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Ein Brief mit Folgen.

30. September 2019

Lieber Boris,

zuallererst möchte ich dich um Entschuldigung bitten, dass ich deine Aufmerksamkeit auch auf diesem Wege beanspruche. Doch ich kann nicht anders, denn: Wir beide haben uns einander in den letzten Monaten vertraut gemacht. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, sagte der Fuchs.

In der gemeinsam verbrachten Zeit haben wir einander gezähmt, jeden Tag sind wir uns ein Stückchen näher gekommen; auch wenn noch viel Zähmen vor uns liegt. In der Zeit dazwischen haben wir voneinander erfahren über Geschriebenes, selten über Gesprochenes. Auch, wenn du schriftlich vielmehr über mich erfahren hast, als ich über dich. Und wie der Fuchs sagt, ist das Zähmen eine Sache, für die man sehr geduldig sein muss. Das ist nicht leicht für mich, doch ich lerne es durch dich. Niemals zuvor hat jemand meine Geduld derartig auf die Probe gestellt wie du. Und ich danke dir dafür, für diese neue und auch herausfordernde Grenzerfahrung. Ich warte gerne auf dich und ich bringe gerne die Geduld für dich auf. Gleichzeitig stürzt das mich in tiefen Kummer, wenn ich nichts von dir höre, weil ich noch lerne dich zu verstehen, weil ich noch ganz am Anfang stehe, weil ich nicht weiß, wie ich dir helfen kann oder ob du das überhaupt willst. „Man versteht nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. Dass wir noch keine Bräuche haben, wie der Fuchs sie beschreibt, dass die Netzabdeckung scheiße ist und du oft sehr schweigsam bist, all das verstärkt meinen Kummer.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mich verantwortlich fühle für dich, weil ich dich erreichen möchte in deinem Herzen, weil das bei WhatsApp scheinbar nicht möglich ist, weil ich dir meine Hände und meine ganze Kraft reichen möchte, weil ich dich unbedingt begleiten möchte auf dem Weg aus deiner Krise. Mir ist bewusst, wie frei und wild du bist, es zumindest sein möchtest. Doch ich sehe – in dem, was, wie, wann du schreibst und auch zwischen den Zeilen, „das Eigentliche ist unsichtbar“ – wie du leidest, und ich leide mit dir. Das schreibe ich nicht einfach so dahin. Es tut mir körperlich weh zu lesen, was du schreibst. Ich kenne diese Art der Verzweiflung und so trifft es mich umso mehr. Ich wünschte, du könntest es mir sagen, während ich dir in die Augen schaue und dich einfach nur halte in den dunkelsten Stunden deiner Verzweiflung. Doch es ist anders aus der Ferne, schwer, ganz schwer. Ich muss aushalten, dass ich dir keinen Halt geben kann, dass dein Herz gefangen ist in lauter Zweifel und Unsicherheit, dass du dich einsam und traurig fühlst, dass ich deinen Geist nicht streicheln kann, dass ich mit dir keine möglichen Auswege besprechen kann. Am schlimmsten jedoch ist es, nicht zu wissen, ob mein Eindruck überhaupt wahr ist.

Auf mich wirkst du wie vergiftet, wenn du in […] bist, ganz besonders in den letzten Wochen, ganz roh und verletzlich, erdrückt von Sorgen um die Zukunft, um dein weiteres Leben, unverstanden, einsam. Das steht ganz im Gegensatz dazu, wie ich dich in Kassel wahrgenommen und erlebt habe: Du warst innen wie außen – auch wenn wir über sehr schwere Themen sprachen – gut drauf, du warst so lustig, so abenteuerlich, so schön und wirkest glücklich auf mich. Diese Gegensätzlichkeit Kassel-[…] beunruhigt mich sehr.

Du hast einmal geschrieben: „Ich finde keinen Ort für mich.“ Und später: „Gleichzeitig besorgt mich der Winter.“ Und neulich: „Ich fühle mich einsam. Und traurig.“ Diese Worte machen mich wiederum so fassungslos traurig, dass ich manchmal einfach weine. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, wie oft ich an dich denke. Wie der Fuchs den Weizen liebgewonnen hat und an den Kleinen Prinzen denken muss, so denke ich an dich jedes Mal, wenn ich das Feuerzeug in der Hand halte, bei jedem Blick auf die Sterne, die wir zusammen angesehen haben, und bei jedem Stückchen Wald, denn du hast mir den Wald geschenkt. Ich habe in den letzten Monaten, um dich besser verstehen zu können – da ich nicht wirklich mit dir telefonieren kann und du eher wenig schreibst – so unendlich viel gelesen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Du hast mir Hesse geschenkt, du hast mir Kafka geschenkt, du hast mir den Kleinen Prinzen und Exupéry geschenkt. Und bald kommt noch Osho dazu.

Verstehst du nun, warum ich dir so oft schreibe? Warum ich mich so sorge? Warum ich verantwortlich für dich bin?

Ich reiche dir meine Hände. Doch zugreifen musst du schon selbst. Bitte Boris, bitte greife zu.

Riskiere es, dich auf jemanden einzulassen. Riskiere es, dich zähmen und verstehen zu lassen. Riskiere es, mit diesem Anderen zur größten Reise aufzubrechen, zu einer Reise nach dir, zu einer Suche nach einem Ort für dich und nach Antworten, die nur in deinem Herzen zu finden sind, wenn du frei bist, dich öffnest, Einblick in deine Seele gewährst und nicht umgeben bist von Gift und Sorgen, sondern von Freundschaft, von Zuneigung, von Liebe. Riskiere es, denn du kannst nichts verlieren in deiner gegenwärtigen Situation, du kannst nur dazu-gewinnen. Ich werde dich unterstützen auf deiner Suche, so gut ich kann, so viel du willst. Mir ist bewusst, vor welch bedeutender Lebensentscheidung du stehst: Neuanfang oder Weiterso? Beides ist schwer, beides erschöpft die Kräfte, beides hat seine Vorteile und seine Nachteile. Doch vertraue mir, Weiterso zermalmt die Seele. In […], so nehme ich dich wahr, bist du verschlossen und nicht frei für die Suche nach deiner Wahrheit. Ich meine den Alltag dort, die Routine, nicht die Festivals mit den Menschen, die du lieb gewonnen hast.

Und wenn die Zeit gekommen und du deine Antworten gefunden hast, wenn du einen Ort, eine Lebensweise für dich gefunden hast – in Kassel oder auch woanders –, dann werden wir erleben, ob uns die Antworten zusammen halten oder uns räumlich voneinander trennen, weil vielleicht Kassel doch kein Ort für dich ist. Doch muss das erst einmal herausgefunden werden, das dauert seine Zeit. Sollte das eintreffen, dann wird die Farbe des Weizens bleiben, wie der Fuchs es sagt, und es wird mir eine große Ehre und Freude gewesen sein, dich auf deiner Suche begleitet zu haben. Ich werde mich freuen und freuen über all die Erinnerungen, Erlebnisse und Erkenntnisse, die mir das Leben geschenkt haben wird. Doch dafür, dafür musst du eine Entscheidung treffen. Raus aus […]. Nach Kassel kommen. Und mir vertrauen.

Der Winter naht und ich fürchte um dich. Am liebsten würde ich nach […] fahren, dich einpacken und kidnappen. Ganz so, wie ich damals „in Sicherheit“ gebracht wurde, obwohl es sich erst einmal nicht so anfühlte. Ganz so, wie mich Marcus bei sich aufgenommen hat, mir beim Einleben und bei meiner Suche geholfen hat. Doch das kann ich nicht tun ohne dein Einverständnis, du musst selbst die Entscheidung treffen; eine freie Entscheidung, die aus deinem Herzen kommt. Man kann Menschen nicht einfach umtopfen wie Pflanzen.

Gestern Abend war Marcus bei mir und wir haben auf unseren achten Jahrestag angestoßen, auf unsere lange, seltene und schöne Freundschaft. Acht Jahre Kassel. Ich hatte anfangs große Angst, nichts und niemanden, nur Marcus, diesen Menschen, der umso wunderbarer und surrealer wurde, je mehr wir einander über die Jahre zähmten. Ich verstehe deine Sorge, in Kassel zu vereinsamen, das glaubte ich anfangs auch. Doch so kam es nicht, und so wird es auch nicht für dich kommen. Du hast mich – und damit auch Marcus und Nadja. Und von ganz allein wirst du weitere Menschen kennenlernen, Räume für dich erschließen. Kassel ist nicht Köln.

Komm‘ nach Kassel, komm‘ zu mir und wir gehen alles Schritt für Schritt gemeinsam. Wo du wohnen und leben, wo du arbeiten, wo dich verwirklichen kannst, all das werden wir herausfinden. Wenn du willst.

Ich forme auch hier in diesem Brief noch einmal deine eigenen Worte für dich um:

Du hast unglaubliches Glück, Boris.

Du kommst mit nichts nach Kassel und hast Leute gefunden, die dich aufnehmen.

In ihre Familien und in ihre Herzen.

Mit diesen Worten möchte ich diesen nun wirklich viel zu langen Brief beenden und freue mich auf eine Antwort von dir, egal auf welchem Wege. Die größte Freude für mich wäre allerdings eine Entscheidung, ein erster Schritt deinerseits, ein Plan, wie es weitergeht für dich.

Es grüßt dich hoffnungsvoll

Dein [A.]

P.S.:

Ich habe keine Ahnung, ob dich dieser Brief jemals erreichen wird. Auch weiß ich nicht, was du für mich eigentlich empfindest, ob ich dich überfordere und ob ich dir auf die Nerven gehe. Bitte gib mir ein Zeichen, damit ich Klarheit habe. Die Unbestimmtheit verzehrt mich.

(1) Das Spiel geht weiter.

7. August 2019

Sonntag war ein sehr surrealer und wunderschöner Tag, gespickt mit allerlei Mysterien und seltsamen und wahrlich verrückten Zufällen. Ich glaube, dass das Leben mir mit Absicht solche Tage beschert, weil ich mich auf die Welt und auf ihre Verrücktheit einlasse und zuweilen keine Erwartungen an irgendwas stelle. Allein das überrascht mich je und je, doch war dieser Sonntag von besonders strahlender Surrealität. Ich fange mal an zu erzählen.

