Posts Tagged ‘Gesellschaft’

Utopie! (12/42)

6. September 2015

Wir sollten uns eine Utopie ausdenken, in der wir gerne leben würden. Unserer Phantasie waren keine Grenzen gesetzt und wir konnten uns aussuchen, ob wir allein, in Grüppchen oder als eine große Gruppe daran arbeiten wollen. Wir entschieden uns für die große Gruppe. Ansonsten durften wir machen, was und wie wir wollten; dafür hatten wir den ganzen Tag Zeit.

Wir überlegten fünf Minuten und jeder schrieb etwas auf einen Zettel, dann trugen wir unsere Ideen einander vor. Ich sammelte die Kategorien auf einem weiteren Zettel und am Ende glichen wir diese Kategorien mit unseren Ideen ab.

    Mensch und Natur
    Gesundheit
    Lebensmittel
    Gleichstellung
    Wirtschaft und Finanzen
    Politik und Mitbestimmung
    Industrie
    Umwelt, Wasser und Strom
    Wohnraum
    Mobilität
    Kommunikation und Medien
    Bildung und Erziehung
    Wissenschaft
    Kunst und Kultur

Diese Schlagworte schrieben wir auf eine riesige Wandzeitung und gingen sie Punkt für Punkt durch. Jeder konnte dann seine Ideen genauer ausführen oder eine Idee kommentieren. Bei den Punkten „Wirtschaft und Finanzen“ und „Politik und Mitbestimmung“ hielten wir uns am meisten auf. Hier gab es enormen Gesprächsbedarf, weil die Vorstellungen teilweise extrem auseinander gingen. Nachfolgend werde ich unsere gemeinsame Utopie stichwortartig den Kategorien nach beschreiben. Interessant finde ich, dass wir eine ziemlich reale Utopie erschaffen haben. Im Grunde schufen wir ein Gesellschaftsmodell.

Mensch und Natur

    Nachhaltigkeit und ökologische Grundprinzipien stehen bei jeder Entscheidung an erster Stelle.
    Keine Massentierhaltung, Tiere zum Verzehr werden artgerecht gehalten.
    Ressourcen werden nur auf Bestellung geschöpft.

Gesundheit

    Alle Leistungen des Gesundheitssystems sind kostenlos, zum Beispiel Behandlungen und Medikamente.
    Umfassende vorbeugende Maßnahmen.

Lebensmittel

    Nicht kostenlos, aber staatlich subventioniert.
    Bio, FairTrade, nachhaltige Erzeugung.
    Bedarfsgerechte Bestellung monatlich durch die örtliche Gemeinde, zum Beispiel werden im Winter andere Lebensmittel verbraucht als im Sommer.
    Keine Verschwendung durch Bestellerprinzip, falls Sonderwünsche.
    Genussmittel nicht subventioniert.

Gleichstellung

    Religion und Staat sind strikt getrennt.
    Absolute Meinungs- und Pressefreiheit.
    Gleichstellung Aller, zum Beispiel aller Geschlechter, Hautfarben, Nationalitäten, Sexualitäten, Religionen.

Wirtschaft und Finanzen

    Eine Kasse für alles, jeglicher Lohn und Mehrwert fließt hinein, um beinahe jede Kategorie des Lebens kostenlos halten zu können.
    Grundeinkommen. Variabel, monatlich berechnet nach gesellschaftlichem Arbeitsaufkommen. Das Grundeinkommen ist gleichzeitig der Monatslohn und beinhaltet jegliche Sozialausgaben. Jeder hat monatlich das gleiche Einkommen, egal ob Müllmann oder Politiker.
    Keiner muss arbeiten, jeder darf arbeiten.
    Arbeit steigert das Grundeinkommen aller. Niemand arbeitet nur für sich, sondern für die Gemeinschaft. Privaten Reichtum gibt es nicht, alle sind gleich reich. Ungenutztes Grundeinkommen verbleibt in der Kasse für alle, für den Einzelnen steht maximal zur Verfügung das monatliche Grundeinkommen,
    Virtuelle Währung, transparent und öffentlich.

