Posts Tagged ‘Begegnungen’

Ein Brief mit Folgen.

30. September 2019

Lieber Boris,

zuallererst möchte ich dich um Entschuldigung bitten, dass ich deine Aufmerksamkeit auch auf diesem Wege beanspruche. Doch ich kann nicht anders, denn: Wir beide haben uns einander in den letzten Monaten vertraut gemacht. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, sagte der Fuchs.

In der gemeinsam verbrachten Zeit haben wir einander gezähmt, jeden Tag sind wir uns ein Stückchen näher gekommen; auch wenn noch viel Zähmen vor uns liegt. In der Zeit dazwischen haben wir voneinander erfahren über Geschriebenes, selten über Gesprochenes. Auch, wenn du schriftlich vielmehr über mich erfahren hast, als ich über dich. Und wie der Fuchs sagt, ist das Zähmen eine Sache, für die man sehr geduldig sein muss. Das ist nicht leicht für mich, doch ich lerne es durch dich. Niemals zuvor hat jemand meine Geduld derartig auf die Probe gestellt wie du. Und ich danke dir dafür, für diese neue und auch herausfordernde Grenzerfahrung. Ich warte gerne auf dich und ich bringe gerne die Geduld für dich auf. Gleichzeitig stürzt das mich in tiefen Kummer, wenn ich nichts von dir höre, weil ich noch lerne dich zu verstehen, weil ich noch ganz am Anfang stehe, weil ich nicht weiß, wie ich dir helfen kann oder ob du das überhaupt willst. „Man versteht nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. Dass wir noch keine Bräuche haben, wie der Fuchs sie beschreibt, dass die Netzabdeckung scheiße ist und du oft sehr schweigsam bist, all das verstärkt meinen Kummer.

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich mich verantwortlich fühle für dich, weil ich dich erreichen möchte in deinem Herzen, weil das bei WhatsApp scheinbar nicht möglich ist, weil ich dir meine Hände und meine ganze Kraft reichen möchte, weil ich dich unbedingt begleiten möchte auf dem Weg aus deiner Krise. Mir ist bewusst, wie frei und wild du bist, es zumindest sein möchtest. Doch ich sehe – in dem, was, wie, wann du schreibst und auch zwischen den Zeilen, „das Eigentliche ist unsichtbar“ – wie du leidest, und ich leide mit dir. Das schreibe ich nicht einfach so dahin. Es tut mir körperlich weh zu lesen, was du schreibst. Ich kenne diese Art der Verzweiflung und so trifft es mich umso mehr. Ich wünschte, du könntest es mir sagen, während ich dir in die Augen schaue und dich einfach nur halte in den dunkelsten Stunden deiner Verzweiflung. Doch es ist anders aus der Ferne, schwer, ganz schwer. Ich muss aushalten, dass ich dir keinen Halt geben kann, dass dein Herz gefangen ist in lauter Zweifel und Unsicherheit, dass du dich einsam und traurig fühlst, dass ich deinen Geist nicht streicheln kann, dass ich mit dir keine möglichen Auswege besprechen kann. Am schlimmsten jedoch ist es, nicht zu wissen, ob mein Eindruck überhaupt wahr ist.

Auf mich wirkst du wie vergiftet, wenn du in […] bist, ganz besonders in den letzten Wochen, ganz roh und verletzlich, erdrückt von Sorgen um die Zukunft, um dein weiteres Leben, unverstanden, einsam. Das steht ganz im Gegensatz dazu, wie ich dich in Kassel wahrgenommen und erlebt habe: Du warst innen wie außen – auch wenn wir über sehr schwere Themen sprachen – gut drauf, du warst so lustig, so abenteuerlich, so schön und wirkest glücklich auf mich. Diese Gegensätzlichkeit Kassel-[…] beunruhigt mich sehr.

Du hast einmal geschrieben: „Ich finde keinen Ort für mich.“ Und später: „Gleichzeitig besorgt mich der Winter.“ Und neulich: „Ich fühle mich einsam. Und traurig.“ Diese Worte machen mich wiederum so fassungslos traurig, dass ich manchmal einfach weine. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, wie oft ich an dich denke. Wie der Fuchs den Weizen liebgewonnen hat und an den Kleinen Prinzen denken muss, so denke ich an dich jedes Mal, wenn ich das Feuerzeug in der Hand halte, bei jedem Blick auf die Sterne, die wir zusammen angesehen haben, und bei jedem Stückchen Wald, denn du hast mir den Wald geschenkt. Ich habe in den letzten Monaten, um dich besser verstehen zu können – da ich nicht wirklich mit dir telefonieren kann und du eher wenig schreibst – so unendlich viel gelesen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Du hast mir Hesse geschenkt, du hast mir Kafka geschenkt, du hast mir den Kleinen Prinzen und Exupéry geschenkt. Und bald kommt noch Osho dazu.

