Posts Tagged ‘Krankenhaus’

Glubschi. (21/42)

28. September 2015

Freitagmorgen meldete ich mich krank und verbrachte den Tag bis zum Mittag im Bett, suchte dann meinen Hausarzt auf und fuhr zu einem Fotoladen. Dort ließ ich mir das Anschreiben und den Lebenslauf meiner Bewerbung als Foto entwickeln; die Exemplare aus dem Laserdrucker entsprachen nicht ganz meinen Vorstellungen. Zufrieden packte ich die Dokumente in meine Mappe und fuhr weiter zur Arbeit, um meine Krankmeldung abzugeben und die Anlagen für die Bewerbung zu kopieren. Leider dauerte dieser Vorgang eine Ewigkeit, der scheiß Kopierer musste alle fünf Minuten neu gestartet werden, weshalb ich die Bewerbung nicht mehr persönlich dem Adressaten überreichen konnte. Also packte ich die Mappe in einen Umschlag und brachte sie zur Hauspost, denn nächste Woche bin ich nicht da.

Auf dem Weg nach Hause hatte ich plötzlich im linken Auge Schmerzen beim Blinzeln, mir muss wohl etwas hinein geflogen sein. Zuhause spülte ich mit Kochsalz das betroffene Auge und nahm die Kontaktlinse heraus und spülte auch diese. Im Spiegel konnte ich keinen Fremdkörper erkennen, aber das stechende Gefühl ließ nicht nach. Es war mittlerweile schon 19 Uhr und in einer halben Stunde sollte Chorprobe sein. Ich konnte unmöglich mit Schmerzen singen, also entschied ich mich, noch einmal zur Arbeit zu fahren und nachschauen zu lassen. Ich ging direkt auf die Augenstation und gab mich als Mitarbeiter zu erkennen, keine fünf Minuten später wurde ich behandelt. Die Ärztin konnte keinen Fremdkörper finden, meinte aber, es sei ein winziger Riss oder Schnitt auf der Hornhaut zu sehen. Ich solle vorsichtshalber für eine Woche das Auge mit einem Antibiotikum behandeln und ansonsten mit Kochsalz spülen und feucht halten. Ich besorgte die Tropfen, nahm eine Ibuprofen ein und machte mich auf den Weg zum Chor, nun fühlte sich das Blinzeln leider an, als hätte ich Sand im Auge; zumal das Antibiotikum brannte. Im Grunde heulte ich die ganze Probe über, die Tränen waren nicht zurück zu halten. Mit dem rechten Auge sah ich scharf, dort war ja noch die Linse drin. Links jedoch sah ich nur noch Bokeh. Später beim Bierchen war ich nur noch am Kühlen, mittlerweile waren Auge und Lid angeschwollen. Als ich zu Hause noch einmal meine Augen tropfen wollte, sah ich im Spiegel, dass ich ein fettes Glubschauge entwickelt hatte.

Samstagmorgen war es besonders glubschig, wurde gegen Abend aber besser. Den Tag über konnte ich kein Licht ertragen und wandelte deshalb in einer dunklen Wohnung umher.

Heute, also Sonntag, ist das Auge noch ein wenig gerötet, aber ansonsten wieder in Ordnung. Ich kann auch wieder beide Kontaktlinsen tragen; nur noch das Lid ist geschwollen, und ich hoffe inständig, dass das bis morgen auch weg ist, denn Montag bis Freitag unterrichte ich an diversen Schulen zum Thema „Rechte und Pflichten in der Ausbildung“.

