Posts Tagged ‘Begegnungen’

Manieren. (18/42)

20. September 2015

Ich war letzte Woche auf einer Fortbildungsveranstaltung; im gleichen Hause, das meinen Bildungsurlaub neulich angeboten hatte. Woanders hin würde ich meine Fortbildungen auch nicht legen, denn das Seminarhaus meiner Gewerkschaft bietet die perfekte Umgebung für derlei Veranstaltungen. Die Seminarräume sind super ausgestattet, die Schlafräumlichkeiten sind okay und das Haus liegt mitten in der Pampa, sodass man abends eher nicht irgendwo hinfährt, um „gemeinsam etwas zu unternehmen“. Im Haus gibt es eine großartige Bar mit äußerst günstigen Preisen und ansonsten hat man diverse Möglichkeiten vor Ort, selbst für Spaß zu sorgen. So kommt es, dass die Teilnehmer aus den verschiedenen Seminaren die Abende miteinander verbringen und Socializing betreiben. Es ist wirklich immer sehr nett dort; Austausch ohne Ende, wenn man möchte. Die Abende sind durchaus ein Grund für mich, dieses Haus immer wieder aufzusuchen.

Aber der eigentliche Grund ist folgender: Die Verpflegung ist wirklich erstklassig. Das Essen ist auf höchsten Niveau und immer lecker und bombastisch. Die Küchendamen sind jederzeit ansprechbar in der offenen Küche, in die man vom Speisesaal aus ab dem Tresen komplett hinein sehen kann. Falls jemand irgendeine Allergie hat oder etwas nicht essen kann oder möchte, haben die Damen immer eine individuelle Lösung parat. Das sind richtige Herzmenschen. Ich glaube, ich habe schon einmal darüber geschrieben.

Nun war meine Gruppe natürlich nicht allein im Haus, parallel fanden drei andere Seminare statt. Ungewöhnlich war nur, dass das eine Seminar von einer anderen Gewerkschaft organisiert und geleitet wurde. Sie hatten sich in unserem Haus eingemietet, weil bei ihnen die Kapazitäten nicht vorhanden waren. Diese Tatsache an sich ist überhaupt kein Problem für niemanden, für unser Haus lohnt sich das finanziell sogar. Doch die Teilnehmenden dieses Seminars, sie waren ein Problem.

Es ist zu einhundert Prozent ausgeschlossen, dass jemand in unserem Seminarhaus verhungern könnte. Es ist schlicht unmöglich: Fünfmal am Tag kann man etwas essen und zwei weitere Male, falls man spätabends oder mitten in der Nacht Hunger bekommen sollte. Es herrscht das Selbstbedienungsprinzip, Buffet zu allen Zeiten. Jeder kann sich nehmen, wie viel er möchte. Nachschlag ist überhaupt kein Thema. bisher war immer genug da, auch für Schlemmeronkels wie mich.

Die Teilnehmer des eingemieteten Seminars jedoch waren von Anfang an ein Dorn in unseren Augen. Sie benahmen sich wie steinzeitliche Plünderer und schlugen zu, ohne an die Letzten in der Schlange zu denken. Ihr Verhalten hielt bis zum Ende an, trotz der Bitte, solidarisch zu sein. Beim zweiten Mittagessen schon konnte ich nicht mehr hinsehen: Sie schaufelten sich bis zu drei riesige Stücke Lachsfilet auf die Teller – eines ist für eine Person gedacht –, nur um den Fisch hier und da anzunagen und die Teller einfach stehen zu lassen. Ihretwegen gab es keinen Fisch mehr für die Letzten in der Schlage, das kam noch nie in der Geschichte des Hauses vor. Außerdem räumt hier jeder sein Geschirr ab und sortiert es am Tresen für die Küchendamen vor, damit diese es beim Spülen einfacher haben; das wird gleich am ersten Tag erklärt. Doch was diese Leute abzogen, war einfach nur asozial.

Und so etwas hasse ich. Also habe ich mir mit einer Freundin zusammen ein paar stehen gelassene Teller voller Fisch geschnappt und sie den Leuten in den Seminarraum getragen. Dort haben wir sie kommentarlos in die Mitte des Stuhlkreises gestellt und sind wieder heraus marschiert. Keiner sagte irgendetwas, noch konnte man aus ihren Gesichtern irgendeine Reaktion heraus lesen.

Genauso wenig wie das Reden oder Ermahnen hat diese Aktion nichts bei den Spacken bewirkt. Bis Freitagnachmittag haben sie die Atmosphäre des Hauses nachhaltig gestört und sich nur mit sich selbst beschäftigt. Socializing war nicht. Da wurde mir dann plötzlich klar, weshalb ich es dort immer so schön fand bisher: Als Menschen, die im Dienstleistungssektor tätig sind, haben wir kontinuierlich mit anderen Menschen zu tun. Wir lernen, freundlich und zuvorkommend zu sein – denn so kommen wir gemeinsam weiter –, und verhalten uns auch im Alltag so. Im Gegensatz dazu haben die eingemieteten Leute die meiste Zeit ihrer Arbeit mit Maschinen zu tun. (Mal so ins Blaue hinein gedeutet.)

Advertisements

Vorsprung.

