Archive for September, 2019

Ein Brief mit Folgen.

30. September 2019

Lieber Boris,

zuallererst möchte ich dich um Entschuldigung bitten, dass ich deine Aufmerksamkeit auch auf diesem Wege beanspruche. Doch ich kann nicht anders, denn: Wir beide haben uns einander in den letzten Monaten vertraut gemacht. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, sagte der Fuchs.

In der gemeinsam verbrachten Zeit haben wir einander gezähmt, jeden Tag sind wir uns ein Stückchen näher gekommen; auch wenn noch viel Zähmen vor uns liegt. In der Zeit dazwischen haben wir voneinander erfahren über Geschriebenes, selten über Gesprochenes. Auch, wenn du schriftlich vielmehr über mich erfahren hast, als ich über dich. Und wie der Fuchs sagt, ist das Zähmen eine Sache, für die man sehr geduldig sein muss. Das ist nicht leicht für mich, doch ich lerne es durch dich. Niemals zuvor hat jemand meine Geduld derartig auf die Probe gestellt wie du. Und ich danke dir dafür, für diese neue und auch herausfordernde Grenzerfahrung. Ich warte gerne auf dich und ich bringe gerne die Geduld für dich auf. Gleichzeitig stürzt das mich in tiefen Kummer, wenn ich nichts von dir höre, weil ich noch lerne dich zu verstehen, weil ich noch ganz am Anfang stehe, weil ich nicht weiß, wie ich dir helfen kann oder ob du das überhaupt willst. „Man versteht nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. Dass wir noch keine Bräuche haben, wie der Fuchs sie beschreibt, dass die Netzabdeckung scheiße ist und du oft sehr schweigsam bist, all das verstärkt meinen Kummer.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mich verantwortlich fühle für dich, weil ich dich erreichen möchte in deinem Herzen, weil das bei WhatsApp scheinbar nicht möglich ist, weil ich dir meine Hände und meine ganze Kraft reichen möchte, weil ich dich unbedingt begleiten möchte auf dem Weg aus deiner Krise. Mir ist bewusst, wie frei und wild du bist, es zumindest sein möchtest. Doch ich sehe – in dem, was, wie, wann du schreibst und auch zwischen den Zeilen, „das Eigentliche ist unsichtbar“ – wie du leidest, und ich leide mit dir. Das schreibe ich nicht einfach so dahin. Es tut mir körperlich weh zu lesen, was du schreibst. Ich kenne diese Art der Verzweiflung und so trifft es mich umso mehr. Ich wünschte, du könntest es mir sagen, während ich dir in die Augen schaue und dich einfach nur halte in den dunkelsten Stunden deiner Verzweiflung. Doch es ist anders aus der Ferne, schwer, ganz schwer. Ich muss aushalten, dass ich dir keinen Halt geben kann, dass dein Herz gefangen ist in lauter Zweifel und Unsicherheit, dass du dich einsam und traurig fühlst, dass ich deinen Geist nicht streicheln kann, dass ich mit dir keine möglichen Auswege besprechen kann. Am schlimmsten jedoch ist es, nicht zu wissen, ob mein Eindruck überhaupt wahr ist.

Auf mich wirkst du wie vergiftet, wenn du in […] bist, ganz besonders in den letzten Wochen, ganz roh und verletzlich, erdrückt von Sorgen um die Zukunft, um dein weiteres Leben, unverstanden, einsam. Das steht ganz im Gegensatz dazu, wie ich dich in Kassel wahrgenommen und erlebt habe: Du warst innen wie außen – auch wenn wir über sehr schwere Themen sprachen – gut drauf, du warst so lustig, so abenteuerlich, so schön und wirkest glücklich auf mich. Diese Gegensätzlichkeit Kassel-[…] beunruhigt mich sehr.

