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11 Tage, 19 Stunden und 33 Minuten.

6. Januar 2020

Als der Zug am Bahnhof hielt, war meine Freude nicht mehr zu bändigen; das Pochen in meinen Ohren wandelte sich zu einem durchdringenden Rauschen. Ich war überglücklich, dass du dich plötzlich entschieden hattest, zu mir zu fahren. Das schönste aller Geschenke. Es war schön, deinen Kopf aus der Menschenmenge herausragen zu sehen, dich direkt zu erkennen. Du kamst lächelnd auf mich zu, und als du endlich vor mir standest, umarmten wir uns eine Ewigkeit lang; eine Ewigkeit im Vergleich zu den 68 Tagen, die ich auf diesen Moment warten musste.

Wie wunderschön es war, die Flammen des brennenden Zuckers, der langsam zu Karamell zerfloss, in deinen Augen und auf dem Glanz deiner erstaunten Lippen funkeln zu sehen.

Es berührte mich, dass du trotz des aufwühlenden Gespräches zwischen dir und Nadja an Heilig Abend zu mir sagtest: „Es ist schön, bei dir zu sein. Und ich freue mich, dass ich bei deiner Wahlfamilie sein darf.“ Euer Gespräch hing mir noch einige Tage nach; vielleicht, weil ich nur Zuhörer war. Nadja spiegelte dich mit einer Deutlichkeit und sprach zu dir mit einer Klarheit, wie es bisher niemand getan hatte. Ich konnte fühlen, wie sehr dich das aufwühlte, wie angestrengt du atmetest. Wir beide sprachen noch lange darüber, auf dem Heimweg, zu Hause. Nichts ist anstrengender, als das eigene Leben so zu leben, dass man selbst zufrieden damit ist.

In der ersten Nacht konnte ich kaum schlafen, ich war unruhig und rastlos. Warum nur? War es die Angst, dass alles ein Traum sei? Oder die Sorge, dass du verletzt wurdest? Immer wieder bin ich angsterfüllt aufgewacht und musste mich vergewissern, dass du wirklich in meinem Bett liegst: Ein großer schlafender Junge, ein Riese gar, tief schlummernd, deine Atmung gleichmäßig und hypnotisch. Durch das Fenster drang ein wenig Nachthimmel herein; gerade so viel, dass ich die Konturen deines Gesichts erkennen konnte. Du sahst so friedlich aus; dein Anblick beruhigte mich. Wie viele Nächte hatte ich wachgelegen in blanker Sorge um dich. Ich weinte vor Glück und Tränen liefen über meine Wangen und fielen auf deinen schlafenden Körper. Ich legte meinen Kopf wieder auf dir ab und umklammerte dich fest, damit dich mir niemand nehme, deine Haut warm und dein Geruch waldig-grün. Ich fiel in einen Dämmerschlaf, indem ich synchron zu dir atmete. Ich wachte wieder und wieder auf; mal lag ich in deinen Armen, mal lagst du in meinen Armen, mal waren wir beide ein menschliches Knäul, miteinander verschmolzen. Am Morgen streicheltest du mich, wir beide noch im Halbschlaf.

Am ersten Weihnachtsfeiertag waren wir lange spazieren und sprachen wild über alles, was uns in den Sinn kam. Wir waren im Kakteenhaus und bewunderten die Tausend Formen, die eine Pflanzenart annehmen kann. Nachmittags, die Dämmerung hatte schon eingesetzt, gingen wir durch feinen Sprühregen ins Kino, nachdem wir uns zu Hause gestärkt hatten. Als in der Dokumentation (Aquarela) jemand ertrank, versank ich in Gedanken, was die Filmszene wohl in dir ausgelöst haben mag. Im Sommer, als wir uns kennenlernten, war mir aufgefallen, dass dein Brustkorb außergewöhnlich eingedrückt ist; du hattest mir erzählt, dass du als Kind ertrunken bist und wiederbelebt wurdest. Als ich an dieses Gespräch dachte hast du mit deiner Hand nach meinem Arm gegriffen und wir haben uns den Film über gehalten, an Händen und Armen. Nach dem Film sind wir noch ein wenig durch den Stadtteil geschlendert; die Lichter der Straßenlaternen, der Ampeln und Autos, aus den Fenstern der Wohnungen und Häuser, spiegelten sich auf dem nassen Asphalt, matt und schön.

