Posts Tagged ‘Freundschaft’

Die Ernte.

30. Juli 2013

Einem besten Freund, der in der schwierigsten Zeit meines Lebens für mich da und immer verlässlich war, ging es die letzten Tage nicht gut. Wir schrieben miteinander, ich habe ihm meine Unterstützung zugesichert und gesagt, dass ich für ihn da bin wie er es einst für mich war. Ein paar Tage war ich besorgt und fragte nach seiner Befindlichkeit, es schien aufwärts zu gehen. Gestern hatte ich ein ungutes Gefühl und habe ihn aufgesucht. Er war nicht da. Wir haben uns verabredet und getroffen. Er erzählte mir ausführlich, was passiert war und brach daraufhin und immer wieder in Tränen aus. Währenddessen habe ich ihn getröstet und gehalten; es war das erste Mal, dass er in meiner Gegenwart derart emotional wurde und über seine Gefühle sprach — obwohl wir sehr viel miteinander reden und nah zueinander stehen.

Nach vielen Worten wurde er klarer und es schien ihm besser zu gehen. Es war später Abend als er mein Angebot, in meiner Wohnung zu übernachten, annahm und wir nach Hause gingen.

In der Nacht dachte ich darüber nach, wie ich mich nach meinem Outing fühlte: vollkommen hilflos. Trotz allem Übel hatte ich Menschen an meiner Seite, die mir Unterstützung verschiedenster Art boten: Unterschlupf, Geld, Hilfe bei der Bewältigung von Papierkram, Fahrten in verschiedene Städte zur Klärung der Zukunft, Sachgegenstände und Kleidung, doch vor allem aufmerksame Ohren, zuversichtliche Worte und warmes Herz.

Meine Situation lässt sich objektiv nicht mit der des Freundes vergleichen, subjektiv gab es aber viele Gemeinsamkeiten, hier einige: die Annahme, es könnte keine Besserung geben, keine Auswege, nur schlechte Kompromisse. Erstklassiger Totalschaden.

Für mich war es interessant zu sehen, dass ich nun in einer Stellung bzw. Verfassung bin, Hilfe und Wärme zu geben. Dass ich Liebe spenden kann, wo sie bitter benötigt wird, und eine Schulter zum Anlehnen. Nie hätte ich das für möglich gehalten, dass ich, der kleine, schwache Junge, jemals Hilfe in Not- und Ausnahmesituationen leisten könnte.

Natürlich war das, was dem Freund passiert ist, nicht gut. Dennoch hat es mir gut getan, zu sehen, dass ich stärker geworden bin. Stark genug, um emotionale Extremsituationen abfedern zu können. Ein Hafen auf einer Insel, an der man getrost anlegen kann.

Solche Ereignisse haben ein ungeheuerliches Bindungspotenzial. Freundschaften werden stärker, man steht sich näher und entwickelt ein besseres Verständnis füreinander. Das hatte ich schon oft mit dem Freund erleben dürfen, bisher jedoch auf meine Probleme bezogen.

Es macht mich glücklich zu erkennen, was Freundschaft schaffen kann. Meine Stärke ist das Ergebnis der Wärme der Menschen, die zu mir standen und die an mich glaubten.

(Dem Freund geht es heute besser, seine Probleme scheinen sich tatsächlich zu lichten.)

Advertisements

Geduldsspiel.

4. Januar 2013

Großeinkauf bei ALDI in der Innenstadt, der Wagen ist bis oben hin voll. Endlich bin ich an der Reihe und packe mein Zeug sowie den Pfandbon auf das Band, alles wird schön eingescannt. Mangels Bargeld möchte ich mit Karte zahlen, das Gerät aber sagt: Karte verfallen, denn seit drei Tagen ist 2013. Ist mir in dem Moment sehr peinlich. Ich lasse meine Einkäufe hinter der Kasse stehen und verspreche der Kassiererin, dass ich wieder komme. Ich fahre mit dem Bus nach Hause, tausche alte gegen neue Karte aus, hänge schnell noch die Wäsche auf, führe im Treppenhaus ein Gespräch mit der Nachbarin und fahre mit dem Bus wieder in die Stadt. Im ALDI angekommen gehe ich direkt zur Kassiererin, die mich verwundert ansieht und sagt, ich solle kurz warten, bis sie fertig mit dem aktuellen Kunden ist, danach sei die Kasse geschlossen. Der Kunde ist fort, ich bin an der Reihe. Die Kassiererin versucht den Bon über meine Einkäufe zu stornieren, das klappt aber nicht. Sie klingelt und eine Frau in blau kommt angelaufen und sagt, ich solle mit zu einer anderen Kasse und meine Einkäufe dort noch einmal auf das Band legen. Auch sie versucht den Bon von vor einer Stunde zu stornieren. Sie vermutet, dass einer Stornierung wohl deshalb nicht statt gegeben wird, weil Pfand auf dem Bon ist. Weitere Kunden haben bereits hinter mir eine Schlange gebildet. Sie klingelt und ein großer Mann im Anzug kommt angelaufen und sagt, ich solle die Sachen wieder in den Wagen packen und warten, er müsse jetzt an einer anderen Kasse Diebstahl aufklären. Ich packe mein Zeug ein und stelle mich in eine Ecke und beobachte mit der Frau in blau, wie der Mann ein wirklich sehr verdächtig aussehendes Ehepaar beim Klauen ertappt. Die Frau in blau sagt, dass es nun noch länger dauern würde. Ich sage: Kein Problem, ich habe Zeit. Frau in blau und Mann im Anzug verschwinden mit dem Junkie-Ehepaar im Laden. Ich lächle die Kassiererin an, sie sagt: Heute ist wirklich alles verrückt! Wenige Minuten später kommt die Polizei und verschwindet auch im Laden. In der Schlange steht nun ein Junge meines Alters, verdammt sieht er freundlich aus! Moment, den habe ich mal im Bus gesehen; er ist mir damals schon aufgefallen. Auch er versucht zu bezahlen, jedoch: Karte verfallen. Die Kassiererin lacht und sagt: Kann doch nicht wahr sein! Das hatten wir noch nie! Ich lache ebenfalls, aus anderen Gründen, aber leider hat der Junge genug Bargeld bei sich und muss nicht mit mir in der Ecke warten. Wir werden keine Freunde und ich sehe wieder einen Menschen davon ziehen, den ich gerne kennengelernt hätte. Kurz darauf kommt die Frau in blau und versucht noch einmal den Bon zu stornieren, klappt auch diesmal nicht. Ich schlage vor, Bargeld zu holen, damit die Differenz in der Kasse ausgeglichen ist. Beide Frauen fassen sich an die Stirn. Ich gehe zur Bank und laufe zurück zum ALDI und möchte bezahlen, jedoch ist der Kassenzettel nicht aufzufinden und noch einmal alles auf das Band zu legen würde die Differenz nicht ausgleichen. Die Kassiererin klingelt und die Frau in blau kommt angelaufen und sagt eine Summe. Ich bezahle und bedanke mich für die Umstände und die Frau in blau sagt, dass sei gut so gewesen, denn nun könnten sie einen Fehler im Kassensystem melden. Die Kassiererin lächelt mich an: „Hätte nicht gedacht, dass Sie wieder kommen. Die meisten Leute lassen ihre Einkäufe stehen und wir dürfen das alles dann wieder einräumen. Aber so sehen Sie auch nicht aus.“ Ich bedanke mich: „Freut mich, dass ich nicht so aussehe. Ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, noch einmal einkaufen zu gehen, aber ich wollte auch nicht, dass irgendwer die Sachen wieder einräumen muss.“ Wir lächeln uns an.