Am Abend zuvor, am Samstag, waren Boris und ich auf dem Kasseler Zissel, einem Jahrmarkt entlang der Fulda. Wir badeten im lichten Farbenmeer, blieben hier und da staunend stehen und beobachteten belustigt das Treiben der Menschen. Ich kam auf die Idee, dass wir unweit vom Jahrmarkt Nadja an ihrem Arbeitsplatz besuchen könnten, wenn sie zufällig da ist. Boris wollte nämlich einige meiner Freunde kennenlernen, von denen ich ihm wieder und wieder erzählt hatte. Und so lernte er Nadja kennen, und zwar genau dort, wo Marcus, nun ihr Mann, ich der Trauzeuge, sie kennenlernte vor Jahren, als ich mit ihm dort auf einem Konzert war. Spät nach Mitternacht und durch einige Erfrischungen aufgeheitert begleiteten wir Nadja zu ihrem Auto, sprachen noch eine Weile, hörten Nadja zu, wie es sonst hier ist, nachts alleine zum Auto zu laufen und von betrunkenen Männer belästigt zu werden, gerade jetzt während des Zissels; sie war sehr froh, dass wir plötzlich aufgetaucht waren. Wir versprachen, am nächsten Tag zur Mittagszeit vorbeizuschauen, verabschiedeten sie in den wohlverdienten Feierabend und schlenderten weiter über den Zissel, aßen ausgesprochen leckere und für den Moment perfekte Fischbrötchen, hörten irritiert und belustigt einem rundlichen, schwer genervten Trinkflaschenverkäufer zu, wie er mich laut per Lautsprecher beleidigte, weil er – warum auch immer – annahm, ich hätte an seinen Wagen gepinkelt. Schließlich trafen wir auf Christoph, den ich flüchtig von einem Uniseminar kenne, dessen Namen ich immer wieder vergesse und den ich sehr oft irgendwo zu sehen bekomme. Die Gespräche laufen dann in etwa so ab: „Hey du! Na? Ich hab wieder deinen Namen vergessen. Wie war er nochmal?“ – „Boah, verflixt, ich hab deinen auch vergessen. Also ich bin Christoph, und du?“ – „Ich bin sowieso.“ – „Mensch, wie oft müssen wir uns noch treffen, damit wir endlich die Namen können. Ist doch echt verrückt!“ Und so war es auch dieses Mal wieder. Wir quatschten ein wenig, Boris bewunderte seine Haare und bald trennten sich unsere Wege. Auf dem Heimweg saß ich mit Boris auf einer Parkbank im Dunkel des Aueparks und wir sprachen mit weitem Blick über die Welt und wie schwierig es zuweilen ist, hineinzupassen und zuzusehen, wie diese vom Menschen zerstört wird, die Grundlage allen Lebens, die Natur, wie es ist, ewig auf der Suche nach einem Ort für das eigene Selbst zu sein. Unsere warmen Hände streichelten sich und später das Haar und das mittlerweile in der Nacht erkaltete Gesicht des Anderen. Durch den Park gingen wir nach Hause, über eine Brücke, vorüber am Spielplatz, an dem wir vor zwei Monaten die Sterne beobachteten und einen Waschbären fütterten, der gierig und süß und freudig aus unseren Händen fraß, vorbei an der Wohnung eines Freundes, in der kein Licht brannte, und vorbei am Balkon eines anderen Freundes, der zufällig in diesem Moment eine Spinne aus der Wohnung brachte. Wie unwahrscheinlich war es, ihn so spät in der Nacht anzutreffen? Es war schon vier Uhr morgens, als Boris und ich Haut auf Haut einschliefen.

Am frühen Nachmittag, es war ein schöner, sonnig-wolkiger Tag, haben wir uns auf den Weg zu Marcus und Nadja gemacht. Unterwegs trafen wir die beiden und ihre zwei kleinen Kinder. Sie waren gerade dabei zum Jahrmarkt zu laufen, wir schlossen uns an. Sonntag nun schlenderten wir alle zusammen, begleitet von Sonnenschein, durch die Stadt und über den vollen Jahrmarkt mit seinen tausend Gerüchen und Angeboten, unser Ziel war ein Kinderkonzert. Neben den Kindern freute sich besonders Boris darüber, seine granitfarbenen Augen groß und die Lachfalten sichtbar, wohl aus beruflichem wie auch aus seinem Kindskopfinteresse heraus. Nach gute Laune machender Musik und einer köstlichen Schokobanane, nach kühlender Erdbeerbowle und Riesenradfahren mit den Kindern machten Boris und ich uns auf den Weg zu einem besonderen Ort.

Ich hatte ihm vor ein paar Wochen geschrieben, dass ich einen Ort entdeckt habe, den ich ihm unbedingt zeigen muss. So war nun endlich der Tag gekommen. Über den Ort hab ich ihm genau nix erzählt, ich wollte ihn nicht beeinflussen in seiner Wahrnehmung, Interpretation und es sollte ja auch spannend sein. Wir fuhren mit dem Bus durch die ganze Stadt, bis an ihr Ende, zum Fuße des Habichtswaldes am Rande des Bergparks. Mit uns im Vierer fuhr ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, zuckersüß und Freude strahlend, das uns fragte, ob wir denn schon neun Jahre alt alt sind, schon zur Schule gehen, das Boris‘ Armkette sehr hübsch, doch für ihr kleines Handgelenk zu groß fand, das meinen Rucksack gegen ihre kleine Handtasche tauschen wollte, die innen drin mit rotem und sehr frischem Kaugummi verklebt war – ein schlechter Deal für mich! Zwischendrin gab die offensichtlich geisteskranke Mitfahrerin neben uns seltsame Sachen von sich, ohne jeglichen Kontext, sprach lauthals mit nicht anwesenden Personen und schrie diese an und sagte irgendwann zu uns zwei Erwachsenen „Mit Fremden spielt man nicht!“ und zum schwarzen Mädchen: „Wage es nicht! Du bist winzig und ich bin groß, viel stärker als du!“ Zum Schluss ihres Satzes fletschte sie ihre Zähne und imitierte ein gruseliges Tiergeräusch, chchchchch! Das Mädchen lachte nur darüber. Wir waren froh als die Frau endlich ausgestiegen war, noch bevor sie das Mädchen irgendwo hinschubsen konnte. Wir hätten nicht zugelassen, dass sie dem kleinen Mädchen irgendein Haar krümmt. Noch vor unserer Zielhaltestelle stieg auch das Mädchen mit ihrer Mutter aus. „Tschühüüüß!“

Von der Endhaltestelle aus gingen wir in den Wald. Ich fragte Boris, ob er irgendeine Ahnung hat, was ihn erwartet. Er sagte, er habe sich keine Gedanken gemacht, wollte sich überraschen lassen. Er rätselte ein wenig und kam natürlich nicht drauf – mir selbst ging es vor ein paar Wochen auch so. Ich schwieg weiter über den Ort. Mitten im Wald, der uns saftig-grün und voller alter Buchen umgab, stand ein bewohntes Häuschen, ein sehr schönes, mit einem gigantischen Garten, in das sich Boris instant verliebte. „Da will ich wohnen! Oder irgendwo hier im Wald und dann einen Waldkindergarten, genau hier, das wäre mein Traum!“ Kurz nach dem Häuschen erreichten wir den Ort. Der Weg führte uns immer tiefer in das mystische und wunderschöne Geheimnis dieses Waldes, dunkelgrünes Moos bewuchs Baumwurzeln und Hügel, die den Weg einschlossen und den Eindruck eines Tunnels vermittelten. Nun standen wir selbst auf einem Hügel und blickten auf den Blauen See hinab, der ringsum von Bäumen umgeben ist. Boris kletterte direkt den nächsten Abhang hinunter, ich hinterher. Er war begeistert von der Schönheit des Sees und allen Bäumen, Sträuchern, Felsen, Steinen, Wurzeln, fand sogleich eine mit Steinen errichtete Feuerstelle und sagte, dies sei der perfekte Ort für Erfahrungen der erweiternden Art. Wir saßen am Seeufer auf einem Baumstamm und nahmen alles in uns auf, und kletterten einen anderen Hügel wieder hoch, entlang an Wurzeln, die uns als Treppe und als Halt, wie ausgestreckte Hände dienten. Dort oben wuchsen Gräser, Sträucher, Blumen, Dornengestrüpp und wunderschöner, reifer Atropa Belladonna. Während mein Blick über die Schönheit der Natur kreiste, stolperte ich und knickte heftig mit dem Fuß um. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, damit der unerträgliche Schmerz seinen Raum erhalten und ich das weitere Vorgehen abschätzen konnte, atmen und leiden, um geschärften Verstandes eine Diagnose zu stellen und eine Entscheidung zu treffen: Bruch, Bänderriss, Amputation, Belladonna oder einfach weiter? Denn die bisherige Natur war Teil des Ortes, jedoch nicht ausschließlich der Grund für unseren Besuch. Mir liefen vor Schmerzen die Tränen in den Augen zusammen, der Fuß schwoll mächtig an, einen Bluterguss konnte ich nicht erkennen, er ließ sich auch durchbewegen und humpeln war möglich, also kein Bruch, irgendwas mit den Bändern; so ging es nach kurzer Rast weiter. Zu erklettern gab es eine Menge, wir nahmen den einfachsten Weg zurück zum Waldpfad. Meine Schmerzen schlummerten alsbald mit der Wirkung des Betäubungsmittels.

Schließlich erreichten wir die Nekropole, genau genommen das erste Grab von vielen, die im ganzen Wald verteilt sind, von denen es einmal 40 Stück geben soll. Dieser ganze Ort verbindet das ewige Leben, die Natur, den Tod des Menschen und seine Kunst auf einer wunderschöne und mystische Weise. Künstler gestalten hier ihre Grabstätte, wie sie wollen, am Ende werden sie dort beigesetzt, die Gräber werden nicht gepflegt, sondern der Natur überlassen. Am ersten Grab, das als solches nicht zu erkennen ist, rätselte Boris sehr lange. Unter einer quadratisch eingefassten Glasplatte sind Fußabdrücke zu sehen, dreidimensional aus Stahl, die Versen wie ein Trichter in das Erdreich führend. Er kam des Rätsels Lösung nahe, doch wollte ich ihn nicht weiter matern, ich löste auf: Der Betrachter sieht den lebensgroßen Abguss des Künstlers, jedoch von unten, auf dem Kopf quasi. Der Abguss ist innen hohl und dient als Urne. Eine Inschrift oder wer hier liegt ist nicht vorhanden. Ich klärte Boris über diesen ganzen Ort auf, aus seinem Gesicht las ich Faszination und unbändige Entdeckerfreude.

Weiter ging es zu einer Art Tempelanlage, quadratisch, außen vier Tore aus Holz, daran jeweils eine aus Holz gefertigte Plastik, ähnlich einem Menschenkopf, die Augen verbunden durch Stahlbänder, die die Plastik an das Holz heften. In der Mitte der Arena ein quadratisches Amphitheater mit wenigen Stufen, darin mittig ein Steinblock mit den Namen der Beigesetzten und rund herum mit je einem Wort zu jeder Seite der Satz: „Das Spiel geht weiter.“ Für mich ist dies das wundersamste Grab, gleichzeitig ein schöner Ort zum Verweilen. Das Leben als Spiel zu betrachten, das weitergeht, egal was in der Arena passiert, egal wer gewinnt oder verliert, diesen Gedanken finde ich genial. Doch würden noch weitere solche Gräber folgen. Bei meinem letzten Besuch hatte ich zwischen das Holz eines Torbogens eine mysteriöse Nachricht hinterlassen, auf der Rückseite eines Kassenzettels (Vitamin B12 aus der Apotheke), der Zettel war noch immer da und wurde scheinbar mehrmals entfaltet und wieder hineingesteckt. Wir lasen meine verrückte Nachricht an die Welt. Als nächstes kamen wir an einer gigantischen, aus Granit gefertigten, runden Vogeltränke vorbei, der Durchmesser breiter noch als die Spanne meiner Arme, in der ein goldener Hase eingefasst ist. Der Hase dient als Urne, zu sehen ist er aber nicht. Die Granitschale füllt sich von selbst durch den fallenden Regen, dafür muss es selbstverständlich auch regnen. Wir und auch die Tiere des Waldes hatten Glück, dass der Samstag ziemlich verregnet war. In der Granitschale waren seit meinem letzten Besuch rot, blau und gelb schimmernde Sterne, Monde und Sonnen verstreut worden, ähnlich Glitzerkonfetti. Es sah ganz hübsch aus und wurde behutsam und wenig gestreut, so dass nicht unbedingt von Umweltverschmutzung die Rede sein konnte, wobei diese Sonnen, Monde und Sterne womöglich niemals verrotten werden.