Wie du mir am selben Abend Halt gabst und mich fest an dich drücktest, als ich weinte wie noch nie zuvor. Die Staumauer in mir war gebrochen, Glück und Traurigkeit vermischten sich zu einer gewaltigen Flut. Alles in mir löste sich und wandelte sich in Tränen, die sich auf dich ergossen. Du sagtest: „Ich spüre deine Einsamkeit und deinen Schmerz. Wenn du hindurchgehst… wartet etwas Wunderschönes auf dich. Ich bin hier.“ Dann sagtest du lange nichts mehr. Ich weinte und weinte und vergrub meinen Kopf in deinen Armen, mein Gesicht auf deiner Brust, bis ich nicht mehr denken konnte. Deinen Kopf hattest du seitlich auf meinen abgelegt und streicheltest meine Haare mit deinen Fingern. Du hast mich weinen lassen, bis ich ganz leer und ruhig war. Du hast mich die ganze Zeit über gehalten und gestreichelt. Dann sagtest du: „Ich bin stolz auf dich.“

Später erzählte ich dir, so vertraut waren wir einander und der Moment schien mir passend, dass ich seit Sommer mit über 20 Männern geschlafen habe. Ich wollte neue Erfahrungen machen, neue Dinge kennenlernen und hatte aktive und passive Rollen gleichermaßen, war in seltsame Rollenspiele, angenehme wie auch gefährliche Situationen verwickelt. Ich wollte wissen, wie es ist, promiskuitiv zu sein; am Ende habe ich nur gelernt, wie leer und banal dieses Spiel für mich war – zwischen mir und den vielen anderen Menschen, zu denen ich keine Verbindung hatte. Vor dem Moment, in dem ich es dir sagen würde, hatte ich lange Zeit Angst; Angst vor Ablehnung, vor Zurückweisung, doch fühlte es sich nun keinesfalls nach einer Beichte oder Verurteilung an, wie ich es mir viele Male ausgemalt hatte. Du stelltest Fragen, weil du wirklich Interesse an meinen Gedanken und Erfahrungen hattest, und lauschtest aufmerksam den verrückten Geschichten, die ich erlebt hatte. Wir lachten, und auch schwiegen wir viel, und du erzähltest von deinen Erlebnissen mit Männern. Unser Gespräch war ganz vertraut, ehrlich, es war okay. Du sagtest, dass in deiner promiskuitiven Phase etwas in dir gestorben sei, und ich konnte es vollkommen nachvollziehen. Denn auch in mir war etwas gestorben: Sex mit irgendwelchen Menschen, zu denen ich keine innere Verbindung habe — so attraktiv und körperlich erregend sie für mich sein mögen, so verfügbar sie für mich auch sind —, hat die Anziehungskraft für mich verloren. Ich sprach das alles aus, während wir uns in die Augen sahen, und wir umarmten uns. Ich spürte, wie ähnlich wir uns darin waren und wie stark uns das miteinander verband. Das, was wir beide haben, unsere innere Verbindung, ist strahlender und schöner als das, was die meisten Menschen unter Sex verstehen.

Spät sind wir aufgewacht. Deine Mutter sollte schon bald da sein, also machten wir uns fix ans Aufräumen. Mir war wichtig, dass ihr beide euch wohl fühlt. Ich wollte eine Situation schaffen, in der es sich angenehm plaudern lässt und vielleicht sogar etwas wie Tiefe entsteht; du hattest einmal gesagt, dass du dir das mit deiner Mutter wünschst. Und so kam es schließlich. Du deutetest irgendwann meine Geschichte an und ich erzählte sie. Deine Mutter hörte aufmerksam zu und stellte Nachfragen, wann immer ihr etwas unklar war. Ich sagte irgendwann, dass ich als junger Mensch immer das Gefühl hatte, auch heute noch habe, mit meinen Eltern keine tiefen Gespräche mit Sinn oder über Themen und Gefühle, die mir wichtig sind, führen zu können. Sie sagte: „Ich denke, das nehmen viele Menschen so an. Dass ihre Freunde viel tiefsinnigere Gespräche mit ihren Eltern haben. Aber stimmt das auch? Vielleicht ist das einfach eine falsche Annahme.“ Während sie das sagte, sah ich in deine Augen und du in meine. Vielleicht ist da wirklich etwas dran, sagten unsere Blicke. Du bist dann spazieren gegangen mit ihr und später sind wir gemeinsam etwas essen gegangen. Deine Mutter bedankte sich bei mir für den schönen Tag, das Kennenlernen. Der Tag war sehr schön für mich, und als ich nach deinem Empfinden fragte, sagtest du das gleiche. Waren deine Zweifel verschwunden?

