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(1) Das Spiel geht weiter.

7. August 2019

Sonntag war ein sehr surrealer und wunderschöner Tag, gespickt mit allerlei Mysterien und seltsamen und wahrlich verrückten Zufällen. Ich glaube, dass das Leben mir mit Absicht solche Tage beschert, weil ich mich auf die Welt und auf ihre Verrücktheit einlasse und zuweilen keine Erwartungen an irgendwas stelle. Allein das überrascht mich je und je, doch war dieser Sonntag von besonders strahlender Surrealität. Ich fange mal an zu erzählen.

Am Abend zuvor, am Samstag, waren Boris und ich auf dem Kasseler Zissel, einem Jahrmarkt entlang der Fulda. Wir badeten im lichten Farbenmeer, blieben hier und da staunend stehen und beobachteten belustigt das Treiben der Menschen. Ich kam auf die Idee, dass wir unweit vom Jahrmarkt Nadja an ihrem Arbeitsplatz besuchen könnten, wenn sie zufällig da ist. Boris wollte nämlich einige meiner Freunde kennenlernen, von denen ich ihm wieder und wieder erzählt hatte. Und so lernte er Nadja kennen, und zwar genau dort, wo Marcus, nun ihr Mann, ich der Trauzeuge, sie kennenlernte vor Jahren, als ich mit ihm dort auf einem Konzert war. Spät nach Mitternacht und durch einige Erfrischungen aufgeheitert begleiteten wir Nadja zu ihrem Auto, sprachen noch eine Weile, hörten Nadja zu, wie es sonst hier ist, nachts alleine zum Auto zu laufen und von betrunkenen Männer belästigt zu werden, gerade jetzt während des Zissels; sie war sehr froh, dass wir plötzlich aufgetaucht waren. Wir versprachen, am nächsten Tag zur Mittagszeit vorbeizuschauen, verabschiedeten sie in den wohlverdienten Feierabend und schlenderten weiter über den Zissel, aßen ausgesprochen leckere und für den Moment perfekte Fischbrötchen, hörten irritiert und belustigt einem rundlichen, schwer genervten Trinkflaschenverkäufer zu, wie er mich laut per Lautsprecher beleidigte, weil er – warum auch immer – annahm, ich hätte an seinen Wagen gepinkelt. Schließlich trafen wir auf Christoph, den ich flüchtig von einem Uniseminar kenne, dessen Namen ich immer wieder vergesse und den ich sehr oft irgendwo zu sehen bekomme. Die Gespräche laufen dann in etwa so ab: „Hey du! Na? Ich hab wieder deinen Namen vergessen. Wie war er nochmal?“ – „Boah, verflixt, ich hab deinen auch vergessen. Also ich bin Christoph, und du?“ – „Ich bin sowieso.“ – „Mensch, wie oft müssen wir uns noch treffen, damit wir endlich die Namen können. Ist doch echt verrückt!“ Und so war es auch dieses Mal wieder. Wir quatschten ein wenig, Boris bewunderte seine Haare und bald trennten sich unsere Wege. Auf dem Heimweg saß ich mit Boris auf einer Parkbank im Dunkel des Aueparks und wir sprachen mit weitem Blick über die Welt und wie schwierig es zuweilen ist, hineinzupassen und zuzusehen, wie diese vom Menschen zerstört wird, die Grundlage allen Lebens, die Natur, wie es ist, ewig auf der Suche nach einem Ort für das eigene Selbst zu sein. Unsere warmen Hände streichelten sich und später das Haar und das mittlerweile in der Nacht erkaltete Gesicht des Anderen. Durch den Park gingen wir nach Hause, über eine Brücke, vorüber am Spielplatz, an dem wir vor zwei Monaten die Sterne beobachteten und einen Waschbären fütterten, der gierig und süß und freudig aus unseren Händen fraß, vorbei an der Wohnung eines Freundes, in der kein Licht brannte, und vorbei am Balkon eines anderen Freundes, der zufällig in diesem Moment eine Spinne aus der Wohnung brachte. Wie unwahrscheinlich war es, ihn so spät in der Nacht anzutreffen? Es war schon vier Uhr morgens, als Boris und ich Haut auf Haut einschliefen.