Verstehst du nun, warum ich dir so oft schreibe? Warum ich mich so sorge? Warum ich verantwortlich für dich bin?

Ich reiche dir meine Hände. Doch zugreifen musst du schon selbst. Bitte Boris, bitte greife zu.

Riskiere es, dich auf jemanden einzulassen. Riskiere es, dich zähmen und verstehen zu lassen. Riskiere es, mit diesem Anderen zur größten Reise aufzubrechen, zu einer Reise nach dir, zu einer Suche nach einem Ort für dich und nach Antworten, die nur in deinem Herzen zu finden sind, wenn du frei bist, dich öffnest, Einblick in deine Seele gewährst und nicht umgeben bist von Gift und Sorgen, sondern von Freundschaft, von Zuneigung, von Liebe. Riskiere es, denn du kannst nichts verlieren in deiner gegenwärtigen Situation, du kannst nur dazu-gewinnen. Ich werde dich unterstützen auf deiner Suche, so gut ich kann, so viel du willst. Mir ist bewusst, vor welch bedeutender Lebensentscheidung du stehst: Neuanfang oder Weiterso? Beides ist schwer, beides erschöpft die Kräfte, beides hat seine Vorteile und seine Nachteile. Doch vertraue mir, Weiterso zermalmt die Seele. In […], so nehme ich dich wahr, bist du verschlossen und nicht frei für die Suche nach deiner Wahrheit. Ich meine den Alltag dort, die Routine, nicht die Festivals mit den Menschen, die du lieb gewonnen hast.

Und wenn die Zeit gekommen und du deine Antworten gefunden hast, wenn du einen Ort, eine Lebensweise für dich gefunden hast – in Kassel oder auch woanders –, dann werden wir erleben, ob uns die Antworten zusammen halten oder uns räumlich voneinander trennen, weil vielleicht Kassel doch kein Ort für dich ist. Doch muss das erst einmal herausgefunden werden, das dauert seine Zeit. Sollte das eintreffen, dann wird die Farbe des Weizens bleiben, wie der Fuchs es sagt, und es wird mir eine große Ehre und Freude gewesen sein, dich auf deiner Suche begleitet zu haben. Ich werde mich freuen und freuen über all die Erinnerungen, Erlebnisse und Erkenntnisse, die mir das Leben geschenkt haben wird. Doch dafür, dafür musst du eine Entscheidung treffen. Raus aus […]. Nach Kassel kommen. Und mir vertrauen.

Der Winter naht und ich fürchte um dich. Am liebsten würde ich nach […] fahren, dich einpacken und kidnappen. Ganz so, wie ich damals „in Sicherheit“ gebracht wurde, obwohl es sich erst einmal nicht so anfühlte. Ganz so, wie mich Marcus bei sich aufgenommen hat, mir beim Einleben und bei meiner Suche geholfen hat. Doch das kann ich nicht tun ohne dein Einverständnis, du musst selbst die Entscheidung treffen; eine freie Entscheidung, die aus deinem Herzen kommt. Man kann Menschen nicht einfach umtopfen wie Pflanzen.

Gestern Abend war Marcus bei mir und wir haben auf unseren achten Jahrestag angestoßen, auf unsere lange, seltene und schöne Freundschaft. Acht Jahre Kassel. Ich hatte anfangs große Angst, nichts und niemanden, nur Marcus, diesen Menschen, der umso wunderbarer und surrealer wurde, je mehr wir einander über die Jahre zähmten. Ich verstehe deine Sorge, in Kassel zu vereinsamen, das glaubte ich anfangs auch. Doch so kam es nicht, und so wird es auch nicht für dich kommen. Du hast mich – und damit auch Marcus und Nadja. Und von ganz allein wirst du weitere Menschen kennenlernen, Räume für dich erschließen. Kassel ist nicht Köln.

Komm‘ nach Kassel, komm‘ zu mir und wir gehen alles Schritt für Schritt gemeinsam. Wo du wohnen und leben, wo du arbeiten, wo dich verwirklichen kannst, all das werden wir herausfinden. Wenn du willst.

Ich forme auch hier in diesem Brief noch einmal deine eigenen Worte für dich um:

Du hast unglaubliches Glück, Boris.

Du kommst mit nichts nach Kassel und hast Leute gefunden, die dich aufnehmen.

In ihre Familien und in ihre Herzen.

