Archive for Februar, 2010

Donnerstag, morgens.

28. Februar 2010

5.40 Uhr. Weckerklingeln. Eigentlich müsste ich jetzt aufstehen, doch auf mir lastet ein Sack Zement. Der gestrige Tag war kräftezehrend. Mir fehlt die Kraft und die Lust, ein einhalb Stunden durch die Gegend zu fahren, nur, um mich in einen Betonklotz zu setzen. Ich stellte den Wecker 20 Minuten vor.

6.00 Uhr. Würde ich jetzt aufstehen, könnte ich den Bus noch erwischen. Aber ich habe meine Tasche noch nicht gepackt und die Hausaufgaben von Dienstag nicht erledigt. Nein, ich werde mit dem 6.48 Uhr Bus fahren, dann komme ich zwar zu spät, aber das ist egal. Mathematik war mir nie wichtig.

6.25 Uhr. Es reicht mir. Ich werde nicht in die Schule gehen.

7.30 Uhr. Meine Mutter betritt das Zimmer und ist verwundert darüber, dass ich noch im Hause und nicht schon längst unterwegs bin. Als sie mich fragt, ob ich den Bus verpasst habe, erzähle ich ihr, dass die ersten beiden Schulstunden ausfallen würden, da der Lehrer krank sei. Eine dicke, fette Lüge. Sie glaubt mir, eine andere Option hat sie nicht.

Von meinem Schulleben bekommt meine Familie so gut wie gar nichts mit. Ich erzähle nicht gerne davon, denn es läuft fast immer gleich ab. Zudem möchte ich nach 12 Stunden Unterricht, Hin- und Rückfahrt nicht mehr darüber nachdenken, geschweige denn, davon sprechen.

Meine Mum öffnete das Fenster und verließ daraufhin leise mein Schlafgemach. Ein paar Minuten später hörte ich ein „Tschüss!“ und das Zuknallen der schweren Haustüre.

10.00 Uhr. Zum ersten Mal in diesem Jahr werde ich von Sonnenschein geweckt. Mit einem Lächeln im Gesicht bleibe ich noch ein bisschen liegen. Mein warmes, von der Sonne bestrahltes Lächeln wird größer, als ich die ersten Vögel zwitschern höre. Die hereinströmende Luft ist angenehm; nicht zu kühl, nicht zu warm. Ist nun endlich der Frühling da?

So entspannt, so gelassen, wie in diesem Moment war ich schon lange nicht mehr. Meine Trägheit war wie weggezaubert. Was so ein kleines bisschen Sonne auslösen kann, fasziniert mich immer wieder aufs neue.

10.10 Uhr. Das Hupen eines Autos reißt mich aus meinem Sekundenschlaf. Ich überlege kurz, was ich machen könnte und schaue dabei auf die Uhr. Ich spüre die Erektion, die sich unter der Bettdecke anbahnt. Nun ist mir klar, was ich machen werde.

Ich versuchte mich an meine letzte Masturbation zu erinnern, doch es gelang mir nicht. Ich konnte nur den Zeitpunkt eingrenzen: Mitte/Ende Januar.

Ist es nicht ein bisschen seltsam, dass sich ein Jugendlicher nicht an seine letzte Masturbation erinnern kann?

Wahrscheinlich fehlt mir die Zeit. Und die Lust. Wenn ich zu Hause ankomme, möchte ich nichts anderes als warmes Essen und mein kleines, feines Bett. Dieses ständige Erschöpftsein bedrückt mich. Ich möchte mich nicht bewegen und auch nicht mit irgendjemanden reden. Ich möchte einfach nur daliegen und Musik hören. Alleine sein.

10.15 Uhr. Ich schalte den Computer ein, setzte das „Privates Surfen“-Häkchen im Browser und grase die mir bekannten Porno-Seiten ab. Kaum neues, das mich anspricht. Also doch wieder die Favoriten.

11.00 Uhr. Ich bin fertig und ein bisschen außer Atem, doch ich fühle mich gut. Seit Wochen hatte ich dieses Verlangen nach Befriedigung; nie habe ich es erfüllt. Keine Zeit, keine Lust, keine Gelegenheit.

