Der kleine Junge.

28. Juni 2013

Als ich abends auf dem Balkon saß und mich auf den Besuch von Gustav freute, musste ich unweigerlich an den letzten Sommer denken. Ich war schwer verliebt in einen Mann und davon unabhängig frustriert über die Tatsache, dass ich in meiner neuen Wahlheimat einfach keine Freunde fand. Dann kam Gustav und wir wurden Freunde, verbrachten viel Zeit miteinander, reisten nach Berlin. Zum ersten Mal fühlte ich mich wohl mit einem Gleichaltrigen. Wir gingen Arm in Arm durch die Straßen Berlins, getragen von tiefer Freundschaft und einem Lebensgefühl, das mich hätte glücklich machen können. Ich hingegen war wegen gebrochenen Herzens den ganzen Sommer über traurig, trotz der schönen und guten Momente abseits der Liebe, von denen es rückblickend zahllose gab. Der Schmerz hatte alles Gute in meinem Leben verdeckt und erstickt. Ich war blind vor Liebe.

Zwanzig Sekunden lang hatte ich einen Heulkrampf auf dem Balkon, es überkam mich schlagartig. Es muss wohl an der Erkenntnis gelegen haben, dass ich damals trotz eines guten Lebens kein Glück empfand, mir still und leise ein anderes wünschte, nur weil ein fremdes Herz nicht wollte wie meines. Ich habe erkannt, dass ich im Bann einer einzigen Person stand und dass mir sonst nichts von Bedeutung gewesen war. Wie schade, dachte ich. Und wie traurig.

Ich habe sofort versucht zu verstehen, weshalb ich so heftig weinen musste, anstatt das Gefühl einfach da sein zu lassen und es zu akzeptieren. Ich dachte Sätze wie „Jetzt heulst du schon wieder, sei mal erwachsen“ oder „Du bist eine Klette, du kannst einfach nicht loslassen“. In der Verhaltenstherapie habe ich gelernt solche automatischen Gedanken zu unterbrechen, die direkt auf mein Selbstbewusstsein abzielen. Als ich merkte, in welcher Schleife ich schon wieder gelandet bin, habe ich mir gesagt, dass jetzt der kleine Junge dran ist und nicht die Vernunft; dass die eingetrichterte Vernunft den Jungen unterdrückt und bevormundet und dass sie wenigstens einmal die Fresse halten sollte. Ich habe meine Gefühle zugelassen und noch mehr geweint.

Es hat gut getan, denn ich habe begriffen, dass mein Leben so viel schöner ist, so viel leichter und ehrlicher seit dem letzten Sommer. Ich habe Freunde gefunden, mir ein Zuhause geschaffen und mich verliebt in einen Menschen, der mich nicht zurückweist. Ich habe klar gesehen, wofür ich zuvor zu blind war.

Nach dem Weinen war ich erleichtert und sogar stolz auf mich, dass ich dem kleinen Jungen in mir erlaubt habe zu fühlen was er fühlen will. Ich weiß nicht genau, was die Trauer in mir auslöste. Wichtig ist nur, dass ich mittlerweile merke, wann es wichtig ist meine Gefühle zuzulassen und den denkenden Teil des Kopfes abzuschalten.

Mehr fühlen, weniger denken!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: