Posts Tagged ‘Türken’

Kein Verrückter, nein.

1. Januar 2012

Ich weiß nicht, was sie meiner Großmutter erzählt haben, aber es macht mich wütend, dass Oma schluchzend zum Abschied sagte, sie trauere um mich. Ich sei doch gar kein Verrückter, nein. Ein anständiger Sohn sei ich, schon immer gewesen, einer der guten Menschen, der richtigen und guten.

Wäre in diesem Moment nicht mein Onkel gekommen, hätte er nicht gesagt Weshalb sollte der Junge wieder kommen, wenn ihr ihn jedes Mal so verabschiedet?, hätte auch ich geweint. Nicht, weil ich traurig bin oder etwas bereue, vielmehr aus Wut und Verzweiflung; weil ich nicht weiß, wie ich die Tränen all jener verhindern kann, die mir etwas bedeuten. Dabei kenne ich das Problem, ich weiß, dass jeder in der Kultur meiner Familie, der seinen eigenen Weg gehen möchte, als verrückt oder bösartig abgestempelt wird. Letztendlich, nach all den Monaten meines Outings, bin ich wie zuvor der Verlierer, der fremde und schlechte Sohn, weil ich mache, was ich möchte. Weil ich mich keinen Regeln unterwerfe, die andere entworfen und für richtig erklärt haben, und weil ich die Erwartungen nicht erfülle. Ich gehe meinen eigenen Weg, mache also das, was sich im Grunde alle Eltern von ihren Kindern wünschen, und dennoch werde ich dafür verurteilt.

Tatsächlich frage ich mich, ob ich noch einmal zu meiner Oma fahren möchte, wenn das Ende immer gleich ist, so schön die zwei Tage dort auch waren. Mit meinen Eltern ist es ja nicht anders, nur dass ich dort schon während meines Aufenthalts mit unerfüllten Erwartungen, Krankheit und Selbstsucht beschuldigt werde. Ich frage mich, ob es gut für mich ist, dass ich auf dem Rückweg immer traurig bin und nicht weiß, wie ich das unterbinden kann.

Als ich zuletzt bei meinen Eltern war, gab es einen kleinen Autounfall. Ich war abends mit meiner Mutter in der Stadt, und auf dem Rückweg ist sie gegen einen Leitpfosten gefahren. Viel ist nicht passiert, lediglich der linke Seitenspiegel wurde abgerissen. Meine Mutter ist entweder eingenickt oder ihr Blutdruck ist in den Keller gefallen, jedenfalls hat sie sich enorm erschrocken und war wie gelähmt, als das Auto zum Stehen gekommen ist. Ich bin ausgestiegen und habe auf der Wiese die Teile des Seitenspiegels zusammengesucht und den Pfosten an seine ursprüngliche Stelle gelegt, dann sind wir nach Hause gefahren. Und zu Hause sagte mein Vater, dass dieser Unfall meine Schuld sei, wie es auch alle anderen zukünftigen Unfälle und Pannen sein werden. Und obwohl ich genau weiß, dass das Schwachsinn und purer Nonsens ist, gibt mir das zu denken. Es lässt mich nicht mehr los, dass ich der Sündenbock und an allem Schuld bin. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht vorhabe, meine Eltern zu besuchen, solange es nicht nötig ist. Das letzte Mal war ich dort, weil ich meine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen musste. Ich möchte nicht jedes Mal geknickt zurückkehren, und solange ich die Rolle des Sündenbocks habe, will ich nicht in der Nähe meiner Familie sein.

Was ich will, ist einfach nur als der Sohn geliebt werden, der ich bin. Ich will keine Bedingungen erfüllen müssen und als das angenommen werden, was ich bin. Ich will mich nicht länger verstellen müssen, weil man es so von mir erwartet. Und falls das nicht ehrenwert ist, dieser schlichte Wunsch, falls das nicht für mich spricht, bleibt mir nichts anderes übrig, als lebenslang der schlechte Sohn zu sein, weil ich mich nicht der Familie annähere.