Du hast einmal geschrieben: „Ich finde keinen Ort für mich.“ Und später: „Gleichzeitig besorgt mich der Winter.“ Und neulich: „Ich fühle mich einsam. Und traurig.“ Diese Worte machen mich wiederum so fassungslos traurig, dass ich manchmal einfach weine. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, wie oft ich an dich denke. Wie der Fuchs den Weizen liebgewonnen hat und an den Kleinen Prinzen denken muss, so denke ich an dich jedes Mal, wenn ich das Feuerzeug in der Hand halte, bei jedem Blick auf die Sterne, die wir zusammen angesehen haben, und bei jedem Stückchen Wald, denn du hast mir den Wald geschenkt. Ich habe in den letzten Monaten, um dich besser verstehen zu können – da ich nicht wirklich mit dir telefonieren kann und du eher wenig schreibst – so unendlich viel gelesen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Du hast mir Hesse geschenkt, du hast mir Kafka geschenkt, du hast mir den Kleinen Prinzen und Exupéry geschenkt. Und bald kommt noch Osho dazu.

Verstehst du nun, warum ich dir so oft schreibe? Warum ich mich so sorge? Warum ich verantwortlich für dich bin?

Ich reiche dir meine Hände. Doch zugreifen musst du schon selbst. Bitte Boris, bitte greife zu.

Riskiere es, dich auf jemanden einzulassen. Riskiere es, dich zähmen und verstehen zu lassen. Riskiere es, mit diesem Anderen zur größten Reise aufzubrechen, zu einer Reise nach dir, zu einer Suche nach einem Ort für dich und nach Antworten, die nur in deinem Herzen zu finden sind, wenn du frei bist, dich öffnest, Einblick in deine Seele gewährst und nicht umgeben bist von Gift und Sorgen, sondern von Freundschaft, von Zuneigung, von Liebe. Riskiere es, denn du kannst nichts verlieren in deiner gegenwärtigen Situation, du kannst nur dazu-gewinnen. Ich werde dich unterstützen auf deiner Suche, so gut ich kann, so viel du willst. Mir ist bewusst, vor welch bedeutender Lebensentscheidung du stehst: Neuanfang oder Weiterso? Beides ist schwer, beides erschöpft die Kräfte, beides hat seine Vorteile und seine Nachteile. Doch vertraue mir, Weiterso zermalmt die Seele. In […], so nehme ich dich wahr, bist du verschlossen und nicht frei für die Suche nach deiner Wahrheit. Ich meine den Alltag dort, die Routine, nicht die Festivals mit den Menschen, die du lieb gewonnen hast.

Und wenn die Zeit gekommen und du deine Antworten gefunden hast, wenn du einen Ort, eine Lebensweise für dich gefunden hast – in Kassel oder auch woanders –, dann werden wir erleben, ob uns die Antworten zusammen halten oder uns räumlich voneinander trennen, weil vielleicht Kassel doch kein Ort für dich ist. Doch muss das erst einmal herausgefunden werden, das dauert seine Zeit. Sollte das eintreffen, dann wird die Farbe des Weizens bleiben, wie der Fuchs es sagt, und es wird mir eine große Ehre und Freude gewesen sein, dich auf deiner Suche begleitet zu haben. Ich werde mich freuen und freuen über all die Erinnerungen, Erlebnisse und Erkenntnisse, die mir das Leben geschenkt haben wird. Doch dafür, dafür musst du eine Entscheidung treffen. Raus aus […]. Nach Kassel kommen. Und mir vertrauen.

Der Winter naht und ich fürchte um dich. Am liebsten würde ich nach […] fahren, dich einpacken und kidnappen. Ganz so, wie ich damals „in Sicherheit“ gebracht wurde, obwohl es sich erst einmal nicht so anfühlte. Ganz so, wie mich Marcus bei sich aufgenommen hat, mir beim Einleben und bei meiner Suche geholfen hat. Doch das kann ich nicht tun ohne dein Einverständnis, du musst selbst die Entscheidung treffen; eine freie Entscheidung, die aus deinem Herzen kommt. Man kann Menschen nicht einfach umtopfen wie Pflanzen.

Gestern Abend war Marcus bei mir und wir haben auf unseren achten Jahrestag angestoßen, auf unsere lange, seltene und schöne Freundschaft. Acht Jahre Kassel. Ich hatte anfangs große Angst, nichts und niemanden, nur Marcus, diesen Menschen, der umso wunderbarer und surrealer wurde, je mehr wir einander über die Jahre zähmten. Ich verstehe deine Sorge, in Kassel zu vereinsamen, das glaubte ich anfangs auch. Doch so kam es nicht, und so wird es auch nicht für dich kommen. Du hast mich – und damit auch Marcus und Nadja. Und von ganz allein wirst du weitere Menschen kennenlernen, Räume für dich erschließen. Kassel ist nicht Köln.

