Zeugen Jehovas.

21. September 2013

Gerade standen Zeugen Jehovas vor meiner Wohnungstür. Ein Junge, vielleicht 12 oder 13, und vermutlich sein Vater. Der Junge war mitten im Stimmbruch, hatte viele Pickel und Sommersprossen und war noch ziemlich klein. Der Junge sagte, während sein Vater ein paar Schritte hinter ihm auf der Treppe stand: „Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen ein Heft über das Leid in der Welt zu schenken.“ Der Junge versuchte auf eine schrullige, fast schon niedliche Art selbstbewusst zu wirken. Ich bat um einen Moment und suchte meine Brille; wunderte mich dabei über den Satz des Jungen. Wieder an der Tür nahm ich das Heft dankend an mich, der Junge lächelte. Dann sind die beiden Zeugen gegangen.

Auch wenn das Heft jetzt ungelesen im Müll liegt, wollte ich den Jungen nicht vor seinem Vater blamieren oder mit Fragen verunsichern, die sich zwischen Tür und Angel nicht klären lassen; mit irgendwelchen Sätzen und Meinungen, die man als Uninteressierter in Momenten wie diesen parat hat. Ich wollte keine Diskussion anzetteln oder unhöflich werden, nur weil ein anderer Mensch andere Ansichten hat. Der Junge sah stolz aus, dass er sein Heft los geworden ist, und nichts schien mir in diesem Moment wichtiger als ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.

Wenig später habe ich einer Freundin von diesem Ereignis erzählt. Sie sagte, dass sie früher als Jugendliche auch bei den Zeugen Jehovas gewesen und von Tür zu Tür gegangen war. Sie fand es ganz schrecklich. „Dich hätte ich sofort in meine Wohnung gelassen!“, sagte ich und wir lachten. „Wir hätten Kaffee getrunken und Musik gehört, wären bestimmt Freunde geworden.“

Und genau das wünsche ich dem Jungen. Dass er sich treu bleibt und viel liest und an seiner emotionalen Reife arbeitet, dann findet bestimmt auch er jemanden, der ihn zu sich lässt. Ich hoffe, er glaubt an sich und nicht an Dinge, die ihm auferlegt werden. Denn mich wiederum verunsicherte die Vaterfigur; der Mann, der hinter ihm stand, der den Jungen genau beobachtete.

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Eine Antwort to “Zeugen Jehovas.”


  1. das ist wahrlich mehr als die ‚gute Tat am Tage‘ … und man wünscht dem Jungen , dass er den Absprung hinbekommt. Auch mit solch Erlebnissen im Hinterkopf. Und es ist eine Erinnerung an einen selbst – dass es häufig die kleinen Dinge / Sachen / Gedanken / Taten / Hingucker sind, die lächeln und freuen lassen;auf beiden Seiten.


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