Samstag.

29. Mai 2011

Einige der eintreffenden Hochzeitsgäste erblicken meine Mutter und begrüßen sie, reden mit ihr über Dies und Jenes und dann über mich in der dritten Person. „Und, hat er denn schon eine Freundin? Er ist ja schließlich groß gewachsen und bald an der Reihe!“ Ich stehe oder sitze fassungslos daneben und rege mich darüber auf, dass nicht ich, sondern meine Mutter gefragt wird; als ob sie meine Verwaltungs- und Auskunftsstelle und ich ein Mensch wäre, der nicht sprechen kann.
Jeder, der solche Situationen kennt, kann nachvollziehen, wie deprimierend das sein kann. Wie deprimierend es für mich ist. Ich ertrage es nicht, dass meine Mutter Unmengen an Geld in Aussteuer verschwendet und sich ausmalt, wie toll doch meine Hochzeit werden soll, wen sie einladen würde und wen nicht, was sie ihrer Schwiegertochter schenken würde. Denn all das wird es nicht geben. Als Sohn bin ich ein Verlustgeschäft.

Türkische Verlobungen bzw. Hochzeiten funktionieren so: man pinnt dem Paar mit einer Sicherheitsnadel Geld (mindestens 50 Euro, alles darunter ist ein Zeichen dafür, dass man das Paar nicht mag) oder Gold (ein Goldstück von hoher Reinheit, welches mindestens ein Gramm wiegen sollte) an, damit man später, bei der Verlobung bzw. Hochzeit der eigenen Kinder, das Verschenke wieder zurück geschenkt bekommt. Es ist also eine Art Geben und Zurückbekommen, nur dass darüber im wahrsten Sinne des Wortes Buch geführt wird. Auf einem Blatt Papier steht dann zum Beispiel, was man wem in welchem Zusammenhang geschenkt hat.
Die Schenkungszeremonie läuft so ab: die Gäste werden nach ein paar Stunden Tanz, Feiern und Essen dazu aufgefordert, eine Reihe zu bilden und das Paar zu beschenken. Mein Vater als Familienoberhaupt stellt sich also in die Reihe und übergibt das Geschenk, welches dann laut per Mikrophon von einem Mann kommentiert wird. „100 Euro von Familie […].“ Jeder im Saal kann hören, wer was verschenkt. Es findet also eine Art Wettbewerb statt: wer hat wie viel und wer am meisten verschenkt, wer ist zur Zeit gut bei Kasse?

Auf derlei Ereignisse werden aus zwei einfachen Gründen so viele Menschen eingeladen: erstens, damit der Wert und das Ansehen des heiratenden Paares steigt, zweitens, damit die Gäste sehen können, wen sie auf ihre eigene Feierlichkeit einladen sollten.
Natürlich hat man auch Spaß auf so einem Ereignis, doch das ist in meinen Augen nur Fassade. Es geht um die Geschenke, nicht um den Spaß, nicht um die schöne Zeit miteinander, die man haben kann. Für mich ist das Folter.

Unsere und auch die Familie meines Onkels, wir werden so gut wie zu jeder Verlobung bzw. Hochzeit im Umkreis eingeladen, da mein Großvater ein bekannter und geschätzter Mann war. Und natürlich nehmen wir an allen Veranstaltungen teil, damit unsere eigenen gut besucht werden. Deshalb werde ich auch immer mitgeschleift; ich muss nett sein und eine gute Figur machen. Ich soll lernen, wie das alles abläuft, mir die Gesichter und die Bräuche merken.
Doch das will ich nicht, denn ich werde nicht heiraten; zumindest nicht so, wie es sich meine Eltern und auch alle Anderen vorstellen, sollte ich überhaupt jemals heiraten. Ich habe in den letzten zwei Jahren herausgefunden, dass ich auf Männer stehe, und dass sich dieser Zustand weder mit Familie, noch mit der Religion der Familie vereinbaren lässt.

Das ganze Geld und Gold, das meine Eltern in dem Glauben, sie würden es auf meiner Verlobung und Hochzeit wiederbekommen, verschenkt haben und auch weiterhin verschenken werden, all das werden sie nie wieder sehen. Als Sohn werde ich eine große Enttäuschung für Familie und Verwandtschaft sein. Eine Schande, etwas Schlechtes, das es auszurotten und zu vergessen gilt. Meine Eltern werden sich entwürdigt fühlen und verletzt sein, sollten sie je die Wahrheit erfahren. Und das ist das Schlimmste: ich möchte nicht, dass sie meinetwegen leiden, doch einen Ausweg gibt es nicht. Entweder, ich gehe meinen Weg, oder ich gehe den Weg, der mir vorgegeben wird. Welchen Weg ich schon längst eingeschlagen habe, ist mehr als deutlich.