Falls ich Pech habe, werde ich als Glubschauge bekannt oder als lebendiges Beispiel für die Redewendung: „Passt ja wie die Faust aufs Auge!“

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Sterbebegleitung. (19/42)

23. September 2015

Letztes Jahr habe ich eine Weiterbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter gemacht. Dazu kam es so: In der Ausbildung hatten wir das Thema „Tod und Sterben“. Das fand ich super, endlich etwas Spannendes, nur hatte ich ein Problem mit der Themenwoche, wie überall im Leben, es ist ein Fluch: Die eine Woche war mir viel zu kurz. Ich habe sehr oft das Gefühl, egal worum es sich handelt, dass die vermittelten Inhalte zu oberflächlich und ungenau sind. Am liebsten würde ich ein kleines Studium beginnen und mich tiefergehend mit der Thematik beschäftigen. Vorgesehen war aber nur eine Woche, es ist eine Ausbildung und kein Studium, da hatte ich wohl Pech gehabt. Bis mich kurz darauf ein Freund ansprach, ob ich denn schon von der ehrenamtlichen Arbeit in diesem Bereich gehört hätte, da würde man sich lange mit der Thematik beschäftigen und mit sterbenden Menschen Zeit verbringen, ihnen zuhören und einfach da sein. Es brauchte nicht lange und ich entschied dazu, mich ein Dreivierteljahr ausbilden zu lassen. Die sehr detailreiche und einfühlsame Gestaltung der Inhalte fand ich ganz wunderbar und jetzt bin ich eben ehrenamtlicher Sterbebegleiter.

Nun. Natürlich ist die Frage, weshalb ich mich trotz oder neben meiner Arbeit als Krankenpfleger – die ganz oft nicht einfach ist, körperlich wie menschlich, und wo es auch Situationen gibt, zweimal im Jahr oder so, in denen man Gespräche führen muss, die den Tod als Thema haben –, in der Sterbebegleitung engagiere. Vor ein paar Tagen ist mir diese Frage in den Sinn gekommen und wenig später auch die Antwort, wenn auch in einem anderen Kontext.

Mit der Sterbebegleitung kompensiere ich mein Gefühl, ein schlechter Pfleger zu sein.

Im Krankenhaus habe ich nicht die Zeit, mit Patienten zu sprechen. Man unterhält sich flüchtig während der Behandlung, außer diese ist kompliziert und bedarf alle Aufmerksamkeit, und dann huscht man so schnell es geht zum nächsten Patienten, weil die To-Do-Liste ewig lang ist. Dabei ist es mir sehr wichtig, sie nicht mit dem Gefühl zurück zu lassen, ihre Lebensgeschichte wäre mir egal. Ich mag Geschichten sehr, deshalb lese ich ja auch Blogs und Twitter und folge fremden Menschen. Doch an der Arbeit ist es ein wenig anders, denn die Patienten haben das Bedürfnis, gehört zu werden. Das klingt jetzt sicher etwas esoterisch, aber dieses Bedürfnis ist sehr wichtig für die Heilung. Und dem kann ich im Krankenhaus nicht nachkommen. Das frustriert mich, und wenn ich mir dann doch Zeit nehme zuzuhören, werde ich später als lahm bezeichnet von Kolleg_innen. Ich hätte den Verband, die Infusion doch schneller wechseln können und so weiter, jetzt hätten sie alles Andere allein machen müssen. Solche Aussagen frustrieren mich noch mehr, ich nehme mir eh schon mehr Zeit für die Behandlung als andere, um keine Flüchtigkeitsfehler zu machen. Mit diesem Frust gehe ich dann nach Hause und habe das Gefühl, ein schlechter Pfleger zu sein.

Da ist es doch nur logisch, dass ich genug von der Pflege habe und es kaum abwarten kann, dem Krankenhaus nach der Prüfung den Rücken zu kehren.

Die Begleitung von Sterbenden finde ich nach wie vor sehr schön, das mache ich nach der Ausbildung auf jeden Fall weiter. Es erdet mich und ich fühle mich vom Ballast der Welt befreit, wenn die Sterbenden erzählen, das Gespräch hätte ihnen sehr gefallen, endlich hätte mal jemand zugehört oder sie seien mal eine Zeit lang auf andere Gedanken gekommen.

(Seltsam, dass ich so viel Energie aus dem Tod ziehe.)

Tiefblau.