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Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: „Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.“

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die „richtige Seite“, „zur Gesundheit“ und „zu Verstand“ helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.

Super 8.

16. September 2011

Es ist an der Zeit, einen Teil meiner Geschichte aufzuschreiben. Ich möchte, dass sie hier geschrieben steht und zu lesen ist; ich möchte, dass ihr wisst, was passiert ist, wie es dazu kam und welche Konsequenzen und Gründe das hatte und noch haben wird. Ich schreibe diesen Text auch aus Gründen der Sicherheit; ich will euch auf dem Laufenden halten und euch bitten, auf mich zu achten. Denn ich werde für eine Woche bei meiner Familie sein.


Bene und ich, wir trafen uns Anfang August in der Stadt, aßen etwas und gingen dann in’s Kino, wo wir uns Super 8 anschauen wollten. Zuvor kauften wir Alkohol, weil ich das wollte und weil ich glaubte, den Rausch zu brauchen, damit ich wieder lächeln konnte. Und vielleicht war dieser Wunsch einer der wichtigeren in meinem Leben, denn er hat mächtige Brocken in’s Rollen gebracht. Der Film lief an, das Kino war fast leer und mit uns saßen um die sechs Personen im Saal. Ich trank ein paar Schlücke und merkte bereits, dass der Alkohol wirkte, doch er machte mich nicht gesellig wie beim ersten Mal, er machte mich traurig und selbstmitleidig. Der Alkohol schälte meine äußere Hülle ab, nahm mir jegliches Gefühl der Vernunft und brauchte zum Vorschein, wie ich mich wirklich fühlte: traurig bis in die letzte Knochenfaser. Eine Fassade hatte ich nicht mehr. Kurz darauf platzte etwas in mir und ich verlor die Kontrolle über mich, wurde so emotional wie noch nie zuvor und krallte mich an Bene fest, der einzigen Konstante, die ich hatte. Ich krallte mich fest an seine Arme, und sicher habe ich ihn auch verletzt, doch er blieb bei mir, ist nicht gegangen. Hat mich nicht allein und zurück gelassen. Er blieb konstant, bis der Film endete, ließ es zu, dass ich ihn voll heulte. Er tröstete mich, und ich glaube mich sogar daran zu erinnern, dass er mir den Kopf streichelte und sagte, dass alles gut wird. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, was ich ihm erzählte und ich weiß auch nicht, womit ich ihn sonst noch so belastet habe. Ich weiß nur noch, wie er zu mir sagte, dass ich auf der Parkbank sitzen bleiben soll, bis mein Bus fährt. Sein Bus fuhr früher als meiner, und deshalb musste er auch früher gehen, denn einen anderen Bus gab es nicht. Dorfkinder. Ich sah Bene dabei zu, wie er ging, und immer wieder nach mir schaute, und als er nicht mehr zu sehen war, stand ich auf, um ihn zu suchen. Als ich am Bahnhof war, fand ich keinen Bene vor, sondern nur eine leere Sitzgelegenheit. Ich setzte mich und wartete auf meinen Bus nach Hause.

