Obhut.

15. März 2011

Von dir geträumt; wahrscheinlich der schönste Traum von allen bisherigen. Wir befanden uns in einem Haus mit hundert Räumen, Türen und Treppen, welches eine Art Geheimnis war. Im Kern des Hauses — ein altes, aber solides Gebäude —, dort standest du, hast mich erwartet. Und ich wusste, dass du auf mich wartest, also habe ich alle Türen geöffnet, alle Schlösser geknackt und alle Register gezogen, um bei dir zu sein, um dich zu sehen.  Die letzte Tür stand offen, und du standest dort in diesem Raum, ich sah dein Gesicht im matten Licht, sah deine Augen lachen. Du hast mir deine Hand ausgestreckt und ich hab‘ kurz gezögert. In dem Moment ist die Zeit eingefroren, aber du hast noch gelebt. Du warst in meiner Zeitebene, wir waren die einzigen Lebewesen in dieser Zeit und alle Sorgen waren vergessen. Alle Bedenken und Ängste lagen nun hinter uns und ich nahm deine Hand in meine Hände. Was dann passierte, ist, dass wir uns wie Magneten anzogen, Plus und Minus, zack. Ein sanftes, ein weiches Zack. Wir waren federleicht, und das Licht trug uns auf ein weiches Bett, weiß, unschuldig und wahr. Und darauf hast du mich gehalten; fest und immer fester, so fest, wie ich es mir niemals vorgestellt hatte. Es war angenehmer als in meiner Vorstellung, du warst warm und die Kälte in mir ist immer weniger geworden, bis sie fort und uns fern war. So lagen wir da, ineinander verschlungen, Hand in Hand, Auge um Auge und Haut an Haut. Und wie du einmal gesagt hast: wir haben beide sehr viel gespürt.

Es war Zeit zu gehen, die Welt draußen stand schon zu lange still, sie würde gleich über uns hereinbrechen, bliebe ich noch ein paar Minuten länger. Es war schwierig und schmerzhaft, voneinander loszulassen, aber nicht unmöglich. Das Bett war noch immer weiß und unschuldig, das Licht noch immer matt. Wir hatten noch kein Wort gesprochen und du sagtest, zum Abschied: „Worte braucht es nicht.“

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1103.

11. März 2011

Geburtstage waren mir nie wichtig, doch dieser, der achtzehnte, ist es irgendwie doch, denn ich komme meinem Ziel, in naher Zukunft ein Leben zu führen, welches mich glücklich machen würde, einen nicht kleinen Schritt näher.


Schuld und Sühne.

5. März 2011

Mit brüchiger Stimme sage ich: „Dann schlag‘ mich, vielleicht hast du im Nachhinein Schuldgefühle und bereust dein Verhalten.“ Mein Vater erwidert nichts und schlägt zu. Nicht mit seinen Fäusten, nicht mit seinen Händen, sondern mit einem DIN-A4-Papierschneider. Ich wehre mich nicht, obwohl jeder Schlag einer Qual gleicht, versuche lediglich mein Gesicht zu schützen, indem ich meine Arme fest dagegen drücke. Noch mehr Kerben, noch mehr Spuren meines Vaters möchte ich nicht sehen, wenn ich in den Spiegel blicke.

Gleich ist es vorbei.

Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich mehr schmerzte. War es der harte und scharfkantige Aufschlag von massivem Aluminium, oder waren es die Stunden danach in meinem Bett, die Erkenntnis über die Brutalität meines gegenwärtigen Lebens?

Ich habe Angst.

Es passierte an einem Dienstag. Ich halte mich selten im Wohnzimmer auf; allein schon deshalb, weil es dort nichts Interessantes für mich gibt. Nur Familie. Dienstags aber schaue ich meine türkische Lieblingsserie, deren Titel sinngemäß übersetzt „Schuld und Sühne“ lautet.

Vater, sagte ich ganz ruhig, kannst du nicht in der Küche rauchen? Wie du hören und sehen kannst, bin ich erkältet. Der Rauch reizt mich.

Er sagte: „Nur noch diese Zigarette und danach keine mehr.“ Ich erwiderte nichts und tolerierte es, wie immer, und wand mich wieder dem Fernseher zu. Meine Atemwege aber hielten den Reiz nicht aus und ich musste husten. Damit sich die Luft im Wohnzimmer einigermaßen „klären“ konnte, stand ich auf und zog die Jalousie bis zur Hälfte der Fensterfront auf und kippte eines der vier Fenster.

Draußen schneit es, vielleicht der letzte Schnee.

Das Sofa, auf welchem mein Vater saß, ist an die Wand mit den Fenstern angelehnt. Die Luft von Draußen schien ihm zu kalt zu sein; er zog die große, schwere Decke, welche auf seinem Rücken lag, hoch auf seine Schultern. Noch während er seine Zigarette ausdrückte, befahl er mir, das Fenster zu schließen. Ihm sei es zu kalt im Hause.

„Nur noch fünf Minuten, die Luft hier drin ist echt nicht zu ertragen!“

„Mach‘ das verdammte Fenster zu. JETZT, SOFORT.“

„Fünf Minuten! Ich bin krank und die Luft hier drin reizt mich.“

„MACH‘ DAS FENSTER ZU, HAB‘ ICH GESAGT!“

„Fünf Minuten, hab‘ ich gesagt. Nur fünf Minuten!“

„EINS… ZWEI…“

„Dann mach‘ es halt selbst zu! Du sitzt davor, hast den Rauch verursacht, und wenn dir kalt ist, dann mach‘ es eben zu. Hier drin STINKT es aber und ich bin KRANK.“

„DREI! DU ELENDIGER HUND, WIE KANNST DU DICH MIR NUR WIDERSETZEN? WER BIST DU EIGENTLICH, DASS DU DAS VERSUCHST?“

„Dein Sohn.“

Und dann ist er aufgesprungen, mir entgegen brüllend, dass er seine Hände nicht schmutzig machen werde, und nahm den Papierschneider in seine Hände.


Es ist nicht so, dass ich ihn nicht provoziert hätte. Das habe ich. Aber hätte er nicht fünf Minuten seiner Geduld für mich opfern können?

Letzten Endes habe ich trotzdem nicht das Fenster geschlossen. Natürlich ging es nicht um dieses Fenster oder darum, dass ich es hätte schließen sollen. Es ging schlicht darum, dass ich nicht einsehen wollte, seinen patriarchalischen und herrischen Aufforderungen zu folgen. Ihm gefiel mein Widerstand nicht.
Auch dass er raucht, ist nicht das Problem. Soll er doch, aber eben nicht im Haus. Das versuche ich ihm seit Jahren klarzumachen, er versteht es nur nicht. Er ist der Herr des Hauses und alles muss nach seiner Pfeife tanzen. Aber okay, soll er halt auch im Haus rauchen, aber bitte nicht in meiner Gegenwart.

Ich wusste ganz genau, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt. Aber das war und ist mir egal. Dann schlägt er mich halt, es war nie anders. Dieses Mal aber hat die „Züchtung“ viel in mir ausgelöst: Vorgänge, die es ohne vielleicht nicht gegeben hätte.

Hart, aber wahr: seine Brutalität tut mir letzten Endes gut und bringt mich in meiner Entwicklung weiter, denn im Grunde erfüllt mein Vater nur seine Vaterpflicht, indem er auf unschöne Art und Weise meinen Fortschritt weg von ihm unterstützt, und diesen sogar beschleunigt.

Ich weine nicht vergebens.


Schritt für Schritt.

9. Februar 2011

Ich mache mir nichts vor, hoffe ich. Ich weiß, dass es besser werden wird, denn es wird immer besser. Aber jetzt im Moment — besser gesagt: in den letzten Jahren meines Lebens — stecke ich in einem Tunnel fest, in dem ich kein Ende erkenne. Ich habe Angst, von einem Zug erfasst zu werden, bevor ich je das Tageslicht, „das Gute“ der Welt da draußen erblickt habe. Ich sehe nur Geröll, die Wächter des Todes, und graue Wände und schwarzen Ruß. Oft fühle ich mich einfach kraftlos und kann nicht mehr weiterlaufen. Doch ich weiß, dass ich in Bewegung bleiben muss, wenn ich überleben will. Ich versuche mich weiter zu entwickeln, ich lese viel und schreibe Einiges auf, um in meinem Kopf Ordnung zu schaffen. Ich möchte nicht stehen bleiben, denn ich weiß, wie es sich anfühlt, stillzustehen, zu erlahmen und dann zu erfrieren. Immer wieder passiert mir das und ich lerne daraus immer wieder das Gleiche: nicht aufgeben, weiter gehen, weiter leben, weiter atmen. Doch manchmal bringt mir das Bewusstsein darüber einfach nichts und ich kann nicht mehr, muss mich ausruhen und werde dabei verletzlich. Ich lege mich quasi auf die Schienen und lausche dem Zug, der sich mir nähert. Und es schmerzt mich, dass ich in diesem Tunnel stecke, dass ich mich oft nicht mehr beherrschen kann, daran leide und schreie, bis ich heiser werde. Diese Schreie bleiben hilflos, denke ich manchmal. Doch dann treffe ich auf Menschen wie dich, die mir aufhelfen und mich stützen, mich so lange tragen, bis ich wieder selbst gehen kann. Es ist wahr, wenn ich sage, dass du zu meinen Schutzengeln gehörst. Ihr seid immer für mich da und das zu wissen gibt mir Kraft. Ich weiß aber auch, dass mir keiner meiner Schutzengel den Weg nach draußen zeigen kann. Nur ich allein kann heraus finden aus diesem Elend, indem ich Schritt für Schritt voran schreite.

Ich werde nicht aufgeben, das verspreche ich dir. Ich könnte meine Schutzengel nicht enttäuschen und ich könnte vor allem mich selbst nicht enttäuschen. Ich werde so schnell es geht voran gehen und versuchen, dem Licht am Ende des Tunnels entgegen zu rennen. Ich möchte nicht als Schattenwesen verenden, ohne je gelebt zu haben.


Eindrücke.

30. Januar 2011

Meine Gedanken darüber, dass ich bald nicht mehr Teil dieses Hauses und nicht mehr Sohn dieser Familie sein werde, dass ich vielleicht verfolgt, verletzt und herabgewürdigt werde, mir Steine, Schlägertypen und Drohungen auf meinen Weg gelegt werden, ich eine Zeit lang Angst um mein Leben haben muss und auch haben werde, ja, all diese Gedanken verglühen mit einem Mal, wenn ich das Wasser solange in Richtung warm drehe, bis es heiß ist und der Schmerz flammender Haut mich betäubt und ich nicht mehr fähig bin zu denken.

Während ich mein Gesicht mit einem himmelblauen Handtuch abtrockne, frage ich mich, ob es klug wäre, in zehn Jahren Bilder meines Glückes unter meinem Realnamen in’s Internet zu stellen, damit jeder, der nach mir sucht, sehen kann, wie es mir nun geht, wie glücklich ich nun bin, ohne dieses Gefängnis namens Familie, ohne Freiheitsentzug und ohne Blutsbande. Und ich sehe das Gesicht meiner Mutter vor mir, wie sie in zehn Jahren das Internet nach mir absucht und fündig wird, Bilder meines Lebens sieht, mich erkennt und Tränen vergießt und leidet, und ich muss mir nochmals das Gesicht abtrocknen.

In der Stadt laufe ich eine Straße entlang und sehe, wie zärtlich sich ein Vater von seinem kleinen Sohn und seiner Frau verabschiedet und ich denke: genau so will ich das auch bei meiner Familie machen. Und keine zwei Sekunden später realisiere ich, dass ich weder Frau noch Kind haben werde.

Nachts um drei schlage ich meine Augen auf, greife nach der Wasserflasche und schaue auf die Uhr. Eine eMail, sagt das iPhone und ich lese Zeile für Zeile und erzittere nach jedem Absatz stärker als beim Absatz zuvor. Ob aus Angst, Traurigkeit oder Zuversicht, ob der schönen, wahren und großen Worte wegen, ich weiß es nicht und schlafe ein und wache am Morgen um zehn Uhr auf und fühle mich vollkommen und voller guten Mutes.


Lesetipp.

29. Januar 2011

siebzehn“ von Miss Caro.

(Link via @fragmente.)


Fußspuren und Morgenrot.

23. Januar 2011

Es ist ruhig im Dorf. Kein Auto fährt an mir vorbei und kein Mensch kreuzt meine Wege. Der noch junge Schnee fällt sanft auf Haar und Wimpern und knirscht nicht unter dem Schuhwerk. Der Wind steht still. Noch gibt es nichts, was er aufwirbeln könnte. In meiner rechten Hand ein Beutel aus Jute, darin ein Buch, welches nicht meines ist.

Ich drücke auf die Klingel und warte ein paar Sekunden, bis die Tür sich öffnet. Guten Morgen, sagt sie, Guten Morgen, sage ich. Vielen Dank für das Mathebuch, hat mir echt geholfen! Sie lächelt. Gerne doch! Wir hätten auch zusammen lernen können. Du kannst immer vorbeikommen! Wie ist’s gelaufen? Ich schaue auf den Boden. Ganz okay. Sie nimmt es entgegen, das Buch und das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe. Sie bedankt sich freudestrahlend und fischt sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Selbst im Winter hat sie Sommersprossen.

Gelassen laufe ich zurück, mein Heimweg ist nicht weit. Auf dem Boden meine leicht bedeckten Fußspuren von vor fünf Minuten. Frau Holle hat einen Zahn zugelegt und Herr Winde macht sich bemerkbar. In meiner Hand der nun leere Beutel aus Jute, welcher allerdings schwerer als zuvor ist. Ob das Brot, welches ich unterwegs noch kaufen muss, Platz darin findet, zwischen all den Zweifeln?

Gelogen habe ich. Nichts lief am Dienstag ganz okay. Am Wochenende und am Montag habe ich bis in die spätdunklen Stunden gelernt. Und ich konnte es, ich konnte alle Aufgaben lösen, nur nicht am Dienstag. Nicht an diesem Dienstag.

Noch vor dem Wecker war ich wach, hatte meine Sachen gepackt und mich angezogen, war bereit, mich zu beweisen. Weil ich es nun endlich konnte! Und wie jeden Tag machte ich mich auf den Weg, unternahm eine kleine Weltreise.

Im Zug saß mir ein Herr Anfang zwanzig gegenüber, munter und schmerzlich gut aussehend. Schon allein die Tatsache, dass er „Alice im Wunderland“ las, machte ihn liebenswert, doch sein klares Gesicht und dieser wild-gepflegte, blond-braune Bartwuchs, seine wohlgeformten Lippen und diese olivgrün-leuchtenden Augen versetzten mich zusätzlich in Ekstase. Ich saß ihm etwa eine halbe Stunde gegenüber und konnte mich nicht sattsehen. Crushed Heartcore. Meine Gedanken kreisten die gesamte Strecke über um seine Lippen. Ich wollte ihn küssen — und wie ich das wollte!..

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, war ich todtraurig. Nicht nur, weil sich unsere Wege trennen sollten und es natürlich keinen Kuss gab, sondern auch, weil ich tagtäglich begehre, ohne meine Begierde auszuleben oder zumindest halbwegs zu befriedigen. Jedes Mal fühle ich mich trüb, weil ich so empfinde.

Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich beim Anblick Fremder, welche eine gewisse Attraktivität auf mich ausstrahlen, eine Art Verlangen verspüre. Ich ertappe mich dabei, diese Fremden zu „wollen“. Und so „wollte“ ich auch diesen Herren im Zug. Ich hätte meinen Kopf am liebsten auf seinen Schoß gelegt; so, wie es wohl ein Kätzchen machen würde. Ein Kuss wäre vielleicht schon zu viel des guten Guten gewesen. Mir hätte allein schon seine Wärme gereicht; wochenlang, da bin ich mir sicher.

In der Schule angekommen, war ich ausgebrannt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu matt war ich, und emotional entgleist. Doch die Klausur musste geschrieben werden. Ein Blackout allen Wissens war die Folge.

Ich realisiere, wie versunken ich durch die Straßen schlendere und wie viel Schnee plötzlich vom Himmel fällt. Ich suche meine Fußspuren. Vor wenigen Minuten noch waren sie hier. Hat der Schnee sie etwa so schnell unter sich begraben?

Ich laufe über den ehemaligen Zebrastreifen und frage mich: kann es vielleicht sein, dass ich mich mehr und mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle, weil mir mein Vater keine Vaterliebe entgegenbringt?

Ich mein‘, ich merke das doch. Diesen Wandel, die Veränderungen. Noch vor drei oder vier Jahren interessierte ich mich kaum für Jungs. Und wenn doch, dann nur für sehr kurze Zeit. Jetzt aber scheint das meine einzige Interesse hinsichtlich der Sexualität und des Begehrens zu sein. Ich begegne vielen Jungs und Männern, doch nur jene ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, welche den Anschein erwecken, dass sie mir Sicherheit und Unterschlupf bieten könnten. Manchmal sehe ich einen Mann und habe den unerfüllbaren Wunsch, mich von ihm umarmen, halten zu lassen. Nur das, mehr nicht. Ich sehne mich nach Schutz und nach Intimität. Vielleicht bin ich auch nur ein Schäfchen, das auf der Suche nach einem Hirten ist.

Mein Vater, ein emotional kalter Mann, war nicht immer so kühl. Als ich noch ein Kind war — so glaube ich mich zu erinnern —, hat er oft mit mir gespielt, er ist oft mit mir spazieren gegangen, hat sich um mich gekümmert, wie es ein Vater wohl tun sollte. Er war ein Bilderbuchvater. Doch nun, nun ist er ganz anders. Ich weiß nicht, warum und wie er so werden konnte, wie er heute ist. Ich weiß nur, dass ich über nichts mit ihm reden kann, was von Bedeutung für mich ist. Er unterdrückt mich regelrecht. Ist es vielleicht seine aggressive Emotionslosigkeit, welche dafür sorgt, dass ich nicht nur im Kopf Abstand von ihm nehme? Suche ich deshalb nach einem „Vaterersatz“, nach einem Mann voller Wärme?

Mein Vater sagt über die Vaterliebe: „Gab’s früher nicht, wird’s in Zukunft auch nicht geben.“ Gab es früher seitens meines Vaters wirklich keine Vaterliebe? War er wirklich ein Bilderbuchvater? Erinnere ich mich falsch? Täusche ich mich, spiele ich mir etwas vor? Oder merke ich erst mit fortschreitender Reife, wie er wirklich ist? Ist mir eine heile Kindheit wichtig? Versuche ich mich von ihm zu distanzieren, indem ich genau das werde, was er verabscheut?

Ich trete in die Bäckerei ein und kaufe ein kleines Kartoffelbrot. Geschnitten, bitte! Auf den letzten Metern nach Hause denke ich noch einmal über ein Gespräch nach. Alles, was mein Gesprächspartner über mich und mein zukünftiges Ich gesagt hat, passt eins zu eins auf mich zu. Auf eine gewisse Art und Weise unheimlich, und doch so wahr, so erlebenswert und schön. Nach all den Worten und nach all den Vorstellungen und Wünschen lag ich da und bin lächelnd, mit Herz und Seele lächelnd und glücklich eingeschlafen.

Ich ziehe aus dem Briefkasten die Post heraus und schließe die Türe auf, trete ein in’s Haus, ziehe die Schublade auf und werfe meinen Schlüssel hinein, streife meine Schuhe ab, stelle mich aufrecht hin und blicke in den Spiegel.

Geh‘ weiter, es wird sich lohnen.


Schlaflos.

11. Januar 2011

Nein, denke ich und weine, habe ich jetzt schon nichts mehr zu sagen? Ist dieses Gefühl die große Leere vor dem Nichts, die Langeweile am Ende eines Lebens? Nein, denke ich und weine, das ist doch nicht wahr! Schatten flimmern in der Ferne. Ein Lichtspiel, tiefschwarz und blau. Nein, denke ich und schweige. Nein.


Nichts Neues.

7. Januar 2011

Ich weiß nicht, wo ich stehe.
Ich weiß nicht, was ich will.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ich weiß nicht, was ich bin.
Ich weiß nicht, warum das so ist.
Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte.
Ich weiß nicht, wohin es geht.
Ich weiß nicht, welche Folgen das hat.
Ich weiß nicht, wie viel ich ertragen kann.
Ich weiß nicht, wann das ein Ende hat.
Ich weiß nicht, ob es ein Ende hat.

Ich weiß es einfach nicht.


Dieser Tage.

11. Dezember 2010

Zu laut, zu schnell, zu leer. Der Stress steigt, mein Atem wird schwer, meine Augen fallen zu und ich bin müde. Morgens komme ich kaum aus dem Bett und der Bus ist nie pünktlich — wie auch, bei diesem Wetter? —, ich verpasse meine Bahnen und Züge und Busse und erscheine zu spät in der Schule; fünf, zehn, zwanzig Minuten, vielleicht auch eine Stunde. Und immer diese ekligen Blicke meiner „Klassenkameraden“, welche auf mich gerichtet werden, sobald ich nach Unterrichtsbeginn das Zimmer betrete. Immer diese verdammten Kommentare von wegen „Steh‘ doch früher auf!“ oder „Geh‘ doch früher schlafen!“. Warum muss ich mich rechtfertigen, was kann ich denn dafür? Das Busunternehmen und die Bahn entschuldigen sich mit zwei Worten — „Höhere Gewalt!“ —, warum kann ich das nicht? Warum gilt das bei mir nicht? Ich möchte sie alle ermorden, ihnen die Augen ausstechen und alle Gliedmaßen abtrennen und vor die S-Bahn werfen. Diese verständnislosen Kinder, alle haben sie nichts drauf und wissen es besser, denken, dass sie besser sind in dem, was sie tun und nicht tun. Manchmal möchte ich sie anschreien und ihnen klar machen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, dass sie sich ihre unnützen Kommentare und Ratschläge rektal einführen können. Aber nein, ich schweige. Ich halte meine Fresse und bin unauffällig. Verdammt, ich hasse diese Leute! Abends komme ich zu Hause an und kenne mich nicht mehr. Ich bin fertig, enttäuscht und müde. Die Gleise sprechen mit mir, schreien nach mir und ich halte es unten im S-Bahnhof nicht aus und warte oben auf meinen Regionalzug. Oben bleiben, oben bleiben, sage ich zu mir. Musik hält mich nicht mehr, Bücher strengen mich zu sehr an und Filme ebenfalls und Serien auch. Ich kann nicht mehr, sagt mein Gesicht, ich will nicht mehr. Alles ist so rasend, so schnell und so unglaublich lahm darin, dass ich zusammenbrechen und sterben möchte. Zu Hause finde ich keine Ruhe, auch hier ist es kalt, ich friere emotional. Immer wird nach mir gerufen und etwas erwartet, immer muss ich irgendetwas tun, von morgens bis abends meinem Vater helfen und in seinem Schatten, im Weg stehen. Er kann alles und ich kann es nicht, ich bin unerfahren, nutzlos und empfindlich, sagt er mir. Nie kann ich entspannen, nie ist es ruhig, ein Wochenende habe ich nicht. Morgens werde ich von abartig schlechter Musik geweckt, gestern niveaulos und heute in den Charts. Es ist zehn Uhr und ich bin noch immer müde, dabei ging ich „früher“ schlafen. Mir tut alles weh, ich will nichts hören und sehen und bitte mach‘ die Musik aus, lass‘ mich doch schlafen! Das Wasser weckt mich nicht, ich dusche eiskalt und merke nichts, ich verbrenne mich und merke wieder nichts. Ich sitze auf der Schüssel, stilles Örtchen, und es wird nach mir verlangt, SOFORT! Ich soll etwas einstellen, einkaufen, schreiben, rühren und nicht zu vergessen das Haus saugen, aufräumen und den Schnee schippen. Das Telefon klingelt und es ist für mich und die Gespräche sind lahm, mein Gesprächspartner hat nichts zu erzählen, ist langweilig und nervt mich. Ich lege auf, gehe in „mein“ Zimmer, lege mich auf mein Bett und starre an die Holzdecke, zähle die Flecken und schlafe ein und wache geil auf und kann mich nicht befriedigen, jemand ist im Zimmer, sitzt am Computer oder hängt Wäsche auf. Draußen ist es dunkel und in mir auch und ich bin müde, voller Hass und Trauer. Alles steht still und doch ist es mir zu unruhig. Lass‘ mich doch einfach sein, geh‘ weg, frag‘ nicht nach mir. Mir ist alles egal, die Welt, die Nachrichten, das Wetter. Ich weiß nicht, welches Datum wir haben, ob heute der Nikolaus ist oder ob er schon war, welcher Monat auf meiner Fahrkarte verzeichnet ist. Ich treffe Menschen, die ich wirklich treffen möchte, kann es aber nicht genießen, denn es muss geheim bleiben, Eltern und Freunde dürfen nichts wissen, dürfen nichts ahnen. Ich lüge und hasse es und es frisst mich auf, der Zeitdruck, die prüfenden Blicke, ich selbst. Werde ich wieder verprügelt werden? Was wird mit mir geschehen, wenn rauskommt, wo ich war und dass ich eine siebenundzwanzig-jährige und später einen siebenunddreißig-jährigen getroffen habe? Ich schreibe diesen Text und im Flur brennt Licht, Mutter kommt und will, dass ich etwas an ihren eBay-Einstellungen ändere und es kotzt mich an. Nacht wird es und die Tage kommen und gehen und das Jahr ist fast schon vorbei und ich weiß ganz genau, es war ein Scheißjahr und eine fette Enttäuschung und bald sind Prüfungen und ich habe Angst davor und dann kommt das halbe Jahr mit nichts und danach die Uni. Werde ich es schaffen, werden sie mich annehmen? Ich lese zu wenig, sehe zu wenig und höre zu wenig. Ich schlafe in meiner freien Zeit; wann soll ich das denn sonst machen? Ich bin ständig geil, unfassbar geil und manchmal durchzieht mich eine schmerzhaft-große, rostige Sehnsucht und ich weiß nicht wohin und wie und warum. Das Sperma spritzt aus mir und ich bin noch immer nicht zufrieden, noch immer geil, noch immer voller Sehnsucht. Ich bin durstig und hungrig und habe alles so satt, diese Wände, diese Worte, dieses Leben. Komm‘, hol‘ mich, bring‘ mich weg, weit weg und lass‘ mich nie zurückgehen! Und schon kommen mir die Tränen, ich habe kein Zuhause und keine Heimat. Die Türkei ist meine Heimat, sage ich oft, aber auch dort fühle ich mich unwohl, falsch und vor allem fremd. Ich umarme das Internet, sie ist siebenundzwanzig und ich fühle mich so wohl bei ihr. Weil sie mich versteht, weil sie all das nachempfinden kann. Nicht einmal zwei Stunden und sie muss gehen, weiterreisen. Danach treffe ich wieder das Internet und er ist so alt wie mein Vater und ich frage mich, warum mein Vater nicht so cool sein kann. Zu Hause denke ich gerade an Meersalz und mein Vater bringt mir das Telefon, und es ist eine Freundin, sie will wissen, ob ich Lust habe, einer anderen Freundin beim Singen zuzusehen. Und ich habe ehrlich gesagt Lust — und wie! —, aber nicht darauf, doch das bleibt natürlich in mir und ich sage zu und ziehe mich an und mache mich schick und gehe aus dem Haus in eine Halle, treffe die Freundin und ihre Freunde und es langweilt mich, weil ich nicht dazu passe, weil ich einfach nicht zu der Jugend passe. Ich sitze da und höre zu und dann ist es vorbei, ich gehe nach Hause, schließe die Türe auf und reiße mir alles vom Leib, stelle mich unter’s Wasser und werfe mich in’s Bett, schlafe ein und träume wild und wache auf und starre an die Holzdecke.


