann verliert er jemanden, der offenbar zu mehr fähig ist, als die meisten Menschen: Die Fähigkeit zu reflektieren. Der Wille, sich so akzeptieren, wer man ist. Und sich dafür zu lieben.

    Was du bist, das erhalte dir. Das sei auch.

    Ich wünsche dir alles gute.

    Ein neuer Fan und Abonnent

    Bisaz

  12. hana Says:

    „Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.“

    Normalerweise gebe ich nicht solch pessimistische Kommentare von mir, aber in dem Fall – ganz ehrlich: hoffnungslos. Ich spreche aus eigener Erfahrung.
    Deine scheinbar nicht endende Ausdauer bewundere ich wirklich sehr. Nur fürchte ich, dass du dich umsonst bemühst, immer und immer wieder. Was in deren Köpfen eingebrannt ist, kannst du nicht ändern.
    Ich zitiere vitzliputzli: „wir tun und denken alles auf der basis dessen, was wir gelernt haben.“ Das gilt meiner Meinung nach besonders in diesem Kulturkreis und besonders bei diesem Thema.

    Du bist wirklich sehr, sehr mutig, dass du mit deinen Eltern darüber gesprochen hast. Dafür hast du meinen vollsten Respekt, meine vollste Bewunderung – auch wenn dir das nicht viel bringen mag. (Ich werde diesen Schritt wahrscheinlich nie gehen.)

  13. Jasmin Says:

    Hey Du,
    ich kann dir nicht helfen und leider auch keinen ermutigenden Spruch von mir geben, ich kann dir nur sagen dass du nicht alleine bist. Die Gemeinde in der ich aufgewachsen bin, meinte auch Homosexualität sei Sünde.
    Obwohl meine Familie es nicht denkt, bleibt der kleine Gedanke irgendwo dass man dass wieder gut machen muss.
    Dass das Quatsch ist wissen wir alle. Wenn wir alles wieder gut machen müssten was Sünde sein könnte… wo bliebe dann Zeit zu leben?

    Ich halte mich daran fest dass es nie nur eine richtige Lösung gibt. Und dass das ja auch irgendwo her kommen muss.
    Alles alles Liebe
    Jasmin

  14. Svea Says:

    Solche Dinge finde ich am islamischen Glauben wirklich schrecklich. Schon der christliche Glaube ist unserer Zeit nicht angemessen oder gar angepasst, doch der Islam toppt ihn um Längen. Früher mögen Frauen das Eigentum von Männern gewesen sein und Schwule oder Lesben „vom Teufel geritten“. Aber wir leben im 21. Jahrhundert und es hat sich vieles verändert und ich finde es schade, dass der Glaube nicht unserer Zeit angepasst wird… Ich selbst bin Atheistin – auch aus diesem Grund.

    Die besten Wünsche und… irgendwann wirst du deinen eigenen Weg gehen können und merken, dass es dir einzig und allein um DEIN Leben gehen sollte – so blöd dieser Satz auch klingen mag. ;)

    Svea


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