An einem weiteren Grab machten wir Rast, denn davor stand eine Bank, ich trank Wasser und fragte Boris, ob ihn dieses Kunstwerk berührt. Er sagte nein, er fühle sich beobachtet. So ging es mir auch angesichts eines riesigen Holzauges, das die Besucher auf der Bank anblickt und sonst nichts. Das Auge des Waldes? Ein Auge aus dem Jenseits? Für mich strahlt dieses Grab keine mystische Energie aus, muss es ja auch nicht – auch allein das Sich-Beobachtet-Fühlen war ja schon ausreichend. Ich bemerkte, dass Rast meinem Fuß nicht besonders gut tut, was für den Moment doof, für die Gesundheit des Fußes allerdings ein gutes Zeichen war. Also folgten wir dem Waldpfad weiter zu den letzten zwei Grabstätten, die es heute noch zu sehen gab.

Der Waldpfad zweigt irgendwann ab zu einer Lichtung, auf der sich zwei Grabstätten befinden. Die erste setzt sich zusammen aus 97 Marmorblöcken in scheinbar zufälliger, Dominostein-artiger Anordnung, ein jeder Block groß und quadratisch auf dem Gras ruhend. Es gibt Blöcke aus weißem Marmor und es gibt Blöcke aus schwarzem Marmor. Auf den schwarzen Steinen ist immer ein Buchstabe eingraviert und golden ausgemalt, vielleicht sogar Blattgold. Nach jedem Stein mit einem Buchstaben wechselt die Richtung des Verlaufs, es lässt sich der Satz „La vita corre come rivo fluente“ lesen, was soviel bedeutet wie: Das Leben verrinnt als fließender Strom. Dieses Kunstwerk beeindruckt mich auf Ebene der Kunst am meisten, ist es doch eine Verbindung von Mathematik und Natur, von Ewigkeit und Endlichkeit, Tod und Mensch. Nach jedem Buchstaben wechselt die Verlaufsrichtung, jeder schwarze Stein stellt eine Primzahl dar, die zufällig in der Mathematik auftaucht und keinem bisher bekannten Prinzip folgt. So ist es ja auch im Leben: Es passieren Dinge, scheinbar zufällige Ereignisse, und das Leben verändert sich, ändert seine Ausrichtung und folgt dem ewigen Mäandern, sucht sich je und je einen Weg durch die Welt, wie das Wasser, das zum Meere hin fließt, in das große unendliche Blau.

Weiter hinten auf der Waldlichtung stehen acht riesige Stahlplatten, rostrot, vier Stück bilden den äußeren und vier Stück den inneren Kreis. Die Platten stehen versetzt zueinander, sodass man in das Kunstwerk hineingehen kann. Auf jeder Platte ist eine andere feingliedrige und miteinander verschwungene Form hineingeschnitten, sodass man durch die feinen Linien hindurchschauen, das Grün der Lichtung oder weiter fern stehende Bäume oder gar das Sonnenlicht hindurch scheinen sehen kann. Sind es Gesichter, Fratzen, sind es Blumen, Bäume oder irgendwelche Symbole, all das ist nicht klar zu erkennen. Es bleibt dem Betrachter überlassen, was er dort sieht. Auch dies, so sagte Boris, sei ein Ort für Erfahrungen.

Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle erfragten wir Hilfe an dem Häuschen im Wald, sodann wurden mir Schmerztabletten gebracht. Der Weg zurück dauerte natürlich seine Zeit, wenn der eine humpelt und der andere Pflanzen mit einer App identifiziert. Auf den letzten 500 Metern kamen uns ein Mann und eine Frau entgegen, so unser Alter etwa, beide sehr zueinander passend und sehr freundlich wirkend. Sie fragten uns, ob dies der Weg zum Blauen See sei. Ja, das ist er. Nach einigen gewechselten Sätzen stellte Boris fest, dass er die beiden kannte, von gestern vom Frühstück im Café Hahn, dass sie neben ihm saßen. Welch ein Zufall! Die beiden erzählten, dass sie oberhalb der Nekropole in einem der Häuschen wohnten, die man mieten kann. Boris strahlte, sein Traum schien sich bald zu erfüllen. Wir wünschten beiden Besuchern noch alles Gute und gingen zur Bushaltestelle, denn ein weiterer Ort, der mir selbst unbekannt und dessen Existenz mich auf höchst eigenartige, kryptische und mysteriöse Weise die Woche über erreicht hatte, wartete auf uns.

Schillernde Sterne. (27/42)

18. Juli 2018

Mein Leben lang ist es mir schwer gefallen, gleichaltrige Freunde zu finden. Womöglich liegt es daran, dass ich Interessen habe, die in meiner Generation offensichtlich nicht besonders verbreitet sind, oder an meinem Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit, dem bisher nur wenige Gleichaltrige entsprechen konnten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich in meinem Leben tiefergehende Freundschaften sehr selten entwickelt haben.

Letztes Jahr im Oktober habe ich angefangen zu studieren. Die ersten Wochen war ich furchtbar überfordert mit all den Menschen, all dem Smalltalk, den Oberflächlichkeiten. Auch wenn oder gerade weil mir bewusst war, dass jede Startphase so verläuft, dass ich über die Hälfte der Leute womöglich nie wieder sehen werde, rechnete ich fest damit, auch an der Uni keine wirklichen Freundschaften zu schließen; ich wollte nicht enttäuscht werden. Dennoch habe ich die (Des-)Orientierungswochen genutzt, um Menschen kennenzulernen und mögliche Freunde ausfindig zu machen. Dass ich mit meiner Annahme selbstverständlich falsch lag, erkannte ich Anfang des Jahres. Ich habe durchaus einige Freunde gefunden, mit denen ich mich bestens verstehe; die Stärke der Freundschaften variieren natürlich.

Mit einem Menschen habe ich eine ganz besonders intensive Freundschaft entwickelt: Darius. Anfangen hat das mit einer Fahrradtour an einem der ersten Sommertage des Jahres, die uns unter eine ICE-Brücke führte. Wir schlossen unsere Fahrräder an und kletterten auf die Brücke, um auf der Versorgungsebene Rast zu machen. In etwa 20 Metern Höhe hatten wir eine phantastische Aussicht, der Fluss war direkt unter uns; die Wälder rundherum waren saftig grün, die Schäfchenwolken am Himmel strahlend weiß. Alle paar Minuten überfuhr uns ein Zug und die ganze Brücke vibrierte. Im Gespräch erst lernten wir uns richtig kennen. Ich merkte, dass ich tatsächlich einen gleichaltrigen Menschen gefunden hatte, mit dem ich wunderbar reden und teilen konnte.

Am vergangenen Wochenende, in der Nacht von Sonntag auf Montag, haben wir uns für eine Nachtwanderung verabredet. Die Idee entstand spontan: Wir wollten vom Bismarckturm aus den Sonnenaufgang beobachten. Um Mitternacht fuhr uns mein Freund zu einem Wanderplatz, von dort aus machten wir uns auf den Weg. Im Wald war es stockfinster, lediglich der schwarzblaue, mondlose Himmel, der mal mehr, mal minder durch die Baumkronen zu sehen war, gab uns Orientierung; ab und an sahen wir den Großen Wagen. Wir hatten zwar eine Lampe dabei, doch blieb diese in der Tasche; wir wollten uns der Dunkelheit aussetzen.

Kurz nach Mitternacht erreichten wir den Turm. Im Dunkeln der Nacht sah er aus wie eine riesige Schachfigur. Wir verbrachten einige Minuten davor und sahen durch hohe Bäume hinweg auf die Stadt. Zuvor hatten wir gerätselt, ob der Turm nachts vielleicht verschlossen wird. Zum Glück war er nicht verschlossen – es gab nichtmal ein Tor –, denn die Aussicht war durch die vielen Bäume und Gebüsche eingeschränkt. Wir gingen in den Turm und machten dort unsere Lampe an. Entlang der vier Wände führte eine Stahltreppe nach oben; im schwachen Licht der Lampe wirkte der Turm unendlich hoch. Vor dem Aufgang war ein Warnschild angebracht: Vorsicht, Treppe dient als Blitzableiter. Wir stiegen empor.

Oben auf der Aussichtsplattform angekommen erwartete uns im Osten der Blick auf die Stadt und ihre vielen Lichter: Von orange bis gelb war alles dabei, Autos fuhren hier und da und leuchteten rot und weiß, Einsatzfahrzeuge pulsierten blau oder orange, je nachdem, welchen Zweck sie verfolgten. Im Süden waren einige ferne Dörfer zu sehen, West und Nord waren durch den Wald gekennzeichnet; dunkle Schatten, die sich im Wind bewegten. Über uns war der wolkenlose Sternenhimmel. Die wahrnehmbare Lichtverschmutzung reichte lediglich bis zwei Finger breit über den Horizont, der sicheldürre Mond war schon längst untergegangen, sodass vielmehr Sterne zu sehen waren, als es sonst der Fall ist. Sogar die Milchstraße war zu erkennen; ein dichter, weißlicher Schleier aus Abertausenden Sternen. Besonders hell leuchteten Saturn, Mars und Wega im Süden.

Der Wind war erst angenehm, wurde dann aber zunehmend kühler. Nachdem wir einige Zeit in alle vier Himmelsrichtungen geschaut hatten, packten wir die Musikbox aus; per Bluetooth koppelte ich mein Handy daran und Darius positionierte die Box im Obergeschoss des Turninneren. Ich hatte eine Playlist vorbereitet und erweiterte sie noch um einige Titel. Mit Darius verbindet mich insbesondere der Musikgeschmack, da sind wir uns sehr ähnlich. Dann begannen wir mit der Sache, weshalb wir uns eigentlich verabredet hatten.

Wir nahmen halluzinogene Pilze ein, breiteten unsere Decken aus und legten uns auf den Boden. Die hohe Steinmauer, das Geländer des Turms, schützte uns vor dem Wind und wir konnten entspannt in den Himmel über uns schauen. Wir sahen Sternschnuppen, Satelliten und Flugzeuge und warteten darauf, dass die Wirkung einsetzt. Etwa eine halbe Stunde später begannen die Sterne zu schimmern; sie lösten sich nach und nach vom Himmel und fielen wie winzige Diamanten auf die Erde, nur um sich in Glühwürmchen zu verwandeln; über dem Turm, der Schachfigur inmitten des Waldes, hoch oben über der Stadt bildeten sie eine Kuppel aus schillernden Brillanten. Noch tauschten wir uns rege darüber aus, was wir sahen. Wenig später tauchte jeder in seine eigene Erfahrungswelt ein.