Mit diesen Worten möchte ich diesen nun wirklich viel zu langen Brief beenden und freue mich auf eine Antwort von dir, egal auf welchem Wege. Die größte Freude für mich wäre allerdings eine Entscheidung, ein erster Schritt deinerseits, ein Plan, wie es weitergeht für dich.

Es grüßt dich hoffnungsvoll

Dein [A.]

P.S.:

Ich habe keine Ahnung, ob dich dieser Brief jemals erreichen wird. Auch weiß ich nicht, was du für mich eigentlich empfindest, ob ich dich überfordere und ob ich dir auf die Nerven gehe. Bitte gib mir ein Zeichen, damit ich Klarheit habe. Die Unbestimmtheit verzehrt mich.

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(2) Kino im Nirgendwo.

18. September 2019

In der letzten Woche erreichten mich kryptische und mysteriöse SMS-Nachrichten. Allein dass es sich um SMS handelte war schon seltsam, doch der Inhalt dieser Nachrichten war noch um Welten aufregender.

Sonntag, 28. Juli 2019, 22:01 Uhr

Ihr Freund*innen der Nacht und der vergessenen Orte;

wo sich die Natur die Gleise zurückholt, die Balken morsch sind und sich die Vergangenheit unter einer dicken Staubschicht versteckt dient uns der bröckelnde Putz am Abend des 04.08. als Leinwand für die erste Ausgabe […]: Kino im Nirgendwo!!

Also kramt die Stirnlampen raus, pumpt die Reifen auf und save the date!

Weitere Infos folgen in Kürze…

Vorfreudig, Eure Kru von […]

Freitag, 2. August 2019, 20:44 Uhr

Bevor ihr euch allzu übermotiviert ins Wochenende stürzt, bedenket, dass das Highlight erst am Sonntagabend auf dem Programm steht! Damit ihr eure Planung entsprechend darauf ausrichten könnt, kommen hier die versprochenen Infos.

Treffpunkt: [GPS-Koordinate]

Dort werden wir Euch erwarten und Gruppenweise zum Ort des Spektakels führen. Bitte seid zwischen 20:15 (Zeit zum stöbern) und allerspätestens 20:45 (latecomers) da!

Zu eurem Survival-Package des Abends sollte gehören:

– Festes Schuhwerk

– Taschenlampe/Stirnlampe

– Getränke/Snacks

– Decke und/oder Sitzkissen

– Sehhilfe vom Optiker eures Vertrauens

– Tarnumhang

Aus logistischen Gründen werden wir nur das Grundnahrungsmittel eines jeden gepflegten Kinobesuchs stellen können: ja genau, Popcorn! Falls es euch nach mehr gelüstet, gibt es für Spätentschlossene ganz in der Nähe auch eine gut sortierte Tankstelle.

Bitte habt aber auf dem Schirm, dass wir uns mit diesem inoffiziellen Kulturprogramm potentiell für eine Bekanntschaft mit Wachmeister Waldemar qualifizieren. Shoppt deswegen am besten schon morgen, übt Euch in diskreter Anreise und schaut, dass ihr Euch einigermaßen geschwind durch den Tunnel zum Treffpunkt begebt.

Sobald der Saal gefüllt ist, freuen wir uns auf ein locker leichtes Sommerkino mit Euch!

Gespannt wie Flitzebögen, Eure Kru von […]

Es war Freitagabend, als ich Boris die Nachrichten weiterleitete.

Ich kenne weder die Nummer, noch gibt es irgendwas bei Google zu „[…]“. Da ist ja eine Koordinate angegeben, die hab ich gegoogelt. Ist in Kassel. Also müssen es irgendwelche Freunde oder Bekannte sein. Mich reizt es, dahin zu gehen am Abend. Alleine würde ich das irgendwie nicht machen. Hast du vielleicht auch Lust zu? Wir könnten tagsüber den „Ort“ erkunden und abends da mal vorbeischauen, was denn das ist mit den mysteriösen SMS. — Ja, geil. So beginnen Horrorfilme. Bin dabei.

So war es nun ausgemacht, dass wir an dem Sonntag zwei Orte zu erschließen hatten. Einen, den ich kannte, aber Boris nicht, und einen, den keiner von uns beiden kannte.