Es ist so unheimlich deprimierend, dass ich diese Folter durchleiden muss, dass ich ständig zu hören bekomme, wie das denn bei mir sein würde, wann ich vorhätte, zu heiraten, wie viele Kinder ich haben möchte, welche Musik auf meiner Hochzeit spielen soll. Das raubt mir alle Kraft und Freude, und es fällt mir schwer, zu lächeln. Manchmal denke ich, dass ich das Lachen verlernt habe.

Ich fühle mich so sehr eingeengt und unter Druck gesetzt, dass ich Angst davor habe, unter all der Last zusammen zu brechen. Was auf mir lastet ist nicht zu ertragen und der einzige Weg in die Freiheit ist, es zu durchleiden. Und mit jedem Wochenende, mit jeder Verlobung und Hochzeit gewinnt die Bürde an Wucht.
Gestern lag ich zehn Minuten weinend auf dem Dachbodens des Gemeindehauses, in welchem die Verlobung eines Verwandten stattfand. Von Unten schlug sich der basslastige Sound der Musik in meinen Schädel und von Oben drückte mich die Welt nieder.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu fühlend bin, ob ich nicht härter werden sollte. Und immer muss ich an diesen Satz denken:

„Man muß härter werden,“ sage ich, und Frau Engel antwortet: „nein, weicher. Weicher.“

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19 Antworten to “Samstag.”

  1. Looka Says:

    Ich wünsche dir Kraft.

  2. engl Says:

    meinst du eigentlich, sie ahnen etwas? nichts konkretes vielleicht, aber daß du ständig etwas vor ihnen verbirgst. das ist doch das schwerste, wenn man so eng aufeinanderlebt. der innere kerker, den sie einer/m dann dauernd vorwerfen.

  3. flugunfaehig Says:

    Wenn ich das hier lese, werde ich so traurig, mir wird schlecht und ich werde wütend und habe das Gefühl, ich muss… na ja, den Schalter finden, den man umlegen muss, damit es aufhört. Und ich habe keine Ahnung – und trotzdem tut es so weh. Und dann denke ich daran, was du fühlen musst und ich habe das Gefühl, alles, was ich jemals gefühlt habe, war ein Witz, im Gegensatz dazu, dass ich nie wirklich leiden musste. Und das macht mich nicht froh. Weil du… dieses Leben führen musst und ich meines führen kann und ich nichts tun kann, außer wütend zu werden. So wütend, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann.

    • Heartcore Says:

      Danke, dass du nach dem Schalter suchst, doch bitte, bitte behalte deine Beherrschung. Sei stark für mich, nicht traurig, nicht wütend. Jedes Wesen erleidet Leid anderer Art, und für jedes Wesen ist das eigene Leid größer als das der Anderen. Was du durchmachst ist im selben Maße schlimm.

    • flugunfaehig Says:

      Ist es nicht und das weißt du auch. Das ist okay, du musst es nicht… schönreden. Und es ist gut, dass mir das bewusst wird. Und es ist gut, dass ich das fühle. Dass ich klar sehe. Ich werde versuchen, genau das zu sein, stark, für dich. Versprochen. Ein bisschen stärker, als ich es sonst wäre. Ich meine, wenn schon nicht für mich, dann für Menschen, wie dich. Du bist nämlich unglaublich, also, für den Fall, dass dir das mal nicht ganz so bewusst ist, ja? :)

  4. Anousch Says:

    Guter, wenn auch bedrückender Text. Es ist immer so leicht, von weitem Durchhalteparolen zuzurufen. Aber es ist auch eine Pflicht des Außenstehenden. Obwohl ich merke, dass ich am liebsten umgekehrt von dir getröstet werden möchte: mit der Gewissheit, dass du nicht daran zerbrichst, sondern vielmehr eine Perspektive entwickelst, die dich eines Tages stärker aus diesem Prozess entlassen wird, als du dir es heute vorzustellen vermagst.
    Kannst du mich trösten?

    • Heartcore Says:

      Ja, das kann ich. An Hoffnung und Kraft fehlt es mir nicht, auch wenn ich mich hoffnungslos und kraftlos fühle. Ich kann aushalten und ich muss das auch, um später in Frieden leben zu können.

  5. mrs smith Says:

    ich weiß auch nicht, was ich sagen soll…
    Ich schicke dir ein paar gute Gedanken.

  6. gedankenfest Says:

    Glücklich wirst du nur, wenn du deinen Weg gehst.