Komm‘ nach Kassel, komm‘ zu mir und wir gehen alles Schritt für Schritt gemeinsam. Wo du wohnen und leben, wo du arbeiten, wo dich verwirklichen kannst, all das werden wir herausfinden. Wenn du willst.

Ich forme auch hier in diesem Brief noch einmal deine eigenen Worte für dich um:

Du hast unglaubliches Glück, Boris.

Du kommst mit nichts nach Kassel und hast Leute gefunden, die dich aufnehmen.

In ihre Familien und in ihre Herzen.

Mit diesen Worten möchte ich diesen nun wirklich viel zu langen Brief beenden und freue mich auf eine Antwort von dir, egal auf welchem Wege. Die größte Freude für mich wäre allerdings eine Entscheidung, ein erster Schritt deinerseits, ein Plan, wie es weitergeht für dich.

Es grüßt dich hoffnungsvoll

Dein [A.]

P.S.:

Ich habe keine Ahnung, ob dich dieser Brief jemals erreichen wird. Auch weiß ich nicht, was du für mich eigentlich empfindest, ob ich dich überfordere und ob ich dir auf die Nerven gehe. Bitte gib mir ein Zeichen, damit ich Klarheit habe. Die Unbestimmtheit verzehrt mich.

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(2) Kino im Nirgendwo.

18. September 2019

In der letzten Woche erreichten mich kryptische und mysteriöse SMS-Nachrichten. Allein dass es sich um SMS handelte war schon seltsam, doch der Inhalt dieser Nachrichten war noch um Welten aufregender.

Sonntag, 28. Juli 2019, 22:01 Uhr

Ihr Freund*innen der Nacht und der vergessenen Orte;

wo sich die Natur die Gleise zurückholt, die Balken morsch sind und sich die Vergangenheit unter einer dicken Staubschicht versteckt dient uns der bröckelnde Putz am Abend des 04.08. als Leinwand für die erste Ausgabe […]: Kino im Nirgendwo!!

Also kramt die Stirnlampen raus, pumpt die Reifen auf und save the date!

Weitere Infos folgen in Kürze…

Vorfreudig, Eure Kru von […]

Freitag, 2. August 2019, 20:44 Uhr

Bevor ihr euch allzu übermotiviert ins Wochenende stürzt, bedenket, dass das Highlight erst am Sonntagabend auf dem Programm steht! Damit ihr eure Planung entsprechend darauf ausrichten könnt, kommen hier die versprochenen Infos.

Treffpunkt: [GPS-Koordinate]

Dort werden wir Euch erwarten und Gruppenweise zum Ort des Spektakels führen. Bitte seid zwischen 20:15 (Zeit zum stöbern) und allerspätestens 20:45 (latecomers) da!

Zu eurem Survival-Package des Abends sollte gehören:

– Festes Schuhwerk

– Taschenlampe/Stirnlampe

– Getränke/Snacks

– Decke und/oder Sitzkissen

– Sehhilfe vom Optiker eures Vertrauens

– Tarnumhang

Aus logistischen Gründen werden wir nur das Grundnahrungsmittel eines jeden gepflegten Kinobesuchs stellen können: ja genau, Popcorn! Falls es euch nach mehr gelüstet, gibt es für Spätentschlossene ganz in der Nähe auch eine gut sortierte Tankstelle.

Bitte habt aber auf dem Schirm, dass wir uns mit diesem inoffiziellen Kulturprogramm potentiell für eine Bekanntschaft mit Wachmeister Waldemar qualifizieren. Shoppt deswegen am besten schon morgen, übt Euch in diskreter Anreise und schaut, dass ihr Euch einigermaßen geschwind durch den Tunnel zum Treffpunkt begebt.

Sobald der Saal gefüllt ist, freuen wir uns auf ein locker leichtes Sommerkino mit Euch!