So saßen wir im Bus, fort vom Habichtswald, und fuhren zur genannten GPS-Koordinate. Wir waren aufgeregt, was uns wohl erwarten würde. Ich war sogar ein wenig besorgt, ob es nicht vielleicht eine Falle sein könnte; eine Falle für Menschen wie mich, zwei meiner Freunde hatten auch die SMS erhalten und niemand wusste irgendwas. Mit meinem zerstörten Fuß würde ich nicht schnell genug weglaufen können, sollte es eine Falle sein. Einerseits belustige mich dieser Gedanke, dann sei es eben so, dann wirst du eben ein Opfer sein. Andererseits war da dieses seltsame Gefühl, in etwas vollkommen Unbekanntes, Aufregendes hinzugeraten. Was sollte schon geschehen? Was es sein würde, ob es gut und ein Abenteuer für uns sein würde, das sollte sich noch früh genug herausstellen.

Wir verließen den Bus an einer Haltestelle, die der GPS-Koordinate nahe war. Und wie es in der einen SMS geschrieben stand, fanden wir dort eine gut sortierte Tankstelle vor, bei der wir uns mit Saft, Knabberein, Brezeln und einer Bockwurst mit Brötchen eindeckten. Wir ließen unsere Wasserflaschen füllen und teilten uns Würstchen und Brötchen. Großen Hunger hatte keiner von uns, doch wäre es dumm gewesen, sich in ein Abenteuer mit Nichts im Magen zu stürzen. So saßen wir in der Tankstelle an einem Tisch und aßen. Dabei fiel mir ein junger Mann auf, groß, dunkelhaarig, mit besonders blauen Augen, komplett schwarz gekleidet, er wirkte in seinem Wesen sehr freundlich. Ich merkte mir sein Gesicht, ohne zu ahnen, dass es irgendwas mit dem Abenteuer zu tun haben würde. Nach unserer Mahlzeit gingen wir gemächlich in die Nähe der Koordinate. Da wir entgegen unseres Planes nicht vorher zu mir nach Hause gefahren sind, waren wir eine Stunde zu früh da. Wir setzten uns unter einen Baum in die Nähe des besagten Tunnels und beobachteten Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer. Zwei Frauen unseres Alters wirkten auffällig auf uns, da sie ein suchendes Fahrbild mit ihren Rädern hatten und vor dem Tunnel mehrmals in verschiedene Richtungen radelten. Offensichtlich machten sie sich ein Bild von der Umgebung, die beiden mussten also irgendwie dazugehören; als sie in den Tunnel fuhren, fanden wir unsere Annahme bestätigt. Ich konnte nicht mehr sitzen, denn Rast schmerzte meinen Fuß mehr als das Gehen, so begaben wir uns in das Abenteuer. Wir gingen wie selbstverständlich in den Tunnel hinein und versuchten äußerst leise zu sein. Nach 200 Metern befanden wir uns auf einem Gelände, welches es zu betreten verboten war; so stand es zumindest auf einem Schild am Tunneleingang. Doch gab es weder ein Tor, noch irgendwelche Wächter. Da mein GPS nicht zu hundert Prozent korrekt war, sahen wir uns ein wenig um. Da kamen uns die beiden Fahrradfahrerinnen wieder entgegen, fuhren an uns vorbei. Wir tauschten suchende Blicke aus, und als wir uns umdrehten, sahen wir, dass die beiden auch angehalten hatten. Wir sprachen die beiden an, ob sie auch nur rein zufällig genau hier seien. Die Antwort war ja. Auch die beiden hatten die SMS bekommen und wollten sich vor der Zeit ein bisschen umsehen. Wir schlossen uns zusammen und sahen uns gemeinsam um. Schon erreichten wir die ersten verlassen wirkenden Gebäude, teilweise eingestürzt, teilweise von außen verschlossen. Wir rätselten zu viert, was das denn sein könnte, das, was hier wirklich stattfinden sollte. Es ergaben sich auch keine Verbindungen zueinander, außer, dass wir scheinbar ähnliche politische Interessen hatten, was die Sache wieder verdächtig machte. Um uns die Zeit zu vertreiben, gingen wir in eines der Gebäude hinein, dessen Tür wir nach einer Zeit