Im Nachhinein bewundere ich meine Geduld in der ganzen Sache. Ich habe über eine halbe Stunde in einer Ecke gewartet und war weder frustriert noch wütend darüber, im Gegenteil: es hatte sogar etwas Beruhigendes, die Menschen und ihre Einkäufe an mir vorbei rauschen zu sehen, zudem hatte mein Abend mal einen anderen Inhalt. Sicherlich hat es mir gut getan, nicht den immer gleichen Gedanken in meinem Kopf nachzuhängen, sondern einfach mal die Umgebung zu beobachten.

Vermutlich hätten Freunde den selben Effekt.

19:41.

30. Oktober 2012

Wir sind in einem Kaufhaus. Die Jacken und Mäntel, die er mir zum Anprobieren ausgesucht hat, sind zu groß oder zu lang für meinen zierlichen Körper, und auch die Verkäuferin konnte mir kein passendes Kleidungsstück reichen. Ich probiere einen Mantel an, den ich selbst ausgesucht habe und von dem ich glaube, dass er zu mir passen könnte. „Wow, steht dir wirklich gut!“, sagt er. „Hätte ich jetzt nicht gedacht.“ Die Verkäuferin mustert mich und sagt schließlich: „Steht ihm ausgezeichnet! Da sieht man mal wieder: Kinder haben meistens einen anderen Geschmack als die Eltern.“ Ich blicke ihn an und wir müssen beide plötzlich lachen. Ich kann ihm aber nur kurz in die Augen sehen; ich schaue zu Boden, bin verlegen und traurig über diesen Moment, doch ich lächle, um es zu überspielen.

Im Laufe des Tages lachen wir mehrmals über diese Situation, denn er ist nicht mein Vater, er ist mein Freund. „Dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. Aber du könntest natürlich mein Adoptivkind sein, oder ich dein Stiefvater.“ Er macht kurz Pause und sagt leise: „So jemanden suchst du doch auch, nicht wahr?“ – „Einen Daddy? Nein, also das wäre nichts für mich…“ – „Das meinte ich nicht. Jemanden, der sich um dich kümmert.“ – „Ah, ich verstehe. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern, aber es wäre schön, wenn da jemand wäre. Jemand, der ‚da‘ ist für mich, der Vertrauen, Sicherheit und vor allem Ruhe ausstrahlt, alles andere ist variabel. Ich mache das nicht am Alter fest, nur scheint es niemanden in meinem Alter zu geben, der das bieten kann… Es ist auch unmöglich, all das mit zwanzig schon zu haben. Muss man sich ja erst aufbauen, indem man reifer wird.“

Der Tag verstreicht, die negativen Gefühle der letzten Wochen spielen nur noch eine Nebenrolle, wir werden wieder zärtlicher zueinander, doch immer noch können wir uns nicht küssen. Nach einem unerwartet schönen Abend sitzt er am Rand meines Bettes. Wir sprechen über unsere Beziehung und ob und wie es weitergehen sollte, inwiefern es überhaupt weitergehen kann mit uns. Ich frage ihn: „Du hast einmal gesagt, selbst wenn es deinen Partner nicht geben würde, wäre ich nicht die zweite Wahl. Was bedeutet das?“ Er atmet tief ein und sagt mit brüchiger Stimme: „Du wirst die Antwort nicht verstehen, aber bitte glaube mir, ich kenne sie.“ – „Bitte sag‘ sie mir trotzdem.“ Er sieht lange zu Boden, Tränen laufen ihm über das Gesicht. „Weil du gehen wirst.“ – „Nein, ich…“ – „Ich weiß, das ist wieder so ein blöder Satz, aber du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Ich habe es selbst erlebt. Du bist noch so jung, gerade erst in’s Berufsleben eingestiegen; wenn du nur wüsstest, was das mit einem macht! Du hast noch so viel vor dir, ein ganzes Leben! Vor zwanzig Jahren war ich ein vollkommen anderer Mensch. Ich bin so froh, diese ganze Scheiße nicht noch einmal durchmachen zu müssen, dieses ganze Leid.“ Ich höre zu, kann nichts antworten. Nach einer kurzen Pause sagt er leise: „Schau‘ mal, die Sache heute im Kaufhaus: so würde es immer sein. Hat mich so sehr getroffen, dass ich in dem Moment überlegt habe zu gehen. Stattdessen habe ich versucht es mit Humor zu nehmen.“ – „Ich weiß, wir haben so sehr darüber gelacht, weil es so tragisch war. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Es tut mir so leid.“ Ich drücke ihn an meine Brust und streichle ihm über den Kopf, wir weinen beide. Im Hintergrund läuft Die Nacht, sein zweites von insgesamt sieben Mixtapes für mich. Ich atme in seinen Nacken und spüre seinen Herzschlag. Ich flüstere die drei Worte in sein Ohr, die ich ihm seit Wochen nicht schreiben konnte, und sage: „Du bist so perfekt. Ich werde nie wieder jemanden treffen, der so ist wie du. Es ist unmöglich.“ Er schaut auf zu mir, die Augen gerötet. Ich werde niemals jemanden treffen, der solch blaue Augen hat, denke ich, mit weißen Ringen darin, von denen du sagst, ich hätte sie entdeckt. Alle nach dir werden sich an dir messen müssen, du wirst unerreichbar sein, weil du genau das für mich bist. Er antwortet: „Ja, du hast leider Recht. Du wirst viele Menschen kennenlernen, aber niemals jemanden wie mich. Ich weiß es doch selbst. Noch heute, zwanzig Jahre später, tut es weh, wenn ich meiner ersten großen Liebe begegne. Du weißt, vor drei Wochen habe ich ihn getroffen, nach Jahren wieder. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen… Ich verstehe dich und ich weiß: alles, was ich sage, macht es weder einfacher, noch besser für dich. Es hilft nicht weiter. Nicht dir, nicht mir. Du wirst es verstehen, wenn du so alt bist wie ich.“