Am nächsten Morgen war ich vor dir wach. Du hast mich in deinen Armen gehalten. Dein Bauch drückte sich mit jedem Atemzug sanft an meinen Rücken, deine Hüften an meine. Die Plissees am Fenster waren halb geöffnet, sodass die Sonne mein Gesicht erwärmte. Ich weinte vor Glück, ich fühlte mich so geborgen und sicher wie schon lange nicht mehr. Da wurdest du wach und streicheltest meine Haare und die Tränen aus meinem Gesicht. Ich legte mich auf dich; ich fühlte mich wie ein Säugling, sanft und sicher. Ich musste lachen, weil alles wie ein Traum auf mich wirkte. Wir kuschelten miteinander und bald ging mein Wecker los, eine Pianoversion des Earth Song. Wir sangen leise mit und so kamen wir auf die Idee, laut Musik zu hören. Wir sprangen auf, du kochtest Kaffee und ich schaltete die Musikbox ein, drehte die Lautstärke hoch und wir hörten das Original, und noch mehr von Michael Jackson. Wir rissen alle Fenster zum Lüften auf und nun sangen wir lauthals mit. Die Wohnung war erfüllt von Lautstärke, frischer Luft, Sonnenschein und Kaffeeduft. Ich habe mich schon lange nicht mehr so lebendig und leicht gefühlt. Wir zeigten einander Musikvideos und später schautest du nach Stellenanzeigen, hast gleich Bewerbungen weggeschickt. Dann sind wir mit dem Rad ins Schwimmbad gefahren, waren in der Sauna, sind zusammen auf einem Reifen die große Rutsche hinunter, haben uns im Wasser treiben lassen. Anschließend hast du bei einem Spielenachmittag weitere Freunde von mir kennengelernt. Ich hatte den Eindruck, dass du dich aufgenommen gefühlt hast. Du warst gesprächig, spaßig, hast viel gelacht.

In der Silvesternacht sagtest du zu mir: „Du bist bedingungslos.“ Später am großen Feuer habe ich dich beobachtet, wie du gebannt in die Flammen starrst und völlig gedankenverloren das Bernsteinpulver in deiner Faust an dein Herz drückst. Du sprachst deinen Wunsch für dich aus – „Verantwortung!“ – und hast das Pulver in die Flammen geworfen, auf dass es hell erleuchte. Du sagtest vor dem Einschlafen: „Vielleicht war das mein schönstes Silvester.“

Ich sah dich hinter der Glasscheibe sitzen, dein Strahlen raubte mir den Atem. Ich erinnerte mich an deine Ankunft und wie müde und ausgelaugt du eigentlich aussahst. Jetzt wirktest du zufrieden auf mich, viele Jahre jünger, entspannt, erfüllt. Ich schrieb mit meinem Lippenbalsam thx auf die Scheibe und legte meine Hand daneben, als der Zug langsam losfuhr. Dein Lächeln konnte ich noch sehen, bis ich nichts mehr sehen konnte; ich stand wie versteinert da. Nach ein paar Minuten ging ich Richtung Ausgang, lachend und weinend, beides zur gleichen Zeit. Menschen sahen mich an, womöglich wirkte ich verstörend auf sie. Dabei war ich nur glücklich.

Zuhause angekommen wälzte ich mich im Bett; die Seite, auf der du gerade noch lagst, war warm. Ich konnte deinen Geruch noch so stark wahrnehmen, als seiest du nur kurz aus dem Bett gestiegen, nur kurz fortgegangen, um gleich wiederzukommen. Ich streckte meinen Arm nach dir, doch war dort nichts. Kein Körper, kein Atmen, kein Boris. Ich spürte, wie die Traurigkeit in mir aufstieg; der Preis für mein Glück.

11 Tage, 19 Stunden und 33 Minuten. Eine Ewigkeit, erfüllt mit Leben, Freude und Liebe. Nun weine ich, denn ich musste dich, mein Wunder, ziehen lassen. Doch meine Tränen schmecken süß, und in mir ist ein See des Glücks, von dem ich zehre. Und so beginnt meine Fastenzeit von Neuem. Nun liege ich seit fünf Stunden wie gelähmt im Bett und höre eine „Classical Sleep“-Playlist, während ich im Dämmerschlaf all unsere surrealen Erlebnisse nochmals durchlebe, alles so detailreich wie möglich erinnere, jedes Ereignis, jede Gefühlsregung, jeden Gesichtsausdruck.

Seit du weggefahren bist brauche ich wieder länger zum Einschlafen. Du hast Wärme und Halt ausgestrahlt, und dein dunkelgrün-waldiger Geruch – wie ein Dschungel, süß, holzig, blumig und schwer, ein Hauch von einem wilden Tier – war sowas wie ein Schnüffeltuch für mich, das mich sanft einschläfert. Dein Geruch haftet hier noch überall, an mir, dein Schweiß an der Bettdecke, der Duft deiner Haare am Kissen, die Wärme deiner Hände auf meiner Haut. Deine Spuren halten mich fest umschlungen, und ich stelle mir vor, wie wir synchron atmen, wie wir es jeden Abend gemacht haben, nackt und Bauch an Bauch, bis wir eingeschlafen sind.

Wie es mir geht? Ich fühle mich traurig, obwohl ich glücklich bin. Daraus schließe ich, dass es mir richtig gut geht. Wenn ich eine lange Zeit happy war, ist das immer so danach. Ein Indikator dafür, dass es mir gut geht.

Vielleicht bin ich auch traurig, weil ich nicht weiß, wohin es dich letztlich verschlagen wird, wie es weitergeht mit uns, wann ich dich wiedersehen werde, ob wir einander weiter zähmen werden. Möge die Straße uns zusammenführen.