Posts Tagged ‘Glück’

Nachträge.

31. Januar 2014

Ich warte gerade auf die Bahn nach Hause, freue mich, dass ich früher als geplant Feierabend habe, da schreibt mir Stephan, dass seine Mutter mich zum Mittagessen an Nikolaus eingeladen hat. Es ist die erste Einladung, ein Schritt auf mich zu seit Stephans Outing. Ich lese die Nachricht und freue mich, freue mich so sehr, dass ich laut „JA!“ rufe und auf der Stelle springe. Die alte Dame neben mir schaut mich verwundert aus ihrer Echthaarperücke an und ich sage zu ihr „Heute ist einfach ein schöner Tag!“ und steige breit vor Glück lächelnd in die mittlerweile angefahrene Bahn ein, setze mich an einen Fensterplatz und genieße die Sonnenstrahlen.

Ich besuche meine Nachbarin und wünsche ihr ein frohes neues Jahr. Sie schenkt mir ‚was ein und wir sprechen ein wenig über Weihnachten und noch ein wenig mehr von der letzten Nacht des Jahres. Irgendwie kommt die Sprache auf lange Zungen und ich erzähle von dem Kinde eines Freundes, das meiner Meinung nach die längste Zunge der Welt hat. „Die hab‘ ich aber auch!“, sagt meine achtundsiebzigjährige Nachbarin und berührt mit ihrer Zunge ihre Nasenspitze. Daraufhin lachen wir beide und ich fühle, dass dies ein sehr schöner Moment zwischen uns ist.

„Einmal Chips&Chicken mit Ketchup und Mayo“, sage ich, als das Mädchen hinter der Theke dem Kunden vor mir zwanzig Cent Rückgeld auf die Ablage legt. Der Kunde nimmt hastig sein Geld in die Hand und brüllt die Bedienung an, wie sie sich nur anmaßen konnte, das Geld auf die rechte und nicht auf linke Ablage zu legen. Aus Courage sage ich „Sorry, mein Fehler. Ich habe mich wohl vorgedrängelt!“ und der alte Mann schreit genervt: „Sie haben damit nichts zu tun!“ Er zeigt mit dem Zeigefinger auf die Bedienung und brüllt, dass sie Schuld sei, schließlich wäre sie Ausländerin. Daraufhin das Mädchen hinter der Theke: „Entschuldigen Sie, aber wie sprechen Sie mit mir? Haben Sie keine Manieren?!“ Der Mann: „Ich rede mit Ihnen, wie es sich für Sie gehört, Ausländerschlampe!“ Mich packt die Wut, ich werde immer wütend, wenn unschuldige Menschen wegen irgendwelchen Überzeugungen angefahren werden, und brülle zurück: „Jetzt hören Sie mal auf! Was soll das denn?!“ Der Mann: „Halten Sie sich ‚raus!“ Ich: „Nein! Sie scheiß Nazi!“ Alter Mann, rückwärts davon laufend: „Aha, Sie sind wohl auch Ausländer!“ Ich, sehr laut: „Ja, das bin ich! Und Sie sind ein Nazi! NAZI!“ Ich brülle noch etliche Male, viele Besucher des Einkaufszentrums bleiben stehen oder drehen sich um und der alte Mann hastet roten Kopfes durch die Menge. Das Mädchen hinter der Theke hat glasige Augen und fragt noch einmal nach meiner Bestellung, entschuldigt sich. Ich sage, dass der Vollidiot sich zu entschuldigen hat und nicht sie. Sie stimmt zu und meine Bestellung geht auf’s Haus.

Wir sitzen gemütlich auf dem Sofa und schauen eine Folge „Downton Abbey“, Stephan, seine Mutter und ich. Es folgt eine Szene, in der Lady Mary mit verzweifelter, beinahe weinerlicher Stimme zu ihrer Mutter sagt: „Oh Mamá, ich bin verloren! Ich habe mir einen Geliebten genommen genommen, ohne an Heirat zu denken. Einen Türken!“ In dem Moment muss ich mich tierisch zusammenreißen, um nicht in Lachen auszubrechen. Denn die Situation ist durchaus lustig: auf dem Sofa sitzt Frau Mutter, links von ihr der Sohnemann und neben ihm sein Geliebter, der Türke.