Am frühen Nachmittag, es war ein schöner, sonnig-wolkiger Tag, haben wir uns auf den Weg zu Marcus und Nadja gemacht. Unterwegs trafen wir die beiden und ihre zwei kleinen Kinder. Sie waren gerade dabei zum Jahrmarkt zu laufen, wir schlossen uns an. Sonntag nun schlenderten wir alle zusammen, begleitet von Sonnenschein, durch die Stadt und über den vollen Jahrmarkt mit seinen tausend Gerüchen und Angeboten, unser Ziel war ein Kinderkonzert. Neben den Kindern freute sich besonders Boris darüber, seine granitfarbenen Augen groß und die Lachfalten sichtbar, wohl aus beruflichem wie auch aus seinem Kindskopfinteresse heraus. Nach gute Laune machender Musik und einer köstlichen Schokobanane, nach kühlender Erdbeerbowle und Riesenradfahren mit den Kindern machten Boris und ich uns auf den Weg zu einem besonderen Ort.

Ich hatte ihm vor ein paar Wochen geschrieben, dass ich einen Ort entdeckt habe, den ich ihm unbedingt zeigen muss. So war nun endlich der Tag gekommen. Über den Ort hab ich ihm genau nix erzählt, ich wollte ihn nicht beeinflussen in seiner Wahrnehmung, Interpretation und es sollte ja auch spannend sein. Wir fuhren mit dem Bus durch die ganze Stadt, bis an ihr Ende, zum Fuße des Habichtswaldes am Rande des Bergparks. Mit uns im Vierer fuhr ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, zuckersüß und Freude strahlend, das uns fragte, ob wir denn schon neun Jahre alt alt sind, schon zur Schule gehen, das Boris‘ Armkette sehr hübsch, doch für ihr kleines Handgelenk zu groß fand, das meinen Rucksack gegen ihre kleine Handtasche tauschen wollte, die innen drin mit rotem und sehr frischem Kaugummi verklebt war – ein schlechter Deal für mich! Zwischendrin gab die offensichtlich geisteskranke Mitfahrerin neben uns seltsame Sachen von sich, ohne jeglichen Kontext, sprach lauthals mit nicht anwesenden Personen und schrie diese an und sagte irgendwann zu uns zwei Erwachsenen „Mit Fremden spielt man nicht!“ und zum schwarzen Mädchen: „Wage es nicht! Du bist winzig und ich bin groß, viel stärker als du!“ Zum Schluss ihres Satzes fletschte sie ihre Zähne und imitierte ein gruseliges Tiergeräusch, chchchchch! Das Mädchen lachte nur darüber. Wir waren froh als die Frau endlich ausgestiegen war, noch bevor sie das Mädchen irgendwo hinschubsen konnte. Wir hätten nicht zugelassen, dass sie dem kleinen Mädchen irgendein Haar krümmt. Noch vor unserer Zielhaltestelle stieg auch das Mädchen mit ihrer Mutter aus. „Tschühüüüß!“

Von der Endhaltestelle aus gingen wir in den Wald. Ich fragte Boris, ob er irgendeine Ahnung hat, was ihn erwartet. Er sagte, er habe sich keine Gedanken gemacht, wollte sich überraschen lassen. Er rätselte ein wenig und kam natürlich nicht drauf – mir selbst ging es vor ein paar Wochen auch so. Ich schwieg weiter über den Ort. Mitten im Wald, der uns saftig-grün und voller alter Buchen umgab, stand ein bewohntes Häuschen, ein sehr schönes, mit einem gigantischen Garten, in das sich Boris instant verliebte. „Da will ich wohnen! Oder irgendwo hier im Wald und dann einen Waldkindergarten, genau hier, das wäre mein Traum!“ Kurz nach dem Häuschen erreichten wir den Ort. Der Weg führte uns immer tiefer in das mystische und wunderschöne Geheimnis dieses Waldes, dunkelgrünes Moos bewuchs Baumwurzeln und Hügel, die den Weg einschlossen und den Eindruck eines Tunnels vermittelten. Nun standen wir selbst auf einem Hügel und blickten auf den Blauen See hinab, der ringsum von Bäumen umgeben ist. Boris kletterte direkt den nächsten Abhang hinunter, ich hinterher. Er war begeistert von der Schönheit des Sees und allen Bäumen, Sträuchern, Felsen, Steinen, Wurzeln, fand sogleich eine mit Steinen errichtete Feuerstelle und sagte, dies sei der perfekte Ort für Erfahrungen der erweiternden Art. Wir saßen am Seeufer auf einem Baumstamm und nahmen alles in uns auf, und kletterten einen anderen Hügel wieder hoch, entlang an Wurzeln, die uns als Treppe und als Halt, wie ausgestreckte Hände dienten. Dort oben wuchsen Gräser, Sträucher, Blumen, Dornengestrüpp und wunderschöner, reifer Atropa Belladonna. Während mein Blick über die Schönheit der Natur kreiste, stolperte ich und knickte heftig mit dem Fuß um. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, damit der unerträgliche Schmerz seinen Raum erhalten und ich das weitere Vorgehen abschätzen konnte, atmen und leiden, um geschärften Verstandes eine Diagnose zu stellen und eine Entscheidung zu treffen: Bruch, Bänderriss, Amputation, Belladonna oder einfach weiter? Denn die bisherige Natur war Teil des Ortes, jedoch nicht ausschließlich der Grund für unseren Besuch. Mir liefen vor Schmerzen die Tränen in den Augen zusammen, der Fuß schwoll mächtig an, einen Bluterguss konnte ich nicht erkennen, er ließ sich auch durchbewegen und humpeln war möglich, also kein Bruch, irgendwas mit den Bändern; so ging es nach kurzer Rast weiter. Zu erklettern gab es eine Menge, wir nahmen den einfachsten Weg zurück zum Waldpfad. Meine Schmerzen schlummerten alsbald mit der Wirkung des Betäubungsmittels.

