Archive for the 'Träume' Category

Vom Fliegen. (22/42)

5. Oktober 2015

Vorgestern habe ich zum ersten Mal vom Fliegen geträumt; zumindest ist es das erste Mal, dass ich mich daran erinnern kann.

Ich war mit drei mir vertrauten Personen unterwegs in dem Dorf, wo ich ausgewachsen bin. (Ähm, ja: Satzbau „in dem, wo“ lässt auf Schwaben schließen.) Wir schlenderten vorbei am Dorfbrunnen, aus dem kühles Trinkwasser plätscherte, weiter über die leere Straße zu einem abgeranzten Bushaltestellenhäuschen, hinter dem sich eine Bäckerei befand. Es war dunkel draußen, sicherlich Nacht, und leicht neblig; ein ganz feiner Sprühnebel, dessen winzig kleine Tröpfchen wie Brillanten im Licht der Straßenlaternen aufleuchteten. Dennoch konnte man die Sterne und den Mond mehr oder minder klar erkennen. Ein sanfter Wind wirbelte Laub hin und her, es war offensichtlich Herbst.

Im Gespräch zwischen den Personen und mir ging es um die beachtliche Leuchtkraft des Mondes, und da sagte ich: „Siehst du der Mond hat sich ein Fernglas gebaut, mit dem er nachts in unser Schlafzimmer schaut! Wer hätte das gedacht, dass der Mond so etwas macht?

Manchen werden die Worte bekannt vorkommen, denn die Zeilen sind aus dem Song „Die Nacht“ von Wir sind Helden. Das ist insofern witzig, denn vor dem Schlafen gehen hatte ich Stephan den Song vorgespielt, weil der Mond tatsächlich so am Himmel stand, dass man im Liegen denken konnte, er schaue bei uns ins Schlafzimmer hinein.

Nun, im Traum folgte ein weiterer Satz aus dem Song, und zwar: „Und wusstest du, dass das Sternenlicht kurz bevor es in den Himmel aufbricht auf deiner Nase sitzt und lacht, dann erst springt es in die Nacht!“ Sodann flog ich empor, ganz sanft und gleichmäßig, hoch zu den Sternen, als ob ich das schon immer gekonnt, es nur vergessen hätte.

Das Dorf wurde immer kleiner, dann das Land, der Kontinent, und plötzlich saß ich auf dem Mond und hatte ein Fernglas, mit dem ich zur Erde schauen konnte.

Das Feigenbäumchen. (17/42)

20. September 2015

Letzte Nacht träumte ich unübersehbar die Fortsetzung eines Traumes, der schon lange zurück liegt. Im ersten Traum stand auf meinem Balkon ein Feigenbäumchen, dessen Früchte klein und noch nicht ganz reif waren. Das Bäumchen spielte keine bedeutende Rolle, war einfach nur ein bisschen Dekoration und machte es mir ganz behaglich in meiner Traumwelt. Vielleicht handelte es sich dabei aber auch um die bildliche Darstellung eines Wunsches, vielleicht wollte mir mein Unterbewusstsein sagen, dass ich mir ein Feigenbäumchen zulegen sollte. Das Wetter im Traum war sonnig und T-Shirt-tauglich. Ich war wegen irgendetwas auf den Balkon gegangen und dann wieder zurück in die Wohnung. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls tauchte dieses Feigenbäumchen letzte Nacht wieder auf, diesmal in der Hauptrolle. Auch hier war das Wetter wunderschön und das Bäumchen stand auf dem Balkon an exakt der gleichen Stelle wie im ersten Traum. Die Früchte waren nun reif und prall, hatten eine tief violette Farbe und waren riesengroß. Ihr Anblick ließ jeden Betrachter denken, dass sie vor Reife gleich platzen müssten, sollte man sich nicht erbarmen und sie vom Bäumchen nehmen. Nun war ich aber nicht allein, auf der Bank saß jemand, den ich im Nachhinein betrachtet gar nicht kennen konnte. Er war mir aber vertraut und sprach mit mir über die Feigen. Er merkte an, wie schön sie doch gelungen seien und bat mich um eine Kostprobe. Ich bot ihm eine Feige an und nahm mir selbst auch eine. Die sonnenwarme Haut zerbarst beim ersten Bissen und das Fruchtfleisch quoll heraus und ließ mir den Saft im Munde zusammen laufen. Die Feige hatte einen köstlichen Geschmack, sie war süß, dicklich und irgendwie doch flüssig. Sie schmeckte so außerordentlich gut, dass ich dachte, das kann nur hyperrealistisch sein. Da fiel mir ein, dass ich schon einmal von dem Bäumchen geträumt hatte. Ich erinnerte mich also im Traum an den ersten Traum, war mir aber nicht bewusst darüber, dass ich träume. Ich hielt die Situation für die Realität.

Das war ein sehr schöner Traum. Und ein sehr sinnlicher.

Ein Traum.

15. Dezember 2012

Geträumt, dass bulgarische Flüchtlinge an meinem Fenster stünden. Sie waren allesamt schmutzig und hatten eher dunkle Haut, doch ihre Augen waren hell, klar und ehrlich. Sie bettelten nach Geld, doch ich hatte nur Schmerzmittel in meinen vier Wänden. Das reichte ich ihnen, daraufhin zogen die Erwachsenen fort und zwei Kinder blieben übrig, sie weinten bitterlich und sahen sehr traurig aus. Sie sahen zu mir auf und kletterten durch das Fenster in mein Zimmer, schutzsuchend vor der Kälte, denn ihre Kleidung war sehr dünn, fast wie Papier. Sie sind in mein Zimmer eingedrungen und beschmutzen nun mein Bett, dachte ich, aber weinende Kinder wollte ich nicht von mir stoßen. Mein Mitbewohner war zu Hause und ich rief ihn zu mir, weil mich die Situation überforderte. Am Ende könnten das organisierte Kriminelle sein, dachte ich. Zusammen trösteten wir die Kinder und sagten ihnen, dass die Welt schlecht und kalt sei. Ich gewann langsam Vertrauen in die Sache und streichelte dem Jungen das Köpfchen, während ich gerührt meinem Mitbewohner dabei zusah, wie er dem kleinen Mädchen die Tränen aus den Augen fischte. Kurz darauf halfen wir den Kindern wieder aus dem Fenster nach draußen, anscheinend fehlte es ihnen nur an Zuwendung. Noch am selben Tag kamen die Vermieter in die Wohnung und sagten, dass wir nun weniger Miete zu zahlen hätten.