Als ich auf die Uhr schaute, wurde mir klar, dass meine Lüge auffliegen würde, wenn ich jetzt noch im Haus bliebe. Der nächste Bus in die Stadt würde um 11.18 Uhr fahren. Ich musste mich beeilen, fürs Duschen reichte mir die Zeit nicht. Ich packte meine Tasche, Inhalt: Mäppchen und BWL-Ordner, zog mich an und machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Zuvor habe ich natürlich meine digitalen und analogen Spuren beseitigt und versucht, ein bisschen Hygiene zu schaffen.

11.20 Uhr. Zum allerersten Mal überhaupt scheint die Sonne, während ich mit dem Bus durch die Landschaft fahre. Dieses warme, fast herzliche Gefühl, das Sonnenstrahlen auslösen können, glaubte ich fast vergessen zu haben. Auch die Menschen um mich herum scheinen wohlauf zu sein. Sonst sind sie wie starre Puppen: sprachlos, ausdruckslos, gleichgültig. Doch an diesem Tag hatten sie ein Lächeln im Gesicht, so wie ich.

Aus meinem iPod tönte laut und intensiv der Song, den ich über den Winter hinweg sicher hunderte Male gehört habe: „Güneş olmalı, sıcak hep sıcak. Çiçek olmalı, solmayan onu bulmalı. Yağmur olmalı, sakince ince yağmalı. Durulmalı. Durulmalı. Durulmalı.“ Endlich wurden diese Worte wahr.

[Fortsetzung folgt…]

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Zement.

24. Februar 2010

Über den Tag hinweg fallen mir hunderte Gedanken in die Hände, die alle darauf warten, niedergeschrieben zu werden. Von Stunde zu Stunde steigt das Volumen dieser Gedanken, doch schon bald purzeln die ersten Bruchstücke zu Boden und zerschellen wie ein Glas in der Unruhe.

Unruhe. Davon wollte ich eigentlich schreiben. Jedoch lastet die Erschöpfung eines langen Tages auf mir, als wäre sie ein schwerer Sack Zement.

Vielleicht sollte ich mich einbetonieren lassen. Lebendig.

Wahrheit.

21. Februar 2010

Wahrheit soll die Grundlage dieses Webblogs werden. Reine, kristallklare Wahrheit.

Noch ist mir dies nicht möglich.

Ich möchte ein Phantom sein, dass sich nicht der Wahrheit wegen sorgen muss.

Doch bald, sehr bald werde ich das Puzzle meiner Geschichte aus mir herausschütteln und es langsam, aber wahrheitsgetreu zusammensetzen.

Wünscht mir Glück.

Backofen.

20. Februar 2010

Ich habe Pommes Frites beim Werden zugeschaut. Das mache ich normalerweise nie, jedoch erschien es mir heute, aus unerfindlichen Gründen, als sehr amüsant.

Während ich also durch das Glas schaute, kam mir der Gedanke, dass das Leben im Grunde nichts anderes ist, als ein überdimensionierter Backofen.

Wir sind die Pommes Frites, die einer unzumutbaren Hitze ausgesetzt werden. Unser „Auftrag“ ist es, letzten Endes als goldbraune, knusprige und wohlschmeckende Kartoffelspeise den Ofen zu verlassen.

Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke, denn er lässt sich sehr gut auf das „wahre Leben“ übertragen.

Es gibt lange und kurze, dicke und dünne Pommes Frites Stückchen. Manche werden schneller, wie sie sein sollen, andere werden es nur sehr langsam oder gar nicht. Wie man letztendlich wird, hängt von der Beschaffenheit jedes einzelnen Kartoffelstäbchens und dem Milieu ab, in dem sich dieses befindet. Nur selten kommt es vor, das sich ein Stäbchen von seiner Umgebung lösen kann. Die Hitze ist eiskalt, kennt kein Erbarmen.

Ja, dieser Gedanke gefällt mir wirklich. Nur weiß ich nicht, zu welcher Art von Fritten ich gehöre. Das wird sich zeigen, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Fragen über Fragen: Was passiert mit uns, wenn wir angerichtet sind, der Backofen also seine Aufgabe erledigt hat? Was passiert mit dem Tablett, auf dem wir alle liegen? Wie ist „die Welt“ außerhalb des Backofens? Was ist, wenn jemand den Stecker zieht?