aufbekamen. Dem Zustand nach zu urteilen war dort seit Jahrzehnten niemand mehr drin gewesen. Alles war von Staub und Schmutz bedeckt, überall lagen lose Kabel, alte Dokumente, technische Geräte und Müll. Wir gingen zusammen durch das Gebäude, Raum für Raum, und waren erstaunt darüber, was wir alles vorfanden. In einigen Bereichen war das Gebäude schon zusammengestürzt, Pflanzen und sogar kleine Bäume hatten sich den Raum zurückerobert. Wir fanden Zeitungen in einem Aufenthaltsraum, vom Anfang der 90er Jahre. Was war nur passiert, dass dieser Ort scheinbar so schlagartig verlassen werden musste? Nach einer Weile gingen wir wieder aus dem Gebäude heraus, und zu meiner Überraschung saßen vor dem Gebäude vier weitere Menschen, darunter Christoph, den wir am Abend zuvor noch auf dem Jahrmarkt getroffen hatten. Hallo Christoph, sagte ich. Hallo sowieso, sagte Christoph. So hatten wir nun doch Gelegenheit gefunden, unsere Namen einzuprägen. Welch ein schöner Zufall! Die vier hatten sich dort niedergesetzt, weil sie dort die geparkten Fahrräder gesehen hatten. Wir tauschten uns aus, ob irgendwer irgendwas weiß. Eine Person sagte ja, jedoch kein weiteres Wort. Meine Besorgnis wich dem Vertrauen, und als ich aus der Ferne einen Bekannten dazustoßen sah, wurde ich immer verwunderter. Was für Ort, was für ein Abenteuer! Was für ein Mensch hatte uns hier zusammengebracht, was waren wir für offene und abenteuerlustige Menschen, dass wir doch tatsächlich hierher gekommen waren. Einige Leute sahen sich ebenfalls im Gebäude um, nach und nach festigte sich der Entschluss, gemeinsam weiterzuziehen, die exakte Koordinate aufzusuchen. Dort fanden wir weitere Menschen, darunter der Mann mit den blauen Augen aus der Tankstelle. Er begrüßte uns und sah mich länger an, und ich sagte, dass er mir in der Tankstelle schon aufgefallen war. Er sagte Ähnliches über mich und Boris, wir lachten. Er zeigte uns den weiteren Weg, den wir gehen sollten, während sie hier auf weitere Menschen warteten. Boris und ich gingen noch um die Ecke, um uns weitere Gebäude anzusehen. Durch ein offenes Fenster stieg er in eines ein, für mich mit meinem Fuß war es nicht möglich. Ich wartete davor auf ihn und rief ihn nach einer Viertelstunde an, da ich bemerkte, dass die anderen sich auf den Weg machten. Boris berichtete, dass es sich um ein riesiges Verwaltungsgebäude handelte, mit Hunderten Zimmern und etlichen Etagen. Wenig war darin eingestürzt, dennoch glich der verlassene Zustand dem ersten Gebäude. Er war verwundert darüber, wie solche Gebäude einfach leer stehen konnten, mit all den Sachen und Möbeln darin, wo doch Wohnraum allgemein knapp ist und es Menschen gibt, die auf der Flucht sind und eine Herberge benötigen. Wir folgten den anderen, immer tiefer hinein in ein Labyrinth aus Wegen, Gleisen und Gebäuden. Es war erstaunlich, wie sich die Natur hier verbreitet hatte. Nicht mehr ganz so junge Bäume wuchsen an Ort und Stelle, wo normalerweise nichts wachsen würde: Auf ehemaligen Parkplätzchen, auf Gleisen und Hütten. Schließlich erreichten wir ein großes, mehrstöckiges Gebäude, dessen Fenster teilweise zerschlagen, teilweise mit Gittern verhangen waren. Dort sah ich dann einen weiteren Freund und fragte ihn, ob er irgendwas weiß. Mit einem breiten Grinsen sagte er, er habe die Nachrichten geschrieben. Dieser Fuchs! Ich dankte ihm für all die Aufregung, die wir im Voraus hatten, und dass dieser Ort ja ein Schatz sei, wie viel es hier doch zu entdecken gab. Er schickte uns für eine weitere Erkundungstour durch das Gebäude, in dem alles stattfinden sollte. Tatsächlich ein Filmabend.