19:41.

30. Oktober 2012

Wir sind in einem Kaufhaus. Die Jacken und Mäntel, die er mir zum Anprobieren ausgesucht hat, sind zu groß oder zu lang für meinen zierlichen Körper, und auch die Verkäuferin konnte mir kein passendes Kleidungsstück reichen. Ich probiere einen Mantel an, den ich selbst ausgesucht habe und von dem ich glaube, dass er zu mir passen könnte. „Wow, steht dir wirklich gut!“, sagt er. „Hätte ich jetzt nicht gedacht.“ Die Verkäuferin mustert mich und sagt schließlich: „Steht ihm ausgezeichnet! Da sieht man mal wieder: Kinder haben meistens einen anderen Geschmack als die Eltern.“ Ich blicke ihn an und wir müssen beide plötzlich lachen. Ich kann ihm aber nur kurz in die Augen sehen; ich schaue zu Boden, bin verlegen und traurig über diesen Moment, doch ich lächle, um es zu überspielen.

Im Laufe des Tages lachen wir mehrmals über diese Situation, denn er ist nicht mein Vater, er ist mein Freund. „Dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. Aber du könntest natürlich mein Adoptivkind sein, oder ich dein Stiefvater.“ Er macht kurz Pause und sagt leise: „So jemanden suchst du doch auch, nicht wahr?“ – „Einen Daddy? Nein, also das wäre nichts für mich…“ – „Das meinte ich nicht. Jemanden, der sich um dich kümmert.“ – „Ah, ich verstehe. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern, aber es wäre schön, wenn da jemand wäre. Jemand, der ‚da‘ ist für mich, der Vertrauen, Sicherheit und vor allem Ruhe ausstrahlt, alles andere ist variabel. Ich mache das nicht am Alter fest, nur scheint es niemanden in meinem Alter zu geben, der das bieten kann… Es ist auch unmöglich, all das mit zwanzig schon zu haben. Muss man sich ja erst aufbauen, indem man reifer wird.“

Der Tag verstreicht, die negativen Gefühle der letzten Wochen spielen nur noch eine Nebenrolle, wir werden wieder zärtlicher zueinander, doch immer noch können wir uns nicht küssen. Nach einem unerwartet schönen Abend sitzt er am Rand meines Bettes. Wir sprechen über unsere Beziehung und ob und wie es weitergehen sollte, inwiefern es überhaupt weitergehen kann mit uns. Ich frage ihn: „Du hast einmal gesagt, selbst wenn es deinen Partner nicht geben würde, wäre ich nicht die zweite Wahl. Was bedeutet das?“ Er atmet tief ein und sagt mit brüchiger Stimme: „Du wirst die Antwort nicht verstehen, aber bitte glaube mir, ich kenne sie.“ – „Bitte sag‘ sie mir trotzdem.“ Er sieht lange zu Boden, Tränen laufen ihm über das Gesicht. „Weil du gehen wirst.“ – „Nein, ich…“ – „Ich weiß, das ist wieder so ein blöder Satz, aber du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Ich habe es selbst erlebt. Du bist noch so jung, gerade erst in’s Berufsleben eingestiegen; wenn du nur wüsstest, was das mit einem macht! Du hast noch so viel vor dir, ein ganzes Leben! Vor zwanzig Jahren war ich ein vollkommen anderer Mensch. Ich bin so froh, diese ganze Scheiße nicht noch einmal durchmachen zu müssen, dieses ganze Leid.“ Ich höre zu, kann nichts antworten. Nach einer kurzen Pause sagt er leise: „Schau‘ mal, die Sache heute im Kaufhaus: so würde es immer sein. Hat mich so sehr getroffen, dass ich in dem Moment überlegt habe zu gehen. Stattdessen habe ich versucht es mit Humor zu nehmen.“ – „Ich weiß, wir haben so sehr darüber gelacht, weil es so tragisch war. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Es tut mir so leid.“ Ich drücke ihn an meine Brust und streichle ihm über den Kopf, wir weinen beide. Im Hintergrund läuft Die Nacht, sein zweites von insgesamt sieben Mixtapes für mich. Ich atme in seinen Nacken und spüre seinen Herzschlag. Ich flüstere die drei Worte in sein Ohr, die ich ihm seit Wochen nicht schreiben konnte, und sage: „Du bist so perfekt. Ich werde nie wieder jemanden treffen, der so ist wie du. Es ist unmöglich.“ Er schaut auf zu mir, die Augen gerötet. Ich werde niemals jemanden treffen, der solch blaue Augen hat, denke ich, mit weißen Ringen darin, von denen du sagst, ich hätte sie entdeckt. Alle nach dir werden sich an dir messen müssen, du wirst unerreichbar sein, weil du genau das für mich bist. Er antwortet: „Ja, du hast leider Recht. Du wirst viele Menschen kennenlernen, aber niemals jemanden wie mich. Ich weiß es doch selbst. Noch heute, zwanzig Jahre später, tut es weh, wenn ich meiner ersten großen Liebe begegne. Du weißt, vor drei Wochen habe ich ihn getroffen, nach Jahren wieder. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen… Ich verstehe dich und ich weiß: alles, was ich sage, macht es weder einfacher, noch besser für dich. Es hilft nicht weiter. Nicht dir, nicht mir. Du wirst es verstehen, wenn du so alt bist wie ich.“