25. März 2013

Ich erfahre, dass du in Kassel bist, du hattest einen Unfall und liegst auf meiner Station. Du bist auf die Fresse gefallen, Nase gebrochen, irgendetwas am Gehirn. Du sollst operiert werden. Ich habe dienstfrei, fahre aber trotzdem zur Arbeit, um dich zu sehen. Ich kleide mich ein und gehe auf Station, lese deine Akte nach und bin auf dem Weg in dein Zimmer, als ich dich im Flur mit deinem Holger und einem Freund sehe. Du sitzt im Rollstuhl. Ich starre dich entsetzt an, dein Gesicht ist zerfetzt und blutig, doch du erkennst mich nicht wieder. Holger blickt mich lange und böse an, bis ich weiter gehe. Ich bin sehr traurig und verlasse das Krankenhaus. Nach ein paar Stunden, es ist bereits Abend, schaue ich wieder nach dir. Du bist mittlerweile auf der Intensivstation, dein Kopf ist in Watte gepackt, nur deine Augen sind frei, sie schauen blau und traurig wie immer. Ich gehe ganz nah an dein Gesicht, mir steigen Tränen in die Augen und dir genauso. Ich glaube, dass du mich erkennst, aber der Zweifel bleibt. Du kannst dich weder rühren, noch bewegen. Ich setze mich neben dich und halte deine Hand, sie ist ganz weich, du hast keinen Druck darin. Du bist gelähmt. Ich weine und lasse dich los. Dabei hätte ich so gerne deine Hand gehalten.

Ich wache auf und schaue aus dem Fenster, weit in das Blau hinein, tiefblau. Was für ein Morgen.

Krankenhausgedanken.

24. November 2010

Sechs Uhr zwanzig. Ich schlage meine Augen auf, stelle den Wecker leise und schaue an die Decke. Kiefernholz, wunderschön gescheckt. Ich stehe auf und gehe in’s Badezimmer, wasche mein Gesicht und putze mir die Zähne. Wasche mein Gesicht nochmals und schaue mich im Spiegel an. Ich bin zufrieden mit mir. „Bist du bereit zum Sterben?“, frage ich mich und antworte nicht, indem ich gehe. Ich wecke meine Mutter, ziehe mich an, gehe meine Tasche durch. Schlafanzug, Handtuch, Unterwäsche, Shampoo, Ladegerät, Jeans, T-Shirt, Pullover, Hausschuhe. Braucht man alles nicht zum Sterben. Oh, das Zahnzeug fehlt. Ich gehe nochmals in’s Badezimmer und packe Zahnbürste und Zahnpasta in die Tasche. In meinem Zimmer, das ich mit meinem Bruder teile, hänge ich mit meiner Mutter frisch gewaschene und nach Waschmittel duftende Wäsche auf, und dann gehen wir in’s Wohnzimmer, die Papiere holen. Im Auto erkundigt sich meine Mutter nach meiner Befindlichkeit. Ich sage: „Weiß nicht. Bin zu müde für Gefühle.“

Krankenhaus, Anmeldung. Wir warten und kommen an die Reihe, registrieren mich und gehen in das Zimmer, welches ich später mit zwei anderen teilen werde. Station zweiundzwanzig, Zimmer zwanzig. Letzte Türe rechts, ganz hinten im Gang. Die Krankenschwester meint, nachdem sie mir ausgiebig die Funktionen des Bettes und der vielen anderen Knöpfe erklärt hat, dass ich erst gegen zehn Uhr operiert werden soll. Mutter fragt, ob sie gehen und arbeiten oder bleiben und warten soll. Ich sage: „Geh‘ und komm‘ mittags wieder.“ Mutter küsst mich und geht mit einem Gefühl des Unwohlseins. Die Krankenschwester gibt mir Tabletten. Ich nehme sie ein und lege mich in mein Bett. Während ich dort liege, treffen meine Zimmergenossen ein, verabschieden sich von ihrer Begleitung, begrüßen mich und nehmen ebenfalls die Beruhigungstabletten ein. Später höre und sehe ich, wie einer meiner Nachbarn — der blonde, den ich auf Anfang zwanzig schätze —, aus dem Zimmer gefahren wird. Ich drehe mich um. Momente später, so scheint es, werde ich aus dem Zimmer gefahren, ganz sanft, ganz leise. Ich sehe, wie mein blonder Nachbar aus dem OP-Saal geschoben wird. Eine charmante Dame mit Großmutterstimme versucht mir einen Venenkatheter an die Hand anzubringen und scheitert, dreimal. „Ganz zähe Haut, ganz zäh…“ Kann mir egal sein, denn ich lächle ob meiner benebelten Schmerzen. Ich nehme nicht wahr, dass sie es nochmals erfolgreich an meiner Ellenbeuge versucht hat. Ich werde in den OP-Saal geschoben und dort von meinem Bett auf eine Liege gewuchtet. Mir ist kalt. Ich sage dem Arzt noch, dass ich etwas auf meinen Unterlagen verbessert habe. „Nich‘ hundert, sondern fünfundzwanzig…“ Was und ob der Arzt antwortet, das weiß ich nicht mehr. Jemand, nicht der Arzt, sagt „Atmen Sie tief ein und atmen Sie tief aus!“ und hält mir eine Maske an Mund und Nase. Ich mache, was von mir verlangt wird, versuche noch zu sagen „Und gleich bin ich…“ und bin weg.