Schließlich erreichten wir die Nekropole, genau genommen das erste Grab von vielen, die im ganzen Wald verteilt sind, von denen es einmal 40 Stück geben soll. Dieser ganze Ort verbindet das ewige Leben, die Natur, den Tod des Menschen und seine Kunst auf einer wunderschöne und mystische Weise. Künstler gestalten hier ihre Grabstätte, wie sie wollen, am Ende werden sie dort beigesetzt, die Gräber werden nicht gepflegt, sondern der Natur überlassen. Am ersten Grab, das als solches nicht zu erkennen ist, rätselte Boris sehr lange. Unter einer quadratisch eingefassten Glasplatte sind Fußabdrücke zu sehen, dreidimensional aus Stahl, die Versen wie ein Trichter in das Erdreich führend. Er kam des Rätsels Lösung nahe, doch wollte ich ihn nicht weiter matern, ich löste auf: Der Betrachter sieht den lebensgroßen Abguss des Künstlers, jedoch von unten, auf dem Kopf quasi. Der Abguss ist innen hohl und dient als Urne. Eine Inschrift oder wer hier liegt ist nicht vorhanden. Ich klärte Boris über diesen ganzen Ort auf, aus seinem Gesicht las ich Faszination und unbändige Entdeckerfreude.

Weiter ging es zu einer Art Tempelanlage, quadratisch, außen vier Tore aus Holz, daran jeweils eine aus Holz gefertigte Plastik, ähnlich einem Menschenkopf, die Augen verbunden durch Stahlbänder, die die Plastik an das Holz heften. In der Mitte der Arena ein quadratisches Amphitheater mit wenigen Stufen, darin mittig ein Steinblock mit den Namen der Beigesetzten und rund herum mit je einem Wort zu jeder Seite der Satz: „Das Spiel geht weiter.“ Für mich ist dies das wundersamste Grab, gleichzeitig ein schöner Ort zum Verweilen. Das Leben als Spiel zu betrachten, das weitergeht, egal was in der Arena passiert, egal wer gewinnt oder verliert, diesen Gedanken finde ich genial. Doch würden noch weitere solche Gräber folgen. Bei meinem letzten Besuch hatte ich zwischen das Holz eines Torbogens eine mysteriöse Nachricht hinterlassen, auf der Rückseite eines Kassenzettels (Vitamin B12 aus der Apotheke), der Zettel war noch immer da und wurde scheinbar mehrmals entfaltet und wieder hineingesteckt. Wir lasen meine verrückte Nachricht an die Welt. Als nächstes kamen wir an einer gigantischen, aus Granit gefertigten, runden Vogeltränke vorbei, der Durchmesser breiter noch als die Spanne meiner Arme, in der ein goldener Hase eingefasst ist. Der Hase dient als Urne, zu sehen ist er aber nicht. Die Granitschale füllt sich von selbst durch den fallenden Regen, dafür muss es selbstverständlich auch regnen. Wir und auch die Tiere des Waldes hatten Glück, dass der Samstag ziemlich verregnet war. In der Granitschale waren seit meinem letzten Besuch rot, blau und gelb schimmernde Sterne, Monde und Sonnen verstreut worden, ähnlich Glitzerkonfetti. Es sah ganz hübsch aus und wurde behutsam und wenig gestreut, so dass nicht unbedingt von Umweltverschmutzung die Rede sein konnte, wobei diese Sonnen, Monde und Sterne womöglich niemals verrotten werden.

