Archive for the 'Sexuelles' Category

Des Nachts.

31. März 2012

Gestern Nacht habe ich die ganze Zeit an dich gedacht. „Wie wäre es, wenn er plötzlich da wäre?“ Mein Herz ist stehen geblieben, so schnell schlug es, Schlag auf Schlag. Meine Hände sind erstarrt, als ich an das Gefühl deiner Haut dachte. Wie sehr ich es gewollt habe, wie ein Wahnsinniger, wie sehr ich deine Wärme fühlen wollte, deine Augen, deinen Blick. Dein Atmen. Oh komm‘ und hab‘ mich lieb. Umarme mich, ich vermisse deine Hände, deine Haut, deinen Geruch und Geschmack. Komm‘, umarme mich, ich will dich bei mir haben. Ich weiß nicht wieso und weshalb, aber ich vermisse dich. So sehr, das kenne ich gar nicht von mir. Ich wusste bisher nicht, dass ich das kann. Ich will dich so sehr halten und fühlen und umarmen. Das ist keine Vorstellung mehr, ich kann es nicht mehr leugnen: Ich liebe dich, falls du möchtest. Wirklich möchtest. Komm‘ zu mir, komm‘ her. Dein Geruch an meiner Haut, in der Wohnung, deine Stimme in den Wänden, dein Herzschlag an mir. Komm‘ und geh‘ wie du möchtest, du bist willkommen. Immer. Ich bin da. Ich höre dir zu und ich sehe dir gerne zu, wenn du mir zuhörst. Ich bin da, bin da für dich. Für dich und was du heute schreiben wolltest. Was du gefühlt hast, was auch immer dich berührt hat. Ich bin da.

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Regenstraße.

16. April 2011

Seine Hände halten ihn an der Stange, als der Bus zum Stehen kommt. Stramm steht er da und beißt sich auf die Lippe, mich dabei musternd, als sei ich der Zünder seines Begehrens. Mein Herz schlägt große Wellen und er merkt das, sieht das und reizt es vollends aus; er lächelt mir direkt in die Augen, ich erweiche und weil ich es nicht aushalten und glauben kann, schließe ich meine Augen, um der Anziehungskraft seiner Arme zu entkommen.

Ich höre das stumpfe Auslösegeräusch der Haltewunschtaste und als ich meine Augen wieder öffne, ist er schon ausgestiegen, ehe ich noch einmal sein rauhes Gesicht und seinen Bartwuchs bewundern konnte. Der Bus steht still und rührt sich nicht von der Stelle, und so sehe ich dem fremden, schönen Mann dabei zu, wie er seines Weges nach Hause geht, in der trüben Dunkelheit des ermattenden Tages erlischt und nur noch ein Schatten in den Winkeln meiner Augen ist.

Der Bus fährt weiter in Richtung Regenstraße; währenddessen halte ich Ausschau nach dem Mann, der mich hat flammend sitzen lassen in einem Bus mit mir als einzigen Fahrgast. Oh Wunder!, denke ich und sehe den Mann vor einem Fachwerkhaus stehen und in einen Briefkasten lugen. Er findet nichts darin, weder einen Brief, noch eine Art Werbung, schiebt die Holztüre auf Höhe seines Schrittes in den Hof und geht wahrscheinlich durch die erste Tür in’s Haus; doch das sehe ich nicht mehr, der Bus hat an Fahrt gewonnen und lässt meinen Blick unweigerlich weiterziehen. Ich drücke erzürnt die Haltewunschtaste und steige an der nächsten Haltestelle aus, laufe den ganzen Weg zurück und habe nur eines vor Augen: den Mann.

Als ich vor dem Fachwerkhaus stehe, lese ich leise seinen Namen vom Briefkastenschildchen und gehe weiter in den Hof, stehe aufrecht vor der Tür, durch welche er hindurch gegangen sein muss, und zögere kurz, wie immer in solchen Momenten. Zitternd drücke auf die Klingel und der fremde, schöne Mann öffnet die Türe und ist mir auf einmal gar nicht mehr so fremd. Er wundert sich, und gleichzeitig wundert er sich nicht. Ich trete wortlos ein in’s Haus und wir schlafen miteinander.

