Posts Tagged ‘Durst’

Die Eule und der Durst.

19. Mai 2011

Als ich sie umarme, drückt sie mich fest an sich und streichelt mir den Rücken, während mein Kopf auf ihrer Schulter ruht. Ich schließe meine Augen und atme den zarten Duft ihres Nackens ein und verspüre eine starke Gänsehaut, die um ein Vielfaches an Kraft gewinnt, als er mich von hinten umarmt und uns Beide in Sicherheit und Liebe wiegt. Umschlossen von starken Armen und zwischen zwei schlagenden Herzen denke ich an den Satz, der bis zuletzt mein Leben beschrieb — Alles fesselt mich und nichts hält mich — und fühle mich so frei und leicht wie noch nie zuvor; trage weder Last, noch Sorge in mir. Ich glaube zu schweben und weiß, dass Glück sich genau so anfühlen muss.

Ich küsse sie auf die Stirn und ihn auf die Wange.

Genau einen Tag später, also jetzt, vermisse ich dieses Hochgefühl, diesen großen Moment des Glückes so sehr, dass ich wieder in das alte Muster zurückfalle und mich in die Arme der Traurigkeit flüchte.

Alles fesselt mich und nichts hält mich.

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Der erste Kuss.

13. Oktober 2010

Schläfrig lag ich auf dem schwarzen Rückenpolster meines Rucksackes, welchen ich immer öfter als Kissenersatz missbrauchte, und wünschte mir, dass die zäh kriechende Zeit sich verflüssigt, während der schmächtige Deutschlehrer seinen Lehrauftrag erfüllte und versuchte, uns Schülern an einem Freitagnachmittag, in der letzten Doppelstunde vor dem lang ersehnten Wochenende, etwas beizubringen, das wir schon längst kennen sollten, so oft wie wir das in unserer Schullaufbahn schon durchkauen mussten.

Ich lag da wie ein ausgeschlachteter Fleischklumpen und blickte aus nach Erholung kreischenden Lidern in die scheinbare Leere des Klassenzimmers und versuchte ohne Regung die Staubpartikel zu verfolgen, welche hoch oben in der Pumakäfigluft des Raumes von den Strahlen der bevorstehenden Abendsonne vergoldet wurden, die durch das schmutzbehaftete Fensterglas fielen und dem Zimmer dieser Irrenbildungsanstalt ein hoffnungsvolles Schimmern verliehen. Dieser funkelnde, farblos-flaue Anblick ermüdete mich nach kurzer Zeit und so entschloss ich mich dazu, meine ausgebrannten Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen, denn etwas besseres konnte ich als wissbegierig-gelangweilter Schüler nicht machen.

Nach einem zwanzig-minütigen Sekundenschlaf riss ich entsetzt meine Augen auf, als ich plötzlich die Stimme des jungen Mannes aus der Reihe vor mir vernahm, welcher sanft, fast liebevoll einen Text aus dem Schulbuch vorlas, und in mir die Entfaltung eines längst vergessenen Traumes lostrat, indem er das Wort „Kuss“ über seine Lippe springen ließ, welches zart auf meiner Lippe landete.

Mein Herz schlug so schnell, dass ich aus Angst, jemand könnte es hören, vergaß zu atmen und zu blinzeln, denn ich konnte nicht glauben, an was ich mich erinnerte. Er saß da, vor meinen Augen, und sprach einen Text, den ich nicht einmal wahrnahm, bis mein Unterbewusstsein das Wort erfasste, welches mich schmerzlich übermannte und mein Bewusstsein impulsartig in Brand steckte.

Im Traum, den ich Tage zuvor geträumt haben muss, küsste ich den jungen Mann, welcher Montag bis Freitag vor mir in der Reihe sitzt und zweifelsohne zu den schönsten Kerlen gehört, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin. An manchen Tagen kann ich ihm nicht in sein wunderschönes, klares Gesicht blicken, weil meine Vernunft es mir nicht gestattet, diesen zweiundzwanzig-jährigen Herren insgeheim anzuhimmeln. Doch er sitzt vor meinen Augen, jeden Tag, und redet oftmals mit mir, als kannten wir uns schon immer. Und ich sehe täglich in seine Kornblumenaugen und erkenne darin seine Intelligenz, welche mich immer wieder in die Faszination führt, und seine Aufrichtigkeit, welche mich im Herzen schmeichelt und mir jedes Mal ein Lächeln zaubert. Seine Haut, die fraglos reifer ist als meine, bewirkt in mir einen erotischen Respekt, und so zügle ich mich und beweise Disziplin, beherrsche mich und halte mich zurück, denn etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Doch wie gerne würde ich über sein Gesicht streichen und mit meinen Fingerkuppen durch sein volles, blond-braunes Barthaar gehen, das sein Antlitz veredelt und noch ästhetischer gestaltet, als es ohnehin schon ist…