Politik und Mitbestimmung

    Gemeinden, Basistreue Delegation, im Grunde Räte-Demokratie. Basis entscheidet und Delegierte müssen die Meinung der Gemeinde vertreten.
    Transparenz in allen Entscheidungen, öffentliche Sitzungen und Protokolle.
    Volksentscheide.
    Kritikzentrum, von uns ironisch „Zentrum für politische Schönheit“ genannt, das die Kritik am Staat anhört und verarbeitet, die Delegierten überwacht und mit dem Kritikern Lösungen entwickelt, mit dem Volke abspricht und gegebenenfalls umsetzt.

Industrie

    Konsumgüter sind nicht kostenlos.
    Produktion nach Bedarf und auf Bestellung.
    Herstellung dauert zwar länger, aber so wird Verschwendung reduziert und alles wird mit Bedacht bestellt.
    Produkte müssen hochwertig sein und haben eine tatsächliche Lebenslange Garantie mit Reparatur und allem.
    Recycling ist erstrangig.

Umwelt, Wasser und Strom

    Wasserkraft, Solar und Wind sind erstrangig und kostenlos.
    Keine Atomenergie, fossile Brennstoffe nur ausnahmsweise nach strenger Prüfung erlaubt und mit hohen Kosten für Industrie und Verbraucher verbunden.
    Keine Umweltverschmutzung, nachhaltige Kreisläufe.
    Regenwasseraufbereitung.
    Lärmarm.

Wohnraum

    Kostenlos
    Zukunftssicheres Bauen

Mobilität

    Kostenlose Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, hohe Taktung
    Autofreie Stadt, Versorgung, zum Beispiel Feuerwehr, Krankenwagen, natürlich erlaubt.
    Kostenloser Fahrservice für Schwangere, körperlich Beeinträchtigte etc.
    Elektrofahrzeuge und Carshaaring für Fernziele.
    Fahrradstraßen prägen Stadtbild.
    Verkehrsleitsystem mit Sicherheitsfunktion, Hindernis- und Pannenerkennung etc.
    Lärmarm

Kommunikation und Medien

    Kostenlose Nutzung des Internets, Glasfaser für alle, kostenloser Mobilfunk.
    Medien werbefrei und kostenlos zugänglich per Internet. Investigativer Journalismus ist Pflicht.
    Keine Werbung in Publikationen nicht erlaubt, nur im Fernsehen und auch nur zwischen den Sendungen für fünf Minuten.

Bildung und Erziehung

    Kostenlos, Kita und Schule für alle und immer.
    Sechs Jahre Grundschule, danach keine Schulformtrennung.
    Absolute Chancengleichheit, kein Leistungsdenken.
    Grundschule fördert vor allem Kreativität und gesellschaftspolitisches Denken.
    Freue Wahl der Fächer nach der Grundschule. Falls im Berufsleben Defizite erkannt werden, kostenlose Nachhilfe an den Schulen und an der Uni.

Wissenschaft

    Forschungsbedarf wird von den Unis angemeldet und von der Industrie kostenlos produziert.
    Ethikkommitee entscheidet über schwierige Forschungsfragen.
    Forschung im Bereich der Grundversorgung vorrangig.
    Unabhängig von Politik.

Kunst und Kultur

    Künstler sein ist ein Beruf, Künstler erwirtschaften durch ihre Arbeit einen Mehrwert, der wie im Bereich „Wirtschaft und Finanzen“ erklärt, der Gesellschaft zugute kommt.
    Kostenpflichtiges Angebot, Bürger suchen sich ihre Art der Unterhaltung aus und zahlen vom Grundeinkommen.
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Fallout Shelter. (11/42)

6. September 2015

Nun folgt eine kleine Gesellschaftskritik, vom Hersteller sicherlich nicht beabsichtigt, aber verpackt in einem zutiefst kapitalistischen Spiel, in dem ich die Menschen nur nach Leistung bewerte und sie systematisch ausbeute. Doch von vorne…