Dieses Erlebnis war ein ganz besonderes für mich. Ich konnte für eine kurze Zeit ohne jegliche Filterung fühlen, ohne direkt alles zu analysieren; mein Alltagsverstand verstummte und mein Denken wurde ersetzt durch die pure Wahrnehmung und Achtsamkeit. Ich war eins mit der Natur und eins mit allem, was mich umgab; ich empfand Glück. Ich staunte und staunte über alles, was seinen Weg in meinen Geist fand. Ich begann zu weinen angesichts der Schönheit der Welt, ich hatte schon lange nicht mehr geweint, und schon gar nicht so heftig. Augenblicke später musste ich lachen; so sehr lachen, dass mir die Zwischenrippenmuskulatur schmerzte. Manch Erfahrung war wirklich schräg, zum Beispiel dass ich kindlich wurde oder auch kurz nicht wusste, wer, wo und wann ich bin. Ich war zwischendurch nur noch ein wahrnehmendes Etwas in einem Körper, ohne Vergangenheit oder Persönlichkeit. Dieser Zustand wird auch Selbstauflösung genannt.

Als ich langsam wieder zu mir kam, zurück zu mir selbst fand, hatte ich die Angst vor dem Tod verloren. Mir war gleich, ob und wann ich sterben würde. Ich fühlte mich der Natur so nah nie zuvor; das hat mir die Angst genommen und ich verstand: Der Tod ist Teil der Natur, der Tod ist vollkommen natürlich. Ich erkannte, dass alles Physik und Chemie ist, miteinander verbunden. Dass der Mensch, für wie einzigartig oder wichtig er sich selbst auch erachtet, nur eine Ausnahme ist. Ein Nichts im unendlichen Universum, unbedeutend angesichts all der Zeit, die bereits vergangen war und noch kommen wird.

Im Nachhinein macht mich sehr nachdenklich, dass ich mich trotz all des empfundenen Glücks auch einsam fühlte. Ich wusste, ich bin nicht allein, schließlich machten wir zu zweit diese Erfahrung, dennoch spürte ich eine große Einsamkeit und Leere in mir. Sowohl in dem Zustand der Selbstauflösung, als auch danach. Ich habe verstanden, dass ich mich ganz oft im Leben einsam fühle. Einsam mit mir in meinem Kopf, gefangen im Schädel. Vielleicht ist das mein innerer Schatten, die Angst vor der Einsamkeit, die ich im Alltag nicht sehe, weil ich sie in das Schattenreich meiner Seele verdränge. Ich erkannte, dass dies meine größte Angst ist: Einsam zu sein. Ich fürchtete mich vor der Einsamkeit im Inneren, ich rief um Hilfe. Darius beruhigte mich. Es war schön, einen Freund an der Seite zu haben. Später tanzten wir im Turninneren, gingen die Treppen im Dunkeln auf und ab, sangen, lachten und weinten.

Zeit war keine feste Größe mehr, die Nacht dauerte Jahre. Dennoch ließ die psychoaktive Wirkung des Psilocins pünktlich zur Dämmerung nach. Die intensivere Farb- und Geräuschwahrnehmung blieb weiterhin. Die Musik war in der Zwischenzeit ausgegangen. Die erwachende Welt war ein einziges Farbenmeer, das Zwitschern all der unterschiedlichen Vögel ein phänomenales Konzert. Die Dämmerung verdrängte die Nacht, dem Dunkel folgte Farbe für Farbe. Violett, blau, türkis und grün breiteten sich in allen Schattierungen über den Himmel aus, die wenigen Wolken am Horizont färbten sich orange, rot, rosa. Über den Tälern bildete sich ein leichter Nebelschleier.

Und schließlich ging die Sonne auf. Das Gold ihrer Strahlen erhellte den Himmel und wärmte unsere staunenden Gesichter. Der Sonnenaufgang war der schönste, den ich je gesehen hatte; die Intensität der Farben war atemberaubend. Mit Anbruch des Tages fanden wir zurück in die Realität; wir fühlten uns wie neugeboren. Innere Ruhe machte sich breit. Wir beobachteten aus der Ferne große Kehrmaschinen, die Müllabfuhr und wie Menschen in Verkehrsmittel stiegen, um ihrem Tagewerk nachzugehen. Endlich wurde es etwas wärmer, wir sprachen über das Leben, über unsere Erfahrungen.

Wenig später setzte bei mir die Müdigkeit ein. Ich rollte mich in die Decke ein und legte mich schlafen. Darius machte Musik und sah sich noch etwas um. Er weckte mich etwa eine Stunde später und wir räumten alles auf und machten uns auf den Heimweg. Wir nahmen eine andere Route durch den Wald; eine kleine Morgenwanderung. Die Natur erschien in ihren schönsten Farben, jegliches Bunt an Sträuchern, Blumen, Schmetterlingen zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Der Wald duftete. Einige Male blieben wir vor gefällten Baumstämmen stehen und atmeten tief den holzig-harzigen Duft ein. Später in der Straßenbahn schlief Darius direkt ein. Ich weckte ihn an meiner Zielhaltestelle, wir verabschiedeten uns und jeder ging seinen Weg nach Hause.

Erschöpft legte ich mich ins Bett, reich an Erfahrungen, reich an Erkenntnissen. Ich schlief einen traumlosen Schlaf.

Die Ernte.

30. Juli 2013

Einem besten Freund, der in der schwierigsten Zeit meines Lebens für mich da und immer verlässlich war, ging es die letzten Tage nicht gut. Wir schrieben miteinander, ich habe ihm meine Unterstützung zugesichert und gesagt, dass ich für ihn da bin wie er es einst für mich war. Ein paar Tage war ich besorgt und fragte nach seiner Befindlichkeit, es schien aufwärts zu gehen. Gestern hatte ich ein ungutes Gefühl und habe ihn aufgesucht. Er war nicht da. Wir haben uns verabredet und getroffen. Er erzählte mir ausführlich, was passiert war und brach daraufhin und immer wieder in Tränen aus. Währenddessen habe ich ihn getröstet und gehalten; es war das erste Mal, dass er in meiner Gegenwart derart emotional wurde und über seine Gefühle sprach — obwohl wir sehr viel miteinander reden und nah zueinander stehen.

Nach vielen Worten wurde er klarer und es schien ihm besser zu gehen. Es war später Abend als er mein Angebot, in meiner Wohnung zu übernachten, annahm und wir nach Hause gingen.

In der Nacht dachte ich darüber nach, wie ich mich nach meinem Outing fühlte: vollkommen hilflos. Trotz allem Übel hatte ich Menschen an meiner Seite, die mir Unterstützung verschiedenster Art boten: Unterschlupf, Geld, Hilfe bei der Bewältigung von Papierkram, Fahrten in verschiedene Städte zur Klärung der Zukunft, Sachgegenstände und Kleidung, doch vor allem aufmerksame Ohren, zuversichtliche Worte und warmes Herz.

Meine Situation lässt sich objektiv nicht mit der des Freundes vergleichen, subjektiv gab es aber viele Gemeinsamkeiten, hier einige: die Annahme, es könnte keine Besserung geben, keine Auswege, nur schlechte Kompromisse. Erstklassiger Totalschaden.

Für mich war es interessant zu sehen, dass ich nun in einer Stellung bzw. Verfassung bin, Hilfe und Wärme zu geben. Dass ich Liebe spenden kann, wo sie bitter benötigt wird, und eine Schulter zum Anlehnen. Nie hätte ich das für möglich gehalten, dass ich, der kleine, schwache Junge, jemals Hilfe in Not- und Ausnahmesituationen leisten könnte.

Natürlich war das, was dem Freund passiert ist, nicht gut. Dennoch hat es mir gut getan, zu sehen, dass ich stärker geworden bin. Stark genug, um emotionale Extremsituationen abfedern zu können. Ein Hafen auf einer Insel, an der man getrost anlegen kann.

Solche Ereignisse haben ein ungeheuerliches Bindungspotenzial. Freundschaften werden stärker, man steht sich näher und entwickelt ein besseres Verständnis füreinander. Das hatte ich schon oft mit dem Freund erleben dürfen, bisher jedoch auf meine Probleme bezogen.

Es macht mich glücklich zu erkennen, was Freundschaft schaffen kann. Meine Stärke ist das Ergebnis der Wärme der Menschen, die zu mir standen und die an mich glaubten.

(Dem Freund geht es heute besser, seine Probleme scheinen sich tatsächlich zu lichten.)

Geduldsspiel.

4. Januar 2013

Großeinkauf bei ALDI in der Innenstadt, der Wagen ist bis oben hin voll. Endlich bin ich an der Reihe und packe mein Zeug sowie den Pfandbon auf das Band, alles wird schön eingescannt. Mangels Bargeld möchte ich mit Karte zahlen, das Gerät aber sagt: Karte verfallen, denn seit drei Tagen ist 2013. Ist mir in dem Moment sehr peinlich. Ich lasse meine Einkäufe hinter der Kasse stehen und verspreche der Kassiererin, dass ich wieder komme. Ich fahre mit dem Bus nach Hause, tausche alte gegen neue Karte aus, hänge schnell noch die Wäsche auf, führe im Treppenhaus ein Gespräch mit der Nachbarin und fahre mit dem Bus wieder in die Stadt. Im ALDI angekommen gehe ich direkt zur Kassiererin, die mich verwundert ansieht und sagt, ich solle kurz warten, bis sie fertig mit dem aktuellen Kunden ist, danach sei die Kasse geschlossen. Der Kunde ist fort, ich bin an der Reihe. Die Kassiererin versucht den Bon über meine Einkäufe zu stornieren, das klappt aber nicht. Sie klingelt und eine Frau in blau kommt angelaufen und sagt, ich solle mit zu einer anderen Kasse und meine Einkäufe dort noch einmal auf das Band legen. Auch sie versucht den Bon von vor einer Stunde zu stornieren. Sie vermutet, dass einer Stornierung wohl deshalb nicht statt gegeben wird, weil Pfand auf dem Bon ist. Weitere Kunden haben bereits hinter mir eine Schlange gebildet. Sie klingelt und ein großer Mann im Anzug kommt angelaufen und sagt, ich solle die Sachen wieder in den Wagen packen und warten, er müsse jetzt an einer anderen Kasse Diebstahl aufklären. Ich packe mein Zeug ein und stelle mich in eine Ecke und beobachte mit der Frau in blau, wie der Mann ein wirklich sehr verdächtig aussehendes Ehepaar beim Klauen ertappt. Die Frau in blau sagt, dass es nun noch länger dauern würde. Ich sage: Kein Problem, ich habe Zeit. Frau in blau und Mann im Anzug verschwinden mit dem Junkie-Ehepaar im Laden. Ich lächle die Kassiererin an, sie sagt: Heute ist wirklich alles verrückt! Wenige Minuten später kommt die Polizei und verschwindet auch im Laden. In der Schlange steht nun ein Junge meines Alters, verdammt sieht er freundlich aus! Moment, den habe ich mal im Bus gesehen; er ist mir damals schon aufgefallen. Auch er versucht zu bezahlen, jedoch: Karte verfallen. Die Kassiererin lacht und sagt: Kann doch nicht wahr sein! Das hatten wir noch nie! Ich lache ebenfalls, aus anderen Gründen, aber leider hat der Junge genug Bargeld bei sich und muss nicht mit mir in der Ecke warten. Wir werden keine Freunde und ich sehe wieder einen Menschen davon ziehen, den ich gerne kennengelernt hätte. Kurz darauf kommt die Frau in blau und versucht noch einmal den Bon zu stornieren, klappt auch diesmal nicht. Ich schlage vor, Bargeld zu holen, damit die Differenz in der Kasse ausgeglichen ist. Beide Frauen fassen sich an die Stirn. Ich gehe zur Bank und laufe zurück zum ALDI und möchte bezahlen, jedoch ist der Kassenzettel nicht aufzufinden und noch einmal alles auf das Band zu legen würde die Differenz nicht ausgleichen. Die Kassiererin klingelt und die Frau in blau kommt angelaufen und sagt eine Summe. Ich bezahle und bedanke mich für die Umstände und die Frau in blau sagt, dass sei gut so gewesen, denn nun könnten sie einen Fehler im Kassensystem melden. Die Kassiererin lächelt mich an: „Hätte nicht gedacht, dass Sie wieder kommen. Die meisten Leute lassen ihre Einkäufe stehen und wir dürfen das alles dann wieder einräumen. Aber so sehen Sie auch nicht aus.“ Ich bedanke mich: „Freut mich, dass ich nicht so aussehe. Ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, noch einmal einkaufen zu gehen, aber ich wollte auch nicht, dass irgendwer die Sachen wieder einräumen muss.“ Wir lächeln uns an.