In der Nacht küssen wir uns, wie habe ich seine Lippen vermisst, wir lächeln uns an. Ich flüstere, die Trauer auf meinen Lippen: „Ich habe die Liebe meines Lebens verloren, aber nicht dich.“ Ich schlafe in seinen Armen ein und träume von einem Kaufhaus, in dem es anscheinend alles zu haben gibt, was ich mir wünsche. Ich schaue mich um und erkenne viele Träume und Ziele wieder, doch was ich mir am meisten wünsche gibt es dort nicht. Ich verlasse den Laden mit leeren Händen.

Jim Croce: Photographs And Memories.

Ist mir wichtig.

26. September 2012

Das Konzert ist vorbei, der Abend war großartig, die Nacht voller Worte und Zuneigung; jetzt putzen wir uns die Zähne. Das haben wir noch nie gemacht, du und ich. Ich sage: „Bei Menschen, die mir egal sind, traue ich mich eher, sie Dinge zu fragen, die zu nah gehen könnten, denn ich habe nichts zu verlieren. Bei Menschen, die mir wichtig sind, muss ich mich sehr überwinden, denn hier habe ich viel zu verlieren; gleichzeitig gewinne ich dazu.“ Und ich traue mich und frage dich: Wollen wir heute in einem Bett schlafen?

Ich habe dich in den Schlaf gefaselt, das merke ich an deiner Atmung und darüber muss ich lachen. Ich liege noch lange wach, kann nicht einschlafen, so viele Gedanken in meinem Kopf, so viele Sätze und Sorgen. Aber es ist schön, neben dir zu liegen und zu wissen: Das ist die engste Freundschaft, die es geben kann. Vertrauen und Geborgenheit, Spaß und Tiefe, alles ist da. Wir liegen hier beide nackt und es ist kein Problem, nicht anzüglich, nicht sexuell. Wir schlafen in einem Bett, wie es am gemütlichsten ist.

In der Nacht habe einen Traum. Mein Onkel schlägt mich mit meinem Gürtel, dem aus Stoff mit dem Metallende. Ich sehe aus der Extrospektive wie ich geschlagen werde und kann meine Gedanken hören. Es tut mir im Traum nicht weh, ich höre mich denken: „Es hört bald auf und dann ist sein Frust fort und er glaubt, mir weh getan zu haben. Gleich ist es vorbei, gleich ist es vorbei.“ Dann wache ich auf, bin total erschrocken, aufgewühlt und verschwitzt. Ich weine ein wenig, bis ich begreife, wo ich bin: neben dir. Das schlechte Gefühl ist sofort weg, ich höre auf zu weinen. Ich weiß, ich bin sicher. Hier kann mir nichts passieren.

Manchmal habe ich ein Gefühl, ich nenne es meine kleine Schachtel. Das kommt immer dann zu mir, wenn ich mich sehr sicher und geborgen fühle; wie in Watte gepackt. Ich mag die Vorstellung, dass ich in einem weich gefütterten Sarg liege; und jetzt musst du sicher lachen, denn genau so fühle ich mich, wenn ich neben dir liege. Danke, mein Marcus.

Amsterdam.

27. April 2012

Zusammen mit anderen Freiwilligendienstleistenden bin ich für eine Woche nach Amsterdam gefahren. Die Stadt hat mir äußerst gut gefallen: klein, dicht bevölkert, großes Angebot an Kunst und Kultur. Die Grachten und diese seltsam-schief aneinander gereihten, niedlichen Häuser, das viele Grün und die Fahrräder überall, die Beleuchtung bei Nacht: wunderschön. Eine durch und durch tolle Stadt, die man gesehen haben sollte.

Am Montag, dem Tag der Anreise, habe ich morgens noch überlegt, ob ich nicht einfach im Bett liegen bleiben und mich später krank melden soll, nachdem der Reisebus auf jeden Fall schon unterwegs ist. Ich wusste genau, was mich erwarten würde: eine Woche unter mehr oder minder Gleichaltrigen, für die ich unsichtbar bin und mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation war größer als die Freude auf eine erlebnisreiche Woche in einer Weltstadt. Ich wollte viel lieber arbeiten. Das alte Nähe/Distanz-Problem. Doch wie es bei mir immer so ist, bin ich letztlich doch aufgestanden, denn das Auslandsdatenpaket war schon gebucht und der Koffer bereits gepackt, und auf Ausräumen und Stornieren hatte ich keine Lust. Form follows function.

Nun saßen wir also im Reisebus und fuhren nach Amsterdam. (Etwa 150 Personen, zwei Reisebusse.) Dort angekommen hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr auf die anderen Mitreisenden. Immerhin durfte ich mir die Menschen aussuchen, mit denen ich mein Zimmer teilen sollte; das war gut. Als Gruppe von etwa zwanzig Personen, die ich alle nicht kannte, haben wir uns am späten Nachmittag aufgemacht und die Stadt erkundet, sprich: die Anderen haben einen Supermarkt gesucht, in dem man Alkohol kaufen konnte, und danach einen Coffeeshop, in dem man Zeug rauchen konnte. „Na super…“, dachte ich und habe mich aus dem Staub gemacht, um allein die Stadt kennenzulernen.

Ich bin durch die Straßen Amsterdams gelaufen, über die vielen Brücken und Grachten und habe mich genau umgesehen. Überall tolle Architektur, an jeder Ecke etwas, das ich interessant oder schön anzusehen fand. Und dann wurde es auch schon dunkel, und ich wurde melancholisch.