Nach 22 Uhr wird der Bahnhof von der Polizei überwacht, denn es kommt öfter vor, dass dort Streit ausbricht und Flaschen und Fäuste durch die Gegend fliegen. Natürlich hatten die beiden Polizisten dort gesehen, wie ich angetorkelt kam und mich hinsetzte, und netterweise sprachen sie mich an, ob es mir gut erginge. Ich konnte einigermaßen deutlich sprechen, alle Fragen beantworten und mich ausweisen, musste aber trotzdem einen Alkoholtest machen. 1,6. Mir sagten diese Zahlen nichts, ich hatte erst zum dritten oder vierten Mal in meinem Leben getrunken. Dann ging alles sehr schnell. Sie riefen die Festnetz-Nummer an, die ich ihnen sagte, konnten aber niemanden erreichen, denn zu Hause war niemand. Das hatte ich ihnen aber auch gesagt. Ich wusste, wo meine Eltern zu Besuch waren, kannte aber die Nummer nicht. Ich sagte ihnen die Adresse und sie schlugen vor, mich dorthin zu fahren. Im Nachhinein war das sehr tolerant von ihnen, doch in der Situation selbst dachte ich, dass es das schlimmste ist, was sie mir hätten antun können. Ich sagte ihnen die Wahrheit, sagte, warum ich getrunken hatte und weshalb es wichtig ist, dass sie mich nicht an meine Familie ausliefern. Sie verstanden mich zwar, mussten aber trotzdem ihren Job machen. Wir vereinbarten, dass sie mich an der Tür absetzen und wieder gehen, und genau das machten sie. Ich ging in das Haus und sagte, dass mir schlecht ist, ich schlecht gegessen hatte, und legte mich in ein Zimmer und schlief ein. Stunden später wurde ich geweckt. Heimfahrt. Zu Hause duschte ich und musste dann in’s Wohnzimmer, Rede und Antwort stehen. Den weiteren Verlauf habe ich bereits hier auf Formspring nieder geschrieben.

Bis zuletzt dachte ich, dass wenn meine Familie erfahren würde, dass ich homosexuell bin, sie mich verprügeln, verschlagen und verstoßen würde. Ich hatte diese schreckliche Vorstellung im Kopf, in der mich mein Vater bewusstlos und krankenhausreif schlägt, mich gar umbringt. Aus diesem Grund, aus Angst um mein Leben wollte ich das Outing vermeiden, solange ich es eben vermeiden konnte. Jedoch kam es – wie alles andere auch – anders, als ich es erwartet hatte: Im angetrunkenen Zustand sagte ich meinen Eltern, dass ich es nicht mehr aushalte, dass ich nicht mehr damit leben kann; dass ich es satt habe, zu lügen, und dass sie die Wahrheit kennen sollten. Den Grund, weshalb ich an diesem Samstagabend getrunken hatte. Und dann sagte ich es ihnen.

Vielleicht war die Entscheidung, es ihnen in dieser Nacht zu sagen, das dümmste, was ich je getan habe, vielleicht aber auch nicht. Für mich war es jedenfalls eine enorme Erleichterung, ein Loslassen aller Lasten, ein Gefühl von endloser Freiheit. Für meine Eltern nicht, denn ich hatte sie mit einer Tatsache belastet, mit der sie nicht umgehen konnten. Mit der sie vielleicht niemals werden umgehen können.

Meine Eltern reagierten „ruhig“ darauf, versuchten mit mir darüber zu sprechen, wurden in jener Nacht kein einziges Mal laut. Ich glaube, dass sie zu sehr unter Schock standen. Sie sprachen bis in die Morgenstunden mit mir, und je heller es draußen wurde, desto trauriger wurden ihre Stimmen. Sie so zu sehen, brach mir das Herz, denn ich war „Schuld“ an ihrer Traurigkeit, ich hatte sie in diese dunkle Schlucht gestoßen, aus der sie jetzt – fast einen Monat nach meinem Outing – immer noch nicht heraus gekommen sind. Die folgenden Tage waren nicht erfreulich für mich. Ich bekam zu hören, dass ich falsch, schlecht und abartig sei, sie mich nicht als Sohn akzeptieren könnten, solange ich krank sei. Was sollten die Verwandten denken, was die Bekannten? Das sei doch nicht im Sinne von Gott, niemals wieder könnten sie aufrecht gehen. Und als sie sagten, dass ich weder studieren, noch ausziehen darf, solange ich nicht geheilt bin, platzte in mir etwas ab.

