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Eine schwierige Antwort. (16/42)

19. September 2015

Oft werde ich gefragt, wie sich die Beziehung zu meinen Eltern entwickelt hat im Laufe der Jahre. Ebenso oft weiß ich nicht, was ich darauf antworten sollte und sage stattdessen irgendetwas und wechsle das Thema. Ich möchte es mir mit diesem Text zur Aufgabe machen, darüber nachzudenken, denn der Grund für die fehlende Antwort ist die viel zu seltene Reflexion über diese Thematik.

Ich habe das Nest vor über vier Jahren verlassen, seitdem habe ich enorme Sprünge in meiner Entwicklung gemacht. Ich bin nicht mehr – so nahm ich mich wahr – ein einsamer, schwacher und labiler Junge. Ich bin angekommen und habe eine Heimat, in der ich mich wohl fühle, ich habe wunderbare Freunde in direkter Nähe, ich habe einen Alltag und eine Perspektive. Ich bin kaum noch traurig über die Umstände, die mich von meinen Eltern trennen. Ich bin stark und in guter Gesellschaft; meine Freunde sind allesamt Menschen, die Erfahrung darin haben, „anders“ zu sein, und das eint uns. Ich meine damit ausdrücklich alle Bereiche des Lebens, nicht nur die Sexualität. Sie geben mir Sicherheit und Selbstbewusstsein, denn ich bin nicht mehr allein wie vor vier Jahren. Mit ihrer Hilfe konnte ich mir einen Alltag aufbauen, der mir Struktur gibt und mich auffängt. Mit der Zeit erlosch die Depression und ich trauerte nicht mehr mit meinen Eltern um ihren verlorenen Sohn. Ich weiß heute, dass ich als Sohn versagt habe und erkenne gleichzeitig an, dass ich nicht nur Sohn bin.

Versetze ich mich in die Lage meiner Eltern – das kann ich nur aus meiner Sicht, und weil sie nicht mit mir über ihre Gedanken reden, kann ich nicht wissen, ob diese Darstellung ihrer Wahrheit entspricht – so sehe ich, dass sie sich einen Sohn wünschen, der mit einer Frau verheiratet und somit in ihrer Gesellschaft anerkannt ist, der vielleicht schon ein Kind hat und Verantwortung übernimmt. Was ich dabei arbeite oder studiere, was ich der Gesellschaft als Mehrwert erbringe, ist ihnen relativ egal. In dieser Vorstellung sehen mich meine Eltern als glücklich. Doch ich könnte niemals glücklich sein, würde ich mich dieser Vorstellung fügen.

Wenn ich meine Eltern besuche, fühlt es sich an, als würde ich eine Parallelwelt betreten. Plötzlich bin ich wieder ein kleiner Junge, meine Stimme ist zumeist eine Oktave höher und ich verhalte mich wie ein Kind. Nicht kindlich oder kindisch, aber als jemand, der seine Eltern achtet und ihnen Respekt entgegen bringt, indem er die Spülmaschine ausräumt oder in den nächsten Supermarkt läuft, um ein fehlendes Lebensmittel zu kaufen. Falls Besuch da ist oder wir als Familie jemanden besuchen, meistens nahe Verwandte, erzähle ich von meinen beruflichen Erfolgen und sonstigen Leistungen und beschere meinen Eltern Ansehen. Die meisten Kinder wollen ihre Eltern mit Stolz erfüllen, das erreichen sie durch Leistung, mit guten Noten zum Beispiel oder später mit einem ertragreichen Beruf. Quasi als Ergebnis guter Erziehung. Dem komme ich bewusst nach, wenn ich bei meinen Eltern bin. Aber nicht nur dort; vielleicht ist das der Grund, weshalb ich aktiv etwas für meinen sozialen Aufstieg unternehme. Und wenn ich bei meinen Eltern bin, nehme ich diese Rolle als Kind ein und fühle mich auch so: Ich muss Leistung erbringen, um geliebt zu werden. Denn ich werde nicht geliebt für das, was ich bin. Ich muss mir die Liebe durch Leistung erarbeiten, damit sie über den Makel meiner Homosexualität hinweg sehen.

Fahre ich wieder nach Kassel und bin in meiner Wahlheimat, fühle ich mich ein paar Tage extrem müde. Ist die leistungsbedingte Müdigkeit überwunden, nehme ich mental Abstand von meiner Familie. Sie tauchen nicht in meinem Alltag auf, ich frage mich nicht mehr, was sie wohl gerade tun. Ich telefoniere auch nicht oft mit ihnen, ein bis zweimal im Monat für ein paar Minuten ist die Regel. Dies alles ist wohl ein Schutzmechanismus, der sich in den letzten vier Jahren entwickelt hat. Ob es am Prozess des Erwachsenwerdens liegt oder an den zwei Jahren Verhaltenstherapie oder an meinen Medikamenten oder an meinen Lebensumständen an sich, das kann ich gar nicht beantworten.

Besucht haben mich meine Eltern bisher zweimal: Einmal stand allein mein Vater einfach vor der Tür und rief mich an, weshalb ich denn nicht aufmachen würde. Ich wusste nichts von seiner Absicht, mich besuchen zu wollen, und war auch nicht zu Hause. Aus Anstand fuhr ich nach Hause und verbrachte zwei Stunden mit ihm. Ich war sauer, dass er einfach so auftauchte und ich nicht die Möglichkeit hatte, aufzuräumen oder gar etwas Kleines zu kochen. Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und er sprach mit mir über mein Leben. Das sähe ganz nett und geordnet aus, aber meine Homosexualität wollte er mir trotzdem ausreden. Es war ein seltsames Gespräch, eher ein Monolog seinerseits und ein Kommentieren meinerseits. Ich entgegnete allen seinen Aussagen mit Ironie, bis er sich nicht ernst genommen vorkam. Wir fuhren auf meinen Wunsch hin noch an einen Aussichtspunkt, damit er wenigstens etwas von der Stadt sehen konnte; danach fuhr er mich nach Hause und sich selbst heim. Es war schon dunkel geworden.

Das zweite Mal hatten sie sich angemeldet. Vater, Mutter und Bruder, Opa, Oma und Onkel. Ich nahm mir frei und richtete alles nett her, doch weil in der Wohngemeinschaft nicht Platz für so viele Menschen war, entschied ich mich dafür, dass ich ihnen meine WG zeige und wir ein wenig durch den Stadtpark laufen und irgendwo Kaffee trinken. Das Wetter war angenehm und Kassel zeigte sich von seiner schönsten Seite, doch irgendwie war auch dieser Besuch nicht authentisch. Es war vielmehr ein: „Wie ihr seht, lebe ich gut. Also kein Grund zur Sorge!“ Wieder war ich nur dabei, meine Lebensentscheidung zu verteidigen, anstatt mit ihnen mein Leben zu teilen.

Werfen wir nochmal einen Blick zurück zur Eingangsfrage. Fast immer antworte ich, dass wir eigentlich gar keine Beziehung haben und wechsle das Thema. Womöglich ist die Aussage gar nicht falsch, doch jetzt kann ich mir auch erklären, warum das so ist. Wir arbeiten nicht gemeinsam daran, einen Weg in eine gesundere Eltern-Kind-Beziehung zu finden. Stattdessen macht sich jeder seine Gedanken und dabei bleibt es. Ich habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, weil es keinen Sinn für mich macht. Ich rate ins Blaue hinein.