Später wache ich auf und blinzle aus drogenunterlaufenen Augen in der Gegend herum. „Bin ich also im Aufwachraum…“, denke ich und schlafe wieder ein. Dann werde ich aus dem Raum geschoben. Ein Mann mit grauen Haaren möchte wissen, wo mein Bett einst stand. Ich sage irgendetwas und versuche hinzuzeigen, bin aber zu schwach, um meinen Arm zu heben. Ich schlafe wieder ein.

Irgendwann nachmittags steht meine Familie an meinem Bett und flüstert etwas, das ich nicht verstehe. Ich blinzle verklebt und schaue an die Decke. Ich spüre meinen Kopf kaum, wundere mich, dass ich überhaupt sehen kann. Erleichtert atme ich auf, denn erst jetzt realisiere ich, dass ich noch am Leben bin. Alle Sorgen waren vergebens und vor meinen Augen zerschellt ein schwarzer eitriger Luftballon, dessen tausend Fetzen als Erleichterung auf mich herab fallen. Ich fühle mich wohl. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, schlafe ich ein. Später, es ist schon sichtlich dunkler geworden, sitzen mein Bruder und meine Mutter an dem Tischchen links von mir. Ich sage „Hallo“ und drücke auf den Krankenschwesternknopf, welcher geschickterweise in meiner Hand liegt. Eine Schwester steht augenblicklich neben mir und liest von meinen Lippen den Wunsch nach Wasser ab. Sie richtet mein Bett auf, ich trinke. Das Wasser spüre ich im Bauch, es ist kalt und ich bin warm. Mein Bruder hält mir zwei Tafeln Schokolade hin, ich glaube mich bedankt zu haben. Später erfahre ich, dass mein Bruder mit dem Bus zum Krankenhaus gefahren und unterwegs für mich eingekauft hat. Ich soll ihn angeschnauzt haben, aber daran erinnere ich mich nicht. Später entschuldige ich mich für das, an was ich mich nicht erinnern kann. Er sagt: „Geht schon klar. Du warst ja unter Narkose.“ Ich spreche nicht viel, denn mein Hals schmerzt. Der Beatmungsschlauch hat mich ziemlich aufgekratzt. Ich schließe meine Augen und schlafe ein.

Nachts, „niemand“ im Zimmer, weine ich. Wenig später drücke ich auf die Lämpchen-Taste und sehe auf den Beistelltisch. In einem kleinen Plastikgläschen, das meinen Namen trägt, liegen drei Tabletten. Ich nehme sie ein. Nach kurzer Zeit geht es mir besser, ich fühle mich erleichtert und frei. An mir hängt auch keine Elektrolyt-Flasche mehr, nur noch der Venenkatheter ist an mir angebracht. Wohl aus Sicherheitsgründen.

Es wird allmählich Morgen, ich bin nicht der Einzige, der das merkt. Meine Zimmergenossen sind ebenfalls schon wach. Dreimal raunt jeweils ein „Morgen“ durch das Zimmer. Wir lernen uns kennen, so im Dunkeln, tauschen Name, Alter, Familienstand und Beruf aus.