Ich weiß nicht, was ich mir erhofft habe, als ich es ihnen sagte. War es Mitleid, Nachsicht oder gar Verständnis? Ich wollte es ihnen einfach nur sagen, hatte mir aber keinerlei Gedanken über die unmittelbaren Konsequenzen gemacht. Im Nachhinein bereue ich den Zeitpunkt meines Outings, aber nicht mein Outing selbst. Das Freiheitsgefühl, das ich in der Nacht verspürt habe, verflüchtigte sich sehr schnell, denn ich bekam schon am nächsten Tag das Gegenteil zu spüren: Beleidigungen der verletzendsten Art, verbale Attacken auf meine Person, das Bezweifeln meiner Urteilsfähigkeit und meiner Intelligenz, Schlafentzug, Internetverbot, … sprich: unerträglicher, psychischer Druck, viel schlimmer, als er es vor meinem Outing gewesen ist. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen, hatte jede Nacht Albträume und war morgens von Kopf bis Fuß nassgeschwitzt. Ich hatte mehr Angst, als jemals zuvor in meinem Leben.

Der Entschluss zu gehen war nicht einfach, aber konsequent.

Mehr als einen Monat ist es nun her, dass ich das Elternhaus verlassen habe. Ich werde nicht ausführen, wo und mit wem ich in der Zeit war, was ich die Zeit über gemacht habe. Wichtig ist nur, dass es mir immer gut erging und ich mich wohl fühlte, dass ich jetzt einen Studienplatz habe und auch dass ich sehr viel gelacht und gelächelt habe. Und ich möchte mich nochmals bei euch allen bedanken. Danke, dass ihr mir geholfen und mich unterstützt habt, dass ihr da wart, als ich in Not war, und mir in so vielen und wichtigen Dingen weiterhelfen konntet, dass ich es immer noch nicht fassen kann. Ich möchte mich bedanken, weiß aber auch gleichzeitig, dass ich mich selbst in Gefahr begebe, indem ich für ein paar Tage zurück zu meiner Familie fahre. Doch ich würde dies nicht tun, wenn es nicht ein paar Sicherheiten gäbe. Meine Entscheidung ist riskant und verdient zu Recht Kritik und die Wenigen, die bereits wissen, dass ich für eine Woche bei meiner Familie sein werde, halten das für keine gute Idee, doch sie sagen alle, dass das niemand besser einschätzen kann, als ich selbst. Und auch wenn ich oft daneben lag mit meinen Einschätzungen, lag ich nie falsch.

Ich werde mich jeden Tag so oft es geht melden, und sollte ich für eine längere Zeit nicht in der Timeline sein, wisst ihr, was zu tun ist. Ihr kennt meinen Namen und auch die Adresse.

Und nochmals: Danke, dass euch gibt. Ich bin so froh darüber, euch zu kennen und würde mich am liebsten bei jedem von Euch einzeln und persönlich bedanken, aber das geht leider nicht an einem Tag, per Text schon gar nicht. Aber ich werde das nachholen.

Formspring.

4. Juli 2011

Folgend acht Fragen und Antworten aus meinem Formspring-Profil, die ich sehr mochte und hier gerne festhalten würde, bevor sie in der Timeline untergehen.


Frage:

Hasst du deine Familie?

Antwort:

„Eure Ehre ist unser Leid.“ (Die Fremde)