Vor etwas über einer Woche rief mich mein Großvater an. Er hatte sich verwählt und wollte eigentlich meinen Vater etwas fragen, aber da ich ja schon dran war, teilte er mir mit, dass meine Eltern auf dem Weg zu mir sind. Ich war furchtbar sauer, ließ es mir aber nicht anmerken und legte bald auf. Dann schrieb ich meinem Bruder, er solle bitte ausrichten, „dass ich es absolut scheiße finde, dass sie wieder einfach so ohne Anmeldung vorbei kommen wollen, zumal ich an der Arbeit bin“. Ich war zu Hause und nicht an der Arbeit, aber ich wollte auch nicht, dass meine Eltern über mich bestimmen können, wann sie wollen. Ich bin erwachsen und möchte so behandelt werden, und solange sie der Meinung sind, dass ich einfach zu all ihren Entscheidungen Ja und Amen sage, werden sie mich nicht besuchen können. Sie fuhren auf halbem Wege also wieder nach Hause. An diesem Tag war ich traurig, denn ich fühlte mich wieder wie mit achtzehn. Ich musste meine Eltern abweisen, weil sie mich übergehen, obwohl ich sie durchaus an meinem Leben teilhaben lassen möchte.

Vor ein paar Tagen rief mich ein Großonkel an, der ganz besorgt klang. Ich hatte sicher fünf Jahre nicht mehr mit ihm zu tun gehabt, folglich erkannte ich ihn erst im Laufe des Gespräches. Er fragte, wie es mir geht und was ich so mache. Dann sagte er, dass es normal sei, dass Eltern und Kinder sich streiten, dass man aber deswegen nicht gleich fortziehen müsste wie ich es getan habe. Er fragte, wann ich denn wieder zurück käme. Ich antwortete, dass ich mir hier eine Heimat aufgebaut habe und mich sehr wohl fühle. Er versuchte noch ein wenig, mir die Vorzüge der räumlichen Nähe zum Elternhaus schmackhaft zu machen. Dann lud er mich zu seinem Geburtstag Ende Oktober ein. Ich sagte nicht ab, konnte ihm aber auch nichts versprechen.

Alles erschien mir so seltsam. Ich fragte mich, ob das ein Anruf aus der Vergangenheit ist. Dieser Anruf hätte exakt so vor vier Jahren stattfinden können, als verzweifelte Reaktion auf meine plötzliche Flucht. Ich dachte mir, dass meine Eltern wohl mit ihm telefoniert haben müssen und sicherlich von meiner Abweisung neulich berichtet haben. Das machte mich wütend und traurig zugleich.

In solchen Momenten „tröste“ ich mich immer damit, dass meine Eltern nichts dafür können. Sie wurden so erzogen und können wohl nicht anders, denke ich mir. Sie kommen aufgrund ihrer Kultur und ihrer Religion mit meiner Homosexualität nicht klar und haben auch keine Unterstützung dabei… Nein, ein Trost ist das in Wahrheit nicht. Warum können sie nicht wenigstens versuchen, ein Fünkchen Verständnis für meine Lage zu erlangen?

Unterstützung wollen sie nicht annehmen, da gäbe es eine Menge, aber alle, die nicht ihrer Meinung sind, wollen sie ja nur bekehren. Sie beharren auf ihrer Position, weil das aus ihrer Sicht das einzig Richtige ist. Sie hassen meine ach so freiwillige Entscheidung, ein krankes Leben als Homosexueller zu führen, und machen dies deutlich damit, dass sie mir ein unglückliches wünschen.

All diese Gedanken frustrieren mich und machen, dass ich mich noch weiter von ihnen entferne. Es findet kein Austausch statt, nur über Belangloses, und das erfüllt mich nicht. Also vermeide ich Kontakt und halte mich fern von der Gedankenspirale, die nur auf Vermutungen, gegenseitigen Beschuldigungen und verletzenden Vorwürfen basiert.

Dies ist wohl in Zukunft meine Antwort.

Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

Kein Verrückter, nein.

1. Januar 2012

Ich weiß nicht, was sie meiner Großmutter erzählt haben, aber es macht mich wütend, dass Oma schluchzend zum Abschied sagte, sie trauere um mich. Ich sei doch gar kein Verrückter, nein. Ein anständiger Sohn sei ich, schon immer gewesen, einer der guten Menschen, der richtigen und guten.

Wäre in diesem Moment nicht mein Onkel gekommen, hätte er nicht gesagt Weshalb sollte der Junge wieder kommen, wenn ihr ihn jedes Mal so verabschiedet?, hätte auch ich geweint. Nicht, weil ich traurig bin oder etwas bereue, vielmehr aus Wut und Verzweiflung; weil ich nicht weiß, wie ich die Tränen all jener verhindern kann, die mir etwas bedeuten. Dabei kenne ich das Problem, ich weiß, dass jeder in der Kultur meiner Familie, der seinen eigenen Weg gehen möchte, als verrückt oder bösartig abgestempelt wird. Letztendlich, nach all den Monaten meines Outings, bin ich wie zuvor der Verlierer, der fremde und schlechte Sohn, weil ich mache, was ich möchte. Weil ich mich keinen Regeln unterwerfe, die andere entworfen und für richtig erklärt haben, und weil ich die Erwartungen nicht erfülle. Ich gehe meinen eigenen Weg, mache also das, was sich im Grunde alle Eltern von ihren Kindern wünschen, und dennoch werde ich dafür verurteilt.

Tatsächlich frage ich mich, ob ich noch einmal zu meiner Oma fahren möchte, wenn das Ende immer gleich ist, so schön die zwei Tage dort auch waren. Mit meinen Eltern ist es ja nicht anders, nur dass ich dort schon während meines Aufenthalts mit unerfüllten Erwartungen, Krankheit und Selbstsucht beschuldigt werde. Ich frage mich, ob es gut für mich ist, dass ich auf dem Rückweg immer traurig bin und nicht weiß, wie ich das unterbinden kann.

Als ich zuletzt bei meinen Eltern war, gab es einen kleinen Autounfall. Ich war abends mit meiner Mutter in der Stadt, und auf dem Rückweg ist sie gegen einen Leitpfosten gefahren. Viel ist nicht passiert, lediglich der linke Seitenspiegel wurde abgerissen. Meine Mutter ist entweder eingenickt oder ihr Blutdruck ist in den Keller gefallen, jedenfalls hat sie sich enorm erschrocken und war wie gelähmt, als das Auto zum Stehen gekommen ist. Ich bin ausgestiegen und habe auf der Wiese die Teile des Seitenspiegels zusammengesucht und den Pfosten an seine ursprüngliche Stelle gelegt, dann sind wir nach Hause gefahren. Und zu Hause sagte mein Vater, dass dieser Unfall meine Schuld sei, wie es auch alle anderen zukünftigen Unfälle und Pannen sein werden. Und obwohl ich genau weiß, dass das Schwachsinn und purer Nonsens ist, gibt mir das zu denken. Es lässt mich nicht mehr los, dass ich der Sündenbock und an allem Schuld bin. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht vorhabe, meine Eltern zu besuchen, solange es nicht nötig ist. Das letzte Mal war ich dort, weil ich meine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen musste. Ich möchte nicht jedes Mal geknickt zurückkehren, und solange ich die Rolle des Sündenbocks habe, will ich nicht in der Nähe meiner Familie sein.

Was ich will, ist einfach nur als der Sohn geliebt werden, der ich bin. Ich will keine Bedingungen erfüllen müssen und als das angenommen werden, was ich bin. Ich will mich nicht länger verstellen müssen, weil man es so von mir erwartet. Und falls das nicht ehrenwert ist, dieser schlichte Wunsch, falls das nicht für mich spricht, bleibt mir nichts anderes übrig, als lebenslang der schlechte Sohn zu sein, weil ich mich nicht der Familie annähere.

Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: „Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.“

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die „richtige Seite“, „zur Gesundheit“ und „zu Verstand“ helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.

Super 8.

16. September 2011

Es ist an der Zeit, einen Teil meiner Geschichte aufzuschreiben. Ich möchte, dass sie hier geschrieben steht und zu lesen ist; ich möchte, dass ihr wisst, was passiert ist, wie es dazu kam und welche Konsequenzen und Gründe das hatte und noch haben wird. Ich schreibe diesen Text auch aus Gründen der Sicherheit; ich will euch auf dem Laufenden halten und euch bitten, auf mich zu achten. Denn ich werde für eine Woche bei meiner Familie sein.


Bene und ich, wir trafen uns Anfang August in der Stadt, aßen etwas und gingen dann in’s Kino, wo wir uns Super 8 anschauen wollten. Zuvor kauften wir Alkohol, weil ich das wollte und weil ich glaubte, den Rausch zu brauchen, damit ich wieder lächeln konnte. Und vielleicht war dieser Wunsch einer der wichtigeren in meinem Leben, denn er hat mächtige Brocken in’s Rollen gebracht. Der Film lief an, das Kino war fast leer und mit uns saßen um die sechs Personen im Saal. Ich trank ein paar Schlücke und merkte bereits, dass der Alkohol wirkte, doch er machte mich nicht gesellig wie beim ersten Mal, er machte mich traurig und selbstmitleidig. Der Alkohol schälte meine äußere Hülle ab, nahm mir jegliches Gefühl der Vernunft und brauchte zum Vorschein, wie ich mich wirklich fühlte: traurig bis in die letzte Knochenfaser. Eine Fassade hatte ich nicht mehr. Kurz darauf platzte etwas in mir und ich verlor die Kontrolle über mich, wurde so emotional wie noch nie zuvor und krallte mich an Bene fest, der einzigen Konstante, die ich hatte. Ich krallte mich fest an seine Arme, und sicher habe ich ihn auch verletzt, doch er blieb bei mir, ist nicht gegangen. Hat mich nicht allein und zurück gelassen. Er blieb konstant, bis der Film endete, ließ es zu, dass ich ihn voll heulte. Er tröstete mich, und ich glaube mich sogar daran zu erinnern, dass er mir den Kopf streichelte und sagte, dass alles gut wird. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, was ich ihm erzählte und ich weiß auch nicht, womit ich ihn sonst noch so belastet habe. Ich weiß nur noch, wie er zu mir sagte, dass ich auf der Parkbank sitzen bleiben soll, bis mein Bus fährt. Sein Bus fuhr früher als meiner, und deshalb musste er auch früher gehen, denn einen anderen Bus gab es nicht. Dorfkinder. Ich sah Bene dabei zu, wie er ging, und immer wieder nach mir schaute, und als er nicht mehr zu sehen war, stand ich auf, um ihn zu suchen. Als ich am Bahnhof war, fand ich keinen Bene vor, sondern nur eine leere Sitzgelegenheit. Ich setzte mich und wartete auf meinen Bus nach Hause.

Nach 22 Uhr wird der Bahnhof von der Polizei überwacht, denn es kommt öfter vor, dass dort Streit ausbricht und Flaschen und Fäuste durch die Gegend fliegen. Natürlich hatten die beiden Polizisten dort gesehen, wie ich angetorkelt kam und mich hinsetzte, und netterweise sprachen sie mich an, ob es mir gut erginge. Ich konnte einigermaßen deutlich sprechen, alle Fragen beantworten und mich ausweisen, musste aber trotzdem einen Alkoholtest machen. 1,6. Mir sagten diese Zahlen nichts, ich hatte erst zum dritten oder vierten Mal in meinem Leben getrunken. Dann ging alles sehr schnell. Sie riefen die Festnetz-Nummer an, die ich ihnen sagte, konnten aber niemanden erreichen, denn zu Hause war niemand. Das hatte ich ihnen aber auch gesagt. Ich wusste, wo meine Eltern zu Besuch waren, kannte aber die Nummer nicht. Ich sagte ihnen die Adresse und sie schlugen vor, mich dorthin zu fahren. Im Nachhinein war das sehr tolerant von ihnen, doch in der Situation selbst dachte ich, dass es das schlimmste ist, was sie mir hätten antun können. Ich sagte ihnen die Wahrheit, sagte, warum ich getrunken hatte und weshalb es wichtig ist, dass sie mich nicht an meine Familie ausliefern. Sie verstanden mich zwar, mussten aber trotzdem ihren Job machen. Wir vereinbarten, dass sie mich an der Tür absetzen und wieder gehen, und genau das machten sie. Ich ging in das Haus und sagte, dass mir schlecht ist, ich schlecht gegessen hatte, und legte mich in ein Zimmer und schlief ein. Stunden später wurde ich geweckt. Heimfahrt. Zu Hause duschte ich und musste dann in’s Wohnzimmer, Rede und Antwort stehen. Den weiteren Verlauf habe ich bereits hier auf Formspring nieder geschrieben.

Bis zuletzt dachte ich, dass wenn meine Familie erfahren würde, dass ich homosexuell bin, sie mich verprügeln, verschlagen und verstoßen würde. Ich hatte diese schreckliche Vorstellung im Kopf, in der mich mein Vater bewusstlos und krankenhausreif schlägt, mich gar umbringt. Aus diesem Grund, aus Angst um mein Leben wollte ich das Outing vermeiden, solange ich es eben vermeiden konnte. Jedoch kam es – wie alles andere auch – anders, als ich es erwartet hatte: Im angetrunkenen Zustand sagte ich meinen Eltern, dass ich es nicht mehr aushalte, dass ich nicht mehr damit leben kann; dass ich es satt habe, zu lügen, und dass sie die Wahrheit kennen sollten. Den Grund, weshalb ich an diesem Samstagabend getrunken hatte. Und dann sagte ich es ihnen.

Vielleicht war die Entscheidung, es ihnen in dieser Nacht zu sagen, das dümmste, was ich je getan habe, vielleicht aber auch nicht. Für mich war es jedenfalls eine enorme Erleichterung, ein Loslassen aller Lasten, ein Gefühl von endloser Freiheit. Für meine Eltern nicht, denn ich hatte sie mit einer Tatsache belastet, mit der sie nicht umgehen konnten. Mit der sie vielleicht niemals werden umgehen können.

Meine Eltern reagierten „ruhig“ darauf, versuchten mit mir darüber zu sprechen, wurden in jener Nacht kein einziges Mal laut. Ich glaube, dass sie zu sehr unter Schock standen. Sie sprachen bis in die Morgenstunden mit mir, und je heller es draußen wurde, desto trauriger wurden ihre Stimmen. Sie so zu sehen, brach mir das Herz, denn ich war „Schuld“ an ihrer Traurigkeit, ich hatte sie in diese dunkle Schlucht gestoßen, aus der sie jetzt – fast einen Monat nach meinem Outing – immer noch nicht heraus gekommen sind. Die folgenden Tage waren nicht erfreulich für mich. Ich bekam zu hören, dass ich falsch, schlecht und abartig sei, sie mich nicht als Sohn akzeptieren könnten, solange ich krank sei. Was sollten die Verwandten denken, was die Bekannten? Das sei doch nicht im Sinne von Gott, niemals wieder könnten sie aufrecht gehen. Und als sie sagten, dass ich weder studieren, noch ausziehen darf, solange ich nicht geheilt bin, platzte in mir etwas ab.