Mani, 29, verheiratet und Vater zweier Kinder, irgendetwas mit Logistik.

Ali, 23, verlobt, irgendetwas mit Metall.

Heartcore, 17, single, Schüler.


Mani, „den Blonden“, hatte ich auf Anfang zwanzig geschätzt, dabei hat er die dreißig fast schon erreicht. Für sein Alter sieht er erstaunlich jung, aber nicht jugendlich aus, das habe ich ihm auch gesagt. „Höre ich oft. Kann ich mir nur so erklären: gute Gene!“ Mani hat zwei wunderschöne Töchter, einmal in der Drei- und einmal in der Vierjahresversion. Seine Frau — ob aus West- oder Osteuropa, das kann ich gar nicht raten — ist eine schlichte Schönheit und verhält sich auch so. Sie spricht leise, ist sehr freundlich und drückt sich schlicht, aber treffend aus. Insgesamt eine schöne Familie. Mani ist gar kein Deutscher, wie er mir später erzählt. „Ich bin ein französischer Pole!“

Ali ist in der Türkei verwurzelt, genau wie ich. Morgens, kurz vor der Operation, konnte ich ihn nicht ganz zuordnen. Die Beruhigungstabletten hatten mich so sehr im Griff, dass ich die Worte seiner Mutter mit einer anderen Sprache als der türkischen verband. Dabei hatte sie nie in einer anderen Sprache gesprochen. Die Haut von Ali ist dunkler als meine und seine Haare sind pechschwarz. Die Verlobte von Ali ist eine kluge, zurückhaltend-hübsche Türkin, die etwas mit Recht studiert hat und nun auf Arbeitsuche ist. „Sollte ich bis nächste Woche nichts finden, werde ich mich dem Master widmen.“ Alis Familie macht sich Gedanken über Alis Hochzeit, die nächstes Jahr stattfinden soll. Meine Mutter verstand sich natürlich bestens mit Alis Mutter.

Der zweite Tag verging mit vielen Schmerztabletten und vielen Stunden Schlaf. Dazwischen, wir wachten interessanterweise immer zur selben Zeit auf, lernten wir uns kennen. Wir mochten uns, hatten mehr oder minder den selben Humor und ähnliche Hintergründe. Mani war sogar auf meiner Realschule und hatte im Großen und Ganzen die selben Lehrer, die auch ich hatte.

Immer wieder betraten Besucher das Zimmer und ich fühle mich unwohl dabei. Nicht, dass es mich störte, dass Mani und Ali besucht wurden; ich wurde ja auch selbst besucht. Doch irgendwie waren Besucher eine Last für mich, der ich nicht gewachsen oder einfach nur zu schwach war. Ich empfand es als unglaublich anstrengend, mich auf Gespräche mit Bekannt- und Verwandtschaften einzulassen. Der Krankenhausaufenthalt sollte eine Art Kur werden, so hatte ich es mir zumindest verordnet. Ich wollte in Ruhe genesen…

Trotzdem freute es mich, besucht zu werden. Schließlich waren die Tage, an denen ich im Krankenhaus lag, Bayram. (Vergleichbar mit Weihnachten.) Dass ich von so einigen in’s Bayram-Programm aufgenommen wurde, hat mich schon sehr überrascht. Zum Beispiel wurde ich von meinen dominant-aggressiven Onkel besucht, welcher eher kalt und unsichtbar ist. Er ist lieber im Hintergrund und steuert von dort aus die Dinge, die in seiner Hand liegen oder liegen sollten. Doch dass er sich zeigte und gekommen ist, das rechne ich ihm hoch an. Sonst macht er so etwas nicht. Meine liebevolle Tante hatte er natürlich mitgebracht.

Später betrat ein Freund meines Großvaters (verstorben 2003) mein Zimmer und sagte: „Mein Sohn! Warum hast du denn nicht gesagt, dass du hier liegst?“ Diesen Herren besuchen wir als Familie Heartcore sehr oft, denn wir, oder zumindest ich, kennen ihn schon seit Ewigkeiten. Er und seine Frau, welche Lupenglasbrillengläser zu tragen scheint, sind ein ziemlich nettes Pärchen. Mit ihm saß ich mehr als eine Stunde da und habe über Dies und Jenes, dir Jugend und das Alter geredet. Mir wurde aber nicht langweilig, ich wurde eher müde, was an den Medikamenten lag. Dass er abends noch ganz alleine in die Stadt gefahren und mich besucht hat, das fand ich sehr schön.