Ich schlucke, während er mich ansieht. Ich glühe.

Und dann ist der Traum zu Ende.

Einschüchternd.

2. April 2011

Ich stehe seinem athletischen Körper gegenüber, bewundere Bauchmuskulatur, Oberarme und Beine, seine Körpergröße und seinen üppigen Schwanz. Ich, mit meinem durchschnittlichen Körper, komme mir Fehl am Platz vor und fühle mich unwohl angesichts des Gleichaltrigen, welcher wie ein griechischer Gott vor mir steht und nichts tut, außer sich zu duschen. Er beachtet mich nicht, merkt nicht einmal, wie gebannt ich ihn anstarre. Als wäre sein Anblick ein seltener, versuche ich mich satt an ihm zu sehen, verspüre gleichzeitig aber auch das Gefühl, ihm um Welten unterlegen zu sein. Je länger ich ihn bestaune, desto mehr schüchtert er mich mit seinem Körper ein. Ich fühle mich minderwertig.

Als er den Duschraum verlässt, verbleibe ich dort noch zehn Minuten, damit er genügend Zeit hat, das Hallenbad zu verlassen. Ich möchte ihm nicht noch einmal begegnen; so mies habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Auf dem Heimweg denke ich an den Mann meiner Träume und bin froh, bei ihm noch kein Unwohlsein meines Körpers wegen verspürt zu haben.

Der Blick.

26. März 2011

Diesen Blick kannte ich gar nicht von ihm; diese suchenden, rastlosen Augen, kornblumenblau. So hatte er mich noch nie angesehen; so sehr hatte ich noch nie gelitten. Er war auf der Suche nach den richtigen Worten. Auf der Zunge lagen sie ihm, nur musste sie jemand von seinen Lippen ablesen. Mich sah er an, hilflos wie ein verlorenes Kind, als hätte er seine stets begehrte Männlichkeit gegen die Empathie eines Vierjährigen getauscht. Er wusste nicht, dass ich wusste, was er vergessen hatte, diese zwei Wörter, diesen Begriff; er konnte nur hoffen. Ich aber, ich wusste es, konnte seine Lippen lesen, war vielleicht der Einzige in diesem Raum, der das konnte. Ich sprach aus, was ihm auf der Zunge lag und er sagte mit einem Lächeln, das mich schmelzen ließ: „Ja, genau DAS habe ich gesucht!“ Sein Blick nahm binnen einer Sekunde den Blick des Mannes an, welchen ich einst unglücklich begehrte, wissend, dass ich meinen Durst nie an ihm werde stillen können. Seine strahlenden Augen versetzten mich sofort in einen Zustand des hohen Fiebers, welcher ab dieser Sekunde in mir brannte, denn er war stolz auf mich, stolz auf mich, stolz auf mich. Keine zwei Minuten später setzte er sich wieder auf seinen Sitzplatz. Er streichelte wild meinen Kopf und sagte: „Voll süß, wie du das gewusst hast. Ich bin stolz auf dich!“

Und so brannte ich, schmolz wie Glas, glühend und zäh, doch nicht seinetwegen; ich schmolz aus Sehnsucht, die nicht ihm, sondern einem Anderen gebührte, dessen Nähe ich mir mehr ersehnte, als ich es bei David je konnte.

(Zwei Accounts, zwei Versionen.)

https://twitter.com/#!/Milchbartbube/status/50259811417337856

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Fußspuren und Morgenrot.

23. Januar 2011

Es ist ruhig im Dorf. Kein Auto fährt an mir vorbei und kein Mensch kreuzt meine Wege. Der noch junge Schnee fällt sanft auf Haar und Wimpern und knirscht nicht unter dem Schuhwerk. Der Wind steht still. Noch gibt es nichts, was er aufwirbeln könnte. In meiner rechten Hand ein Beutel aus Jute, darin ein Buch, welches nicht meines ist.