Boris und ich, wir sahen uns Stockwerk für Stockwerk um, fanden Lagerräume, Schulungsräume, Büroräume und noch viele weitere Menschen vor. Manche Räume waren sogar noch möbliert, in manchen standen alte IBM-Computer herum. Überall lagen Akten und Unterlagen und Baupläne auf dem Boden verstreut.

Wir gingen nochmal raus und setzten uns zu den anderen Leuten auf den Boden, quatschten mit den neuen Bekanntschaft über Dies und Das, über alles Mögliche. Sodann wurde laut die Einladung ausgesprochen, hineinzukommen, es ginge bald los. Ich holte mit Boris noch zwei Freunde am Tunneleingang ab, damit sie sich nicht verlaufen, es war schon recht düster geworden.

Im „Kinosaal“ lief bereits die Werbung; der Beamer wurde über ein Aggregat mit Strom versorgt, Sound kam aus einer Bluetoothbox. Um die 30 Leute hatten es sich auf dem gefegten Boden, auf Decken mit Knabberzeug und Getränken gemütlich gemacht. Nach der Werbung wurde der Film mit einer kurzen Ansprache präsentiert: „Stand by me“, passend zum Ort. Im Film waren oft Züge zu sehen, und als ob es geplant gewesen wäre, hörten wir zu den Szenen immer Züge vorbeifahren, echt Züge, draußen. So gab es viele absurde Momente, in denen sich Filmrealität- und reale Realität mischten, in denen alle lachen mussten. Die Stimmung war sehr schön, geruhsam und dem Ort gegenüber respektvoll.

Mit Ende des Filmes löste sich die Menschenmenge auf. Es wurde noch aufgeräumt und gequatscht, und trotz Aufbruchstimmung verband uns alle ein Gefühl der Solidarität: Gemeinsame Abenteuer schweißen zusammen. Ein Freund nahm mich und Boris in seinem Auto mit, das lange Ruhen hatte sich nicht gut auf meinen Fuß ausgewirkt.

Zu Hause verband Boris meinen Fuß, das Gehen war danach stabilisiert und recht gut möglich. Während ich einen plötzlichen Schmerzstress mit Schmerztropfen zu überwinden versuchte, bereitete uns Boris ein paar Brote zu. Wir saßen noch lange auf meinem Balkon, wir aßen dabei und sprachen über unsere Familien, über Väter und Mütter, über die Bedeutung von Zufällen, über Menschen im Besonderen, die das Leben zum Guten hin beeinflussen.

Was war dies nur für ein surrealer Tag gewesen?, fragten wir uns. Supercool und wunderschön, bisschen creepy und sicher auch illegal. Wir waren geflasht von unseren Erlebnissen und den schönen, eigentümlichen Orten, von den tollen Menschen und wahrlich verrückten Zufällen.

Es war spät in der Nacht, als wir erschöpft und sehr zufrieden Haut an Haut einschliefen.

Mit blauem Auge davongekommen.

28. Juli 2019

Aus einem blauen Auge sah der Baum mich an, alt und blau wie der See, an dem er stand. Er sprach kein Wort, er konnte nicht sprechen, denn ein Mund war ihm nicht gegeben. Sein Auge drückte alles aus, vielmehr noch als mit Worten möglich, einen Mund brauchte er nicht. Ich stand lange vor dem Baum und habe ihn betrachtet. Er zeigte mir sein ganzes Leben auf, wie jung er am Anfang seiner Tage und Jahreszeiten war, wie er gebrochen wurde, was ihm alles zugestoßen war, was er alles gesehen hatte, wer alles an ihm vorübergezogen war, Narben hinterlassen hatte in seiner schützenden Rinde. Es wurde dunkler und dunkler um mich, bedrohlich schnell zogen Wolken auf, erst grau wie Asche, dann schwarz wie Pech. Der Wind wurde kräftiger und kühler, das Laub zitterte aus Furcht vor dem Sturm, schon tönte das erste Donnergrollen. In der schwarzen Dämmerung leuchtete nur noch das Auge mir entgegen, blau wie aus einem Zaubermärchen. Und plötzlich zwinkerte der Baum mir zu, so glaubte ich und spürte einen tiefen Schrecken, bis hinein in mein Rückenmark, ein schreckliches Aufleuchten in der dunkelsten Kammer meines Herzens. Ich lachte zweifelnd. Wie schön ich mich selbst getäuscht hatte. Das hatte ich doch, oder etwa nicht?

Nun schnell nach Hause!

Manieren. (18/42)

20. September 2015

Ich war letzte Woche auf einer Fortbildungsveranstaltung; im gleichen Hause, das meinen Bildungsurlaub neulich angeboten hatte. Woanders hin würde ich meine Fortbildungen auch nicht legen, denn das Seminarhaus meiner Gewerkschaft bietet die perfekte Umgebung für derlei Veranstaltungen. Die Seminarräume sind super ausgestattet, die Schlafräumlichkeiten sind okay und das Haus liegt mitten in der Pampa, sodass man abends eher nicht irgendwo hinfährt, um „gemeinsam etwas zu unternehmen“. Im Haus gibt es eine großartige Bar mit äußerst günstigen Preisen und ansonsten hat man diverse Möglichkeiten vor Ort, selbst für Spaß zu sorgen. So kommt es, dass die Teilnehmer aus den verschiedenen Seminaren die Abende miteinander verbringen und Socializing betreiben. Es ist wirklich immer sehr nett dort; Austausch ohne Ende, wenn man möchte. Die Abende sind durchaus ein Grund für mich, dieses Haus immer wieder aufzusuchen.