Kader.

29. November 2010

Schicksal ist eine Dichtung aus Milch, niedergeschrieben auf einem weißen Blatt Papier.


Peanuts.

28. November 2010

Ich spreche, erzähle oder frage und werde meistens still gestellt, unterbrochen oder abgewiesen. Nicht selten schweige ich, weil ich das genau weiß und kein Verlangen nach zusätzlicher Enttäuschung in mir hege.

Ist es aber einmal vonnöten, dass ich sprechen, erzählen oder fragen muss, so spreche, erzähle oder frage ich. Des Öfteren kommt es vor, dass ich nur halbherzig wahrgenommen werde, weil Fernseher, Computer oder Zeitschrift relevanter sind, als ich es bin.

Manchmal kommt es vor, dass ich mich auf einst Gesagtes beziehen muss. So auch heute: während der Sommerferien habe ich mir nach einem Jahr des vergeblichen Wartens einen Rucksack für meinen Mobil-Computer bestellt, weil ich es satt hatte, unter der Woche dreieinhalb Stunden am Tag meinen Computer samt Ladegerät und Maus in meinem Schulrucksack durch Stadt und Land zu transportieren. Dieser Rucksack hat genau zwei Fächer: ein großes für alles und ein kleines für Taschentücher oder ähnlich winziges. Nun ist es so, dass ich Computer, Bücher, Ordner, Blätter, Mäppchen und WasWeißIchNichtAlles in ein einziges Fach zwängen musste, weil die Tasche zu klein für diese Menge an Zeug ist. Zudem besitze ich diese Tasche seit der sechsten (!) Klasse; das sollte sechs Jahre her sein. Nun, nach sechs Jahren ist so eine Tasche nicht mehr das, was sie einst einmal gewesen ist. Trotz der guten Behandlung meinerseits ist die Tasche auf natürliche Art und Weise gealtert. Die Fähigkeit, Wasser einigermaßen abzuweisen, hat sie beispielsweise komplett verloren. Gerade das aber ist wichtig, trägt man elektronische Gerätschaften mit sich herum. Bei Regen habe ich immer befürchtet, dass mein Computer nass werden könnte. Bücher kann man trocknen, einen Computer muss man einschicken. Nach einem Jahr hatte ich die Nase voll und habe aus Frust einen Laptop-Rucksack auf Rechnung meiner Eltern bestellt, da sich diese nicht für mein Anliegen zu interessieren schienen. Natürlich habe vorher immer wieder auf mein Problem hingewiesen und erläutert, weshalb ich eine neue Tasche brauche, doch ich wurde jedes Mal mit „Ja, ja! Mach‘ nur, kauf‘ nur!“ fortgeschickt. Daher der Frust, deshalb die Bestellung. Ich habe mir einen — wie ich finde — schönen, preiswerten Rucksack bestellt, der groß, belastbar und schick genug ist, um mein Zeug und Krimskrams sicher zu beherbergen. Meine Eltern haben gezahlt: „Wenn’s schonmal da ist, müssen wir es ja nicht zurückschicken!“

Heute aber ging es darum, dass ich meinen Vater gebeten habe, mir in ein paar Wochen eine bestimmte Kameratasche zu kaufen, in welcher ich meine Spiegelreflexkamera verstauen möchte, die ich mir gegen Weihnachten kaufen werde. Ich habe ihn gefragt, weil ich nach dem Kauf der Kamera kein Geld mehr für eine Tasche haben werde, denn das Objektiv hat auch seinen Preis.

Den Sommer über habe ich gearbeitet und im Herbst habe ich eBay vollgestellt, um an Geld zu kommen. Ich habe mich anscheinend ganz gut angestellt, denn Kamera und Objektiv werde ich gerade so bezahlen können, was mich sehr glücklich macht.

Doch meine Eltern, die interessiert das nicht. Ich bekam zu hören, dass sie (!) mir einen Rucksack gekauft hätten und dass ich meine Kamera doch darin verstauen solle. Als ich damit konterte, dass ich täglich mit dem Rucksack dreieinhalb Stunden durch die Gegend fahre und keine teure Kamera mit mir herum schleppen will, sagten sie, dass sie (!) mir den Rucksack doch deswegen gekauft hätten, „weil da eine Kameratasche schon dabei ist“, was nicht stimmt. Mein Rucksack ist weder für Kameras gedacht, noch lag eine Kameratasche bei. Das aber wollten meine Eltern nicht hören und haben mir vorgeworfen, dass ich versuchen würde, sie zu verarschen.

Warum sollte ich meine Eltern verarschen, wenn schon eine Kameratasche beiliegt, wie sie es behaupten?

Die Tasche, um deren Erwerb ich bat, kostet etwa vierzig Euro.

Das alles kann ich mir nur so erklären: meine Eltern hören mir nicht richtig zu, verdrehen die Worte, die ich ausgesprochen oder nicht ausgesprochen habe, kotzen sie mir vor die Füße und erwarten, dass ich hinnehme, was nicht stimmt. So war’s schon immer, nie wird’s anders sein.

Die Kameratasche werde ich mir übrigens selbst kaufen. Allein schon dass ich fragte war ein Fehler. Muss wohl noch ein paar Sachen auf eBay loswerden.


Liebe Eltern dieser Welt,

hört euren Kindern zu und sorgt dafür, dass euer Kind keinen Hass für euch empfindet, denn kein Kind will seine Eltern hassen.

Stets,
Ihr Heartcore.


Der erste Schnee.

26. November 2010

Wir sitzen am Esstisch, es ist Abend. Der Schnee fällt leise, draußen, wo der Wind still steht und das Weiß stellenweise orange leuchtet. Vor mir stehen unsere weißen, schlichten Teller, die meine Eltern zur Hochzeit bekommen haben, vor siebzehn oder achtzehn Jahren. Noch leer sind sie und ohne Suppe, ohne Salz. Die Luft im Hause ist viel zu warm und viel zu trocken, betäubend und gar bleiern schwer. Dreißig Grad sagt mein Vater und dreiunddreißig Grad kontert das kleine Display unter dem Lichtschalter.

Meine Mutter ist in der Küche, der Salat noch nicht fertig. Wir warten schweigsam; gleich ist sie da, gleich können wir anfangen! Mein Vater aber hat keine Geduld, steht auf und geht zum Sofa, nimmt die Zigarettenschachtel vom Tisch und zündet sich eine Kippe an.

Er zieht an ihr. Ich höre den Schnee knirschen und denke an Zähne.

Meine Mutter stellt eine große Schüssel Feldsalat auf den Esstisch. Sattes, frisches Grün stimuliert meine Augen und ein wohl-duftendes, würziges Dressing schleicht in meine Nase. Als ich tief einatme, um das Aroma aus der Luft zu schmecken — weil ich es endlich kann, dieses tief durch die Nase atmen! —, schlägt der beißende Smog der Zigarette meines Vaters hart in meinem Nasenrachen auf und reizt mich, tiefschürfend. Mein jüngst operiertes Riechorgan gibt sich beleidigt und macht sofort dicht im Schacht.

„Vater, was hatten wir miteinander ausgemacht, bevor ich in’s Krankenhaus gegangen bin?“

Er ignoriert mich und drückt provokativ auf die Fernbedienung, um den Fernseher ein- und mich auszuschalten.

„Du hattest mir versprochen, nicht in meiner Gegenwart und zwei Wochen lang nicht im Haus zu rauchen, erinnerst du dich?“

Er zappt durch die Kanäle, drückt wild auf der Fernbedienung herum, um mich ruhig zu stellen.

„Du hast es mir versprochen und hast es wieder einmal nicht eingehalten. … Hörst du mir überhaupt zu?!“

Er drückt auf Lauter, immer auf Lauter, damit ich endlich verstumme.

„Warum hältst du dich nie an deine Versprechen? Ich darf weder in die Kälte, noch darf ich Rauch einatmen, und das weißt du ganz genau!“

Er zieht an seiner Kippe, glühend, und atmet genervt aus.

„Kannst du nicht einmal an unsere Gesundheit denken? Musst du uns auch vergiften, nur weil dir deine eigene Gesundheit egal ist?“

Er wechselt noch einmal das Programm, in der Hoffnung, Ruhe zu finden.

„Ich wurde vor vier Tagen operiert. … Hörst du mich? … Erst vier Tage ist das her! Jetzt mach‘ endlich diese scheiß‘ Kippe aus oder geh‘ vor die Tür!“

Während ich mit einem ausgeklügelten Widerstandsmechanismus rede, schenkt meine Mutter den schlichten, weißen Tellern Suppe ein. Sie ist ebenfalls sichtlich aufgekratzt.

„Vater, so geht das nicht! Halt‘ dich doch mal an deine Versprechen…!“

Und mit einem Mal dreht sich mein Vater um und wirft mir entschlossen die Fernbedienung entgegen. Ich versuche auszuweichen, mich wegzudrehen — doch vergebens; die Fernbedienung schlägt mir mitten in’s Gesicht und fällt auf den Tisch, dann auf den Boden. Die Batterien rollen quer über das Parkett.

Meine Mutter kreischt.

Vom Schmerz und von der Situation, vom Geschehen überwältigt, beuge ich mich über die Suppe. Rinnsal-artig tropft das Blut aus meiner Nase direkt in die selbst gemachte Championcremesuppe hinein und setzt sich klar erkennbar als oberste, dominierende Flüssigkeitsschicht ab. Der Aufprall war so gewaltig, dass sich die in meiner Nase befindlichen Metallplättchen tief in’s Fleisch geschnitten haben. Ich weine augenblicklich.

Noch im selben Moment steht mein Vater wutentbrannt neben mir und sagt „Dein immer gleiches Geschwafel werde ich mir nicht länger anhören!“ und nimmt das gezackte Brotmesser in die Hand und rammt es mir mit einer väterlichen Wucht in den Bauch.


Krankenhausgedanken.

24. November 2010

Sechs Uhr zwanzig. Ich schlage meine Augen auf, stelle den Wecker leise und schaue an die Decke. Kiefernholz, wunderschön gescheckt. Ich stehe auf und gehe in’s Badezimmer, wasche mein Gesicht und putze mir die Zähne. Wasche mein Gesicht nochmals und schaue mich im Spiegel an. Ich bin zufrieden mit mir. „Bist du bereit zum Sterben?“, frage ich mich und antworte nicht, indem ich gehe. Ich wecke meine Mutter, ziehe mich an, gehe meine Tasche durch. Schlafanzug, Handtuch, Unterwäsche, Shampoo, Ladegerät, Jeans, T-Shirt, Pullover, Hausschuhe. Braucht man alles nicht zum Sterben. Oh, das Zahnzeug fehlt. Ich gehe nochmals in’s Badezimmer und packe Zahnbürste und Zahnpasta in die Tasche. In meinem Zimmer, das ich mit meinem Bruder teile, hänge ich mit meiner Mutter frisch gewaschene und nach Waschmittel duftende Wäsche auf, und dann gehen wir in’s Wohnzimmer, die Papiere holen. Im Auto erkundigt sich meine Mutter nach meiner Befindlichkeit. Ich sage: „Weiß nicht. Bin zu müde für Gefühle.“

Krankenhaus, Anmeldung. Wir warten und kommen an die Reihe, registrieren mich und gehen in das Zimmer, welches ich später mit zwei anderen teilen werde. Station zweiundzwanzig, Zimmer zwanzig. Letzte Türe rechts, ganz hinten im Gang. Die Krankenschwester meint, nachdem sie mir ausgiebig die Funktionen des Bettes und der vielen anderen Knöpfe erklärt hat, dass ich erst gegen zehn Uhr operiert werden soll. Mutter fragt, ob sie gehen und arbeiten oder bleiben und warten soll. Ich sage: „Geh‘ und komm‘ mittags wieder.“ Mutter küsst mich und geht mit einem Gefühl des Unwohlseins. Die Krankenschwester gibt mir Tabletten. Ich nehme sie ein und lege mich in mein Bett. Während ich dort liege, treffen meine Zimmergenossen ein, verabschieden sich von ihrer Begleitung, begrüßen mich und nehmen ebenfalls die Beruhigungstabletten ein. Später höre und sehe ich, wie einer meiner Nachbarn — der blonde, den ich auf Anfang zwanzig schätze —, aus dem Zimmer gefahren wird. Ich drehe mich um. Momente später, so scheint es, werde ich aus dem Zimmer gefahren, ganz sanft, ganz leise. Ich sehe, wie mein blonder Nachbar aus dem OP-Saal geschoben wird. Eine charmante Dame mit Großmutterstimme versucht mir einen Venenkatheter an die Hand anzubringen und scheitert, dreimal. „Ganz zähe Haut, ganz zäh…“ Kann mir egal sein, denn ich lächle ob meiner benebelten Schmerzen. Ich nehme nicht wahr, dass sie es nochmals erfolgreich an meiner Ellenbeuge versucht hat. Ich werde in den OP-Saal geschoben und dort von meinem Bett auf eine Liege gewuchtet. Mir ist kalt. Ich sage dem Arzt noch, dass ich etwas auf meinen Unterlagen verbessert habe. „Nich‘ hundert, sondern fünfundzwanzig…“ Was und ob der Arzt antwortet, das weiß ich nicht mehr. Jemand, nicht der Arzt, sagt „Atmen Sie tief ein und atmen Sie tief aus!“ und hält mir eine Maske an Mund und Nase. Ich mache, was von mir verlangt wird, versuche noch zu sagen „Und gleich bin ich…“ und bin weg.

Später wache ich auf und blinzle aus drogenunterlaufenen Augen in der Gegend herum. „Bin ich also im Aufwachraum…“, denke ich und schlafe wieder ein. Dann werde ich aus dem Raum geschoben. Ein Mann mit grauen Haaren möchte wissen, wo mein Bett einst stand. Ich sage irgendetwas und versuche hinzuzeigen, bin aber zu schwach, um meinen Arm zu heben. Ich schlafe wieder ein.

Irgendwann nachmittags steht meine Familie an meinem Bett und flüstert etwas, das ich nicht verstehe. Ich blinzle verklebt und schaue an die Decke. Ich spüre meinen Kopf kaum, wundere mich, dass ich überhaupt sehen kann. Erleichtert atme ich auf, denn erst jetzt realisiere ich, dass ich noch am Leben bin. Alle Sorgen waren vergebens und vor meinen Augen zerschellt ein schwarzer eitriger Luftballon, dessen tausend Fetzen als Erleichterung auf mich herab fallen. Ich fühle mich wohl. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, schlafe ich ein. Später, es ist schon sichtlich dunkler geworden, sitzen mein Bruder und meine Mutter an dem Tischchen links von mir. Ich sage „Hallo“ und drücke auf den Krankenschwesternknopf, welcher geschickterweise in meiner Hand liegt. Eine Schwester steht augenblicklich neben mir und liest von meinen Lippen den Wunsch nach Wasser ab. Sie richtet mein Bett auf, ich trinke. Das Wasser spüre ich im Bauch, es ist kalt und ich bin warm. Mein Bruder hält mir zwei Tafeln Schokolade hin, ich glaube mich bedankt zu haben. Später erfahre ich, dass mein Bruder mit dem Bus zum Krankenhaus gefahren und unterwegs für mich eingekauft hat. Ich soll ihn angeschnauzt haben, aber daran erinnere ich mich nicht. Später entschuldige ich mich für das, an was ich mich nicht erinnern kann. Er sagt: „Geht schon klar. Du warst ja unter Narkose.“ Ich spreche nicht viel, denn mein Hals schmerzt. Der Beatmungsschlauch hat mich ziemlich aufgekratzt. Ich schließe meine Augen und schlafe ein.

Nachts, „niemand“ im Zimmer, weine ich. Wenig später drücke ich auf die Lämpchen-Taste und sehe auf den Beistelltisch. In einem kleinen Plastikgläschen, das meinen Namen trägt, liegen drei Tabletten. Ich nehme sie ein. Nach kurzer Zeit geht es mir besser, ich fühle mich erleichtert und frei. An mir hängt auch keine Elektrolyt-Flasche mehr, nur noch der Venenkatheter ist an mir angebracht. Wohl aus Sicherheitsgründen.

Es wird allmählich Morgen, ich bin nicht der Einzige, der das merkt. Meine Zimmergenossen sind ebenfalls schon wach. Dreimal raunt jeweils ein „Morgen“ durch das Zimmer. Wir lernen uns kennen, so im Dunkeln, tauschen Name, Alter, Familienstand und Beruf aus.


Mani, 29, verheiratet und Vater zweier Kinder, irgendetwas mit Logistik.

Ali, 23, verlobt, irgendetwas mit Metall.

Heartcore, 17, single, Schüler.


Mani, „den Blonden“, hatte ich auf Anfang zwanzig geschätzt, dabei hat er die dreißig fast schon erreicht. Für sein Alter sieht er erstaunlich jung, aber nicht jugendlich aus, das habe ich ihm auch gesagt. „Höre ich oft. Kann ich mir nur so erklären: gute Gene!“ Mani hat zwei wunderschöne Töchter, einmal in der Drei- und einmal in der Vierjahresversion. Seine Frau — ob aus West- oder Osteuropa, das kann ich gar nicht raten — ist eine schlichte Schönheit und verhält sich auch so. Sie spricht leise, ist sehr freundlich und drückt sich schlicht, aber treffend aus. Insgesamt eine schöne Familie. Mani ist gar kein Deutscher, wie er mir später erzählt. „Ich bin ein französischer Pole!“

Ali ist in der Türkei verwurzelt, genau wie ich. Morgens, kurz vor der Operation, konnte ich ihn nicht ganz zuordnen. Die Beruhigungstabletten hatten mich so sehr im Griff, dass ich die Worte seiner Mutter mit einer anderen Sprache als der türkischen verband. Dabei hatte sie nie in einer anderen Sprache gesprochen. Die Haut von Ali ist dunkler als meine und seine Haare sind pechschwarz. Die Verlobte von Ali ist eine kluge, zurückhaltend-hübsche Türkin, die etwas mit Recht studiert hat und nun auf Arbeitsuche ist. „Sollte ich bis nächste Woche nichts finden, werde ich mich dem Master widmen.“ Alis Familie macht sich Gedanken über Alis Hochzeit, die nächstes Jahr stattfinden soll. Meine Mutter verstand sich natürlich bestens mit Alis Mutter.

Der zweite Tag verging mit vielen Schmerztabletten und vielen Stunden Schlaf. Dazwischen, wir wachten interessanterweise immer zur selben Zeit auf, lernten wir uns kennen. Wir mochten uns, hatten mehr oder minder den selben Humor und ähnliche Hintergründe. Mani war sogar auf meiner Realschule und hatte im Großen und Ganzen die selben Lehrer, die auch ich hatte.

Immer wieder betraten Besucher das Zimmer und ich fühle mich unwohl dabei. Nicht, dass es mich störte, dass Mani und Ali besucht wurden; ich wurde ja auch selbst besucht. Doch irgendwie waren Besucher eine Last für mich, der ich nicht gewachsen oder einfach nur zu schwach war. Ich empfand es als unglaublich anstrengend, mich auf Gespräche mit Bekannt- und Verwandtschaften einzulassen. Der Krankenhausaufenthalt sollte eine Art Kur werden, so hatte ich es mir zumindest verordnet. Ich wollte in Ruhe genesen…

Trotzdem freute es mich, besucht zu werden. Schließlich waren die Tage, an denen ich im Krankenhaus lag, Bayram. (Vergleichbar mit Weihnachten.) Dass ich von so einigen in’s Bayram-Programm aufgenommen wurde, hat mich schon sehr überrascht. Zum Beispiel wurde ich von meinen dominant-aggressiven Onkel besucht, welcher eher kalt und unsichtbar ist. Er ist lieber im Hintergrund und steuert von dort aus die Dinge, die in seiner Hand liegen oder liegen sollten. Doch dass er sich zeigte und gekommen ist, das rechne ich ihm hoch an. Sonst macht er so etwas nicht. Meine liebevolle Tante hatte er natürlich mitgebracht.

Später betrat ein Freund meines Großvaters (verstorben 2003) mein Zimmer und sagte: „Mein Sohn! Warum hast du denn nicht gesagt, dass du hier liegst?“ Diesen Herren besuchen wir als Familie Heartcore sehr oft, denn wir, oder zumindest ich, kennen ihn schon seit Ewigkeiten. Er und seine Frau, welche Lupenglasbrillengläser zu tragen scheint, sind ein ziemlich nettes Pärchen. Mit ihm saß ich mehr als eine Stunde da und habe über Dies und Jenes, dir Jugend und das Alter geredet. Mir wurde aber nicht langweilig, ich wurde eher müde, was an den Medikamenten lag. Dass er abends noch ganz alleine in die Stadt gefahren und mich besucht hat, das fand ich sehr schön.


Nunja, letztlich wurde das Zimmer sehr oft von irgendwem aufgesucht. Erst nach zwanzig Uhr herrschte Ruhe im Raum zwanzig auf der Station zweiundzwanzig.


Tagsüber gab es Medikamente; von mir und meinen Zimmergenossen auch liebevoll „Drogen“ genannt. Diese Tabletten hatten es durchaus in sich: sie löschten nicht nur Schmerzen, sie löschten auch alle negativen Gedanken und Gefühle aus. Abends waren wir „high“ und lustig drauf. Ich glaube, dass ich in diesem Jahr nirgendwo mehr gelacht habe, als in diesem Zimmer. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen für Lachmuskulatur! Weil wir besonders viel kicherten, schauten oft verwunderte Schwestern jeglicher Couleur vorbei und erkundigten sich nach unserer Gesundheit. Ob die Schwestern unser Verhalten auch lustig fanden, oder ob sie sich eher Sorgen machten, das kann ich gar nicht sagen. Eine Schwester jedenfalls, ein mürrisches Schwabenbiest, mochte unser Glucksen gar nicht. Kam sie in das Zimmer, herrschte augenblicklich kühle Stille, die sie auszulösen wusste. Wir nannten sie hinter ihrem Rücken „Schwester Dementor“, denn sie war wie die Dementoren aus „Harry Potter“, entzog einem jegliche mentale Empfindung. Uns dreien wurde es regelrecht kalt um Hand, Herz und Fuß, sobald sie im Zimmer stand. Das Gute an ihr war, dass sie nur nachts zu arbeiten schien und uns somit nicht oft besuchte. An einem Morgen jedoch sprengte sie so gegen vier Uhr die Türe und platzierte Medikamente wie Bombemkoffer auf unseren Beistelltischen. Wir schraken hoch wie von der Tarantel gestochen. Sie lächelte.


Meine Krankenhausfreunde waren schwer OK. Abends heulten wir ein wenig und dann gab’s Essen. Danach heulten wir wieder. Dann gab’s Frühstück.

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Mit Ali habe ich sehr viel über Bücher gesprochen. Ich habe ihm sogar Einblick auf meine Leseliste, der „Urigen Literatur-Mischung“ gewährt. Er war beeindruckt von der Auswahl und fügte noch zwei Bücher hinzu; ich war beeindruckt von seinem Wissen über Literatur. So etwas habe ich nicht von ihm erwartet, denn kaum jemand, den ich persönlich kenne, wälzt heute noch freiwillig Bücher. Deutsche Türken lesen, so mein Eindruck, im Allgemeinen sehr wenig. Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Eltern früher, in ihren Zwanzigern, besonders viel gelesen haben. Das hat mich schwer beeinflusst. Es gab Tage in meiner Kindheit, an denen habe ich das Haus nicht verlassen, weil ich Angst hatte, die Geschichten würden aus den Bücher schwinden, wenn ich sie nicht festhalte und an mich nehme. Ich habe mich mehr von Büchern und ihren Geschichten ernährt als von lebensnotwendiger Nahrung.

Es war ein sehr langes, schönes Gespräch, das wir führten, während Mani schlief. Ali hat mir unter anderem erzählt, wie sehr ihn das Buch „Martin Eden“ von Jack London berührt, wie sehr er sich in dem Protagonisten wieder erkannt hat. Und während er von sich sprach, da fuhr ein imaginärer Spiegel hoch und ich sah mich plötzlich selbst in ihm, in Ali. Für einen kurzen Moment sah ich kristallklar, wie sehr wir uns in machen Dingen glichen. Und als ich ihm das sagen wollte, klopfte es an der Tür und Besuch in Form von Mutter und Kind stand im Zimmer. Manchmal ist meine Familie ziemlich nervig.


Die erste Nacht war für mich mit Abstand die schlimmste im Krankenhaus, denn die Schmerzen waren groß. Ich wurde von einem exorbitant-großen, schwer-aushaltbaren Druck zermalmt und hatte kurzzeitig das Gefühl, dass mein Schädel bald detonieren müsste. Wie gut, dass die Schmerztabletten gleich auf meinem Tischchen zu finden waren.

