Geduldsspiel.

4. Januar 2013

Großeinkauf bei ALDI in der Innenstadt, der Wagen ist bis oben hin voll. Endlich bin ich an der Reihe und packe mein Zeug sowie den Pfandbon auf das Band, alles wird schön eingescannt. Mangels Bargeld möchte ich mit Karte zahlen, das Gerät aber sagt: Karte verfallen, denn seit drei Tagen ist 2013. Ist mir in dem Moment sehr peinlich. Ich lasse meine Einkäufe hinter der Kasse stehen und verspreche der Kassiererin, dass ich wieder komme. Ich fahre mit dem Bus nach Hause, tausche alte gegen neue Karte aus, hänge schnell noch die Wäsche auf, führe im Treppenhaus ein Gespräch mit der Nachbarin und fahre mit dem Bus wieder in die Stadt. Im ALDI angekommen gehe ich direkt zur Kassiererin, die mich verwundert ansieht und sagt, ich solle kurz warten, bis sie fertig mit dem aktuellen Kunden ist, danach sei die Kasse geschlossen. Der Kunde ist fort, ich bin an der Reihe. Die Kassiererin versucht den Bon über meine Einkäufe zu stornieren, das klappt aber nicht. Sie klingelt und eine Frau in blau kommt angelaufen und sagt, ich solle mit zu einer anderen Kasse und meine Einkäufe dort noch einmal auf das Band legen. Auch sie versucht den Bon von vor einer Stunde zu stornieren. Sie vermutet, dass einer Stornierung wohl deshalb nicht statt gegeben wird, weil Pfand auf dem Bon ist. Weitere Kunden haben bereits hinter mir eine Schlange gebildet. Sie klingelt und ein großer Mann im Anzug kommt angelaufen und sagt, ich solle die Sachen wieder in den Wagen packen und warten, er müsse jetzt an einer anderen Kasse Diebstahl aufklären. Ich packe mein Zeug ein und stelle mich in eine Ecke und beobachte mit der Frau in blau, wie der Mann ein wirklich sehr verdächtig aussehendes Ehepaar beim Klauen ertappt. Die Frau in blau sagt, dass es nun noch länger dauern würde. Ich sage: Kein Problem, ich habe Zeit. Frau in blau und Mann im Anzug verschwinden mit dem Junkie-Ehepaar im Laden. Ich lächle die Kassiererin an, sie sagt: Heute ist wirklich alles verrückt! Wenige Minuten später kommt die Polizei und verschwindet auch im Laden. In der Schlange steht nun ein Junge meines Alters, verdammt sieht er freundlich aus! Moment, den habe ich mal im Bus gesehen; er ist mir damals schon aufgefallen. Auch er versucht zu bezahlen, jedoch: Karte verfallen. Die Kassiererin lacht und sagt: Kann doch nicht wahr sein! Das hatten wir noch nie! Ich lache ebenfalls, aus anderen Gründen, aber leider hat der Junge genug Bargeld bei sich und muss nicht mit mir in der Ecke warten. Wir werden keine Freunde und ich sehe wieder einen Menschen davon ziehen, den ich gerne kennengelernt hätte. Kurz darauf kommt die Frau in blau und versucht noch einmal den Bon zu stornieren, klappt auch diesmal nicht. Ich schlage vor, Bargeld zu holen, damit die Differenz in der Kasse ausgeglichen ist. Beide Frauen fassen sich an die Stirn. Ich gehe zur Bank und laufe zurück zum ALDI und möchte bezahlen, jedoch ist der Kassenzettel nicht aufzufinden und noch einmal alles auf das Band zu legen würde die Differenz nicht ausgleichen. Die Kassiererin klingelt und die Frau in blau kommt angelaufen und sagt eine Summe. Ich bezahle und bedanke mich für die Umstände und die Frau in blau sagt, dass sei gut so gewesen, denn nun könnten sie einen Fehler im Kassensystem melden. Die Kassiererin lächelt mich an: „Hätte nicht gedacht, dass Sie wieder kommen. Die meisten Leute lassen ihre Einkäufe stehen und wir dürfen das alles dann wieder einräumen. Aber so sehen Sie auch nicht aus.“ Ich bedanke mich: „Freut mich, dass ich nicht so aussehe. Ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, noch einmal einkaufen zu gehen, aber ich wollte auch nicht, dass irgendwer die Sachen wieder einräumen muss.“ Wir lächeln uns an.

Im Nachhinein bewundere ich meine Geduld in der ganzen Sache. Ich habe über eine halbe Stunde in einer Ecke gewartet und war weder frustriert noch wütend darüber, im Gegenteil: es hatte sogar etwas Beruhigendes, die Menschen und ihre Einkäufe an mir vorbei rauschen zu sehen, zudem hatte mein Abend mal einen anderen Inhalt. Sicherlich hat es mir gut getan, nicht den immer gleichen Gedanken in meinem Kopf nachzuhängen, sondern einfach mal die Umgebung zu beobachten.

Vermutlich hätten Freunde den selben Effekt.

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