Ich habe neulich am Bahnhof Rodriguez kennen gelernt, er macht hier ein Auslandssemester und kommt aus Brasilien, studiert Deutsch, ist 20. Er fragte mich in einem sehr klaren Deutsch nach dem Weg und sieht gar nicht wie ein Brasilianer aus, zumindest entspricht er nicht meinem Brasilianer-Stereotyp. Er hat rote Haare und sieht aus, wie ich mir Christopher Robin immer vorgestellt habe. Jedenfalls sprachen wir ein wenig und tauschten Nummern aus für den Fall, dass er in Kassel nicht zurecht kommt. Letzte Woche trafen wir uns und er erzählte mir, dass er noch nie in seinem Leben Schnee gesehen habe, weil er in Brasilien auf so einer Insel lebt mit Strand und Palmen und dauerhaft warmer Sonne. (Neid!) Nun hat es hier ja über Nacht zehn Zentimeter geschneit und er hat sich total darüber gefreut, Namen in den Schnee getippelt und so. Durchaus nachvollziehbar. Lustig daran finde ich, wie mir das kalte Wetter und der Schnee solange auf den Sack gingen, bis mir ein Fremder von seiner Faszination diesbezüglich berichtete und mir damit verdeutlichte, wie schön das auch sein kann. Wie könnte ich das nur jemals vergessen? Dennoch wünsche ich mir nichts sehnlicher als bunt und Frühling und ganz viel grün und Fahrrad fahren im T-Shirt und auf dem Balkon sitzen ohne zu frieren. Ich kann dieses GRAU nicht mehr ertragen.

Es ist bestimmt schon eins und wir hätten schon lange in den Federn liegen sollen, aber ich wollte ja unbedingt einen Mutterkuchen backen. Nach der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen, und so sitze ich mit Stephan im Wohnzimmer und wir lesen uns gegenseitig Details über die Charaktere unserer aktuellen Lieblingsserie vor. Den ganzen Tag schon trage ich „God Rest Ye Merry, Gentlemen“ als Ohrwurm in mir herum. Ende Januar. Um mein Leid zu lindern oder um es vielleicht zu beenden, verbinde ich mein iPhone mit der Bluetooth-Box und lasse den Song laufen. Wir sitzen uns gegenüber in Sesseln, seine Beine zu mir ausgestreckt und meine zu ihm. Erst summen wir, jeder in sein Smartphone vertieft, und dann singen wir; zwar nicht ganz textsicher, aber dennoch stimmig an den wichtigen Stellen. Am Ende des Songs beuge ich mich zu ihm vor und küsse ihn, werfe ein weiteres winterlich-weihnachtliches Lied an. Wie es dazu kam, dass wir aufgestanden sind, weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls stehen wir plötzlich im Raum und tanzen zu „It could be a wonderful World“ in der Version von Leon Bibb, Ronnie Gilbert und Robert De Cormier, halten uns, lächeln uns an, küssen uns. In diesem Moment fühle ich mein Glück stärker als jemals zuvor. Und nicht ein Zweifel.

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Momentaufnahme.

27. Mai 2012

Mein Kopf lehnt an seiner Schulter, sein Kopf lehnt an meiner. Ich weine vor Rührung und er flüstert meinen Namen, wir halten uns. Ich glaube er weint auch. Er streicht mir durch das Haar, ich über seinen Rücken. Wir halten uns und lassen nicht mehr los. Das ist Liebe, das ist Glück.

Amsterdam.

27. April 2012

Zusammen mit anderen Freiwilligendienstleistenden bin ich für eine Woche nach Amsterdam gefahren. Die Stadt hat mir äußerst gut gefallen: klein, dicht bevölkert, großes Angebot an Kunst und Kultur. Die Grachten und diese seltsam-schief aneinander gereihten, niedlichen Häuser, das viele Grün und die Fahrräder überall, die Beleuchtung bei Nacht: wunderschön. Eine durch und durch tolle Stadt, die man gesehen haben sollte.

Am Montag, dem Tag der Anreise, habe ich morgens noch überlegt, ob ich nicht einfach im Bett liegen bleiben und mich später krank melden soll, nachdem der Reisebus auf jeden Fall schon unterwegs ist. Ich wusste genau, was mich erwarten würde: eine Woche unter mehr oder minder Gleichaltrigen, für die ich unsichtbar bin und mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation war größer als die Freude auf eine erlebnisreiche Woche in einer Weltstadt. Ich wollte viel lieber arbeiten. Das alte Nähe/Distanz-Problem. Doch wie es bei mir immer so ist, bin ich letztlich doch aufgestanden, denn das Auslandsdatenpaket war schon gebucht und der Koffer bereits gepackt, und auf Ausräumen und Stornieren hatte ich keine Lust. Form follows function.

Nun saßen wir also im Reisebus und fuhren nach Amsterdam. (Etwa 150 Personen, zwei Reisebusse.) Dort angekommen hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr auf die anderen Mitreisenden. Immerhin durfte ich mir die Menschen aussuchen, mit denen ich mein Zimmer teilen sollte; das war gut. Als Gruppe von etwa zwanzig Personen, die ich alle nicht kannte, haben wir uns am späten Nachmittag aufgemacht und die Stadt erkundet, sprich: die Anderen haben einen Supermarkt gesucht, in dem man Alkohol kaufen konnte, und danach einen Coffeeshop, in dem man Zeug rauchen konnte. „Na super…“, dachte ich und habe mich aus dem Staub gemacht, um allein die Stadt kennenzulernen.