Ich drücke auf die Klingel und warte ein paar Sekunden, bis die Tür sich öffnet. Guten Morgen, sagt sie, Guten Morgen, sage ich. Vielen Dank für das Mathebuch, hat mir echt geholfen! Sie lächelt. Gerne doch! Wir hätten auch zusammen lernen können. Du kannst immer vorbeikommen! Wie ist’s gelaufen? Ich schaue auf den Boden. Ganz okay. Sie nimmt es entgegen, das Buch und das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe. Sie bedankt sich freudestrahlend und fischt sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Selbst im Winter hat sie Sommersprossen.

Gelassen laufe ich zurück, mein Heimweg ist nicht weit. Auf dem Boden meine leicht bedeckten Fußspuren von vor fünf Minuten. Frau Holle hat einen Zahn zugelegt und Herr Winde macht sich bemerkbar. In meiner Hand der nun leere Beutel aus Jute, welcher allerdings schwerer als zuvor ist. Ob das Brot, welches ich unterwegs noch kaufen muss, Platz darin findet, zwischen all den Zweifeln?

Gelogen habe ich. Nichts lief am Dienstag ganz okay. Am Wochenende und am Montag habe ich bis in die spätdunklen Stunden gelernt. Und ich konnte es, ich konnte alle Aufgaben lösen, nur nicht am Dienstag. Nicht an diesem Dienstag.

Noch vor dem Wecker war ich wach, hatte meine Sachen gepackt und mich angezogen, war bereit, mich zu beweisen. Weil ich es nun endlich konnte! Und wie jeden Tag machte ich mich auf den Weg, unternahm eine kleine Weltreise.

Im Zug saß mir ein Herr Anfang zwanzig gegenüber, munter und schmerzlich gut aussehend. Schon allein die Tatsache, dass er „Alice im Wunderland“ las, machte ihn liebenswert, doch sein klares Gesicht und dieser wild-gepflegte, blond-braune Bartwuchs, seine wohlgeformten Lippen und diese olivgrün-leuchtenden Augen versetzten mich zusätzlich in Ekstase. Ich saß ihm etwa eine halbe Stunde gegenüber und konnte mich nicht sattsehen. Crushed Heartcore. Meine Gedanken kreisten die gesamte Strecke über um seine Lippen. Ich wollte ihn küssen — und wie ich das wollte!..

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, war ich todtraurig. Nicht nur, weil sich unsere Wege trennen sollten und es natürlich keinen Kuss gab, sondern auch, weil ich tagtäglich begehre, ohne meine Begierde auszuleben oder zumindest halbwegs zu befriedigen. Jedes Mal fühle ich mich trüb, weil ich so empfinde.

Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich beim Anblick Fremder, welche eine gewisse Attraktivität auf mich ausstrahlen, eine Art Verlangen verspüre. Ich ertappe mich dabei, diese Fremden zu „wollen“. Und so „wollte“ ich auch diesen Herren im Zug. Ich hätte meinen Kopf am liebsten auf seinen Schoß gelegt; so, wie es wohl ein Kätzchen machen würde. Ein Kuss wäre vielleicht schon zu viel des guten Guten gewesen. Mir hätte allein schon seine Wärme gereicht; wochenlang, da bin ich mir sicher.

In der Schule angekommen, war ich ausgebrannt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu matt war ich, und emotional entgleist. Doch die Klausur musste geschrieben werden. Ein Blackout allen Wissens war die Folge.

Ich realisiere, wie versunken ich durch die Straßen schlendere und wie viel Schnee plötzlich vom Himmel fällt. Ich suche meine Fußspuren. Vor wenigen Minuten noch waren sie hier. Hat der Schnee sie etwa so schnell unter sich begraben?

Ich laufe über den ehemaligen Zebrastreifen und frage mich: kann es vielleicht sein, dass ich mich mehr und mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle, weil mir mein Vater keine Vaterliebe entgegenbringt?