Ab und an spiele ich Quizduell mit Freunden, das war’s aber auch schon. Zur Schulzeit spielte ich gerne „Die Sims“, ich hatte sehr viel Spaß am Bauen und Einrichten von Häusern. Die Sims an sich empfand ich als langweilig und tötete sie auf unschöne Arten und Weisen: Zimmer mit Kamin und ohne Sauerstoffzufuhr. Swimmingpool mit Sprungbrett und ohne Leiter zum Aussteigen. Herbeirufen des Sensenmannes mittels Cheat…

  

Aktuell spiele ich auf dem Handy „Fallout Shelter“. Die Welt ist einem Atomkrieg oder einer sonstigen Umweltkatastrophe im Zusammenhang mit der Atomkraft zum Opfer gefallen. Ich bin Leiter eines Schutzbunkers und habe zum Ziel, meine Bunkerstadt mit immer mehr überlebenden Menschen zu bevölkern und die Anlage zu erweitern, um die Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Die Menschen erhalten je nach Begabung eine Aufgabe, für die sie geeignet sind. Je mehr Menschen Zuflucht in meinem Bunker finden, desto mehr Arbeit gibt es und desto mehr kann ich bauen. Die Produktion von Nahrung, Wasser und Strom muss zu jeder Zeit gewährleistet sein, sonst werden meine Schützlinge krank und versterben. Außerdem kann ihre Zufriedenheit sinken, dann arbeiten sie schlecht und unzuverlässig und sind der Gesellschaft nicht von Nutzen.

Die Leistung der Menschen wird nach ihrem SPECIAL-Wert beurteilt, danach kann man sie auch sortieren und hat schnell einen Überblick über ihr Potenzial.

    S = Stärke (Strength)
    P = Wahrnehmung (Perception)
    E = Ausdauer (Endurance)
    C = Charisma (Charisma)
    I = Intelligenz (Intelligence)
    A = Beweglichkeit (Agility)
    L = Glück (Luck)

Diese Eigenschaften hat jeder, sie sind nur unterschiedlich ausgeprägt. Je nach Eigenschaft sind die Menschen für verschiedene Dinge gut:

    Stärke: Strom produzieren
    Wahrnehmung: Wasseraufbereitung
    Ausdauer: Lagerraum
    Charisma: Kinder produzieren oder Radiostudio
    Intelligenz: Klinik oder Forschungslabor
    Beweglichkeit: Nahrung produzieren
    Glück: Überall nützlich, besonders beim Kinder machen

In diesem Spiel bin ich im Grunde Arbeitgeber und verantwortlich dafür, dass alles läuft. Dies hat zur Folge, dass ich die Menschen nur nach ihrer Tauglichkeit bewerte, um mehr und mehr Ressourcen produzieren und meine Anlage stetig maximieren zu können. Doch meine Arbeitnehmer werden träge, krank und faul. Sie jammern und fallen auch um vor Erschöpfung. Dann sind sie schlechtes Human Kapital, schließlich sollen sie Leistung erbringen. Also überschütte ich sie ständig mit Drogen, dafür habe ich extra eine Klinik und ein Forschungslabor, damit sie arbeiten, arbeiten, arbeiten!

Doch was bringen mir diese Menschen, wenn sie sich nicht weiter entwickeln?! Also muss ich sie wohl oder übel fortbilden, damit sie ihre Arbeit besser und besserer erledigen. Alles nur für unsere Gesellschaft, für unseren Bunker! (Für meine Zufriedenheit!)