Nunja, letztlich wurde das Zimmer sehr oft von irgendwem aufgesucht. Erst nach zwanzig Uhr herrschte Ruhe im Raum zwanzig auf der Station zweiundzwanzig.


Tagsüber gab es Medikamente; von mir und meinen Zimmergenossen auch liebevoll „Drogen“ genannt. Diese Tabletten hatten es durchaus in sich: sie löschten nicht nur Schmerzen, sie löschten auch alle negativen Gedanken und Gefühle aus. Abends waren wir „high“ und lustig drauf. Ich glaube, dass ich in diesem Jahr nirgendwo mehr gelacht habe, als in diesem Zimmer. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen für Lachmuskulatur! Weil wir besonders viel kicherten, schauten oft verwunderte Schwestern jeglicher Couleur vorbei und erkundigten sich nach unserer Gesundheit. Ob die Schwestern unser Verhalten auch lustig fanden, oder ob sie sich eher Sorgen machten, das kann ich gar nicht sagen. Eine Schwester jedenfalls, ein mürrisches Schwabenbiest, mochte unser Glucksen gar nicht. Kam sie in das Zimmer, herrschte augenblicklich kühle Stille, die sie auszulösen wusste. Wir nannten sie hinter ihrem Rücken „Schwester Dementor“, denn sie war wie die Dementoren aus „Harry Potter“, entzog einem jegliche mentale Empfindung. Uns dreien wurde es regelrecht kalt um Hand, Herz und Fuß, sobald sie im Zimmer stand. Das Gute an ihr war, dass sie nur nachts zu arbeiten schien und uns somit nicht oft besuchte. An einem Morgen jedoch sprengte sie so gegen vier Uhr die Türe und platzierte Medikamente wie Bombemkoffer auf unseren Beistelltischen. Wir schraken hoch wie von der Tarantel gestochen. Sie lächelte.


Meine Krankenhausfreunde waren schwer OK. Abends heulten wir ein wenig und dann gab’s Essen. Danach heulten wir wieder. Dann gab’s Frühstück.

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Mit Ali habe ich sehr viel über Bücher gesprochen. Ich habe ihm sogar Einblick auf meine Leseliste, der „Urigen Literatur-Mischung“ gewährt. Er war beeindruckt von der Auswahl und fügte noch zwei Bücher hinzu; ich war beeindruckt von seinem Wissen über Literatur. So etwas habe ich nicht von ihm erwartet, denn kaum jemand, den ich persönlich kenne, wälzt heute noch freiwillig Bücher. Deutsche Türken lesen, so mein Eindruck, im Allgemeinen sehr wenig. Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Eltern früher, in ihren Zwanzigern, besonders viel gelesen haben. Das hat mich schwer beeinflusst. Es gab Tage in meiner Kindheit, an denen habe ich das Haus nicht verlassen, weil ich Angst hatte, die Geschichten würden aus den Bücher schwinden, wenn ich sie nicht festhalte und an mich nehme. Ich habe mich mehr von Büchern und ihren Geschichten ernährt als von lebensnotwendiger Nahrung.

Es war ein sehr langes, schönes Gespräch, das wir führten, während Mani schlief. Ali hat mir unter anderem erzählt, wie sehr ihn das Buch „Martin Eden“ von Jack London berührt, wie sehr er sich in dem Protagonisten wieder erkannt hat. Und während er von sich sprach, da fuhr ein imaginärer Spiegel hoch und ich sah mich plötzlich selbst in ihm, in Ali. Für einen kurzen Moment sah ich kristallklar, wie sehr wir uns in machen Dingen glichen. Und als ich ihm das sagen wollte, klopfte es an der Tür und Besuch in Form von Mutter und Kind stand im Zimmer. Manchmal ist meine Familie ziemlich nervig.


