Hoch oben.

24. Dezember 2011

Wir befinden uns tausend Meter oberhalb des Meeresspiegels, der Schnee vor der Glasfront ist um weitere zehn Zentimeter gewachsen und das Wasser im Becken hat eine Temperatur von dreiunddreißig Grad Celsius erreicht. Es ist zwei Stunden nach Mitternacht und wir sind ganz allein in einem Hallenbad auf den Bergen. Niemand ahnt, dass wir dort sind und unerlaubterweise Tore und Türen aufgeschlossen, das Licht eingeschaltet und Musik eingelegt haben. Keiner kann uns sehen, denn wir sind die einzigen Menschen im ganzen Feriendorf. Nur der Schnee draußen, der groß angesagte Sturm — nur er allein kennt unser Geheimnis.

„Spring!“ ruft Bene und ich sehe zu ihm hinab in das himmelblaue Wasser, das fünf Meter unter mir Wellen schlägt. „Spring!“ sagt er und winkt mit den Armen. „Ist tief genug, vertrau‘ mir!“ Ich habe schon Schlimmeres überlebt und bin weitaus tiefer gefallen, denke ich und springe vom Balkon des zweiten Stockwerkes, weil es keinen Sprungturm gibt. Ich tauche kerzengerade in das Wasser ein und berühre mit den Händen den Boden, tauche schnell wieder auf und schwimme zur blauen Matte, an der sich Bene fest hält. Ich sage lächelnd „Wow!“ und wir schauen uns lange in die Augen, treiben wortlos mit der Matte im Wasser umher, das nach meinem Sprung wieder zur Ruhe gekommen ist.

Wir sprechen nicht viel, wir lächeln die meiste Zeit und geben einander Halt. Wir lassen nicht los, gehen nicht unter, stehen aber auch nicht still, bleiben immer in Bewegung. Irgendwie glücklich und dennoch rastlos treiben wir durch das Wasser. Wir halten fest an unserer seltsamen und seltenen Freundschaft und singen beide fehlerfrei den Text zu „Mad World“ mit, während der Schneesturm die Welt außerhalb der Glaskuppel unter sich begräbt.

Wir sind beide noch auf der Suche nach Antworten, für die es keine Fragen gibt, denke ich und flüstere: „Going nowhere, going nowhere.“ Aber hier kann uns nichts passieren, hier sind wir sicher. Hier gibt es weder Furcht, noch Reue, Probleme oder Sorgen. Hier gibt es keine „Anderen“, weil sie hier und jetzt vollkommen unwichtig sind. Hier gibt es nur diesen Moment und dich und mich. Und nur das zählt. Das allein.

Kurz vor Tagesanbruch — Die Haut an uns beiden ist vollkommen faltig und verschrumpelt, und wir sehen ein bisschen aus, als wären wir soeben zur Welt gekommen — steigen wir aus dem Wasser, verwischen all unsere Spuren und verlassen das Hallenbad. Wir kämpfen uns durch den meterhohen Schnee zur Wohnung hindurch und tragen dabei lediglich Badehose und Badeschlappen, sind im Grunde nackt, weil wir Stunden zuvor nicht mit derartig krassem Schneefall gerechnet haben und des drolligen Gefühls wegen nur mit Badehose bekleidet ‚rübergelaufen sind.

„Schlaf‘ gut!“ sagt Bene später im Bett und dreht sich auf den Bauch. „Gute Nacht!“ sage ich und denke: Danke, dass es dich gibt! Danke für die tollen Tage und den Urlaub mit dir. Was für ein Glück, dass ich dich kenne und bei dir sein kann! Schlaf‘ gut, Bene, mein bester Freund.

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3 Antworten to “Hoch oben.”

  1. leelah Says:

    Ein lächelndes Tränchen von mir.. Was ein wunderbares, fast schmerzlich gutes Gefühl so eine Freundschaft doch ist, oder?
    <3

  2. _htc__ Says:

    Slm
    Şimdiye dek hep hüzünlü hikayelerini okuduktan sonra bir nebze mutlu olduğunu okumak beni sevindirdi. Umarım seçtiğin yolda hep mutlu olursun ve asla pişman olmazsın…
    Htc

  3. juligrimson Says:

    Danke für deine wunderbaren Einträge, immer wieder :)


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