Ich mein‘, ich merke das doch. Diesen Wandel, die Veränderungen. Noch vor drei oder vier Jahren interessierte ich mich kaum für Jungs. Und wenn doch, dann nur für sehr kurze Zeit. Jetzt aber scheint das meine einzige Interesse hinsichtlich der Sexualität und des Begehrens zu sein. Ich begegne vielen Jungs und Männern, doch nur jene ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, welche den Anschein erwecken, dass sie mir Sicherheit und Unterschlupf bieten könnten. Manchmal sehe ich einen Mann und habe den unerfüllbaren Wunsch, mich von ihm umarmen, halten zu lassen. Nur das, mehr nicht. Ich sehne mich nach Schutz und nach Intimität. Vielleicht bin ich auch nur ein Schäfchen, das auf der Suche nach einem Hirten ist.

Mein Vater, ein emotional kalter Mann, war nicht immer so kühl. Als ich noch ein Kind war — so glaube ich mich zu erinnern —, hat er oft mit mir gespielt, er ist oft mit mir spazieren gegangen, hat sich um mich gekümmert, wie es ein Vater wohl tun sollte. Er war ein Bilderbuchvater. Doch nun, nun ist er ganz anders. Ich weiß nicht, warum und wie er so werden konnte, wie er heute ist. Ich weiß nur, dass ich über nichts mit ihm reden kann, was von Bedeutung für mich ist. Er unterdrückt mich regelrecht. Ist es vielleicht seine aggressive Emotionslosigkeit, welche dafür sorgt, dass ich nicht nur im Kopf Abstand von ihm nehme? Suche ich deshalb nach einem „Vaterersatz“, nach einem Mann voller Wärme?

Mein Vater sagt über die Vaterliebe: „Gab’s früher nicht, wird’s in Zukunft auch nicht geben.“ Gab es früher seitens meines Vaters wirklich keine Vaterliebe? War er wirklich ein Bilderbuchvater? Erinnere ich mich falsch? Täusche ich mich, spiele ich mir etwas vor? Oder merke ich erst mit fortschreitender Reife, wie er wirklich ist? Ist mir eine heile Kindheit wichtig? Versuche ich mich von ihm zu distanzieren, indem ich genau das werde, was er verabscheut?

Ich trete in die Bäckerei ein und kaufe ein kleines Kartoffelbrot. Geschnitten, bitte! Auf den letzten Metern nach Hause denke ich noch einmal über ein Gespräch nach. Alles, was mein Gesprächspartner über mich und mein zukünftiges Ich gesagt hat, passt eins zu eins auf mich zu. Auf eine gewisse Art und Weise unheimlich, und doch so wahr, so erlebenswert und schön. Nach all den Worten und nach all den Vorstellungen und Wünschen lag ich da und bin lächelnd, mit Herz und Seele lächelnd und glücklich eingeschlafen.

Ich ziehe aus dem Briefkasten die Post heraus und schließe die Türe auf, trete ein in’s Haus, ziehe die Schublade auf und werfe meinen Schlüssel hinein, streife meine Schuhe ab, stelle mich aufrecht hin und blicke in den Spiegel.

Geh‘ weiter, es wird sich lohnen.

Dieser Tage.