Gespannt wie Flitzebögen, Eure Kru von […]

Es war Freitagabend, als ich Boris die Nachrichten weiterleitete.

Ich kenne weder die Nummer, noch gibt es irgendwas bei Google zu „[…]“. Da ist ja eine Koordinate angegeben, die hab ich gegoogelt. Ist in Kassel. Also müssen es irgendwelche Freunde oder Bekannte sein. Mich reizt es, dahin zu gehen am Abend. Alleine würde ich das irgendwie nicht machen. Hast du vielleicht auch Lust zu? Wir könnten tagsüber den „Ort“ erkunden und abends da mal vorbeischauen, was denn das ist mit den mysteriösen SMS. — Ja, geil. So beginnen Horrorfilme. Bin dabei.

So war es nun ausgemacht, dass wir an dem Sonntag zwei Orte zu erschließen hatten. Einen, den ich kannte, aber Boris nicht, und einen, den keiner von uns beiden kannte.

So saßen wir im Bus, fort vom Habichtswald, und fuhren zur genannten GPS-Koordinate. Wir waren aufgeregt, was uns wohl erwarten würde. Ich war sogar ein wenig besorgt, ob es nicht vielleicht eine Falle sein könnte; eine Falle für Menschen wie mich, zwei meiner Freunde hatten auch die SMS erhalten und niemand wusste irgendwas. Mit meinem zerstörten Fuß würde ich nicht schnell genug weglaufen können, sollte es eine Falle sein. Einerseits belustige mich dieser Gedanke, dann sei es eben so, dann wirst du eben ein Opfer sein. Andererseits war da dieses seltsame Gefühl, in etwas vollkommen Unbekanntes, Aufregendes hinzugeraten. Was sollte schon geschehen? Was es sein würde, ob es gut und ein Abenteuer für uns sein würde, das sollte sich noch früh genug herausstellen.