An einem weiteren Grab machten wir Rast, denn davor stand eine Bank, ich trank Wasser und fragte Boris, ob ihn dieses Kunstwerk berührt. Er sagte nein, er fühle sich beobachtet. So ging es mir auch angesichts eines riesigen Holzauges, das die Besucher auf der Bank anblickt und sonst nichts. Das Auge des Waldes? Ein Auge aus dem Jenseits? Für mich strahlt dieses Grab keine mystische Energie aus, muss es ja auch nicht – auch allein das Sich-Beobachtet-Fühlen war ja schon ausreichend. Ich bemerkte, dass Rast meinem Fuß nicht besonders gut tut, was für den Moment doof, für die Gesundheit des Fußes allerdings ein gutes Zeichen war. Also folgten wir dem Waldpfad weiter zu den letzten zwei Grabstätten, die es heute noch zu sehen gab.

Der Waldpfad zweigt irgendwann ab zu einer Lichtung, auf der sich zwei Grabstätten befinden. Die erste setzt sich zusammen aus 97 Marmorblöcken in scheinbar zufälliger, Dominostein-artiger Anordnung, ein jeder Block groß und quadratisch auf dem Gras ruhend. Es gibt Blöcke aus weißem Marmor und es gibt Blöcke aus schwarzem Marmor. Auf den schwarzen Steinen ist immer ein Buchstabe eingraviert und golden ausgemalt, vielleicht sogar Blattgold. Nach jedem Stein mit einem Buchstaben wechselt die Richtung des Verlaufs, es lässt sich der Satz „La vita corre come rivo fluente“ lesen, was soviel bedeutet wie: Das Leben verrinnt als fließender Strom. Dieses Kunstwerk beeindruckt mich auf Ebene der Kunst am meisten, ist es doch eine Verbindung von Mathematik und Natur, von Ewigkeit und Endlichkeit, Tod und Mensch. Nach jedem Buchstaben wechselt die Verlaufsrichtung, jeder schwarze Stein stellt eine Primzahl dar, die zufällig in der Mathematik auftaucht und keinem bisher bekannten Prinzip folgt. So ist es ja auch im Leben: Es passieren Dinge, scheinbar zufällige Ereignisse, und das Leben verändert sich, ändert seine Ausrichtung und folgt dem ewigen Mäandern, sucht sich je und je einen Weg durch die Welt, wie das Wasser, das zum Meere hin fließt, in das große unendliche Blau.

Weiter hinten auf der Waldlichtung stehen acht riesige Stahlplatten, rostrot, vier Stück bilden den äußeren und vier Stück den inneren Kreis. Die Platten stehen versetzt zueinander, sodass man in das Kunstwerk hineingehen kann. Auf jeder Platte ist eine andere feingliedrige und miteinander verschwungene Form hineingeschnitten, sodass man durch die feinen Linien hindurchschauen, das Grün der Lichtung oder weiter fern stehende Bäume oder gar das Sonnenlicht hindurch scheinen sehen kann. Sind es Gesichter, Fratzen, sind es Blumen, Bäume oder irgendwelche Symbole, all das ist nicht klar zu erkennen. Es bleibt dem Betrachter überlassen, was er dort sieht. Auch dies, so sagte Boris, sei ein Ort für Erfahrungen.

Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle erfragten wir Hilfe an dem Häuschen im Wald, sodann wurden mir Schmerztabletten gebracht. Der Weg zurück dauerte natürlich seine Zeit, wenn der eine humpelt und der andere Pflanzen mit einer App identifiziert. Auf den letzten 500 Metern kamen uns ein Mann und eine Frau entgegen, so unser Alter etwa, beide sehr zueinander passend und sehr freundlich wirkend. Sie fragten uns, ob dies der Weg zum Blauen See sei. Ja, das ist er. Nach einigen gewechselten Sätzen stellte Boris fest, dass er die beiden kannte, von gestern vom Frühstück im Café Hahn, dass sie neben ihm saßen. Welch ein Zufall! Die beiden erzählten, dass sie oberhalb der Nekropole in einem der Häuschen wohnten, die man mieten kann. Boris strahlte, sein Traum schien sich bald zu erfüllen. Wir wünschten beiden Besuchern noch alles Gute und gingen zur Bushaltestelle, denn ein weiterer Ort, der mir selbst unbekannt und dessen Existenz mich auf höchst eigenartige, kryptische und mysteriöse Weise die Woche über erreicht hatte, wartete auf uns.

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