Archive for Januar, 2011

Eindrücke.

30. Januar 2011

Meine Gedanken darüber, dass ich bald nicht mehr Teil dieses Hauses und nicht mehr Sohn dieser Familie sein werde, dass ich vielleicht verfolgt, verletzt und herabgewürdigt werde, mir Steine, Schlägertypen und Drohungen auf meinen Weg gelegt werden, ich eine Zeit lang Angst um mein Leben haben muss und auch haben werde, ja, all diese Gedanken verglühen mit einem Mal, wenn ich das Wasser solange in Richtung warm drehe, bis es heiß ist und der Schmerz flammender Haut mich betäubt und ich nicht mehr fähig bin zu denken.

Während ich mein Gesicht mit einem himmelblauen Handtuch abtrockne, frage ich mich, ob es klug wäre, in zehn Jahren Bilder meines Glückes unter meinem Realnamen in’s Internet zu stellen, damit jeder, der nach mir sucht, sehen kann, wie es mir nun geht, wie glücklich ich nun bin, ohne dieses Gefängnis namens Familie, ohne Freiheitsentzug und ohne Blutsbande. Und ich sehe das Gesicht meiner Mutter vor mir, wie sie in zehn Jahren das Internet nach mir absucht und fündig wird, Bilder meines Lebens sieht, mich erkennt und Tränen vergießt und leidet, und ich muss mir nochmals das Gesicht abtrocknen.

In der Stadt laufe ich eine Straße entlang und sehe, wie zärtlich sich ein Vater von seinem kleinen Sohn und seiner Frau verabschiedet und ich denke: genau so will ich das auch bei meiner Familie machen. Und keine zwei Sekunden später realisiere ich, dass ich weder Frau noch Kind haben werde.

Nachts um drei schlage ich meine Augen auf, greife nach der Wasserflasche und schaue auf die Uhr. Eine eMail, sagt das iPhone und ich lese Zeile für Zeile und erzittere nach jedem Absatz stärker als beim Absatz zuvor. Ob aus Angst, Traurigkeit oder Zuversicht, ob der schönen, wahren und großen Worte wegen, ich weiß es nicht und schlafe ein und wache am Morgen um zehn Uhr auf und fühle mich vollkommen und voller guten Mutes.

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Lesetipp.

29. Januar 2011

siebzehn“ von Miss Caro.

(Link via @fragmente.)

Fußspuren und Morgenrot.

23. Januar 2011

Es ist ruhig im Dorf. Kein Auto fährt an mir vorbei und kein Mensch kreuzt meine Wege. Der noch junge Schnee fällt sanft auf Haar und Wimpern und knirscht nicht unter dem Schuhwerk. Der Wind steht still. Noch gibt es nichts, was er aufwirbeln könnte. In meiner rechten Hand ein Beutel aus Jute, darin ein Buch, welches nicht meines ist.

Ich drücke auf die Klingel und warte ein paar Sekunden, bis die Tür sich öffnet. Guten Morgen, sagt sie, Guten Morgen, sage ich. Vielen Dank für das Mathebuch, hat mir echt geholfen! Sie lächelt. Gerne doch! Wir hätten auch zusammen lernen können. Du kannst immer vorbeikommen! Wie ist’s gelaufen? Ich schaue auf den Boden. Ganz okay. Sie nimmt es entgegen, das Buch und das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe. Sie bedankt sich freudestrahlend und fischt sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Selbst im Winter hat sie Sommersprossen.

Gelassen laufe ich zurück, mein Heimweg ist nicht weit. Auf dem Boden meine leicht bedeckten Fußspuren von vor fünf Minuten. Frau Holle hat einen Zahn zugelegt und Herr Winde macht sich bemerkbar. In meiner Hand der nun leere Beutel aus Jute, welcher allerdings schwerer als zuvor ist. Ob das Brot, welches ich unterwegs noch kaufen muss, Platz darin findet, zwischen all den Zweifeln?

Gelogen habe ich. Nichts lief am Dienstag ganz okay. Am Wochenende und am Montag habe ich bis in die spätdunklen Stunden gelernt. Und ich konnte es, ich konnte alle Aufgaben lösen, nur nicht am Dienstag. Nicht an diesem Dienstag.

Noch vor dem Wecker war ich wach, hatte meine Sachen gepackt und mich angezogen, war bereit, mich zu beweisen. Weil ich es nun endlich konnte! Und wie jeden Tag machte ich mich auf den Weg, unternahm eine kleine Weltreise.

Im Zug saß mir ein Herr Anfang zwanzig gegenüber, munter und schmerzlich gut aussehend. Schon allein die Tatsache, dass er „Alice im Wunderland“ las, machte ihn liebenswert, doch sein klares Gesicht und dieser wild-gepflegte, blond-braune Bartwuchs, seine wohlgeformten Lippen und diese olivgrün-leuchtenden Augen versetzten mich zusätzlich in Ekstase. Ich saß ihm etwa eine halbe Stunde gegenüber und konnte mich nicht sattsehen. Crushed Heartcore. Meine Gedanken kreisten die gesamte Strecke über um seine Lippen. Ich wollte ihn küssen — und wie ich das wollte!..

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, war ich todtraurig. Nicht nur, weil sich unsere Wege trennen sollten und es natürlich keinen Kuss gab, sondern auch, weil ich tagtäglich begehre, ohne meine Begierde auszuleben oder zumindest halbwegs zu befriedigen. Jedes Mal fühle ich mich trüb, weil ich so empfinde.

Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich beim Anblick Fremder, welche eine gewisse Attraktivität auf mich ausstrahlen, eine Art Verlangen verspüre. Ich ertappe mich dabei, diese Fremden zu „wollen“. Und so „wollte“ ich auch diesen Herren im Zug. Ich hätte meinen Kopf am liebsten auf seinen Schoß gelegt; so, wie es wohl ein Kätzchen machen würde. Ein Kuss wäre vielleicht schon zu viel des guten Guten gewesen. Mir hätte allein schon seine Wärme gereicht; wochenlang, da bin ich mir sicher.

In der Schule angekommen, war ich ausgebrannt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu matt war ich, und emotional entgleist. Doch die Klausur musste geschrieben werden. Ein Blackout allen Wissens war die Folge.

Ich realisiere, wie versunken ich durch die Straßen schlendere und wie viel Schnee plötzlich vom Himmel fällt. Ich suche meine Fußspuren. Vor wenigen Minuten noch waren sie hier. Hat der Schnee sie etwa so schnell unter sich begraben?

Ich laufe über den ehemaligen Zebrastreifen und frage mich: kann es vielleicht sein, dass ich mich mehr und mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle, weil mir mein Vater keine Vaterliebe entgegenbringt?

Ich mein‘, ich merke das doch. Diesen Wandel, die Veränderungen. Noch vor drei oder vier Jahren interessierte ich mich kaum für Jungs. Und wenn doch, dann nur für sehr kurze Zeit. Jetzt aber scheint das meine einzige Interesse hinsichtlich der Sexualität und des Begehrens zu sein. Ich begegne vielen Jungs und Männern, doch nur jene ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, welche den Anschein erwecken, dass sie mir Sicherheit und Unterschlupf bieten könnten. Manchmal sehe ich einen Mann und habe den unerfüllbaren Wunsch, mich von ihm umarmen, halten zu lassen. Nur das, mehr nicht. Ich sehne mich nach Schutz und nach Intimität. Vielleicht bin ich auch nur ein Schäfchen, das auf der Suche nach einem Hirten ist.

Mein Vater, ein emotional kalter Mann, war nicht immer so kühl. Als ich noch ein Kind war — so glaube ich mich zu erinnern —, hat er oft mit mir gespielt, er ist oft mit mir spazieren gegangen, hat sich um mich gekümmert, wie es ein Vater wohl tun sollte. Er war ein Bilderbuchvater. Doch nun, nun ist er ganz anders. Ich weiß nicht, warum und wie er so werden konnte, wie er heute ist. Ich weiß nur, dass ich über nichts mit ihm reden kann, was von Bedeutung für mich ist. Er unterdrückt mich regelrecht. Ist es vielleicht seine aggressive Emotionslosigkeit, welche dafür sorgt, dass ich nicht nur im Kopf Abstand von ihm nehme? Suche ich deshalb nach einem „Vaterersatz“, nach einem Mann voller Wärme?

Mein Vater sagt über die Vaterliebe: „Gab’s früher nicht, wird’s in Zukunft auch nicht geben.“ Gab es früher seitens meines Vaters wirklich keine Vaterliebe? War er wirklich ein Bilderbuchvater? Erinnere ich mich falsch? Täusche ich mich, spiele ich mir etwas vor? Oder merke ich erst mit fortschreitender Reife, wie er wirklich ist? Ist mir eine heile Kindheit wichtig? Versuche ich mich von ihm zu distanzieren, indem ich genau das werde, was er verabscheut?

Ich trete in die Bäckerei ein und kaufe ein kleines Kartoffelbrot. Geschnitten, bitte! Auf den letzten Metern nach Hause denke ich noch einmal über ein Gespräch nach. Alles, was mein Gesprächspartner über mich und mein zukünftiges Ich gesagt hat, passt eins zu eins auf mich zu. Auf eine gewisse Art und Weise unheimlich, und doch so wahr, so erlebenswert und schön. Nach all den Worten und nach all den Vorstellungen und Wünschen lag ich da und bin lächelnd, mit Herz und Seele lächelnd und glücklich eingeschlafen.

Ich ziehe aus dem Briefkasten die Post heraus und schließe die Türe auf, trete ein in’s Haus, ziehe die Schublade auf und werfe meinen Schlüssel hinein, streife meine Schuhe ab, stelle mich aufrecht hin und blicke in den Spiegel.

Geh‘ weiter, es wird sich lohnen.

Schlaflos.

11. Januar 2011

Nein, denke ich und weine, habe ich jetzt schon nichts mehr zu sagen? Ist dieses Gefühl die große Leere vor dem Nichts, die Langeweile am Ende eines Lebens? Nein, denke ich und weine, das ist doch nicht wahr! Schatten flimmern in der Ferne. Ein Lichtspiel, tiefschwarz und blau. Nein, denke ich und schweige. Nein.

Nichts Neues.

7. Januar 2011

Ich weiß nicht, wo ich stehe.
Ich weiß nicht, was ich will.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ich weiß nicht, was ich bin.
Ich weiß nicht, warum das so ist.
Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte.
Ich weiß nicht, wohin es geht.
Ich weiß nicht, welche Folgen das hat.
Ich weiß nicht, wie viel ich ertragen kann.
Ich weiß nicht, wann das ein Ende hat.
Ich weiß nicht, ob es ein Ende hat.

Ich weiß es einfach nicht.