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Der Kater.

20. August 2019

Ich war im Schwarzwald, bei meinen Eltern; meine Großeltern waren auch da. Mit jedem Besuch und je mehr Zeit ich mit der Familie verbringe, umso entfremdeter fühle ich mich. Alle leben so vor sich hin, es wird viel geredet und dabei über nichts, was nicht Alltäglichkeit oder irgendwie Tagesgeschehen wäre. Es wäre wohl ganz okay, wenn ich nicht so ein Alien wäre. Eine Stufe weiter, im Sinne von: Mir fehlt in allem die Tiefe. Es gibt auch keinen Raum dafür, so absurd ist alles. Ich verstumme dort immer, ziehe mich zurück in mich hinein. Sitze da wie eine Hülle, höre alles, sehe alles. Beteilige mich zwar auch mal an Gesprächen, doch irgendwie nicht so, wie ich es sonst mache. Was ich sage oder zu sagen hätte, verhallt einfach. Vermutlich zu komplex und weitreichend und gefühlslastig. Auch stelle ich zunehmend eine sprachliche Barriere fest: Ich kann meine Gedanken auf Türkisch nicht so schnell und bedacht ausdrücken wie auf Deutsch, ich brauche zu lange dafür. Im Alltag fehlt mit die Gelegenheit der Anwendung, fehlen mir die Menschen, mit denen ich mich auf Türkisch in aller Tiefe unterhalten könnte, wie ich es brauche. Andererseits ist so ein Besuch in der Elternwelt gut für mich, so weiß ich doch mein Leben fern der Familie zu schätzen. Wie ein Resetknopf. Familie ist wohl immer der gleiche Wahnsinn, ganz egal, wie man zueinander steht.

Ich war auch beim Freitagsgebet in der Moschee, war ein seltsames Erlebnis. Äußerlich die Bewegungen mitgemacht, innerlich die arabischen Worte gesprochen und gedanklich doch ganz woanders gewesen. Ich fühlte mich teilweise schuldig, dass ich inmitten dieser Menschen war, wusste aber gleich, es einzuordnen. Es waren die alten Gedanken und Erinnerungen, die da hochkamen.

Eine Sache ist mir diesmal klar geworden. Die Erkenntnis finde ich mega witzig, weil absurd, gleichzeitig irgendwie tragisch und naja, dadurch eigentlich noch witziger.

Seit meine Eltern einen Kater haben, seit 2013 oder so, ist meine Lebensweise scheinbar nicht mehr so wichtig für sie. Zumindest diskutieren sie seitdem nicht mehr so viel mit mir darüber, seit einigen Jahren schweigen wir dazu einfach. Den Kater lieben sie wie einen Sohn, sie sagen auch wirklich „mein Sohn“ zu ihm. „Mein Sohn, komm‘ her zu mir!“ Dann streicheln und füttern sie ihn. „Ja, mein Sohn ist ein guter Sohn! Wie schön du bist! Hast du fein gemacht.“ Dann wird er gekrault und gekämmt. Abends legt er sich auf das Sofa, neben meinen Bruder, auf meinen Vater, und er wird beim Fernsehen gestreichelt. Vor dem Schlafengehen gibt es noch ein Leckerli. „Ja, warst aber auch brav heute! Hier hast du deine Belohnung. Ey, nicht alles auf einmal!“

Er ist ein wunderschöner Kater, ruhig, er maunzt ganz goldig, ist superflauschig, so ein weiches Fell hab ich noch nie gefühlt. Ein rundum sehr hübscher Sohnersatz. Er heißt auch noch Pascha, passenderweise. So hat mich mein Vater als Kind auch mal genannt.

Meine Eltern sind ein oder zwei Jahre nach meiner Flucht in ein Haus gezogen, darin hab ich so ein Zimmer, das sie für mich eingerichtet haben. Da schläft der Kater zuweilen. Im Zimmer steht ein riesiges Bücherregal, darin tausend Bücher über den Islam und wie man zum Glauben zurückfindet etc. Der Kater hat auch schonmal das Bett markiert, wenn ich da war. Was maße ich mich auch an, mich da reinzulegen! Als ob er sagen wollte: „Wer bist du eigentlich, du komischer Besucher! Kommst einzweimal im Jahr und legst dich in MEIN Bett! Ich bin der Sohn hier im Haus. Verpiss dich, hier hast du erstmal schön meinen Urin, viel Spaß damit.“ Streicheln lässt er sich von mir. Einmal hatte ich die Tür nicht geschlossen, da kam er und wollte mich wohl im Schlaf ersticken. Hat sich so auf mein Gesicht gedrückt, dass ich aufgewacht bin!..

Ich glaube, durch den Kater haben sich meine Eltern selbst geheilt. Anstatt mich heilen zu lassen, haben sie sich mit dem Kater von ihrem Sohn geheilt. Irgendwie schön, und durchaus witzig. Ich lache mich gerade tot. Vielleicht sollte ich so Therapien anbieten? Kauft euch einen Kater, liebt ihn wie euren verlorenen Sohn, und schon ist die Welt eine andere! Liebe für den Kater, Freiheit für den Sohn!

„Wieso tust du dir das an? Ich würde mich gedemütigt fühlen.“ — Es berührt mich nicht mehr. Vor ein paar Jahren fand ich das komisch und demütigend, konnte aber nicht zuordnen, warum. Jetzt hab ich es erkannt und freue mich für meine Eltern. Sollen sie „ihren Sohn“ streicheln und lieben. Es macht mich frei. Seitdem müssen sie mir ihre „Liebe“ nicht mehr aufzwingen, weil sie die scheinbar an den Kater schenken und er nimmt sie schnurrend an. Seit dem Kater tatsächlich ist alles entspannter für mich. Sie rufen nicht mehr jede Woche an. Ich rufe auch mal an, sechsmal im Jahr oder so. Sie nerven mich insgesamt weniger.

„Unsere Eltern haben ihr Bestes gegeben, trotzdem schulden wir ihnen keine Loyalität. Frage dich immer: Würde ich einem Fremden, der sich mir gegenüber so verhält, Respekt zollen? Die Antwort könnte weh tun.“ — Ich kenne die Antwort. Es schmerzt von Jahr zu Jahr weniger. Vielleicht ist dieses Erstarren hier ein Teil davon, dass auch ich mich löse von meiner „Schuld“. Ich habe keine, das weiß ich. Und dennoch ist jeder Schritt in dieser Welt, der Elternwelt, von Schuld gepflastert. Das werde ich aber auch noch schaffen zu überwinden.

Ich glaube, meine Eltern checken gar nicht, was für ein genial witziges, psychologisch wertvolles Schauspiel sie da mit dem Kater veranstalten. Sie spielen sich selbst eine heile Eltern-Kind-Welt vor. Wenn das ihr Umgang ist, dann sei es so. Ich freue mich darüber, dass sie einen Weg für sich gefunden haben. Sollen sie den flauschigen hübschen Kater streicheln, mir ist es recht. Ich liebe den Kater dafür.

„Du solltest dir zwei Hunde holen. Und sie Anne und Baba nennen.“

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Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: „Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.“

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die „richtige Seite“, „zur Gesundheit“ und „zu Verstand“ helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.