In der Nacht küssen wir uns, wie habe ich seine Lippen vermisst, wir lächeln uns an. Ich flüstere, die Trauer auf meinen Lippen: „Ich habe die Liebe meines Lebens verloren, aber nicht dich.“ Ich schlafe in seinen Armen ein und träume von einem Kaufhaus, in dem es anscheinend alles zu haben gibt, was ich mir wünsche. Ich schaue mich um und erkenne viele Träume und Ziele wieder, doch was ich mir am meisten wünsche gibt es dort nicht. Ich verlasse den Laden mit leeren Händen.

Jim Croce: Photographs And Memories.

Der freie Fall.

29. Juni 2011

Seit Wochen schon träume ich, dass ich falle. Irgendwo hinein, irgendwo herab. Mal ist es ein dunkler Brunnen ohne Grund, mal eine Brücke über dem Meer. Manchmal stürze ich aus den Wolken, sehe Nebel unter mir und die Lichter einer Stadt; manchmal falle ich einfach nur vom Bahnsteig auf das Gleis. Doch zu Boden komme ich nie. Ich erreiche nie den Grund des Brunnens, schlage nie auf dem dunklen Meer oder den rostigen Schienen auf. Lande nie auf der Baumkrone einer alten Eiche. Ich schwebe einfach nur in der Luft, als wäre ich dort gefangen.

Ich kann mir diese Träume kaum merken, und am wenigsten kann ich sie mir erklären. Ich weiß nur, dass ich sie ab dem Nullpunkt nicht mehr hatte, und dass sie erst dann wieder zu mir fanden, als ich im Hause meiner Eltern schlief.

Ich würde gerne wieder etwas träumen, das mir keinen bitteren Nachgeschmack und eine Hand voll Grübelstoff hinterlässt. Etwas Schönes, das mich lächeln lässt, das mir Mut macht, mich stärkt.

Regenstraße.

16. April 2011

Seine Hände halten ihn an der Stange, als der Bus zum Stehen kommt. Stramm steht er da und beißt sich auf die Lippe, mich dabei musternd, als sei ich der Zünder seines Begehrens. Mein Herz schlägt große Wellen und er merkt das, sieht das und reizt es vollends aus; er lächelt mir direkt in die Augen, ich erweiche und weil ich es nicht aushalten und glauben kann, schließe ich meine Augen, um der Anziehungskraft seiner Arme zu entkommen.

Ich höre das stumpfe Auslösegeräusch der Haltewunschtaste und als ich meine Augen wieder öffne, ist er schon ausgestiegen, ehe ich noch einmal sein rauhes Gesicht und seinen Bartwuchs bewundern konnte. Der Bus steht still und rührt sich nicht von der Stelle, und so sehe ich dem fremden, schönen Mann dabei zu, wie er seines Weges nach Hause geht, in der trüben Dunkelheit des ermattenden Tages erlischt und nur noch ein Schatten in den Winkeln meiner Augen ist.

Der Bus fährt weiter in Richtung Regenstraße; währenddessen halte ich Ausschau nach dem Mann, der mich hat flammend sitzen lassen in einem Bus mit mir als einzigen Fahrgast. Oh Wunder!, denke ich und sehe den Mann vor einem Fachwerkhaus stehen und in einen Briefkasten lugen. Er findet nichts darin, weder einen Brief, noch eine Art Werbung, schiebt die Holztüre auf Höhe seines Schrittes in den Hof und geht wahrscheinlich durch die erste Tür in’s Haus; doch das sehe ich nicht mehr, der Bus hat an Fahrt gewonnen und lässt meinen Blick unweigerlich weiterziehen. Ich drücke erzürnt die Haltewunschtaste und steige an der nächsten Haltestelle aus, laufe den ganzen Weg zurück und habe nur eines vor Augen: den Mann.

Als ich vor dem Fachwerkhaus stehe, lese ich leise seinen Namen vom Briefkastenschildchen und gehe weiter in den Hof, stehe aufrecht vor der Tür, durch welche er hindurch gegangen sein muss, und zögere kurz, wie immer in solchen Momenten. Zitternd drücke auf die Klingel und der fremde, schöne Mann öffnet die Türe und ist mir auf einmal gar nicht mehr so fremd. Er wundert sich, und gleichzeitig wundert er sich nicht. Ich trete wortlos ein in’s Haus und wir schlafen miteinander.

Ich schlucke, während er mich ansieht. Ich glühe.

Und dann ist der Traum zu Ende.

Obhut.

15. März 2011

Von dir geträumt; wahrscheinlich der schönste Traum von allen bisherigen. Wir befanden uns in einem Haus mit hundert Räumen, Türen und Treppen, welches eine Art Geheimnis war. Im Kern des Hauses — ein altes, aber solides Gebäude —, dort standest du, hast mich erwartet. Und ich wusste, dass du auf mich wartest, also habe ich alle Türen geöffnet, alle Schlösser geknackt und alle Register gezogen, um bei dir zu sein, um dich zu sehen.  Die letzte Tür stand offen, und du standest dort in diesem Raum, ich sah dein Gesicht im matten Licht, sah deine Augen lachen. Du hast mir deine Hand ausgestreckt und ich hab‘ kurz gezögert. In dem Moment ist die Zeit eingefroren, aber du hast noch gelebt. Du warst in meiner Zeitebene, wir waren die einzigen Lebewesen in dieser Zeit und alle Sorgen waren vergessen. Alle Bedenken und Ängste lagen nun hinter uns und ich nahm deine Hand in meine Hände. Was dann passierte, ist, dass wir uns wie Magneten anzogen, Plus und Minus, zack. Ein sanftes, ein weiches Zack. Wir waren federleicht, und das Licht trug uns auf ein weiches Bett, weiß, unschuldig und wahr. Und darauf hast du mich gehalten; fest und immer fester, so fest, wie ich es mir niemals vorgestellt hatte. Es war angenehmer als in meiner Vorstellung, du warst warm und die Kälte in mir ist immer weniger geworden, bis sie fort und uns fern war. So lagen wir da, ineinander verschlungen, Hand in Hand, Auge um Auge und Haut an Haut. Und wie du einmal gesagt hast: wir haben beide sehr viel gespürt.