Die zweit-schlimmsten Schmerzen waren jene, als mir die Silikontampons aus der Nase gezogen wurden, je zwei aus jedem Nasenloch, durchschnittlich 2,5 cm dick. Es wäre wohl nicht so schrecklich gewesen, gingen die Tampons nicht bis nach ganz hinten in’s Gehirn, wo sie sich neben meiner Denkmasse breit machten. Das Rausziehen der Tampons, das sich sich übrigens anfühlte, als würden mir begierige Ägypter das Gehirn durch die Nase entfernen, dauerte nicht einmal eine Sekunde, doch der Schmerz, der war so gewaltig, dass ich Krokodilstränen in Form einer fließenden Linie geweint habe. Wahrscheinlich war ich nach den fünf Minuten im Behandlungszimmer deshalb so durstig.

So im Nachhinein weiß ich nicht mehr, ob das Rausziehen der Tampons oder das Aussaugen meines Kopfes schmerzhafter war. Das Aussaugen der verkrusteten Blut- und Schleimreste war aber eindeutig das ekligste Gefühl, das ich je verspürt habe. Ein winziges, Bleistiftminen-kleines Saugkerlchen, welches durch jedes Nasenloch bis nach ganz hinten in den Rachen geschoben wurde, um unterwegs fleißig seiner Aufgabe nachzugehen. Das Kerlchen entfernte nicht nur Blut, Kruste und Schleim, es zog mir auch einen nicht kleinen Anteil an Atemluft aus dem Hals. Ich wusste nicht, ob ich jetzt durch Nase oder Mund, oder ob ich überhaupt atmen sollte. Das Gefühl war derart widerlich, dass mir übel wurde. Schön auch, dass es nicht bei dem einen Mal blieb: ich wurde morgens und abends vom Schleim befreit!..


Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung, was ich sehr mysteriös finde.


Die Stimme(n), die in meinem Kopf hauste(n) und wegen der ich mich eigentlich operieren ließ, wohnt noch immer neben mir im Oberstübchen. Der Arzt sagte, dass sie langsam aussterben wird und dass dieser Sterbensweg bis zu zwei Monate andauern kann. Also werde ich mich immer wieder doppelt und dreifach hören, bis ich dann wieder einsam und allein mit mir sein kann. Olej!


Ein unschöner Nebeneffekt ist, dass ich auch zu Hause ständig von Leuten besucht werden. Freundinnen meiner Mutter, entfernt Verwandte und mir kaum bekannte, sie alle kommen, um mich zu sehen und sagen dann: „Du wurdest doch nicht operiert, so wie du aussiehst! Du bist ja nicht einmal blau oder grün. Und Narben hast du ja auch keine!“


Ab Montag heißt es dann wieder eineinhalb Stunden durch Land und Stadt zur Schule fahren. Ich freue mich so rein gar nicht, denn ich darf etliche Arbeiten und Tests nachschreiben. Als ob ich die Kraft hätte, für die Schule zu lernen…


Ich kann jedem, der sich doppelt hört oder nicht richtig durch die Nase atmen kann, diesen kleinen, operativen Eingriff empfehlen (Krankenkasse zahlt!), denn das Gefühl, tief und noch tiefer atmen zu, ist schlicht großartig. Es hat sich gelohnt, ein paar Tage im Krankenhaus zu liegen und nicht wirklich zu leiden. Man spürt nach dem ersten Tag nur einen leichten Druck, mehr aber nicht. Das hat man wahrscheinlich den Tabletten zu verdanken.


Manchmal, wenn ich zu Hause keine Ruhe finde, wünsche ich mich in das Krankenhaus zurück, denn dort hatte ich ab acht Uhr abends die Ruhe, die ich mir sonst immer ersehne.


Letzte Liste.

14. November 2010

Morgen werde ich in der Gegend von Gehirn und Nase operiert. Und ehrlich gesagt habe ich ein wenig Angst vor der Operation. Daher weht ein stiller, trüber Wind durch die Alleen meiner verwobenen Gedanken. Mir ist bewusst, dass der Eingriff ein eher kleiner Eingriff ist und dass die Wahrscheinlichkeit während der Operation oder an den eventuell darauffolgenden Folgen zu sterben, sehr niedrig ist. Doch trotz diesem Wissen mache ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, nicht zu leben, was und ob mich etwas erwartet und welche Dinge, Menschen und Gefühle ich eigentlich zurücklasse, in Falle dass.

Mir sind in den letzten Tagen so einige Dinge klar geworden, welche ich versuchen werde, hier festzuhalten.

  • Es sagt sich so leicht, dieses „Mach‘ dir keine Sorgen, wird schon werden!“.
  • Freunde und Freundschaften sind unglaublich anstrengend, vereinzelt sogar ermüdend bis kräftezehrend. Manchmal wünsche ich mir, ein paar Tage lang keine Freunde zu haben, um unruhig in der Ruhe verharren und vielleicht ein wenig entspannen zu können. Doch nicht meine Freunde sind es, die mich anstrengen und ermüden oder die an meinen Kräften zehren; ich bin es.
  • Ich habe den Wunsch nach Einsamkeit, diesen großen Wunsch nach völliger Isolation und Abgeschiedenheit. Ich möchte alleine sein und mich mit Dingen beschäftigen, für welche ich keine zweite, dritte oder vierte Person brauche, die mich in gleich welcher Weise unterstützt oder mir auf die Sprünge hilft. Ich will einsam sein, weil ich einfach nur ich selbst sein will. Ich will keine schwere Maske tragen, will mich nicht verstecken und verheimlichen. Und dennoch möchte ich nicht einsam sein.
  • Meine Freunde kennen nur meine Fassade, welche ich selbst gestaltet und bemalt habe, um mich möglichst gut (vor was eigentlich?) abschirmen zu können. Hinter dieser meist lächelnden Fassade, hinter meinen türkisch-braunen Augen sitze ich und steuere traurig meinen Körper, als ob dieser eine Marionette wäre. Jeder Schritt und jedes Wort wird hoffentlich genauestens bedacht und erst dann ausgeführt.
  • Das Leben ist ein Schachspiel.
  • Meine Marionette mag vernünftig sein, ich bin es nicht.
  • Die einzige Person aus meinem Freundeskreis, die mich — also meine wahre Persönlichkeit — kennt, ist Jes. Doch leider wohnt Jes weit und noch weiter von mir entfernt, sodass mir ein freundschaftlicher Besuch nach der Schule zum Beispiel unmöglich ist. Freizeit gleich null.
  • Treffen mit Freunden empfinde ich als mühselig, weil mich das Tragen meiner Maske ermüdet. Es ist schwierig, ganz allein eine schwere Fassade zu stemmen und diese auch zu pflegen. Deswegen bin ich lieber alleine, denn in meiner Gegenwart brauche ich keine Maske zu tragen.
  • Im Krankenhaus möchte ich nicht besucht werden, denn Besuch bedeutet, sich verstellen zu müssen. Am liebsten würde ich eine Besuchersperre einrichten lassen. Ich möchte in Ruhe genesen und nicht „Besuch empfangen“, auch wenn’s lieb gemeint ist.
  • Mein bisheriges Leben hat und hatte wenig zu bieten, obwohl ich doch recht viel Schönes und Bitteres erlebt habe. Glücklich war ich nicht wirklich. Es gab zwar Momente, in denen ich gewiss glücklich gewesen bin, doch über meine Existenz als solche würde ich das nicht sagen. Ich habe bis heute immer in Angst gelebt. Und falls ich dann einmal keine Angst hatte, lebte ich mit dem Wissen, gefesselt und geknebelt zu sein.
  • Ich bin gerne traurig und umarme die Traurigkeit.
  • Ich würde sogar etwas hinterlassen, sollte ich sterben. Im RL wären es gemeinsam erlebte Momente und hier im Internet wäre es ein Blog mit zwei dazu gehörigen Twitter-Accounts und noch so ein paar andere Sachen. (Wobei der Blog eher zu den Accounts gehört.)
  • Sollte ich sterben, würde ich in den Herzen mancher Menschen weiterleben, wann immer sich diese Menschen an mich erinnern. Das hieße, dass ich erst dann wahrhaftig sterben würde, wenn die letzte Erinnerung an mich erloschen ist.
  • Hat man einen bestimmten Tag im Kopf, an dem man sterben könnte — obwohl die Wahrscheinlich zu überleben höher ist als die Wahrscheinlich zu sterben — macht man sich viele Gedanken über Leben und Tod. Dabei ist das total hirnrissig, finde ich, denn sterben könnte und kann man immer, egal ob aus Zufall, Schicksal oder Gottesfurcht.
  • Vieles scheint plötzlich unwichtig und sinnlos. In einer solchen Phase fällt das Aussortieren von einst bedeutungsvollen Sachen und Dingen leicht. Nur das wirklich wichtige bleibt zurück.
  • Festplatte, Lesezeichen, Social Media — plötzlich ist alles aufgeräumt und rein, die Passwörter sind stärker denn je.
  • Ich weiß noch immer nicht, was ich heute gemacht hätte, wüsste ich, dass morgen mein Leben endet.
  • Ich bin unfassbar unentschlossen.
  • Schuldgefühle entfalten sich in mir, weil ich Gott vernachlässigt habe. Gleichzeitig empfinde ich Schuld dafür, dass mein Glaube an Gott gerade jetzt wieder zunimmt.

Hmm. Ursprünglich hatte ich noch viel mehr Gedanken, die ich aufschreiben wollte. Egal, verflogen ist verflogen.

Hier noch ein bisschen Musik in Form einer ZIP-Datei. Die Titel darin würde ich am liebsten mit in’s Grab nehmen. Ich denke, dass mich die Auswahl ganz gut widerspiegelt.

So, nun aber lebt wohl, meine phantastischen Freunde. Vielleicht sehen wir uns schon morgen, vielleicht aber auch erst später.

Ich liebe euch sehr.


Ein Traum.

3. November 2010

Es ist tiefster Winter, überall liegt Schnee und die Kälte zieht rücksichtslos die Wärme und die Seelen aus den Menschen. Ich stehe kurz vor’m Gefriertod, habe Hunger und der Bus ist noch immer nicht aufgetaucht. Wahrscheinlich will ich in die Stadt fahren oder in die Schule. Es ist dunkel. Ich sehe mich um und gehe dann in die Bäckerei, die sich gleich hinter der Haltestelle befindet. Dort möchte ich etwas kaufen, denn Bewegung tut gut, selbst wenn es nur der Mund ist. Eigenartigerweise sehe ich meine Großmutter mütterlicherseits hinter dem Tresen stehen. Sie sagt: „Mein Sohn, kauf‘ das hier, das schmeckt gut.“ Ich zeige aber auf etwas mit Banane und bestehe darauf, dass sie mir das verkauft. Ich zahle, küsse meine Oma auf ihre Backe und gehe wieder in die Kälte. Das Bananending schmeckt gut und so stehe ich dort draußen und warte und kaue und warte, doch kein Bus kommt. Plötzlich tauchst du auf und es wird hell und du sagst, ich solle einsteigen, du hast schon für mich gepackt und bist bereit, mich „von diesem Elend und der Kälte“ zu befreien. Ich steige ein, du bist mir ja nicht fremd. Dein Gesicht aber kenne ich nicht wirklich, ich möchte dich ansehen, deinen Bartwuchs betrachten, kann aber nicht, weil ich versuche „vernünftig“ zu sein. Du merkst das und sagst: „Du musst lernen, unvernünftig zu sein! Reiß‘ deine Maske ab, ich kenne dich ja so, wie du darunter bist.“ Ich hebe meine Hand und fahre über mein verfrorenes Scheingesicht, finde die richtige Stelle und reiße mir mit Wucht die Maske vom Kopf. Ein bisschen Fleisch fällt auf den Boden, löst sich aber in Sekundenbruchteilen auf. Ich blute, kann aber endlich richtig sehen und atmen und riechen. Du siehst mich im Rückspiegel an und lächelst. Und dann fahren wir irgendwo hin, wahrscheinlich weit in die Ferne, an einen Ort voller Wahrheit und Schönheit, der uns mit Liebe empfängt. Ich wache glückselig auf.


Vaters Dunst.

2. November 2010

Er zündet eine Zigarette an, völlig unbewusst und automatisch, zieht an ihr und atmet aus. Schon die dritte in meiner Gegenwart. Seine Augen haften am Fernseher. Er blinzelt wie erwartet: abwesend. Der Rauch schleicht um mich und kommt in meiner Lunge an. Diesmal aber richtig. Mir platzt der Kragen. Gehirn verstopft, Nase voll und jetzt auch noch Feuer in den Flügeln. Der blaue Dunst schürft meinen Hals herab. Ich huste gereizt und denke „Raucherhusten“. Er merkt nichts, nimmt nicht wahr, zuckt nicht einmal. Mein Kopf ruht auf dem modrigen Kissen, welches Tag und Nacht im blassen Ekel liegt und leidet. Er zieht wieder und wieder an seiner verdammten Zigarette, doch der Inhalt des Aschenbechers bleibt unverändert. In meinen Augenwinkeln bilden sich Tränen; der Reiz des Qualmes ist zu groß, als dass ich ihn einfach runterschlucken könnte. Still weine ich und liege quasi neben ihm, doch er sieht mich nicht, obwohl er könnte. Er sieht mich einfach nicht.

Ich stehe auf und sage: „Bin oben.“ Er blickt weder auf, noch nickt oder antwortet er. Seine Augen sind auf den Fernseher gerichtet. Türkische Nachrichten. Die sind wichtiger als das, was der Sohn zu sagen hat.

Ich drehe mich um, gehe ein bisschen und schlage die Türe unsanft zu. Hoffentlich ist ihm die Asche direkt auf den neuen Pullover gefallen.


Freitag.

30. Oktober 2010

Laub bedeckt das, was einst einmal als Gras bekannt war, die Sonne scheint kalt und der Wind weht still. Straßen, verlassen und leer. Vereinzelt fahren Autos einsamer Menschen über meinen Schatten, schrammen an meiner Existenz vorbei. Der Herbst scheint sein Bestes zu geben; der Boden unter mir ist ein Meer aus Farben und Nuancen. Ich schleiche durch den Ozean und denke analytischer als sonst. In meinen Ohren tönt ein Titel aus dem Score der Serie „Dexter“. Ich beobachte meine Umgebung ganz genau, spüre sogar den Richtungswechsel des stillstehenden Windes. Doch es scheint sich kaum etwas zu verändern. Die urbane Landschaft ist tot. Das einzige Menschenwesen hier bin wohl ich, denke ich und sehe ein Auto um die Ecke kommen. Das ist kein Mensch, das ist ein Zombie, der da in diesem Gefährt sitzt und angefressen über die rote Ampel rauscht. Am Bahnhof nimmt die Menschendichte wie erwartet zu, doch der Missmut weicht nicht aus den Gesichtern. Im Regional Express raubt mir Brian Eno das Bewusstsein und ich schlafe ein. Kurz vor’m Zielbahnhof wache ich auf spüre jeden meiner Knochen. Mein Kopf gleicht innen als auch außen einem heißblütigen Vulkan. Welch ein Glück, dass mich der Deutschlehrer hat gehen lassen. Im Bus nur fremde Schalen und unbekannte Hüllen. Zu Hause stürze ich in mein Bett, tauche unter in einen tiefen, traumlosen Schlaf und wache erst abends wieder auf. Meine Augen verklebt und jeder Blick Stahlwolle. Der Geruch guten Essens in meiner Nase, das Gefühl eines großen Hungers auf meinem Bauch. Im Badezimmer fließend Wasser. Ich packe meine sieben Sachen, ziehe mich warm an und gehe runter in die Küche. Das Essen muss noch werden, sagt Mutter. Tschüss und Türe zu, Berg hinauf und Türe ziehen, bezahlen, ausziehen, anziehen, duschen und springen. Erschöpfung und Enttäuschung erleiden, zwei Stunden durchhalten. Auf dem Weg in’s Hallenbad vernahm ich des Rossmanns Pfeifen, doch er schien den Berg hinabzugehen. Wir haben uns verpasst; schade um die wilden Träume. Später dusche ich mit einem Gleichaltrigen, den ich nicht kenne. Seine Gesichtszüge sind klar und viril, sein Körper haarlos und ausgewogen. Ein schöner Junge. Wir schauen uns beide genauer an, von oben bis unten, und für mehrere Sekunden sogar in unsere Augen. Ein leichtes Schmunzeln und tiefe Grübchen durchziehen seine Physiognomie. In einer bestimmten Sache gleichen wir uns und es gibt keinen, der sich unterlegen fühlen muss. Seine Augen verfolgen mich und ich weiß nicht, welche Bedeutung das haben könnte. Er bleibt am Ball, denke ich. Möchte er etwas sagen, oder weshalb betrachtet er mich so genau? Doch es bleibt bei den Blicken. Mein Durst bleibt ungesühnt. Wir gehen gemeinsam aus dem Duschraum und ziehen uns gemeinsam im Umkleideraum an. Ich sage „Tschüss“ und er „Ciao“. Den Berg laufe ich schnellen Schrittes herunter, kalt ist es und schon nach zweiundzwanzig Uhr. Zu Hause steht das Essen noch auf dem Tisch. Ein spezieller Tontopf bergt in sich eine warm-würzige Fleischzubereitung türkischer Art. Dazu Reis und ich bin für kurze Zeit glücklich. Ich bleibe noch ein bisschen im Wohnzimmer und sehe mir die Pläne unseres eventuell ersten Hauses an. Dort wird mein Bett und der Nachttisch stehen, hier mein Schreibtisch samt Computer und da der Kleiderschrank. Mehr brauche ich nicht. Oben in meinem Ruhelager ein bisschen Twitter und Verbitterung, synchron dazu das Gefühl tiefer Lust und Sehnsucht nach Zuneigung.

Schwermut und Musik, Müdigkeit und Schlaflosigkeit. Nachts um drei Uhr dann „Gute Nacht“.


Herzmett.

28. Oktober 2010

Als der Architekt inmitten der klirrenden Kälte schilderte, dass man den Dachboden doch ausbauen und vermieten könnte, sagte meine Mutter euphorisch: „Ein paar Jahre könnten hier oben Mieter wohnen und noch ein paar Jahre später mein Sohn und seine Frau!“

In der Millisekunde, in welcher die Worte meiner Mutter meinen Verstand erreichten, verkrampfte sich mein Herz und detonierte bei dem Gedanken, noch viele weitere Jahre mit meinen Eltern wohnen zu müssen.


Der Tag in Worten.

27. Oktober 2010

Heute sehr wenig gesprochen. Folgend alle Worte, die über meine Lippen gesprungen sind. (Total nichts sagend und uninteressant. Ein Tag, an den ich mich bald nicht mehr erinnern werde. Deswegen steht’s hier geschrieben.)

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Morgens: „Hey Jes!“ – „Moin.“ – „Kannst du dem Herrn [Lehrer] bitte sagen, dass ich etwa eine halbe Stunde zu spät komme? Mein RE hat Verspätung.“ – „Du, sorry. Ich werde heute nicht zur Schule gehen. Bin unglaublich müde und meine Stimme ist kaum da, wie du vielleicht hören kannst.“ – „Achso, OK. Wünsche dir gute Besserung und einen erholsamen Schlaf.“ – „Danke. Bis morgen!“ – „Bis dann.“ // „Hey Jenny, ich bin’s [Heartcore].“ – „Hi.“ – „Stecke noch am Hauptbahnhof fest, hier fahren seit zwanzig Minuten keine S-Bahnen mehr.“ – „Ah, deswegen steht meine Bahn hier rum.“ – „Oh, du kannst dem [Lehrer] also auch nicht Bescheid sagen.“ – „ORRR, nee. Scheiß Bahn, Ey!“ – „Hmm, ja. Also bis nachher.“ – „Ciao!“ // „Morgen.“ // „Sorry für die Verspätung. Bahnchaos.“ – „Kein Problem. Wie Sie sehen, fehlen so Einige.“ // „Kommt Jes heute nicht?“ – „Nein, sie ist krank.“ – „Cool. Dann setze ich mich an ihren Platz.“ – „Mach‘ halt.“

Vormittags: „Kannst du mir fünfzig Cent leihen? Muss noch das Ding für den [Lehrer] ausdrucken.“ – „Klar, kein Problem.“ – „Echt nett von dir. Danke!“ // „Du schaust eine Serie während du Tetris spielst?!“ – „Jep. So kann ich mich am besten auf die Dialoge konzentrieren. Und was machst du so?“ – „Ich lese Internetbücher.“ – „Stimmt ja, du bist so ’ne Leseratte.“ – „Wie schmeichelhaft!“ – „Ratten sind toll!“

Mittags: „Herr [Lehrer], warten Sie kurz! Hier meine Mappe. Ich musste noch etwas einheften.“ – „Legen Sie sie einfach auf den Stapel drauf.“ – „Erledigt. Schöne Ferien!“ – „Schöne Ferien!“ // „Ist der Bus schon weg?“ – „Ja.“

Nachmittags: „Hi!“ – „Hey. Was gibt’s zu Essen?“ – „Mama und ich haben Kartoffelpüree gegessen. In der Küche steht dein Teller.“ – „Yeah! Und wo ist Mama jetzt?“ – „Bei Katharina im Krankenhaus.“ – „Achso, hab‘ ich ganz vergessen.“ // „Sag‘ mir mal ein anderes Wort für schreiben!“ – „Aussprechen.“ – „Haha.“ – „Da hinten liegt der Duden, guck‘ da mal rein.“ // „Willkommen, Papa!“ – „Wo ist Mama?“ – „Katharina besuchen. Die liegt ja im Krankenhaus.“ – „Wie war’s in der Schule?“ – „So wie immer. Wie läuft’s im Geschäft?“ – „Wie immer.“

Abends: „Ich geh‘ zum REWE.“ – „Tschüss!“ // „Wir essen! Komm‘ runter.“ – „Ich hab‘ schon. Ich bin außerdem müde, werde jetzt schlafen.“ – „Ich stell‘ deine Portion in den Kühlschrank.“ – „OK.“

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Ich glaube, das war wirklich alles, was ich heute von mir gegeben habe. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Befindlichkeitszustand: Kind der Zwangsleere.


Stunden später.

27. Oktober 2010

Und noch Stunden später liege ich leblos unter meiner Bettdecke, mit dem feinen Unterschied, dass ich nun Musik höre, um mich nicht einsam zu fühlen. — „If You Wanna Make The World A Better Place / Take A Look At Yourself, And Then Make A Change“ — Und ich sehe wieder mein Gesicht im Spiegel und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich möchte etwas ändern, und wie ich das möchte! Doch was, was um Himmels Willen soll ich an mir ändern und wo soll ich anfangen, damit die Welt eine bessere wird? Ich drücke mir die Hände in’s Gesicht und spüre meine Verzweiflung. Als meine Reflextränen verdunstet sind, öffne ich meine Augen und nehme wahr, dass ich im Schein des Mondes liege. Blass und kaum sichtbar schimmert meine Haut. Soll ich nach draußen gehen? Was soll ich dort machen? Viel wichtiger: wohin soll ich gehen oder zu wem? Ich habe niemanden, der mich in den Arm nehmen könnte, auf dessen Schoß ich liegen und mich ausheulen könnte, nachts um 01:32 Uhr.

Ich umarme meinen Teddybären und drehe mich um.


Am Ende.

26. Oktober 2010

Morgens stehe ich vor dem Spiegel und sehe mich selbst, wie ich mich kenne. Abends stehe ich wieder vor dem Spiegel und sehe noch einmal in meine Augen. Nachts liege ich stundenlang im Bett und kann nicht schlafen, weil der Schmerz dafür sorgt, dass ich meine Augen nicht schließen kann. Mein Herz schlägt selten, ich fühle mich schwer beladen. Ich blicke leblos in die Dunkelheit und erkenne, dass mich niemand kennt. In meinem Kopf rauscht das Blut, um die Leere zu übermalen. Ich denke an nichts, an gar nichts. Ich lausche meinem Atem und meinem Herzschlag, fühle mich versunken und allein. Bleib‘ endlich stehen und mir laufen die Tränen über’s Gesicht. Ich bin am Ende.


Hallenbad und Rossmann.

25. Oktober 2010

Mir ist kalt, also gehe ich schneller. Die Sonne versank schon vor Stunden hinter dem Laubwald. Am Himmel nur Schwärze. Alle paar Meter werfen Straßenlampen blass-gelbe Schatten zu Boden. Leuchtkraft kaum der Rede wert. Der Wind steht still, kein Fahrzeug oder Mensch lässt sich aus der Dunkelheit heraushören. Mondscheinfarbene Katzenaugen blicken mich wissend an, vorne links. Ich habe das Gefühl, von ihnen verfolgt zu werden. Eine schöne Katze, denke ich und laufe weiter. Schneller, denn es ist kalt. In Gedanken freue ich mich schon auf die dampfend-warme Luft und auf das Gefühl auftauender Ohren. Meine Hände wohnen in meinen Jackentaschen, dort ist es nämlich kuschlig und warm. Zu erreichen bin ich nicht, denn das Mobiltelefon liegt zu Hause in einer Schublade. Gutes Gefühl, dieses Nichterreichbarsein. Noch zwei Straßen, dann bin ich da. Einmal links, dann rechts. Da.