Doch die wichtigste aller Fragen, in diesem Kontext, ist: Wer hat zu bestimmen, wann wir goldbraun, knusprig und wohlschmeckend sind?

Leere.

19. Februar 2010

Auf einer Straße stehe ich, mitten auf einer verlassenen, menschenleeren Straße. Ich laufe, blicke nicht zurück. An dem Punkt, an dem die Dunkelheit meinen Weg kreuzt, glaube ich eine Person zu erkennen. Ist das ein Traum?

Der Himmel schwarz wie Kohle, die Wolken grau wie Asche. Blitze unterbrechen die herrschende Finsternis. Straßenlaternen zittern, als seien sie Unterworfene des Gewitters. Ihr flimmerndes Licht verwischt im Regen, während der Asphalt zart zu schimmern beginnt.

Diese Nacht ist einsam. Diese Nacht ist dunkel.

Es gibt nur zwei Personen, die sich hier befinden: Mich und diese immer größer werdende Leere.

Tropfen für Tropfen sammelt sich eine Angst in mir. In meiner Hand halte ich Scherben. Die Scherben der Vergangenheit. Sie schneiden sich tief in mein Fleisch, sind das einzige, an das ich mich halten kann.

Doch der Schmerz kommt nicht an, ich spüre nichts. Die Leere hat mich eingenommen.

Leere ist die Mutter der Verzweifelten. Leere ist dieses Gefühl in mir. Leere ist das Geräusch, das die Stille unterbricht. Leere ist die Sprache, die mich um den Verstand quält.

Ich bin ein Kind dieser unerträglichen Leere. Der Morgen darf diese düsteren Gassen nicht erreichen. Meine Reise darf hier nicht enden.

Meine Reise darf hier nicht enden.

Weiße Tasten.

19. Februar 2010

Ich sitze vor diesem Bildschirm, weiß nicht, wohin ich starren soll. Meine Finger liegen auf weißen Tasten, wirken dabei trübselig und müde. Zu meinen Ohren führt ein Kabel, durch das Musik in mich hinein fließt.

Und ich, ich sitze hier und schreibe. Doch ich schreibe nicht das, was ich schreiben wollte. Mir fehlen die Worte, mir fehlt der Anfang des Fadens. Es muss kein roter, kein blauer Faden sein, es muss einfach der Faden sein. Das schreibt sich leichter, als es ist.

Ich möchte von dem erzählen, was in mir schlummert. Je länger es dort schläft, desto bedrückender ist es. Manchmal glaube ich, dass ich es vergessen, verdrängen kann. Doch genau das kann ich nicht. Ich sollte mir nichts vormachen.

Vielleicht gelingt es mir, diesen Klumpen zu lösen. Denn ich spüre, wie es sich in mir ausbreitet. Als wäre es ein Krebsgeschwür.

Paul.

19. Februar 2010

Ich hatte einmal einen Freund. Einen besten Freund. Er war der beste Freund, den ich je hatte. Sein Name ist Paul.

Apfelkuchen.

18. Februar 2010

Das Telefon klingelt. Mit halb zugekniffenen Augen sehe ich den Namen einer guten Freundin auf dem Display, warte ein paar Sekunden und drücke dann den grünen Knopf. Ihre Stimme kommt nur gedämpft bei mir an, ich bin noch tief verwurzelt in meinen Träumen. Sie sagt, dass wir heute doch nichts unternehmen können. Ich gebe ein unverständliches „Hmm, ja gut.“ von mir und lege auf.

In letzter Zeit habe ich auf nichts Lust. Ich möchte nichts tun, möchte aber nicht Nichtstun. Ich liege wie ein Sack Mehl in der Gegend herum. Ungenutzt, ungeöffnet. Dabei möchte ich, dass mein Mehl verwendet wird. Ich möchte ein Apfelkuchen sein, ich möchte, dass man aus meinem Mehl leckere, fein duftende Brötchen backt.