Ich weiß nicht, was ich mir erhofft habe, als ich es ihnen sagte. War es Mitleid, Nachsicht oder gar Verständnis? Ich wollte es ihnen einfach nur sagen, hatte mir aber keinerlei Gedanken über die unmittelbaren Konsequenzen gemacht. Im Nachhinein bereue ich den Zeitpunkt meines Outings, aber nicht mein Outing selbst. Das Freiheitsgefühl, das ich in der Nacht verspürt habe, verflüchtigte sich sehr schnell, denn ich bekam schon am nächsten Tag das Gegenteil zu spüren: Beleidigungen der verletzendsten Art, verbale Attacken auf meine Person, das Bezweifeln meiner Urteilsfähigkeit und meiner Intelligenz, Schlafentzug, Internetverbot, … sprich: unerträglicher, psychischer Druck, viel schlimmer, als er es vor meinem Outing gewesen ist. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen, hatte jede Nacht Albträume und war morgens von Kopf bis Fuß nassgeschwitzt. Ich hatte mehr Angst, als jemals zuvor in meinem Leben.

Der Entschluss zu gehen war nicht einfach, aber konsequent.

Mehr als einen Monat ist es nun her, dass ich das Elternhaus verlassen habe. Ich werde nicht ausführen, wo und mit wem ich in der Zeit war, was ich die Zeit über gemacht habe. Wichtig ist nur, dass es mir immer gut erging und ich mich wohl fühlte, dass ich jetzt einen Studienplatz habe und auch dass ich sehr viel gelacht und gelächelt habe. Und ich möchte mich nochmals bei euch allen bedanken. Danke, dass ihr mir geholfen und mich unterstützt habt, dass ihr da wart, als ich in Not war, und mir in so vielen und wichtigen Dingen weiterhelfen konntet, dass ich es immer noch nicht fassen kann. Ich möchte mich bedanken, weiß aber auch gleichzeitig, dass ich mich selbst in Gefahr begebe, indem ich für ein paar Tage zurück zu meiner Familie fahre. Doch ich würde dies nicht tun, wenn es nicht ein paar Sicherheiten gäbe. Meine Entscheidung ist riskant und verdient zu Recht Kritik und die Wenigen, die bereits wissen, dass ich für eine Woche bei meiner Familie sein werde, halten das für keine gute Idee, doch sie sagen alle, dass das niemand besser einschätzen kann, als ich selbst. Und auch wenn ich oft daneben lag mit meinen Einschätzungen, lag ich nie falsch.

Ich werde mich jeden Tag so oft es geht melden, und sollte ich für eine längere Zeit nicht in der Timeline sein, wisst ihr, was zu tun ist. Ihr kennt meinen Namen und auch die Adresse.

Und nochmals: Danke, dass euch gibt. Ich bin so froh darüber, euch zu kennen und würde mich am liebsten bei jedem von Euch einzeln und persönlich bedanken, aber das geht leider nicht an einem Tag, per Text schon gar nicht. Aber ich werde das nachholen.

Formspring.

4. Juli 2011

Folgend acht Fragen und Antworten aus meinem Formspring-Profil, die ich sehr mochte und hier gerne festhalten würde, bevor sie in der Timeline untergehen.


Frage:

Hasst du deine Familie?

Antwort:

„Eure Ehre ist unser Leid.“ (Die Fremde)

Obwohl ich sehr unter meiner Familie leide und sie mich traurig und depressiv macht, hasse ich meine Familie nicht. Dass sie so sind, wie sie sind, liegt nicht an ihnen selbst, sondern auch und vor allem an ihrem Umfeld und an ihrer Lebenswirklichkeit. Beide Elternteile wurden nach den Normen und Werten des türkischen Patriarchats erzogen, und obwohl auch sie ganz sicher darunter zu leiden hatten, leben sie in diesen Strukturen fort. Sie kennen es nicht anders; sie kennen nur die Welt, in der sie aufgewachsen und fest verwurzelt sind. Für sie ist das die ideale Lebensform; sie ist ehrenhaft, rein und traditionell. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, dass sie mich so behandeln, wie sie es für richtig halten. Schließlich denken sie, dass das die beste Art ist, einen Sohn zu erziehen. Meine Eltern lieben mich und meinen es gut mit mir, doch auf eine Art und Weise, die mir schwer zusetzt. Ich komme nicht damit klar, wie sie sich mir gegenüber verhalten und was sie tun und was nicht. Zum Beispiel schnürt sich mir der Hals zu, wenn mir meine Mutter davon erzählt, was sie meiner „Aussteuer“ hinzugefügt hat. (Als Aussteuer bezeichnet man beispielsweise Gegenstände, die mit in die Ehe genommen werden.) Sie tut das aus Liebe zu mir, doch dass ich homosexuell bin und somit eine Ehe nach ihren Vorstellungen nicht in Frage kommt, weiß sie nicht. Es würde ihr das Herz brechen, würde sie davon erfahren, denn sie gibt sich soviel Mühe dabei, mir eine möglichst wundervolle Aussteuer bieten zu können. Mein Vater zum Beispiel träumt davon, dass er eines Tages mal ein Haus besitzen wird, indem er mit meiner Mutter im Dachgeschoss wohnt und ich und mein Bruder die jeweils anderen beiden Stockwerke mit unseren Familien besiedeln. Er malt sich das aus, wieder und wieder, und erklärt mir dann, dass er sich umentschieden hat und sich statt eines Apfelbaumes einen Kirschbaum wünscht. In all diesen Träumen fehlt die Wahrheit, die meine ist. ICH werde nicht in dieses System und auch nicht in die verwirklichten Träume passen, denn ich bin ein Sonderfall, in ihren Augen eine Schande: ich glaube nicht an Gott und bin zudem schwul, verachte das Patriarchat und dessen Konzept und finde keinen Gefallen daran, mich wegen eines Buches in meiner persönlichen Entfaltung einschränken zu müssen. (Wobei mich eher die Kultur und Tradition einschränkt, als der Koran.) Als ich mit 12 oder 13 Jahren für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt wurde, damit die eventuelle Homosexualität aus meinem Gehirn gewaschen wird, habe ich verstanden, dass mich das System nicht als Mitglied haben will, weil ich, wie ich es bin, das System in Frage stelle. Ich hasse meine Familie nicht, doch meine Familie würde mich hassen, wüsste sie die Wahrheit. Denn das System, die Gesellschaft, in der sie leben, schreibt ihnen vor, dass sie mich zu hassen haben. — „Wenn sie sich entscheiden müssen, wenn sie wählen müssen, zwischen dir und der Gesellschaft, sie werden sich nicht für dich entscheiden.“ (Die Fremde) — Ich empfehle JEDEM, der sich auch nur im Ansatz für türkische Familienstrukturen interessiert, sich den Film „Die Fremde“ anzusehen. Dieser Film ist von Anfang bis Ende WAHR, nichts darin ist übertrieben oder abgeschwächt dargestellt. Darin kann man sehr gut sehen, zu was das System fähig ist, wenn es sich in seiner Ehre und Würde bedroht sieht. Seht euch diesen Film an! Er ist der einzige seiner Art, der meine Noch-Wirklichkeit zeigt, wie sie ist. Sicher werdet ihr nicht glauben können, was ihr dort seht, doch ich versichere euch: es stimmt mit der Wahrheit überein und könnte mir genauso passieren wie hunderttausend anderen Türken und Türkinnen auch.