Obwohl ich sehr unter meiner Familie leide und sie mich traurig und depressiv macht, hasse ich meine Familie nicht. Dass sie so sind, wie sie sind, liegt nicht an ihnen selbst, sondern auch und vor allem an ihrem Umfeld und an ihrer Lebenswirklichkeit. Beide Elternteile wurden nach den Normen und Werten des türkischen Patriarchats erzogen, und obwohl auch sie ganz sicher darunter zu leiden hatten, leben sie in diesen Strukturen fort. Sie kennen es nicht anders; sie kennen nur die Welt, in der sie aufgewachsen und fest verwurzelt sind. Für sie ist das die ideale Lebensform; sie ist ehrenhaft, rein und traditionell. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, dass sie mich so behandeln, wie sie es für richtig halten. Schließlich denken sie, dass das die beste Art ist, einen Sohn zu erziehen. Meine Eltern lieben mich und meinen es gut mit mir, doch auf eine Art und Weise, die mir schwer zusetzt. Ich komme nicht damit klar, wie sie sich mir gegenüber verhalten und was sie tun und was nicht. Zum Beispiel schnürt sich mir der Hals zu, wenn mir meine Mutter davon erzählt, was sie meiner „Aussteuer“ hinzugefügt hat. (Als Aussteuer bezeichnet man beispielsweise Gegenstände, die mit in die Ehe genommen werden.) Sie tut das aus Liebe zu mir, doch dass ich homosexuell bin und somit eine Ehe nach ihren Vorstellungen nicht in Frage kommt, weiß sie nicht. Es würde ihr das Herz brechen, würde sie davon erfahren, denn sie gibt sich soviel Mühe dabei, mir eine möglichst wundervolle Aussteuer bieten zu können. Mein Vater zum Beispiel träumt davon, dass er eines Tages mal ein Haus besitzen wird, indem er mit meiner Mutter im Dachgeschoss wohnt und ich und mein Bruder die jeweils anderen beiden Stockwerke mit unseren Familien besiedeln. Er malt sich das aus, wieder und wieder, und erklärt mir dann, dass er sich umentschieden hat und sich statt eines Apfelbaumes einen Kirschbaum wünscht. In all diesen Träumen fehlt die Wahrheit, die meine ist. ICH werde nicht in dieses System und auch nicht in die verwirklichten Träume passen, denn ich bin ein Sonderfall, in ihren Augen eine Schande: ich glaube nicht an Gott und bin zudem schwul, verachte das Patriarchat und dessen Konzept und finde keinen Gefallen daran, mich wegen eines Buches in meiner persönlichen Entfaltung einschränken zu müssen. (Wobei mich eher die Kultur und Tradition einschränkt, als der Koran.) Als ich mit 12 oder 13 Jahren für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt wurde, damit die eventuelle Homosexualität aus meinem Gehirn gewaschen wird, habe ich verstanden, dass mich das System nicht als Mitglied haben will, weil ich, wie ich es bin, das System in Frage stelle. Ich hasse meine Familie nicht, doch meine Familie würde mich hassen, wüsste sie die Wahrheit. Denn das System, die Gesellschaft, in der sie leben, schreibt ihnen vor, dass sie mich zu hassen haben. — „Wenn sie sich entscheiden müssen, wenn sie wählen müssen, zwischen dir und der Gesellschaft, sie werden sich nicht für dich entscheiden.“ (Die Fremde) — Ich empfehle JEDEM, der sich auch nur im Ansatz für türkische Familienstrukturen interessiert, sich den Film „Die Fremde“ anzusehen. Dieser Film ist von Anfang bis Ende WAHR, nichts darin ist übertrieben oder abgeschwächt dargestellt. Darin kann man sehr gut sehen, zu was das System fähig ist, wenn es sich in seiner Ehre und Würde bedroht sieht. Seht euch diesen Film an! Er ist der einzige seiner Art, der meine Noch-Wirklichkeit zeigt, wie sie ist. Sicher werdet ihr nicht glauben können, was ihr dort seht, doch ich versichere euch: es stimmt mit der Wahrheit überein und könnte mir genauso passieren wie hunderttausend anderen Türken und Türkinnen auch.


Frage:

Wann wirst du deinen Eltern sagen dass du schwul bist?

Antwort:

Ich habe nicht vor, es meinen Eltern zu sagen. Ich erachte das Outing bei ihnen als sinnlos. Wenn sie es wissen wollen, können sie mich ja fragen, doch von mir aus werde ich nichts sagen. Und solange es sich vermeiden lässt, werde ich mich bei ihnen nicht outen. Meinen zwei besten Freunden hingegen, Jes und Bene, habe ich es gesagt. Ich wollte, dass sie es wissen.


Frage:

Du erachtest das Outing als sinnlos? Oder willst du einfach keine Konfrontation, da ich jetzt mal (basierend auf deinen Erzählung von deiner Familie) glaube, dass sie unschön/aggressiv reagieren würden.

