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Sterbebegleitung. (19/42)

23. September 2015

Letztes Jahr habe ich eine Weiterbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter gemacht. Dazu kam es so: In der Ausbildung hatten wir das Thema „Tod und Sterben“. Das fand ich super, endlich etwas Spannendes, nur hatte ich ein Problem mit der Themenwoche, wie überall im Leben, es ist ein Fluch: Die eine Woche war mir viel zu kurz. Ich habe sehr oft das Gefühl, egal worum es sich handelt, dass die vermittelten Inhalte zu oberflächlich und ungenau sind. Am liebsten würde ich ein kleines Studium beginnen und mich tiefergehend mit der Thematik beschäftigen. Vorgesehen war aber nur eine Woche, es ist eine Ausbildung und kein Studium, da hatte ich wohl Pech gehabt. Bis mich kurz darauf ein Freund ansprach, ob ich denn schon von der ehrenamtlichen Arbeit in diesem Bereich gehört hätte, da würde man sich lange mit der Thematik beschäftigen und mit sterbenden Menschen Zeit verbringen, ihnen zuhören und einfach da sein. Es brauchte nicht lange und ich entschied dazu, mich ein Dreivierteljahr ausbilden zu lassen. Die sehr detailreiche und einfühlsame Gestaltung der Inhalte fand ich ganz wunderbar und jetzt bin ich eben ehrenamtlicher Sterbebegleiter.

Nun. Natürlich ist die Frage, weshalb ich mich trotz oder neben meiner Arbeit als Krankenpfleger – die ganz oft nicht einfach ist, körperlich wie menschlich, und wo es auch Situationen gibt, zweimal im Jahr oder so, in denen man Gespräche führen muss, die den Tod als Thema haben –, in der Sterbebegleitung engagiere. Vor ein paar Tagen ist mir diese Frage in den Sinn gekommen und wenig später auch die Antwort, wenn auch in einem anderen Kontext.

Mit der Sterbebegleitung kompensiere ich mein Gefühl, ein schlechter Pfleger zu sein.

Im Krankenhaus habe ich nicht die Zeit, mit Patienten zu sprechen. Man unterhält sich flüchtig während der Behandlung, außer diese ist kompliziert und bedarf alle Aufmerksamkeit, und dann huscht man so schnell es geht zum nächsten Patienten, weil die To-Do-Liste ewig lang ist. Dabei ist es mir sehr wichtig, sie nicht mit dem Gefühl zurück zu lassen, ihre Lebensgeschichte wäre mir egal. Ich mag Geschichten sehr, deshalb lese ich ja auch Blogs und Twitter und folge fremden Menschen. Doch an der Arbeit ist es ein wenig anders, denn die Patienten haben das Bedürfnis, gehört zu werden. Das klingt jetzt sicher etwas esoterisch, aber dieses Bedürfnis ist sehr wichtig für die Heilung. Und dem kann ich im Krankenhaus nicht nachkommen. Das frustriert mich, und wenn ich mir dann doch Zeit nehme zuzuhören, werde ich später als lahm bezeichnet von Kolleg_innen. Ich hätte den Verband, die Infusion doch schneller wechseln können und so weiter, jetzt hätten sie alles Andere allein machen müssen. Solche Aussagen frustrieren mich noch mehr, ich nehme mir eh schon mehr Zeit für die Behandlung als andere, um keine Flüchtigkeitsfehler zu machen. Mit diesem Frust gehe ich dann nach Hause und habe das Gefühl, ein schlechter Pfleger zu sein.

Da ist es doch nur logisch, dass ich genug von der Pflege habe und es kaum abwarten kann, dem Krankenhaus nach der Prüfung den Rücken zu kehren.

Die Begleitung von Sterbenden finde ich nach wie vor sehr schön, das mache ich nach der Ausbildung auf jeden Fall weiter. Es erdet mich und ich fühle mich vom Ballast der Welt befreit, wenn die Sterbenden erzählen, das Gespräch hätte ihnen sehr gefallen, endlich hätte mal jemand zugehört oder sie seien mal eine Zeit lang auf andere Gedanken gekommen.

(Seltsam, dass ich so viel Energie aus dem Tod ziehe.)

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Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Herbst.