Die erste Nacht war für mich mit Abstand die schlimmste im Krankenhaus, denn die Schmerzen waren groß. Ich wurde von einem exorbitant-großen, schwer-aushaltbaren Druck zermalmt und hatte kurzzeitig das Gefühl, dass mein Schädel bald detonieren müsste. Wie gut, dass die Schmerztabletten gleich auf meinem Tischchen zu finden waren.

Die zweit-schlimmsten Schmerzen waren jene, als mir die Silikontampons aus der Nase gezogen wurden, je zwei aus jedem Nasenloch, durchschnittlich 2,5 cm dick. Es wäre wohl nicht so schrecklich gewesen, gingen die Tampons nicht bis nach ganz hinten in’s Gehirn, wo sie sich neben meiner Denkmasse breit machten. Das Rausziehen der Tampons, das sich sich übrigens anfühlte, als würden mir begierige Ägypter das Gehirn durch die Nase entfernen, dauerte nicht einmal eine Sekunde, doch der Schmerz, der war so gewaltig, dass ich Krokodilstränen in Form einer fließenden Linie geweint habe. Wahrscheinlich war ich nach den fünf Minuten im Behandlungszimmer deshalb so durstig.

So im Nachhinein weiß ich nicht mehr, ob das Rausziehen der Tampons oder das Aussaugen meines Kopfes schmerzhafter war. Das Aussaugen der verkrusteten Blut- und Schleimreste war aber eindeutig das ekligste Gefühl, das ich je verspürt habe. Ein winziges, Bleistiftminen-kleines Saugkerlchen, welches durch jedes Nasenloch bis nach ganz hinten in den Rachen geschoben wurde, um unterwegs fleißig seiner Aufgabe nachzugehen. Das Kerlchen entfernte nicht nur Blut, Kruste und Schleim, es zog mir auch einen nicht kleinen Anteil an Atemluft aus dem Hals. Ich wusste nicht, ob ich jetzt durch Nase oder Mund, oder ob ich überhaupt atmen sollte. Das Gefühl war derart widerlich, dass mir übel wurde. Schön auch, dass es nicht bei dem einen Mal blieb: ich wurde morgens und abends vom Schleim befreit!..


Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung, was ich sehr mysteriös finde.


Die Stimme(n), die in meinem Kopf hauste(n) und wegen der ich mich eigentlich operieren ließ, wohnt noch immer neben mir im Oberstübchen. Der Arzt sagte, dass sie langsam aussterben wird und dass dieser Sterbensweg bis zu zwei Monate andauern kann. Also werde ich mich immer wieder doppelt und dreifach hören, bis ich dann wieder einsam und allein mit mir sein kann. Olej!


Ein unschöner Nebeneffekt ist, dass ich auch zu Hause ständig von Leuten besucht werden. Freundinnen meiner Mutter, entfernt Verwandte und mir kaum bekannte, sie alle kommen, um mich zu sehen und sagen dann: „Du wurdest doch nicht operiert, so wie du aussiehst! Du bist ja nicht einmal blau oder grün. Und Narben hast du ja auch keine!“


Ab Montag heißt es dann wieder eineinhalb Stunden durch Land und Stadt zur Schule fahren. Ich freue mich so rein gar nicht, denn ich darf etliche Arbeiten und Tests nachschreiben. Als ob ich die Kraft hätte, für die Schule zu lernen…


Ich kann jedem, der sich doppelt hört oder nicht richtig durch die Nase atmen kann, diesen kleinen, operativen Eingriff empfehlen (Krankenkasse zahlt!), denn das Gefühl, tief und noch tiefer atmen zu, ist schlicht großartig. Es hat sich gelohnt, ein paar Tage im Krankenhaus zu liegen und nicht wirklich zu leiden. Man spürt nach dem ersten Tag nur einen leichten Druck, mehr aber nicht. Das hat man wahrscheinlich den Tabletten zu verdanken.


Manchmal, wenn ich zu Hause keine Ruhe finde, wünsche ich mich in das Krankenhaus zurück, denn dort hatte ich ab acht Uhr abends die Ruhe, die ich mir sonst immer ersehne.