11. Dezember 2010

Zu laut, zu schnell, zu leer. Der Stress steigt, mein Atem wird schwer, meine Augen fallen zu und ich bin müde. Morgens komme ich kaum aus dem Bett und der Bus ist nie pünktlich — wie auch, bei diesem Wetter? —, ich verpasse meine Bahnen und Züge und Busse und erscheine zu spät in der Schule; fünf, zehn, zwanzig Minuten, vielleicht auch eine Stunde. Und immer diese ekligen Blicke meiner „Klassenkameraden“, welche auf mich gerichtet werden, sobald ich nach Unterrichtsbeginn das Zimmer betrete. Immer diese verdammten Kommentare von wegen „Steh‘ doch früher auf!“ oder „Geh‘ doch früher schlafen!“. Warum muss ich mich rechtfertigen, was kann ich denn dafür? Das Busunternehmen und die Bahn entschuldigen sich mit zwei Worten — „Höhere Gewalt!“ —, warum kann ich das nicht? Warum gilt das bei mir nicht? Ich möchte sie alle ermorden, ihnen die Augen ausstechen und alle Gliedmaßen abtrennen und vor die S-Bahn werfen. Diese verständnislosen Kinder, alle haben sie nichts drauf und wissen es besser, denken, dass sie besser sind in dem, was sie tun und nicht tun. Manchmal möchte ich sie anschreien und ihnen klar machen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, dass sie sich ihre unnützen Kommentare und Ratschläge rektal einführen können. Aber nein, ich schweige. Ich halte meine Fresse und bin unauffällig. Verdammt, ich hasse diese Leute! Abends komme ich zu Hause an und kenne mich nicht mehr. Ich bin fertig, enttäuscht und müde. Die Gleise sprechen mit mir, schreien nach mir und ich halte es unten im S-Bahnhof nicht aus und warte oben auf meinen Regionalzug. Oben bleiben, oben bleiben, sage ich zu mir. Musik hält mich nicht mehr, Bücher strengen mich zu sehr an und Filme ebenfalls und Serien auch. Ich kann nicht mehr, sagt mein Gesicht, ich will nicht mehr. Alles ist so rasend, so schnell und so unglaublich lahm darin, dass ich zusammenbrechen und sterben möchte. Zu Hause finde ich keine Ruhe, auch hier ist es kalt, ich friere emotional. Immer wird nach mir gerufen und etwas erwartet, immer muss ich irgendetwas tun, von morgens bis abends meinem Vater helfen und in seinem Schatten, im Weg stehen. Er kann alles und ich kann es nicht, ich bin unerfahren, nutzlos und empfindlich, sagt er mir. Nie kann ich entspannen, nie ist es ruhig, ein Wochenende habe ich nicht. Morgens werde ich von abartig schlechter Musik geweckt, gestern niveaulos und heute in den Charts. Es ist zehn Uhr und ich bin noch immer müde, dabei ging ich „früher“ schlafen. Mir tut alles weh, ich will nichts hören und sehen und bitte mach‘ die Musik aus, lass‘ mich doch schlafen! Das Wasser weckt mich nicht, ich dusche eiskalt und merke nichts, ich verbrenne mich und merke wieder nichts. Ich sitze auf der Schüssel, stilles Örtchen, und es wird nach mir verlangt, SOFORT! Ich soll etwas einstellen, einkaufen, schreiben, rühren und nicht zu vergessen das Haus saugen, aufräumen und den Schnee schippen. Das Telefon klingelt und es ist für mich und die Gespräche sind lahm, mein Gesprächspartner hat nichts zu erzählen, ist langweilig und nervt mich. Ich lege auf, gehe in „mein“ Zimmer, lege mich auf mein Bett und starre an die Holzdecke, zähle die Flecken und schlafe ein und wache geil auf und kann mich nicht befriedigen, jemand ist im Zimmer, sitzt am Computer oder hängt Wäsche auf. Draußen ist es dunkel und in mir auch und ich bin müde, voller Hass und Trauer. Alles steht still und doch ist es mir zu unruhig. Lass‘ mich doch einfach sein, geh‘ weg, frag‘ nicht nach mir. Mir ist alles egal, die Welt, die Nachrichten, das Wetter. Ich weiß nicht, welches Datum wir haben, ob heute der Nikolaus ist oder ob er schon war, welcher Monat auf meiner Fahrkarte verzeichnet ist. Ich treffe Menschen, die ich wirklich treffen möchte, kann es aber nicht genießen, denn es muss geheim bleiben, Eltern und Freunde dürfen nichts wissen, dürfen nichts ahnen. Ich lüge und hasse es und es frisst mich auf, der Zeitdruck, die prüfenden Blicke, ich selbst. Werde ich wieder verprügelt werden? Was wird mit mir geschehen, wenn rauskommt, wo ich war und dass ich eine siebenundzwanzig-jährige und später einen siebenunddreißig-jährigen getroffen habe? Ich schreibe diesen Text und im Flur brennt Licht, Mutter kommt und will, dass ich etwas an ihren eBay-Einstellungen ändere und es kotzt mich an. Nacht wird es und die Tage kommen und gehen und das Jahr ist fast schon vorbei und ich weiß ganz genau, es war ein Scheißjahr und eine fette Enttäuschung und bald sind Prüfungen und ich habe Angst davor und dann kommt das halbe Jahr mit nichts und danach die Uni. Werde ich es schaffen, werden sie mich annehmen? Ich lese zu wenig, sehe zu wenig und höre zu wenig. Ich schlafe in meiner freien Zeit; wann soll ich das denn sonst machen? Ich bin ständig geil, unfassbar geil und manchmal durchzieht mich eine schmerzhaft-große, rostige Sehnsucht und ich weiß nicht wohin und wie und warum. Das Sperma spritzt aus mir und ich bin noch immer nicht zufrieden, noch immer geil, noch immer voller Sehnsucht. Ich bin durstig und hungrig und habe alles so satt, diese Wände, diese Worte, dieses Leben. Komm‘, hol‘ mich, bring‘ mich weg, weit weg und lass‘ mich nie zurückgehen! Und schon kommen mir die Tränen, ich habe kein Zuhause und keine Heimat. Die Türkei ist meine Heimat, sage ich oft, aber auch dort fühle ich mich unwohl, falsch und vor allem fremd. Ich umarme das Internet, sie ist siebenundzwanzig und ich fühle mich so wohl bei ihr. Weil sie mich versteht, weil sie all das nachempfinden kann. Nicht einmal zwei Stunden und sie muss gehen, weiterreisen. Danach treffe ich wieder das Internet und er ist so alt wie mein Vater und ich frage mich, warum mein Vater nicht so cool sein kann. Zu Hause denke ich gerade an Meersalz und mein Vater bringt mir das Telefon, und es ist eine Freundin, sie will wissen, ob ich Lust habe, einer anderen Freundin beim Singen zuzusehen. Und ich habe ehrlich gesagt Lust — und wie! —, aber nicht darauf, doch das bleibt natürlich in mir und ich sage zu und ziehe mich an und mache mich schick und gehe aus dem Haus in eine Halle, treffe die Freundin und ihre Freunde und es langweilt mich, weil ich nicht dazu passe, weil ich einfach nicht zu der Jugend passe. Ich sitze da und höre zu und dann ist es vorbei, ich gehe nach Hause, schließe die Türe auf und reiße mir alles vom Leib, stelle mich unter’s Wasser und werfe mich in’s Bett, schlafe ein und träume wild und wache auf und starre an die Holzdecke.