Doch niemand bemerkt das.

16. Februar 2010

Was ich mag: Die Falten alter Menschen bestaunen. Warme Suppe nach einem langen Tag. Sommersprossen. Augen beim Blinzeln zusehen. Das Tropfen der Regenrinne. Weiße Tulpen. Blut im Schnee. Traurigkeit. Den ersten Sonnenschein des Frühlings. Liebe im Detail. Kleinigkeiten. Die Schönheit einer Feder. Meine Heimat. Die Mutter mit den drei Kindern, die ich immer in der Bahn treffe. Den alten Herren am Bahnhof. Das Ş in Buchstabensuppen suchen. Funda Arar. Melancholie. Fallendes Laub. Alte Bauten. Das Lächeln eines Kindes. Waschmittelgeruch. Das Klirren beim Öffnen der Haustüre. Unter heißem Wasser die Erschöpfung des Tages auswaschen. Das Schnurren einer Katze.

Durst.

16. Februar 2010

Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Vielleicht war es die Angst, das Verpasste nicht nachholen zu können, weil das Verpasste einfach verschwinden würde. Vielleicht war es auch die Vorahnung, dass ich all das einfach nicht nachholen würde, es einfach lassen würde. Aber werde ich es jetzt nachholen? Ich beginne viele Dinge und bringe sie nicht zu Ende.

Ist das, was ich „verpasst“ nenne, wirklich versäumt worden? Es hat vor meiner Zeit stattgefunden. Ich konnte es nicht verpassen, ich wusste nichts davon und konnte auch nichts davon wissen.

Jetzt wird mir bewusst, was ich eigentlich schon immer wusste. Bewusst unterbewusst.

Es kribbelt in mir. Ich spüre da einen starken, sehr starken Durst in mir aufflammen, doch ich stille ihn nicht. Warum?

Manchmal werde ich sehr traurig, weil ich all diese großartigen, wundervollen  und  phantastischen Phänomene nicht miterlebt habe.

Doch ich konnte sie nicht miterleben. Dafür bin ich zu jung.

Zu jung.

Ich habe Angst, dass es in „meiner Zeit“ solche Phänomene nicht geben wird. Ich sehe, was meine Generation ist und was sie erschaffen kann. Kaum etwas davon gefällt mir. Das meiste widert mich an. Ich möchte mich nicht an diesen Dingen verschwenden, dafür bin ich mir selbst zu wertvoll.

Und dann kommt die Angst. Was ist, wenn meine Befürchtungen wahr werden? Was ist, wenn wirklich alles so banal ist, wenn wirklich alles so kommt, wie sie es schon immer gesagt haben?

Ich möchte überrascht werden.

Meistens ziehe ich mich einfach zurück und beschäftige mich mit den Phänomenen. Mit den Dingen, die mich wirklich interessieren. Die mich fordern. Doch entweder sehe ich die Reste, die noch herumliegen oder ich sehe, wie die Phänomene zerfallen. Ich weiß nicht, wie sie herangewachsen sind. Ich sehe nur das baldige Ende, das, was kommen wird. Was kommen könnte.

Und das macht mich traurig. Ich kann es nicht verhindern. Ich gehöre nicht dazu, bin nur ein Zuschauer am Rande, den niemand kennt, von dem niemand etwas weiß. Ich möchte aktiv sein, mich beteiligen, doch kenne die Geschichten nicht. Ich kenne die Beziehungen untereinander nicht. Ich kenne und weiß kaum etwas.

Warum? Weil ich es nicht nachhole. Weil ich es nicht kann. Jahre kann man nicht einfach so nachholen. Und selbst wenn ich es tun würde, hätte ich für jedes einzelne Fragment die Gefühle, die Zeit, die es benötigt, um sich wie ein Schmetterling zu entfalten, sich von seiner Puppe zu befreien und elegant davon zu flattern?

Manche Dinge brauchen sehr viel Zeit, um verstanden, verarbeitet zu werden. Andere Dinge kann man nicht verstehen, verarbeiten.

Vor mir liegen sie wie schwere, dicke Bücher. Meine Neugier ist groß und ich bin zu schwach, um diese Neugier zu stillen.