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Super 8.

16. September 2011

Es ist an der Zeit, einen Teil meiner Geschichte aufzuschreiben. Ich möchte, dass sie hier geschrieben steht und zu lesen ist; ich möchte, dass ihr wisst, was passiert ist, wie es dazu kam und welche Konsequenzen und Gründe das hatte und noch haben wird. Ich schreibe diesen Text auch aus Gründen der Sicherheit; ich will euch auf dem Laufenden halten und euch bitten, auf mich zu achten. Denn ich werde für eine Woche bei meiner Familie sein.


Bene und ich, wir trafen uns Anfang August in der Stadt, aßen etwas und gingen dann in’s Kino, wo wir uns Super 8 anschauen wollten. Zuvor kauften wir Alkohol, weil ich das wollte und weil ich glaubte, den Rausch zu brauchen, damit ich wieder lächeln konnte. Und vielleicht war dieser Wunsch einer der wichtigeren in meinem Leben, denn er hat mächtige Brocken in’s Rollen gebracht. Der Film lief an, das Kino war fast leer und mit uns saßen um die sechs Personen im Saal. Ich trank ein paar Schlücke und merkte bereits, dass der Alkohol wirkte, doch er machte mich nicht gesellig wie beim ersten Mal, er machte mich traurig und selbstmitleidig. Der Alkohol schälte meine äußere Hülle ab, nahm mir jegliches Gefühl der Vernunft und brauchte zum Vorschein, wie ich mich wirklich fühlte: traurig bis in die letzte Knochenfaser. Eine Fassade hatte ich nicht mehr. Kurz darauf platzte etwas in mir und ich verlor die Kontrolle über mich, wurde so emotional wie noch nie zuvor und krallte mich an Bene fest, der einzigen Konstante, die ich hatte. Ich krallte mich fest an seine Arme, und sicher habe ich ihn auch verletzt, doch er blieb bei mir, ist nicht gegangen. Hat mich nicht allein und zurück gelassen. Er blieb konstant, bis der Film endete, ließ es zu, dass ich ihn voll heulte. Er tröstete mich, und ich glaube mich sogar daran zu erinnern, dass er mir den Kopf streichelte und sagte, dass alles gut wird. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, was ich ihm erzählte und ich weiß auch nicht, womit ich ihn sonst noch so belastet habe. Ich weiß nur noch, wie er zu mir sagte, dass ich auf der Parkbank sitzen bleiben soll, bis mein Bus fährt. Sein Bus fuhr früher als meiner, und deshalb musste er auch früher gehen, denn einen anderen Bus gab es nicht. Dorfkinder. Ich sah Bene dabei zu, wie er ging, und immer wieder nach mir schaute, und als er nicht mehr zu sehen war, stand ich auf, um ihn zu suchen. Als ich am Bahnhof war, fand ich keinen Bene vor, sondern nur eine leere Sitzgelegenheit. Ich setzte mich und wartete auf meinen Bus nach Hause.

Nach 22 Uhr wird der Bahnhof von der Polizei überwacht, denn es kommt öfter vor, dass dort Streit ausbricht und Flaschen und Fäuste durch die Gegend fliegen. Natürlich hatten die beiden Polizisten dort gesehen, wie ich angetorkelt kam und mich hinsetzte, und netterweise sprachen sie mich an, ob es mir gut erginge. Ich konnte einigermaßen deutlich sprechen, alle Fragen beantworten und mich ausweisen, musste aber trotzdem einen Alkoholtest machen. 1,6. Mir sagten diese Zahlen nichts, ich hatte erst zum dritten oder vierten Mal in meinem Leben getrunken. Dann ging alles sehr schnell. Sie riefen die Festnetz-Nummer an, die ich ihnen sagte, konnten aber niemanden erreichen, denn zu Hause war niemand. Das hatte ich ihnen aber auch gesagt. Ich wusste, wo meine Eltern zu Besuch waren, kannte aber die Nummer nicht. Ich sagte ihnen die Adresse und sie schlugen vor, mich dorthin zu fahren. Im Nachhinein war das sehr tolerant von ihnen, doch in der Situation selbst dachte ich, dass es das schlimmste ist, was sie mir hätten antun können. Ich sagte ihnen die Wahrheit, sagte, warum ich getrunken hatte und weshalb es wichtig ist, dass sie mich nicht an meine Familie ausliefern. Sie verstanden mich zwar, mussten aber trotzdem ihren Job machen. Wir vereinbarten, dass sie mich an der Tür absetzen und wieder gehen, und genau das machten sie. Ich ging in das Haus und sagte, dass mir schlecht ist, ich schlecht gegessen hatte, und legte mich in ein Zimmer und schlief ein. Stunden später wurde ich geweckt. Heimfahrt. Zu Hause duschte ich und musste dann in’s Wohnzimmer, Rede und Antwort stehen. Den weiteren Verlauf habe ich bereits hier auf Formspring nieder geschrieben.