Frage:

Wann wirst du deinen Eltern sagen dass du schwul bist?

Antwort:

Ich habe nicht vor, es meinen Eltern zu sagen. Ich erachte das Outing bei ihnen als sinnlos. Wenn sie es wissen wollen, können sie mich ja fragen, doch von mir aus werde ich nichts sagen. Und solange es sich vermeiden lässt, werde ich mich bei ihnen nicht outen. Meinen zwei besten Freunden hingegen, Jes und Bene, habe ich es gesagt. Ich wollte, dass sie es wissen.


Frage:

Du erachtest das Outing als sinnlos? Oder willst du einfach keine Konfrontation, da ich jetzt mal (basierend auf deinen Erzählung von deiner Familie) glaube, dass sie unschön/aggressiv reagieren würden.

Antwort:

Genau, ich möchte Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, da meine Eltern vorerst sowieso nicht verstehen werden, warum ich so bin, wie ich bin. Ich fühle mich außerdem noch nicht stark genug, um mich bei ihnen outen zu können. Es lässt sich noch vermeiden, also werde ich es vermeiden. Und wenn es ‚rauskommt, müssen sie mich ansprechen. Auf diesen Tag werde ich warten und mir Prügel, Schläge und eventuell auch den Ehrenmord ersparen.


Frage:

Hey, wie sind denn deine Erfahrungen mit flittern auf twitter?

Antwort:

Hihihi. Da fragst du den Richtigen! Ich habe meinen Freund via Twitter kennengelernt. Ich denke, dass man auf Twitter Menschen auf einer besonderen Ebene kennenlernt; auf eine ehrliche, tolle Art. Dadurch, dass die Timeline öffentlich ist und jeder, man selbst und der (potenzielle) Partner, in die Runde spricht, entsteht ein großes Vertrauen zueinander, da man weiß, wie sich welche Person zu Anderen verhält, wie diese und jene Person die Möglichkeiten Twitters nutzt und wozu und so weiter. Auf Twitter kann sich das ganze Spektrum eines Charakters ausbreiten. Man lernt Menschen viel „breiter“, „satter“ und „voller“ kennen. Auch, wenn die Timeline einer großen Party gleicht, jeder vor sich hin brabbelt und viel gechattet und geschrieben wird, geht die Konzentration auf Einzelne nicht verloren. Twitter ist nicht so „laut“ wie eine Party, nicht so „grell“. Twitter ist sanft und süß und lustig, und das sind doch gute Voraussetzungen, um jemanden kennenzulernen!


Frage:

Wusstest du schon vor deiner Beziehung, dass es ein Held sein wird und keine Heldin?

Antwort:

Im Alter von neun Jahren wurde meine Sexualität aktiviert. Es begann eine Zeit, in der Dinge wuchsen und sich Interessen entwickelten, in welcher Hormone in Massen durch meine Adern rauschten. Ich entdeckte meinen Körper und fand recht schnell heraus, was man mit dem Ding zwischen den Beinen so alles machen konnte. Und ich mochte, was man damit machen konnte, denn es bereitete mir Freude. Wie alle Jugendlichen in dem Alter (12 oder so) las auch ich die Bravo und sah mir die nackten Körper in der Dr. Sommer-Rubik an. Doch mit der Zeit interessierte ich mich immer weniger für die Mädchen, denn diese empfand ich bald schon als „langweilig“ und „fremd“. Ich sah mir viel lieber die Jungs an, und wie deren Körper geformt und bestückt war. Mich interessierte, welche äußerlichen Merkmale die Genitalien anderer Jungen hatten, und was sie dazu sagten. Bald wurde mir klar, dass ich mich eher für Jungs als für Mädchen interessierte. Doch das konnte man natürlich keinem sagen, vor allem ich nicht als Sohn, der aus türkischen Hause kommt und in dessen Familie Kultur und Islam eine wichtige Rolle spielen. ‚Ne Zeit lang sagte ich mir selbst, dass ich bisexuell sei, doch das war nur eine Scheinbehauptung, die ich mir aus „Gewissensgründen“ auferlegt hatte. Letztes Jahr habe ich viel nachgedacht und ein paar Updates in meinen Kopf eingespielt. Die größte Neuerung war, dass ich mir eingestehen konnte, dass ich homosexuell bin. Ich wusste also sehr genau, dass es ein Held und keine Heldin sein würde.


Frage:

Wenn du es könntest, würdest du gern unsterblich sein? Begründung.

Antwort:

Ich stelle mir Unsterblichkeit sehr schrecklich vor. Was wäre das für ein trostloses, sinnloses Leben, wenn am Ende keine Pointe, nicht der Tod steht? Ich wüsste nicht, was ich mit all der Zeit und mit all den Möglichkeiten anfangen sollte; das überfordert mich ja jetzt schon! Nein, ich möchte auf gar keinen Fall unsterblich sein. Ich glaube, dass man in der Unsterblichkeit sehr schnell den Sinn für Feinheiten und für das Besondere im Leben verlieren würde. Alles wäre irgendwie bekannt und würde gleich schmecken. Abläufe würden sich ständig wiederholen, eine unendliche Langeweile würde sich in mir ausbreiten. Gerechtigkeit, der Glaube an Wunder, Wissen, all das würde an Bedeutung verlieren. Die KOSTBARKEIT eines Lebens würde verblassen und nur noch dann durchscheinen, wenn man versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Nein, für mich bitte keine Unsterblichkeit.


Frage:

Wenn du dich entscheiden müsstest: aufs Herz hören oder auf den Kopf?

Antwort:

In ihrem Song „İki Gözüm“ verleiht Sezen Aksu den Worten „Gönül ektiğini biçer“ ihre Stimme. Dieser Satz, welcher soviel bedeutet wie „Das Herz erntet, was es zum Einsatz bringt“, ist so endgültig und vollkommen, dass jeder weitere Satz überflüssig erscheint, der versucht zu erklären, dass man auf den Kopf hören sollte.


Frage:

Wie fühlst du dich, wenn du ein “Nein” als Antwort erhältst?

Antwort:

Ich habe schon viele Neins in meinem Leben als Antwort erhalten und bin es mittlerweile gewohnt, damit umzugehen. Doch manchmal trifft mich ein Nein so stark, dass ich für ein paar Stunden unfähig bin, damit umgehen zu können. Das kommt selten vor, ist aber sehr schrecklich für mich, weil ich dann die Kontrolle verliere und zertrümmert bin. Letzte Woche ist mir so ein Nein passiert und ich habe sehr heftig geweint; geweint um alles, was war, hätte sein können und vielleicht nicht sein wird. Jetzt, Tage später, weiß ich, was ich tun muss, um dieses Nein zu kompensieren. Hoffentlich klappt’s. Und falls es nicht klappen sollte: es gibt viele Wege und Alternativen.

Samstag.

29. Mai 2011

Einige der eintreffenden Hochzeitsgäste erblicken meine Mutter und begrüßen sie, reden mit ihr über Dies und Jenes und dann über mich in der dritten Person. „Und, hat er denn schon eine Freundin? Er ist ja schließlich groß gewachsen und bald an der Reihe!“ Ich stehe oder sitze fassungslos daneben und rege mich darüber auf, dass nicht ich, sondern meine Mutter gefragt wird; als ob sie meine Verwaltungs- und Auskunftsstelle und ich ein Mensch wäre, der nicht sprechen kann.
Jeder, der solche Situationen kennt, kann nachvollziehen, wie deprimierend das sein kann. Wie deprimierend es für mich ist. Ich ertrage es nicht, dass meine Mutter Unmengen an Geld in Aussteuer verschwendet und sich ausmalt, wie toll doch meine Hochzeit werden soll, wen sie einladen würde und wen nicht, was sie ihrer Schwiegertochter schenken würde. Denn all das wird es nicht geben. Als Sohn bin ich ein Verlustgeschäft.