Antwort:

Genau, ich möchte Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, da meine Eltern vorerst sowieso nicht verstehen werden, warum ich so bin, wie ich bin. Ich fühle mich außerdem noch nicht stark genug, um mich bei ihnen outen zu können. Es lässt sich noch vermeiden, also werde ich es vermeiden. Und wenn es ‚rauskommt, müssen sie mich ansprechen. Auf diesen Tag werde ich warten und mir Prügel, Schläge und eventuell auch den Ehrenmord ersparen.


Frage:

Hey, wie sind denn deine Erfahrungen mit flittern auf twitter?

Antwort:

Hihihi. Da fragst du den Richtigen! Ich habe meinen Freund via Twitter kennengelernt. Ich denke, dass man auf Twitter Menschen auf einer besonderen Ebene kennenlernt; auf eine ehrliche, tolle Art. Dadurch, dass die Timeline öffentlich ist und jeder, man selbst und der (potenzielle) Partner, in die Runde spricht, entsteht ein großes Vertrauen zueinander, da man weiß, wie sich welche Person zu Anderen verhält, wie diese und jene Person die Möglichkeiten Twitters nutzt und wozu und so weiter. Auf Twitter kann sich das ganze Spektrum eines Charakters ausbreiten. Man lernt Menschen viel „breiter“, „satter“ und „voller“ kennen. Auch, wenn die Timeline einer großen Party gleicht, jeder vor sich hin brabbelt und viel gechattet und geschrieben wird, geht die Konzentration auf Einzelne nicht verloren. Twitter ist nicht so „laut“ wie eine Party, nicht so „grell“. Twitter ist sanft und süß und lustig, und das sind doch gute Voraussetzungen, um jemanden kennenzulernen!


Frage:

Wusstest du schon vor deiner Beziehung, dass es ein Held sein wird und keine Heldin?

Antwort:

Im Alter von neun Jahren wurde meine Sexualität aktiviert. Es begann eine Zeit, in der Dinge wuchsen und sich Interessen entwickelten, in welcher Hormone in Massen durch meine Adern rauschten. Ich entdeckte meinen Körper und fand recht schnell heraus, was man mit dem Ding zwischen den Beinen so alles machen konnte. Und ich mochte, was man damit machen konnte, denn es bereitete mir Freude. Wie alle Jugendlichen in dem Alter (12 oder so) las auch ich die Bravo und sah mir die nackten Körper in der Dr. Sommer-Rubik an. Doch mit der Zeit interessierte ich mich immer weniger für die Mädchen, denn diese empfand ich bald schon als „langweilig“ und „fremd“. Ich sah mir viel lieber die Jungs an, und wie deren Körper geformt und bestückt war. Mich interessierte, welche äußerlichen Merkmale die Genitalien anderer Jungen hatten, und was sie dazu sagten. Bald wurde mir klar, dass ich mich eher für Jungs als für Mädchen interessierte. Doch das konnte man natürlich keinem sagen, vor allem ich nicht als Sohn, der aus türkischen Hause kommt und in dessen Familie Kultur und Islam eine wichtige Rolle spielen. ‚Ne Zeit lang sagte ich mir selbst, dass ich bisexuell sei, doch das war nur eine Scheinbehauptung, die ich mir aus „Gewissensgründen“ auferlegt hatte. Letztes Jahr habe ich viel nachgedacht und ein paar Updates in meinen Kopf eingespielt. Die größte Neuerung war, dass ich mir eingestehen konnte, dass ich homosexuell bin. Ich wusste also sehr genau, dass es ein Held und keine Heldin sein würde.


Frage:

Wenn du es könntest, würdest du gern unsterblich sein? Begründung.

Antwort:

Ich stelle mir Unsterblichkeit sehr schrecklich vor. Was wäre das für ein trostloses, sinnloses Leben, wenn am Ende keine Pointe, nicht der Tod steht? Ich wüsste nicht, was ich mit all der Zeit und mit all den Möglichkeiten anfangen sollte; das überfordert mich ja jetzt schon! Nein, ich möchte auf gar keinen Fall unsterblich sein. Ich glaube, dass man in der Unsterblichkeit sehr schnell den Sinn für Feinheiten und für das Besondere im Leben verlieren würde. Alles wäre irgendwie bekannt und würde gleich schmecken. Abläufe würden sich ständig wiederholen, eine unendliche Langeweile würde sich in mir ausbreiten. Gerechtigkeit, der Glaube an Wunder, Wissen, all das würde an Bedeutung verlieren. Die KOSTBARKEIT eines Lebens würde verblassen und nur noch dann durchscheinen, wenn man versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Nein, für mich bitte keine Unsterblichkeit.