Im Nachhinein bewundere ich meine Geduld in der ganzen Sache. Ich habe über eine halbe Stunde in einer Ecke gewartet und war weder frustriert noch wütend darüber, im Gegenteil: es hatte sogar etwas Beruhigendes, die Menschen und ihre Einkäufe an mir vorbei rauschen zu sehen, zudem hatte mein Abend mal einen anderen Inhalt. Sicherlich hat es mir gut getan, nicht den immer gleichen Gedanken in meinem Kopf nachzuhängen, sondern einfach mal die Umgebung zu beobachten.

Vermutlich hätten Freunde den selben Effekt.

19:41.

30. Oktober 2012

Wir sind in einem Kaufhaus. Die Jacken und Mäntel, die er mir zum Anprobieren ausgesucht hat, sind zu groß oder zu lang für meinen zierlichen Körper, und auch die Verkäuferin konnte mir kein passendes Kleidungsstück reichen. Ich probiere einen Mantel an, den ich selbst ausgesucht habe und von dem ich glaube, dass er zu mir passen könnte. „Wow, steht dir wirklich gut!“, sagt er. „Hätte ich jetzt nicht gedacht.“ Die Verkäuferin mustert mich und sagt schließlich: „Steht ihm ausgezeichnet! Da sieht man mal wieder: Kinder haben meistens einen anderen Geschmack als die Eltern.“ Ich blicke ihn an und wir müssen beide plötzlich lachen. Ich kann ihm aber nur kurz in die Augen sehen; ich schaue zu Boden, bin verlegen und traurig über diesen Moment, doch ich lächle, um es zu überspielen.

Im Laufe des Tages lachen wir mehrmals über diese Situation, denn er ist nicht mein Vater, er ist mein Freund. „Dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. Aber du könntest natürlich mein Adoptivkind sein, oder ich dein Stiefvater.“ Er macht kurz Pause und sagt leise: „So jemanden suchst du doch auch, nicht wahr?“ – „Einen Daddy? Nein, also das wäre nichts für mich…“ – „Das meinte ich nicht. Jemanden, der sich um dich kümmert.“ – „Ah, ich verstehe. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern, aber es wäre schön, wenn da jemand wäre. Jemand, der ‚da‘ ist für mich, der Vertrauen, Sicherheit und vor allem Ruhe ausstrahlt, alles andere ist variabel. Ich mache das nicht am Alter fest, nur scheint es niemanden in meinem Alter zu geben, der das bieten kann… Es ist auch unmöglich, all das mit zwanzig schon zu haben. Muss man sich ja erst aufbauen, indem man reifer wird.“

Der Tag verstreicht, die negativen Gefühle der letzten Wochen spielen nur noch eine Nebenrolle, wir werden wieder zärtlicher zueinander, doch immer noch können wir uns nicht küssen. Nach einem unerwartet schönen Abend sitzt er am Rand meines Bettes. Wir sprechen über unsere Beziehung und ob und wie es weitergehen sollte, inwiefern es überhaupt weitergehen kann mit uns. Ich frage ihn: „Du hast einmal gesagt, selbst wenn es deinen Partner nicht geben würde, wäre ich nicht die zweite Wahl. Was bedeutet das?“ Er atmet tief ein und sagt mit brüchiger Stimme: „Du wirst die Antwort nicht verstehen, aber bitte glaube mir, ich kenne sie.“ – „Bitte sag‘ sie mir trotzdem.“ Er sieht lange zu Boden, Tränen laufen ihm über das Gesicht. „Weil du gehen wirst.“ – „Nein, ich…“ – „Ich weiß, das ist wieder so ein blöder Satz, aber du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Ich habe es selbst erlebt. Du bist noch so jung, gerade erst in’s Berufsleben eingestiegen; wenn du nur wüsstest, was das mit einem macht! Du hast noch so viel vor dir, ein ganzes Leben! Vor zwanzig Jahren war ich ein vollkommen anderer Mensch. Ich bin so froh, diese ganze Scheiße nicht noch einmal durchmachen zu müssen, dieses ganze Leid.“ Ich höre zu, kann nichts antworten. Nach einer kurzen Pause sagt er leise: „Schau‘ mal, die Sache heute im Kaufhaus: so würde es immer sein. Hat mich so sehr getroffen, dass ich in dem Moment überlegt habe zu gehen. Stattdessen habe ich versucht es mit Humor zu nehmen.“ – „Ich weiß, wir haben so sehr darüber gelacht, weil es so tragisch war. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Es tut mir so leid.“ Ich drücke ihn an meine Brust und streichle ihm über den Kopf, wir weinen beide. Im Hintergrund läuft Die Nacht, sein zweites von insgesamt sieben Mixtapes für mich. Ich atme in seinen Nacken und spüre seinen Herzschlag. Ich flüstere die drei Worte in sein Ohr, die ich ihm seit Wochen nicht schreiben konnte, und sage: „Du bist so perfekt. Ich werde nie wieder jemanden treffen, der so ist wie du. Es ist unmöglich.“ Er schaut auf zu mir, die Augen gerötet. Ich werde niemals jemanden treffen, der solch blaue Augen hat, denke ich, mit weißen Ringen darin, von denen du sagst, ich hätte sie entdeckt. Alle nach dir werden sich an dir messen müssen, du wirst unerreichbar sein, weil du genau das für mich bist. Er antwortet: „Ja, du hast leider Recht. Du wirst viele Menschen kennenlernen, aber niemals jemanden wie mich. Ich weiß es doch selbst. Noch heute, zwanzig Jahre später, tut es weh, wenn ich meiner ersten großen Liebe begegne. Du weißt, vor drei Wochen habe ich ihn getroffen, nach Jahren wieder. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen… Ich verstehe dich und ich weiß: alles, was ich sage, macht es weder einfacher, noch besser für dich. Es hilft nicht weiter. Nicht dir, nicht mir. Du wirst es verstehen, wenn du so alt bist wie ich.“

In der Nacht küssen wir uns, wie habe ich seine Lippen vermisst, wir lächeln uns an. Ich flüstere, die Trauer auf meinen Lippen: „Ich habe die Liebe meines Lebens verloren, aber nicht dich.“ Ich schlafe in seinen Armen ein und träume von einem Kaufhaus, in dem es anscheinend alles zu haben gibt, was ich mir wünsche. Ich schaue mich um und erkenne viele Träume und Ziele wieder, doch was ich mir am meisten wünsche gibt es dort nicht. Ich verlasse den Laden mit leeren Händen.

Jim Croce: Photographs And Memories.

Ist mir wichtig.

26. September 2012

Das Konzert ist vorbei, der Abend war großartig, die Nacht voller Worte und Zuneigung; jetzt putzen wir uns die Zähne. Das haben wir noch nie gemacht, du und ich. Ich sage: „Bei Menschen, die mir egal sind, traue ich mich eher, sie Dinge zu fragen, die zu nah gehen könnten, denn ich habe nichts zu verlieren. Bei Menschen, die mir wichtig sind, muss ich mich sehr überwinden, denn hier habe ich viel zu verlieren; gleichzeitig gewinne ich dazu.“ Und ich traue mich und frage dich: Wollen wir heute in einem Bett schlafen?

Ich habe dich in den Schlaf gefaselt, das merke ich an deiner Atmung und darüber muss ich lachen. Ich liege noch lange wach, kann nicht einschlafen, so viele Gedanken in meinem Kopf, so viele Sätze und Sorgen. Aber es ist schön, neben dir zu liegen und zu wissen: Das ist die engste Freundschaft, die es geben kann. Vertrauen und Geborgenheit, Spaß und Tiefe, alles ist da. Wir liegen hier beide nackt und es ist kein Problem, nicht anzüglich, nicht sexuell. Wir schlafen in einem Bett, wie es am gemütlichsten ist.

In der Nacht habe einen Traum. Mein Onkel schlägt mich mit meinem Gürtel, dem aus Stoff mit dem Metallende. Ich sehe aus der Extrospektive wie ich geschlagen werde und kann meine Gedanken hören. Es tut mir im Traum nicht weh, ich höre mich denken: „Es hört bald auf und dann ist sein Frust fort und er glaubt, mir weh getan zu haben. Gleich ist es vorbei, gleich ist es vorbei.“ Dann wache ich auf, bin total erschrocken, aufgewühlt und verschwitzt. Ich weine ein wenig, bis ich begreife, wo ich bin: neben dir. Das schlechte Gefühl ist sofort weg, ich höre auf zu weinen. Ich weiß, ich bin sicher. Hier kann mir nichts passieren.

Manchmal habe ich ein Gefühl, ich nenne es meine kleine Schachtel. Das kommt immer dann zu mir, wenn ich mich sehr sicher und geborgen fühle; wie in Watte gepackt. Ich mag die Vorstellung, dass ich in einem weich gefütterten Sarg liege; und jetzt musst du sicher lachen, denn genau so fühle ich mich, wenn ich neben dir liege. Danke, mein Marcus.

Amsterdam.

27. April 2012

Zusammen mit anderen Freiwilligendienstleistenden bin ich für eine Woche nach Amsterdam gefahren. Die Stadt hat mir äußerst gut gefallen: klein, dicht bevölkert, großes Angebot an Kunst und Kultur. Die Grachten und diese seltsam-schief aneinander gereihten, niedlichen Häuser, das viele Grün und die Fahrräder überall, die Beleuchtung bei Nacht: wunderschön. Eine durch und durch tolle Stadt, die man gesehen haben sollte.