11. Oktober 2010

Jedes Mal, wenn ich dieses Buch in meine jungen Hände nehme, mit meinen müden Fingern über den erschöpften Buchrücken, die 576 Seiten und die zahllosen Post-Its streiche, jedes Mal, wenn ich ein paar Seiten oder Zeilen aus diesem Buch der Bücher lese, verspüre ich einen intensiven Schmerz, welcher mich vollkommen erfüllt und von der Wahrheit und der einzigartigen Schönheit der Worte in mein Innerstes getragen und dort von meiner Seele umarmt wird, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen, als hätte ich keine Mutter und keinen Vater, keine Familie und keine Freundschaften, als ob ich der einzige Mensch auf Erden wäre, der gefunden hat, was er ein Leben lang suchte und nun mit der Angst kämpft, zu verlieren, was er fest umklammert. Dieser unerträgliche Schmerz des Verstandenwerdens, dieses große Gefühl, das mich jedes Mal packt, sich an mich saugt und nicht mehr los lässt, bis ich schlafe und am nächsten Tag wie ein Neugeborenes in die Welt und auf mein Leben blicke, dieses Gefühl, welches nur einer in mir entfachen kann, welches brennt wie eine immer währende Fackeln, bis der Tod in Form des Schlafes uns vereinzelt… Fernando Pessoa, Sie vernichten mich jedes einzelne Mal und beschweren mein schwaches Herz, sodass ich nicht mehr weiterlesen kann, ohne mich zwischendurch dem Tod zu nähern, indem ich schlafe…

„Mein Herz schmerzt mich wie ein Fremdkörper. Mein Gehirn schläft alles, was ich empfinde. Ja, der Herbstanfang, er bringt meiner Seele und der Luft jenes Licht ohne Lächeln, dessen lebloses Gelb das unregelmäßige Rund der wenigen Wolken des Sonnenuntergangs säumt. Ja, der Herbst beginnt, und mit ihm kommt in dieser klaren Stunde, die klare Erkenntnis von der namenlosen Unzulänglichkeit aller Dinge. Herbst, ja, der Herbst, der beginnt oder schon begonnen hat und die vorweggenommene Müdigkeit aller Gesten, die vorweggenommene Enttäuschung aller Träume. Was kann ich erwarten, und woher nehme ich diese Erwartung? Schon in dem, was ich von mir denke, wirbele ich unter Blättern und Staub des Hofes auf der sinnlosen Umlaufbahn des Nichts und raschle als etwas Lebendiges auf den sauberen Fliesen, vergoldet von einer schräg einfallenden, ich weiß nicht wo verlöschenden Sonne.“

Fernando Pessoa — Das Buch der Unruhe — Fragment 202 / Seite 206 / Zeile 15 bis 28

Friends on Facebook.

5. September 2010

Irgendwann letzte Woche habe ich auf Facebook „Blut“ zu meinen Interessen hinzugefügt. Daraufhin auf meiner Pinnwand:

Jes: Man fragt sich welche Interessen du mit „Blut“ genau vertrittst. Mir würden auf Anhieb zwei Dinge einfallen und die haben nichts mit Hämotoxinen zu tun.

Heartcore: Ich dachte da eher an Vampirismus oder Blutgeilheit. Neulich wurde ich Zeuge eines Kopfschusses. (Im Film, wo sonst?) Ich fand diesen Vorgang des Sich-Entleibens so berauschend schön, dass ich eine Art inneren Frieden, fast schon eine Art Befriedigung spürte. Es war so abartig!.. Blut ist mein Gemüse.

Jes: Es ist geradezu furios das diese Flüssigkeit uns am Leben erhält. Da ist es nur plausibel, wenn der Körper in sich zerfällt, um eine Art Euphorie zu verspüren. Er stirbt.

Heartcore: JA! Ich erwarte sehnlichst den Tag, an dem meine Adern von kochendem Blut durchströmt werden, nur um mich zu töten! Und dann, in einem stillen Moment, werden wir schweigen, ich und mein Körper. Mein Blut wird gefrieren, es wird sich festigen und für immer starr in meinen Adern schlafen, bis dass der Tod uns scheidet. Hach. :‘)

Jes: Dann werde ich dein Blut exilieren und verdiene mein Geld als Giftmischer. Vielleicht entdecke ich etwas besseres als dieses Fallschirmsprunggefühl.