Frage:

Wenn du dich entscheiden müsstest: aufs Herz hören oder auf den Kopf?

Antwort:

In ihrem Song „İki Gözüm“ verleiht Sezen Aksu den Worten „Gönül ektiğini biçer“ ihre Stimme. Dieser Satz, welcher soviel bedeutet wie „Das Herz erntet, was es zum Einsatz bringt“, ist so endgültig und vollkommen, dass jeder weitere Satz überflüssig erscheint, der versucht zu erklären, dass man auf den Kopf hören sollte.


Frage:

Wie fühlst du dich, wenn du ein “Nein” als Antwort erhältst?

Antwort:

Ich habe schon viele Neins in meinem Leben als Antwort erhalten und bin es mittlerweile gewohnt, damit umzugehen. Doch manchmal trifft mich ein Nein so stark, dass ich für ein paar Stunden unfähig bin, damit umgehen zu können. Das kommt selten vor, ist aber sehr schrecklich für mich, weil ich dann die Kontrolle verliere und zertrümmert bin. Letzte Woche ist mir so ein Nein passiert und ich habe sehr heftig geweint; geweint um alles, was war, hätte sein können und vielleicht nicht sein wird. Jetzt, Tage später, weiß ich, was ich tun muss, um dieses Nein zu kompensieren. Hoffentlich klappt’s. Und falls es nicht klappen sollte: es gibt viele Wege und Alternativen.

Samstag.

29. Mai 2011

Einige der eintreffenden Hochzeitsgäste erblicken meine Mutter und begrüßen sie, reden mit ihr über Dies und Jenes und dann über mich in der dritten Person. „Und, hat er denn schon eine Freundin? Er ist ja schließlich groß gewachsen und bald an der Reihe!“ Ich stehe oder sitze fassungslos daneben und rege mich darüber auf, dass nicht ich, sondern meine Mutter gefragt wird; als ob sie meine Verwaltungs- und Auskunftsstelle und ich ein Mensch wäre, der nicht sprechen kann.
Jeder, der solche Situationen kennt, kann nachvollziehen, wie deprimierend das sein kann. Wie deprimierend es für mich ist. Ich ertrage es nicht, dass meine Mutter Unmengen an Geld in Aussteuer verschwendet und sich ausmalt, wie toll doch meine Hochzeit werden soll, wen sie einladen würde und wen nicht, was sie ihrer Schwiegertochter schenken würde. Denn all das wird es nicht geben. Als Sohn bin ich ein Verlustgeschäft.

Türkische Verlobungen bzw. Hochzeiten funktionieren so: man pinnt dem Paar mit einer Sicherheitsnadel Geld (mindestens 50 Euro, alles darunter ist ein Zeichen dafür, dass man das Paar nicht mag) oder Gold (ein Goldstück von hoher Reinheit, welches mindestens ein Gramm wiegen sollte) an, damit man später, bei der Verlobung bzw. Hochzeit der eigenen Kinder, das Verschenke wieder zurück geschenkt bekommt. Es ist also eine Art Geben und Zurückbekommen, nur dass darüber im wahrsten Sinne des Wortes Buch geführt wird. Auf einem Blatt Papier steht dann zum Beispiel, was man wem in welchem Zusammenhang geschenkt hat.
Die Schenkungszeremonie läuft so ab: die Gäste werden nach ein paar Stunden Tanz, Feiern und Essen dazu aufgefordert, eine Reihe zu bilden und das Paar zu beschenken. Mein Vater als Familienoberhaupt stellt sich also in die Reihe und übergibt das Geschenk, welches dann laut per Mikrophon von einem Mann kommentiert wird. „100 Euro von Familie […].“ Jeder im Saal kann hören, wer was verschenkt. Es findet also eine Art Wettbewerb statt: wer hat wie viel und wer am meisten verschenkt, wer ist zur Zeit gut bei Kasse?

