Posts Tagged ‘Hoffnung’

Auf dem Balkon.

20. März 2013

Gestern saß ich nach einer langen Zeit wieder einmal auf dem Balkon und habe an den letzten Sommer gedacht. Auf dem Tisch waren weder Salzstangen, noch Oliven, am Geländer wuchsen keine Tomaten heran und im Garten lag Schnee. Alles war und ist anders, alles nicht Sommer, und dennoch fühlte es sich gestern an, als ob Marc bei mir säße. Dieser kleine Balkon – auf dem man nicht anders kann als zusammen zu rücken – ist wohl auf Ewig mit ihm verbunden.

Ich habe einen Jungen kennengelernt!, sagte ich zur Nacht. Aber warum fällt es mir so schwer, mich in ihn zu verlieben? Ich denke, es liegt an der Dichte und der Intensität, die ich in der Beziehung mit Marc hatte. Eine Beziehung gebaut auf Ferne und einer weitreichenden Lüge, denn Marc hatte einen Partner. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns nur ein paar Mal im Monat sahen, wenige, kostbare Tage, jede Stunde ein Geschenk, jedes Mal ein besonderes Ereignis. Das große Warten und dann das Gehört werden meiner kurzfristigen Wünsche, das Befeuern meiner lächerlichen Hoffnung, dass er eines Tages, ganz bald, auf mich zu gehen würde und seinen langjährigen Partner, den er monatelang belogen hat, für mich verlassen würde. (Ich rede mich schon wieder um Kopf und Kragen.) Mit jedem Ich liebe dich!.. seinerseits gab ich der trügerischen Hoffnung mehr und mehr Platz in meinem Herzen.

Damals Liebe und heute Tumor?, fragte ich die Nacht.

Marc war ein äußerst gefühlvoller, emphatischer Kerl, und wenn es etwas gibt, mit dem man mich ködern kann, dann sind es Gefühle. (Vielleicht, weil ich selbst so bin.) Er war ein schöner, reifer Mann. Nunja, und er war bisher auch der einzige Mensch, mit dem ich meine Musik ohne Zweifel und mit großer Freude teilen konnte. Ich habe mich in seinen Augen und in seinem Herzen verstanden gefühlt, und auch wenn ich heute denke, dass es nur teilweise so war, hat es mich sehr glücklich gemacht damals. (Es: der Gedanke, dass…)

Daniel hingegen ist eher sachlich. Er fühlt seine Umgebung nicht, er analysiert sie nach objektiven Kriterien. Ein hübscher Junge mit farbenfrohen Augen und einer tollen Mundpartie. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Dingen, die ihn zum Lachen bringen. Gefühlsbeladene, eher traurige und melancholische Sachen lassen ihn erst einmal kalt, dabei kann er auch romantisch sein in dem Sinne, was romantisch für mich bedeutet. Meine Musik kann er nicht nachempfinden. Ich denke ganz oft, dass meine Gefühle nicht zu ihm durchdringen. Ich frage mich dann, ob ich nicht genug Gefühl zeige.

Und ich frage mich, ob ich noch zu sehr an Marc hänge, aus welchen hoffnungslosen Gründen nun auch immer. Ob ich zu viel erwarte von einem Jungen meines Alters, ob das normal ist, ob er nicht einfach so gefühlvoll ist und ich verwöhnt und verdorben bin, was diese Sache anbelangt. Kann ich erwarten, dass es so wird wie mit Marc? Ist es nicht würdelos den Freund mit den ExPartnern zu vergleichen? Mache ich etwas falsch oder passen wir nur auf der Oberfläche zusammen? Ich möchte doch so sehr in die Tiefe gehen. Sollte ich es langsamer angehen, wo ich es doch kaum erwarten kann, mich in’s Meer zu stürzen?

Nun, gestern saß ich auf diesem Balkon und habe mich nicht getraut bzw. habe es mir untersagt, Marc zu schreiben, dass ich dort draußen sitze und an ihn denke. Welchen Sinn sollte das haben?, dachte ich. Lass‘ ihn in Ruhe, am Ende weinst du wieder.


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06.03.2012.

6. März 2013

Mein lieber Marc,

Es war kurz vor neun als die ersten Blicke fielen, als unser Wunder zu wachsen begann; ich habe es noch glasklar vor Augen. Diesen Anfang werde ich niemals vergessen, und auch wenn es kein schönes Ende nahm, danke ich dir für diese Zeit. Du hast mir sehr geholfen; ich habe viel gelernt von dir und durch dich.