Türkische Verlobungen bzw. Hochzeiten funktionieren so: man pinnt dem Paar mit einer Sicherheitsnadel Geld (mindestens 50 Euro, alles darunter ist ein Zeichen dafür, dass man das Paar nicht mag) oder Gold (ein Goldstück von hoher Reinheit, welches mindestens ein Gramm wiegen sollte) an, damit man später, bei der Verlobung bzw. Hochzeit der eigenen Kinder, das Verschenke wieder zurück geschenkt bekommt. Es ist also eine Art Geben und Zurückbekommen, nur dass darüber im wahrsten Sinne des Wortes Buch geführt wird. Auf einem Blatt Papier steht dann zum Beispiel, was man wem in welchem Zusammenhang geschenkt hat.
Die Schenkungszeremonie läuft so ab: die Gäste werden nach ein paar Stunden Tanz, Feiern und Essen dazu aufgefordert, eine Reihe zu bilden und das Paar zu beschenken. Mein Vater als Familienoberhaupt stellt sich also in die Reihe und übergibt das Geschenk, welches dann laut per Mikrophon von einem Mann kommentiert wird. „100 Euro von Familie […].“ Jeder im Saal kann hören, wer was verschenkt. Es findet also eine Art Wettbewerb statt: wer hat wie viel und wer am meisten verschenkt, wer ist zur Zeit gut bei Kasse?

Auf derlei Ereignisse werden aus zwei einfachen Gründen so viele Menschen eingeladen: erstens, damit der Wert und das Ansehen des heiratenden Paares steigt, zweitens, damit die Gäste sehen können, wen sie auf ihre eigene Feierlichkeit einladen sollten.
Natürlich hat man auch Spaß auf so einem Ereignis, doch das ist in meinen Augen nur Fassade. Es geht um die Geschenke, nicht um den Spaß, nicht um die schöne Zeit miteinander, die man haben kann. Für mich ist das Folter.

Unsere und auch die Familie meines Onkels, wir werden so gut wie zu jeder Verlobung bzw. Hochzeit im Umkreis eingeladen, da mein Großvater ein bekannter und geschätzter Mann war. Und natürlich nehmen wir an allen Veranstaltungen teil, damit unsere eigenen gut besucht werden. Deshalb werde ich auch immer mitgeschleift; ich muss nett sein und eine gute Figur machen. Ich soll lernen, wie das alles abläuft, mir die Gesichter und die Bräuche merken.
Doch das will ich nicht, denn ich werde nicht heiraten; zumindest nicht so, wie es sich meine Eltern und auch alle Anderen vorstellen, sollte ich überhaupt jemals heiraten. Ich habe in den letzten zwei Jahren herausgefunden, dass ich auf Männer stehe, und dass sich dieser Zustand weder mit Familie, noch mit der Religion der Familie vereinbaren lässt.

Das ganze Geld und Gold, das meine Eltern in dem Glauben, sie würden es auf meiner Verlobung und Hochzeit wiederbekommen, verschenkt haben und auch weiterhin verschenken werden, all das werden sie nie wieder sehen. Als Sohn werde ich eine große Enttäuschung für Familie und Verwandtschaft sein. Eine Schande, etwas Schlechtes, das es auszurotten und zu vergessen gilt. Meine Eltern werden sich entwürdigt fühlen und verletzt sein, sollten sie je die Wahrheit erfahren. Und das ist das Schlimmste: ich möchte nicht, dass sie meinetwegen leiden, doch einen Ausweg gibt es nicht. Entweder, ich gehe meinen Weg, oder ich gehe den Weg, der mir vorgegeben wird. Welchen Weg ich schon längst eingeschlagen habe, ist mehr als deutlich.

Es ist so unheimlich deprimierend, dass ich diese Folter durchleiden muss, dass ich ständig zu hören bekomme, wie das denn bei mir sein würde, wann ich vorhätte, zu heiraten, wie viele Kinder ich haben möchte, welche Musik auf meiner Hochzeit spielen soll. Das raubt mir alle Kraft und Freude, und es fällt mir schwer, zu lächeln. Manchmal denke ich, dass ich das Lachen verlernt habe.

Ich fühle mich so sehr eingeengt und unter Druck gesetzt, dass ich Angst davor habe, unter all der Last zusammen zu brechen. Was auf mir lastet ist nicht zu ertragen und der einzige Weg in die Freiheit ist, es zu durchleiden. Und mit jedem Wochenende, mit jeder Verlobung und Hochzeit gewinnt die Bürde an Wucht.
Gestern lag ich zehn Minuten weinend auf dem Dachbodens des Gemeindehauses, in welchem die Verlobung eines Verwandten stattfand. Von Unten schlug sich der basslastige Sound der Musik in meinen Schädel und von Oben drückte mich die Welt nieder.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu fühlend bin, ob ich nicht härter werden sollte. Und immer muss ich an diesen Satz denken:

„Man muß härter werden,“ sage ich, und Frau Engel antwortet: „nein, weicher. Weicher.“

Der Leichnam eines Sohnes.

6. Mai 2011

Bald ist der Wall hoch, groß und echt genug, um mich allumfassend schützen zu können, und bald bin ich stark, mutig und klug genug, um den Fortschritt zu wagen. Und wenn dieses Bald dann ist, wird von mir nur noch der Wall zurück bleiben, denn ich werde fort gehen und hinter mir lassen, was mich schmerzt.

Regenstraße.

16. April 2011

Seine Hände halten ihn an der Stange, als der Bus zum Stehen kommt. Stramm steht er da und beißt sich auf die Lippe, mich dabei musternd, als sei ich der Zünder seines Begehrens. Mein Herz schlägt große Wellen und er merkt das, sieht das und reizt es vollends aus; er lächelt mir direkt in die Augen, ich erweiche und weil ich es nicht aushalten und glauben kann, schließe ich meine Augen, um der Anziehungskraft seiner Arme zu entkommen.

Ich höre das stumpfe Auslösegeräusch der Haltewunschtaste und als ich meine Augen wieder öffne, ist er schon ausgestiegen, ehe ich noch einmal sein rauhes Gesicht und seinen Bartwuchs bewundern konnte. Der Bus steht still und rührt sich nicht von der Stelle, und so sehe ich dem fremden, schönen Mann dabei zu, wie er seines Weges nach Hause geht, in der trüben Dunkelheit des ermattenden Tages erlischt und nur noch ein Schatten in den Winkeln meiner Augen ist.

Der Bus fährt weiter in Richtung Regenstraße; währenddessen halte ich Ausschau nach dem Mann, der mich hat flammend sitzen lassen in einem Bus mit mir als einzigen Fahrgast. Oh Wunder!, denke ich und sehe den Mann vor einem Fachwerkhaus stehen und in einen Briefkasten lugen. Er findet nichts darin, weder einen Brief, noch eine Art Werbung, schiebt die Holztüre auf Höhe seines Schrittes in den Hof und geht wahrscheinlich durch die erste Tür in’s Haus; doch das sehe ich nicht mehr, der Bus hat an Fahrt gewonnen und lässt meinen Blick unweigerlich weiterziehen. Ich drücke erzürnt die Haltewunschtaste und steige an der nächsten Haltestelle aus, laufe den ganzen Weg zurück und habe nur eines vor Augen: den Mann.