Es war Zeit zu gehen, die Welt draußen stand schon zu lange still, sie würde gleich über uns hereinbrechen, bliebe ich noch ein paar Minuten länger. Es war schwierig und schmerzhaft, voneinander loszulassen, aber nicht unmöglich. Das Bett war noch immer weiß und unschuldig, das Licht noch immer matt. Wir hatten noch kein Wort gesprochen und du sagtest, zum Abschied: „Worte braucht es nicht.“

Dieser Tage.

11. Dezember 2010

Zu laut, zu schnell, zu leer. Der Stress steigt, mein Atem wird schwer, meine Augen fallen zu und ich bin müde. Morgens komme ich kaum aus dem Bett und der Bus ist nie pünktlich — wie auch, bei diesem Wetter? —, ich verpasse meine Bahnen und Züge und Busse und erscheine zu spät in der Schule; fünf, zehn, zwanzig Minuten, vielleicht auch eine Stunde. Und immer diese ekligen Blicke meiner „Klassenkameraden“, welche auf mich gerichtet werden, sobald ich nach Unterrichtsbeginn das Zimmer betrete. Immer diese verdammten Kommentare von wegen „Steh‘ doch früher auf!“ oder „Geh‘ doch früher schlafen!“. Warum muss ich mich rechtfertigen, was kann ich denn dafür? Das Busunternehmen und die Bahn entschuldigen sich mit zwei Worten — „Höhere Gewalt!“ —, warum kann ich das nicht? Warum gilt das bei mir nicht? Ich möchte sie alle ermorden, ihnen die Augen ausstechen und alle Gliedmaßen abtrennen und vor die S-Bahn werfen. Diese verständnislosen Kinder, alle haben sie nichts drauf und wissen es besser, denken, dass sie besser sind in dem, was sie tun und nicht tun. Manchmal möchte ich sie anschreien und ihnen klar machen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, dass sie sich ihre unnützen Kommentare und Ratschläge rektal einführen können. Aber nein, ich schweige. Ich halte meine Fresse und bin unauffällig. Verdammt, ich hasse diese Leute! Abends komme ich zu Hause an und kenne mich nicht mehr. Ich bin fertig, enttäuscht und müde. Die Gleise sprechen mit mir, schreien nach mir und ich halte es unten im S-Bahnhof nicht aus und warte oben auf meinen Regionalzug. Oben bleiben, oben bleiben, sage ich zu mir. Musik hält mich nicht mehr, Bücher strengen mich zu sehr an und Filme ebenfalls und Serien auch. Ich kann nicht mehr, sagt mein Gesicht, ich will nicht mehr. Alles ist so rasend, so schnell und so unglaublich lahm darin, dass ich zusammenbrechen und sterben möchte. Zu Hause finde ich keine Ruhe, auch hier ist es kalt, ich friere emotional. Immer wird nach mir gerufen und etwas erwartet, immer muss ich irgendetwas tun, von morgens bis abends meinem Vater helfen und in seinem Schatten, im Weg stehen. Er kann alles und ich kann es nicht, ich bin unerfahren, nutzlos und empfindlich, sagt er mir. Nie kann ich entspannen, nie ist es ruhig, ein Wochenende habe ich nicht. Morgens werde ich von abartig schlechter Musik geweckt, gestern niveaulos und heute in den Charts. Es ist zehn Uhr und ich bin noch immer müde, dabei ging ich „früher“ schlafen. Mir tut alles weh, ich will nichts hören und sehen und bitte mach‘ die Musik aus, lass‘ mich doch schlafen! Das Wasser weckt mich nicht, ich dusche eiskalt und merke nichts, ich verbrenne mich und merke wieder nichts. Ich sitze auf der Schüssel, stilles Örtchen, und es wird nach mir verlangt, SOFORT! Ich soll etwas einstellen, einkaufen, schreiben, rühren und nicht zu vergessen das Haus saugen, aufräumen und den Schnee schippen. Das Telefon klingelt und es ist für mich und die Gespräche sind lahm, mein Gesprächspartner hat nichts zu erzählen, ist langweilig und nervt mich. Ich lege auf, gehe in „mein“ Zimmer, lege mich auf mein Bett und starre an die Holzdecke, zähle die Flecken und schlafe ein und wache geil auf und kann mich nicht befriedigen, jemand ist im Zimmer, sitzt am Computer oder hängt Wäsche auf. Draußen ist es dunkel und in mir auch und ich bin müde, voller Hass und Trauer. Alles steht still und doch ist es mir zu unruhig. Lass‘ mich doch einfach sein, geh‘ weg, frag‘ nicht nach mir. Mir ist alles egal, die Welt, die Nachrichten, das Wetter. Ich weiß nicht, welches Datum wir haben, ob heute der Nikolaus ist oder ob er schon war, welcher Monat auf meiner Fahrkarte verzeichnet ist. Ich treffe Menschen, die ich wirklich treffen möchte, kann es aber nicht genießen, denn es muss geheim bleiben, Eltern und Freunde dürfen nichts wissen, dürfen nichts ahnen. Ich lüge und hasse es und es frisst mich auf, der Zeitdruck, die prüfenden Blicke, ich selbst. Werde ich wieder verprügelt werden? Was wird mit mir geschehen, wenn rauskommt, wo ich war und dass ich eine siebenundzwanzig-jährige und später einen siebenunddreißig-jährigen getroffen habe? Ich schreibe diesen Text und im Flur brennt Licht, Mutter kommt und will, dass ich etwas an ihren eBay-Einstellungen ändere und es kotzt mich an. Nacht wird es und die Tage kommen und gehen und das Jahr ist fast schon vorbei und ich weiß ganz genau, es war ein Scheißjahr und eine fette Enttäuschung und bald sind Prüfungen und ich habe Angst davor und dann kommt das halbe Jahr mit nichts und danach die Uni. Werde ich es schaffen, werden sie mich annehmen? Ich lese zu wenig, sehe zu wenig und höre zu wenig. Ich schlafe in meiner freien Zeit; wann soll ich das denn sonst machen? Ich bin ständig geil, unfassbar geil und manchmal durchzieht mich eine schmerzhaft-große, rostige Sehnsucht und ich weiß nicht wohin und wie und warum. Das Sperma spritzt aus mir und ich bin noch immer nicht zufrieden, noch immer geil, noch immer voller Sehnsucht. Ich bin durstig und hungrig und habe alles so satt, diese Wände, diese Worte, dieses Leben. Komm‘, hol‘ mich, bring‘ mich weg, weit weg und lass‘ mich nie zurückgehen! Und schon kommen mir die Tränen, ich habe kein Zuhause und keine Heimat. Die Türkei ist meine Heimat, sage ich oft, aber auch dort fühle ich mich unwohl, falsch und vor allem fremd. Ich umarme das Internet, sie ist siebenundzwanzig und ich fühle mich so wohl bei ihr. Weil sie mich versteht, weil sie all das nachempfinden kann. Nicht einmal zwei Stunden und sie muss gehen, weiterreisen. Danach treffe ich wieder das Internet und er ist so alt wie mein Vater und ich frage mich, warum mein Vater nicht so cool sein kann. Zu Hause denke ich gerade an Meersalz und mein Vater bringt mir das Telefon, und es ist eine Freundin, sie will wissen, ob ich Lust habe, einer anderen Freundin beim Singen zuzusehen. Und ich habe ehrlich gesagt Lust — und wie! —, aber nicht darauf, doch das bleibt natürlich in mir und ich sage zu und ziehe mich an und mache mich schick und gehe aus dem Haus in eine Halle, treffe die Freundin und ihre Freunde und es langweilt mich, weil ich nicht dazu passe, weil ich einfach nicht zu der Jugend passe. Ich sitze da und höre zu und dann ist es vorbei, ich gehe nach Hause, schließe die Türe auf und reiße mir alles vom Leib, stelle mich unter’s Wasser und werfe mich in’s Bett, schlafe ein und träume wild und wache auf und starre an die Holzdecke.