Nun, Fortbildungen sind doof. Es fehlt dann jemand im Wasserkraftwerk und weniger Strom wird produziert, es fehlt jemand in der Radiostation, wo Überlebende angelockt werden, und niemand zeugt Kinder, die für mich arbeiten können, wenn sie erwachsen sind. Aber es muss sein, also schicke ich eine Person in die Schule oder in den Sportraum, nur damit er nützlicher wird. Am liebsten würde ich alle fortbilden, das bedeutet nämlich Leistung!, aber wer sorgt dann für die Reproduktion der Gesellschaft? Ein Dilemma. Vor lauter Arbeiten kommen die Menschen nicht oder kaum dazu, ihre Eigenschaften zu erweitern. Weil ich es mir nicht leisten kann, den Stärksten aus der Stromproduktion in die Schule zu schicken, nur weil er so wenig intelligent ist. Er tut doch seine Arbeit dort gut! Doch was ist, wenn mein Bunker überfallen wird? Das passiert nämlich häufig. Auch Feuer brechen aus und radioaktiv verseuchte Käfer dringen ein, dann weiß dieser Stärkste nicht, was er tun soll und rennt wie die Schwangeren und die Kinder schreiend durch die Gegend. Und verteidigt nicht den Bunker! Schlimm ist das.

Es gibt übrigens noch etwas Tolles: einen Tempo-Knopf. Wenn zum Beispiel wenig Wasser vorhanden ist, kann ich in der Aufbereitungsanlage auf den Tempo-Knopf drücken. Dann wird quasi die Zeit in diesem Raum beschleunigt und die Menschen arbeiten schneller. Bevor man auf den Knopf drücken kann, sieht man die Unfall-Wahrscheinlichkeit. Je schlechter die Menschen ausgebildet sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls. Also liegt es in meinem Interesse, dass die gefälligst schlau zu sein haben!

Und an diesem Punkt staune ich über dieses Spiel. Es führt mir vor Augen, was eine Gesellschaft wie unsere, die sich über Leistung definiert, letztendlich ist: Ausbeutung mit Hinblick auf die Nützlichkeit mit dem Ziel der Maximierung. Mehr, immer mehr!

Ich denke, jeder kann in diesem Spiel Parallelen zu unserer Welt finden. Montagabend, nachdem wir Bildungsurlauber uns kennen gelernt haben, handelte das Gespräch unter Anderem davon, dass wir uns im Grunde alle im Kennenlern-Interview über unsere Leistungen definiert haben. Der eine ist hier und da aktiv, der andere singt in einem Chor, die eine studiert dieses hoch komplexe Fach und die andere hat schon so und so viele klassische Literatur gelesen… Diese Erkenntnis war witzig, ich musste dann an Fallout Shelter denken. Ich zückte das Handy hervor und erklärte das Spiel und wir sprachen noch bis in die Nacht über die Bedeutung von Leistung in dieser Welt.

Und wahrscheinlich rührt zur Zeit die Angst vor Fremden daher, dass ein Anderer ihre Arbeit besser machen könnte als sie, zum Beispiel ein Geflüchteter. Und deshalb sprießen die besorgten Arschlöcher nur so aus dem Boden. Getrimmt auf Leistung, angetrieben durch Unwissen und Angst, jeder hier und da gut, gerade so gebildet, um ganz normal durch das Leben zu kommen und nicht reflektiert genug, das zu erkennen und in Frage zu stellen. Natürlich haben die Angst. Hat es doch unser Bunkerleiter versäumt für Gerechtigkeit zu sorgen, sodass niemand gerade so über der Armutsgrenze leben oder sich bis zur Erschöpfung abrackern muss, um sich in seiner sogenannten Freizeit ausruhen zu können. Stattdessen besitzen ein paar Wenige allen Reichtum und die restlichen 98 Prozent müssen Leistung erbringen und arbeiten und arbeiten und arbeiten, um bestehen zu können und den Reichtum der Reichen zu mehren.

Dabei sind neue Menschen im Bunker super, sie erfüllen Arbeit und erzeugen Mehrwert. Wo ist denn für das System gesprochen der Haken? – Jeder ist austauschbar, wichtig nur sein SPECIAL-Wert. Bildung würde nur das System in Frage stellen.

Und genau hier liegt das Problem.