    Und wenn du doch heiraten solltest, dann so, wie du es dir vorstellst! Nicht, wie es sich andere vorstellen!

    Du allein steckst in deinem Körper. Du allein planst dieses Leben. Denn du allein musst dieses Leben leben. Das Leben ist schon schwer genug, aber man kann es sich erleichtern.

    Man selbst zu sein, ist nicht immer leicht. Aber langfristig der richtige Weg, um glücklich zu werden.

    Ich hoffe, dass du die Kraft findest, all die Steine auf deinem Weg wegzuräumen und damit Brücken zu bauen, um an dem Ziel anzukommen, der dir den Weg freigibt. Der Weg, der ganz allein deiner ist. Ohne Vorgaben von anderen. Deiner allein. Ganz allein.

    Herzliche Grüße.

    • Heartcore Says:

      Das Gute ist, dass ich nicht einsam auf diesem Weg bin, dass ich die Steine nicht alleine vom Weg räumen muss, dass mir geholfen wird beim Brückenbauen. Das gibt Kraft, schenkt Hoffnung.

  7. Sven E. Says:

    Achte darauf, dass du es deinen Eltern in einem guten Moment sagst und es ihnen nicht im Streit an den Kopf wirfst. Sollten sie jemals versuchen zu verstehen, müssen sie sich dabei erinnern, dass es keine Rebellion gegen sie war, sondern eine Unvermeidlichkeit. In zu vielen Köpfen ist Homosexualität immer noch eine Entscheidung. Aus ihrer Sicht nimmst du dir Freiheiten, weg von der Tradition, die sie sich selbst nie zugestehen würden und denkst Gedanken, die nicht erlaubt sind. Auch für sie ist es schwierig, weil ihre Tradition für sie ebenso selbstverständlich ist, wie für dich deine Homosexualität naturgegeben. Ich will sie damit nicht in Schutz nehmen, weil ihre Perspektive natürlich falsch und traurig ist. Es ist schwer seiner Familie in diesen Momenten nicht ihre Naivität und Engstirnigkeit vorzuwerfen, obwohl sie dir gerade dein ganzes Leben vorwerfen und deinen Wert infrage stellen, aber wenn man es vermeidet, besteht die Chance, dass sich die Beziehung irgendwann wieder verbessert, zumindest bei den Eltern. Eine Chance ist besser als nichts, schließlich ist es, auch mit all ihren Fehlern, immer noch die Familie. (Vermutlich weißt du das alles längst. Wollte es trotzdem nochmal niederschreiben.)

    Ich habe das Glück, dass meine Familie relativ aufgeschlossen ist und die Wenigen, die erst entsetzt waren, sind mittlerweile auch damit im Reinen. Nur meine Großmutter mütterlicherseits hat mir nie verziehen, aber die ist mittlerweile tot.

    Dir alles Gute und Durchhaltevermögen.

    • Heartcore Says:

      Wahrscheinlich werde ich es meinen Eltern nie sagen können. Zu sehr sind sie in ihrer Kultur und Religion verwurzelt, als dass sie es als Wahrheit akzeptieren könnten. Sie würden daran zerbrechen und alle würden mir die Schuld geben, womit auch gleichzeitig mein Ende gekommen wäre.

      Deshalb schweige ich lieber. So lange es eben geht.

  8. KatinkaBO Says:

    Wanna scream out, no more hiding
    Don’t be afraid of what’s inside
    Gonna tell ya you’ll be alright
    in the aftermath
    Just remember you are not alone

    — Adam Lambert-Aftermath

    Dein Text hat mich beschäftigt und da lief mir dieses Lied über den Weg.
    Werde GLÜCKLICH !!

    Ach so, ich komme aus der Nähe von Bielefeld. Hier ist es schon schön!

  9. I. Says:

    Schade, dass gesellschaftlich alles so fest zementiert ist, dass man keine neuen Wege gehen kann – in der Familie. Ganz naiv gesagt: du kannst ja auch irgendwann einen Mann heiraten. So einfach sehe ich das und manchmal ist es so: Bei uns wird es irgendwann eine solche Hochzeit geben.

    Du solltest zuerst deine Mutter auf deine Seite bringen; Frauen tun sich zumeist leichter damit zu akzeptieren, dass ihr Sohn schwul ist.

    Und wichtig ist, wie du selber zu dir stehst, dass du dich magst und weißt, dass du ein wertvoller Mensch bist, genau wie alle anderen. Ich weiß, … leicht dahin geschrieben …
    (Ich bin übrigens durch Zufall hier ‚gelandet‘) Alles Gute unbekannterweise.


  10. wohin immer du dich wendest, findest du das angesicht gottes. (heiliger koran, 2:115)


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