Während des Vorbeilaufens erkenne ich vier Schwimmer. Gut, denke ich und lächle. Meine Altersklasse geht eh nie in’s Hallenbad. Vor allem nicht Freitagabends. Ich drücke die Eingangstüre, obwohl dort ziehen steht. Nie werde ich es lernen. Dabei sollte ich doch wissen, dass ich an dieser Tür ziehen muss, schließlich habe ich hier vier Jahre lang das Schwimmen gelernt. Im Kassen- und Süßigkeitenhäuschen sitzt niemand, also gehe ich in eine Einzelkabine, ziehe mich aus und ziehe meine Badehose an. Meine Sachen stopfe ich in den Spind mit der Nummer elf, denn das war schon immer mein Schrank, damals als Kind. Ordnung muss nicht sein, sieht ja keiner. Ich nehme 2,50 Euro aus meiner Geldbörse und werfe einen davon in den Spindschlitz, schlage die Türe zu und drehe am Schlüssel, nehme den Schlüssel an mich und binde ihn mir um das linke Handgelenk. Wie ’ne Uhr, denke ich und gehe zur Glastür, am Duschraum der Männer vorbei. Das Wasser klar und blau. Die Wellen gleichmäßig. Fünf Schwimmer, nicht vier, sehe ich und gehe zu den beiden Bademeisterinnen. Oh, eine Freundin meiner Mutter. Hey, wie geht’s dir? Gut und dir? Mir auch. Du hier, wie kommt’s denn dazu? Ich hab‘ Rückenschmerzen und der Arzt meinte, Schwimmen könnte mir helfen. Ah, verstehe. Willst du gleich bezahlen? Jep. Wir laufen zurück zum Kassenhäuschen. Macht dann 1,50 Euro. So günstig? Ja! Voll gut, nicht wahr? Ich lächle und wende mich ab, gehe an den Kabinen vorbei in die Gruppendusche. Drücke auf den Push — das Wasser ist warm —, und stelle mich darunter. Haare, Körper und Badehose werden nass. Ich genieße kurz die Wärme und gehe wieder aus dem Duschraum. Öffne die Glastür und springe in’s Wasser, erreiche den Boden. Vier Meter, denke ich und tauche auf. Das Wasser hier ist viel wärmer als drüben im Duschraum. Toll! Ich fühle mich frei. Als wäre ich schwerelos und könnte fliegen.

Ich schwimme wie ich es gelernt habe, merke aber, dass ich mit den Jahren rostig geworden bin. Wie lange schon war ich nicht mehr schwimmen? Zuletzt 2007. Türkei, Sonne und Meer. Ich schwimme ein paar Bahnen und spüre, wie sich Erschöpfung in mir ausbreitet. Erschöpfung der wohligen Art. Nach ein paar Minuten gleite ich schon sicherer durch das Wasser, fühle mich wie mein Sternzeichen: Fische. Ich drehe mich auf den Rücken und lasse mich treiben. An der Decke noch dasselbe Holz wie damals als Kind. Und plötzlich bin ich wieder klein. Biene Maya und ich, wir waren die besten Freunde, denke ich und muss lachen. Huch, verschluckt! Biene Maya, so wurden die Schwimmflügel genannt, die von Kindern getragen werden mussten, die zu unsicher schwammen. Ich war so ein Kind. Doch jetzt, mit 17, bin ich ein Fisch im Goldfischglas. Zwar ein wenig ungelenk, aber das wird schon. Ich tauche ab und teste meine Lunge. Zwölf Sekunden und ich tauche wieder auf, schwimme zu den Massagedüsen. Ich halte mich am Beckenrand fest und lasse mich von den Wasserstrahlen massieren. Oh Gott, wie göttlich! Befriedigung durchblutet mich. Ich fühle mich wohl. Mach‘ ich jetzt jede Woche, weiß ich und schließe meine Augen.

Erst dann fällt mir auf, wie still es in diesem Hallenbad eigentlich ist. Jeder Schwimmer ist auf seine eigene Art in sich versunken. Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich einen neuen Gast am Beckenrand. Wo ist denn nur meine Brille…? Achja, im Spind. Ich gleite durch’s Wasser, diesmal wie ein Frosch, und sehe mir dabei den Herren näher an, der gerade in’s Becken gesprungen ist. Den kenne ich doch! Das ist der Typ, der so toll pfeifen kann! Er lächelt mich an. Wir kennen uns, aber nur vom Sehen her. Ich schätze sein Alter auf 35. Er sieht stattlich und dabei gut aus. Wie Dexter. Er schwimmt ein paar Bahnen, so wie ich, und wir machen beide Pause an den Massagedüsen. Seitdem er das Wasser betreten hat, ist es lauter geworden. Er atmet kräftig und männlich, ist muskulös. Seine Augen sind braun, sein Gesicht rasiert und markant. Ich denke an ein edles Rennpferd und mag den Vergleich. Er schaut zu mir, lächelt freundlich und schnauft weiter wie ein Ross auf hoher See. Dann gibt er sich einen Ruck und taucht ab. Am anderen Ende des Beckens taucht er wieder auf. Respekt. Ich drehe mich auf den Rücken, merke aber, dass ich eine Erektion habe, also drehe ich mich wieder auf den Bauch. Wie peinlich. Gut, dass niemand eine Taucherbrille auf dem Kopf hat. Ich kraule ein wenig und versuche somit, meine Erektion loszuwerden. Klappt.

Sechsmal hin und zurück, dann Pause. Ich lasse mich zum gefühlt hundertsten Mal massieren, blicke diesmal aber still an mir herab. Im Wasser sieht man meine Brusthaare gar nicht, weil dunkelblond und kaum vorhanden. Nur ich sehe, wie sie sich von den Wellen wiegen lassen. Fast männlich, glaube ich und sehe mich nach dem Rossmann um, welcher gerade auf seinem Rücken im Wasser liegt und in meine Richtung geschossen kommt. Er sieht nach oben und nicht, was sich hinter beziehungsweise vor ihm befindet, also schwimme ich zur Seite. Dem dumpfen Schlag nach stößt er sanft mit dem Kopf gehen den Beckenrand. Doch augenblicklich stellt er sich gerade und streicht sich verschmitzt über den Kopf. Er sieht zu mir rüber, lächelt und schießt wieder los. Dabei fällt mir auf, wie behaart dieser Typ eigentlich ist. Selbst auf dem Rücken hat er Haare. Ein waschechter Mann, denke ich und überlege mir, ob ich das schön finde. Naja, zu ihm passt es. Nach ein paar Sekunden merke ich zum wiederholten Male, wie Blut eine bestimmte Region meines Körpers durchströmt, also kraule ich wieder ein wenig, um loszuwerden, was mir peinlich sein könnte. Und so geht das fast zwei Stunden lang. Frosch, Rücken, Kraulen, vorwärts oder rückwärts, Massagepause, Erektion. Schwimmen, Pause, Ständer. Wasser, Luft, Blut. Kurz: Erektionsprobleme der anderen Art.

Nach etwas mehr als zwei Stunden im Wasser spüre ich die Erschöpfung in praktisch jeder Muskelfaser. Ich bin müde, möchte gehen — so wie die vier Schwimmer vor mir —, finde die Wassertemperatur aber angenehm und fühle mich zu antriebslos. Ich lasse mich treiben. Als ich mich über die Ruhe wundere, die plötzlich herrscht, stelle ich mich gerade und sehe, wie der Rossmann gerade aus dem Becken steigt. Das nehme ich mir als Anlass und tauche ab und am Geländer wieder auf, steige die Stufen hoch und winke nass und fröhlich den beiden Bademeisterfrauen zu und gehe zur Glastür. Das Wasser tropft an mir herab. Herr Rossmann befindet sich in einer der Toiletten, während ich zu meinem Spind gehe und diesen aufschließe. Ich packe Handtuch, Schampoo und frische Unterwäsche in meine Tasche und lege diese vor der Dusche ab. Hinter dem Vorhang plätschert es. Ein melodisches Pfeifen erreicht meine Ohren. Ich nehme Schampoo, Herz und Eier in die Hand und schiebe den Vorhang zur Seite, welcher den Sichtschutz der Gruppendusche darstellt.

Und dort steht der Rossmann. Komplett nackt und halb eingeseift. Die Hände im Intimbereich. Mit aller Kraft halte ich eine Erektion zurück. Disziplin! Er blickt auf und nimmt die Hände aus seiner Scham, grinst dann verschämt, dreht sich aber nicht weg. Ich schmunzle verständnisvoll. Währenddessen pfeift er seine Melodie, und das perfekt. Ich überlege in Sekundenbruchteilen, ob ich mich ihm gegenüber oder neben ihn stellen soll, und entscheide mich für gegenüber. Ich wende mich der Wand zu, drücke auf den Push und beiße mir in die Lippen, denn die Geilheit darf mich nicht einnehmen. Ich schütte mir das Schampoo in die Hand und seife mich von Kopf bis Fuß ein. Dann drehe ich mich um. Herr Rossmann wäscht sich gerade den Schaum vom Kopf. Seine Augen hat er dabei geschlossen. Erst jetzt realisiere ich, dass ich mit meinem Pferdevergleich goldrichtig lag. OH MEIN GOTT, denke ich und spüre wie das Blut in meinem Körper rauscht. Ich ziehe meine Badehose aus und halte sie hoch in den Wasserstrahl, presse dann das Wasser aus ihr heraus, lege sie zur Seite. Dann seife ich mich wieder ein. Mein Herz schlägt schneller denn je und ich führe einen blutigen Kampf gegen meine unstillbare Lust, die sich seit mehr als zehn Tagen hat nicht blicken lassen und jetzt plötzlich mit Verstärkung an mich heranzutreten versucht. Ich führe meine Hände in meine Weichteile und schäume auch diese ein. Und dann weiß ich: das war ein Fehler, denn ein strammer Bursche ist die Folge. Ich versuche zu verdecken, was mir gehört, merke aber ziemlich schnell, wie dumm das ist, denn wie soll ich etwas mit meinen Händen verdecken, das größer als ebendiese ist? Der Rossmann hat’s schon gemerkt und grinst tolerant. Bin ja noch jung und da kann das ja mal passieren, wenn man sich dort hin langt. Seine Hände reiben gerade über seinen Bauch, welcher trainiert zu sein scheint. Ich schmunzle tief-verschämt und hebe Augenbrauen und Schulter hoch und lasse sie zur gleichen Zeit fallen. Verflixt, fettes Eigentor! Ich drehe mich knallrot um und beiße mir auf die Zunge. Wie gerne würde ich mich hier jetzt befriedigen! Doch Selbstbeherrschung ist gefragt. Ich denke an meinen Vater und an seine Ehre und schon ist’s vorbei. Ich drücke auf den Push und wasche mich schaumfrei, gehe halbsteif zum Vorhang und hole mein Handtuch. Es ist üblich, dass man sich im Duschraum abtrocknet, also tue ich es dem Rossmann gleich. Der Waschraum wird von dem Schall tropfenden Wassers, den Atemgeräuschen zweier Männer und dem Reibton von Handtüchern auf menschlicher Haut erfüllt. Ich habe diese Angewohnheit, mich komplett trocken zu trocknen. Also brauche ich nach dem Duschen immer länger. Als sich der Rossmann gerade seine Boxershort überstreift, bin ich noch dabei, meine Haare zu entfeuchten. Er beendete sein Pfeifkonzert und ging in Shorts an mir vorbei, folgendes sagend: „Bis nächste Woche, junger Mann!“

Hätte er sich in dem Moment noch einmal umgedreht, hätte er gesehen, wie hart ich innerhalb von einer Sekunde werden kann. Erfreulicherweise kam es nicht dazu. Seine Worten hatten die Wirkung von Viagra auf mich, obwohl ich nicht weiß, wie Viagra wirkt.

Ich werde jeden Freitag von zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr in’s Hallenbad gehen. Erstens meiner Gesundheit wegen, zweitens der wilden Träume wegen, welche ich jede Nacht von Freitag auf Samstag haben werde.


Müde.

22. Oktober 2010

Das Gefühl, schon alles gesehen und erlebt zu haben, ermüdet mich. Die Welt dreht sich immer um ihre eigene Achse, immer um die selbe Sonne. Menschen führen immer die selben Gespräche und diese drehen sich immer um die selben Themen. Ständig wechseln die Jahre und ständig passiert das Gleiche. Menschen kommen, bleiben und gehen, Wetter passiert und Kinder werden geboren, Zellen teilen sich. Die Zeit wirft Schatten und wird blass. Mein Herz schlägt in unregelmäßigen Farben, wieder und wieder. Alles ist grau und nichts ist neu. Schiffe sinken und Wälder brennen. Hände greifen ineinander und Lippen berühren sich. Briefe werden geschrieben und nie abgeschickt. Die Formen ändern sich und manchmal auch die Farben. Doch im Grunde bleibt alles beim Alten, bei dem, was man kennt oder zu kennen glaubt.

Ich weiß, dass meine Reise erst begonnen hat, dass mich viele schöne, neue und interessante Dinge und Menschen erwarten. Ich weiß auch, dass es dunkle Momente geben wird, die es bestmöglich zu überleben gilt. Doch all das ermüdet mich, gleich, wie schön oder dunkel die Vorstellung an morgen auch sein mag; als wäre das Leben eine schwere Müdigkeit, die über mich hereingebrochen ist. Ich fühle mich schwach und meistens einfach müde. Blicke ich in die Ferne, sehe ich, was auf mich wartet, und das macht mich traurig. Und so kommt es, dass ich oftmals die Traurigkeit umarme, um mich nicht mehr einsam und leer zu fühlen. An manchen Tagen ist der Schlaf meine einzige Zuflucht vor dem, was ich bin und was mich umgibt. Ich träume mich in andere Welten hinein, ganz gleich, ob ich dabei schlafe oder nicht. Dieser Text ist auf eine gewisse Art und Weise im Schlaf vor der Realität entstanden. Die Zeilen sind sind für mich Zuflucht und Heimat zugleich.

Ich bin müde, dabei habe ich kaum etwas gesehen und erlebt.


Sensitivität.

21. Oktober 2010

Und noch Stunden später glühen meine Hände, als wäre dieses Wärmegefühl die Strafe dafür, dass ich seiner Haut zu nahe kam.

Nachts erkenne ich in jedem Winkel meiner Träume das Muster seines Strickpullovers in der Farbe seiner Kornblumenaugen. Ihn jedoch sehe ich nicht. Am nächsten Morgen glühen nicht nur meine Hände; mein Kopf scheint schwer und glühend-heiß.

Und mit einem Mal ist er mein Sitznachbar. Er riecht gut und atmet still. Mehrmals am Tag berühren wir uns; mal zufällig, mal weniger zufällig. Fieberhaft glühen die Gliedmaßen meiner linken Körperhälfte. Jede verstreichende Stunde an seiner Seite scheint eine kleine Ewigkeit zu sein.

Ein paar Berührungen mehr und ich werde zu keiner Zeit an der Kälte des bevorstehenden Winters leiden. Der tiefschürfende Schmerz jeder einzelnen Berührung wird mich warm halten, bis ich eines Tages stumm verglühe.


Der erste Kuss.

13. Oktober 2010

Schläfrig lag ich auf dem schwarzen Rückenpolster meines Rucksackes, welchen ich immer öfter als Kissenersatz missbrauchte, und wünschte mir, dass die zäh kriechende Zeit sich verflüssigt, während der schmächtige Deutschlehrer seinen Lehrauftrag erfüllte und versuchte, uns Schülern an einem Freitagnachmittag, in der letzten Doppelstunde vor dem lang ersehnten Wochenende, etwas beizubringen, das wir schon längst kennen sollten, so oft wie wir das in unserer Schullaufbahn schon durchkauen mussten.

Ich lag da wie ein ausgeschlachteter Fleischklumpen und blickte aus nach Erholung kreischenden Lidern in die scheinbare Leere des Klassenzimmers und versuchte ohne Regung die Staubpartikel zu verfolgen, welche hoch oben in der Pumakäfigluft des Raumes von den Strahlen der bevorstehenden Abendsonne vergoldet wurden, die durch das schmutzbehaftete Fensterglas fielen und dem Zimmer dieser Irrenbildungsanstalt ein hoffnungsvolles Schimmern verliehen. Dieser funkelnde, farblos-flaue Anblick ermüdete mich nach kurzer Zeit und so entschloss ich mich dazu, meine ausgebrannten Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen, denn etwas besseres konnte ich als wissbegierig-gelangweilter Schüler nicht machen.

Nach einem zwanzig-minütigen Sekundenschlaf riss ich entsetzt meine Augen auf, als ich plötzlich die Stimme des jungen Mannes aus der Reihe vor mir vernahm, welcher sanft, fast liebevoll einen Text aus dem Schulbuch vorlas, und in mir die Entfaltung eines längst vergessenen Traumes lostrat, indem er das Wort „Kuss“ über seine Lippe springen ließ, welches zart auf meiner Lippe landete.

Mein Herz schlug so schnell, dass ich aus Angst, jemand könnte es hören, vergaß zu atmen und zu blinzeln, denn ich konnte nicht glauben, an was ich mich erinnerte. Er saß da, vor meinen Augen, und sprach einen Text, den ich nicht einmal wahrnahm, bis mein Unterbewusstsein das Wort erfasste, welches mich schmerzlich übermannte und mein Bewusstsein impulsartig in Brand steckte.

Im Traum, den ich Tage zuvor geträumt haben muss, küsste ich den jungen Mann, welcher Montag bis Freitag vor mir in der Reihe sitzt und zweifelsohne zu den schönsten Kerlen gehört, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin. An manchen Tagen kann ich ihm nicht in sein wunderschönes, klares Gesicht blicken, weil meine Vernunft es mir nicht gestattet, diesen zweiundzwanzig-jährigen Herren insgeheim anzuhimmeln. Doch er sitzt vor meinen Augen, jeden Tag, und redet oftmals mit mir, als kannten wir uns schon immer. Und ich sehe täglich in seine Kornblumenaugen und erkenne darin seine Intelligenz, welche mich immer wieder in die Faszination führt, und seine Aufrichtigkeit, welche mich im Herzen schmeichelt und mir jedes Mal ein Lächeln zaubert. Seine Haut, die fraglos reifer ist als meine, bewirkt in mir einen erotischen Respekt, und so zügle ich mich und beweise Disziplin, beherrsche mich und halte mich zurück, denn etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Doch wie gerne würde ich über sein Gesicht streichen und mit meinen Fingerkuppen durch sein volles, blond-braunes Barthaar gehen, das sein Antlitz veredelt und noch ästhetischer gestaltet, als es ohnehin schon ist…

Im Traum, da küsste er mich. Zum ersten Mal wurde ich geküsst und zum ersten Mal träumte ich davon, geküsst zu werden. Sorgsam hielt er meinen Kopf, sah mir in die Augen, in denen ich mich selbst erkennen konnte, und näherte sich mir, als wäre es nie anders gewesen, und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Unsere Lippen berührten sich und ich fühlte mich wohl dabei, fast geborgen. Im Traum war es das schönste aller Gefühle, denn ich hatte weder Sorgen, die sich erfüllen könnten, noch Hoffnungen, die sich erfüllen sollten. Es war ein hoch-erotisches, sinnliches Erlebnis, das mich schwer aufgeschürft hat.

Er las weiter und Wort für Wort verging die Zeit, doch mein Herz klopfte rasend und mein Atem stand still. Hellwach brannten meine Augen und eine schwere Traurigkeit flutete meine Gedanken und Gefühle. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, der sich nie verwirklichen und für immer nur ein Traum bleiben wird. Ein Traum wie kein anderer und ein Traum, der mich zerreißt und meine Zerrissenheit als unstillbare Durstlandschaft hinterlässt. Diese unbändige Sehnsucht fließt durch meine Adern und schmerzt mit jedem bewussten Herzschlag in seiner Gegenwart.

Ich weiß, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, meinen Durst mit und an diesem jungen Herren zu stillen. Mein Leben ist manchmal sehr bitter und schleicht so lange auf unhörbaren Sohlen, bis ich verwundet und schwach durch die Welt weile. In solchen Momenten schlägt es zu und trifft punktgenau auf mein verletzliches Gemüt. Ich lag auf diesem Tisch und fühlte mich wie durch einen dornigen Holzpflock aufgespießt. Mein Herz war gebändigt in beißender Enge, konnte sich nicht wehren gegen die Traurigkeit meiner Träume und Sehnsüchte, ohne ein größeres Leid zu erfahren. Und so lag ich still schweigend und schwer atmend und leidend auf dem Tisch, und versuchte meinen Kummer unbemerkt herunter zu schlucken, was mir natürlich bestens gelang, denn ich bin der Meister der Masken.

Ich werde mich niemals ausleben können, solange ich ein Doppelleben führe. Diesen jungen Herren sehe ich Tag für Tag und mit jedem weiteren Tag schmerzt mich sein herrlicher Anblick umso mehr. Er spricht nur eine Sprache, ist nicht bilingual, wie ich es bin. Und es ist nicht Liebe, es dieser Durst, der mir so oft die Tränen in die Augen treibt, wenn ich alleine bin.

Eine viertel Stunde nach der stechenden Erkenntnis, Wunderschönes geträumt zu haben, kam zu meiner Scheinrettung endlich die erlösende Zehn-Minuten-Pause um die Ecke. Der junge Mann, der mich geküsst und somit in den tiefen Sumpf der verbitterten Traurigkeit gestoßen hatte, hob seinen Kopf, welcher mittlerweile auf der Tischplatte lag, streckte sich und drehte sich um zu mir.

Einfühlsam lächelnd flüsterte er mir in’s Ohr: „Oh, der Herr Heartcore sieht aus, als könnte er einen Kaffee ebenfalls ganz gut gebrauchen. Ich geb‘ dir ‚was aus. Drei Mal Zucker und einmal Milch, nicht wahr?“


Herbst.

11. Oktober 2010

Jedes Mal, wenn ich dieses Buch in meine jungen Hände nehme, mit meinen müden Fingern über den erschöpften Buchrücken, die 576 Seiten und die zahllosen Post-Its streiche, jedes Mal, wenn ich ein paar Seiten oder Zeilen aus diesem Buch der Bücher lese, verspüre ich einen intensiven Schmerz, welcher mich vollkommen erfüllt und von der Wahrheit und der einzigartigen Schönheit der Worte in mein Innerstes getragen und dort von meiner Seele umarmt wird, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen, als hätte ich keine Mutter und keinen Vater, keine Familie und keine Freundschaften, als ob ich der einzige Mensch auf Erden wäre, der gefunden hat, was er ein Leben lang suchte und nun mit der Angst kämpft, zu verlieren, was er fest umklammert. Dieser unerträgliche Schmerz des Verstandenwerdens, dieses große Gefühl, das mich jedes Mal packt, sich an mich saugt und nicht mehr los lässt, bis ich schlafe und am nächsten Tag wie ein Neugeborenes in die Welt und auf mein Leben blicke, dieses Gefühl, welches nur einer in mir entfachen kann, welches brennt wie eine immer währende Fackeln, bis der Tod in Form des Schlafes uns vereinzelt… Fernando Pessoa, Sie vernichten mich jedes einzelne Mal und beschweren mein schwaches Herz, sodass ich nicht mehr weiterlesen kann, ohne mich zwischendurch dem Tod zu nähern, indem ich schlafe…

„Mein Herz schmerzt mich wie ein Fremdkörper. Mein Gehirn schläft alles, was ich empfinde. Ja, der Herbstanfang, er bringt meiner Seele und der Luft jenes Licht ohne Lächeln, dessen lebloses Gelb das unregelmäßige Rund der wenigen Wolken des Sonnenuntergangs säumt. Ja, der Herbst beginnt, und mit ihm kommt in dieser klaren Stunde, die klare Erkenntnis von der namenlosen Unzulänglichkeit aller Dinge. Herbst, ja, der Herbst, der beginnt oder schon begonnen hat und die vorweggenommene Müdigkeit aller Gesten, die vorweggenommene Enttäuschung aller Träume. Was kann ich erwarten, und woher nehme ich diese Erwartung? Schon in dem, was ich von mir denke, wirbele ich unter Blättern und Staub des Hofes auf der sinnlosen Umlaufbahn des Nichts und raschle als etwas Lebendiges auf den sauberen Fliesen, vergoldet von einer schräg einfallenden, ich weiß nicht wo verlöschenden Sonne.“

Fernando Pessoa — Das Buch der Unruhe — Fragment 202 / Seite 206 / Zeile 15 bis 28


Metallstaubschwarz.

26. September 2010

Metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger.


Porzellan.

20. September 2010

Nach zwölf Stunden Schule bin ich via S-Bahn zur Universität gefahren und habe mich ein wenig in den Gebäuden umgesehen, für deren Fachbereich ich mich interessiere. Auf dem kurzen Weg zur Uni habe ich mich stark melancholisch gefühlt, weil ich meinem „Ziel“, das mir selbst noch unbekannt ist und in nebeliger Ferne liegt, Schritt für Schritt näher komme.

Ich weiß, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme. Ich weiß auch, dass ich eines Tages „erfolgreich“ werden möchte, dass ich eines Tages Stolz in den Augen meiner Eltern, vor allem in den Augen meines Vaters sehen möchte. Ich will, dass mein Vater stolz auf mich sein kann, stolz auf seinen fremden Sohn, der schon von Klein auf anders zu sein schien, als die anderen Kinder aus Familie, Verwandt- und Bekanntschaft. Ich will aus ganzem Herzen geliebt werden. Mir ist klar, dass Stolz und Liebe zwei unterschiedliche Sachen sind. Mir ist auch klar, dass vor mir eine schwere, aber auch abenteuerliche Zeit liegt, die mich auf der einen Seite Nerven und Geld kosten, und auf der anderen Seite Spaß und Freundschaften einbringen wird.

Gestern waren wir als Familie Heartcore bei dem Dozenten meines Vaters eingeladen, der mir so einige Tipps bezüglicher meiner Zukunft gab. Ich mag diesen Herren; er ist analytisch, sehr direkt und er möchte, dass aus mir etwas wird. Während wir also genüsslich Kaffee und Tee, Sahnetorte und Himbeerkuchen zu uns nahmen (SO LECKER!), sprachen wir über mich und meine vagen Pläne. Natürlich haben wir nicht nur über mich gesprochen, aber das ist jetzt egal.