Bildungsurlaub. (8/42)

30. August 2015

Ab morgen habe ich eine Woche Bildungsurlaub. Das Hessische Bildungsurlaubsgesetz ermöglicht es nämlich allen Arbeitnehmern sich fünf Arbeitstage im Jahr per bezahlter Freistellung durch den Arbeitgeber beruflich, politisch oder allgemein weiterzubilden; zusätzlich zum „normalen“ Urlaub. Hierbei ist nur wichtig, dass es sich um eine anerkannte Bildungsmaßnahme handelt, zum Beispiel von der Bundeszentrale für politische Bildung, und dass der Arbeitgeber spätestens sechs Wochen vor Beginn informiert wird, damit er den Bildungsurlaub entsprechend im Dienstplan hinterlegen oder sonst wie planen oder genehmigen kann. Und falls er ihn nicht genehmigt, kann man im Folgejahr sogar zehn Tage in Anspruch nehmen. Die Übertragung muss man wiederum auch beantragen, und die kann nicht abgelehnt werden. Mehr als zehn Tage im Jahr sind aber leider nicht möglich.

Ich fahre morgen in die Bildungszentrale der Gewerkschaft, in der ich in den letzten drei Jahren mehr als zehnmal aus beruflichen Gründen war. Zimmer und Verpflegung sind auch für den Bildungsurlaub inklusive, die Gewerkschaft übernimmt die ganzen Kosten.

Und jedes Mal ist es soso toll! Die beruflichen Inhalte werden dort von Ehrenamtlichen vermittelt und haben – und das ist nicht einfach so dahin gesagt – immer meinen Horizont erweitert, zumal sie ganz anders vermittelt werden als verwandte Themen damals in der Schule. Wer fand denn schon Unterricht in den Fächern Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft nicht ätzend und langweilig? Wir als Seminarteilnehmer haben dort immer gemeinsam und voneinander gelernt; ein Mix aus Arbeit mit den eigenen Erfahrungen, Input durch Zuhören, Lesen und Erleben, Diskussionen und Gruppenarbeiten. Das hat mir immer sehr gefallen und ich bin gespannt, wie es mit dem politischen Inhalt sein wird, der nichts mit meinem Beruf zu tun hat.

Und die Leute! Die beruflichen Sachen werden auch nur von Menschen belegt, die sich dafür interessieren, insofern war abends immer reger Austausch bis in die Nacht oder den frühen Morgen angesagt. Trotzdem waren alle pünktlich am Morgen zum Tagesbeginn anwesend, wenn auch die erste Stunde etwas träge vonstatten ging. Aber auch das war immer im Tagesplan berücksichtigt.

Das Seminar morgen handelt von Interesse, Macht und Zukunft und die Beschreibung lautet:

Alle, die langfristig in der Gesellschaft etwas ändern wollen, brauchen ein Basiswissen über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen. Wir werden stärker, wenn wir unsere eigene Rolle erkennen und wissen, welche politischen Handlungsmöglichkeiten wir haben.


Für junge Menschen, die verstehen wollen, nach welchen Prinzipien unser Leben in Wirtschaft, Betrieb und Gesellschaft funktionieren. Eigene Lebensvorstellungen entwickeln, Möglichkeiten, Hindernisse und Grenzen kennen lernen. Berufschancen, Interessenskonflikte, wirtschaftliche Zusammenhänge und Abhängigkeiten entdecken und durchschauen. Die Grundzüge des Wirtschafts- und Sozialsystems kennenlernen. Lebens- und Berufschancen selbst in die Hand nehmen und dabei Unterstützung finden. Das und mehr hat dieses Seminar zu bieten!

Ich bin echt gespannt und freue mich sehr auf morgen. Mit dem Mittagessen geht es los und ich schwöre: Ich kenne kein Restaurant oder etwas in der Art, das so gute und vielfältige Speisen zu bieten hat. Ich liebe das Essen dort!.. und bekomme jetzt Hunger. Vielleicht esse ich noch ein paar Cashew-Kerne.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Porzellan.