Der erste Schnee.

26. November 2010

Wir sitzen am Esstisch, es ist Abend. Der Schnee fällt leise, draußen, wo der Wind still steht und das Weiß stellenweise orange leuchtet. Vor mir stehen unsere weißen, schlichten Teller, die meine Eltern zur Hochzeit bekommen haben, vor siebzehn oder achtzehn Jahren. Noch leer sind sie und ohne Suppe, ohne Salz. Die Luft im Hause ist viel zu warm und viel zu trocken, betäubend und gar bleiern schwer. Dreißig Grad sagt mein Vater und dreiunddreißig Grad kontert das kleine Display unter dem Lichtschalter.

Meine Mutter ist in der Küche, der Salat noch nicht fertig. Wir warten schweigsam; gleich ist sie da, gleich können wir anfangen! Mein Vater aber hat keine Geduld, steht auf und geht zum Sofa, nimmt die Zigarettenschachtel vom Tisch und zündet sich eine Kippe an.

Er zieht an ihr. Ich höre den Schnee knirschen und denke an Zähne.

Meine Mutter stellt eine große Schüssel Feldsalat auf den Esstisch. Sattes, frisches Grün stimuliert meine Augen und ein wohl-duftendes, würziges Dressing schleicht in meine Nase. Als ich tief einatme, um das Aroma aus der Luft zu schmecken — weil ich es endlich kann, dieses tief durch die Nase atmen! —, schlägt der beißende Smog der Zigarette meines Vaters hart in meinem Nasenrachen auf und reizt mich, tiefschürfend. Mein jüngst operiertes Riechorgan gibt sich beleidigt und macht sofort dicht im Schacht.

„Vater, was hatten wir miteinander ausgemacht, bevor ich in’s Krankenhaus gegangen bin?“

Er ignoriert mich und drückt provokativ auf die Fernbedienung, um den Fernseher ein- und mich auszuschalten.

„Du hattest mir versprochen, nicht in meiner Gegenwart und zwei Wochen lang nicht im Haus zu rauchen, erinnerst du dich?“

Er zappt durch die Kanäle, drückt wild auf der Fernbedienung herum, um mich ruhig zu stellen.

„Du hast es mir versprochen und hast es wieder einmal nicht eingehalten. … Hörst du mir überhaupt zu?!“

Er drückt auf Lauter, immer auf Lauter, damit ich endlich verstumme.

„Warum hältst du dich nie an deine Versprechen? Ich darf weder in die Kälte, noch darf ich Rauch einatmen, und das weißt du ganz genau!“

Er zieht an seiner Kippe, glühend, und atmet genervt aus.

„Kannst du nicht einmal an unsere Gesundheit denken? Musst du uns auch vergiften, nur weil dir deine eigene Gesundheit egal ist?“

Er wechselt noch einmal das Programm, in der Hoffnung, Ruhe zu finden.