Ich erzählte dem Herren, dass ich im Sommer mit der Schule fertig bin und nicht wirklich weiß, was ich machen möchte. Ich erzählte ihm auch, dass ich mich bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender für eine Ausbildungsstelle beworben habe, obwohl ich mit dem Ende meiner Schulzeit schon fertig ausgebildet sein werde. Dass ich die Fernseh-Sache nur als Airbag ansehe, habe ich ihm auch gesagt. Als das Wort „Ausbildung“ aus meinem Munde sprang, merkte ich allein schon an der Art, wie er seinen Kuchen zerteilte, dass ihm nicht schmeckte, was ich mir da naiv erdachte. Man muss wissen: dieser Mann hat Erfahrung und ist ein ziemlich hohes Tier in der „Branche“. Zudem hat er Kontakte zu fast allen Wirtschaftsbereichen und namhaften Personen, die man sich unter dem Begriff „Branche“ nur vorstellen kann. Vielleicht könnte mir dieser Herr zu einem Sprungbrett verhelfen, vielleicht hat er das auch schon getan. Sein Rat an mich war: Studieren, am besten etwas mit Wirtschaft und Informatik, und das am allerbesten in einer Stadt, deren Name ich hier aus Selbstschutzgründen nicht nennen sollte. Das Gute daran ist, dass mir Wirtschaft in Form von BWL als Schulfach besonders liegt und dass ich mit Informatik ebenfalls bestens klarkomme. Das Schlechte daran ist, dass ich mit Medien besser „umgehen“ kann, als mit Wirtschaft. Ich denke, dass es für mich spaßiger und einfache wäre, etwas mit Medien und Informatik zu studieren. Aber es gibt noch ein Problem: die Mathematik. Sie wird im Studium allgegenwärtig sein, und dabei können wir uns nicht so gut leiden, denn wir verstehen uns zur Zeit nicht. Wir kommen nur gut miteinander aus, wenn die Chemie stimmt, und die ist zur Zeit ungenießbar. Ich denke, dass das an meinem aktuellen „Mathelehrer“ liegt, welcher ein alter Sack im Rentneralter ist, der weder richtig erklären, noch richtig sprechen kann. Wenn ich keine Leitfigur habe, die mich zielführend und zufriedenstellend führt und begleitet, kann ich schlecht lernen. In der Schule habe ich heute eine Aktion gegen den besagten Lehrer gestartet, morgen werde ich Unterschriften sammeln. Meine Prüfungsnote ist mir sehr wichtig, weil alles davon abhängt. In den anderen Fächern gut zu sein, wird mir nicht schwer fallen.

Wir saßen und aßen und tranken und sprachen über Dies und Jenes, über Wirtschaft und Gesellschaft. Irgendwann kamen wir auf das Thema Fernsehen. Der Herr Gastgeber merkte an, dass er den Fernseher kaum anrühre, dass ihn das Fernsehen anwidere wie eine madendurchfressene Schlammleiche. (OK, das hat er nicht gesagt, aber er meinte es so). Ich warf in den Raum, dass es mir ähnlich geht, und dass ich seit Jahren nicht mehr fernsehe, weil mich das Gezeigte einfach langweilt. Da sagte der Herr: „Im deutschen Fernsehen sieht man von Amerika die Wall Street und die Skyline New Yorks oder die schönen Städte, zum Beispiel Los Angeles oder Hollywood. Und wie sieht man Deutschland im deutschen Fernsehen? Als Land der asozialen Arbeitslosen, die zu faul sind, um zu arbeiten, und als Land der korpulenten Hungernden, die zu faul sind, um zu essen. Anstatt solchen gesellschaftsschädigenden Schund zu senden, sollte man Familien wie eure zeigen. DICH und DEINEN VATER sollten die Sender präsentieren und den Leuten klar machen, dass es möglich ist, sozial aufzusteigen, wenn der Wille vorhanden ist! Doch was wird gesendet? Banaler Dreck von der Unterschicht an die Unterschicht. Bitte, lieber Herr Heartcore, ich möchte Sie hoch oben sehen. Befolgen Sie meinen Rat und studieren Sie etwas Brauchbares, das zu Ihnen passt. Vergessen Sie das Fernsehen. Sie sind in Ihrem jungen Alter schon längst aus dem herausgewachsen, was dort gezeigt wird.“

Die Worte des Mannes haben mich sehr gerührt, denn sie entsprangen der Wahrheit. Mir wurde in dem Moment klar, welch Potenzial eigentlich in mir steckt. Ich möchte dieses Potenzial nutzen und ich werde studieren, denn das ist meine Pflicht mir gegenüber.

Mein Vater blickte mich an und ich konnte seine Augen funkeln sehen. Wahrscheinlich sah er in dem Moment seinen zukünftigen Sohn vor sich, oder die Sonne blendete ihn einfach nur.

Stunden später, als wir das wunderschön eingerichtete Haus verlassen wollten, entstand folgende Konversation zwischen meinem Vater und dem Gastgeber, als meine Mutter und die Frau des Gastgebers noch im Wohnzimmer sprachen, während wir schon fertig in den Schuhen warteten.

Vater: „Ach, die Frauen! Lassen immer auf sich warten.“
Gastgeber: „Ja, die Frauen sind etwas ganz besonderes!.. Und wenn wir einmal ehrlich sind: das wahre Sagen in einer Gesellschaft wie der unseren haben immer die Frauen, auch wenn’s nicht so scheint. Ihr Sohn wird eines Tages einmal eine Frau heiraten, die aus dem selben Umfeld kommt, wie er. Er wird sich nicht mit etwas anderem zufriedengeben können, denn stimmt das Niveau und die Chemie nicht, gibt’s nur Ärger. Erinnern Sie sich noch an den Herrn B.?“
Vater: „Klar. Was macht der jetzt eigentlich?“
Gastgeber: „Seine Frau rief einmal vier Mal während eines Seminars an, um zu fragen, wann er denn endlich Heim käme, damit sie mit dem Auto ihre Freundinnen abholen und ins Hallenbad fahren kann. Sie hat den Herrn B. kein bisschen unterstützt. Sie wissen es ja noch gar nicht: Herr B. ist katastrophal durch die Prüfungen gerasselt. Die Geschichte des Herr B. verdeutlicht, dass eine starke Frau wichtig ist, denn die Frau ist die bedeutendste Unterstützung, die ein Mann nur haben kann. Deswegen wird Ihr Sohn sich auch nicht mit einer „Normalen“ zufrieden geben, wenn es denn so weit ist.“
Vater: „Etwas anderes habe ich von ihm auch nicht erwartet. Mal sehen, ob er guten Geschmack beweist.“

Dieser Satz meines Vaters hat mich sehr irritiert und gleichzeitig gebannt. Weshalb das so ist, muss ich ein anderes Mal erklären. Es gibt so einige Dinge, von denen ich gerne erzählen würde, doch mich noch nicht dazu im Stande fühle.

Im edlen Hausflur des Gastgebers hing eine ästhetische Porzellanskulptur, welche hauptsächlich das menschliche Gesicht darstellte. Die farbigen Augen waren weit geöffnet und die dezenten Ohren ebenfalls. Doch der Mund, der wurde von einer Hand verdeckt. Die Frau des Gastgebers beantwortete meine Frage, welche Bedeutung die Hand hat, so: „Alles sehen und alles hören, doch Gesehenes und Gehörtes verschweigen, im Kopf reifen lassen.“ Diese Skulptur, das muss man sagen, war aus feinstem Porzellan und sehr ansprechend gestaltet. Aus dem Kopf der Porzellanskulptur sprossen kleine Plättchen in Form von Quadraten, Kreisen und Dreiecken, die jeweils in den verschiedensten Farben erstrahlten. Diese hauchdünnen Plättchen sollen die Informationen darstellen, die im Kopf der Skulptur heranreifen, in dem sie ab und an nach außen an die Sonne getragen werden, ohne dass jemand etwas davon merkt. Diese Skulptur ist ein Sinnbild für mich. Als ich ihre fabelhaft-verdeckte Aussage erkannte, empfand ich eine große Faszination, denn die Skulptur schien zu sein, wie ich es bin. Ich höre und sehe alles, bin aber wie ein Schwamm, der alle Wasser und Meere in sich zieht, doch niemals ausgedrückt wird und trotzdem weiterhin aufnahmefähig ist. Nur, dass ich im „realen Leben“ schweige und hier, im Internet auspacke. Ich bin wie diese Skulptur.

Auf der Heimfahrt sortierte ich nochmals meine Gedanken bezüglich meiner Zukunftspläne und präsentierte sie meinen Eltern. Schule, Bachelor, Master. Als mein Bruder bemerkte „Jaja, du wirst also Student!“, frug ich ihn des Spaßes halber, was er werden möchte. „Profifußballspieler! Was sonst?!“ Daraufhin meine Mum zu meinem Bruder: „Dein Bruder wird studieren und noch fremder werden, als er eh schon ist…“

Weshalb meine Mum mir nach diesem für mich sehr schönen Tag ein Messer in den wohlig-gelaunten Bauch rammte, ist mir jetzt noch nicht klar.

Doch sie hat Recht. Ich bin und bleibe der fremde Sohn.


Friends on Facebook.

5. September 2010

Irgendwann letzte Woche habe ich auf Facebook „Blut“ zu meinen Interessen hinzugefügt. Daraufhin auf meiner Pinnwand:

Jes: Man fragt sich welche Interessen du mit „Blut“ genau vertrittst. Mir würden auf Anhieb zwei Dinge einfallen und die haben nichts mit Hämotoxinen zu tun.

Heartcore: Ich dachte da eher an Vampirismus oder Blutgeilheit. Neulich wurde ich Zeuge eines Kopfschusses. (Im Film, wo sonst?) Ich fand diesen Vorgang des Sich-Entleibens so berauschend schön, dass ich eine Art inneren Frieden, fast schon eine Art Befriedigung spürte. Es war so abartig!.. Blut ist mein Gemüse.

Jes: Es ist geradezu furios das diese Flüssigkeit uns am Leben erhält. Da ist es nur plausibel, wenn der Körper in sich zerfällt, um eine Art Euphorie zu verspüren. Er stirbt.

Heartcore: JA! Ich erwarte sehnlichst den Tag, an dem meine Adern von kochendem Blut durchströmt werden, nur um mich zu töten! Und dann, in einem stillen Moment, werden wir schweigen, ich und mein Körper. Mein Blut wird gefrieren, es wird sich festigen und für immer starr in meinen Adern schlafen, bis dass der Tod uns scheidet. Hach. :‘)

Jes: Dann werde ich dein Blut exilieren und verdiene mein Geld als Giftmischer. Vielleicht entdecke ich etwas besseres als dieses Fallschirmsprunggefühl.

Heartcore: Du darfst mein Blut aber nur zu ehrenhaften Taten verwenden! Es wäre eine Schande, würde ich verschandelt werden! Vielleicht erfindest du einen Virus, der die Menschheit von allem Leid dieser Welt befreien kann?! (Es soll die Menschen töten! Der Tod ist die einzig wirksame Erlösung.)

Jes: Dann brauche ich ein ganzes Filmteam, um den besten Film aller Zeiten drehen zu können!

Heartcore: Hmm. Aber wenn ich tot bin, kann ich „den besten Film aller Zeiten“ ja gar nicht sehen! Du Dummerchen. :'(

Jes: Wir kommen beide in die Hölle ;)

[Ehemalige türkisch-alevitische Klassenkameradin, mit der ich nie wirklich etwas zu tun hatte. Sie hasst mich, weil ich in ihren Augen kein „richtiger, würdiger Türke“ bin. Zudem haben wir uns seit mehr als einem Jahr nicht gesehen oder gesprochen.]: oh mein Gott, ich wusste ja dass du krank bist, aber des kann man schon garnicht mehr krank nennen. Es befriedigt dich zu sehen wie Menschen sterben, gehts dir eigentlich noch gut? Wegen solchen verstörten Menschen wie du kommt es zu Amokläufen und alles, ich glaub du weißt nichts mehr mit deinem Leben anzufangen du kannst dich auch einfach umbringen wenn du nicht mehr klar kommst, aber behalte solche wiederlichen und kranken Gedanken für dich, sowas muss nicht auf Facebook, ich hoffe du wirst wieder Gesund, für dich & deine Familie !

Heartcore: Ruhig bleiben! Das ist doch alles nicht ernst gemeint… Jes und ich, wir geben immer so Zeug von uns. Finde aber deine Reaktion auf diese relativ sinnfreie Konversation sehr hart und übertrieben. Das hier ist schwarzer Humor und du scheinst ihn nicht zu verstehen. Wird ein Krimibuchautor gleich zum Massenmörder, weil er detailliert Morde, Opfer und Mörder beschreibt? Was ist mit SAW, Braindead oder Hostel? Das sind alles Filme, in denen Blut und Gewalt im Vordergrund stehen. Und trotzdem wird so etwas produziert, in die Kinos gebracht und verkauft. Schon einmal Simpsons oder Happy Tree Friends gesehen? Außerdem ist Amoklauf scheiße. Das mit Winnenden ist an meinem Geburtstag passiert, falls du dich noch daran erinnern kannst. Mein Tag war von einem dunklen Schleier bedeckt, trist und grau. Ich habe an diesem Tag nicht gefeiert, weil mir das gegenüber den Opfern und Familien zu respektlos erschien. Und jedes verdammte Jahr wird das in den Nachrichten kommen. Es kotzt mich an. Ich hasse diesen Idioten! Also komm‘ mir bitte nicht so.

———

Eine Antwort habe ich noch nicht erhalten. Bin aber gespannt! Sie wird ganz bestimmt die Moral- und/oder Ehrenkeulen oder so etwas in der Art auspacken, falls sie überhaupt antworten wird.

Der Satz „…behalte solche wiederlichen und kranken Gedanken für dich…“ hat mich ehrlich gesagt sehr verletzt. Das ist wieder so eine Sache, die mich kränkt. Was kann denn ich dafür, dass ich manche Sachen als belustigend empfinde?

„…ich hoffe du wirst wieder Gesund, für dich & deine Familie!“ — Ich habe nicht vor, „gesund“ zu werden.


Sümbüli Sabah Vakti.

28. August 2010

In einem bröckelnden, mit Efeu umwachsenen Bushaltestellenhäuschen, an dem seit Neunzehnhundertachtundneunzig kein einziger Bus hielt, geschweige denn vorbei fuhr, sitze ich und warte trübselig auf niemanden, vielleicht auf den Tod. Ich erwarte niemanden und ich warte auf ein Wunder, obwohl ich manchmal bezweifle, dass es jene Wunder außerhalb meiner Innenwelt gibt. Im windig frischen Halbdunkeln sehe ich einen heißblütigen Morgen anbrechen, ich sehe, wie rissig der Himmel über mir ist, wie glutrot der Horizont einer anderen Welt durch die aschgraue und pechschwarze Wolkendecke hindurchsticht. Die Zerrissenheit der Wolken erinnert mich an ein Ovum, aus dem augenblicklich ein Küken schlüpfen wird, erinnert mich an das Platzen einer Fruchtblase, an die Geburt eines neuen Menschenlebens.

Im Spiegel erblicke ich die müde Trauer meiner Augen. Und in meinen Augen erkenne ich das Spiegelbild meines müden Ichs. Wie schwach ich doch bin, wie unbegreiflich traurig.

Lebe wohl, liebes Kind des Himmels, du folgenschweres Wunder. Mach’s besser als ich, um Welten besser.

Lebe wohl, guter Morgen.


Secretary.

25. August 2010

Heute habe ich den Film „Secretary“ gesehen, nachdem mir dies am Sonntag nicht möglich war, weil mein Vater für diesen Abend andere Pläne hatte und ich in seinen Plänen eine elementare Rolle spielen musste… (Memo an mich selbst: endlich die Gedanken über den letzten Sonntag in den Computer eintippen.)

Den Film hat mir Frau Fragmente empfohlen, obwohl ich „noch zu jung!!!“ dafür bin. Ab dem heutigen Tage werde ich Empfehlungen von Frau Fragmente anderen Empfehlungen vorziehen, denn ich weiß nun ganz sicher: ihre Tipps sind hochwertig und sprechen mich immer an. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Donnie Darko. (Memo an mich selbst: endlich den fragmentarisch entworfenen Blogpost über Donnie Darko zu Ende schreiben.)

Wer „Secretary“ noch nicht kennen sollte, kann die Wikipedia zur Wissenserweiterung heranziehen. Von mir gibt es nur ein paar Anmerkungen:

  • Das Theme ist toll. Ich muss mir unbedingt den Score bzw. den Soundtrack des Filmes besorgen. Hoffentlich ist so etwas erhältlich! Ich will unbedingt diese großartige Melodie auch außerhalb meines Kopfes hören können.
  • Ich habe mir den Mann (E. Edward Grey, gespielt von James Spader) viel älter vorgestellt, obwohl ich zuvor keine Vorstellung davon hatte, wie, wann, wo und mit wem der Film spielen wird. Wieder so ein Rätsel, das mir mein Gehirn aufgibt.
  • Maggie Gyllenhaal ist im echten Leben die Schwester von Jake Gyllenhaal und in „Donnie Darko“ die Schwester von Donnie Darko. Zufälle gibt’s. (Ich würde gerne mit beiden schlafen. Wäre das dann Inzucht oder so etwas in der Art? Hmm.)
  • Maggie Gyllenhaal ist eine schlichte Schönheit. Ich mag ihre Brüste und ihre Lippen und ihr Lächeln. Hübsche Augen. Kann es sein, dass sie Grübchen hat? Sie trägt im Film Pelz, was ich sehr interessant und schön anzusehen fand. Wie es sich wohl anfühlt, einmal mit der Hand über ihren Venushügel zu segeln? Als sie die schüchterne Lee Holloway verkörperte, fand ich sie unverschämt süß. Als sie die devote Lee Holloway spielte, fand ich sie sehr reizend. Ich mag es, wie sie atmet.
  • Der langsame Wandel der Charaktere und die schleichende Entwicklung der Geschichte hat mir sehr gefallen. „Langsam“ und „Schleichend“ sind zu hundert Prozent positiv gemeint. Tolle Farben! Und traumhaft schöne Detail.
  • Die Ticks der Lee Holloway sind mir gar nicht als solche aufgefallen. Außer das mit der Zunge; das war zu offensichtlich. Und dabei beobachte und analysiere ich immer alles minutiös! (Memo an mich selbst: öfters nicht Beobachten und Analysieren, sondern einfach nur ansehen.)
  • Erkenntnis: Schüchternheit täuscht. Stille Wasser sind tief, genauso wie die Wunden der Lee Holloway.
  • Während Lee Holloway sich irgendwo am Oberschenkel Schmerzen zufügte, musste ich an meinen Glastürenunfall denken und auf die Narben an meiner rechten Hand schauen. Sieht aus wie ein verunglückter Selbstmordversuch!
  • Während ich den vorherigen Abschnitt eintippte, habe ich einen Krampf in meiner rechten Wade bekommen und dabei unbeabsichtigt-eigenartig gestöhnt. Ganz kurz habe ich versucht, den Schmerz zu genießen. Nicht wirklich mein Ding. (Memo an mich selbst: das Ziehen nach dem Krampf ist ganz OK und erträglich.)
  • Für Lee Holloway ist Schmerz das, was für mich die Traurigkeit ist. Faszinierende Parallelen erkannt. Vor allem in der „Hörbuch“-Szene.
  • Der erste Sex der Lee Holloway war für sie nicht sehr berauschend. (Memo an mich selbst: während meines ersten Males auf Zeichen und Körpersprache achten, nicht zu früh kommen. „Standartratschläge“.)
  • Ich dachte, in dem Film wird knallhartes BDSM-Zeug gezeigt, so mit Leder, Lack, Auspeitschen und Fesseln. Ich sollte meine Blitzgedanken überdenken. Das, was gezeigt wurde, empfand ich als sehr sanft und lieblich. Knallhart dagegen sind meine Vorurteile. (Abknallen, sofort!)
  • Meine Mutter hat „Secretary“ schon gestern gesehen, während ich arbeiten war. Ich kam gegen Ende des Filmes zu Hause an. — Mutter kommentierte: „Was ist denn für ein komischer Film?“ Bruder kommentierte: „Die Frau ist ja voll psycho, die ritzt sich, um etwas zu fühlen!“ — Mein Bruder hat den Film nicht ganz gesehen, Mutter dahingegen schon. Ich machte mir viele Gedanken, heute wie gestern, denn ich wusste ja nicht, was meine Mami gesehen hatte. Bin jetzt beruhigt. Mir fiel auf, dass meine Mum an den kritischen Stellen (offensichtlich sexuelle Szenen) immer vorspulte. (Memo an mich selbst: das nächste Mal sollte ich DVDs nicht gemountet lassen.)
  • Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Mir hat „Secretary“ sehr gefallen. Ganz schlicht und schön.
  • (Memo an alle: ich bin für nichts nie zu jung!, glaube ich.)

Das Geheimnis stahlharter Männer.

24. August 2010

Ich kenne es, das Geheimnis stahlharter Männer.

12:00 Uhr — Mittagspause. Ich befand mich allein im Waschraum meiner Ferienjobarbeitsstätte und versuchte tiefschürfend meinen metallstaubschwarzen Händen ihre ursprüngliche Form und Farbe zu geben, als um die Ecke eine Horde Männer das Licht des Waschraumes erblickte und sich augenscheinlich ebenfalls der Körperpflege hingeben wollte.

In meiner Arbeitsstätte findet man jede Art von Mann. Man muss nur die Augen öffnen, oder wie ich, das Spiegelbild des Spiegels analysieren.

Manche Männer sind groß, andere so gut wie klein. Einige Typen sind muskelbepackt, andere eher schmächtig. Diverse Kerle sind behaart wie ein Bär, andere haarlos wie eine Frauenbrust. Und nicht wenige Burschen sind so rau wie eine Bürste oder sogar rauer als ein Schleifstein, während andere weich wie Babyspeck zu Tage treten.

Im Waschraum teilt sich die Mannschaft in zwei Gruppen auf. Gruppe Eins geht durch den Waschraum weiter zu den Toiletten und Pissoirs, Gruppe Zwei bleibt im Waschraum und wäscht sich.

Als ich meine Pranken halbwegs fleischfarben ausgewaschen hatte, wollte ich kurz das stille Örtchen aufsuchen, bevor meine Pause endgültig nach dem zweiten Händewaschen beginnen sollte. Also ging ich durch den großen Waschraum, trocknete meine Hände an dem erstbesten Handtuchziehautomaten ab und betrat die männliche Bedürfnisanstalt meiner Arbeitsstätte. Alle WC-Kabinen waren besetzt, darum positionierte ich mich vor einem Pinkelbecken, um dem Wasser freien Lauf lassen zu können. Man muss wissen, dass ich mich selten an Pissoirs stelle, weil mir das unangenehm ist und unhandlich vorkommt. Heute blieb mir aber nichts anderes übrig, also stand ich dort.

Ich knöpfte zügig meine Jeans auf und packe meinen Pullermann aus, damit dieser seine Aufgabe erfüllen konnte. Während ich still vor mich hin urinierte, wagte ich es, aus den seitlichsten Winkeln meiner Augen nach links und nach rechts zu lugen. Man muss wissen, dass die Pissoirs nah beieinander stehen und keine Art von Sichtschutz bieten. Man ist ja unter Männern, da darf auch einmal heimlich Lümmelschau betrieben werden.

Bei dem Rundblick auf die wahrhaftigen Kindermacher bekam ich große Augen, denn fast alle Pissoirpinkler hatten noch metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger, mit denen sie ihre Zauberstäbe hielten!

Der massiv bestückte (und muskulöse!) Typ links von mir hatte seine Blase entleert und packte zwar schnell, aber nicht schnell genug sein tropfendes Schwert ein, sodass ich gerade noch so sehen konnte, dass der Penis des Typen an den Stellen, an denen er ihn gehalten hatte, nun sichtlich grau bis schwarz gefärbt war.

Ich pinkelte fertig und verließ das Örtchen der Offenbarung, nachdem ich meine Hände gewaschen hatte. Ich ging durch die Tür und dachte mir:

Das Geheimnis stahlharter Männer sind metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger, mit denen man seinen Penis anpacken muss.


Der erste Tag.

19. August 2010

Ich sitze oder stehe mit zwei oder drei Mitarbeitern oder Mitarbeiterinnen in dem einen oder in dem anderen Raum und schiebe mindestens ein, meistens aber mehrere Metallteile gleichzeitig in eine der vielen speziell dafür konstruierten Maschinen. Jedes Mal, wenn ich mindestens ein Metallteil in eine der vielen speziell dafür konstruierten Maschinen einlege, macht es entweder spürbar laut „Tick-Tock“ oder maschinenöl-zart „Tick-Tack“. Jenachdem. Entweder. Oder.

Um meine fleischblutige Existenz herum ist es laut. So laut, dass man Gehörschutz tragen muss. Trägt man keinen Gehörschutz, ist das gar nicht gut für die Ohren – vor allem nicht für meine Ohren, denn „die sind besonders sensibel“, sagte einmal der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt. Trägt man keinen Gehörschutz, fühlt man sich nach wenigen Minuten von den allumfassenden Schallwellen aus dem Gleichgewicht gebracht und in eine rauschende Betäubung gestoßen. Mit anderen Worten: das Trommelfell des Arbeiters oder der Arbeiterin, welches normalerweise am Ende des Gehörganges im Gehirn zu finden ist, wird platt gemacht, genau wie die Metallteile, die ich in eine der vielen speziell dafür konstruierten Maschinen einlege. Die Grenze meiner Schmerzensgrenze hatte ich schon nach einigen Sekunden erreicht.

Der Gehörschutz besteht objektiv betrachtet aus drei Elementen. Das sichtbarste Element ist ein schallisolierender Kapselgehörschutzkopfhörer, der die Außenwelt quasi um achtzig Prozent leiser und somit erträglicher macht. Die anderen beiden Elemente sind Schaumstoffgehörschutzstöpsel, die man mit den Fingern erst fein säuberlich in die Länge kneten muss, ehe man sie sich in die Gehörgänge links und rechts einführen kann. (Vorsicht! Nicht zu tief einführen, sonst tut’s weh! Und das Dünner- beziehungsweise Längermachen nicht vergessen! Zu dick tut nicht gut und zu lang auch nicht.) Nach wenigen Momenten nehmen die Schaumstoffgehörschutzstöpsel ihre einstige Form an, indem sie sich einfach aufbauschen, als wären sie Schlagsahnefäden, die gerade eine Sprühdose verlassen. Dieses Aufbauschen an sich ist völlig schmerzfrei. Man fühlt sich nur ein wenig komisch, weil das Aufbauschgefühl die Umgebung langsam, aber sicher ausblendet, bis man kaum noch etwas wahrnehmen kann (vergleichbar mit dem Gefühl, bewusstlos zu werden). Kombiniert man nun diese drei Elemente, dringt nichts, rein gar nichts in das Gehirn des Arbeiters oder der Arbeiterin, welches normalerweise vorhanden sein sollte.

Man hört nur noch sich selbst, den eigenen Atem und den eigenen Herzschlag. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich höre oder ob ich nur glaube zu hören, wie mein Herz schlägt und wie sich meine Lungenflügel entfalten, um Sauerstoff aus der Luft zu schöpfen, wenn ich mich den Gehörschutzmechanismen hingebe.