20. September 2010

Nach zwölf Stunden Schule bin ich via S-Bahn zur Universität gefahren und habe mich ein wenig in den Gebäuden umgesehen, für deren Fachbereich ich mich interessiere. Auf dem kurzen Weg zur Uni habe ich mich stark melancholisch gefühlt, weil ich meinem „Ziel“, das mir selbst noch unbekannt ist und in nebeliger Ferne liegt, Schritt für Schritt näher komme.

Ich weiß, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme. Ich weiß auch, dass ich eines Tages „erfolgreich“ werden möchte, dass ich eines Tages Stolz in den Augen meiner Eltern, vor allem in den Augen meines Vaters sehen möchte. Ich will, dass mein Vater stolz auf mich sein kann, stolz auf seinen fremden Sohn, der schon von Klein auf anders zu sein schien, als die anderen Kinder aus Familie, Verwandt- und Bekanntschaft. Ich will aus ganzem Herzen geliebt werden. Mir ist klar, dass Stolz und Liebe zwei unterschiedliche Sachen sind. Mir ist auch klar, dass vor mir eine schwere, aber auch abenteuerliche Zeit liegt, die mich auf der einen Seite Nerven und Geld kosten, und auf der anderen Seite Spaß und Freundschaften einbringen wird.

Gestern waren wir als Familie Heartcore bei dem Dozenten meines Vaters eingeladen, der mir so einige Tipps bezüglicher meiner Zukunft gab. Ich mag diesen Herren; er ist analytisch, sehr direkt und er möchte, dass aus mir etwas wird. Während wir also genüsslich Kaffee und Tee, Sahnetorte und Himbeerkuchen zu uns nahmen (SO LECKER!), sprachen wir über mich und meine vagen Pläne. Natürlich haben wir nicht nur über mich gesprochen, aber das ist jetzt egal.

Ich erzählte dem Herren, dass ich im Sommer mit der Schule fertig bin und nicht wirklich weiß, was ich machen möchte. Ich erzählte ihm auch, dass ich mich bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender für eine Ausbildungsstelle beworben habe, obwohl ich mit dem Ende meiner Schulzeit schon fertig ausgebildet sein werde. Dass ich die Fernseh-Sache nur als Airbag ansehe, habe ich ihm auch gesagt. Als das Wort „Ausbildung“ aus meinem Munde sprang, merkte ich allein schon an der Art, wie er seinen Kuchen zerteilte, dass ihm nicht schmeckte, was ich mir da naiv erdachte. Man muss wissen: dieser Mann hat Erfahrung und ist ein ziemlich hohes Tier in der „Branche“. Zudem hat er Kontakte zu fast allen Wirtschaftsbereichen und namhaften Personen, die man sich unter dem Begriff „Branche“ nur vorstellen kann. Vielleicht könnte mir dieser Herr zu einem Sprungbrett verhelfen, vielleicht hat er das auch schon getan. Sein Rat an mich war: Studieren, am besten etwas mit Wirtschaft und Informatik, und das am allerbesten in einer Stadt, deren Name ich hier aus Selbstschutzgründen nicht nennen sollte. Das Gute daran ist, dass mir Wirtschaft in Form von BWL als Schulfach besonders liegt und dass ich mit Informatik ebenfalls bestens klarkomme. Das Schlechte daran ist, dass ich mit Medien besser „umgehen“ kann, als mit Wirtschaft. Ich denke, dass es für mich spaßiger und einfache wäre, etwas mit Medien und Informatik zu studieren. Aber es gibt noch ein Problem: die Mathematik. Sie wird im Studium allgegenwärtig sein, und dabei können wir uns nicht so gut leiden, denn wir verstehen uns zur Zeit nicht. Wir kommen nur gut miteinander aus, wenn die Chemie stimmt, und die ist zur Zeit ungenießbar. Ich denke, dass das an meinem aktuellen „Mathelehrer“ liegt, welcher ein alter Sack im Rentneralter ist, der weder richtig erklären, noch richtig sprechen kann. Wenn ich keine Leitfigur habe, die mich zielführend und zufriedenstellend führt und begleitet, kann ich schlecht lernen. In der Schule habe ich heute eine Aktion gegen den besagten Lehrer gestartet, morgen werde ich Unterschriften sammeln. Meine Prüfungsnote ist mir sehr wichtig, weil alles davon abhängt. In den anderen Fächern gut zu sein, wird mir nicht schwer fallen.