Ich habe viel über unglückliche Dinge und über mich nachgedacht, als ich alleine durch die Nacht ging, meinen ganz eigenen Stadtrundgang im Dunkeln machte. Ich wollte nicht mit den Anderen sein, ich wollte mir die Reise nicht mit Alkohol und Drogen verderben, doch allein sein wollte ich auch nicht. Also machte ich mir Gedanken. Ich habe an meine gescheiterte Beziehung gedacht, ich dachte an Freunde, die mir nach wie vor fehlen, an meine Eltern, die mir fern sind, an die Familie, die mir immer fremder wird. Ich dachte daran, wie ich mir alles anders vorgestellt hatte. Und zu guter Letzt dachte ich, dass ich einsam bin, dass ich niemanden habe, der mich begleitet auf meinem Weg. Ich stand allein auf einer Brücke über der Amstel, der Wind war kalt, das Wasser unter mir rauschte nur so vorbei. Ich sah den Fluss hinauf und hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als in der Ferne ein Schiff aufleuchtete, in schillernden Farben, ganz bunt. Es kam immer näher auf mich zu, es war farbenfroh und irgendwie niedlich, weil es bei näherer Betrachtung doch nicht so groß zu sein schien wie ich vermutet hatte. Es fuhr vorbei und nahm all meine dunklen Gedanken mit sich. Und zurück blieb etwas wie Glück in meinem Herzen, eine tiefe Zufriedenheit, ein starkes Selbstbewusstsein. Fortan dachte ich an die guten Dinge in meinem Leben, an den Mann, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, an seine Augen, seine starke Seele. An die vielen Menschen, die bei mir sind, auch wenn ich sie nicht oder selten sehe. Ich dachte an das vergangene Wochenende, den Geburtstag meines Vaters und meinen Überraschungsbesuch, den Abschied am Bahnhof, das Herzklopfen in Stuttgart, die Umarmung in Frankfurt, das Gewitter auf dem Maintower, das ich mit einem besonderen Menschen erleben durfte, hautnah. Ich dachte an meinen Lieblingsmitbewohner und seine Freundin, an die verkuppelten Fahrräder vor dem Fenster, an die Kinder, an meine Eltern, die mich lieben, an meine teuren Freunde, die da sind für mich, die mich anrufen, anschreiben, sich mit mir treffen, mit mir reden. Ich dachte an mich und welch‘ Glück ich doch habe, und dass ich glücklich sein sollte. Und ich war es, ich war glücklich auf dieser Brücke, in dieser Nacht, in der ich mich einsam fühlte. Ich ging durch Amsterdam und lächelte. Ich bin allein gewesen, aber ganz sicher nicht einsam. Ich habe Liebe im Herzen, Träume für die Zukunft, Ziele in Nah und Fern. Ich bin nicht einsam, ich bin höchstens etwas verwirrt und gerade dabei, erwachsen zu werden. Alles gut.

Morgen mehr.

Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

Hoch oben.

24. Dezember 2011

Wir befinden uns tausend Meter oberhalb des Meeresspiegels, der Schnee vor der Glasfront ist um weitere zehn Zentimeter gewachsen und das Wasser im Becken hat eine Temperatur von dreiunddreißig Grad Celsius erreicht. Es ist zwei Stunden nach Mitternacht und wir sind ganz allein in einem Hallenbad auf den Bergen. Niemand ahnt, dass wir dort sind und unerlaubterweise Tore und Türen aufgeschlossen, das Licht eingeschaltet und Musik eingelegt haben. Keiner kann uns sehen, denn wir sind die einzigen Menschen im ganzen Feriendorf. Nur der Schnee draußen, der groß angesagte Sturm — nur er allein kennt unser Geheimnis.

„Spring!“ ruft Bene und ich sehe zu ihm hinab in das himmelblaue Wasser, das fünf Meter unter mir Wellen schlägt. „Spring!“ sagt er und winkt mit den Armen. „Ist tief genug, vertrau‘ mir!“ Ich habe schon Schlimmeres überlebt und bin weitaus tiefer gefallen, denke ich und springe vom Balkon des zweiten Stockwerkes, weil es keinen Sprungturm gibt. Ich tauche kerzengerade in das Wasser ein und berühre mit den Händen den Boden, tauche schnell wieder auf und schwimme zur blauen Matte, an der sich Bene fest hält. Ich sage lächelnd „Wow!“ und wir schauen uns lange in die Augen, treiben wortlos mit der Matte im Wasser umher, das nach meinem Sprung wieder zur Ruhe gekommen ist.

Wir sprechen nicht viel, wir lächeln die meiste Zeit und geben einander Halt. Wir lassen nicht los, gehen nicht unter, stehen aber auch nicht still, bleiben immer in Bewegung. Irgendwie glücklich und dennoch rastlos treiben wir durch das Wasser. Wir halten fest an unserer seltsamen und seltenen Freundschaft und singen beide fehlerfrei den Text zu „Mad World“ mit, während der Schneesturm die Welt außerhalb der Glaskuppel unter sich begräbt.

Wir sind beide noch auf der Suche nach Antworten, für die es keine Fragen gibt, denke ich und flüstere: „Going nowhere, going nowhere.“ Aber hier kann uns nichts passieren, hier sind wir sicher. Hier gibt es weder Furcht, noch Reue, Probleme oder Sorgen. Hier gibt es keine „Anderen“, weil sie hier und jetzt vollkommen unwichtig sind. Hier gibt es nur diesen Moment und dich und mich. Und nur das zählt. Das allein.

Kurz vor Tagesanbruch — Die Haut an uns beiden ist vollkommen faltig und verschrumpelt, und wir sehen ein bisschen aus, als wären wir soeben zur Welt gekommen — steigen wir aus dem Wasser, verwischen all unsere Spuren und verlassen das Hallenbad. Wir kämpfen uns durch den meterhohen Schnee zur Wohnung hindurch und tragen dabei lediglich Badehose und Badeschlappen, sind im Grunde nackt, weil wir Stunden zuvor nicht mit derartig krassem Schneefall gerechnet haben und des drolligen Gefühls wegen nur mit Badehose bekleidet ‚rübergelaufen sind.

„Schlaf‘ gut!“ sagt Bene später im Bett und dreht sich auf den Bauch. „Gute Nacht!“ sage ich und denke: Danke, dass es dich gibt! Danke für die tollen Tage und den Urlaub mit dir. Was für ein Glück, dass ich dich kenne und bei dir sein kann! Schlaf‘ gut, Bene, mein bester Freund.

Skarlet.