Das Aufbauschen ist schmerzfrei, wie schon gesagt. Doch etwas anderes löste – zumindest in mir – tiefe Schmerzen aus: meine Stimme.

Die Sache mit der Stimme… Ich glaube, dass jeder Mensch, der denken kann, im Besitz einer inneren Stimme ist. Das mag sein, mag aber auch nicht sein, ist aber in diesem Fall eigentlich egal (Hinweise gerne in den Kommentaren!). Ich jedenfalls habe eine innere Stimme. Eine Stimme, die sich wandeln, jede erdenkliche Form und Tonlage annehmen und sein kann. Diese Stimme in mir bin ich, das glaube ich zumindest. Ich sehe mich als Ganzes, als einen Körper an, welcher aber auf dieser inneren Stimme basiert. Sie ist in Kombination mit meinen Erinnerungen und Erfahrungen die Grundlage meines Wesens, das Fundament meiner Psyche. Sie ist mein Kommunikationsinstrument zur Außenwelt, wird von meinem Körper in Schrift oder Ton gewandelt und so zu Ausdruck gebracht. Auch der Körper selbst dient zur Kommunikation, genauso wie ein Lächeln oder eine einsame Träne, die sich im Mundwinkel verfangen hat. Diese magische Wandlung fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Der Mensch ist ein verdammtes Wunder!

Die Sache mit der Stimme meines Kopfes… Vor meinem ersten Arbeitstag habe ich sie nie zuvor so stark wahrgenommen. Klar, sie ist immer zugegen, zum Beispiel jetzt, während ich diesen Text schreibe. Sie diktiert meinen Armen und meinen Fingern, was ich wie in diesen Computer zu tippen habe. Sie ist auch da, wenn ich mit Jemandem rede oder Jemandem zuhöre. Doch in solchen Fällen spielt sie eine kleine Rolle, den in solchen Fällen höre ich eher der Stimme zu, die meinen Mund verlässt. Ich bekomme Feedback über meine Ohren: somit kann ich überprüfen, was ich ausgesprochen habe und was nicht – und vor allem, wie ich ‚was ausgesprochen habe. Das ist sehr wichtig!

Ich weiß, dass mein Inneres ehrlich zu mir ist. Die Stimme ist ein Teil meines Inneres und deswegen spricht sie auch die Sprache der Selbstwahrheit. Das mag sein, mag aber auch nicht sein, ist aber in diesem Fall eigentlich egal (Hinweise gerne in den Kommentaren!). Diese Stimme ist knallhart und kritisiert mich zum Beispiel (konstruktiv), wenn ich etwas ausspreche oder signalisiere, das ich eigentlich ganz anders meine. Die Stimme meines Kopfes meint. Ich meine also.

Höre ich Musik, spielt meine innere Stimme, der kleine Heartcore in mir, eigentlich keine Rolle. Der kleine Heartcore hört zu in Momenten, in denen er wirklich nur zuhört. Ich nehme den Text und die Akustik des Musikstückes wahr, verarbeite diese vielleicht. In Momenten, in denen ich mir Gedanken mache, spricht die Stimme wieder. Auch wenn die Musik läuft.

Sehe ich einen Film, spielt mein inneres Auge, der kleine Heartcore in mir, eigentlich keine Rolle. Der kleine Heartcore sieht zu in Momenten, in denen er wirklich nur zusieht. Ich nehme das Bild und die Akustik des Filmes wahr, verarbeite diese vielleicht. In Momenten, in denen ich mir Gedanken mache, spricht die Stimme wieder. Auch wenn ein Film läuft.

Die innere Stimme und das innere Auge. Ein unzertrennliches Paar!

An meinem ersten Arbeitstag stand ich also an einer speziell konstruierten Maschine und schob Metallteile in kreisrunde Öffnungen. Auf meinem Kopf befanden sich der Kapselgehörschutzkopfhörer und darunter die Schaumstoffgehörschutzstöpsel. In mein Gehirn drang keine Akustik von außen ein und das Bild, das meinen Augen geboten wurde, bestand aus der speziell konstruierten Maschine und meiner Aufgabe, die ich so schnell wie möglich zu erledigen hatte. Ich konnte nicht wegschauen, weil sich die Maschine vor mir immer weiterdrehte und ich mit ihr einen Taktakt bilden musste, damit ich meine Aufgabe so schnell wie möglich erledigen kann. Monotonie at it’s best.

Um mich nicht zu langweilen, fing ich an, mir Gedanken zu machen. Erst beschäftigte ich mich mit der Arbeit und dem Umfeld, in dem ich mich befand, und reflektierte die bis dorthin erlebten Gesichter. Danach schweifte ich auf abwegige Pfade ab und verlor mich im Gestrüpp meiner Selbst, das eigentlich ein unendlich flächiger und unübersichtlicher Regenwald ist. Die ständige Stille und der Input, der nicht vorhanden zu sein schien, zwang mich geradezu, mich mit meiner inneren Stimme zu beschäftigen. Ich war zusammen mit meiner unbestimmbaren Stimme in meinem unstimmigen Kopf gefangen! Gefangen, in einer Gummizelle… links und rechts nur Schaumstoff und Gummi, oben und unten nur Gehirnmasse, Blut und Knochen(gewebe)… Interniert in mir selbst und mit mir selbst allein…

Nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass ich nicht der Panik verfallen darf, wenn ich in dieser Firma weiterhin arbeiten will. Also sprach ich mit mir selbst, schrieb nie abgeschickte Briefe und nie veröffentlichte Blogeinträge, sang die Lieder, die mir auf der Zunge lagen, und malte mir nie da gewesene Bilder aus.

Doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Ständig diese Bilder und ständig diese Stimme(n)! Ich sehnte mir die Stille herbei, die absolute Stille, doch dabei befand ich mich inmitten einer solchen Stille, die mich komplett für sich eingenommen hatte. Nur das Grundrauschen des Lebens und meine Gedanken durchbrachen das absolut Unhörbare. Mir wurde klar, dass es nur eine einzige, absolute Stille gibt: den Tod.

Die Angst saß mir im Nacken und flüsterte mir vorlaut ins Ohr, doch ich konnte weder aufsehen, noch hinhören. Ich musste den Fluss der Maschine aufrecht erhalten. „Nicht panieren, nicht panieren!“

Und wie aus dem Nichts wurde mir klar: ich bin ein Teil der Maschine. Zwar denkend und aus Fleisch und Blut, doch trotzdem ein Teil einer ganzen Maschine, die ohne mich nicht funktionieren kann. Das machte mich einerseits interessant und andererseits unfassbar traurig.

Ich war gerade dabei, innerlich meine Trauer zu zelebrieren, als einer der zwei oder drei Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen neben mir stand und mich lustig von der Seite anfummelte. Ich stoppte die Maschine, nahm meine Kapselgehörschutzkopfhörer ab und zog dann langsam meinen linken Schaumstoffgehörschutzstöpsel aus meinem Gehörgang, damit ich etwas verstehen konnte – denn Lippenlesen, das kann ich noch nicht!

Die erlösenden Worte des Mitarbeiters waren: „Du kannst an die Kopfhörer auch einen mp3-Player oder iPod anschließen! Probier’s mal, vielleicht gefällt’s dir!“

Ich stand da wie der letzte Idiot des untergehenden Abendlandes und grinste so lange debil in die kleine Abteilung, bis mein Trommelfell Schmerz verzeichnete und meine Augen freaky zu zucken begannen. Der Schmerz befreite mich aus meiner Idiotie und ich kam wieder zu mir.

Das erste Musikstück, für das ich an meinem ersten Arbeitstag während der viel zu lauten, tonlosen Arbeit die Ohren spitzte, war folgendes: { Anhören! } „Ave Maria“ in der Version von Giulio Caccini & Paul Pritchar aus dem Album „Donnie Darko (Soundtrack & Score)“.

Das befriedigendste Musikerlebnis, das ich je hatte.


Teppichfransen.

13. August 2010

Ich lag gerade lesend auf meinem Bett, leicht und wohlig bekleidet, als ich zügig-schwere Schritte vernahm, die sich in das Stockwerk bewegten, in dem ich mich befand. Die Türe meines zuvor aufgeräumten Zimmers stand bis zum Anschlag offen, sodass ich den flüchtigen Schatten meiner Mutter erkennen konnte, die sich in das Badezimmer bewegte, in dem die Waschmaschine gerade der dreckigen Wäsche ein Schleudertrauma verpasste. Ich zuckte nichtsahnend mit den Schultern und dachte mir nichts dabei. Der Fokus meiner Augen legte sich wieder wie von selbst auf das digitale Endgerät, das ich still in meinen Händen hielt.

Wenige Minuten später schoss meine Mutter aus dem Badezimmer in Richtung Schlafzimmer. Ich konnte hören, wie sie Schubladen auf- und zuschob. Nach ein paar Sekunden schien sie gefunden zu haben, was sie suchte. Ich vernahm, wie ein Teppich ausgebreitet wurde, wieder und wieder, bis er perfekt auf dem Boden auf lag; es konnte nur ein Gebetsteppich sein. Leise schlich sich das unverständliche Flüstern einer Frau an meine Ohren, welches mir bestätigte, dass meine Mutter sich dem Nachmittagsgebet hingab.

Es beschämte mich, dass gerade ich, der große Bruder, der, in den so viel Hoffnung gesetzt wird, gemütlich auf dem Bett lag und dem Gebet meiner Mutter lauschte. Ich machte mir sehr lange Gedanken darüber, ob mein passives Verhalten respektlos gegenüber Gott oder meine Mutter ist, als diese plötzlich am Rahmen der Tür stand und leicht kopfschüttelnd in meine Richtung blickte.

MM (Meine Mutter, auf Türkisch natürlich): „Was machst du?“

Heartcore (auch auf Türkisch): „Ich lese gerade einen Artikel über Zukunftschancen.“

In Wirklichkeit las ich das Blog, das ich abends immer lese. Darin ging es um Zukunftschancen. Ich hatte also nicht gelogen.

MM: „Und wann hast du vor, etwas sinnvolles zu tun? Los, steh‘ auf und wasch‘ dich! Press‘ deine Stirn auch mal auf den Teppich!“

Heartcore: „Hmm. Wir gehen doch nachher eh in die Moschee!..“

MM: „Ja, und? Los jetzt.“

Heartcore: „Mama, wir beten nie 5x am Tag. Warum ausgerechnet heute?“

MM: „Weil jetzt Ramadan ist. Und damit deine Fastenzeiten anerkannt werden.“

Heartcore: „Warum sollten diese nicht anerkannt werden?“

MM: „Das weiß nur Gott. Auf jetzt! SOFORT!“

Gott. Das beste Totschlagargument, das meine Umgebung gegen mich zu bieten hat.

Ich legte also das digitale Endgerät zur Seite und rappelte mich auf, streckte mich und ging müden Schrittes in das Badezimmer, um mich rituell zu waschen. Das Gefühl von Wasser im Mund löste kurz einen Schock in mir aus, denn zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist Flüssigkeit sowie Nahrung jeglicher Art verboten. In Sekundenbruchteilen wurde mir aber klar, dass das Ausspülen des Mundes während der rituellen Waschung ausdrücklich erlaubt ist. Im Spiegel blickte ich mich einige Augenblicke interessiert an und versprach mir, dass ich einmal Bilder von mir machen werde, auf denen Gesicht und Haare nass sind.

Frisch gewaschen verließ ich das Zimmer mit dem meisten Wasservorkommen des Hauses und begab mich ins Schlafzimmer meiner Eltern, in dem der Gebetsteppich schon sehnsüchtig auf meine Stirn zu warten schien. Ich bereitete mich vor und warf mit der üblichen Bewegung am Ohr alle Welt hinter mich. Innerlich sprach ich die arabischen Texte, von denen ich nicht ein einziges Wort verstehe. In den wenigen Koranschulen, die ich besuchen musste, lernte ich den Koran zu lesen, doch nie die Bedeutung dieser Texte, von denen man einige für das Gebet auswendig können muss. Ich sprach also in einer Sprache, von der ich weder ein Wort verstehen, noch sprechen kann.

Während ich im Kopf vor mich hin flüsterte, spaltete sich mein Gehirn und ich konnte zwei-gleisig denken. Die eine Gehirnhälfte sprach weiterhin die arabischen Suren, die andere Gehirnhälfte dachte darüber nach, welchen Sinn mein Gebet hat.

„Ich bete hier nicht aus Überzeugung. Ich bete hier, weil meine Mutter mir das sozusagen befohlen hat. Und ich weiß doch gar nicht, ob ich an Gott glaube! Ich denke schon, dass es einen Gott gibt. Könnte ja sein. Aber beweisen kann das natürlich niemand. Man braucht ja keine Beweise, um glauben zu können, das sehe ich ein. Ich weiß einfach nicht so recht… Jemand, an den man sich in den dunkelsten Momenten klammern kann, ist schon ganz nützlich, psychologisch gesehen. Aber dafür habe ich doch Twitter. ORRR, wie komme ich denn jetzt darauf? Ist Twitter Gott oder etwa göttlich? Schnell, Gedanken wechseln! Sonst wird mein Gebet komplett aus allen Nähten platzen. Dabei ist es das doch schon passiert: ich denke an andere Dinge, obwohl ich nur an das Gebet und die Suren denken sollte…“

Mein Blick, so starr wie Aluminiumfolie, löste sich langsam von dem Punkt auf dem Gebetsteppich, den ich die ganze Zeit über wie in Trance angestarrt hatte. Mir wurde klar, dass das nicht wirklich Glaube ist, was ich dort auf dem Teppich veranstaltete. Doch ich konnte nicht abbrechen, meine Vernunft ließ dies nicht zu. Ich sprach die restlichen Suren auf und setzte mich im Schneidersitz nieder, um mein Gebet gemäß dem Koran zu vollenden. Der letzte Teil des Gebetes ist der betenden Person überlassen. Man öffnet die Hände und spricht zu Gott. Interessanterweise spricht man, so habe ich es als Türke gelernt, auf Türkisch.

„Aber warum denn bloß? Hätte ich die Suren nicht in deutscher oder türkischer Sprache aufsagen können? Wenn Gott allwissend ist, kann er doch auch jede Sprache sprechen und verstehen, die jemals existiert hat, oder etwa nicht?“

Als ich dies gedacht hatte, wurde ich traurig.

„Was ist, wenn es Gott wirklich gibt? Was ist, wenn ich ewig in der Hölle schmoren muss, weil ich nur semi-gläubig bin? Würde mir Gott vergeben für das, was ich bin? Man sagt, das Leben der Menschen stehe schon fest. Man spricht von Schicksal oder Kısmet. Und wenn das so sein sollte, kann ich etwas dafür, dass ich so bin, wie ich bin? Kann ich überhaupt etwas anderes sein?“

Meine bebenden Augen füllten sich mit Tränen, die nie über den Balkon meiner Wimpern sprangen. Ich saß da, die Hände für Gott geöffnet, und zweifelte an seiner Existenz und an meiner Bestimmung. Ich saß da, im Schneidersitz, und litt, als ich die Teppichfransen studierte, die mich ablenken und betäuben sollten.

Ich war und bin hungrig. Ich faste, weil man das so macht im Islam. Die Idee dahinter verstehe ich; man soll den Schmerz der Armen fühlen. Doch ist das überhaupt möglich? Nach Sonnenuntergang werden die Bäuche mit Nahrung zugespachtelt, man isst sich einen schönen runden Bauch. Und kurz vor Sonnenaufgang nochmals. Ist das sinnvoll? Wie soll man denn so bloß fühlen können, was die Hungrigen dieser Welt fühlen?

Heute Abend werde ich mit meinem Vater in die größte Moschee der Umgebung gehen, für deren Aufbau mein Großvater verantwortlich ist. Dort werde ich unter Gläubigen sitzen und zweifeln, mich in Grund und Boden schämen. Ich werde dort sitzen und innerlich zersetzt werden, wie von einer bitteren Säure, die sich durch Fleisch und Blut frisst. Dabei bin ich der namentliche Erbe meines geliebten Großvaters.

Ich fühle mich zerrissen, ich fühle mich in meine kleinsten Bestandteile gespalten. Ich bin hungrig und durstig, doch mein Hunger und mein Durst gelten nicht den Mitteln, die ein Mensch zum Überleben braucht, nein. Ich bin hungrig nach Antworten und durstig nach etwas, an das ich mich klammern kann, das mir Halt gibt, in den dunkelsten Momenten. In Momenten, wie diesen.


Knebelehre.

4. August 2010

Meine Mutter hat wieder „für meine Zukunft“ eingekauft. Besser gesagt: für meine Zukünftige. Heute morgen lieferte die Post zwei riesige Kartons bei uns ab. Die Postbotin scherzte: „Sind da Töpfe drin?“ Ich wusste natürlich nicht, was in den Kartons war. Ich unterschrieb und schob die beiden Kisten ins Haus.

Am Mittag platzte meine Mutter vor Freude, weil „es endlich da ist“. Verwundert verließ ich mein Bett, das eigentlich meine heilige Festung war, und schlenderte ins Wohnzimmer, in dem die Kartons nun auf dem Esstisch standen. Die Postbotin hatte Recht: in dem einen Karton befanden sich wirklich Töpfe. Kochtöpfe jeder Art und dazu auch noch Pfannen. In dem anderen Karton befand sich ein riesiges Besteck- und Koch-Set. — „Das ist alles für dich!“ — Nachdem sie mir die gelieferten Edelstahlwaren detailliert und alle einzeln vorgeführt hatte, durfte ich die beiden Boxen nach oben in den Dachboden tragen. Der Dachboden liegt im vierten Stock und die Treppen dorthin sind ab dem zweiten Stockwerk vollgestellt. Mein Aufstieg war „steinig und schwer“, im wahrsten Sinne des Wortes…

Es freut mich, dass meine Mutter an mich bzw. an meine Zukunft denkt. Aber dass sie ständig irgendwelche Sachen ins Haus bringt, die ich später einmal in die Ehe mitnehmen soll, geht mir mitten ins Herz. Anstatt sinnvoll in meine Zukunft zu investieren, gibt sie das Geld für Gebrauchsgegenstände aus, die auf dem Dachboden ihren Wert verlieren.

Vorhin telefonierte sie mit irgendeiner Freundin, als ich in der Küche war, um etwas zu trinken. — „…meine Eltern kommen am Tag vor Ramadan wieder zurück. … Na, weil mein kleiner Bruder in Deutschland geblieben ist! Er isst sein Brot ja noch zu Hause. … Nee, der ist immer noch nicht verheiratet…“ — Der Bruder meiner Mutter ist 20.

Und ich, ich bin 17. Ich plane nicht, zu heiraten. Mit wem auch? Ich habe keine Freundin.

Tag ein, Tag aus. Es vergeht kaum einen Tag, an dem meine Mutter nicht von Heirat, Hochzeit und Ehe redet. Sie spricht zwar selten mit mir darüber, dafür aber mit anderen: mit Freundinnen und Besuchern, mit Tanten und Tantchen.

Ich fühle mich umzingelt, fast schon in die Ecke gedrängt. Als wollte sie „such‘ dir endlich eine Freundin“ sagen. Vielleicht meint sie das auch.

Mir macht am meisten Angst: dass ich meine Eltern eines Tages richtig enttäusche, weil ich nicht der Sohn bin, den sie in mir sehen (wollen). Und eigentlich möchte ich sie nicht enttäuschen. Doch ich kann nicht ändern, was ich bin.

(Aus diesem Text lässt sich der dicke Knebel, der in meinem Hals steckt, etwa kurz vor dem Herzen, nicht herauslesen. Deswegen dürft ihr euch vorstellen, wie mir dieser Knebel das Atmen erschwert.)


Schuljahr 09/10 — Teil Eins.

1. August 2010

Das erste Schuljahr ist in einem Zug an mir vorbeigerauscht. Vieles hat sich geändert in diesem ersten Jahr, vieles hat sich gefestigt und vieles hat sich verflüchtigt.

Blicke ich in meine noch faltenfrei Erinnerung zurück, sehe ich meinen ersten Schultag vor mir, als hätte dieser erst gerade eben stattgefunden. Wie früh ich aufgestanden war, um mich auf diesen Tag vorzubereiten, um diesen Tag zu begrüßen, indem ich der Sonne beim Aufsteigen zusehe. Ich hatte mich den Sommer über auf diesen einen Tag im September gefreut, auf den Tag, der mein Leben verändern und mich in eine Richtung tragen sollte, die ich mir selbst ausgesucht hatte.

Gründlichst hatte ich mein Gesicht gewaschen, minutenlang die Zähne geputzt, meine fassungslosen Haare in eine ansehnliche Form gebracht, mich schlicht und unaufdringlich gekleidet und im Spiegel angelächelt, als der Wecker zu klingeln begann. Ich wollte Eindruck hinterlassen.

Im Auto ging ich in Gedanken nochmals meinen Rucksack durch. Stifte, Spitzer, Mäppchen, Schreibblock, Essen und Trinken, Fahrkarten, Geld, Kopfhörer. Alles war da. Es musste da sein, denn ich hatte diese Tasche so oft gepackt. Ich überlegte mir zum tausendsten Mal, was ich sagen würde, falls man sich vorstellen sollte. — „Hallo ich bin der Heartcore … nein … Hallo, ich heiße Heartcore und…“ — Mein Herz schlug so stark, dass ich den Puls deutlich an meinem Halse spüren konnte. Ich legte meine Hand auf diese Stelle und zählte: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, — und schon war ich draußen. Ich konnte nicht mitzählen, weil ich zu langsam dachte und weil mein Herz zu schnell schlug. Die Vorfreude hatte mich gepackt, ich saß in einer mentalen Achterbahn, fuhr Looping um Looping. Es gab keinen Halt für mich. Ich wollte dieses neue Leben betreten.

Ich stieg aus dem Auto und stand mitten im Lichte der Sonne.


Wie gerne.

31. Juli 2010

Wie gerne würde ich nochmals neben meinem Großvater liegen und seinem Atem lauschen. Wie gerne würde ich nochmals versuchen, mein Atmen an seine Lungen anzugleichen und wie gerne würde ich dabei scheitern. Wie gerne würde ich daliegen und genießen, dass er mit seinen weisen Händen durch mein lockiges Haar fährt, langsam und zärtlich. Wie gerne würde ich ein letztes Mal seinen letzten Atemzug spüren, seinen letzten Herzschlag. Wie gerne würde ich ihm ein letztes Mal in die Augen blicken. Wie gerne würde ich mit ihm sterben, in seinem letzten Augenblick, während seinem letzten Zucken.


Schwerfälliger Regen.

26. Juli 2010

Der schwerfällige Regen schlug kleine Krater in das unruhige Wasser, ließ mit jedem Tropfen ein Stück vom pechschwarzen Himmel am Boden zerschellen. Verloren in einer traurigen Faszination, welche den zahlreichen Regentröpfchen galt, die schwerelos und millionenfach gleichzeitig an der Oberfläche des Wassers abprallten, folgte ich dem Gedanken, was ich in diesem Blog schreiben und veröffentlichen möchte.

Monatelang habe ich nach einer Maske gesucht, hinter der ich meine Wahrheiten und Geschichten aussprechen kann, ohne mich zu fürchten. Die Anonymität gibt mir das Wissen in die Hand, keine Konsequenzen für das Aussprechen von Wahrheiten und Geschichten tragen zu müssen. Dieses Angebot nehme ich dankend an, denn ich möchte von mir erzählen, möchte diesen schwarzen Klumpen loswerden, der da auf meinem Herzen sitzt und mich wie ein Krebsgeschwür von innen heraus zerfrisst.

Dieses Weblog soll meine Krebstherapie werden.


Krusten.

24. Juli 2010

Es ist an der Zeit, die Krusten meiner vernarbten Seele abzuschaben.


Traurig blau und perlweiß.

31. März 2010

Heute hatte ich nur eines im Kopf: das eventuell anstehende Treffen mit Frau Fragmente. Indes habe ich überlegt, was wir machen könnten, wenn die Sonne scheint. Ob die Sonne letztlich scheinen wird, ist natürlich ungewiss, doch ich hoffe sehr, dass dieser Tag ein strohgoldener Tag in der Sonne des Aprils sein wird.

Ich stelle mir diesen hoffentlich angenehm-sonnigen Tag so vor: Wir treffen uns irgendwann zur Mittagszeit an einer zuvor abgemachten Stelle in der Stadt (der Bahnhof bietet sich geradezu als diese Stelle an; den Weg dorthin kennt sie ja schon), und fahren dann in das wenige Meter entfernt liegende Parkhaus.

Den Moment unserer Begegnung möchte ich nutzen, um das zu tun, was ich letztes Mal unterdrückt habe, weil ich dachte, es wäre unangebracht.

Wir werden das Parkhaus verlassen und uns in ein Café setzen, um anschließend gemütlich an dem See entlang zu laufen, den ich persönlich als sehr schön empfinde. (Ich kenne eigentlich nur diesen einen See, es gibt bestimmt schönere.) Vielleicht werden wir aber erst den See und dann das Café aufsuchen; je nach dem, wie uns gerade ist.

Ich habe über Tage hinweg Fragen und Stichworte notiert, denn dieses mal möchte ich „vorbereitet“ sein. Das letzte Mal hatte ich zwar ein positives Gefühl, doch fehlte es von meiner Seite aus an Fragen; da ich sie nicht wirklich „kannte“ und nicht wusste, was ich sie fragen kann bzw. ob ihr die Fragen zu privat wären. Im Nachhinein war das ein bisschen feige von mir.

An diesem Tag wird das anders sein, das weiß ich.

Während wir an dem See entlang laufen werden, werden kleine, weiße Wolken den tiefblauen Himmel bruchstückhaft bedecken; die Sonne wird nicht zu intensiv scheinen. Es wird warm sein, aber nicht heiß. Ein leichter Wind wird durch ihr Haar wehen und ihre Augen werden im Sonnenlicht erstrahlen. Die Augenfarbe eines Menschens ist im Sonnenlicht am intensivsten. Die Wolken werden Schatten auf den See werfen, welcher edlen Enten als Zuhause dient. Das saftig-grüne Gras wird im Takte des Windes mitschwingen und kleine Gänseblümchen werden glücklich mitwippen.

