Archive for April, 2011

Treppenstufen.

30. April 2011

Ich stehe früh auf und gehe zur Mathenachhilfe, lerne drei Stunden für mich und laufe wieder nach Hause, wecke meinen Vater und schmiere mir und meinem Bruder Brote. Ich schreibe ein wenig an meiner Abschlussarbeit weiter und werde dann mit in die Moschee geschleift, Gott sei wichtiger.

Ich sitze zwischen knapp tausend Gläubigen und lausche der Predigt. Muhammed sei ein Spiegel, und wenn man selbst ein richtiger Muslim sei, so könne man sich selbst in diesem Spiegel erkennen. Erfülle man nicht die Pflichten eines Muslims, so könne man sich in Mohammed nicht wieder erkennen. Es sei die Pflicht eines jeden Muslims, ehrlich, aufrichtig und herzlich, für den Frieden und gegen alles Schlechte zu sein, das Schlechte zu vermeiden und es zu verhindern, indem man gut handle und ein gutes Verhältnis zu Mitmenschen und Umwelt habe, Ehre und Stolz bewahre, den Weg Gottes gehe. Es sei eine unverzeihliche Todsünde, die Existenz Gottes zu bezweifeln, und wer von dessen Wegen abkomme, der sei für immer verdammt, habe einen ewigen Platz in den ewigen Gluten des ewigen Feuers.

Mittlerweile schmerzt mich der Gedanke an dieses Feuer nicht mal mehr, mittlerweile gibt es nämlich kein Feuer in meinen Gedanken, in dessen Flammen ich bis in alle Ewigkeiten leiden muss.
Ich frage mich, weshalb mir schon mehrere Leute sagten, die Menschen in den vorderen Reihen der Moschee würden mehr „Punkte“ für ihre Hingabe erhalten. Ich frage mich, welcher Gott nach so einem Punktesystem seine Jünger bewerten und welchen Sinn das haben könnte. Das Hungern am Tage während des Ramadans halte ich für ziemlich sinnlos, da man sich von abends bis morgens zuspachtelt bis der Bauch zu platzen droht. Wie soll man da nachvollziehen können, wie sich jemand fühlen muss, der keine Möglichkeiten hat, drei Malzeiten am Tag und mal hier und mal da etwas zu essen; wie es für jemanden sein muss, zu dursten? Zumal in keinem Monat des Jahres so viel und gut gekocht wird, in fast schon perversen Mengen, von denen genau nichts übrig bleibt. Wäre es nicht „menschlicher“, seine Nahrung, diese fast verschwenderischen Massen, mit Fremden und Hilfebedürftigen zu teilen, als „Punkte“ zu sammeln, die man gegen das so genannte Paradies einlösen kann? Wäre man nicht ein besserer „Muslim“, wenn man sich nicht für Gott, sondern für sich, seine Mitmenschen und die Welt um einen herum bemüht?

Ich frage mich meine Fragen und gehe meinen Gedanken nach, während ich mich von Außen betrachtet für Gott bemühe, wie es sich in den Augen derer gehört, zu denen sich meine Familie zugehörig sieht.

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Zu Hause angekommen, muss ich erst die Reste der von den Wänden heruntergerissenen Tapeten in blaue Säcke räumen und die Treppen grob fegen, damit mein Vater gründlich saugen kann und bevor ich an meiner Abschlussarbeit weiterschreiben darf. Als der Müll in den Müllsäcken und die Treppe schon zur Hälfte gefegt ist, sagt mein Vater von oben herab, dass ich schneller machen solle. Ich sage, dass ich doch gleich fertig bin und er brüllt mich an, ich solle auf meine Antworten achten. Ich sage nichts und fege weiter. Später bin ich fast fertig und fege nochmals vom oberen Stockwerk zum unteren herunter und stolpere über eine Treppenstufe, um dann gleich zu hören, ich solle langsam machen. Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich schneller oder langsamer machen soll. Ich kann das ganz gut alleine und brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun soll!, sage ich und er brüllt: Achte auf deine Worte! Was ist das eigentlich für ein Zustand, den du in letzter Zeit an den Tag legst? Gefällt mir gar nicht. Sei endlich ein Mensch! Ich schweige, schweige, schweige.

Damit er nicht sagen kann, ich hätte meine Aufgabe nicht gründlich erledigt, frage ich ihn nach dem Staubsauger. Ich mach‘ das schon, du kannst das eh nicht gründlich. ORR!, denke ich mir und sage: Natürlich kann ich das! Warum glaubst du denn nicht, dass ich es kann? Ich werd’s dir zeigen! Er nickt mit dem Kopf, als wolle er mich abschütteln, sieht nicht mich, sondern seinen Bildschirm an und sagt: Jaja, jetzt geh‘ und mach‘ einfach.