14. Dezember 2011

Eine Freundin aus der Heimat befindet sich derzeit in der Psychiatrie. Wir sind sehr gut befreundet, sie liegt mir sehr am Herzen, und dennoch haben wir in den letzten Monaten kaum voneinander gehört. An dem Tag, an welchem ich das Haus meiner Eltern verlassen und mich für ein neues Leben entschieden habe, war sie für meine Familie da und hat abends während des ersten aufklärenden Telefonats zwischen mir und meiner Familie vermittelt. Monate später haben wir einen ganzen Tag damit verbracht, auf einer Parkbank im Nirgendwo zu sitzen und miteinander zu reden. Diesen Tag zähle ich zu den schönsten und wichtigsten meines Lebens.

Nun, Skarlet habe ich zuletzt vor meinem Umzug nach Kassel gesehen, zwei flüchtige Stunden am Morgen. Dabei erzählte sie mir, dass es ihr nicht gut ginge, sie sich traurig fühle und keine Lust mehr auf ihr derzeitiges Leben habe. Sie bewundere die Kraft, mit der ich alles schultere, und sie sei auf der Suche nach psychologischer Hilfe, habe sogar schon die fünf von der Krankenkasse bewilligten Erstgespräche bei fünf verschiedenen Stellen verbraucht. Jemanden gefunden, bei dem sie sich wohl fühlen konnte und der ihr vielleicht hätte weiterhelfen können, habe sie nicht.

Ich wohne nun seit vielen Wochen in Kassel, und in dieser Zeit habe ich nichts von Skarlet gehört; mich bei ihr gemeldet habe ich aber auch nicht. Dann klingelt an einem Sonntag mein Handy und es ist Skarlet. Sie sagt, dass sie nur ganz kurz mit mir reden kann, und fragt mich, wie es mir geht. Ich antworte und frage, weshalb sie so traurig klingt. „Meine Hausärztin hat mich in die Psychiatrie eingewiesen“, sagt sie. „Ich hatte einen Zusammenbruch und seitdem bin ich hier. Bekomme Medikamente, darf einmal pro Woche mit einer Psychologin reden. Was ich bescheuert finde, aber das hier ist im Moment besser als mein Leben.“ Das Telefonat dauert keine drei Minuten und endet damit, dass Skarlet sich panisch verabschiedet und auflegt, und dass ich den Tränen nahe und ziemlich verwirrt bin.

Nach zwei Wochen Funkstille schreibe ich ihr eine SMS.

Hey Skarlet, ich weiß nicht, ob ich mich derzeit einfach so bei dir melden kann. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich denke oft an dich und würde mich sehr freuen, von dir zu hören. Aber fühl‘ dich nicht verpflichtet. Ich will nur, dass du weißt, dass du dich immer bei mir melden kannst. Pass‘ auf dich auf. Dein Attila.

Keine Antwort. Heute habe ich dann der Mutter geschrieben:

Hallo, hier ist Attila. Ich erreiche Skarlet schon seit einer Woche nicht, geht es ihr gut? Darf ich sie am Freitag in der Klinik besuchen? Grüße aus Kassel!

Wenige Minuten später schreibt die Mutter zurück.

Es geht ihr schlecht. Sie will auch keine Besuche. Uns antwortet sie auch selten, sie hat mich heute auch wieder weggeschickt. Nimms nicht persönlich, sie ist total durch den Wind und ist mit allem überfordert. Echt heftig! Ich glaube sie braucht einfach jetzt Zeit für sich. LG

Ich mache mir große Sorgen, weiß so gut wie nichts und frage mich, ob ich Skarlet nicht trotzdem besuchen sollte. Ob sie sich freuen würde, mich wieder zu sehen, ob ich eine Stütze für sie und keine Belastung wäre.

Ich werde zwei Tage in Baden-Württemberg sein, muss Fingerabdrücke abgeben, damit ein neuer Ausweis ausgestellt werden kann. Und am Freitag würde ich Skarlet gerne besuchen. Denn eigentlich beunruhigt es mich, dass ich in der letzten Zeit nicht für sie da sein konnte, dass ich auch in den nächsten Jahren kaum in BW sein werde. Wenn ich sie jetzt nicht besuche, oder es nicht versuche, würde ich mich noch schlechter fühlen, als ohnehin schon. Es ist nicht Pflichtbewusstsein oder ein schlechtes Gewissen, das mich treibt. Ich möchte sie nur nicht noch mehr hängen lassen.

Was ist euer Rat?

Liebe Sue.

18. November 2011

Erst einmal möchte ich mich für die verspätete Antwort entschuldigen. Seit dem 10. November hat sich viel ereignet, und es fühlt sich für mich an, als ob sich in dieser einen Woche mein Leben mehrmals geändert hätte. Nicht mein Leben selbst, sondern die Möglichkeiten und Aussichten meines Lebens. Ich habe, nachdem du mir geschrieben hast, die Psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht und mir dort helfen lassen. Deine Nachricht hat etwas in mir ausgelöst, sie hat den Eispanzer gesprengt, den ich dem Anschein nach in mir hatte. Einen Tag später habe ich zusammen mit Marcus beschlossen, dass ich wieder zu ihm ziehe. Dem Vermieter/Mitbewohner in der Übergangs-WG habe ich erklärt, dass ich nicht mit der selbst auferlegten Einsamkeit und dem neuen Leben klar komme, und dass die WG für mich kein Zuhause darstellt, dass ich mich dort unwohl fühle. Dass das Wasser, in das ich gesprungen bin, doch zu kalt für mich ist, und ich Unterstützung von Freunden brauche und nur einen Freund in Kassel habe. Also habe ich gekündigt, eine Woche nach meinem Einzug. Im Laufe der Woche habe ich mir ein Bewerbungsgespräch für einen neuen Job erarbeitet — das lief sehr gut und vielleicht komme ich in die Psychiatrie oder in’s Krankenhaus. Die nächsten Tage, Wochen und Aktionen habe ich auch schon geplant. Du siehst, in dieser einen Woche gab es kaum Freiraum in meinem Kopf. Es ist so vieles passiert, und deshalb schreibe ich dir erst heute.

Ich möchte mich bei dir bedanken. Deine Nachricht war nicht direkt der Auslöser für meinen Nervenzusammenbruch, aber der entscheidende Schubser. Das habe ich sehr gebraucht, denn plötzlich konnte ich klar denken und in meinem Kopf hat sich alles auf das Wesentliche reduziert. Ich wusste genau, was mich an der aktuellen Situation stört und was ich ändern muss, damit es mir wieder besser gehen kann. Ich konnte im Nachhinein sogar lächelnd einschlafen. An den Ereignissen der letzten Woche spielst du also eine Schlüsselrolle. Dafür danke ich dir.