Auf derlei Ereignisse werden aus zwei einfachen Gründen so viele Menschen eingeladen: erstens, damit der Wert und das Ansehen des heiratenden Paares steigt, zweitens, damit die Gäste sehen können, wen sie auf ihre eigene Feierlichkeit einladen sollten.
Natürlich hat man auch Spaß auf so einem Ereignis, doch das ist in meinen Augen nur Fassade. Es geht um die Geschenke, nicht um den Spaß, nicht um die schöne Zeit miteinander, die man haben kann. Für mich ist das Folter.

Unsere und auch die Familie meines Onkels, wir werden so gut wie zu jeder Verlobung bzw. Hochzeit im Umkreis eingeladen, da mein Großvater ein bekannter und geschätzter Mann war. Und natürlich nehmen wir an allen Veranstaltungen teil, damit unsere eigenen gut besucht werden. Deshalb werde ich auch immer mitgeschleift; ich muss nett sein und eine gute Figur machen. Ich soll lernen, wie das alles abläuft, mir die Gesichter und die Bräuche merken.
Doch das will ich nicht, denn ich werde nicht heiraten; zumindest nicht so, wie es sich meine Eltern und auch alle Anderen vorstellen, sollte ich überhaupt jemals heiraten. Ich habe in den letzten zwei Jahren herausgefunden, dass ich auf Männer stehe, und dass sich dieser Zustand weder mit Familie, noch mit der Religion der Familie vereinbaren lässt.

Das ganze Geld und Gold, das meine Eltern in dem Glauben, sie würden es auf meiner Verlobung und Hochzeit wiederbekommen, verschenkt haben und auch weiterhin verschenken werden, all das werden sie nie wieder sehen. Als Sohn werde ich eine große Enttäuschung für Familie und Verwandtschaft sein. Eine Schande, etwas Schlechtes, das es auszurotten und zu vergessen gilt. Meine Eltern werden sich entwürdigt fühlen und verletzt sein, sollten sie je die Wahrheit erfahren. Und das ist das Schlimmste: ich möchte nicht, dass sie meinetwegen leiden, doch einen Ausweg gibt es nicht. Entweder, ich gehe meinen Weg, oder ich gehe den Weg, der mir vorgegeben wird. Welchen Weg ich schon längst eingeschlagen habe, ist mehr als deutlich.

Es ist so unheimlich deprimierend, dass ich diese Folter durchleiden muss, dass ich ständig zu hören bekomme, wie das denn bei mir sein würde, wann ich vorhätte, zu heiraten, wie viele Kinder ich haben möchte, welche Musik auf meiner Hochzeit spielen soll. Das raubt mir alle Kraft und Freude, und es fällt mir schwer, zu lächeln. Manchmal denke ich, dass ich das Lachen verlernt habe.

Ich fühle mich so sehr eingeengt und unter Druck gesetzt, dass ich Angst davor habe, unter all der Last zusammen zu brechen. Was auf mir lastet ist nicht zu ertragen und der einzige Weg in die Freiheit ist, es zu durchleiden. Und mit jedem Wochenende, mit jeder Verlobung und Hochzeit gewinnt die Bürde an Wucht.
Gestern lag ich zehn Minuten weinend auf dem Dachbodens des Gemeindehauses, in welchem die Verlobung eines Verwandten stattfand. Von Unten schlug sich der basslastige Sound der Musik in meinen Schädel und von Oben drückte mich die Welt nieder.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu fühlend bin, ob ich nicht härter werden sollte. Und immer muss ich an diesen Satz denken:

„Man muß härter werden,“ sage ich, und Frau Engel antwortet: „nein, weicher. Weicher.“