„Ich wurde vor vier Tagen operiert. … Hörst du mich? … Erst vier Tage ist das her! Jetzt mach‘ endlich diese scheiß‘ Kippe aus oder geh‘ vor die Tür!“

Während ich mit einem ausgeklügelten Widerstandsmechanismus rede, schenkt meine Mutter den schlichten, weißen Tellern Suppe ein. Sie ist ebenfalls sichtlich aufgekratzt.

„Vater, so geht das nicht! Halt‘ dich doch mal an deine Versprechen…!“

Und mit einem Mal dreht sich mein Vater um und wirft mir entschlossen die Fernbedienung entgegen. Ich versuche auszuweichen, mich wegzudrehen — doch vergebens; die Fernbedienung schlägt mir mitten in’s Gesicht und fällt auf den Tisch, dann auf den Boden. Die Batterien rollen quer über das Parkett.

Meine Mutter kreischt.

Vom Schmerz und von der Situation, vom Geschehen überwältigt, beuge ich mich über die Suppe. Rinnsal-artig tropft das Blut aus meiner Nase direkt in die selbst gemachte Championcremesuppe hinein und setzt sich klar erkennbar als oberste, dominierende Flüssigkeitsschicht ab. Der Aufprall war so gewaltig, dass sich die in meiner Nase befindlichen Metallplättchen tief in’s Fleisch geschnitten haben. Ich weine augenblicklich.

Noch im selben Moment steht mein Vater wutentbrannt neben mir und sagt „Dein immer gleiches Geschwafel werde ich mir nicht länger anhören!“ und nimmt das gezackte Brotmesser in die Hand und rammt es mir mit einer väterlichen Wucht in den Bauch.

Ein Traum.

3. November 2010

Es ist tiefster Winter, überall liegt Schnee und die Kälte zieht rücksichtslos die Wärme und die Seelen aus den Menschen. Ich stehe kurz vor’m Gefriertod, habe Hunger und der Bus ist noch immer nicht aufgetaucht. Wahrscheinlich will ich in die Stadt fahren oder in die Schule. Es ist dunkel. Ich sehe mich um und gehe dann in die Bäckerei, die sich gleich hinter der Haltestelle befindet. Dort möchte ich etwas kaufen, denn Bewegung tut gut, selbst wenn es nur der Mund ist. Eigenartigerweise sehe ich meine Großmutter mütterlicherseits hinter dem Tresen stehen. Sie sagt: „Mein Sohn, kauf‘ das hier, das schmeckt gut.“ Ich zeige aber auf etwas mit Banane und bestehe darauf, dass sie mir das verkauft. Ich zahle, küsse meine Oma auf ihre Backe und gehe wieder in die Kälte. Das Bananending schmeckt gut und so stehe ich dort draußen und warte und kaue und warte, doch kein Bus kommt. Plötzlich tauchst du auf und es wird hell und du sagst, ich solle einsteigen, du hast schon für mich gepackt und bist bereit, mich „von diesem Elend und der Kälte“ zu befreien. Ich steige ein, du bist mir ja nicht fremd. Dein Gesicht aber kenne ich nicht wirklich, ich möchte dich ansehen, deinen Bartwuchs betrachten, kann aber nicht, weil ich versuche „vernünftig“ zu sein. Du merkst das und sagst: „Du musst lernen, unvernünftig zu sein! Reiß‘ deine Maske ab, ich kenne dich ja so, wie du darunter bist.“ Ich hebe meine Hand und fahre über mein verfrorenes Scheingesicht, finde die richtige Stelle und reiße mir mit Wucht die Maske vom Kopf. Ein bisschen Fleisch fällt auf den Boden, löst sich aber in Sekundenbruchteilen auf. Ich blute, kann aber endlich richtig sehen und atmen und riechen. Du siehst mich im Rückspiegel an und lächelst. Und dann fahren wir irgendwo hin, wahrscheinlich weit in die Ferne, an einen Ort voller Wahrheit und Schönheit, der uns mit Liebe empfängt. Ich wache glückselig auf.

Sensitivität.

21. Oktober 2010

Und noch Stunden später glühen meine Hände, als wäre dieses Wärmegefühl die Strafe dafür, dass ich seiner Haut zu nahe kam.

Nachts erkenne ich in jedem Winkel meiner Träume das Muster seines Strickpullovers in der Farbe seiner Kornblumenaugen. Ihn jedoch sehe ich nicht. Am nächsten Morgen glühen nicht nur meine Hände; mein Kopf scheint schwer und glühend-heiß.

Und mit einem Mal ist er mein Sitznachbar. Er riecht gut und atmet still. Mehrmals am Tag berühren wir uns; mal zufällig, mal weniger zufällig. Fieberhaft glühen die Gliedmaßen meiner linken Körperhälfte. Jede verstreichende Stunde an seiner Seite scheint eine kleine Ewigkeit zu sein.

Ein paar Berührungen mehr und ich werde zu keiner Zeit an der Kälte des bevorstehenden Winters leiden. Der tiefschürfende Schmerz jeder einzelnen Berührung wird mich warm halten, bis ich eines Tages stumm verglühe.

Der erste Kuss.

13. Oktober 2010

Schläfrig lag ich auf dem schwarzen Rückenpolster meines Rucksackes, welchen ich immer öfter als Kissenersatz missbrauchte, und wünschte mir, dass die zäh kriechende Zeit sich verflüssigt, während der schmächtige Deutschlehrer seinen Lehrauftrag erfüllte und versuchte, uns Schülern an einem Freitagnachmittag, in der letzten Doppelstunde vor dem lang ersehnten Wochenende, etwas beizubringen, das wir schon längst kennen sollten, so oft wie wir das in unserer Schullaufbahn schon durchkauen mussten.