Wir saßen und aßen und tranken und sprachen über Dies und Jenes, über Wirtschaft und Gesellschaft. Irgendwann kamen wir auf das Thema Fernsehen. Der Herr Gastgeber merkte an, dass er den Fernseher kaum anrühre, dass ihn das Fernsehen anwidere wie eine madendurchfressene Schlammleiche. (OK, das hat er nicht gesagt, aber er meinte es so). Ich warf in den Raum, dass es mir ähnlich geht, und dass ich seit Jahren nicht mehr fernsehe, weil mich das Gezeigte einfach langweilt. Da sagte der Herr: „Im deutschen Fernsehen sieht man von Amerika die Wall Street und die Skyline New Yorks oder die schönen Städte, zum Beispiel Los Angeles oder Hollywood. Und wie sieht man Deutschland im deutschen Fernsehen? Als Land der asozialen Arbeitslosen, die zu faul sind, um zu arbeiten, und als Land der korpulenten Hungernden, die zu faul sind, um zu essen. Anstatt solchen gesellschaftsschädigenden Schund zu senden, sollte man Familien wie eure zeigen. DICH und DEINEN VATER sollten die Sender präsentieren und den Leuten klar machen, dass es möglich ist, sozial aufzusteigen, wenn der Wille vorhanden ist! Doch was wird gesendet? Banaler Dreck von der Unterschicht an die Unterschicht. Bitte, lieber Herr Heartcore, ich möchte Sie hoch oben sehen. Befolgen Sie meinen Rat und studieren Sie etwas Brauchbares, das zu Ihnen passt. Vergessen Sie das Fernsehen. Sie sind in Ihrem jungen Alter schon längst aus dem herausgewachsen, was dort gezeigt wird.“

Die Worte des Mannes haben mich sehr gerührt, denn sie entsprangen der Wahrheit. Mir wurde in dem Moment klar, welch Potenzial eigentlich in mir steckt. Ich möchte dieses Potenzial nutzen und ich werde studieren, denn das ist meine Pflicht mir gegenüber.

Mein Vater blickte mich an und ich konnte seine Augen funkeln sehen. Wahrscheinlich sah er in dem Moment seinen zukünftigen Sohn vor sich, oder die Sonne blendete ihn einfach nur.

Stunden später, als wir das wunderschön eingerichtete Haus verlassen wollten, entstand folgende Konversation zwischen meinem Vater und dem Gastgeber, als meine Mutter und die Frau des Gastgebers noch im Wohnzimmer sprachen, während wir schon fertig in den Schuhen warteten.

Vater: „Ach, die Frauen! Lassen immer auf sich warten.“
Gastgeber: „Ja, die Frauen sind etwas ganz besonderes!.. Und wenn wir einmal ehrlich sind: das wahre Sagen in einer Gesellschaft wie der unseren haben immer die Frauen, auch wenn’s nicht so scheint. Ihr Sohn wird eines Tages einmal eine Frau heiraten, die aus dem selben Umfeld kommt, wie er. Er wird sich nicht mit etwas anderem zufriedengeben können, denn stimmt das Niveau und die Chemie nicht, gibt’s nur Ärger. Erinnern Sie sich noch an den Herrn B.?“
Vater: „Klar. Was macht der jetzt eigentlich?“
Gastgeber: „Seine Frau rief einmal vier Mal während eines Seminars an, um zu fragen, wann er denn endlich Heim käme, damit sie mit dem Auto ihre Freundinnen abholen und ins Hallenbad fahren kann. Sie hat den Herrn B. kein bisschen unterstützt. Sie wissen es ja noch gar nicht: Herr B. ist katastrophal durch die Prüfungen gerasselt. Die Geschichte des Herr B. verdeutlicht, dass eine starke Frau wichtig ist, denn die Frau ist die bedeutendste Unterstützung, die ein Mann nur haben kann. Deswegen wird Ihr Sohn sich auch nicht mit einer „Normalen“ zufrieden geben, wenn es denn so weit ist.“
Vater: „Etwas anderes habe ich von ihm auch nicht erwartet. Mal sehen, ob er guten Geschmack beweist.“