Im Traum, da küsste er mich. Zum ersten Mal wurde ich geküsst und zum ersten Mal träumte ich davon, geküsst zu werden. Sorgsam hielt er meinen Kopf, sah mir in die Augen, in denen ich mich selbst erkennen konnte, und näherte sich mir, als wäre es nie anders gewesen, und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Unsere Lippen berührten sich und ich fühlte mich wohl dabei, fast geborgen. Im Traum war es das schönste aller Gefühle, denn ich hatte weder Sorgen, die sich erfüllen könnten, noch Hoffnungen, die sich erfüllen sollten. Es war ein hoch-erotisches, sinnliches Erlebnis, das mich schwer aufgeschürft hat.

Er las weiter und Wort für Wort verging die Zeit, doch mein Herz klopfte rasend und mein Atem stand still. Hellwach brannten meine Augen und eine schwere Traurigkeit flutete meine Gedanken und Gefühle. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, der sich nie verwirklichen und für immer nur ein Traum bleiben wird. Ein Traum wie kein anderer und ein Traum, der mich zerreißt und meine Zerrissenheit als unstillbare Durstlandschaft hinterlässt. Diese unbändige Sehnsucht fließt durch meine Adern und schmerzt mit jedem bewussten Herzschlag in seiner Gegenwart.

Ich weiß, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, meinen Durst mit und an diesem jungen Herren zu stillen. Mein Leben ist manchmal sehr bitter und schleicht so lange auf unhörbaren Sohlen, bis ich verwundet und schwach durch die Welt weile. In solchen Momenten schlägt es zu und trifft punktgenau auf mein verletzliches Gemüt. Ich lag auf diesem Tisch und fühlte mich wie durch einen dornigen Holzpflock aufgespießt. Mein Herz war gebändigt in beißender Enge, konnte sich nicht wehren gegen die Traurigkeit meiner Träume und Sehnsüchte, ohne ein größeres Leid zu erfahren. Und so lag ich still schweigend und schwer atmend und leidend auf dem Tisch, und versuchte meinen Kummer unbemerkt herunter zu schlucken, was mir natürlich bestens gelang, denn ich bin der Meister der Masken.

Ich werde mich niemals ausleben können, solange ich ein Doppelleben führe. Diesen jungen Herren sehe ich Tag für Tag und mit jedem weiteren Tag schmerzt mich sein herrlicher Anblick umso mehr. Er spricht nur eine Sprache, ist nicht bilingual, wie ich es bin. Und es ist nicht Liebe, es dieser Durst, der mir so oft die Tränen in die Augen treibt, wenn ich alleine bin.

Eine viertel Stunde nach der stechenden Erkenntnis, Wunderschönes geträumt zu haben, kam zu meiner Scheinrettung endlich die erlösende Zehn-Minuten-Pause um die Ecke. Der junge Mann, der mich geküsst und somit in den tiefen Sumpf der verbitterten Traurigkeit gestoßen hatte, hob seinen Kopf, welcher mittlerweile auf der Tischplatte lag, streckte sich und drehte sich um zu mir.

Einfühlsam lächelnd flüsterte er mir in’s Ohr: „Oh, der Herr Heartcore sieht aus, als könnte er einen Kaffee ebenfalls ganz gut gebrauchen. Ich geb‘ dir ‚was aus. Drei Mal Zucker und einmal Milch, nicht wahr?“

Teppichfransen.