Du bist noch oft in meinen Gedanken, doch es wird weniger werden. Ich bin froh, dass da keine Wut mehr ist, dass die Enttäuschung nachlässt.

Deine Musik trägt mich durch die Tage, mir geht es gut. Ich bin dabei, mich neu zu verlieben; in einen Jungen, wie du ihn mir immer gewünscht hast: in meinem Alter, hübsch und klug. Jemand, mit dem ich eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnte. Mal schauen, was das Leben für mich vorgesehen hat.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, das Wetter zumindest verspricht viel. Ich hoffe, dir geht es gut.

Wohlan, dein kleiner Achdu.

Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

Die Frage nach dem Sinn.

10. Oktober 2011

Die Lebenszeit nicht verschwenden, das ist mir wichtig, immer wieder nach dem Sinn fragen, denn Sinn ist wichtig, wichtiger als Glück […] schreibt Frau Fragmente.

Ich denke dieser Tage viel darüber nach, welchen Sinn mein Leben derzeit hat. Ich habe Wochen und Monate damit verbracht, auf Briefe, Antworten, Zu- oder Absagen zu warten und befinde mich jetzt inmitten einer großen Leere, weil die Grundlage, auf der ich meine Zukunft aufbauen wollte, auf der Kippe steht und sich immer mehr in Richtung Abgrund neigt. Eigentlich kann ich den Boden schon berühren und sollte endlich aufstehen und nach vorne schauen. Aber da ist noch Hoffnung, an die ich mich klammere. Eine letzte Chance, die das Ruder herumreißen könnte.

Ich war nicht faul und untätig, ich habe viel unternommen, damit ich mein Studium so entspannt wie möglich angehen kann, doch weil dieses jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit wegbrechen wird, muss ich mir etwas Anderes suchen, das mir einen Sinn gibt. Termine bei verschiedenen Beratungsstellen; der Versuch, mein Zeugnis anerkennen zu lassen; Praktika, Kindergeld, BAföG; die Suche nach einer WG, in der ich mich wohl fühlen könnte … all das habe ich in den letzten Wochen versucht in die Wege zu leiten, doch letztlich stehe ich da, ohne etwas erreicht zu haben, weil die Grundlage all dessen marode ist und wegbrechen wird. Wenn da nicht die Hoffnung wäre, der ich jedes Mal blind vertraue, naiv und optimistisch wie ich bin, wäre ich jetzt woanders, als im Hause meiner Eltern.

Ich bin wieder bei meinen Eltern. Ich bin wieder dort, wo ich eigentlich nicht sein möchte. Nicht aus der Not heraus, sondern weil ich meine Familie vermisst habe, weil ich meine Oma und ein paar Verwandte nach langen Jahren wieder sehen wollte, die wegen der Hochzeit meines Cousins aus der Türkei eingereist sind. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist derzeit okay — wir waren sogar bei einem Familientherapeuten und es lief erfreulich —, dennoch halte ich es in der Wohnung nicht aus. Ich will ausziehen, und das Studium wäre ein guter Grund und eine finanzielle Stütze gewesen, aber das kann ich jetzt wohl vergessen. Ich muss nach vorne schauen, ich muss endlich lernen, auf mehreren Gleisen gleichzeitig zu fahren. Ich darf nicht mehr (allein) auf die Hoffnung setzen.

Seit ein paar Tagen suche ich in der Stadt, in der ich studieren möchte, nach Arbeit, nach Jobs, nach einer Beschäftigung, die mich über Wasser hält, bis ich mich nächsten Juli wieder für ein Studium bewerben kann. Aber aus der Ferne geht das schlecht. Immerhin habe ich einige Anlaufstellen, die vielversprechend klingen; denen werde ich schreiben. Ich brauche Arbeit, ich brauche ein Projekt oder eine Beschäftigung, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken kann und dafür entlohnt werde. Ich brauche einen Sinn, etwas, woran ich arbeiten und wachsen kann. Sonst komme ich mir nutzlos und verschwendet vor.

Und ich weiß nicht einmal, ob die Zeit, die ich jetzt mit Warten und Suchen verbringe, verschwendete Zeit ist oder einfach nur der normale Lauf eines eigenständigen Lebens.

Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der „weise, türkische Junge“. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

„Es ist real, aber woanders.“ – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, „was besser wäre“. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so „reingerutscht“ bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.