Ich lag da wie ein ausgeschlachteter Fleischklumpen und blickte aus nach Erholung kreischenden Lidern in die scheinbare Leere des Klassenzimmers und versuchte ohne Regung die Staubpartikel zu verfolgen, welche hoch oben in der Pumakäfigluft des Raumes von den Strahlen der bevorstehenden Abendsonne vergoldet wurden, die durch das schmutzbehaftete Fensterglas fielen und dem Zimmer dieser Irrenbildungsanstalt ein hoffnungsvolles Schimmern verliehen. Dieser funkelnde, farblos-flaue Anblick ermüdete mich nach kurzer Zeit und so entschloss ich mich dazu, meine ausgebrannten Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen, denn etwas besseres konnte ich als wissbegierig-gelangweilter Schüler nicht machen.

Nach einem zwanzig-minütigen Sekundenschlaf riss ich entsetzt meine Augen auf, als ich plötzlich die Stimme des jungen Mannes aus der Reihe vor mir vernahm, welcher sanft, fast liebevoll einen Text aus dem Schulbuch vorlas, und in mir die Entfaltung eines längst vergessenen Traumes lostrat, indem er das Wort „Kuss“ über seine Lippe springen ließ, welches zart auf meiner Lippe landete.

Mein Herz schlug so schnell, dass ich aus Angst, jemand könnte es hören, vergaß zu atmen und zu blinzeln, denn ich konnte nicht glauben, an was ich mich erinnerte. Er saß da, vor meinen Augen, und sprach einen Text, den ich nicht einmal wahrnahm, bis mein Unterbewusstsein das Wort erfasste, welches mich schmerzlich übermannte und mein Bewusstsein impulsartig in Brand steckte.

Im Traum, den ich Tage zuvor geträumt haben muss, küsste ich den jungen Mann, welcher Montag bis Freitag vor mir in der Reihe sitzt und zweifelsohne zu den schönsten Kerlen gehört, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin. An manchen Tagen kann ich ihm nicht in sein wunderschönes, klares Gesicht blicken, weil meine Vernunft es mir nicht gestattet, diesen zweiundzwanzig-jährigen Herren insgeheim anzuhimmeln. Doch er sitzt vor meinen Augen, jeden Tag, und redet oftmals mit mir, als kannten wir uns schon immer. Und ich sehe täglich in seine Kornblumenaugen und erkenne darin seine Intelligenz, welche mich immer wieder in die Faszination führt, und seine Aufrichtigkeit, welche mich im Herzen schmeichelt und mir jedes Mal ein Lächeln zaubert. Seine Haut, die fraglos reifer ist als meine, bewirkt in mir einen erotischen Respekt, und so zügle ich mich und beweise Disziplin, beherrsche mich und halte mich zurück, denn etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Doch wie gerne würde ich über sein Gesicht streichen und mit meinen Fingerkuppen durch sein volles, blond-braunes Barthaar gehen, das sein Antlitz veredelt und noch ästhetischer gestaltet, als es ohnehin schon ist…

Im Traum, da küsste er mich. Zum ersten Mal wurde ich geküsst und zum ersten Mal träumte ich davon, geküsst zu werden. Sorgsam hielt er meinen Kopf, sah mir in die Augen, in denen ich mich selbst erkennen konnte, und näherte sich mir, als wäre es nie anders gewesen, und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Unsere Lippen berührten sich und ich fühlte mich wohl dabei, fast geborgen. Im Traum war es das schönste aller Gefühle, denn ich hatte weder Sorgen, die sich erfüllen könnten, noch Hoffnungen, die sich erfüllen sollten. Es war ein hoch-erotisches, sinnliches Erlebnis, das mich schwer aufgeschürft hat.

Er las weiter und Wort für Wort verging die Zeit, doch mein Herz klopfte rasend und mein Atem stand still. Hellwach brannten meine Augen und eine schwere Traurigkeit flutete meine Gedanken und Gefühle. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, der sich nie verwirklichen und für immer nur ein Traum bleiben wird. Ein Traum wie kein anderer und ein Traum, der mich zerreißt und meine Zerrissenheit als unstillbare Durstlandschaft hinterlässt. Diese unbändige Sehnsucht fließt durch meine Adern und schmerzt mit jedem bewussten Herzschlag in seiner Gegenwart.

Ich weiß, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, meinen Durst mit und an diesem jungen Herren zu stillen. Mein Leben ist manchmal sehr bitter und schleicht so lange auf unhörbaren Sohlen, bis ich verwundet und schwach durch die Welt weile. In solchen Momenten schlägt es zu und trifft punktgenau auf mein verletzliches Gemüt. Ich lag auf diesem Tisch und fühlte mich wie durch einen dornigen Holzpflock aufgespießt. Mein Herz war gebändigt in beißender Enge, konnte sich nicht wehren gegen die Traurigkeit meiner Träume und Sehnsüchte, ohne ein größeres Leid zu erfahren. Und so lag ich still schweigend und schwer atmend und leidend auf dem Tisch, und versuchte meinen Kummer unbemerkt herunter zu schlucken, was mir natürlich bestens gelang, denn ich bin der Meister der Masken.

Ich werde mich niemals ausleben können, solange ich ein Doppelleben führe. Diesen jungen Herren sehe ich Tag für Tag und mit jedem weiteren Tag schmerzt mich sein herrlicher Anblick umso mehr. Er spricht nur eine Sprache, ist nicht bilingual, wie ich es bin. Und es ist nicht Liebe, es dieser Durst, der mir so oft die Tränen in die Augen treibt, wenn ich alleine bin.