13. August 2010

Ich lag gerade lesend auf meinem Bett, leicht und wohlig bekleidet, als ich zügig-schwere Schritte vernahm, die sich in das Stockwerk bewegten, in dem ich mich befand. Die Türe meines zuvor aufgeräumten Zimmers stand bis zum Anschlag offen, sodass ich den flüchtigen Schatten meiner Mutter erkennen konnte, die sich in das Badezimmer bewegte, in dem die Waschmaschine gerade der dreckigen Wäsche ein Schleudertrauma verpasste. Ich zuckte nichtsahnend mit den Schultern und dachte mir nichts dabei. Der Fokus meiner Augen legte sich wieder wie von selbst auf das digitale Endgerät, das ich still in meinen Händen hielt.

Wenige Minuten später schoss meine Mutter aus dem Badezimmer in Richtung Schlafzimmer. Ich konnte hören, wie sie Schubladen auf- und zuschob. Nach ein paar Sekunden schien sie gefunden zu haben, was sie suchte. Ich vernahm, wie ein Teppich ausgebreitet wurde, wieder und wieder, bis er perfekt auf dem Boden auf lag; es konnte nur ein Gebetsteppich sein. Leise schlich sich das unverständliche Flüstern einer Frau an meine Ohren, welches mir bestätigte, dass meine Mutter sich dem Nachmittagsgebet hingab.

Es beschämte mich, dass gerade ich, der große Bruder, der, in den so viel Hoffnung gesetzt wird, gemütlich auf dem Bett lag und dem Gebet meiner Mutter lauschte. Ich machte mir sehr lange Gedanken darüber, ob mein passives Verhalten respektlos gegenüber Gott oder meine Mutter ist, als diese plötzlich am Rahmen der Tür stand und leicht kopfschüttelnd in meine Richtung blickte.

MM (Meine Mutter, auf Türkisch natürlich): „Was machst du?“

Heartcore (auch auf Türkisch): „Ich lese gerade einen Artikel über Zukunftschancen.“

In Wirklichkeit las ich das Blog, das ich abends immer lese. Darin ging es um Zukunftschancen. Ich hatte also nicht gelogen.

MM: „Und wann hast du vor, etwas sinnvolles zu tun? Los, steh‘ auf und wasch‘ dich! Press‘ deine Stirn auch mal auf den Teppich!“

Heartcore: „Hmm. Wir gehen doch nachher eh in die Moschee!..“

MM: „Ja, und? Los jetzt.“

Heartcore: „Mama, wir beten nie 5x am Tag. Warum ausgerechnet heute?“

MM: „Weil jetzt Ramadan ist. Und damit deine Fastenzeiten anerkannt werden.“

Heartcore: „Warum sollten diese nicht anerkannt werden?“

MM: „Das weiß nur Gott. Auf jetzt! SOFORT!“

Gott. Das beste Totschlagargument, das meine Umgebung gegen mich zu bieten hat.

Ich legte also das digitale Endgerät zur Seite und rappelte mich auf, streckte mich und ging müden Schrittes in das Badezimmer, um mich rituell zu waschen. Das Gefühl von Wasser im Mund löste kurz einen Schock in mir aus, denn zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist Flüssigkeit sowie Nahrung jeglicher Art verboten. In Sekundenbruchteilen wurde mir aber klar, dass das Ausspülen des Mundes während der rituellen Waschung ausdrücklich erlaubt ist. Im Spiegel blickte ich mich einige Augenblicke interessiert an und versprach mir, dass ich einmal Bilder von mir machen werde, auf denen Gesicht und Haare nass sind.

Frisch gewaschen verließ ich das Zimmer mit dem meisten Wasservorkommen des Hauses und begab mich ins Schlafzimmer meiner Eltern, in dem der Gebetsteppich schon sehnsüchtig auf meine Stirn zu warten schien. Ich bereitete mich vor und warf mit der üblichen Bewegung am Ohr alle Welt hinter mich. Innerlich sprach ich die arabischen Texte, von denen ich nicht ein einziges Wort verstehe. In den wenigen Koranschulen, die ich besuchen musste, lernte ich den Koran zu lesen, doch nie die Bedeutung dieser Texte, von denen man einige für das Gebet auswendig können muss. Ich sprach also in einer Sprache, von der ich weder ein Wort verstehen, noch sprechen kann.

Während ich im Kopf vor mich hin flüsterte, spaltete sich mein Gehirn und ich konnte zwei-gleisig denken. Die eine Gehirnhälfte sprach weiterhin die arabischen Suren, die andere Gehirnhälfte dachte darüber nach, welchen Sinn mein Gebet hat.