Am Montag, dem Tag der Anreise, habe ich morgens noch überlegt, ob ich nicht einfach im Bett liegen bleiben und mich später krank melden soll, nachdem der Reisebus auf jeden Fall schon unterwegs ist. Ich wusste genau, was mich erwarten würde: eine Woche unter mehr oder minder Gleichaltrigen, für die ich unsichtbar bin und mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation war größer als die Freude auf eine erlebnisreiche Woche in einer Weltstadt. Ich wollte viel lieber arbeiten. Das alte Nähe/Distanz-Problem. Doch wie es bei mir immer so ist, bin ich letztlich doch aufgestanden, denn das Auslandsdatenpaket war schon gebucht und der Koffer bereits gepackt, und auf Ausräumen und Stornieren hatte ich keine Lust. Form follows function.

Nun saßen wir also im Reisebus und fuhren nach Amsterdam. (Etwa 150 Personen, zwei Reisebusse.) Dort angekommen hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr auf die anderen Mitreisenden. Immerhin durfte ich mir die Menschen aussuchen, mit denen ich mein Zimmer teilen sollte; das war gut. Als Gruppe von etwa zwanzig Personen, die ich alle nicht kannte, haben wir uns am späten Nachmittag aufgemacht und die Stadt erkundet, sprich: die Anderen haben einen Supermarkt gesucht, in dem man Alkohol kaufen konnte, und danach einen Coffeeshop, in dem man Zeug rauchen konnte. „Na super…“, dachte ich und habe mich aus dem Staub gemacht, um allein die Stadt kennenzulernen.

Ich bin durch die Straßen Amsterdams gelaufen, über die vielen Brücken und Grachten und habe mich genau umgesehen. Überall tolle Architektur, an jeder Ecke etwas, das ich interessant oder schön anzusehen fand. Und dann wurde es auch schon dunkel, und ich wurde melancholisch.

Ich habe viel über unglückliche Dinge und über mich nachgedacht, als ich alleine durch die Nacht ging, meinen ganz eigenen Stadtrundgang im Dunkeln machte. Ich wollte nicht mit den Anderen sein, ich wollte mir die Reise nicht mit Alkohol und Drogen verderben, doch allein sein wollte ich auch nicht. Also machte ich mir Gedanken. Ich habe an meine gescheiterte Beziehung gedacht, ich dachte an Freunde, die mir nach wie vor fehlen, an meine Eltern, die mir fern sind, an die Familie, die mir immer fremder wird. Ich dachte daran, wie ich mir alles anders vorgestellt hatte. Und zu guter Letzt dachte ich, dass ich einsam bin, dass ich niemanden habe, der mich begleitet auf meinem Weg. Ich stand allein auf einer Brücke über der Amstel, der Wind war kalt, das Wasser unter mir rauschte nur so vorbei. Ich sah den Fluss hinauf und hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als in der Ferne ein Schiff aufleuchtete, in schillernden Farben, ganz bunt. Es kam immer näher auf mich zu, es war farbenfroh und irgendwie niedlich, weil es bei näherer Betrachtung doch nicht so groß zu sein schien wie ich vermutet hatte. Es fuhr vorbei und nahm all meine dunklen Gedanken mit sich. Und zurück blieb etwas wie Glück in meinem Herzen, eine tiefe Zufriedenheit, ein starkes Selbstbewusstsein. Fortan dachte ich an die guten Dinge in meinem Leben, an den Mann, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, an seine Augen, seine starke Seele. An die vielen Menschen, die bei mir sind, auch wenn ich sie nicht oder selten sehe. Ich dachte an das vergangene Wochenende, den Geburtstag meines Vaters und meinen Überraschungsbesuch, den Abschied am Bahnhof, das Herzklopfen in Stuttgart, die Umarmung in Frankfurt, das Gewitter auf dem Maintower, das ich mit einem besonderen Menschen erleben durfte, hautnah. Ich dachte an meinen Lieblingsmitbewohner und seine Freundin, an die verkuppelten Fahrräder vor dem Fenster, an die Kinder, an meine Eltern, die mich lieben, an meine teuren Freunde, die da sind für mich, die mich anrufen, anschreiben, sich mit mir treffen, mit mir reden. Ich dachte an mich und welch‘ Glück ich doch habe, und dass ich glücklich sein sollte. Und ich war es, ich war glücklich auf dieser Brücke, in dieser Nacht, in der ich mich einsam fühlte. Ich ging durch Amsterdam und lächelte. Ich bin allein gewesen, aber ganz sicher nicht einsam. Ich habe Liebe im Herzen, Träume für die Zukunft, Ziele in Nah und Fern. Ich bin nicht einsam, ich bin höchstens etwas verwirrt und gerade dabei, erwachsen zu werden. Alles gut.

Morgen mehr.

Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

Hoch oben.

24. Dezember 2011

Wir befinden uns tausend Meter oberhalb des Meeresspiegels, der Schnee vor der Glasfront ist um weitere zehn Zentimeter gewachsen und das Wasser im Becken hat eine Temperatur von dreiunddreißig Grad Celsius erreicht. Es ist zwei Stunden nach Mitternacht und wir sind ganz allein in einem Hallenbad auf den Bergen. Niemand ahnt, dass wir dort sind und unerlaubterweise Tore und Türen aufgeschlossen, das Licht eingeschaltet und Musik eingelegt haben. Keiner kann uns sehen, denn wir sind die einzigen Menschen im ganzen Feriendorf. Nur der Schnee draußen, der groß angesagte Sturm — nur er allein kennt unser Geheimnis.

„Spring!“ ruft Bene und ich sehe zu ihm hinab in das himmelblaue Wasser, das fünf Meter unter mir Wellen schlägt. „Spring!“ sagt er und winkt mit den Armen. „Ist tief genug, vertrau‘ mir!“ Ich habe schon Schlimmeres überlebt und bin weitaus tiefer gefallen, denke ich und springe vom Balkon des zweiten Stockwerkes, weil es keinen Sprungturm gibt. Ich tauche kerzengerade in das Wasser ein und berühre mit den Händen den Boden, tauche schnell wieder auf und schwimme zur blauen Matte, an der sich Bene fest hält. Ich sage lächelnd „Wow!“ und wir schauen uns lange in die Augen, treiben wortlos mit der Matte im Wasser umher, das nach meinem Sprung wieder zur Ruhe gekommen ist.

Wir sprechen nicht viel, wir lächeln die meiste Zeit und geben einander Halt. Wir lassen nicht los, gehen nicht unter, stehen aber auch nicht still, bleiben immer in Bewegung. Irgendwie glücklich und dennoch rastlos treiben wir durch das Wasser. Wir halten fest an unserer seltsamen und seltenen Freundschaft und singen beide fehlerfrei den Text zu „Mad World“ mit, während der Schneesturm die Welt außerhalb der Glaskuppel unter sich begräbt.

Wir sind beide noch auf der Suche nach Antworten, für die es keine Fragen gibt, denke ich und flüstere: „Going nowhere, going nowhere.“ Aber hier kann uns nichts passieren, hier sind wir sicher. Hier gibt es weder Furcht, noch Reue, Probleme oder Sorgen. Hier gibt es keine „Anderen“, weil sie hier und jetzt vollkommen unwichtig sind. Hier gibt es nur diesen Moment und dich und mich. Und nur das zählt. Das allein.

Kurz vor Tagesanbruch — Die Haut an uns beiden ist vollkommen faltig und verschrumpelt, und wir sehen ein bisschen aus, als wären wir soeben zur Welt gekommen — steigen wir aus dem Wasser, verwischen all unsere Spuren und verlassen das Hallenbad. Wir kämpfen uns durch den meterhohen Schnee zur Wohnung hindurch und tragen dabei lediglich Badehose und Badeschlappen, sind im Grunde nackt, weil wir Stunden zuvor nicht mit derartig krassem Schneefall gerechnet haben und des drolligen Gefühls wegen nur mit Badehose bekleidet ‚rübergelaufen sind.

„Schlaf‘ gut!“ sagt Bene später im Bett und dreht sich auf den Bauch. „Gute Nacht!“ sage ich und denke: Danke, dass es dich gibt! Danke für die tollen Tage und den Urlaub mit dir. Was für ein Glück, dass ich dich kenne und bei dir sein kann! Schlaf‘ gut, Bene, mein bester Freund.

Skarlet.

14. Dezember 2011

Eine Freundin aus der Heimat befindet sich derzeit in der Psychiatrie. Wir sind sehr gut befreundet, sie liegt mir sehr am Herzen, und dennoch haben wir in den letzten Monaten kaum voneinander gehört. An dem Tag, an welchem ich das Haus meiner Eltern verlassen und mich für ein neues Leben entschieden habe, war sie für meine Familie da und hat abends während des ersten aufklärenden Telefonats zwischen mir und meiner Familie vermittelt. Monate später haben wir einen ganzen Tag damit verbracht, auf einer Parkbank im Nirgendwo zu sitzen und miteinander zu reden. Diesen Tag zähle ich zu den schönsten und wichtigsten meines Lebens.

Nun, Skarlet habe ich zuletzt vor meinem Umzug nach Kassel gesehen, zwei flüchtige Stunden am Morgen. Dabei erzählte sie mir, dass es ihr nicht gut ginge, sie sich traurig fühle und keine Lust mehr auf ihr derzeitiges Leben habe. Sie bewundere die Kraft, mit der ich alles schultere, und sie sei auf der Suche nach psychologischer Hilfe, habe sogar schon die fünf von der Krankenkasse bewilligten Erstgespräche bei fünf verschiedenen Stellen verbraucht. Jemanden gefunden, bei dem sie sich wohl fühlen konnte und der ihr vielleicht hätte weiterhelfen können, habe sie nicht.

Ich wohne nun seit vielen Wochen in Kassel, und in dieser Zeit habe ich nichts von Skarlet gehört; mich bei ihr gemeldet habe ich aber auch nicht. Dann klingelt an einem Sonntag mein Handy und es ist Skarlet. Sie sagt, dass sie nur ganz kurz mit mir reden kann, und fragt mich, wie es mir geht. Ich antworte und frage, weshalb sie so traurig klingt. „Meine Hausärztin hat mich in die Psychiatrie eingewiesen“, sagt sie. „Ich hatte einen Zusammenbruch und seitdem bin ich hier. Bekomme Medikamente, darf einmal pro Woche mit einer Psychologin reden. Was ich bescheuert finde, aber das hier ist im Moment besser als mein Leben.“ Das Telefonat dauert keine drei Minuten und endet damit, dass Skarlet sich panisch verabschiedet und auflegt, und dass ich den Tränen nahe und ziemlich verwirrt bin.

Nach zwei Wochen Funkstille schreibe ich ihr eine SMS.

Hey Skarlet, ich weiß nicht, ob ich mich derzeit einfach so bei dir melden kann. Ich hoffe, es geht dir gut. Ich denke oft an dich und würde mich sehr freuen, von dir zu hören. Aber fühl‘ dich nicht verpflichtet. Ich will nur, dass du weißt, dass du dich immer bei mir melden kannst. Pass‘ auf dich auf. Dein Attila.

Keine Antwort. Heute habe ich dann der Mutter geschrieben:

Hallo, hier ist Attila. Ich erreiche Skarlet schon seit einer Woche nicht, geht es ihr gut? Darf ich sie am Freitag in der Klinik besuchen? Grüße aus Kassel!

Wenige Minuten später schreibt die Mutter zurück.