Bis zuletzt dachte ich, dass wenn meine Familie erfahren würde, dass ich homosexuell bin, sie mich verprügeln, verschlagen und verstoßen würde. Ich hatte diese schreckliche Vorstellung im Kopf, in der mich mein Vater bewusstlos und krankenhausreif schlägt, mich gar umbringt. Aus diesem Grund, aus Angst um mein Leben wollte ich das Outing vermeiden, solange ich es eben vermeiden konnte. Jedoch kam es – wie alles andere auch – anders, als ich es erwartet hatte: Im angetrunkenen Zustand sagte ich meinen Eltern, dass ich es nicht mehr aushalte, dass ich nicht mehr damit leben kann; dass ich es satt habe, zu lügen, und dass sie die Wahrheit kennen sollten. Den Grund, weshalb ich an diesem Samstagabend getrunken hatte. Und dann sagte ich es ihnen.

Vielleicht war die Entscheidung, es ihnen in dieser Nacht zu sagen, das dümmste, was ich je getan habe, vielleicht aber auch nicht. Für mich war es jedenfalls eine enorme Erleichterung, ein Loslassen aller Lasten, ein Gefühl von endloser Freiheit. Für meine Eltern nicht, denn ich hatte sie mit einer Tatsache belastet, mit der sie nicht umgehen konnten. Mit der sie vielleicht niemals werden umgehen können.

Meine Eltern reagierten „ruhig“ darauf, versuchten mit mir darüber zu sprechen, wurden in jener Nacht kein einziges Mal laut. Ich glaube, dass sie zu sehr unter Schock standen. Sie sprachen bis in die Morgenstunden mit mir, und je heller es draußen wurde, desto trauriger wurden ihre Stimmen. Sie so zu sehen, brach mir das Herz, denn ich war „Schuld“ an ihrer Traurigkeit, ich hatte sie in diese dunkle Schlucht gestoßen, aus der sie jetzt – fast einen Monat nach meinem Outing – immer noch nicht heraus gekommen sind. Die folgenden Tage waren nicht erfreulich für mich. Ich bekam zu hören, dass ich falsch, schlecht und abartig sei, sie mich nicht als Sohn akzeptieren könnten, solange ich krank sei. Was sollten die Verwandten denken, was die Bekannten? Das sei doch nicht im Sinne von Gott, niemals wieder könnten sie aufrecht gehen. Und als sie sagten, dass ich weder studieren, noch ausziehen darf, solange ich nicht geheilt bin, platzte in mir etwas ab.

Ich weiß nicht, was ich mir erhofft habe, als ich es ihnen sagte. War es Mitleid, Nachsicht oder gar Verständnis? Ich wollte es ihnen einfach nur sagen, hatte mir aber keinerlei Gedanken über die unmittelbaren Konsequenzen gemacht. Im Nachhinein bereue ich den Zeitpunkt meines Outings, aber nicht mein Outing selbst. Das Freiheitsgefühl, das ich in der Nacht verspürt habe, verflüchtigte sich sehr schnell, denn ich bekam schon am nächsten Tag das Gegenteil zu spüren: Beleidigungen der verletzendsten Art, verbale Attacken auf meine Person, das Bezweifeln meiner Urteilsfähigkeit und meiner Intelligenz, Schlafentzug, Internetverbot, … sprich: unerträglicher, psychischer Druck, viel schlimmer, als er es vor meinem Outing gewesen ist. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen, hatte jede Nacht Albträume und war morgens von Kopf bis Fuß nassgeschwitzt. Ich hatte mehr Angst, als jemals zuvor in meinem Leben.

Der Entschluss zu gehen war nicht einfach, aber konsequent.

Mehr als einen Monat ist es nun her, dass ich das Elternhaus verlassen habe. Ich werde nicht ausführen, wo und mit wem ich in der Zeit war, was ich die Zeit über gemacht habe. Wichtig ist nur, dass es mir immer gut erging und ich mich wohl fühlte, dass ich jetzt einen Studienplatz habe und auch dass ich sehr viel gelacht und gelächelt habe. Und ich möchte mich nochmals bei euch allen bedanken. Danke, dass ihr mir geholfen und mich unterstützt habt, dass ihr da wart, als ich in Not war, und mir in so vielen und wichtigen Dingen weiterhelfen konntet, dass ich es immer noch nicht fassen kann. Ich möchte mich bedanken, weiß aber auch gleichzeitig, dass ich mich selbst in Gefahr begebe, indem ich für ein paar Tage zurück zu meiner Familie fahre. Doch ich würde dies nicht tun, wenn es nicht ein paar Sicherheiten gäbe. Meine Entscheidung ist riskant und verdient zu Recht Kritik und die Wenigen, die bereits wissen, dass ich für eine Woche bei meiner Familie sein werde, halten das für keine gute Idee, doch sie sagen alle, dass das niemand besser einschätzen kann, als ich selbst. Und auch wenn ich oft daneben lag mit meinen Einschätzungen, lag ich nie falsch.

Ich werde mich jeden Tag so oft es geht melden, und sollte ich für eine längere Zeit nicht in der Timeline sein, wisst ihr, was zu tun ist. Ihr kennt meinen Namen und auch die Adresse.

Und nochmals: Danke, dass euch gibt. Ich bin so froh darüber, euch zu kennen und würde mich am liebsten bei jedem von Euch einzeln und persönlich bedanken, aber das geht leider nicht an einem Tag, per Text schon gar nicht. Aber ich werde das nachholen.

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