Aber der eigentliche Grund ist folgender: Die Verpflegung ist wirklich erstklassig. Das Essen ist auf höchsten Niveau und immer lecker und bombastisch. Die Küchendamen sind jederzeit ansprechbar in der offenen Küche, in die man vom Speisesaal aus ab dem Tresen komplett hinein sehen kann. Falls jemand irgendeine Allergie hat oder etwas nicht essen kann oder möchte, haben die Damen immer eine individuelle Lösung parat. Das sind richtige Herzmenschen. Ich glaube, ich habe schon einmal darüber geschrieben.

Nun war meine Gruppe natürlich nicht allein im Haus, parallel fanden drei andere Seminare statt. Ungewöhnlich war nur, dass das eine Seminar von einer anderen Gewerkschaft organisiert und geleitet wurde. Sie hatten sich in unserem Haus eingemietet, weil bei ihnen die Kapazitäten nicht vorhanden waren. Diese Tatsache an sich ist überhaupt kein Problem für niemanden, für unser Haus lohnt sich das finanziell sogar. Doch die Teilnehmenden dieses Seminars, sie waren ein Problem.

Es ist zu einhundert Prozent ausgeschlossen, dass jemand in unserem Seminarhaus verhungern könnte. Es ist schlicht unmöglich: Fünfmal am Tag kann man etwas essen und zwei weitere Male, falls man spätabends oder mitten in der Nacht Hunger bekommen sollte. Es herrscht das Selbstbedienungsprinzip, Buffet zu allen Zeiten. Jeder kann sich nehmen, wie viel er möchte. Nachschlag ist überhaupt kein Thema. bisher war immer genug da, auch für Schlemmeronkels wie mich.

Die Teilnehmer des eingemieteten Seminars jedoch waren von Anfang an ein Dorn in unseren Augen. Sie benahmen sich wie steinzeitliche Plünderer und schlugen zu, ohne an die Letzten in der Schlange zu denken. Ihr Verhalten hielt bis zum Ende an, trotz der Bitte, solidarisch zu sein. Beim zweiten Mittagessen schon konnte ich nicht mehr hinsehen: Sie schaufelten sich bis zu drei riesige Stücke Lachsfilet auf die Teller – eines ist für eine Person gedacht –, nur um den Fisch hier und da anzunagen und die Teller einfach stehen zu lassen. Ihretwegen gab es keinen Fisch mehr für die Letzten in der Schlage, das kam noch nie in der Geschichte des Hauses vor. Außerdem räumt hier jeder sein Geschirr ab und sortiert es am Tresen für die Küchendamen vor, damit diese es beim Spülen einfacher haben; das wird gleich am ersten Tag erklärt. Doch was diese Leute abzogen, war einfach nur asozial.

Und so etwas hasse ich. Also habe ich mir mit einer Freundin zusammen ein paar stehen gelassene Teller voller Fisch geschnappt und sie den Leuten in den Seminarraum getragen. Dort haben wir sie kommentarlos in die Mitte des Stuhlkreises gestellt und sind wieder heraus marschiert. Keiner sagte irgendetwas, noch konnte man aus ihren Gesichtern irgendeine Reaktion heraus lesen.

Genauso wenig wie das Reden oder Ermahnen hat diese Aktion nichts bei den Spacken bewirkt. Bis Freitagnachmittag haben sie die Atmosphäre des Hauses nachhaltig gestört und sich nur mit sich selbst beschäftigt. Socializing war nicht. Da wurde mir dann plötzlich klar, weshalb ich es dort immer so schön fand bisher: Als Menschen, die im Dienstleistungssektor tätig sind, haben wir kontinuierlich mit anderen Menschen zu tun. Wir lernen, freundlich und zuvorkommend zu sein – denn so kommen wir gemeinsam weiter –, und verhalten uns auch im Alltag so. Im Gegensatz dazu haben die eingemieteten Leute die meiste Zeit ihrer Arbeit mit Maschinen zu tun. (Mal so ins Blaue hinein gedeutet.)

Vorsprung.

6. August 2011

Ich steige aus der viel zu vollen S-Bahn und gehe auf eine junge Frau zu und sage ihr vollen Ernstes in’s Gesicht: „Hör‘ mir zu. Die Antwort ist Nein. Nein, tu‘ es nicht.“ Dann gehe ich meinen Weg weiter, ohne auch nur einmal zurückzublicken, die Treppe hinab, durch den Tunnel hindurch und die Treppe zu den Haltestellen hinauf und in den Bus hinein. Ich setze mich, der Bus fährt los und ich frage mich, was genau ich gerade eben getan habe und ob das Konsequenzen haben wird, mehr schlimme als gute, ob sie auf meine Worte hören und etwas nicht tun wird, nur weil ich, ein Fremder aus der S-Bahn, es ihr gesagt habe. Ich frage mich, ob das ihr Leben verändern wird und ob ich Schuld daran sein werde, dass sie leidet, stirbt oder möglicherweise glücklich sein wird.