Als ich vor dem Fachwerkhaus stehe, lese ich leise seinen Namen vom Briefkastenschildchen und gehe weiter in den Hof, stehe aufrecht vor der Tür, durch welche er hindurch gegangen sein muss, und zögere kurz, wie immer in solchen Momenten. Zitternd drücke auf die Klingel und der fremde, schöne Mann öffnet die Türe und ist mir auf einmal gar nicht mehr so fremd. Er wundert sich, und gleichzeitig wundert er sich nicht. Ich trete wortlos ein in’s Haus und wir schlafen miteinander.

Ich schlucke, während er mich ansieht. Ich glühe.

Und dann ist der Traum zu Ende.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Fußspuren und Morgenrot.

23. Januar 2011

Es ist ruhig im Dorf. Kein Auto fährt an mir vorbei und kein Mensch kreuzt meine Wege. Der noch junge Schnee fällt sanft auf Haar und Wimpern und knirscht nicht unter dem Schuhwerk. Der Wind steht still. Noch gibt es nichts, was er aufwirbeln könnte. In meiner rechten Hand ein Beutel aus Jute, darin ein Buch, welches nicht meines ist.

Ich drücke auf die Klingel und warte ein paar Sekunden, bis die Tür sich öffnet. Guten Morgen, sagt sie, Guten Morgen, sage ich. Vielen Dank für das Mathebuch, hat mir echt geholfen! Sie lächelt. Gerne doch! Wir hätten auch zusammen lernen können. Du kannst immer vorbeikommen! Wie ist’s gelaufen? Ich schaue auf den Boden. Ganz okay. Sie nimmt es entgegen, das Buch und das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe. Sie bedankt sich freudestrahlend und fischt sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Selbst im Winter hat sie Sommersprossen.

Gelassen laufe ich zurück, mein Heimweg ist nicht weit. Auf dem Boden meine leicht bedeckten Fußspuren von vor fünf Minuten. Frau Holle hat einen Zahn zugelegt und Herr Winde macht sich bemerkbar. In meiner Hand der nun leere Beutel aus Jute, welcher allerdings schwerer als zuvor ist. Ob das Brot, welches ich unterwegs noch kaufen muss, Platz darin findet, zwischen all den Zweifeln?

Gelogen habe ich. Nichts lief am Dienstag ganz okay. Am Wochenende und am Montag habe ich bis in die spätdunklen Stunden gelernt. Und ich konnte es, ich konnte alle Aufgaben lösen, nur nicht am Dienstag. Nicht an diesem Dienstag.

Noch vor dem Wecker war ich wach, hatte meine Sachen gepackt und mich angezogen, war bereit, mich zu beweisen. Weil ich es nun endlich konnte! Und wie jeden Tag machte ich mich auf den Weg, unternahm eine kleine Weltreise.

Im Zug saß mir ein Herr Anfang zwanzig gegenüber, munter und schmerzlich gut aussehend. Schon allein die Tatsache, dass er „Alice im Wunderland“ las, machte ihn liebenswert, doch sein klares Gesicht und dieser wild-gepflegte, blond-braune Bartwuchs, seine wohlgeformten Lippen und diese olivgrün-leuchtenden Augen versetzten mich zusätzlich in Ekstase. Ich saß ihm etwa eine halbe Stunde gegenüber und konnte mich nicht sattsehen. Crushed Heartcore. Meine Gedanken kreisten die gesamte Strecke über um seine Lippen. Ich wollte ihn küssen — und wie ich das wollte!..

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, war ich todtraurig. Nicht nur, weil sich unsere Wege trennen sollten und es natürlich keinen Kuss gab, sondern auch, weil ich tagtäglich begehre, ohne meine Begierde auszuleben oder zumindest halbwegs zu befriedigen. Jedes Mal fühle ich mich trüb, weil ich so empfinde.

Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich beim Anblick Fremder, welche eine gewisse Attraktivität auf mich ausstrahlen, eine Art Verlangen verspüre. Ich ertappe mich dabei, diese Fremden zu „wollen“. Und so „wollte“ ich auch diesen Herren im Zug. Ich hätte meinen Kopf am liebsten auf seinen Schoß gelegt; so, wie es wohl ein Kätzchen machen würde. Ein Kuss wäre vielleicht schon zu viel des guten Guten gewesen. Mir hätte allein schon seine Wärme gereicht; wochenlang, da bin ich mir sicher.

In der Schule angekommen, war ich ausgebrannt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu matt war ich, und emotional entgleist. Doch die Klausur musste geschrieben werden. Ein Blackout allen Wissens war die Folge.

Ich realisiere, wie versunken ich durch die Straßen schlendere und wie viel Schnee plötzlich vom Himmel fällt. Ich suche meine Fußspuren. Vor wenigen Minuten noch waren sie hier. Hat der Schnee sie etwa so schnell unter sich begraben?

Ich laufe über den ehemaligen Zebrastreifen und frage mich: kann es vielleicht sein, dass ich mich mehr und mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle, weil mir mein Vater keine Vaterliebe entgegenbringt?

Ich mein‘, ich merke das doch. Diesen Wandel, die Veränderungen. Noch vor drei oder vier Jahren interessierte ich mich kaum für Jungs. Und wenn doch, dann nur für sehr kurze Zeit. Jetzt aber scheint das meine einzige Interesse hinsichtlich der Sexualität und des Begehrens zu sein. Ich begegne vielen Jungs und Männern, doch nur jene ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, welche den Anschein erwecken, dass sie mir Sicherheit und Unterschlupf bieten könnten. Manchmal sehe ich einen Mann und habe den unerfüllbaren Wunsch, mich von ihm umarmen, halten zu lassen. Nur das, mehr nicht. Ich sehne mich nach Schutz und nach Intimität. Vielleicht bin ich auch nur ein Schäfchen, das auf der Suche nach einem Hirten ist.

Mein Vater, ein emotional kalter Mann, war nicht immer so kühl. Als ich noch ein Kind war — so glaube ich mich zu erinnern —, hat er oft mit mir gespielt, er ist oft mit mir spazieren gegangen, hat sich um mich gekümmert, wie es ein Vater wohl tun sollte. Er war ein Bilderbuchvater. Doch nun, nun ist er ganz anders. Ich weiß nicht, warum und wie er so werden konnte, wie er heute ist. Ich weiß nur, dass ich über nichts mit ihm reden kann, was von Bedeutung für mich ist. Er unterdrückt mich regelrecht. Ist es vielleicht seine aggressive Emotionslosigkeit, welche dafür sorgt, dass ich nicht nur im Kopf Abstand von ihm nehme? Suche ich deshalb nach einem „Vaterersatz“, nach einem Mann voller Wärme?

Mein Vater sagt über die Vaterliebe: „Gab’s früher nicht, wird’s in Zukunft auch nicht geben.“ Gab es früher seitens meines Vaters wirklich keine Vaterliebe? War er wirklich ein Bilderbuchvater? Erinnere ich mich falsch? Täusche ich mich, spiele ich mir etwas vor? Oder merke ich erst mit fortschreitender Reife, wie er wirklich ist? Ist mir eine heile Kindheit wichtig? Versuche ich mich von ihm zu distanzieren, indem ich genau das werde, was er verabscheut?

Ich trete in die Bäckerei ein und kaufe ein kleines Kartoffelbrot. Geschnitten, bitte! Auf den letzten Metern nach Hause denke ich noch einmal über ein Gespräch nach. Alles, was mein Gesprächspartner über mich und mein zukünftiges Ich gesagt hat, passt eins zu eins auf mich zu. Auf eine gewisse Art und Weise unheimlich, und doch so wahr, so erlebenswert und schön. Nach all den Worten und nach all den Vorstellungen und Wünschen lag ich da und bin lächelnd, mit Herz und Seele lächelnd und glücklich eingeschlafen.

