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Nachts auf der Straße. (4/42)

18. August 2015

Es war kurz nach 23 Uhr, wir gingen nach Hause. Etwa hundert Meter vor uns neben einem geparkten Auto und fünf Meter vom Eingang des Nachbarhauses entfernt stand etwas auf dem Bürgersteig, das auf den ersten Blick aussah wie ein Pinguin. Natürlich konnte es kein Pinguin sein, die sind in Nordhessen nicht gerade in freier Wildbahn anzutreffen. Wobei wir in einer Stadt wohnen, die von Waschbären beherrscht wird, insofern ist hier so einiges sehr skurril. Jedenfalls bastelte mein Gehirn sich in der Dunkelheit irgendetwas zusammen, es muss ja alles verarbeitet und zugeordnet werden, und so kam mir der Pinguin in den Sinn. Je näher wir kamen, desto seltsamer wurde dieses Etwas. Plötzlich sah ich keinen Pinguin mehr, sondern drei Katzen: zwei große mit hellem Fell, die brav wie eine Sphinx nebeneinander auf dem Bürgersteig saßen, und eine kleine mit eher dunklem Fell, die auf dem Boden lag, alle vier Extremitäten von sich streckend. Alle sahen sie zu uns ‚rüber, so dachte ich. Je näher wir kamen, desto unsinniger wurde auch der Gedanke mit den Katzen. Wieso sollten sie da auf dem Bürgersteig eine Versammlung abhalten?! Ich zog mein Handy hervor und leuchtete das Etwas an, aber von den mutmaßlichen Katzen strahlte nichts zurück. Also konnten es auch keine Katzen sein. Mein Partner blieb auf Höhe unseres Hauses stehen und ich ging langsam an das Etwas heran. Nun sah ich, dass dort drei Tüten standen. Fein säuberlich in einer Reihe. Zwei große aus Papier und eine kleine, transparente Plastiktüte mit rötlichem Inhalt. Sofort dachte ich an Sprengstoff (rot, typische Böller-Farbe) und Explosionen (Tianjin, Bangkok). Ich sorgte mich und gleichzeitig ärgerte ich mich wegen der Gedanken, wollte aber auch nicht näher an die Tüten heran. Wer stellt schon einfach so Tüten auf die Straße? Offensichtlich war es kein Müll, und es sah auch nicht aus, als wäre jemand aus dem Auto ausgestiegen und hätte mal eben die Tüten abgestellt, um leichter aus der Karre zu kommen; der Öffnungswinkel der Tür hätte sie beim Schließen umgeworfen. Ich nahm einen kleinen Stein von der Wiese und warf ihn zu den Tüten. Es passierte genau nichts. Trotzdem war mir mulmig zumute, ich traute mich nicht an die Tüten heran. Wieso sollte jemand drei Tüten in Reih‘ und Glied mitten auf den Bürgersteig stellen? Dieser Jemand muss doch etwas im Schilde führen! Ich ging zurück und dann gingen wir ins Haus. Leider nahm ich die Tüten in Gedanken mit und grübelte lange. Wir überlegten gemeinsam, ob es übertrieben ist wegen so etwas die Polizei anzurufen, entschieden uns aber dafür. Auch für solche Sachen ist sie doch da, die Polizei, der Freund und Helfer. Ich wählte die 110 und berichtete, was wir gesehen hatten. Ich fragte, ob es in Ordnung ist, wegen so etwas anzurufen. Der Mann am Ende der Leitung sagte, das sei vollkommen in Ordnung und sie würden sich das anschauen.

Während ich meine Zähne putzte sah ich aus dem Badezimmerfenster zur Straße hinunter. Keine fünfzehn Minuten waren seit dem Anruf vergangen, da war die Polizei auch schon da. Sie hielten schräg vor dem Objekt an und leuchteten es mit dem Auto aus. Dann stieg ein Polizist aus und ging langsam mit einer Taschenlampe zu den Tüten. Er leuchtete sie an und hob mit einem Hebeldings die kleine Tüte hoch zur näheren Betrachtung. Dann gab er seinem Kollegen ein Zeichen, der daraufhin ausstieg und sich die anderen beiden Tüten ansah. Aus ihren Gesichtern konnte ich nichts heraus lesen, also fragte ich vom Fenster aus, was das denn nun sei. „Ich hatte angerufen, weil das alles sehr suspekt aussah. So etwas gab es noch nie auf unserer Straße.“

Der erste Polizist leuchtete mit seiner Taschenlampe in meine Richtung und sagte mit tiefer Bärenstimme: „Das sind scheinbar Schaumwaffeln von der Kirmes.“

SCHAUMWAFFELN! So viele Gedanken und unnötige Ressourcenverschwendung wegen ein paar verkackten Schaumwaffeln! Ick glaub es hackt!

Ich entschuldigte mich für die Überbesorgnis, Mensch war mir das peinlich. Die Polizisten packten die Tüten in den Wagen, sagten, dass es schon in Ordnung sei und führen hinfort.

Schlimm, wie viel Angst die Medien schüren können. Hätte niemals von mir gedacht, dass ich mal so in solch einer Situation reagieren würde.

ANGRIFF DER KILLERSCHAUMWAFFELN!!!

Am Ende.

26. Oktober 2010

Morgens stehe ich vor dem Spiegel und sehe mich selbst, wie ich mich kenne. Abends stehe ich wieder vor dem Spiegel und sehe noch einmal in meine Augen. Nachts liege ich stundenlang im Bett und kann nicht schlafen, weil der Schmerz dafür sorgt, dass ich meine Augen nicht schließen kann. Mein Herz schlägt selten, ich fühle mich schwer beladen. Ich blicke leblos in die Dunkelheit und erkenne, dass mich niemand kennt. In meinem Kopf rauscht das Blut, um die Leere zu übermalen. Ich denke an nichts, an gar nichts. Ich lausche meinem Atem und meinem Herzschlag, fühle mich versunken und allein. Bleib‘ endlich stehen und mir laufen die Tränen über’s Gesicht. Ich bin am Ende.

Leere.

19. Februar 2010

Auf einer Straße stehe ich, mitten auf einer verlassenen, menschenleeren Straße. Ich laufe, blicke nicht zurück. An dem Punkt, an dem die Dunkelheit meinen Weg kreuzt, glaube ich eine Person zu erkennen. Ist das ein Traum?

Der Himmel schwarz wie Kohle, die Wolken grau wie Asche. Blitze unterbrechen die herrschende Finsternis. Straßenlaternen zittern, als seien sie Unterworfene des Gewitters. Ihr flimmerndes Licht verwischt im Regen, während der Asphalt zart zu schimmern beginnt.

Diese Nacht ist einsam. Diese Nacht ist dunkel.

Es gibt nur zwei Personen, die sich hier befinden: Mich und diese immer größer werdende Leere.

Tropfen für Tropfen sammelt sich eine Angst in mir. In meiner Hand halte ich Scherben. Die Scherben der Vergangenheit. Sie schneiden sich tief in mein Fleisch, sind das einzige, an das ich mich halten kann.

Doch der Schmerz kommt nicht an, ich spüre nichts. Die Leere hat mich eingenommen.

Leere ist die Mutter der Verzweifelten. Leere ist dieses Gefühl in mir. Leere ist das Geräusch, das die Stille unterbricht. Leere ist die Sprache, die mich um den Verstand quält.

Ich bin ein Kind dieser unerträglichen Leere. Der Morgen darf diese düsteren Gassen nicht erreichen. Meine Reise darf hier nicht enden.

Meine Reise darf hier nicht enden.