Heartcore: Du darfst mein Blut aber nur zu ehrenhaften Taten verwenden! Es wäre eine Schande, würde ich verschandelt werden! Vielleicht erfindest du einen Virus, der die Menschheit von allem Leid dieser Welt befreien kann?! (Es soll die Menschen töten! Der Tod ist die einzig wirksame Erlösung.)

Jes: Dann brauche ich ein ganzes Filmteam, um den besten Film aller Zeiten drehen zu können!

Heartcore: Hmm. Aber wenn ich tot bin, kann ich „den besten Film aller Zeiten“ ja gar nicht sehen! Du Dummerchen. :'(

Jes: Wir kommen beide in die Hölle ;)

[Ehemalige türkisch-alevitische Klassenkameradin, mit der ich nie wirklich etwas zu tun hatte. Sie hasst mich, weil ich in ihren Augen kein „richtiger, würdiger Türke“ bin. Zudem haben wir uns seit mehr als einem Jahr nicht gesehen oder gesprochen.]: oh mein Gott, ich wusste ja dass du krank bist, aber des kann man schon garnicht mehr krank nennen. Es befriedigt dich zu sehen wie Menschen sterben, gehts dir eigentlich noch gut? Wegen solchen verstörten Menschen wie du kommt es zu Amokläufen und alles, ich glaub du weißt nichts mehr mit deinem Leben anzufangen du kannst dich auch einfach umbringen wenn du nicht mehr klar kommst, aber behalte solche wiederlichen und kranken Gedanken für dich, sowas muss nicht auf Facebook, ich hoffe du wirst wieder Gesund, für dich & deine Familie !

Heartcore: Ruhig bleiben! Das ist doch alles nicht ernst gemeint… Jes und ich, wir geben immer so Zeug von uns. Finde aber deine Reaktion auf diese relativ sinnfreie Konversation sehr hart und übertrieben. Das hier ist schwarzer Humor und du scheinst ihn nicht zu verstehen. Wird ein Krimibuchautor gleich zum Massenmörder, weil er detailliert Morde, Opfer und Mörder beschreibt? Was ist mit SAW, Braindead oder Hostel? Das sind alles Filme, in denen Blut und Gewalt im Vordergrund stehen. Und trotzdem wird so etwas produziert, in die Kinos gebracht und verkauft. Schon einmal Simpsons oder Happy Tree Friends gesehen? Außerdem ist Amoklauf scheiße. Das mit Winnenden ist an meinem Geburtstag passiert, falls du dich noch daran erinnern kannst. Mein Tag war von einem dunklen Schleier bedeckt, trist und grau. Ich habe an diesem Tag nicht gefeiert, weil mir das gegenüber den Opfern und Familien zu respektlos erschien. Und jedes verdammte Jahr wird das in den Nachrichten kommen. Es kotzt mich an. Ich hasse diesen Idioten! Also komm‘ mir bitte nicht so.

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Eine Antwort habe ich noch nicht erhalten. Bin aber gespannt! Sie wird ganz bestimmt die Moral- und/oder Ehrenkeulen oder so etwas in der Art auspacken, falls sie überhaupt antworten wird.

Der Satz „…behalte solche wiederlichen und kranken Gedanken für dich…“ hat mich ehrlich gesagt sehr verletzt. Das ist wieder so eine Sache, die mich kränkt. Was kann denn ich dafür, dass ich manche Sachen als belustigend empfinde?

„…ich hoffe du wirst wieder Gesund, für dich & deine Familie!“ — Ich habe nicht vor, „gesund“ zu werden.

Wie gerne.

31. Juli 2010

Wie gerne würde ich nochmals neben meinem Großvater liegen und seinem Atem lauschen. Wie gerne würde ich nochmals versuchen, mein Atmen an seine Lungen anzugleichen und wie gerne würde ich dabei scheitern. Wie gerne würde ich daliegen und genießen, dass er mit seinen weisen Händen durch mein lockiges Haar fährt, langsam und zärtlich. Wie gerne würde ich ein letztes Mal seinen letzten Atemzug spüren, seinen letzten Herzschlag. Wie gerne würde ich ihm ein letztes Mal in die Augen blicken. Wie gerne würde ich mit ihm sterben, in seinem letzten Augenblick, während seinem letzten Zucken.