Dieser Satz meines Vaters hat mich sehr irritiert und gleichzeitig gebannt. Weshalb das so ist, muss ich ein anderes Mal erklären. Es gibt so einige Dinge, von denen ich gerne erzählen würde, doch mich noch nicht dazu im Stande fühle.

Im edlen Hausflur des Gastgebers hing eine ästhetische Porzellanskulptur, welche hauptsächlich das menschliche Gesicht darstellte. Die farbigen Augen waren weit geöffnet und die dezenten Ohren ebenfalls. Doch der Mund, der wurde von einer Hand verdeckt. Die Frau des Gastgebers beantwortete meine Frage, welche Bedeutung die Hand hat, so: „Alles sehen und alles hören, doch Gesehenes und Gehörtes verschweigen, im Kopf reifen lassen.“ Diese Skulptur, das muss man sagen, war aus feinstem Porzellan und sehr ansprechend gestaltet. Aus dem Kopf der Porzellanskulptur sprossen kleine Plättchen in Form von Quadraten, Kreisen und Dreiecken, die jeweils in den verschiedensten Farben erstrahlten. Diese hauchdünnen Plättchen sollen die Informationen darstellen, die im Kopf der Skulptur heranreifen, in dem sie ab und an nach außen an die Sonne getragen werden, ohne dass jemand etwas davon merkt. Diese Skulptur ist ein Sinnbild für mich. Als ich ihre fabelhaft-verdeckte Aussage erkannte, empfand ich eine große Faszination, denn die Skulptur schien zu sein, wie ich es bin. Ich höre und sehe alles, bin aber wie ein Schwamm, der alle Wasser und Meere in sich zieht, doch niemals ausgedrückt wird und trotzdem weiterhin aufnahmefähig ist. Nur, dass ich im „realen Leben“ schweige und hier, im Internet auspacke. Ich bin wie diese Skulptur.

Auf der Heimfahrt sortierte ich nochmals meine Gedanken bezüglich meiner Zukunftspläne und präsentierte sie meinen Eltern. Schule, Bachelor, Master. Als mein Bruder bemerkte „Jaja, du wirst also Student!“, frug ich ihn des Spaßes halber, was er werden möchte. „Profifußballspieler! Was sonst?!“ Daraufhin meine Mum zu meinem Bruder: „Dein Bruder wird studieren und noch fremder werden, als er eh schon ist…“

Weshalb meine Mum mir nach diesem für mich sehr schönen Tag ein Messer in den wohlig-gelaunten Bauch rammte, ist mir jetzt noch nicht klar.

Doch sie hat Recht. Ich bin und bleibe der fremde Sohn.

Auf der Suche.

8. Januar 2010

„Wir alle suchen nach jemanden – nach diesem besonderen Menschen, der uns das gibt, was wir im Leben vermissen. Nach jemanden der uns Gesellschaft leistet, oder Hilfe verspricht, oder Sicherheit bietet und manchmal, wenn wir wirklich lange genug suchen, finden wir jemanden, der uns alles auf einmal gibt. Ja, wir alle suchen nach jemanden. Und wenn wir diesen jemand nicht finden, dann können wir nur beten, dass er uns findet.“

Mary Alice Young.