Was das Freunde finden angeht: mittlerweile habe ich mich mit einigen Menschen getroffen, und das Einsamkeitsgefühl ist nicht mehr so stark. Ich habe meinen Freunden „aus der Heimat“ geschrieben und sie angerufen, habe mir sogar überlegt, dass ich jedem meiner besten Freunde eine Postkarte schreiben werde, dessen Bild ich selbst fotografiere. Auch meinen Lieblingslehrern werde ich so eine Postkarte machen. Mit dem anderen Bundesfreiwilligendienst-Leistenden habe ich mich auch schon angefreundet und wir verstehen uns gut. Ich war sogar schon bei ihm zu Hause und nächste Woche möchte er mich ein paar seiner Freunde vorstellen. Es geht also voran.

Der Auszug aus der WG in ein Zuhause, dass ich bei Marcus sehe, ist die beste Entscheidung, die ich in dieser Woche getroffen habe. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit bei ihm und das trägt mich durch die Tage. Ich habe unterschätzt, wie unermesslich wichtig es ist, sich zu Hause zu fühlen an dem Ort, an dem man wohnt. Das ist tatsächlich die Grundlage für fast alles andere und ich kann nur darüber lächeln, wie achtlos ich mit dieser Tatsache umgegangen bin. Aber jetzt weiß ich es besser, jetzt hab‘ ich’s gelernt und mache es richtig. Wohlfühlen geht vor Pflichtbewusstsein.

Manchmal aber habe ich noch das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Vielleicht hätte ich den Jungen da drüben und das Mädchen dort hinten doch ansprechen sollen, vielleicht hätten wir uns gut verstanden und wären Freunde geworden. Vielleicht hätte ich das Leben eines Jemanden bereichert, und mir gleichzeitig das Leben gerettet. Vielleicht. Dieses Wort spüre ich dieser Tage so oft auf der Zunge. Das wird sich auch nicht so schnell wieder schlucken lassen, dafür ist es viel zu früh. Ich werde es mit mir tragen müssen und versuchen, es nicht auszusprechen, indem ich dagegen vorgehe und handle. Wenn ich mir denke „Oh, der sieht aber nett aus!“ werde ich nicht erst überlegen, ob ich ihn ansprechen soll. Ich werde es einfach machen. Auch wenn ich scheitern sollte, wird es kein „Vielleicht…“ und auch kein „Hätte ich doch…“ geben. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann nur noch gewinnen.

Und noch ein Dankeschön für diesen Song. Hat mir in den Momenten, in denen ich Ruhe gebraucht habe, sehr geholfen.

Mach’s gut und bis dann,

dein Hearty.

Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: „Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!“ Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt „Natürlich!“ und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: „Gönül ektiğini biçiyor.“

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

„Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön“, sagt sie. „Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.“

https://twitter.com/#!/harveypuca/status/134439615099707392

In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: „Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?“ Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: „Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!“ Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.

Bester Freund.

6. Oktober 2011

Ich verlasse den Bahnhof und gehe die Straße in Richtung Ortskern entlang, bis ich weit in der Ferne die Gestalt von Bene erkennen kann. Das Wetter ist gut, es ist windig-warm und ich bereue es, eine dicke Jacke angezogen zu haben. Mein Herz schlägt mit jedem Schritt wilder, und als Bene vor mir steht, sprechen wir kein Wort und nehmen uns in den Arm. Es ist eine gute und ehrliche Umarmung. Ich merke an seinem Herzschlag, dass auch er aufgeregt ist: wir haben uns wirklich vermisst. Er sagt, dass ich gut und gesund aussehe. Ich lobe die Entspannung in seinem Gesicht und frage, ob er in den letzten zwei Monaten gewachsen ist. Ich komme mir plötzlich klein vor, fühle mich aber sehr wohl dabei, weil es Bene ist. Wir lachen beide wegen unserer eigenartigen Komplimente und gehen zu ihm nach Hause.

Bene wohnt noch bei seinen Eltern in einem tollen Fachwerkhaus. In seinem Zimmer reiche ich ihm sein Geburtstagsgeschenk, leider mit einem Monat Verspätung. Er liest aufmerksam den Brief, den ich ihm geschrieben habe, und lächelt. Es ist ein ehrliches Lächeln. Mit einem Ruck reißt er die Geschenkverpackung auf und legt das Game in die Konsole ein, um Einstellungen vorzunehmen und sich einen Überblick zu verschaffen. Dann gibt es Abendessen. Die Eltern und die drei Geschwister von Bene sind angenehm und wir verstehen uns. Das Essen schmeckt hervorragend und die Gespräche am Tisch sind lebendig. In seinem Zimmer schauen wir uns den Film an, den ich mitgebracht habe. Exam. Gefällt ihm sehr gut. Wir schalten die Xbox ein und spielen knapp drei Stunden lang sein Geschenk — Alan Wake —, und sind beide vollends begeistert. Die Spielatmosphäre ist düster und dunkel, und die Story beschert uns alle paar Minuten eine heftige Gänsehaut. Wir erschrecken uns an denselben Stellen und blicken uns dann aus den Augenwinkeln an, lachen darüber und spielen weiter. Kurz nach Mitternacht gehen wir schlafen.

Doch anstatt zu schlafen, reden wir. Ich erzähle ihm alles ganz ausführlich, die ganze Geschichte von Anfang an bis zu meiner Ankunft bei ihm. So umfassend habe ich bisher noch niemandem erzählt, was sich alles weshalb ereignet hat in den letzten Wochen. Bene hört aufmerksam zu und ist interessiert, stellt wichtige Fragen an den richtigen Stellen und sagt dann irgendwann, dass das alles drehbuchreif ist. Ich scherze: Dir ist aber klar, dass du bis dahin deine Theaterausbildung vollendet haben musst!? Ich bestehe darauf, dass du dich selbst spielst! Irgendwann nicken wir ein, sicher ist es schon nach zwei Uhr. Ich genieße es, dass Bene mein bester Freund ist und schlafe zufrieden ein.