Es geht ihr schlecht. Sie will auch keine Besuche. Uns antwortet sie auch selten, sie hat mich heute auch wieder weggeschickt. Nimms nicht persönlich, sie ist total durch den Wind und ist mit allem überfordert. Echt heftig! Ich glaube sie braucht einfach jetzt Zeit für sich. LG

Ich mache mir große Sorgen, weiß so gut wie nichts und frage mich, ob ich Skarlet nicht trotzdem besuchen sollte. Ob sie sich freuen würde, mich wieder zu sehen, ob ich eine Stütze für sie und keine Belastung wäre.

Ich werde zwei Tage in Baden-Württemberg sein, muss Fingerabdrücke abgeben, damit ein neuer Ausweis ausgestellt werden kann. Und am Freitag würde ich Skarlet gerne besuchen. Denn eigentlich beunruhigt es mich, dass ich in der letzten Zeit nicht für sie da sein konnte, dass ich auch in den nächsten Jahren kaum in BW sein werde. Wenn ich sie jetzt nicht besuche, oder es nicht versuche, würde ich mich noch schlechter fühlen, als ohnehin schon. Es ist nicht Pflichtbewusstsein oder ein schlechtes Gewissen, das mich treibt. Ich möchte sie nur nicht noch mehr hängen lassen.

Was ist euer Rat?

Liebe Sue.

18. November 2011

Erst einmal möchte ich mich für die verspätete Antwort entschuldigen. Seit dem 10. November hat sich viel ereignet, und es fühlt sich für mich an, als ob sich in dieser einen Woche mein Leben mehrmals geändert hätte. Nicht mein Leben selbst, sondern die Möglichkeiten und Aussichten meines Lebens. Ich habe, nachdem du mir geschrieben hast, die Psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht und mir dort helfen lassen. Deine Nachricht hat etwas in mir ausgelöst, sie hat den Eispanzer gesprengt, den ich dem Anschein nach in mir hatte. Einen Tag später habe ich zusammen mit Marcus beschlossen, dass ich wieder zu ihm ziehe. Dem Vermieter/Mitbewohner in der Übergangs-WG habe ich erklärt, dass ich nicht mit der selbst auferlegten Einsamkeit und dem neuen Leben klar komme, und dass die WG für mich kein Zuhause darstellt, dass ich mich dort unwohl fühle. Dass das Wasser, in das ich gesprungen bin, doch zu kalt für mich ist, und ich Unterstützung von Freunden brauche und nur einen Freund in Kassel habe. Also habe ich gekündigt, eine Woche nach meinem Einzug. Im Laufe der Woche habe ich mir ein Bewerbungsgespräch für einen neuen Job erarbeitet — das lief sehr gut und vielleicht komme ich in die Psychiatrie oder in’s Krankenhaus. Die nächsten Tage, Wochen und Aktionen habe ich auch schon geplant. Du siehst, in dieser einen Woche gab es kaum Freiraum in meinem Kopf. Es ist so vieles passiert, und deshalb schreibe ich dir erst heute.

Ich möchte mich bei dir bedanken. Deine Nachricht war nicht direkt der Auslöser für meinen Nervenzusammenbruch, aber der entscheidende Schubser. Das habe ich sehr gebraucht, denn plötzlich konnte ich klar denken und in meinem Kopf hat sich alles auf das Wesentliche reduziert. Ich wusste genau, was mich an der aktuellen Situation stört und was ich ändern muss, damit es mir wieder besser gehen kann. Ich konnte im Nachhinein sogar lächelnd einschlafen. An den Ereignissen der letzten Woche spielst du also eine Schlüsselrolle. Dafür danke ich dir.

Was das Freunde finden angeht: mittlerweile habe ich mich mit einigen Menschen getroffen, und das Einsamkeitsgefühl ist nicht mehr so stark. Ich habe meinen Freunden „aus der Heimat“ geschrieben und sie angerufen, habe mir sogar überlegt, dass ich jedem meiner besten Freunde eine Postkarte schreiben werde, dessen Bild ich selbst fotografiere. Auch meinen Lieblingslehrern werde ich so eine Postkarte machen. Mit dem anderen Bundesfreiwilligendienst-Leistenden habe ich mich auch schon angefreundet und wir verstehen uns gut. Ich war sogar schon bei ihm zu Hause und nächste Woche möchte er mich ein paar seiner Freunde vorstellen. Es geht also voran.

Der Auszug aus der WG in ein Zuhause, dass ich bei Marcus sehe, ist die beste Entscheidung, die ich in dieser Woche getroffen habe. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit bei ihm und das trägt mich durch die Tage. Ich habe unterschätzt, wie unermesslich wichtig es ist, sich zu Hause zu fühlen an dem Ort, an dem man wohnt. Das ist tatsächlich die Grundlage für fast alles andere und ich kann nur darüber lächeln, wie achtlos ich mit dieser Tatsache umgegangen bin. Aber jetzt weiß ich es besser, jetzt hab‘ ich’s gelernt und mache es richtig. Wohlfühlen geht vor Pflichtbewusstsein.

Manchmal aber habe ich noch das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Vielleicht hätte ich den Jungen da drüben und das Mädchen dort hinten doch ansprechen sollen, vielleicht hätten wir uns gut verstanden und wären Freunde geworden. Vielleicht hätte ich das Leben eines Jemanden bereichert, und mir gleichzeitig das Leben gerettet. Vielleicht. Dieses Wort spüre ich dieser Tage so oft auf der Zunge. Das wird sich auch nicht so schnell wieder schlucken lassen, dafür ist es viel zu früh. Ich werde es mit mir tragen müssen und versuchen, es nicht auszusprechen, indem ich dagegen vorgehe und handle. Wenn ich mir denke „Oh, der sieht aber nett aus!“ werde ich nicht erst überlegen, ob ich ihn ansprechen soll. Ich werde es einfach machen. Auch wenn ich scheitern sollte, wird es kein „Vielleicht…“ und auch kein „Hätte ich doch…“ geben. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann nur noch gewinnen.

Und noch ein Dankeschön für diesen Song. Hat mir in den Momenten, in denen ich Ruhe gebraucht habe, sehr geholfen.

Mach’s gut und bis dann,

dein Hearty.

Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: „Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!“ Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt „Natürlich!“ und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: „Gönül ektiğini biçiyor.“

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

„Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön“, sagt sie. „Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.“

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In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: „Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?“ Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: „Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!“ Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.

Bester Freund.

6. Oktober 2011

Ich verlasse den Bahnhof und gehe die Straße in Richtung Ortskern entlang, bis ich weit in der Ferne die Gestalt von Bene erkennen kann. Das Wetter ist gut, es ist windig-warm und ich bereue es, eine dicke Jacke angezogen zu haben. Mein Herz schlägt mit jedem Schritt wilder, und als Bene vor mir steht, sprechen wir kein Wort und nehmen uns in den Arm. Es ist eine gute und ehrliche Umarmung. Ich merke an seinem Herzschlag, dass auch er aufgeregt ist: wir haben uns wirklich vermisst. Er sagt, dass ich gut und gesund aussehe. Ich lobe die Entspannung in seinem Gesicht und frage, ob er in den letzten zwei Monaten gewachsen ist. Ich komme mir plötzlich klein vor, fühle mich aber sehr wohl dabei, weil es Bene ist. Wir lachen beide wegen unserer eigenartigen Komplimente und gehen zu ihm nach Hause.

Bene wohnt noch bei seinen Eltern in einem tollen Fachwerkhaus. In seinem Zimmer reiche ich ihm sein Geburtstagsgeschenk, leider mit einem Monat Verspätung. Er liest aufmerksam den Brief, den ich ihm geschrieben habe, und lächelt. Es ist ein ehrliches Lächeln. Mit einem Ruck reißt er die Geschenkverpackung auf und legt das Game in die Konsole ein, um Einstellungen vorzunehmen und sich einen Überblick zu verschaffen. Dann gibt es Abendessen. Die Eltern und die drei Geschwister von Bene sind angenehm und wir verstehen uns. Das Essen schmeckt hervorragend und die Gespräche am Tisch sind lebendig. In seinem Zimmer schauen wir uns den Film an, den ich mitgebracht habe. Exam. Gefällt ihm sehr gut. Wir schalten die Xbox ein und spielen knapp drei Stunden lang sein Geschenk — Alan Wake —, und sind beide vollends begeistert. Die Spielatmosphäre ist düster und dunkel, und die Story beschert uns alle paar Minuten eine heftige Gänsehaut. Wir erschrecken uns an denselben Stellen und blicken uns dann aus den Augenwinkeln an, lachen darüber und spielen weiter. Kurz nach Mitternacht gehen wir schlafen.

Doch anstatt zu schlafen, reden wir. Ich erzähle ihm alles ganz ausführlich, die ganze Geschichte von Anfang an bis zu meiner Ankunft bei ihm. So umfassend habe ich bisher noch niemandem erzählt, was sich alles weshalb ereignet hat in den letzten Wochen. Bene hört aufmerksam zu und ist interessiert, stellt wichtige Fragen an den richtigen Stellen und sagt dann irgendwann, dass das alles drehbuchreif ist. Ich scherze: Dir ist aber klar, dass du bis dahin deine Theaterausbildung vollendet haben musst!? Ich bestehe darauf, dass du dich selbst spielst! Irgendwann nicken wir ein, sicher ist es schon nach zwei Uhr. Ich genieße es, dass Bene mein bester Freund ist und schlafe zufrieden ein.

In Heidelberg angekommen empfängt uns Jes und ist erst zögerlich und gereizt, aber schon nach fünf Minuten ist sie dieselbe Jes, wie wir sie kennen und lieben. Wir verbringen den Tag mit guten Dingen und gehen dann schlafen. Jes schläft in ihrem Bett und ich teile mir mit Bene ihre Ausziehcouch. Der Platz ist knapp, wir liegen unweigerlich nah beieinander. Nachts wache ich auf und merke, dass sich Bene an mich gekuschelt hat. Er liegt halb unter meiner und halb unter seiner Decke. Sein linker Arm hängt schlaff an mir herab und ich kann seine Atmung in meinem Nacken spüren. Ich lächle im ersten Moment, weil ich denke, dass es mein Held ist, realisiere aber dann, wo und bei wem ich bin. Ich empfinde Benes Umarmung als angenehm und irgendwie süß, habe aber das Gefühl, dass es falsch ist, so zu empfinden. Einerseits scheine ich diese Nähe zu brauchen, andererseits bekomme ich sie von der falschen Person. Ich denke kurz darüber nach, ob ich mich bewegen und seinen Arm woanders hinlegen soll, entscheide mich aber dagegen, weil ich Bene nicht aufwecken will und es ihm sicher peinlich wäre. Ich weiß nicht so recht, ob mein Verhalten nun richtig oder falsch ist, und schlafe grübelnd, aber dennoch zufrieden ein.

Dieses Ereignis verfolgt mich ein paar Tage lang, und ich denke viel darüber nach. Dass mich Bene — wenn auch versehentlich und im Schlaf — umarmt und mir somit Nähe, Sicherheit und Vertrauen vermittelt hat, ist etwas Gutes. Es gibt nichts Schlechtes daran, und auch dass ich das als angenehm empfunden habe, ist okay und normal. Nähe ist Nähe. Und ich freue mich so sehr, nach langer Suche sagen zu können, dass ich einen besten Freund gefunden habe, bei dem ich mich richtig gut und wohl fühle. Einen besten Freund, der Sicherheit und Nähe ausstrahlt und mich mag, wie ich bin. Das ist toll und macht mich glücklich.