Zu Hause angekommen denke ich noch immer an die junge Frau und was nun mit ihr geschehen wird. Ich weiß nicht, ob ich bereuen oder mich meiner Verrücktheit wegen freuen soll, oder ob das vollkommen gleich und unbedeutend ist, weil es letztendlich nicht in meiner Hand liegt, was sie zu tun vermag.

Nachts träume ich, wie sie sich am Geländer einer Brücke festhält, hinab sieht und wieder den Weg zurück geht, der sie dorthin geführt hat.

Traurig blau und perlweiß.

31. März 2010

Heute hatte ich nur eines im Kopf: das eventuell anstehende Treffen mit Frau Fragmente. Indes habe ich überlegt, was wir machen könnten, wenn die Sonne scheint. Ob die Sonne letztlich scheinen wird, ist natürlich ungewiss, doch ich hoffe sehr, dass dieser Tag ein strohgoldener Tag in der Sonne des Aprils sein wird.

Ich stelle mir diesen hoffentlich angenehm-sonnigen Tag so vor: Wir treffen uns irgendwann zur Mittagszeit an einer zuvor abgemachten Stelle in der Stadt (der Bahnhof bietet sich geradezu als diese Stelle an; den Weg dorthin kennt sie ja schon), und fahren dann in das wenige Meter entfernt liegende Parkhaus.

Den Moment unserer Begegnung möchte ich nutzen, um das zu tun, was ich letztes Mal unterdrückt habe, weil ich dachte, es wäre unangebracht.

Wir werden das Parkhaus verlassen und uns in ein Café setzen, um anschließend gemütlich an dem See entlang zu laufen, den ich persönlich als sehr schön empfinde. (Ich kenne eigentlich nur diesen einen See, es gibt bestimmt schönere.) Vielleicht werden wir aber erst den See und dann das Café aufsuchen; je nach dem, wie uns gerade ist.

Ich habe über Tage hinweg Fragen und Stichworte notiert, denn dieses mal möchte ich „vorbereitet“ sein. Das letzte Mal hatte ich zwar ein positives Gefühl, doch fehlte es von meiner Seite aus an Fragen; da ich sie nicht wirklich „kannte“ und nicht wusste, was ich sie fragen kann bzw. ob ihr die Fragen zu privat wären. Im Nachhinein war das ein bisschen feige von mir.

An diesem Tag wird das anders sein, das weiß ich.

Während wir an dem See entlang laufen werden, werden kleine, weiße Wolken den tiefblauen Himmel bruchstückhaft bedecken; die Sonne wird nicht zu intensiv scheinen. Es wird warm sein, aber nicht heiß. Ein leichter Wind wird durch ihr Haar wehen und ihre Augen werden im Sonnenlicht erstrahlen. Die Augenfarbe eines Menschens ist im Sonnenlicht am intensivsten. Die Wolken werden Schatten auf den See werfen, welcher edlen Enten als Zuhause dient. Das saftig-grüne Gras wird im Takte des Windes mitschwingen und kleine Gänseblümchen werden glücklich mitwippen.

Nach und nach werden die weißen Wolken ein Stück traurig-blauen Himmel freilegen und wir werden uns auf eine perlweiße Parkbank setzen und die Wolken am Rande des traurigen Blaus betrachten. Vielleicht werden wir die Wolken zu deuten versuchen, wer weiß.

Manchmal spielt dort ein älterer Herr Klavier, vielleicht wird er an diesem Tag an jenem Ort sitzen und die Luft in Melancholie tränken.

Wir werden über vieles sprechen, ich werde ihr so einiges erzählen, was ich hier erzählen möchte, wenn ich endlich die Maske der Anonymität aufgezogen habe.

Am Ende des Tages werde ich ein bisschen traurig sein, weil es so schön und kurz war, doch das wird mir lehren, den Moment zu schätzen und in mir festzuhalten.

Diesmal werde ich ganz besonders auf ihre Stimme achten und mir diese Stimme einprägen, denn ich erinnere mich nur noch an ein zartes „Tschüss!“ am Telefon.

Und dann wird sie wegfahren und ich werde ihr glücklich bis traurig hinterher winken. „Lebe wohl, Schwesterherz!“

So könnte das stattfinden. Ich lasse mich überraschen und bin nicht enttäuscht, falls nicht.