Wir verließen den Bus an einer Haltestelle, die der GPS-Koordinate nahe war. Und wie es in der einen SMS geschrieben stand, fanden wir dort eine gut sortierte Tankstelle vor, bei der wir uns mit Saft, Knabberein, Brezeln und einer Bockwurst mit Brötchen eindeckten. Wir ließen unsere Wasserflaschen füllen und teilten uns Würstchen und Brötchen. Großen Hunger hatte keiner von uns, doch wäre es dumm gewesen, sich in ein Abenteuer mit Nichts im Magen zu stürzen. So saßen wir in der Tankstelle an einem Tisch und aßen. Dabei fiel mir ein junger Mann auf, groß, dunkelhaarig, mit besonders blauen Augen, komplett schwarz gekleidet, er wirkte in seinem Wesen sehr freundlich. Ich merkte mir sein Gesicht, ohne zu ahnen, dass es irgendwas mit dem Abenteuer zu tun haben würde. Nach unserer Mahlzeit gingen wir gemächlich in die Nähe der Koordinate. Da wir entgegen unseres Planes nicht vorher zu mir nach Hause gefahren sind, waren wir eine Stunde zu früh da. Wir setzten uns unter einen Baum in die Nähe des besagten Tunnels und beobachteten Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer. Zwei Frauen unseres Alters wirkten auffällig auf uns, da sie ein suchendes Fahrbild mit ihren Rädern hatten und vor dem Tunnel mehrmals in verschiedene Richtungen radelten. Offensichtlich machten sie sich ein Bild von der Umgebung, die beiden mussten also irgendwie dazugehören; als sie in den Tunnel fuhren, fanden wir unsere Annahme bestätigt. Ich konnte nicht mehr sitzen, denn Rast schmerzte meinen Fuß mehr als das Gehen, so begaben wir uns in das Abenteuer. Wir gingen wie selbstverständlich in den Tunnel hinein und versuchten äußerst leise zu sein. Nach 200 Metern befanden wir uns auf einem Gelände, welches es zu betreten verboten war; so stand es zumindest auf einem Schild am Tunneleingang. Doch gab es weder ein Tor, noch irgendwelche Wächter. Da mein GPS nicht zu hundert Prozent korrekt war, sahen wir uns ein wenig um. Da kamen uns die beiden Fahrradfahrerinnen wieder entgegen, fuhren an uns vorbei. Wir tauschten suchende Blicke aus, und als wir uns umdrehten, sahen wir, dass die beiden auch angehalten hatten. Wir sprachen die beiden an, ob sie auch nur rein zufällig genau hier seien. Die Antwort war ja. Auch die beiden hatten die SMS bekommen und wollten sich vor der Zeit ein bisschen umsehen. Wir schlossen uns zusammen und sahen uns gemeinsam um. Schon erreichten wir die ersten verlassen wirkenden Gebäude, teilweise eingestürzt, teilweise von außen verschlossen. Wir rätselten zu viert, was das denn sein könnte, das, was hier wirklich stattfinden sollte. Es ergaben sich auch keine Verbindungen zueinander, außer, dass wir scheinbar ähnliche politische Interessen hatten, was die Sache wieder verdächtig machte. Um uns die Zeit zu vertreiben, gingen wir in eines der Gebäude hinein, dessen Tür wir nach einer Zeit aufbekamen. Dem Zustand nach zu urteilen war dort seit Jahrzehnten niemand mehr drin gewesen. Alles war von Staub und Schmutz bedeckt, überall lagen lose Kabel, alte Dokumente, technische Geräte und Müll. Wir gingen zusammen durch das Gebäude, Raum für Raum, und waren erstaunt darüber, was wir alles vorfanden. In einigen Bereichen war das Gebäude schon zusammengestürzt, Pflanzen und sogar kleine Bäume hatten sich den Raum zurückerobert. Wir fanden Zeitungen in einem Aufenthaltsraum, vom Anfang der 90er Jahre. Was war nur passiert, dass dieser Ort scheinbar so schlagartig verlassen werden musste? Nach einer Weile gingen wir wieder aus dem Gebäude heraus, und zu meiner Überraschung saßen vor dem Gebäude vier weitere Menschen, darunter Christoph, den wir am Abend zuvor noch auf dem Jahrmarkt getroffen hatten. Hallo Christoph, sagte ich. Hallo sowieso, sagte Christoph. So hatten wir nun doch Gelegenheit gefunden, unsere Namen einzuprägen. Welch ein schöner Zufall! Die vier hatten sich dort niedergesetzt, weil sie dort die geparkten Fahrräder gesehen hatten. Wir tauschten uns aus, ob irgendwer irgendwas weiß. Eine Person sagte ja, jedoch kein weiteres Wort. Meine Besorgnis wich dem Vertrauen, und als ich aus der Ferne einen Bekannten dazustoßen sah, wurde ich immer verwunderter. Was für Ort, was für ein Abenteuer! Was für ein Mensch hatte uns hier zusammengebracht, was waren wir für offene und abenteuerlustige Menschen, dass wir doch tatsächlich hierher gekommen waren. Einige Leute sahen sich ebenfalls im Gebäude um, nach und nach festigte sich der Entschluss, gemeinsam weiterzuziehen, die exakte Koordinate aufzusuchen. Dort fanden wir weitere Menschen, darunter der Mann mit den blauen Augen aus der Tankstelle. Er begrüßte uns und sah mich länger an, und ich sagte, dass er mir in der Tankstelle schon aufgefallen war. Er sagte Ähnliches über mich und Boris, wir lachten. Er zeigte uns den weiteren Weg, den wir gehen sollten, während sie hier auf weitere Menschen warteten. Boris und ich gingen noch um die Ecke, um uns weitere Gebäude anzusehen. Durch ein offenes Fenster stieg er in eines ein, für mich mit meinem Fuß war es nicht möglich. Ich wartete davor auf ihn und rief ihn nach einer Viertelstunde an, da ich bemerkte, dass die anderen sich auf den Weg machten. Boris berichtete, dass es sich um ein riesiges Verwaltungsgebäude handelte, mit Hunderten Zimmern und etlichen Etagen. Wenig war darin eingestürzt, dennoch glich der verlassene Zustand dem ersten Gebäude. Er war verwundert darüber, wie solche Gebäude einfach leer stehen konnten, mit all den Sachen und Möbeln darin, wo doch Wohnraum allgemein knapp ist und es Menschen gibt, die auf der Flucht sind und eine Herberge benötigen. Wir folgten den anderen, immer tiefer hinein in ein Labyrinth aus Wegen, Gleisen und Gebäuden. Es war erstaunlich, wie sich die Natur hier verbreitet hatte. Nicht mehr ganz so junge Bäume wuchsen an Ort und Stelle, wo normalerweise nichts wachsen würde: Auf ehemaligen Parkplätzchen, auf Gleisen und Hütten. Schließlich erreichten wir ein großes, mehrstöckiges Gebäude, dessen Fenster teilweise zerschlagen, teilweise mit Gittern verhangen waren. Dort sah ich dann einen weiteren Freund und fragte ihn, ob er irgendwas weiß. Mit einem breiten Grinsen sagte er, er habe die Nachrichten geschrieben. Dieser Fuchs! Ich dankte ihm für all die Aufregung, die wir im Voraus hatten, und dass dieser Ort ja ein Schatz sei, wie viel es hier doch zu entdecken gab. Er schickte uns für eine weitere Erkundungstour durch das Gebäude, in dem alles stattfinden sollte. Tatsächlich ein Filmabend.