Und als ich die gefegten Treppen mit dem Staubsauger hochsteige, steigen mir Tränen in die Augen. Warum glaubt er nicht einmal an mich? Ich nehme den Staubsaugerdeckel ab und lasse im Bad kaltes Wasser hineinlaufen. Auch ein paar Tränen fallen in den Behälter. Ich werd’s ihm beweisen!

Ich sauge so gründlich ich nur kann, steigere mich so richtig in meine Aufgabe und spreche im Kopf mit meinem Vater.

Ich bin dein Sohn, wider Gott und homosexuell, all das, was für dich die Definition des Schlechten ist. „Vom Teufel besessen…!“, so würde mich der Prediger von heut‘ Mittag beschreiben. Aber weißt du, ich BIN ein MENSCH und ich HABE ein HERZ. Und ich bin mir sicher, dass mein Herz gut ist, dass ich gut bin. Du kannst dir aber nicht vorstellen, wie sehr es mich schmerzt, dass ich in deinem Weltbild „schlecht“ bin.

Mir laufen viele Tränen über das Gesicht, so wütend und verzweifelt bin ich. Du wirst schon sehen! Und weil Staubsaugen nicht gründlich genug ist, nehme ich mir einen Eimer Wasser mit Allzweckreiniger zur Hand und putze den Boden, die Treppen und das Geländer. Ich möchte kein Ich bin stolz auf dich! hören, sondern ein Hast du gut gemacht!, Prima! oder Ui, ist das sauber hier!. Nein, nicht einmal das will ich. Ein Lächeln für mich, das würde mir schon reichen.

Und als ich fertig bin, bin ich ziemlich stolz auf mich, weil Flur und Treppen sauber und rein und glänzend sind. Gut gemacht!, sage ich mir und räume den Eimer weg und leere den Staubsauger aus.

Ich lege mich auf mein Bett und warte darauf, dass mein Vater die Stille im Flur bemerkt und nach mir ruft. Wie schlecht geht es mir denn wirklich, dass ich nach Anerkennung kreischen muss?, denke ich gerade, als mein Vater im Flur herum werkelt und mich wenig später ruft.

Ich gehe die Stufen herunter und alles, was er sagt, ist: Hier, fünf Euro, geh‘ mir Kippen holen.

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„Wenn ich…“ von Erich Fried.

29. April 2011

Wenn ich jetzt stark bin
will ich dich
vor der Kälte zudecken
mit mir

und wenn ich jetzt schwach bin
will ich mich
verstecken
bei dir und in dir

wenn ich jetzt klug bin
will ich dein Schutz
gegen jede Gefahr sein

und wenn ich jetzt dumm bin
will ich
dein Nichtsnutz
und dein Narr sein

Dunkle Stunden.

24. April 2011

Er fragt sie nach ihrem Handy, sie sagt, es liegt in ihrer Handtasche. Er greift nach der Tasche, sucht das Handy und findet es, speichert seine Nummer ein und geht in die SMS-Anwendung, tut so, als ob er ihre Nachrichten lesen würde. Sie bemerkt das und es gefällt ihr nicht, sie versucht ihm das Handy zu entnehmen, er gibt sich stark und sie schwächelt, und als er aufsteht, um in das nächste Stockwerk zu flüchten, folgt sie ihm, schließlich will sie ihr Handy wieder haben.

Eine Stunde später mischen sich die Beiden wieder unter die Menge. Außer mir ist keinem der fünfzehn Partygäste das Fehlen der Beiden aufgefallen — jeder scheint mit sich selbst beschäftigt; mit sich, dem Alkohol und den Hormonen, deren Auslöser das jeweils andere Geschlecht ist.

Ich verspüre weder Hormone, noch beschäftige ich mich mit mir oder dem Alkohol. Ich verbringe den Abend damit, meine Freunde und die Freunde des gastgebenden Freundes zu beobachten.

Kurz vor Zwölf verlasse ich das Haus des gastgebenden Freundes und gehe in den Wald, um dort Frieden zu finden. Ich fühle mich frei und glücklich in der Orientierungslosigkeit, kann tief ein- und ausatmen, Ruhe genießen. Die Nacht ist sternenklar und das Laub unter meinen Schuhen knistert leise. Im Wald, da rauscht und raschelt es, doch Angst empfinde ich erst, als das niederschmetternde Gefühl der Realität meine Lungenflügel eindrückt und ich mich verloren und einsam fühle.

Die Lichter auf den Straßen und in den Häusern sind schon längst erloschen, als ich müde in’s Bett falle.

Gegen drei Uhr morgens schleicht sich mein Vater in das Zimmer und beschlagnahmt meinen Computer, in der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken. Im Wohnzimmer sieht er sich meine Dateien, Chats und Mails an, während ich ein Stockwerk höher aus Angst kaum atmen kann.

