Über die Liebe. (5/42)

22. August 2015

Ich lese ja immer gerne etwas über die Liebe„, sagt Frau Fragmente.

Definiere Liebe: Ein extrem starkes Gefühl, welches die Gedanken, das Verhalten und die Handlungen einer Person einnimmt und bestimmt. Körper und Seele lechzen nach Befriedigung, wie bei einem Suchtkranken, und tun alles dafür, diese Befriedigung zu erhalten; auch wenn der zu zahlende Preis einen in den Ruin treibt.

Bisher habe ich Liebe als etwas Schmerzhaftes erlebt. Aus meinem Erfahrungsschatz purzeln auch zu allererst bittere Erinnerungen hervor, erst viel später folgen ein paar wenige schöne Momente, in denen ich sehr glücklich war. Aber der Großteil der Gedanken ist mit Schmerz verbunden. Deshalb wohl auch meine eher zynische Definition der Liebe.

Meinen ersten Freund habe ich im Internet kennen gelernt, da war ich 17. Zu einer Zeit, in der ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten habe. Nachdem ich R.H. zweimal besucht hatte, musste ich mich bei meinen Eltern outen, da war ich 18. Ich hatte mehr Angst vor einem unerfüllten Leben, als vor den möglichen Konsequenzen. Rückblickend war die Zeit um das Outing ein nicht zu bändigender Prozess, befeuert durch die Unterstützung von Freunden für ein freies Leben.

Ich war sehr verliebt in ihn. So sehr, dass ich auf der Fahrt zu unserem ersten Treffen vor Angst um das Danach weinte. Ich war verliebt, ohne ihn jemals zuvor gesehen zu haben. Über ein halbes Jahr haben wir nur geschrieben. Text ist mächtiger in seiner Wirkung als gesprochene Sprache. Deshalb war ich wohl so schwer verliebt, ich fühlte mich verstanden und beachtet, da interessierte sich jemand für mich. Wort um Wort. Es war ein Leichtes mich zu verlieben.

Ich konnte weder die Zeit bei ihm genießen, noch mein Herz mit heilender Liebe erfüllen, dabei brauchte ich nichts mehr als das. In der ersten Nacht weinte ich so sehr an seiner Brust, wie ich noch nie zuvor weinte. Es war alles voller Schmerz.

Es hielt nicht lange. Heute kann ich sagen, dass ich wohl eine helfende Hand brauchte, die mich aus dem Abgrund zieht. Dieser Jemand war mein erster Freund. Es tut mir leid, dass er das mit mir durchmachten musste. Ich hoffe nur, dass auch er diese Zeit für sich zu nutzen wusste (wie das klingt…).

Die große Liebe meines Lebens war mein zweiter Freund, er folgte direkt auf den ersten. In dieser Beziehung war der Schmerz noch viel größer, wenn auch aus anderen Gründen. Alles war zersetzt von Eifersucht und Hass, von sexueller Begierde und dem Wissen, dass niemand aufrecht aus der Sache gehen würde. Und dennoch haben wir es uns fast ein Jahr lang angetan. Es gab ja auch die zuvor genannten Momente vollen Glückes, das wiegelt viel auf, denkt man.

M. lernte ich via App kennen. Was für mich damals überhaupt nichts Sexuelles hatte, unser kleiner Chat, liest sich aus heutiger Sicht wie ein sicheres Daraufhinwirken. Gleich beim ersten Date haben wir miteinander geschlafen. Dreimal. Dann bin ich nach Hause gefahren und wir haben uns einen Monat nicht gesehen, aber miteinander geschrieben und geschrieben und geschrieben. Und wieder war ich verliebt. Aber: M. hatte einen festen Partner, das wusste ich von Anfang an. Und dennoch ließ ich mich darauf ein. Unstillbare sexuelle Begierde war die Grundlage dieser Beziehung, Ekstase in Reinform. Irgendwann wünschte ich mir mehr als das, denn der Mensch in M. war ein ganz besonderer. Doch es sollte nicht sein. Es hatte alles seine Gründe, die rückblickend sehr vernünftig waren.

Aus dieser Beziehung habe ich enorm viel für mich mitgenommen. Ich entwickelte ein Selbstbewusstsein, ein Selbstwertgefühl für mich als Menschen. Ich habe viel gelernt und erfahren, was Liebe auch sein kann: eine illusionäre Erwartung an eine Person oder Beziehung, die niemals sättigt. In sexueller Hinsicht war ich vollkommen glücklich mit M., aber das kann ja nicht alles sein.

Mit Stephan bin ich seit zwei Jahren in einer festen Partnerschaft. Wir wohnen zusammen, wir haben einen gemeinsamen Alltag, gemeinsame Familie und Freunde; ich bin glücklich und zufrieden. Da ist kein Schmerz, kein Bedauern, kein Schatten aus der Vergangenheit. Eine normale Partnerschaft ohne extreme Spitzen. Die Gefühle sind hier nicht am Anschlag, niemand brennt aus, läuft leer. Vielleicht ist das der Grund für die Stabilität. Und vielleicht ist das die Art von Liebe, die zu mir passt. Ich denke, Zufriedenheit steht über der Liebe.

Es fällt mir schwer, ihm die Worte „Ich liebe dich“ zu sagen – nicht, weil ich ihn nicht liebe, ich liebe ihn sehr –, sondern weil diese Wortfolge eine Myriade an bitteren Erinnerungen in mir hervor ruft. Viel zu oft habe ich diese Worte benutzt, obwohl mir beim Aussprechen immer etwas in der Brust zerplatzte. Jedes Mal ein bisschen mehr, bis ich nichts von der Liebe übrig war.

Ich möchte nicht, dass mir das mit Stephan passiert. Ich will, dass ich mit der Zeit lerne, Liebe anders zu definieren als oben. Durch ihn und mit ihm. Dass ich glücklich bleibe, dass wir weiterhin eine Partnerschaft führen, in der nicht die Bitterkeit, sondern die Zufriedenheit die Hauptrolle inne hat. Auch wenn es holpert, denn das tut es manchmal.

Aber jetzt ist alles gut. Und das soll es auch bleiben. :)

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