In Heidelberg angekommen empfängt uns Jes und ist erst zögerlich und gereizt, aber schon nach fünf Minuten ist sie dieselbe Jes, wie wir sie kennen und lieben. Wir verbringen den Tag mit guten Dingen und gehen dann schlafen. Jes schläft in ihrem Bett und ich teile mir mit Bene ihre Ausziehcouch. Der Platz ist knapp, wir liegen unweigerlich nah beieinander. Nachts wache ich auf und merke, dass sich Bene an mich gekuschelt hat. Er liegt halb unter meiner und halb unter seiner Decke. Sein linker Arm hängt schlaff an mir herab und ich kann seine Atmung in meinem Nacken spüren. Ich lächle im ersten Moment, weil ich denke, dass es mein Held ist, realisiere aber dann, wo und bei wem ich bin. Ich empfinde Benes Umarmung als angenehm und irgendwie süß, habe aber das Gefühl, dass es falsch ist, so zu empfinden. Einerseits scheine ich diese Nähe zu brauchen, andererseits bekomme ich sie von der falschen Person. Ich denke kurz darüber nach, ob ich mich bewegen und seinen Arm woanders hinlegen soll, entscheide mich aber dagegen, weil ich Bene nicht aufwecken will und es ihm sicher peinlich wäre. Ich weiß nicht so recht, ob mein Verhalten nun richtig oder falsch ist, und schlafe grübelnd, aber dennoch zufrieden ein.

Dieses Ereignis verfolgt mich ein paar Tage lang, und ich denke viel darüber nach. Dass mich Bene — wenn auch versehentlich und im Schlaf — umarmt und mir somit Nähe, Sicherheit und Vertrauen vermittelt hat, ist etwas Gutes. Es gibt nichts Schlechtes daran, und auch dass ich das als angenehm empfunden habe, ist okay und normal. Nähe ist Nähe. Und ich freue mich so sehr, nach langer Suche sagen zu können, dass ich einen besten Freund gefunden habe, bei dem ich mich richtig gut und wohl fühle. Einen besten Freund, der Sicherheit und Nähe ausstrahlt und mich mag, wie ich bin. Das ist toll und macht mich glücklich.

Mittlerweile habe ich Bene von der Umarmung erzählt. Es war ihm etwas unangenehm, aber er sagte, dass er das gerne gemacht hat, auch wenn er nichts davon gemerkt hat. Kannst du immer bei mir haben!

Nächste Woche zieht Bene in ein kleines Feriendorf, um dort sein freiwilliges soziales Jahr anzutreten. Jes und ich, wir werden ihn bei Gelegenheit mal besuchen und ein paar Tage bei ihm übernachten. Ist ja schließlich ein Feriendorf! Und bald darauf sind die Beiden zu Gast in meiner WG. Ich male mir jetzt schon aus, was wir gemeinsam unternehmen, wohin wir fahren und abhängen könnten; was ich den Beiden kochen werde, und was ich dafür noch lernen und einkaufen muss. Ich denke viel über dieses Treffen nach, das vielleicht erst im Frühling nächsten Jahres oder sogar noch später stattfinden wird. Und es bereitet mir Freude, auf Wolken zu schweben, deren Zukunft allein in meinen Händen liegt.

Verpflegung inklusive.

29. Mai 2011

Ich sage Guten Morgen! und stelle meine Saftflasche auf den Tisch, packe Bonbons, Aspirin und diverse Schreib- und Zeicheninstrumente für die Prüfung aus und schaue auf meine Hände, als David plötzlich meinen Oberarm umfasst und mit einem erschreckend freundlichen Psychoblick sagt: „Guten Morgen, Heartcore! Ich brauch‘ dich, kann ich dich buchen?!“

Erst begreife ich nicht, was er mir zu sagen versucht, doch als es Klick! macht in meinem Köpfchen, sagt er, bevor ich ein Wort der Nachfrage sprechen kann: „Weißt ja, mein MacBook ist so lahm. Und da wollte ich dich fragen, ob du nicht mal Lust hast, zu mir nach Hause zu kommen. Wir könnten das Ding wieder auf Vordermann bringen, Filme schauen und reden. Ich wollte eh schon immer mal etwas mit dir unternehmen! Verpflegung inklusive!“

Ich schlucke und versuche den Schock zu verkraften, und weil ich kipple, falle ich fast vom Stuhl. Gerade so noch kann ich mein Gleichgewicht halten und Ja, klar! sagen, während ich WAS, WIE JETZT?! denke. David, der nun lacht, tätschelt mir den Kopf und gibt von sich: „Ganz ruhig, Heartcore! So schlimm wird’s schon nicht werden!“


Ich finde es erstaunlich, dass David auf mich zu gekommen ist und mich zu sich nach Hause (!) eingeladen hat, mir also zuvor gekommen und den ersten Schritt in Richtung Kontakt halten gegangen ist. Als hätte er das Blog hier gelesen; was mit Sicherheit nicht sein kann.
Freut mich sehr, dass es ihm nicht nur um den Computer-Support geht, sondern auch darum, dass wir Zeit miteinander verbringen, reden. Wie Zwei, die vielleicht ja doch Freunde werden.

Crushdiät.

17. Mai 2011

In weniger als einem Monat wird die letzte Prüfung geschrieben und meine Schulzeit offiziell zu Ende sein. Zwei Schuljahre, eine Depression und ein Klassenzimmer voller Idioten werden als Vergangenheit in meiner Erinnerung verweilen; zwei Schuljahre, die mich eine Menge an Kraft, viel Zeit und ein paar Freundschaften gekostet haben.

Ich habe in diesen zwei Jahren viel verloren, doch ist das Verlorene winzig neben all dem, was ich gewonnen habe. Und nein, in dieser Schule habe ich nichts für’s Leben gelernt. Alles, was ich in den zwei Jahren per Definition für’s Leben hätte lernen sollen, habe ich mir selbst beigebracht bzw. wurde mir von den Leuten vermittelt, denen ich glücklicherweise dort begegnet bin, wo ich sein kann, wer ich bin: hier im Internet.

Zwei Freunde habe ich in den zwei Jahren für mich gewonnen: Jes, das expressive Frauenwunder, und Bene, den klugen Sportler, der gleichzeitig der Jüngste in der Klasse ist. Mein Verhältnis zum Rest des Klassenverbandes ist eher bescheiden: ich bin freundlich, doch habe ich kein Interesse an ihnen.

Wobei… morgen wird mir David ein letztes Mal nahe sein, denn morgen ist der letzte normale Schultag vor den Prüfungen. Ich werde David und seinen Körper nie wieder bewundern, ihn nie wieder riechen und fühlen können. Diese Zeiten sind vorbei.