Ich bin durch die Straßen Amsterdams gelaufen, über die vielen Brücken und Grachten und habe mich genau umgesehen. Überall tolle Architektur, an jeder Ecke etwas, das ich interessant oder schön anzusehen fand. Und dann wurde es auch schon dunkel, und ich wurde melancholisch.

Ich habe viel über unglückliche Dinge und über mich nachgedacht, als ich alleine durch die Nacht ging, meinen ganz eigenen Stadtrundgang im Dunkeln machte. Ich wollte nicht mit den Anderen sein, ich wollte mir die Reise nicht mit Alkohol und Drogen verderben, doch allein sein wollte ich auch nicht. Also machte ich mir Gedanken. Ich habe an meine gescheiterte Beziehung gedacht, ich dachte an Freunde, die mir nach wie vor fehlen, an meine Eltern, die mir fern sind, an die Familie, die mir immer fremder wird. Ich dachte daran, wie ich mir alles anders vorgestellt hatte. Und zu guter Letzt dachte ich, dass ich einsam bin, dass ich niemanden habe, der mich begleitet auf meinem Weg. Ich stand allein auf einer Brücke über der Amstel, der Wind war kalt, das Wasser unter mir rauschte nur so vorbei. Ich sah den Fluss hinauf und hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als in der Ferne ein Schiff aufleuchtete, in schillernden Farben, ganz bunt. Es kam immer näher auf mich zu, es war farbenfroh und irgendwie niedlich, weil es bei näherer Betrachtung doch nicht so groß zu sein schien wie ich vermutet hatte. Es fuhr vorbei und nahm all meine dunklen Gedanken mit sich. Und zurück blieb etwas wie Glück in meinem Herzen, eine tiefe Zufriedenheit, ein starkes Selbstbewusstsein. Fortan dachte ich an die guten Dinge in meinem Leben, an den Mann, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, an seine Augen, seine starke Seele. An die vielen Menschen, die bei mir sind, auch wenn ich sie nicht oder selten sehe. Ich dachte an das vergangene Wochenende, den Geburtstag meines Vaters und meinen Überraschungsbesuch, den Abschied am Bahnhof, das Herzklopfen in Stuttgart, die Umarmung in Frankfurt, das Gewitter auf dem Maintower, das ich mit einem besonderen Menschen erleben durfte, hautnah. Ich dachte an meinen Lieblingsmitbewohner und seine Freundin, an die verkuppelten Fahrräder vor dem Fenster, an die Kinder, an meine Eltern, die mich lieben, an meine teuren Freunde, die da sind für mich, die mich anrufen, anschreiben, sich mit mir treffen, mit mir reden. Ich dachte an mich und welch‘ Glück ich doch habe, und dass ich glücklich sein sollte. Und ich war es, ich war glücklich auf dieser Brücke, in dieser Nacht, in der ich mich einsam fühlte. Ich ging durch Amsterdam und lächelte. Ich bin allein gewesen, aber ganz sicher nicht einsam. Ich habe Liebe im Herzen, Träume für die Zukunft, Ziele in Nah und Fern. Ich bin nicht einsam, ich bin höchstens etwas verwirrt und gerade dabei, erwachsen zu werden. Alles gut.

Morgen mehr.

Die Eule und der Durst.

19. Mai 2011

Als ich sie umarme, drückt sie mich fest an sich und streichelt mir den Rücken, während mein Kopf auf ihrer Schulter ruht. Ich schließe meine Augen und atme den zarten Duft ihres Nackens ein und verspüre eine starke Gänsehaut, die um ein Vielfaches an Kraft gewinnt, als er mich von hinten umarmt und uns Beide in Sicherheit und Liebe wiegt. Umschlossen von starken Armen und zwischen zwei schlagenden Herzen denke ich an den Satz, der bis zuletzt mein Leben beschrieb — Alles fesselt mich und nichts hält mich — und fühle mich so frei und leicht wie noch nie zuvor; trage weder Last, noch Sorge in mir. Ich glaube zu schweben und weiß, dass Glück sich genau so anfühlen muss.

Ich küsse sie auf die Stirn und ihn auf die Wange.

Genau einen Tag später, also jetzt, vermisse ich dieses Hochgefühl, diesen großen Moment des Glückes so sehr, dass ich wieder in das alte Muster zurückfalle und mich in die Arme der Traurigkeit flüchte.

Alles fesselt mich und nichts hält mich.