Mittlerweile habe ich Bene von der Umarmung erzählt. Es war ihm etwas unangenehm, aber er sagte, dass er das gerne gemacht hat, auch wenn er nichts davon gemerkt hat. Kannst du immer bei mir haben!

Nächste Woche zieht Bene in ein kleines Feriendorf, um dort sein freiwilliges soziales Jahr anzutreten. Jes und ich, wir werden ihn bei Gelegenheit mal besuchen und ein paar Tage bei ihm übernachten. Ist ja schließlich ein Feriendorf! Und bald darauf sind die Beiden zu Gast in meiner WG. Ich male mir jetzt schon aus, was wir gemeinsam unternehmen, wohin wir fahren und abhängen könnten; was ich den Beiden kochen werde, und was ich dafür noch lernen und einkaufen muss. Ich denke viel über dieses Treffen nach, das vielleicht erst im Frühling nächsten Jahres oder sogar noch später stattfinden wird. Und es bereitet mir Freude, auf Wolken zu schweben, deren Zukunft allein in meinen Händen liegt.

Verpflegung inklusive.

29. Mai 2011

Ich sage Guten Morgen! und stelle meine Saftflasche auf den Tisch, packe Bonbons, Aspirin und diverse Schreib- und Zeicheninstrumente für die Prüfung aus und schaue auf meine Hände, als David plötzlich meinen Oberarm umfasst und mit einem erschreckend freundlichen Psychoblick sagt: „Guten Morgen, Heartcore! Ich brauch‘ dich, kann ich dich buchen?!“

Erst begreife ich nicht, was er mir zu sagen versucht, doch als es Klick! macht in meinem Köpfchen, sagt er, bevor ich ein Wort der Nachfrage sprechen kann: „Weißt ja, mein MacBook ist so lahm. Und da wollte ich dich fragen, ob du nicht mal Lust hast, zu mir nach Hause zu kommen. Wir könnten das Ding wieder auf Vordermann bringen, Filme schauen und reden. Ich wollte eh schon immer mal etwas mit dir unternehmen! Verpflegung inklusive!“

Ich schlucke und versuche den Schock zu verkraften, und weil ich kipple, falle ich fast vom Stuhl. Gerade so noch kann ich mein Gleichgewicht halten und Ja, klar! sagen, während ich WAS, WIE JETZT?! denke. David, der nun lacht, tätschelt mir den Kopf und gibt von sich: „Ganz ruhig, Heartcore! So schlimm wird’s schon nicht werden!“


Ich finde es erstaunlich, dass David auf mich zu gekommen ist und mich zu sich nach Hause (!) eingeladen hat, mir also zuvor gekommen und den ersten Schritt in Richtung Kontakt halten gegangen ist. Als hätte er das Blog hier gelesen; was mit Sicherheit nicht sein kann.
Freut mich sehr, dass es ihm nicht nur um den Computer-Support geht, sondern auch darum, dass wir Zeit miteinander verbringen, reden. Wie Zwei, die vielleicht ja doch Freunde werden.

Crushdiät.

17. Mai 2011

In weniger als einem Monat wird die letzte Prüfung geschrieben und meine Schulzeit offiziell zu Ende sein. Zwei Schuljahre, eine Depression und ein Klassenzimmer voller Idioten werden als Vergangenheit in meiner Erinnerung verweilen; zwei Schuljahre, die mich eine Menge an Kraft, viel Zeit und ein paar Freundschaften gekostet haben.

Ich habe in diesen zwei Jahren viel verloren, doch ist das Verlorene winzig neben all dem, was ich gewonnen habe. Und nein, in dieser Schule habe ich nichts für’s Leben gelernt. Alles, was ich in den zwei Jahren per Definition für’s Leben hätte lernen sollen, habe ich mir selbst beigebracht bzw. wurde mir von den Leuten vermittelt, denen ich glücklicherweise dort begegnet bin, wo ich sein kann, wer ich bin: hier im Internet.

Zwei Freunde habe ich in den zwei Jahren für mich gewonnen: Jes, das expressive Frauenwunder, und Bene, den klugen Sportler, der gleichzeitig der Jüngste in der Klasse ist. Mein Verhältnis zum Rest des Klassenverbandes ist eher bescheiden: ich bin freundlich, doch habe ich kein Interesse an ihnen.

Wobei… morgen wird mir David ein letztes Mal nahe sein, denn morgen ist der letzte normale Schultag vor den Prüfungen. Ich werde David und seinen Körper nie wieder bewundern, ihn nie wieder riechen und fühlen können. Diese Zeiten sind vorbei.

Am ersten Schultag habe ich mich von meinem Begehren leiten lassen und bin David gefolgt, nachdem verkündet wurde, dass ich mit ihm und ein paar Anderen eine Klasse bilden werde. David war der erste Mann, der mich schlagartig glühend machte, und ich weiß noch, wie stark die Erektion damals war, als ich ihn das erste Mal sah. Ich folgte meinem Begehren und wurde sein Sitznachbar.
In den folgenden zwei Jahren hat sich zwischen uns wenig verändert. Er ist nun 23, ich bin 18 geworden. Er ist schon immer zurückhaltend, klug und reif gewesen, ich lerne das zu sein. Anfangs rauchte er noch, jetzt raucht nicht mehr. (Ich weiß nicht, ob das etwas mit seiner sehr ernst gemeinten Frage zu tun hat, ob es mich störe, dass er raucht. Ich sagte, ich sei nicht so sehr erfreut davon.)

Und verdammt, David sieht noch immer unfassbar gut aus, auch ohne dass er so athletisch ist wie damals. Knuffig ist er geworden und wohlbeleibt, trägt einen leichten Bauch mit sich. Und bis heute ist mir kein Mann begegnet, an dem ein Vollbart so schön und so gepflegt aussieht wie bei David. Er ist noch immer wie Jake Gyllenhaal in tausend Mal schöner und begehrenswerter, und ich könnte hier noch stundenlang schwärmen und ihn und seinen Körper beschreiben, doch was letztlich zählt, ist: In diesen zwei Jahren hatte ich nie ein enges Verhältnis zu ihm. Wir waren mehr Kumpels als Freunde; wir haben nie über das gesprochen, was ich mit ihm gerne gesprochen hätte. Ich habe oft versucht und versuche es noch immer, ihm auf selber Augenhöhe entgegen zu treten; manchmal waren wir das, manchmal nicht. In seiner Gegenwart wurde ich still; David liebt die Ruhe und so wollte ich ihm ein ruhiger Sitznachbar sein. (Und ihn ganz still beobachten.)

Ich bereue aber, in Sachen Freundschaft nie auf ihn zu gegangen zu sein, weil ich es nicht konnte. Natürlich haben wir oft und täglich gesprochen, doch zumeist waren das leere Gespräche ohne wirklichen Inhalt. Mir ist bewusst, dass David nicht auf Männer steht und bereits verlobt ist, doch hätte ich ihn trotzdem gerne als Freund gewusst. Ich bereue es so sehr, ihn zwei Jahre lang nur still bewundert und angehimmelt zu haben; in der Zeit hätte ich ihm ein guter Freund sein können.

Es schmerzt, ihn gehen zu lassen. Mir werden all die Momente fehlen, in denen er mitfühlend war, reines Herz zeigte. Natürlich, er war schön anzusehen, doch nicht das macht ihn zu dem David, der er ist; sein Verstand und sein Verhalten, die Art, wie er beispielsweise spricht und sich auszudrücken weiß oder wie er mit mir umgeht, das zeichnet ihn aus. Sein Aussehen macht ihn lediglich attraktiver.

Ich bin nicht verliebt in David, doch dass ich noch immer einen Crush auf ihn habe, das kann ich nicht leugnen. Den Platz in meinem Herzen, den ich ihm gerne geschenkt hätte, habe ich an einen Anderen vergeben. Dennoch ist David der begehrenswerte Mann, der er schon immer war. Ich habe die Zeit neben ihm sehr genossen und denke, dass ich ein guter Sitznachbar für ihn gewesen bin.

Was ich am meisten vermissen werde, ist dieser milde Frieden, den sein Anblick in mir auslöste. Und dieses Lachen, wenn er mit hochgezogenen Augenbrauen und Stirnfalten zum Dahinschmelzen sagte, dass ich wieder einmal provokativ süß sei.

Mir stellt sich jetzt die Frage, was ich tun kann, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Tipps?

Ironie.

24. März 2011

Irgendwann mittags sitzen Jes und ich an der Haltestelle und warten auf den Bus. Die Sonne scheint warm und wolkenlos und Jes erzählt mir: „Dann fragte mich Jan, weshalb du eigentlich kein Frauenheld oder wenigstens jemand bist, auf den alle Frauen stehen, weil er findet, dass du ja schon gut aussehend bist. Ich war dann erst einmal entsetzt und sagte, dass sich Frauen grundsätzlich nur in Arschlöcher verlieben und du eben keines bist.“

Jes blickt auf zu mir und schaut mich an, ich blicke auf zu ihr und schaue sie an. Unsere Mundwinkel formen in Zeitlupe ein Lächeln — breiter, immer breiter — und dann lachen wir, weil wir beide die Wahrheit über mich und die Heldensache kennen.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Sensitivität.

21. Oktober 2010

Und noch Stunden später glühen meine Hände, als wäre dieses Wärmegefühl die Strafe dafür, dass ich seiner Haut zu nahe kam.

Nachts erkenne ich in jedem Winkel meiner Träume das Muster seines Strickpullovers in der Farbe seiner Kornblumenaugen. Ihn jedoch sehe ich nicht. Am nächsten Morgen glühen nicht nur meine Hände; mein Kopf scheint schwer und glühend-heiß.

Und mit einem Mal ist er mein Sitznachbar. Er riecht gut und atmet still. Mehrmals am Tag berühren wir uns; mal zufällig, mal weniger zufällig. Fieberhaft glühen die Gliedmaßen meiner linken Körperhälfte. Jede verstreichende Stunde an seiner Seite scheint eine kleine Ewigkeit zu sein.

Ein paar Berührungen mehr und ich werde zu keiner Zeit an der Kälte des bevorstehenden Winters leiden. Der tiefschürfende Schmerz jeder einzelnen Berührung wird mich warm halten, bis ich eines Tages stumm verglühe.

Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der „weise, türkische Junge“. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

„Es ist real, aber woanders.“ – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, „was besser wäre“. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so „reingerutscht“ bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.

Der 13. März.

13. März 2010

Heute vor zwei Jahren erreichte die Freundschaft zwischen mir und Paul ihren Höhepunkt. Nie zuvor war sie intensiver; nie wieder erlangte sie diesen Grad an Intensität.

Wenn ich an diesen Tag denke, leide ich, denn Paul befindet sich nun hinter dem schweren Vorhang der Vergangenheit.

Nie werde ich den Ausdruck seines angsterfüllten Gesichtes vergessen, als er jenes Blut an meinen Händen erblickte.

„Lass es uns ‚VV‘ nennen.“