Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: „Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!“ Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt „Natürlich!“ und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: „Gönül ektiğini biçiyor.“

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

„Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön“, sagt sie. „Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.“

https://twitter.com/#!/harveypuca/status/134439615099707392

In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: „Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?“ Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: „Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!“ Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.

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3 Antworten to “Eine seltsame erste Woche.”

  1. poetin Says:

    <3
    ich bin froh mit dir und stolz auf dich. für sich gut sorgen heißt nämlich nicht, etwas auszuhalten, das einem nicht gut tut. zur not auch das. aber es heißt vielmehr das, was du nun tust: dafür sorgen, dass du es richtig gut hast. das ist erwachsensein, wenn man es ernst meint. das erwachsensein, das uns zuweilen über nacht schlohweißes haar beschert und doch das herz eines kindes bewahrt.

  2. glam Says:

    das hört sich alles gut und richtig an. und während ich von deinem konzerterlebnis lese läuft hier das neue album von kate, mein zweites pre-listening.


  3. ich hätte mich gefreut, Dich näher kennen zu lernen …


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