Nach und nach werden die weißen Wolken ein Stück traurig-blauen Himmel freilegen und wir werden uns auf eine perlweiße Parkbank setzen und die Wolken am Rande des traurigen Blaus betrachten. Vielleicht werden wir die Wolken zu deuten versuchen, wer weiß.

Manchmal spielt dort ein älterer Herr Klavier, vielleicht wird er an diesem Tag an jenem Ort sitzen und die Luft in Melancholie tränken.

Wir werden über vieles sprechen, ich werde ihr so einiges erzählen, was ich hier erzählen möchte, wenn ich endlich die Maske der Anonymität aufgezogen habe.

Am Ende des Tages werde ich ein bisschen traurig sein, weil es so schön und kurz war, doch das wird mir lehren, den Moment zu schätzen und in mir festzuhalten.

Diesmal werde ich ganz besonders auf ihre Stimme achten und mir diese Stimme einprägen, denn ich erinnere mich nur noch an ein zartes „Tschüss!“ am Telefon.

Und dann wird sie wegfahren und ich werde ihr glücklich bis traurig hinterher winken. „Lebe wohl, Schwesterherz!“

So könnte das stattfinden. Ich lasse mich überraschen und bin nicht enttäuscht, falls nicht.


Waldbrand.

29. März 2010

An Tagen wie diesen scheine ich nicht zu leben. Vielmehr träume ich einen Traum, in dem ich gefangen, doch unglücklicherweise glücklich bin. Das unbestimmbare Gefühl gleicht einer unbestimmbaren Unruhe, als würde der Variationswald der Persönlichkeit lichterloh brennen. Der innere Waldbrand und die äußere Maske, die Fassade, hinter der wir uns verstecken, niemals werden sie sich vereinbaren lassen.

So zerstückelt, so zerrissen, als sei ich das Puzzle meiner Unruhe, einer erfüllenden Unruhe, die mich trägt, hinaus in ferne Länder…


Tiefblauer Himmel.

25. März 2010

„Eine Übelkeit erregende Frische in der kalten Reglosigkeit eines lauen Meeres.“

Die Banalität meines Lebens zeichnet sich in den von der Sonne vergoldeten Wolken ab. Kleine Schäfchen in der Obhut des Himmeldaches.

Eines dieser Schäfchen ist klar und deutlich zu erkennen; es ist reiner in seinem Weiß als alle anderen.

Während die anderen zu einem aschgrauen Sumpf der Allgemeinheit verschmelzen, steht das weiße Schäfchen einsam am Rande des Teiches. Tief im Inneren ist es glücklich über seine weiße Einsamkeit im Blau des Himmels, welcher so blau ist, wie es ein Himmel nur sein kann.

Das Schäfchen hat gelernt, mit der weißen Einsamkeit zu leben; sie ist Freund und Begleiter und immer in der Gedankenlandschaft vorhanden. Insgeheim hofft das Schäfchen, dass die goldene Sonne der Klarheit die aschgraue Masse entzwei teilt und der Einsamkeit ein Ende setzt.

Er wird kommen, dieser himmelblaue Tag, an dem sich die Schmetterlinge der Verlockung auf den weißen Flieder der Zweisamkeit setzen werden.

Landschaften aus dem Bilderbuch der Träume ziehen an mir vorbei.

„Alles fesselt mich und nichts hält mich.“

Ich liebe diesen Satz.


Twitter Conversations [1].

16. März 2010

@thistell: Alles Fiktion? Wenn du was brauchst melde dich. Explodieren? Kann ich dir ein Lied singen. Kein schönes.

@Heartcore: Sing es mir vor, @thistell, vielleicht verliere ich mich darin und finde mich wieder.

@thistell: Man hält sich für unzerstörbar; meint durch die Explosion den eigenen Wirkungsradius vergrößern zu können. Es ist nutzlos.

@Heartcore: Was soll ich tun? Das rote oder das blaue Kabel durchtrennen?

@thistell: Abwarten und Tee trinken. Es wird dir von selbst einfallen.

@Lowrids: Ich glaube, es ist einfach: Du brauchst eine Freundin, in die du verliebt bist und mit der du mehr Zeit verbringst als mit Twitter.

@Heartcore: Ich wünsche mir das seit geraumer Zeit, doch noch ist sie mir nicht begegnet. Sie irrt da draußen umher, ohne mich zu kennen und würde sie mich kennen, würde sie einen großen Bogen um mich herum machen. Wer will schon jemanden, der so ist, wie ich?

@Lowrids: Was redest du da für Unsinn. Sorry, aber das musste gesagt werden. Die Frage wird vielleicht eher sein, ob die Art Mädchen, die dich wegen deiner Art und deiner Werte besonders anziehend findet, auch umgekehrt dir gefällt. Da hab ich keine Ahnung. Frag doch mal Frau @Fragmente danach, die kennt dich persönlich und kann als Frau beurteilen, was für ein Typ du bist und auf welchen Typ Mädchen du Eindruck machen kannst. Ganz plump gesagt: Es gibt ca. 4 Milliarden Frauen auf der Erde, davon sind viele jung genug und ganz in deiner Nähe. Also nur Mut!

@Heartcore: Ich weiß nicht, was ich rede. Es verlässt mich, sprudelt aus mir heraus. Ich weiß, es gibt diese Person da draußen. Ich bin zuversichtlich sie eines Tages zu finden. Doch wann wird dieser Tag kommen? Es bleibt im Ungewissen.

@Lana74: aber Schatz Du hast uns und Twitter, das ist mehr als manch andere in Deinem Alter haben! <3

@Heartcore: Das stimmt. Ihr seid in solchen Momenten für mich da, doch ich sehne mich nach einer Schulter, nach einer Brust, an die ich mich lehnen kann. Ich sehne mich nach einem Menschen, der mich auffängt, und zwar physisch.

@Lana74: und auch das verbindet viele von uns!!!

@Heartcore: Werde mich jetzt Pessoas Buch widmen, genauer gesagt werde ich Fragment 41 auf den Seiten 49/50 lesen. (@silenttiffy)

@silenttiffy: Fragment 49 tötet mich. Das ist 1:1 aus meinem Kopf.

@Heartcore: Tiffy! Fragment 41 hat mich soeben ermordet. Ich werde mich jetzt zu 49 durchlesen. Mein Tod ist nah, ich spüre es.

@silenttiffy: Auf keinen Fall sterben, kleiner Abdu! Die Welt braucht dich! :)

Das mit den Regentropfen wie Diamanten, wie Krümel, ist das nicht eine wunderschöne Stelle? #41

@Heartcore: Ich wünsche mir, davon zu träumen. Denn diese Zeilen strahlen eine Schönheit aus, von der ich nur träumen kann. Weißt du, mein Herz schlägt schneller und rast, wenn ich diese Stelle lese. Mir bleibt der Atem weg und ich kann nicht denken, weil mir der Sauerstoff fehlt. Ich wünschte, ich würde in Ohnmacht fallen, um davon träumen zu können.

Diese Diamanten, ich sehe sie mich blenden. Vielleicht erkenne ich in deren Licht mein „wahres Ich“, so wie sich Pessoa selbst erkannte. Ich wünschte, ich könnte es. Ich werde dir auf Ewig dankbar sein.

@silenttiffy: Er sieht mit seinen Facettenaugen Schönheit in jedem Millimeter der Erscheinungen. Seine Seele färbt die Welt schillernd ein. <3

Ich liebe es, dass es immer die traurigen Seelen sind, die zu diesem Zauber der Wahrnehmung befähigt sind. Das ist des Leidens Lohn.

@Heartcore: Traurigkeit ist das Gefühl, dass mich „am meisten“ erfüllt, das ich „am besten“ spüren kann. Einerseits breitet sie sich wie ein Tumor in mir aus, zerfrisst mich manchmal, andererseits ist es das, was ich an mir liebe. Die Gabe der Traurigkeit ist etwas ganz besonderes; ich möchte sie nicht verlieren und doch möchte ich von ihr nicht zermalmt werden. Lieber leide ich, anstatt an Oberflächlichkeiten festzuhalten. Ich glaube, das ist meine Bestimmung.

@silenttiffy: Guter Gedanke, den jeder gute Psychotherapeut dir bestätigen und nahelegen wird: Die Melancholie behalten, aber nicht an ihr leiden. Das eigentliche Leid rührt daher, dass man die Traurigkeit als etwas „falsches“ betrachtet, das abgeschafft werden muss, wenn man „glücklich“ werden will. Aber das ist Quatsch. Wenn man die Traurigkeit bejaht tut sie paradoxerweise gar nicht mehr weh.

@Heartcore: Ich zögerte, die Traurigkeit zu umarmen, doch dank dir weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich strecke meine Arme aus und hoffe, dass sich mein Zustand bessert. Die Paralle dazu ist erschreckend: „Und darum sollten wir uns umarmen bis der Notarzt kommt oder wenigstens die Schwarte kracht.“

@silenttiffy: hahahaha! :) Schlaf gut. Ich knicke weg wie ein Schilfrohr. Wannanders mehr.

@Heartcore: Ich wünsche dir einen Traum, der dich glücklich macht, egal ob der Inhalt traurig, lustig, trashig oder nuttig ist. Schlaf gut!


Pessoa [2].

16. März 2010

Werde mich jetzt Pessoas Buch widmen, genauer gesagt werde ich Fragment 41 auf den Seiten 49/50 lesen. (@silenttiffy)

Wenigstens gibt mir dieses Buch das Gefühl von Verständnis.

„Doch ich weiß weder, was ich empfinde, noch, was ich empfinden will, ich weiß weder, was ich denke, noch, was ich bin.“

„Ich stelle fest, daß ich mich, sooft ich auch heiter und zufrieden bin, doch immer traurig fühle.“

Fragment 41 beschreibt HAARGENAU den Weg, auf dem ich vorhin ging, und die Gedanken, die ich dabei hatte.

Er vernichtet mich, reibt meine Knochen zu Staub und streut sie über dem unendlichen Meer der Sehnsucht, immer und immer wieder. Sein Name ist Pessoa, zu dessen Seele ich mich hingezogen fühle, so stark und intensiv, wie zu niemanden je zuvor.

Und plötzlich fallen mir tausend Bilder ein; in meinem Kopf findet ein Feuerwerk der Phantasie statt. Traurigkeit ist eben meine Bestimmung.


Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der „weise, türkische Junge“. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

„Es ist real, aber woanders.“ – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, „was besser wäre“. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so „reingerutscht“ bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.


Der 13. März.

13. März 2010

Heute vor zwei Jahren erreichte die Freundschaft zwischen mir und Paul ihren Höhepunkt. Nie zuvor war sie intensiver; nie wieder erlangte sie diesen Grad an Intensität.

Wenn ich an diesen Tag denke, leide ich, denn Paul befindet sich nun hinter dem schweren Vorhang der Vergangenheit.

Nie werde ich den Ausdruck seines angsterfüllten Gesichtes vergessen, als er jenes Blut an meinen Händen erblickte.

„Lass es uns ‚VV‘ nennen.“


In der Ecke.

13. März 2010

Ich hasse Menschen, die mich in die Ecke drängen.

„Und was genau machst du jetzt? … Warum denn das? … Denkst du, dass das eine Zukunft hat? … Nein, das wird nichts. … Was machst du danach? Was, du weißt es noch nicht genau? … Du musst es wissen, sonst wird das nichts. … Du musst dein Ziel kennen. … Nein, am besten, du machst etwas anderes. … Ich sehe keine Zukunft darin. … Heutzutage geht es nur ums Geld. … Du solltest das verwerfen. … Aus dir wird so nichts.“

Ich schweige, um nicht zu platzen.


Honig.

12. März 2010

Es macht mich irgendwie traurig, dass meine Ausdruckweise an einem Punkt angelangt ist, an dem es mir schwer fällt, mich mit Gleichaltrigen zu verständigen. Gleichzeitig hat es Vorteile für mich. Doch was nützen mir diese Vorteile, wenn ich das, was ich sagen möchte, in einer Art und Weise ausdrücke, in der es die meisten Menschen, mit denen ich es zu tun habe, nicht verstehen?

Eben habe ich die erste Antwort auf einen Kommentar hier gegeben; dabei wurde mir wieder etwas bewusst: Wenn ich mir Gedanken über etwas mache, das ich an sich schon „weiß“, dann erweitert sich mein Wissen über diese Sache bzw. mein Denken darüber wird klarer.

Vor mir steht ein Glas Kamilletee, in dem der Honig schwer und träge auf dem Boden liegt. Rühre ich um, so löst sich der Honig nach und nach auf. Nehme ich den Löffel schnell während dem Rühren aus dem Glas, sehe ich, wie der Honig langsam nach unten sinkt und beim Sinken an seinen Rändern aufgerauht wird und sich langsam, aber dennoch auflöst.

Vielleicht sind meine Gedanken wie Honig.

Mein Ziel hier ist es, meine Gedanken zu überdenken und in Wortkleider zu hüllen, um Klarheit und Ordnung in meinem Kopf zu schaffen. Nebenbei soll hier ein Nachschlagewerk für mich selbst entstehen, das offen für Leser ist.

Mal sehen, wie es sich entwickelt. Das wichtigste fehlt mir noch: Eine Identität, eine Maske, ein Pseudonym.


Live dabei.

11. März 2010

Gestern schrieb ich: „Ich erwarte nicht, dass man sich andauernd bei mir meldet. Ich erwarte auch nicht, dass man ständig etwas mit mir unternimmt. Ich fände es nur schön, auch abseits von Feier- und Geburtstagen von anderen zu hören.“

Mir ging eben ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht empfinde ich das so, weil ich jeden Tag sehr viel von „Menschen aus dem Internet“ lese, an deren Leben teilnehme. Meine Twitter-Timeline wird täglich von schätzungsweise 3.000 Tweets durchströmt. Ob diese Zahl stimmt, kann ich nicht sagen; ich denke, dass es so viele Tweets sind.

Dieser kleinen Informationsbruchstücke kann man am Stück kaum abarbeiten, es ist „sinnvoller“ live dabei zu sein. Twitter läuft bei mir immer nebenbei, egal, wo ich mich befinde.

Ich glaube, dass sich bei mir ein „Informationsbruchstück“-Gefühl entwickelt hat. Ich möchte immer auf dem Laufenden sein, möchte mitbekommen, wie es den anderen geht. Mir ist es egal, ob diese Menschen nun aus meinen bürgerlichen Leben oder aus dem Internet kommen. Ich möchte wissen, wie es den Menschen geht, die mich interessieren.

Twitter ist perfekt für mich. In der Timeline kann ich lesen, wie es um die Person gerade steht. Im RL ist das schwieriger; ich kann und will mich nicht bei jedem erkundigen.


Dieser eine Tag.

10. März 2010

Morgen werde ich 17 Jahre alt. Dieser Tag ist zwar mein Geburtstag, doch ich habe nicht vor, etwas besonderes zu veranstalten. Eigentlich wollte diesen Tag ganz normal durchleben. Schlicht, so wie jeden anderen.

Vorhin rief Marie an. Sie war überrascht darüber, mich an der Strippe zu haben. Normalerweise bin ich mittwochs erst gegen 19 Uhr zu Hause. Schon an ihrer Stimme merkte ich, dass sie eigentlich nicht mit mir, sondern mit meiner Mutter oder meinem Vater sprechen wollte.

Sie fragte mich, was ich denn morgen so vor hätte. Gute Frage.

Ich habe mir den morgigen Tag so vorgestellt:
Morgens Schule mit ein bisschen Alles-Gute und Geburtstagsstimmung inklusive Händedrücken, Rückenklopfern und Blabla. Mittags dann wie immer. Abends vielleicht Kuchenessen mit Eltern. In Sachen Geschenken habe ich keine Erwartungen. Geschenke am Geburtstag sind nicht so meine Sache. Ich würde mich viel mehr über spontane Aufmerksamkeiten außerhalb meines Geburtstages freuen.

Immer mal wieder wird mein Mobiltelefon klingeldingsen. Ich werde ein paar Kurzmitteilungen erhalten und mein Twitter-Client wird mit Geburtstags-Replies verstopft sein. Wenn ich ehrlich bin, wird es mich freuen. Doch auch hier gilt: Man kann mich auch ruhig außerhalb meines Geburtstages kontaktieren. Ich werde Kurzmitteilungen von Menschen erhalten, die sich sonst kaum bei mir melden. Schön, dass diese wenigstens an meinem Geburtstag an mich denken.

Das hört sich jetzt so vorwurfsvoll an. Doch es ist, wie es ist. Ich erwarte nicht, dass man sich andauernd bei mir meldet. Ich erwarte auch nicht, dass man ständig etwas mit mir unternimmt. Ich fände es nur schön, auch abseits von Feier- und Geburtstagen von anderen zu hören. Ich habe es satt, immer der zu sein, der sich meldet.

Abends, so gegen 22 Uhr, hätte ich mich in mein Bett gelegt und ein bis zwei Stunden auf Twitter verbracht. Ein schlichter Tag mit gewohntem Ende.

Doch nun kommt es anders. Marie wird abends hier sein und wir werden wahrscheinlich ein bisschen rumdaddeln, Germanys Next Topmodel anschauen und uns dabei den Bauch mit Kuchen vollschlagen.

Insgeheim freue ich mich, dass sie an mich gedacht hat. Aber irgendwie wäre es mir lieber gewesen, wenn ich diesen Tag hätte einsam verbringen können. Nunja, mal sehen, wie es sich entwickelt.


Pessoa [1].

10. März 2010

Diesen Montag habe ich angefangen, „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa zu lesen. Es lag schon länger auf meinem Nachttisch, doch ich konnte mich nicht dazu aufraffen, es endlich mal in die Hand zu nehmen.

Aktuell bin ich auf Seite 32 und kann schon sagen: Noch nie zuvor habe ich mich so stark in den Worten eines anderen wiedererkannt.

Mein Gefühlseindruck diesem Buch gegenüber ist schwer zu beschreiben; es ist, als hätte Pessoa viele meiner Gedanken in einer Art niedergeschrieben, wie es mir nicht möglich ist.

Vor mir liegen noch 500 Seiten und ich bin gespannt, welche Parallelen ich noch entdecken werde.


Seite 24 // Fragment 10.

10. März 2010

„Und so bin ich — ein belangloser, sensibler Mensch — fähig zu heftigen, verzehrenden Impulsen, bösen wie guten, edlen wie niedrigen, nie aber zu einem dauerhaften Gefühl, nie zu einer Emotion, die fortwirkte und in die Substanz der Seele einginge. Alles in mir neigt dazu, weiterzugehen und etwas anderes zu werden; es ist eine Ungeduld der Seele mit sich selbst wie mit einem lästigen Kind; eine wachsende, immer gleiche Unruhe. Alles fesselt mich und nichts hält mich. Ich achte auf alles und träume beständig; ich bemerke jedes noch so winzige Mienenspiel meines Gesprächspartners, nehme die kleinste Veränderung in seiner Stimme wahr, und während ich ihn höre, höre ich ihm nicht zu, sondern denke an etwas anderes, am allerwenigstens aber erinnere ich mich an das, was gesagt wurde, von mir und von ihm. So sage ich jemanden stets aufs neue, was ich ihm bereits mehrfach gesagt habe, oder stelle ihm eine Frage, die er mir bereits beantwortete hat; und doch kann ich mit vier photographischen Worten die Gesichtsmuskeln beschreiben, mit denen er mir sagte, woran ich mich nicht mehr erinnere, oder den Augenausdruck, mit dem er aufnahm, was ich mich nicht erinnern kann, ihm gesagt zu haben. Ich bin zwei, und beide halten Abstand — siamesische Zwillinge, die nicht miteinander verwachsen sind.“

Fernando Pessoa.


Existenzerhaltungstheater.

9. März 2010

Durstig wache ich auf, weit und breit keine Wasserflasche in Sicht. Zu müde, um die Treppen herunterzulaufen; zu durstig, um einfach wieder einzuschlummern. Ich rede mit mir selbst, unhörbar. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an den Inhalt meines Selbstgesprächs erinnern, doch ich weiß, dass ich ein Selbstgespräch geführt habe. Es war eher so „Frage-und-Antwort“-mäßig. Nach ein paar Minuten bin ich wieder eingeschlafen.

Traumbeschreibung:
Ich befinde mich in einer Stadt, sie kommt mir bekannt vor, doch ich kenne ihren Namen nicht. Mit einer Person, ich glaube, jemand aus der näheren Verwandtschaft, laufe ich eine Straße entlang. Es ist dunkel, die Straßenlaternen leuchten gelblich-orangeartig. Die Straße ist eher ein Gasse, oder sogar ein Pfad. Ich erinnere mich an Erde und wie diese unter meinen Schuhen knirschte.

Zusammen mit dieser Person betrete ich ein Haus. Meine Erinnerung sagt mir, dass das Haus aus Lehm oder so etwas ähnlichem gebaut war und die Form einer Halbkugel hatte. In diesem Haus befand sich ein dicker Herr. Es war unglaublich heiß, ich glaube mich an einen Bachofen zu erinnern. Brot?

Filmriss.

Ich erinnere mich an vier Jugendliche, die einen Jungen verfolgen. Ich schätze, dass diese Jugendlichen um die 20 Jahre alt waren, genau wie dieser Junge. Ich und dieser Junge rannten so schnell wir konnten und versteckten uns in einer Seitengasse. Ich glaube, dass wir eine Treppe hochgerannt sind. Ich befinde mich in einem Badezimmer und kann von der Tür aus den Jungen die Treppen hoch rennen sehen. Ich rufe ihn herbei, und als er das Badezimmer betritt, schließe ich die Türe und drehe den Schlüssel um.

Was dann genau passiert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zusammen mit diesem Jungen onaniert habe. Ich sehe das Sperma auf dem Boden, dann sehe ich das Gesicht und die Augen des Jungen. Sein Blick ist traurig.

Und in diesem Moment wache ich auf. Meine Boxershort ist gefüllt und entsprechend verklebt. Die letzten Tropfen verlassen meinen Körper.

Es ist 4.50 Uhr. Ich liege da und frage mich, welche Bedeutung dieser Traum hat. Je mehr ich versuche, mich an die Details zu erinnern, desto trüber werden meine Erinnerungen. Ein eigenartiger Traum.

Feuchte Träume im Zusammenhang mit Jungs habe ich selten, fast nie. Ich verstehe nicht, was mir das alles sagen soll.

Den Inhalt des Traumes kenne ich nicht. Doch ich weiß, dass er spannend war. Ich erinnere mich an Gefühle und matte Gesichter / Gesichtsausdrücke. Es ist, als hätte ich ein Buch gelesen, dessen Geschichte ich vergessen habe, von der ich aber weiß, das sie aufregend war.

Die letzten Wochen waren langatmig und monoton. Vielleicht versucht mein Geist, mich „am Leben“ zu beteiligen, in dem er mir packende Abenteuer vorspielt. Eine Art Existenzerhaltungstheater.

Mein Leben ist langweilig und meine Phantasie ist bunt. Manchmal treffen sich diese beiden Welten und veranstalten eine farbenprächtige Orgie. An solchen Tagen stehe ich unter Strom.

Ich brauche keine Drogen, ich habe meine Phantasie.


Donnerstag, nachmittags.

9. März 2010

Seit zwei Wochen versuche ich, diesen einen Donnerstag in einen Text zu bannen, doch es gelingt mir nicht. Das deprimiert mich.

Es war ein Gespräch, wie kein anderes; besonders in der jeglicher Hinsicht. Ich konnte und kann es nicht festhalten.

Vielleicht gibt es Dinge, die man nicht verewigen sollte. Und vielleicht gehört diese Konversation zu diesen Dingen.


Donnerstag, mittags.

2. März 2010

12.00 Uhr. Mein Regional Express fährt ein. Ich habe mich bewusst gegen die S-Bahn entschieden, denn die Schneedecke über Stuttgart ist geschmolzen und endlich kann ich wieder etwas anderes als schwarz, grau und weiß sehen.

Während meiner Fahrt schmökerte ich in meinem RSS-Reader; als ich diesen Blogpost las, musste ich irgendwie an Paul denken. Die Frage “Wie oft masturbieren Sie am Tag?” konnte ich schnell beantworten: Keinmal. In letzter Zeit einmal in drei Wochen.

Ich fühlte mich ein bisschen dreckig, da ich nicht geduscht hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht.

Es deprimiert mich, dass ich kaum Zeit für mich selbst habe. Ich wusste an diesem Tag nicht einmal, warum ich überhaupt noch in diese Schule fuhr. Ich hätte mich auch in ein Café setzen können. Hat es sich zu einem Zwang entwickelt?

Was würde Paul jetzt dazu sagen? Was würde er mir raten? Und wie geht es ihm überhaupt?

Seit Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe etliche Male versucht, ihn zu erreichen, doch entweder war er (angeblich) nie da, oder er hat meine Anrufe und Nachrichten in Form von SMS/eMail/Mailboxaufnahmen ignoriert. Sollte ich einfach mal bei ihm vorbeischauen? Was würde ich mit ihm reden? Könnte ich das überhaupt?

12.30 Uhr. Hauptbahnhof Stuttgart. Ein hässlicher Bahnhof. Ich lasse mir Zeit beim Aussteigen, denn ich habe sie ausnahmsweise zur Verfügung. Ich laufe so langsam wie möglich über die abgenutzten Steinplatten. Dabei erkenne ich Dinge, die ich morgens nie sehe. Bin ich blind?

Die S-Bahn in den Stadtteil, in dem meine Schule liegt, fährt in zehn Minuten. Acht davon verbringe ich auf einer Sitzbank, indem ich Menschen beobachte. Hektisch bis gelassen, jede Sorte ist vertreten. Interessanterweise sind die Leute an diesem Tag bunter als sonst angezogen.

Zwei Minuten dauerte mein Weg von der Sitzbank zur S-Bahn. Die stickige Luft im Waggon war nicht zu ertragen, doch mein Ziel war bald erreicht.

13.00 Uhr. Der Bus fährt um 13.07 Uhr. Und wieder schlage ich meine Zeit mit Beobachten tot. Das gefällt mir, ich mag es, dem Lauf von Dingen zuzuschauen. Es beruhigt und macht mich irgendwie glücklich.

Ich sehe, wie eine Mutter ihrem Kleinkind eine Brezel kauft, wie Tauben die herunterfallenden Krümel aufsammeln und wie andere Passanten den Tauben noch mehr Brotartiges auf den Boden werfen. Ich sehe, dass die Wilhelma die Papageien freigelassen hat und ich höre, wie diese kreischen. Ich sehe, wie das Wasser vom Brunnen gegenüber herabplätschert; vielleicht tut es das zum ersten Mal. Der Stein, aus dem das Wasser quellt, wirkt trocken und spröde. Bald wird sich eine feine Schleimschicht auf ihm absetzen. Eine Art Schutz vor der Außenwelt.

Ich erblicke viele, sehr viele Menschen auf den Straßen. Die meisten tragen eine Tüte oder ein Kind an der Hand. Besonders die älteren Damen und Herren stechen heraus. Sonst sieht man sie selten, weil sie grau und unscheinbar gekleidet sind. Doch heute sehe ich viele prächtige Farben an ihnen haften: Blutrot und sonnengelb, grasgrün und königsblau. Ein buntes Meer bestehend aus Menschen und ihren Fassaden.

13.08 Uhr. Der Bus hat Verspätung, doch er ist da. Im Inneren sitzen nur eine Hand voll Menschen. Die Gesichter sind mir unbekannt. Woher sollte ich diese auch kennen?

13.15 Uhr. Eine Kindergarten-Gruppe steigt in den Bus ein. Nein, eigentlich waren es Krabbelgruppenkinder. Ein kleiner Junge mit blauen Augen und blonden Haaren wird neben mich gesetzt. Er ist eigentlich ganz niedlich, doch das chinesische Mädchen gegenüber ist viel süßer. (Wird man gleich zum Pädophilen, wenn man so etwas schreibt?)

Der Junge fragte in den Raum: „Wo fahma hin?“ Seine Betreuerin antwortete: „In den Kindi!“ Der Junge: „Des holport aba! Des holport!“ Dann guckte er verdutzt um sich. Sein Blick blieb an mir haften. Er setzte eine ernste Miene auf und spitzte seine Lippen. „Un wo fahrs du hin?“ Seine kleinen Augen hatten mich fest fixiert, die Betreuerin grinste und wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich sagte: „Ich fahre in die Schule!“ Und plötzlich wurden seine Augen groß. Die ernste Miene war verschwunden; ein strahlendes Kind saß nun neben mir. „Wenni groß bin, dann gehi au in Schul.“ Das chinesische Mädchen klatschte und bemerkte, so ganz nebenbei: „Ick au! Aba alleine! Un mi Tasche!“ Beide Kinder musterten sich und kicherten ein bisschen.

In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas Gutes getan hatte.

(Diese Kinder träumen davon, groß und stark zu werden, um dann in die Schule zu gehen. Im Gegensatz dazu träume ich davon, groß und stark zu werden, um nicht mehr in die Schule gehen zu müssen.)

13.20 Uhr. Ich stehe auf und verabschiede mich von den Kindern. „Tschühüss!“ „Du geh jez in Schul!“ Eine ältere Dame starrt mich an, als sei ich ein Kinderficker. Ich glaube Zähneknirschen zu hören.

Warum wird man gleich blöd angemacht, wenn man Kinder zum Lachen bringt, ihnen etwas mitgibt? In der ZEIT lese ich etwas von Kindesmissbrauch. Hmm.

13.30 Uhr. Zehn Minuten dauert mein Weg von der Bushaltestelle den Berg hoch ins Schulgebäude. Ich habe den Matheunterricht und den Deutschunterricht verpasst. Who cares? Der Content dieser Fächer langweilt mich eh. Dem Kultusministerium fällt nichts besseres ein, als den Schülern die Inhalte der vergangenen Jahre zuzumuten. Gleichgültiges Pack! Ich verstehe die Schulschwänzer. Teilweise. Zwar ist das mein erstes „freiwilliges Fehlen“, doch ich kann nachvollziehen, warum tausende Schüler und Studenten einfach nicht in den Lehranstalten erscheinen: Der Inhalt ist langweilig, die Lehrbeauftragten sind zum Kotzen und die Lernbedingungen unzumutbar.

Ich hole etwas weiter aus: Ich habe mich letztes Jahr für eine weiterführende Schule entschieden, die mir damals aufgrund ihrer fachlichen Ausrichtung sehr gefiel. Damals, als ich mit meinem Vater auf der Info-Veranstaltung war. Dort wurde die Schule als „Wunder des Schulsystems“ angepriesen. Ich bin natürlich darauf reingefallen und habe mich dort registrieren lassen.

„Die Fächer entsprechen mehr oder minder meinen Interessen“, dachte ich. Nun, der erste Monat in dieser Schule war schon etwas besonderes. Ich fühlte mich wohl. Die Versprechen der Informationsveranstaltung wurden eingehalten. So weit, so gut. Doch dann ging es richtig los. Montag bis Freitag von acht bis siebzehn Uhr. Anfangs nahm ich an, dass ich das meistern könnte. „Ist ja genau mein Ding!“ Eben nicht. Inzwischen hat sich der Unterrichtsstoff in einen Bereich verschoben, der dem Ursprünglichen kaum noch entspricht. Und das allerschlimmste: Der Stoff wird vom Ministerium vorgegeben.

Bitte, liebes Kultusministerium, versuche dich nicht in technischen Dingen. Ich glaube, und davon bin ich fest überzeugt, dass du keine Ahnung von der Welt da draußen hast. Wie kannst du uns SO ETWAS nur zumuten? Für mich bist du ein altbackenes Stück Scheiße. Wir sollen Dinge lernen, deren Entwicklung schon vor Jahren eingestellt wurde!? Hast du dich JEMALS in der Computer- und Internetwelt umgesehen?

Ich wünsche mir eine Revolution. Ich möchte ein neues Schulsystem.

Selbst meine Freunde, die sich für andere Schulen entschieden haben, sagen das selbe: es ist unzumutbar.

Doch wir haben es so gewollt, wir müssen das ertragen. Wer achtet schon auf die Meinung von Schülern und Studenten?

13.35 Uhr. Ich stehe vor der Tür ins Klassenzimmer, bin ein bisschen unsicher. Eine Ausrede habe ich schon: Ich musste mir beim Arzt Blut entnehmen lassen. Ein Attest kann ich nicht vorlegen, weil ein solches fünf Euro kostet und ich erstens kein Geld und zweitens keine Lust hatte, für dieses Stück Papier zu zahlen.

Ich betrete also das Klassenzimmer und werde von einem „Woah! Du kommst aber früh!“ begrüßt. Ich glaube, dass ich selbstsicher gelächelt habe. An meinem Platz saß die einzige Person aus dieser Klasse, mit der ich mich anständig unterhalten kann. Der Platz daneben war frei, also setzte ich mich dort hin.

„Ich trage Sie dann ‚mal als anwesend ein.“ höre ich den Herrn Lehrer sagen. Schön, dass ich „anwesend“ bin. Und daraufhin verlässt er das Klassenzimmer. Jetzt ist also Pause.

13.45 Uhr. BWL ist ein Fach, das ich wirklich mag und in dem ich gut bin. Obendrein haben wir eine kluge Frau Ende 30 als Dozentin; Sie hat einen schwarzen Humor und das schätze ich sehr an ihr.

Jessica, das Mädchen, das auf meinem Platz saß, wirkte angeschlagen. Als ich sie darauf ansprach, reichte sie mir ihr Handy und blickte betrübt aus dem Fenster.

Ich kann mich zwar nicht an den ganzen Text erinnern, doch die letzten Zeilen der SMS waren folgende: „Such dir jemand anderen für ernste Gespräche.“

Ich reichte ihr das Handy zurück und sie sagte, dass wir nachher über etwas reden müssten.

15.20 Uhr. Der Unterricht ist beendet. Jes und ich sind die letzten, die das Klassenzimmer verlassen. Wortlos laufen wir den Gang entlang. Wir beide wissen, dass unausgesprochene Worte im Raum hängen. Doch hier können wir nicht reden. An der Bushaltestelle mussten wir fünf Minuten warten, ehe der Bus eintraf.

„Dass du jetzt noch gekommen bist, hat sich aber voll gelohnt!“ höre einen Klassenkameraden grölen. Seine hässliche, hinterhältige Lache enerviert mich. „Ich mag BWL.“ „Jaja, würde ich jetzt auch sagen!“ Ohne ein weiteres Wort aus mir zu lassen, steige ich den Bus ein.

Ich habe keine Lust, mich mit hirnamputierten Jugendlichen herumzuschlagen. Ich schweige und gut ist.

15.40 Uhr. Die Busfahrt über habe ich Musik gehört, damit mich keiner anspricht. Jes ebenfalls. Am Bahnhof haben wir uns dann von den anderen verabschiedet und uns auf eine Bank im Freien gesetzt.

[Fortsetzung folgt…]


Donnerstag, morgens.

28. Februar 2010

5.40 Uhr. Weckerklingeln. Eigentlich müsste ich jetzt aufstehen, doch auf mir lastet ein Sack Zement. Der gestrige Tag war kräftezehrend. Mir fehlt die Kraft und die Lust, ein einhalb Stunden durch die Gegend zu fahren, nur, um mich in einen Betonklotz zu setzen. Ich stellte den Wecker 20 Minuten vor.

6.00 Uhr. Würde ich jetzt aufstehen, könnte ich den Bus noch erwischen. Aber ich habe meine Tasche noch nicht gepackt und die Hausaufgaben von Dienstag nicht erledigt. Nein, ich werde mit dem 6.48 Uhr Bus fahren, dann komme ich zwar zu spät, aber das ist egal. Mathematik war mir nie wichtig.

6.25 Uhr. Es reicht mir. Ich werde nicht in die Schule gehen.

7.30 Uhr. Meine Mutter betritt das Zimmer und ist verwundert darüber, dass ich noch im Hause und nicht schon längst unterwegs bin. Als sie mich fragt, ob ich den Bus verpasst habe, erzähle ich ihr, dass die ersten beiden Schulstunden ausfallen würden, da der Lehrer krank sei. Eine dicke, fette Lüge. Sie glaubt mir, eine andere Option hat sie nicht.

Von meinem Schulleben bekommt meine Familie so gut wie gar nichts mit. Ich erzähle nicht gerne davon, denn es läuft fast immer gleich ab. Zudem möchte ich nach 12 Stunden Unterricht, Hin- und Rückfahrt nicht mehr darüber nachdenken, geschweige denn, davon sprechen.

Meine Mum öffnete das Fenster und verließ daraufhin leise mein Schlafgemach. Ein paar Minuten später hörte ich ein „Tschüss!“ und das Zuknallen der schweren Haustüre.

10.00 Uhr. Zum ersten Mal in diesem Jahr werde ich von Sonnenschein geweckt. Mit einem Lächeln im Gesicht bleibe ich noch ein bisschen liegen. Mein warmes, von der Sonne bestrahltes Lächeln wird größer, als ich die ersten Vögel zwitschern höre. Die hereinströmende Luft ist angenehm; nicht zu kühl, nicht zu warm. Ist nun endlich der Frühling da?

So entspannt, so gelassen, wie in diesem Moment war ich schon lange nicht mehr. Meine Trägheit war wie weggezaubert. Was so ein kleines bisschen Sonne auslösen kann, fasziniert mich immer wieder aufs neue.

10.10 Uhr. Das Hupen eines Autos reißt mich aus meinem Sekundenschlaf. Ich überlege kurz, was ich machen könnte und schaue dabei auf die Uhr. Ich spüre die Erektion, die sich unter der Bettdecke anbahnt. Nun ist mir klar, was ich machen werde.

Ich versuchte mich an meine letzte Masturbation zu erinnern, doch es gelang mir nicht. Ich konnte nur den Zeitpunkt eingrenzen: Mitte/Ende Januar.

Ist es nicht ein bisschen seltsam, dass sich ein Jugendlicher nicht an seine letzte Masturbation erinnern kann?

Wahrscheinlich fehlt mir die Zeit. Und die Lust. Wenn ich zu Hause ankomme, möchte ich nichts anderes als warmes Essen und mein kleines, feines Bett. Dieses ständige Erschöpftsein bedrückt mich. Ich möchte mich nicht bewegen und auch nicht mit irgendjemanden reden. Ich möchte einfach nur daliegen und Musik hören. Alleine sein.

10.15 Uhr. Ich schalte den Computer ein, setzte das „Privates Surfen“-Häkchen im Browser und grase die mir bekannten Porno-Seiten ab. Kaum neues, das mich anspricht. Also doch wieder die Favoriten.

11.00 Uhr. Ich bin fertig und ein bisschen außer Atem, doch ich fühle mich gut. Seit Wochen hatte ich dieses Verlangen nach Befriedigung; nie habe ich es erfüllt. Keine Zeit, keine Lust, keine Gelegenheit.

Als ich auf die Uhr schaute, wurde mir klar, dass meine Lüge auffliegen würde, wenn ich jetzt noch im Haus bliebe. Der nächste Bus in die Stadt würde um 11.18 Uhr fahren. Ich musste mich beeilen, fürs Duschen reichte mir die Zeit nicht. Ich packte meine Tasche, Inhalt: Mäppchen und BWL-Ordner, zog mich an und machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Zuvor habe ich natürlich meine digitalen und analogen Spuren beseitigt und versucht, ein bisschen Hygiene zu schaffen.

11.20 Uhr. Zum allerersten Mal überhaupt scheint die Sonne, während ich mit dem Bus durch die Landschaft fahre. Dieses warme, fast herzliche Gefühl, das Sonnenstrahlen auslösen können, glaubte ich fast vergessen zu haben. Auch die Menschen um mich herum scheinen wohlauf zu sein. Sonst sind sie wie starre Puppen: sprachlos, ausdruckslos, gleichgültig. Doch an diesem Tag hatten sie ein Lächeln im Gesicht, so wie ich.

Aus meinem iPod tönte laut und intensiv der Song, den ich über den Winter hinweg sicher hunderte Male gehört habe: „Güneş olmalı, sıcak hep sıcak. Çiçek olmalı, solmayan onu bulmalı. Yağmur olmalı, sakince ince yağmalı. Durulmalı. Durulmalı. Durulmalı.“ Endlich wurden diese Worte wahr.

[Fortsetzung folgt…]


Zement.

24. Februar 2010

Über den Tag hinweg fallen mir hunderte Gedanken in die Hände, die alle darauf warten, niedergeschrieben zu werden. Von Stunde zu Stunde steigt das Volumen dieser Gedanken, doch schon bald purzeln die ersten Bruchstücke zu Boden und zerschellen wie ein Glas in der Unruhe.

Unruhe. Davon wollte ich eigentlich schreiben. Jedoch lastet die Erschöpfung eines langen Tages auf mir, als wäre sie ein schwerer Sack Zement.

Vielleicht sollte ich mich einbetonieren lassen. Lebendig.


Wahrheit.

21. Februar 2010

Wahrheit soll die Grundlage dieses Webblogs werden. Reine, kristallklare Wahrheit.

Noch ist mir dies nicht möglich.

Ich möchte ein Phantom sein, dass sich nicht der Wahrheit wegen sorgen muss.

Doch bald, sehr bald werde ich das Puzzle meiner Geschichte aus mir herausschütteln und es langsam, aber wahrheitsgetreu zusammensetzen.

Wünscht mir Glück.


Backofen.

20. Februar 2010

Ich habe Pommes Frites beim Werden zugeschaut. Das mache ich normalerweise nie, jedoch erschien es mir heute, aus unerfindlichen Gründen, als sehr amüsant.

Während ich also durch das Glas schaute, kam mir der Gedanke, dass das Leben im Grunde nichts anderes ist, als ein überdimensionierter Backofen.

Wir sind die Pommes Frites, die einer unzumutbaren Hitze ausgesetzt werden. Unser „Auftrag“ ist es, letzten Endes als goldbraune, knusprige und wohlschmeckende Kartoffelspeise den Ofen zu verlassen.

Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke, denn er lässt sich sehr gut auf das „wahre Leben“ übertragen.

Es gibt lange und kurze, dicke und dünne Pommes Frites Stückchen. Manche werden schneller, wie sie sein sollen, andere werden es nur sehr langsam oder gar nicht. Wie man letztendlich wird, hängt von der Beschaffenheit jedes einzelnen Kartoffelstäbchens und dem Milieu ab, in dem sich dieses befindet. Nur selten kommt es vor, das sich ein Stäbchen von seiner Umgebung lösen kann. Die Hitze ist eiskalt, kennt kein Erbarmen.

Ja, dieser Gedanke gefällt mir wirklich. Nur weiß ich nicht, zu welcher Art von Fritten ich gehöre. Das wird sich zeigen, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Fragen über Fragen: Was passiert mit uns, wenn wir angerichtet sind, der Backofen also seine Aufgabe erledigt hat? Was passiert mit dem Tablett, auf dem wir alle liegen? Wie ist „die Welt“ außerhalb des Backofens? Was ist, wenn jemand den Stecker zieht?

Doch die wichtigste aller Fragen, in diesem Kontext, ist: Wer hat zu bestimmen, wann wir goldbraun, knusprig und wohlschmeckend sind?


Leere.

19. Februar 2010

Auf einer Straße stehe ich, mitten auf einer verlassenen, menschenleeren Straße. Ich laufe, blicke nicht zurück. An dem Punkt, an dem die Dunkelheit meinen Weg kreuzt, glaube ich eine Person zu erkennen. Ist das ein Traum?

Der Himmel schwarz wie Kohle, die Wolken grau wie Asche. Blitze unterbrechen die herrschende Finsternis. Straßenlaternen zittern, als seien sie Unterworfene des Gewitters. Ihr flimmerndes Licht verwischt im Regen, während der Asphalt zart zu schimmern beginnt.

Diese Nacht ist einsam. Diese Nacht ist dunkel.

Es gibt nur zwei Personen, die sich hier befinden: Mich und diese immer größer werdende Leere.

Tropfen für Tropfen sammelt sich eine Angst in mir. In meiner Hand halte ich Scherben. Die Scherben der Vergangenheit. Sie schneiden sich tief in mein Fleisch, sind das einzige, an das ich mich halten kann.

Doch der Schmerz kommt nicht an, ich spüre nichts. Die Leere hat mich eingenommen.

Leere ist die Mutter der Verzweifelten. Leere ist dieses Gefühl in mir. Leere ist das Geräusch, das die Stille unterbricht. Leere ist die Sprache, die mich um den Verstand quält.

Ich bin ein Kind dieser unerträglichen Leere. Der Morgen darf diese düsteren Gassen nicht erreichen. Meine Reise darf hier nicht enden.

Meine Reise darf hier nicht enden.


Weiße Tasten.

19. Februar 2010

Ich sitze vor diesem Bildschirm, weiß nicht, wohin ich starren soll. Meine Finger liegen auf weißen Tasten, wirken dabei trübselig und müde. Zu meinen Ohren führt ein Kabel, durch das Musik in mich hinein fließt.

Und ich, ich sitze hier und schreibe. Doch ich schreibe nicht das, was ich schreiben wollte. Mir fehlen die Worte, mir fehlt der Anfang des Fadens. Es muss kein roter, kein blauer Faden sein, es muss einfach der Faden sein. Das schreibt sich leichter, als es ist.

Ich möchte von dem erzählen, was in mir schlummert. Je länger es dort schläft, desto bedrückender ist es. Manchmal glaube ich, dass ich es vergessen, verdrängen kann. Doch genau das kann ich nicht. Ich sollte mir nichts vormachen.

Vielleicht gelingt es mir, diesen Klumpen zu lösen. Denn ich spüre, wie es sich in mir ausbreitet. Als wäre es ein Krebsgeschwür.


Paul.

19. Februar 2010

Ich hatte einmal einen Freund. Einen besten Freund. Er war der beste Freund, den ich je hatte. Sein Name ist Paul.


Apfelkuchen.

18. Februar 2010

Das Telefon klingelt. Mit halb zugekniffenen Augen sehe ich den Namen einer guten Freundin auf dem Display, warte ein paar Sekunden und drücke dann den grünen Knopf. Ihre Stimme kommt nur gedämpft bei mir an, ich bin noch tief verwurzelt in meinen Träumen. Sie sagt, dass wir heute doch nichts unternehmen können. Ich gebe ein unverständliches „Hmm, ja gut.“ von mir und lege auf.

In letzter Zeit habe ich auf nichts Lust. Ich möchte nichts tun, möchte aber nicht Nichtstun. Ich liege wie ein Sack Mehl in der Gegend herum. Ungenutzt, ungeöffnet. Dabei möchte ich, dass mein Mehl verwendet wird. Ich möchte ein Apfelkuchen sein, ich möchte, dass man aus meinem Mehl leckere, fein duftende Brötchen backt.

Doch niemand bemerkt das.


16. Februar 2010

Was ich mag: Die Falten alter Menschen bestaunen. Warme Suppe nach einem langen Tag. Sommersprossen. Augen beim Blinzeln zusehen. Das Tropfen der Regenrinne. Weiße Tulpen. Blut im Schnee. Traurigkeit. Den ersten Sonnenschein des Frühlings. Liebe im Detail. Kleinigkeiten. Die Schönheit einer Feder. Meine Heimat. Die Mutter mit den drei Kindern, die ich immer in der Bahn treffe. Den alten Herren am Bahnhof. Das Ş in Buchstabensuppen suchen. Funda Arar. Melancholie. Fallendes Laub. Alte Bauten. Das Lächeln eines Kindes. Waschmittelgeruch. Das Klirren beim Öffnen der Haustüre. Unter heißem Wasser die Erschöpfung des Tages auswaschen. Das Schnurren einer Katze.


Durst.

16. Februar 2010

Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Vielleicht war es die Angst, das Verpasste nicht nachholen zu können, weil das Verpasste einfach verschwinden würde. Vielleicht war es auch die Vorahnung, dass ich all das einfach nicht nachholen würde, es einfach lassen würde. Aber werde ich es jetzt nachholen? Ich beginne viele Dinge und bringe sie nicht zu Ende.

Ist das, was ich „verpasst“ nenne, wirklich versäumt worden? Es hat vor meiner Zeit stattgefunden. Ich konnte es nicht verpassen, ich wusste nichts davon und konnte auch nichts davon wissen.

Jetzt wird mir bewusst, was ich eigentlich schon immer wusste. Bewusst unterbewusst.

Es kribbelt in mir. Ich spüre da einen starken, sehr starken Durst in mir aufflammen, doch ich stille ihn nicht. Warum?

Manchmal werde ich sehr traurig, weil ich all diese großartigen, wundervollen  und  phantastischen Phänomene nicht miterlebt habe.

Doch ich konnte sie nicht miterleben. Dafür bin ich zu jung.

Zu jung.

Ich habe Angst, dass es in „meiner Zeit“ solche Phänomene nicht geben wird. Ich sehe, was meine Generation ist und was sie erschaffen kann. Kaum etwas davon gefällt mir. Das meiste widert mich an. Ich möchte mich nicht an diesen Dingen verschwenden, dafür bin ich mir selbst zu wertvoll.

Und dann kommt die Angst. Was ist, wenn meine Befürchtungen wahr werden? Was ist, wenn wirklich alles so banal ist, wenn wirklich alles so kommt, wie sie es schon immer gesagt haben?

Ich möchte überrascht werden.

Meistens ziehe ich mich einfach zurück und beschäftige mich mit den Phänomenen. Mit den Dingen, die mich wirklich interessieren. Die mich fordern. Doch entweder sehe ich die Reste, die noch herumliegen oder ich sehe, wie die Phänomene zerfallen. Ich weiß nicht, wie sie herangewachsen sind. Ich sehe nur das baldige Ende, das, was kommen wird. Was kommen könnte.

Und das macht mich traurig. Ich kann es nicht verhindern. Ich gehöre nicht dazu, bin nur ein Zuschauer am Rande, den niemand kennt, von dem niemand etwas weiß. Ich möchte aktiv sein, mich beteiligen, doch kenne die Geschichten nicht. Ich kenne die Beziehungen untereinander nicht. Ich kenne und weiß kaum etwas.

Warum? Weil ich es nicht nachhole. Weil ich es nicht kann. Jahre kann man nicht einfach so nachholen. Und selbst wenn ich es tun würde, hätte ich für jedes einzelne Fragment die Gefühle, die Zeit, die es benötigt, um sich wie ein Schmetterling zu entfalten, sich von seiner Puppe zu befreien und elegant davon zu flattern?

Manche Dinge brauchen sehr viel Zeit, um verstanden, verarbeitet zu werden. Andere Dinge kann man nicht verstehen, verarbeiten.

Vor mir liegen sie wie schwere, dicke Bücher. Meine Neugier ist groß und ich bin zu schwach, um diese Neugier zu stillen.


Auf der Suche.

8. Januar 2010

„Wir alle suchen nach jemanden – nach diesem besonderen Menschen, der uns das gibt, was wir im Leben vermissen. Nach jemanden der uns Gesellschaft leistet, oder Hilfe verspricht, oder Sicherheit bietet und manchmal, wenn wir wirklich lange genug suchen, finden wir jemanden, der uns alles auf einmal gibt. Ja, wir alle suchen nach jemanden. Und wenn wir diesen jemand nicht finden, dann können wir nur beten, dass er uns findet.“

Mary Alice Young.


Zwischenräume.

7. Januar 2010

Ein intensiver Geruch. Ich drehe mich, suche nach dem Ursprung. Eine Steinwand, schwer und Jahrhunderte alt. Jeder Atemzug ist eine Qual, die Hitze ist erdrückend. Hoch am Himmel steht die Sonne. Ich atme ein.

Es ist das Pflänzchen, hier entspringt dieser wundervolle, sanfte Geruch. Ich atme nochmals ein. Ein befreiendes Gefühl verbreitet sich in mir, ich fühle mich wohl, trotz der tropischen Luft, trotz der brennenden Sonne.

Vorsichtig halte ich meine Hände über dieses Gewächs. Ich berühre die Blätter. Oben glatt, unten flauschig wie ein Pfirsich. Nochmals atme ich ein.

Aus dieser schweren Steinwand ist es entsprungen, fein duftend lebt es im engen Zwischenraum.

„Komm jetzt, wir müssen weiter!“ Ich atme ein letztes Mal ein und denke mir: Ich bin genau wie dieses Pflänzchen.