„Ich bete hier nicht aus Überzeugung. Ich bete hier, weil meine Mutter mir das sozusagen befohlen hat. Und ich weiß doch gar nicht, ob ich an Gott glaube! Ich denke schon, dass es einen Gott gibt. Könnte ja sein. Aber beweisen kann das natürlich niemand. Man braucht ja keine Beweise, um glauben zu können, das sehe ich ein. Ich weiß einfach nicht so recht… Jemand, an den man sich in den dunkelsten Momenten klammern kann, ist schon ganz nützlich, psychologisch gesehen. Aber dafür habe ich doch Twitter. ORRR, wie komme ich denn jetzt darauf? Ist Twitter Gott oder etwa göttlich? Schnell, Gedanken wechseln! Sonst wird mein Gebet komplett aus allen Nähten platzen. Dabei ist es das doch schon passiert: ich denke an andere Dinge, obwohl ich nur an das Gebet und die Suren denken sollte…“

Mein Blick, so starr wie Aluminiumfolie, löste sich langsam von dem Punkt auf dem Gebetsteppich, den ich die ganze Zeit über wie in Trance angestarrt hatte. Mir wurde klar, dass das nicht wirklich Glaube ist, was ich dort auf dem Teppich veranstaltete. Doch ich konnte nicht abbrechen, meine Vernunft ließ dies nicht zu. Ich sprach die restlichen Suren auf und setzte mich im Schneidersitz nieder, um mein Gebet gemäß dem Koran zu vollenden. Der letzte Teil des Gebetes ist der betenden Person überlassen. Man öffnet die Hände und spricht zu Gott. Interessanterweise spricht man, so habe ich es als Türke gelernt, auf Türkisch.

„Aber warum denn bloß? Hätte ich die Suren nicht in deutscher oder türkischer Sprache aufsagen können? Wenn Gott allwissend ist, kann er doch auch jede Sprache sprechen und verstehen, die jemals existiert hat, oder etwa nicht?“

Als ich dies gedacht hatte, wurde ich traurig.

„Was ist, wenn es Gott wirklich gibt? Was ist, wenn ich ewig in der Hölle schmoren muss, weil ich nur semi-gläubig bin? Würde mir Gott vergeben für das, was ich bin? Man sagt, das Leben der Menschen stehe schon fest. Man spricht von Schicksal oder Kısmet. Und wenn das so sein sollte, kann ich etwas dafür, dass ich so bin, wie ich bin? Kann ich überhaupt etwas anderes sein?“

Meine bebenden Augen füllten sich mit Tränen, die nie über den Balkon meiner Wimpern sprangen. Ich saß da, die Hände für Gott geöffnet, und zweifelte an seiner Existenz und an meiner Bestimmung. Ich saß da, im Schneidersitz, und litt, als ich die Teppichfransen studierte, die mich ablenken und betäuben sollten.

Ich war und bin hungrig. Ich faste, weil man das so macht im Islam. Die Idee dahinter verstehe ich; man soll den Schmerz der Armen fühlen. Doch ist das überhaupt möglich? Nach Sonnenuntergang werden die Bäuche mit Nahrung zugespachtelt, man isst sich einen schönen runden Bauch. Und kurz vor Sonnenaufgang nochmals. Ist das sinnvoll? Wie soll man denn so bloß fühlen können, was die Hungrigen dieser Welt fühlen?

Heute Abend werde ich mit meinem Vater in die größte Moschee der Umgebung gehen, für deren Aufbau mein Großvater verantwortlich ist. Dort werde ich unter Gläubigen sitzen und zweifeln, mich in Grund und Boden schämen. Ich werde dort sitzen und innerlich zersetzt werden, wie von einer bitteren Säure, die sich durch Fleisch und Blut frisst. Dabei bin ich der namentliche Erbe meines geliebten Großvaters.

Ich fühle mich zerrissen, ich fühle mich in meine kleinsten Bestandteile gespalten. Ich bin hungrig und durstig, doch mein Hunger und mein Durst gelten nicht den Mitteln, die ein Mensch zum Überleben braucht, nein. Ich bin hungrig nach Antworten und durstig nach etwas, an das ich mich klammern kann, das mir Halt gibt, in den dunkelsten Momenten. In Momenten, wie diesen.