Am ersten Schultag habe ich mich von meinem Begehren leiten lassen und bin David gefolgt, nachdem verkündet wurde, dass ich mit ihm und ein paar Anderen eine Klasse bilden werde. David war der erste Mann, der mich schlagartig glühend machte, und ich weiß noch, wie stark die Erektion damals war, als ich ihn das erste Mal sah. Ich folgte meinem Begehren und wurde sein Sitznachbar.
In den folgenden zwei Jahren hat sich zwischen uns wenig verändert. Er ist nun 23, ich bin 18 geworden. Er ist schon immer zurückhaltend, klug und reif gewesen, ich lerne das zu sein. Anfangs rauchte er noch, jetzt raucht nicht mehr. (Ich weiß nicht, ob das etwas mit seiner sehr ernst gemeinten Frage zu tun hat, ob es mich störe, dass er raucht. Ich sagte, ich sei nicht so sehr erfreut davon.)

Und verdammt, David sieht noch immer unfassbar gut aus, auch ohne dass er so athletisch ist wie damals. Knuffig ist er geworden und wohlbeleibt, trägt einen leichten Bauch mit sich. Und bis heute ist mir kein Mann begegnet, an dem ein Vollbart so schön und so gepflegt aussieht wie bei David. Er ist noch immer wie Jake Gyllenhaal in tausend Mal schöner und begehrenswerter, und ich könnte hier noch stundenlang schwärmen und ihn und seinen Körper beschreiben, doch was letztlich zählt, ist: In diesen zwei Jahren hatte ich nie ein enges Verhältnis zu ihm. Wir waren mehr Kumpels als Freunde; wir haben nie über das gesprochen, was ich mit ihm gerne gesprochen hätte. Ich habe oft versucht und versuche es noch immer, ihm auf selber Augenhöhe entgegen zu treten; manchmal waren wir das, manchmal nicht. In seiner Gegenwart wurde ich still; David liebt die Ruhe und so wollte ich ihm ein ruhiger Sitznachbar sein. (Und ihn ganz still beobachten.)

Ich bereue aber, in Sachen Freundschaft nie auf ihn zu gegangen zu sein, weil ich es nicht konnte. Natürlich haben wir oft und täglich gesprochen, doch zumeist waren das leere Gespräche ohne wirklichen Inhalt. Mir ist bewusst, dass David nicht auf Männer steht und bereits verlobt ist, doch hätte ich ihn trotzdem gerne als Freund gewusst. Ich bereue es so sehr, ihn zwei Jahre lang nur still bewundert und angehimmelt zu haben; in der Zeit hätte ich ihm ein guter Freund sein können.

Es schmerzt, ihn gehen zu lassen. Mir werden all die Momente fehlen, in denen er mitfühlend war, reines Herz zeigte. Natürlich, er war schön anzusehen, doch nicht das macht ihn zu dem David, der er ist; sein Verstand und sein Verhalten, die Art, wie er beispielsweise spricht und sich auszudrücken weiß oder wie er mit mir umgeht, das zeichnet ihn aus. Sein Aussehen macht ihn lediglich attraktiver.

Ich bin nicht verliebt in David, doch dass ich noch immer einen Crush auf ihn habe, das kann ich nicht leugnen. Den Platz in meinem Herzen, den ich ihm gerne geschenkt hätte, habe ich an einen Anderen vergeben. Dennoch ist David der begehrenswerte Mann, der er schon immer war. Ich habe die Zeit neben ihm sehr genossen und denke, dass ich ein guter Sitznachbar für ihn gewesen bin.

Was ich am meisten vermissen werde, ist dieser milde Frieden, den sein Anblick in mir auslöste. Und dieses Lachen, wenn er mit hochgezogenen Augenbrauen und Stirnfalten zum Dahinschmelzen sagte, dass ich wieder einmal provokativ süß sei.

Mir stellt sich jetzt die Frage, was ich tun kann, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Tipps?

Ironie.

24. März 2011

Irgendwann mittags sitzen Jes und ich an der Haltestelle und warten auf den Bus. Die Sonne scheint warm und wolkenlos und Jes erzählt mir: „Dann fragte mich Jan, weshalb du eigentlich kein Frauenheld oder wenigstens jemand bist, auf den alle Frauen stehen, weil er findet, dass du ja schon gut aussehend bist. Ich war dann erst einmal entsetzt und sagte, dass sich Frauen grundsätzlich nur in Arschlöcher verlieben und du eben keines bist.“

Jes blickt auf zu mir und schaut mich an, ich blicke auf zu ihr und schaue sie an. Unsere Mundwinkel formen in Zeitlupe ein Lächeln — breiter, immer breiter — und dann lachen wir, weil wir beide die Wahrheit über mich und die Heldensache kennen.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Sensitivität.

21. Oktober 2010

Und noch Stunden später glühen meine Hände, als wäre dieses Wärmegefühl die Strafe dafür, dass ich seiner Haut zu nahe kam.

Nachts erkenne ich in jedem Winkel meiner Träume das Muster seines Strickpullovers in der Farbe seiner Kornblumenaugen. Ihn jedoch sehe ich nicht. Am nächsten Morgen glühen nicht nur meine Hände; mein Kopf scheint schwer und glühend-heiß.

Und mit einem Mal ist er mein Sitznachbar. Er riecht gut und atmet still. Mehrmals am Tag berühren wir uns; mal zufällig, mal weniger zufällig. Fieberhaft glühen die Gliedmaßen meiner linken Körperhälfte. Jede verstreichende Stunde an seiner Seite scheint eine kleine Ewigkeit zu sein.

Ein paar Berührungen mehr und ich werde zu keiner Zeit an der Kälte des bevorstehenden Winters leiden. Der tiefschürfende Schmerz jeder einzelnen Berührung wird mich warm halten, bis ich eines Tages stumm verglühe.

Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der „weise, türkische Junge“. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

„Es ist real, aber woanders.“ – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, „was besser wäre“. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so „reingerutscht“ bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.

Der 13. März.

13. März 2010

Heute vor zwei Jahren erreichte die Freundschaft zwischen mir und Paul ihren Höhepunkt. Nie zuvor war sie intensiver; nie wieder erlangte sie diesen Grad an Intensität.

Wenn ich an diesen Tag denke, leide ich, denn Paul befindet sich nun hinter dem schweren Vorhang der Vergangenheit.

Nie werde ich den Ausdruck seines angsterfüllten Gesichtes vergessen, als er jenes Blut an meinen Händen erblickte.

„Lass es uns ‚VV‘ nennen.“