Ich ziehe aus dem Briefkasten die Post heraus und schließe die Türe auf, trete ein in’s Haus, ziehe die Schublade auf und werfe meinen Schlüssel hinein, streife meine Schuhe ab, stelle mich aufrecht hin und blicke in den Spiegel.

Geh‘ weiter, es wird sich lohnen.

Der erste Kuss.

13. Oktober 2010

Schläfrig lag ich auf dem schwarzen Rückenpolster meines Rucksackes, welchen ich immer öfter als Kissenersatz missbrauchte, und wünschte mir, dass die zäh kriechende Zeit sich verflüssigt, während der schmächtige Deutschlehrer seinen Lehrauftrag erfüllte und versuchte, uns Schülern an einem Freitagnachmittag, in der letzten Doppelstunde vor dem lang ersehnten Wochenende, etwas beizubringen, das wir schon längst kennen sollten, so oft wie wir das in unserer Schullaufbahn schon durchkauen mussten.

Ich lag da wie ein ausgeschlachteter Fleischklumpen und blickte aus nach Erholung kreischenden Lidern in die scheinbare Leere des Klassenzimmers und versuchte ohne Regung die Staubpartikel zu verfolgen, welche hoch oben in der Pumakäfigluft des Raumes von den Strahlen der bevorstehenden Abendsonne vergoldet wurden, die durch das schmutzbehaftete Fensterglas fielen und dem Zimmer dieser Irrenbildungsanstalt ein hoffnungsvolles Schimmern verliehen. Dieser funkelnde, farblos-flaue Anblick ermüdete mich nach kurzer Zeit und so entschloss ich mich dazu, meine ausgebrannten Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen, denn etwas besseres konnte ich als wissbegierig-gelangweilter Schüler nicht machen.

Nach einem zwanzig-minütigen Sekundenschlaf riss ich entsetzt meine Augen auf, als ich plötzlich die Stimme des jungen Mannes aus der Reihe vor mir vernahm, welcher sanft, fast liebevoll einen Text aus dem Schulbuch vorlas, und in mir die Entfaltung eines längst vergessenen Traumes lostrat, indem er das Wort „Kuss“ über seine Lippe springen ließ, welches zart auf meiner Lippe landete.

Mein Herz schlug so schnell, dass ich aus Angst, jemand könnte es hören, vergaß zu atmen und zu blinzeln, denn ich konnte nicht glauben, an was ich mich erinnerte. Er saß da, vor meinen Augen, und sprach einen Text, den ich nicht einmal wahrnahm, bis mein Unterbewusstsein das Wort erfasste, welches mich schmerzlich übermannte und mein Bewusstsein impulsartig in Brand steckte.

Im Traum, den ich Tage zuvor geträumt haben muss, küsste ich den jungen Mann, welcher Montag bis Freitag vor mir in der Reihe sitzt und zweifelsohne zu den schönsten Kerlen gehört, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin. An manchen Tagen kann ich ihm nicht in sein wunderschönes, klares Gesicht blicken, weil meine Vernunft es mir nicht gestattet, diesen zweiundzwanzig-jährigen Herren insgeheim anzuhimmeln. Doch er sitzt vor meinen Augen, jeden Tag, und redet oftmals mit mir, als kannten wir uns schon immer. Und ich sehe täglich in seine Kornblumenaugen und erkenne darin seine Intelligenz, welche mich immer wieder in die Faszination führt, und seine Aufrichtigkeit, welche mich im Herzen schmeichelt und mir jedes Mal ein Lächeln zaubert. Seine Haut, die fraglos reifer ist als meine, bewirkt in mir einen erotischen Respekt, und so zügle ich mich und beweise Disziplin, beherrsche mich und halte mich zurück, denn etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Doch wie gerne würde ich über sein Gesicht streichen und mit meinen Fingerkuppen durch sein volles, blond-braunes Barthaar gehen, das sein Antlitz veredelt und noch ästhetischer gestaltet, als es ohnehin schon ist…

Im Traum, da küsste er mich. Zum ersten Mal wurde ich geküsst und zum ersten Mal träumte ich davon, geküsst zu werden. Sorgsam hielt er meinen Kopf, sah mir in die Augen, in denen ich mich selbst erkennen konnte, und näherte sich mir, als wäre es nie anders gewesen, und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Unsere Lippen berührten sich und ich fühlte mich wohl dabei, fast geborgen. Im Traum war es das schönste aller Gefühle, denn ich hatte weder Sorgen, die sich erfüllen könnten, noch Hoffnungen, die sich erfüllen sollten. Es war ein hoch-erotisches, sinnliches Erlebnis, das mich schwer aufgeschürft hat.

Er las weiter und Wort für Wort verging die Zeit, doch mein Herz klopfte rasend und mein Atem stand still. Hellwach brannten meine Augen und eine schwere Traurigkeit flutete meine Gedanken und Gefühle. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, der sich nie verwirklichen und für immer nur ein Traum bleiben wird. Ein Traum wie kein anderer und ein Traum, der mich zerreißt und meine Zerrissenheit als unstillbare Durstlandschaft hinterlässt. Diese unbändige Sehnsucht fließt durch meine Adern und schmerzt mit jedem bewussten Herzschlag in seiner Gegenwart.

Ich weiß, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, meinen Durst mit und an diesem jungen Herren zu stillen. Mein Leben ist manchmal sehr bitter und schleicht so lange auf unhörbaren Sohlen, bis ich verwundet und schwach durch die Welt weile. In solchen Momenten schlägt es zu und trifft punktgenau auf mein verletzliches Gemüt. Ich lag auf diesem Tisch und fühlte mich wie durch einen dornigen Holzpflock aufgespießt. Mein Herz war gebändigt in beißender Enge, konnte sich nicht wehren gegen die Traurigkeit meiner Träume und Sehnsüchte, ohne ein größeres Leid zu erfahren. Und so lag ich still schweigend und schwer atmend und leidend auf dem Tisch, und versuchte meinen Kummer unbemerkt herunter zu schlucken, was mir natürlich bestens gelang, denn ich bin der Meister der Masken.

Ich werde mich niemals ausleben können, solange ich ein Doppelleben führe. Diesen jungen Herren sehe ich Tag für Tag und mit jedem weiteren Tag schmerzt mich sein herrlicher Anblick umso mehr. Er spricht nur eine Sprache, ist nicht bilingual, wie ich es bin. Und es ist nicht Liebe, es dieser Durst, der mir so oft die Tränen in die Augen treibt, wenn ich alleine bin.

Eine viertel Stunde nach der stechenden Erkenntnis, Wunderschönes geträumt zu haben, kam zu meiner Scheinrettung endlich die erlösende Zehn-Minuten-Pause um die Ecke. Der junge Mann, der mich geküsst und somit in den tiefen Sumpf der verbitterten Traurigkeit gestoßen hatte, hob seinen Kopf, welcher mittlerweile auf der Tischplatte lag, streckte sich und drehte sich um zu mir.

Einfühlsam lächelnd flüsterte er mir in’s Ohr: „Oh, der Herr Heartcore sieht aus, als könnte er einen Kaffee ebenfalls ganz gut gebrauchen. Ich geb‘ dir ‚was aus. Drei Mal Zucker und einmal Milch, nicht wahr?“