Bin ich vorsichtig genug gewesen? Habe ich das DiskImage ausgeworfen, die Chats gründlich archiviert, Blog-, Reader- sowie Twitter-App nach der letzten Nutzung unsichtbar gemacht? Wird jetzt alles auffliegen, muss ich den Sommer vergessen? Werde ich diese Nacht überleben?

Erst zwei Stunden später legt mein Vater das MacBook zurück und geht in’s Bett. Nach wenigen Minuten der Erleichterung schlafe ich ein und träume vom Sommer, als ob dies der letzte Traum meines Lebens wäre.

Regenstraße.

16. April 2011

Seine Hände halten ihn an der Stange, als der Bus zum Stehen kommt. Stramm steht er da und beißt sich auf die Lippe, mich dabei musternd, als sei ich der Zünder seines Begehrens. Mein Herz schlägt große Wellen und er merkt das, sieht das und reizt es vollends aus; er lächelt mir direkt in die Augen, ich erweiche und weil ich es nicht aushalten und glauben kann, schließe ich meine Augen, um der Anziehungskraft seiner Arme zu entkommen.

Ich höre das stumpfe Auslösegeräusch der Haltewunschtaste und als ich meine Augen wieder öffne, ist er schon ausgestiegen, ehe ich noch einmal sein rauhes Gesicht und seinen Bartwuchs bewundern konnte. Der Bus steht still und rührt sich nicht von der Stelle, und so sehe ich dem fremden, schönen Mann dabei zu, wie er seines Weges nach Hause geht, in der trüben Dunkelheit des ermattenden Tages erlischt und nur noch ein Schatten in den Winkeln meiner Augen ist.

Der Bus fährt weiter in Richtung Regenstraße; währenddessen halte ich Ausschau nach dem Mann, der mich hat flammend sitzen lassen in einem Bus mit mir als einzigen Fahrgast. Oh Wunder!, denke ich und sehe den Mann vor einem Fachwerkhaus stehen und in einen Briefkasten lugen. Er findet nichts darin, weder einen Brief, noch eine Art Werbung, schiebt die Holztüre auf Höhe seines Schrittes in den Hof und geht wahrscheinlich durch die erste Tür in’s Haus; doch das sehe ich nicht mehr, der Bus hat an Fahrt gewonnen und lässt meinen Blick unweigerlich weiterziehen. Ich drücke erzürnt die Haltewunschtaste und steige an der nächsten Haltestelle aus, laufe den ganzen Weg zurück und habe nur eines vor Augen: den Mann.

Als ich vor dem Fachwerkhaus stehe, lese ich leise seinen Namen vom Briefkastenschildchen und gehe weiter in den Hof, stehe aufrecht vor der Tür, durch welche er hindurch gegangen sein muss, und zögere kurz, wie immer in solchen Momenten. Zitternd drücke auf die Klingel und der fremde, schöne Mann öffnet die Türe und ist mir auf einmal gar nicht mehr so fremd. Er wundert sich, und gleichzeitig wundert er sich nicht. Ich trete wortlos ein in’s Haus und wir schlafen miteinander.

Ich schlucke, während er mich ansieht. Ich glühe.

Und dann ist der Traum zu Ende.

Im Posteingang.

11. April 2011

Ich hatte dich erwartet, denke ich und lese Wort für Wort und Zeile um Zeile, lese Buchstaben und Sätze und versuche Hintergrundgedanken zu erkennen, lese zwischen den Zeilen, in den Smileys und den vielen Informationen, die dich mir gegenüber weniger fremd machen, und erlebe das stärkste Déjà-Vu seit jeher.

Aufgewühlt gehe ich schlafen.

Einschüchternd.

2. April 2011

Ich stehe seinem athletischen Körper gegenüber, bewundere Bauchmuskulatur, Oberarme und Beine, seine Körpergröße und seinen üppigen Schwanz. Ich, mit meinem durchschnittlichen Körper, komme mir Fehl am Platz vor und fühle mich unwohl angesichts des Gleichaltrigen, welcher wie ein griechischer Gott vor mir steht und nichts tut, außer sich zu duschen. Er beachtet mich nicht, merkt nicht einmal, wie gebannt ich ihn anstarre. Als wäre sein Anblick ein seltener, versuche ich mich satt an ihm zu sehen, verspüre gleichzeitig aber auch das Gefühl, ihm um Welten unterlegen zu sein. Je länger ich ihn bestaune, desto mehr schüchtert er mich mit seinem Körper ein. Ich fühle mich minderwertig.

Als er den Duschraum verlässt, verbleibe ich dort noch zehn Minuten, damit er genügend Zeit hat, das Hallenbad zu verlassen. Ich möchte ihm nicht noch einmal begegnen; so mies habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Auf dem Heimweg denke ich an den Mann meiner Träume und bin froh, bei ihm noch kein Unwohlsein meines Körpers wegen verspürt zu haben.