Eine viertel Stunde nach der stechenden Erkenntnis, Wunderschönes geträumt zu haben, kam zu meiner Scheinrettung endlich die erlösende Zehn-Minuten-Pause um die Ecke. Der junge Mann, der mich geküsst und somit in den tiefen Sumpf der verbitterten Traurigkeit gestoßen hatte, hob seinen Kopf, welcher mittlerweile auf der Tischplatte lag, streckte sich und drehte sich um zu mir.

Einfühlsam lächelnd flüsterte er mir in’s Ohr: „Oh, der Herr Heartcore sieht aus, als könnte er einen Kaffee ebenfalls ganz gut gebrauchen. Ich geb‘ dir ‚was aus. Drei Mal Zucker und einmal Milch, nicht wahr?“

Existenzerhaltungstheater.

9. März 2010

Durstig wache ich auf, weit und breit keine Wasserflasche in Sicht. Zu müde, um die Treppen herunterzulaufen; zu durstig, um einfach wieder einzuschlummern. Ich rede mit mir selbst, unhörbar. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an den Inhalt meines Selbstgesprächs erinnern, doch ich weiß, dass ich ein Selbstgespräch geführt habe. Es war eher so „Frage-und-Antwort“-mäßig. Nach ein paar Minuten bin ich wieder eingeschlafen.

Traumbeschreibung:
Ich befinde mich in einer Stadt, sie kommt mir bekannt vor, doch ich kenne ihren Namen nicht. Mit einer Person, ich glaube, jemand aus der näheren Verwandtschaft, laufe ich eine Straße entlang. Es ist dunkel, die Straßenlaternen leuchten gelblich-orangeartig. Die Straße ist eher ein Gasse, oder sogar ein Pfad. Ich erinnere mich an Erde und wie diese unter meinen Schuhen knirschte.

Zusammen mit dieser Person betrete ich ein Haus. Meine Erinnerung sagt mir, dass das Haus aus Lehm oder so etwas ähnlichem gebaut war und die Form einer Halbkugel hatte. In diesem Haus befand sich ein dicker Herr. Es war unglaublich heiß, ich glaube mich an einen Bachofen zu erinnern. Brot?

Filmriss.

Ich erinnere mich an vier Jugendliche, die einen Jungen verfolgen. Ich schätze, dass diese Jugendlichen um die 20 Jahre alt waren, genau wie dieser Junge. Ich und dieser Junge rannten so schnell wir konnten und versteckten uns in einer Seitengasse. Ich glaube, dass wir eine Treppe hochgerannt sind. Ich befinde mich in einem Badezimmer und kann von der Tür aus den Jungen die Treppen hoch rennen sehen. Ich rufe ihn herbei, und als er das Badezimmer betritt, schließe ich die Türe und drehe den Schlüssel um.

Was dann genau passiert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zusammen mit diesem Jungen onaniert habe. Ich sehe das Sperma auf dem Boden, dann sehe ich das Gesicht und die Augen des Jungen. Sein Blick ist traurig.

Und in diesem Moment wache ich auf. Meine Boxershort ist gefüllt und entsprechend verklebt. Die letzten Tropfen verlassen meinen Körper.

Es ist 4.50 Uhr. Ich liege da und frage mich, welche Bedeutung dieser Traum hat. Je mehr ich versuche, mich an die Details zu erinnern, desto trüber werden meine Erinnerungen. Ein eigenartiger Traum.

Feuchte Träume im Zusammenhang mit Jungs habe ich selten, fast nie. Ich verstehe nicht, was mir das alles sagen soll.

Den Inhalt des Traumes kenne ich nicht. Doch ich weiß, dass er spannend war. Ich erinnere mich an Gefühle und matte Gesichter / Gesichtsausdrücke. Es ist, als hätte ich ein Buch gelesen, dessen Geschichte ich vergessen habe, von der ich aber weiß, das sie aufregend war.

Die letzten Wochen waren langatmig und monoton. Vielleicht versucht mein Geist, mich „am Leben“ zu beteiligen, in dem er mir packende Abenteuer vorspielt. Eine Art Existenzerhaltungstheater.

Mein Leben ist langweilig und meine Phantasie ist bunt. Manchmal treffen sich diese beiden Welten und veranstalten eine farbenprächtige Orgie. An solchen Tagen stehe ich unter Strom.

Ich brauche keine Drogen, ich habe meine Phantasie.

Leere.

19. Februar 2010

Auf einer Straße stehe ich, mitten auf einer verlassenen, menschenleeren Straße. Ich laufe, blicke nicht zurück. An dem Punkt, an dem die Dunkelheit meinen Weg kreuzt, glaube ich eine Person zu erkennen. Ist das ein Traum?

Der Himmel schwarz wie Kohle, die Wolken grau wie Asche. Blitze unterbrechen die herrschende Finsternis. Straßenlaternen zittern, als seien sie Unterworfene des Gewitters. Ihr flimmerndes Licht verwischt im Regen, während der Asphalt zart zu schimmern beginnt.

Diese Nacht ist einsam. Diese Nacht ist dunkel.

Es gibt nur zwei Personen, die sich hier befinden: Mich und diese immer größer werdende Leere.

Tropfen für Tropfen sammelt sich eine Angst in mir. In meiner Hand halte ich Scherben. Die Scherben der Vergangenheit. Sie schneiden sich tief in mein Fleisch, sind das einzige, an das ich mich halten kann.

Doch der Schmerz kommt nicht an, ich spüre nichts. Die Leere hat mich eingenommen.

Leere ist die Mutter der Verzweifelten. Leere ist dieses Gefühl in mir. Leere ist das Geräusch, das die Stille unterbricht. Leere ist die Sprache, die mich um den Verstand quält.

Ich bin ein Kind dieser unerträglichen Leere. Der Morgen darf diese düsteren Gassen nicht erreichen. Meine Reise darf hier nicht enden.

Meine Reise darf hier nicht enden.