6. August 2011

Ich steige aus der viel zu vollen S-Bahn und gehe auf eine junge Frau zu und sage ihr vollen Ernstes in’s Gesicht: „Hör‘ mir zu. Die Antwort ist Nein. Nein, tu‘ es nicht.“ Dann gehe ich meinen Weg weiter, ohne auch nur einmal zurückzublicken, die Treppe hinab, durch den Tunnel hindurch und die Treppe zu den Haltestellen hinauf und in den Bus hinein. Ich setze mich, der Bus fährt los und ich frage mich, was genau ich gerade eben getan habe und ob das Konsequenzen haben wird, mehr schlimme als gute, ob sie auf meine Worte hören und etwas nicht tun wird, nur weil ich, ein Fremder aus der S-Bahn, es ihr gesagt habe. Ich frage mich, ob das ihr Leben verändern wird und ob ich Schuld daran sein werde, dass sie leidet, stirbt oder möglicherweise glücklich sein wird.

Zu Hause angekommen denke ich noch immer an die junge Frau und was nun mit ihr geschehen wird. Ich weiß nicht, ob ich bereuen oder mich meiner Verrücktheit wegen freuen soll, oder ob das vollkommen gleich und unbedeutend ist, weil es letztendlich nicht in meiner Hand liegt, was sie zu tun vermag.

Nachts träume ich, wie sie sich am Geländer einer Brücke festhält, hinab sieht und wieder den Weg zurück geht, der sie dorthin geführt hat.

Traurig blau und perlweiß.

31. März 2010

Heute hatte ich nur eines im Kopf: das eventuell anstehende Treffen mit Frau Fragmente. Indes habe ich überlegt, was wir machen könnten, wenn die Sonne scheint. Ob die Sonne letztlich scheinen wird, ist natürlich ungewiss, doch ich hoffe sehr, dass dieser Tag ein strohgoldener Tag in der Sonne des Aprils sein wird.

Ich stelle mir diesen hoffentlich angenehm-sonnigen Tag so vor: Wir treffen uns irgendwann zur Mittagszeit an einer zuvor abgemachten Stelle in der Stadt (der Bahnhof bietet sich geradezu als diese Stelle an; den Weg dorthin kennt sie ja schon), und fahren dann in das wenige Meter entfernt liegende Parkhaus.

Den Moment unserer Begegnung möchte ich nutzen, um das zu tun, was ich letztes Mal unterdrückt habe, weil ich dachte, es wäre unangebracht.

Wir werden das Parkhaus verlassen und uns in ein Café setzen, um anschließend gemütlich an dem See entlang zu laufen, den ich persönlich als sehr schön empfinde. (Ich kenne eigentlich nur diesen einen See, es gibt bestimmt schönere.) Vielleicht werden wir aber erst den See und dann das Café aufsuchen; je nach dem, wie uns gerade ist.

Ich habe über Tage hinweg Fragen und Stichworte notiert, denn dieses mal möchte ich „vorbereitet“ sein. Das letzte Mal hatte ich zwar ein positives Gefühl, doch fehlte es von meiner Seite aus an Fragen; da ich sie nicht wirklich „kannte“ und nicht wusste, was ich sie fragen kann bzw. ob ihr die Fragen zu privat wären. Im Nachhinein war das ein bisschen feige von mir.

An diesem Tag wird das anders sein, das weiß ich.

Während wir an dem See entlang laufen werden, werden kleine, weiße Wolken den tiefblauen Himmel bruchstückhaft bedecken; die Sonne wird nicht zu intensiv scheinen. Es wird warm sein, aber nicht heiß. Ein leichter Wind wird durch ihr Haar wehen und ihre Augen werden im Sonnenlicht erstrahlen. Die Augenfarbe eines Menschens ist im Sonnenlicht am intensivsten. Die Wolken werden Schatten auf den See werfen, welcher edlen Enten als Zuhause dient. Das saftig-grüne Gras wird im Takte des Windes mitschwingen und kleine Gänseblümchen werden glücklich mitwippen.

Nach und nach werden die weißen Wolken ein Stück traurig-blauen Himmel freilegen und wir werden uns auf eine perlweiße Parkbank setzen und die Wolken am Rande des traurigen Blaus betrachten. Vielleicht werden wir die Wolken zu deuten versuchen, wer weiß.

Manchmal spielt dort ein älterer Herr Klavier, vielleicht wird er an diesem Tag an jenem Ort sitzen und die Luft in Melancholie tränken.

Wir werden über vieles sprechen, ich werde ihr so einiges erzählen, was ich hier erzählen möchte, wenn ich endlich die Maske der Anonymität aufgezogen habe.

Am Ende des Tages werde ich ein bisschen traurig sein, weil es so schön und kurz war, doch das wird mir lehren, den Moment zu schätzen und in mir festzuhalten.

Diesmal werde ich ganz besonders auf ihre Stimme achten und mir diese Stimme einprägen, denn ich erinnere mich nur noch an ein zartes „Tschüss!“ am Telefon.

Und dann wird sie wegfahren und ich werde ihr glücklich bis traurig hinterher winken. „Lebe wohl, Schwesterherz!“

So könnte das stattfinden. Ich lasse mich überraschen und bin nicht enttäuscht, falls nicht.