Boris und ich, wir sahen uns Stockwerk für Stockwerk um, fanden Lagerräume, Schulungsräume, Büroräume und noch viele weitere Menschen vor. Manche Räume waren sogar noch möbliert, in manchen standen alte IBM-Computer herum. Überall lagen Akten und Unterlagen und Baupläne auf dem Boden verstreut.

Wir gingen nochmal raus und setzten uns zu den anderen Leuten auf den Boden, quatschten mit den neuen Bekanntschaft über Dies und Das, über alles Mögliche. Sodann wurde laut die Einladung ausgesprochen, hineinzukommen, es ginge bald los. Ich holte mit Boris noch zwei Freunde am Tunneleingang ab, damit sie sich nicht verlaufen, es war schon recht düster geworden.

Im „Kinosaal“ lief bereits die Werbung; der Beamer wurde über ein Aggregat mit Strom versorgt, Sound kam aus einer Bluetoothbox. Um die 30 Leute hatten es sich auf dem gefegten Boden, auf Decken mit Knabberzeug und Getränken gemütlich gemacht. Nach der Werbung wurde der Film mit einer kurzen Ansprache präsentiert: „Stand by me“, passend zum Ort. Im Film waren oft Züge zu sehen, und als ob es geplant gewesen wäre, hörten wir zu den Szenen immer Züge vorbeifahren, echt Züge, draußen. So gab es viele absurde Momente, in denen sich Filmrealität- und reale Realität mischten, in denen alle lachen mussten. Die Stimmung war sehr schön, geruhsam und dem Ort gegenüber respektvoll.

Mit Ende des Filmes löste sich die Menschenmenge auf. Es wurde noch aufgeräumt und gequatscht, und trotz Aufbruchstimmung verband uns alle ein Gefühl der Solidarität: Gemeinsame Abenteuer schweißen zusammen. Ein Freund nahm mich und Boris in seinem Auto mit, das lange Ruhen hatte sich nicht gut auf meinen Fuß ausgewirkt.

Zu Hause verband Boris meinen Fuß, das Gehen war danach stabilisiert und recht gut möglich. Während ich einen plötzlichen Schmerzstress mit Schmerztropfen zu überwinden versuchte, bereitete uns Boris ein paar Brote zu. Wir saßen noch lange auf meinem Balkon, wir aßen dabei und sprachen über unsere Familien, über Väter und Mütter, über die Bedeutung von Zufällen, über Menschen im Besonderen, die das Leben zum Guten hin beeinflussen.

Was war dies nur für ein surrealer Tag gewesen?, fragten wir uns. Supercool und wunderschön, bisschen creepy und sicher auch illegal. Wir waren geflasht von unseren Erlebnissen und den schönen, eigentümlichen Orten, von den tollen Menschen und wahrlich verrückten Zufällen.

Es war spät in der Nacht, als wir erschöpft und sehr zufrieden Haut an Haut einschliefen.