Freitag.

30. Oktober 2010

Laub bedeckt das, was einst einmal als Gras bekannt war, die Sonne scheint kalt und der Wind weht still. Straßen, verlassen und leer. Vereinzelt fahren Autos einsamer Menschen über meinen Schatten, schrammen an meiner Existenz vorbei. Der Herbst scheint sein Bestes zu geben; der Boden unter mir ist ein Meer aus Farben und Nuancen. Ich schleiche durch den Ozean und denke analytischer als sonst. In meinen Ohren tönt ein Titel aus dem Score der Serie „Dexter“. Ich beobachte meine Umgebung ganz genau, spüre sogar den Richtungswechsel des stillstehenden Windes. Doch es scheint sich kaum etwas zu verändern. Die urbane Landschaft ist tot. Das einzige Menschenwesen hier bin wohl ich, denke ich und sehe ein Auto um die Ecke kommen. Das ist kein Mensch, das ist ein Zombie, der da in diesem Gefährt sitzt und angefressen über die rote Ampel rauscht. Am Bahnhof nimmt die Menschendichte wie erwartet zu, doch der Missmut weicht nicht aus den Gesichtern. Im Regional Express raubt mir Brian Eno das Bewusstsein und ich schlafe ein. Kurz vor’m Zielbahnhof wache ich auf spüre jeden meiner Knochen. Mein Kopf gleicht innen als auch außen einem heißblütigen Vulkan. Welch ein Glück, dass mich der Deutschlehrer hat gehen lassen. Im Bus nur fremde Schalen und unbekannte Hüllen. Zu Hause stürze ich in mein Bett, tauche unter in einen tiefen, traumlosen Schlaf und wache erst abends wieder auf. Meine Augen verklebt und jeder Blick Stahlwolle. Der Geruch guten Essens in meiner Nase, das Gefühl eines großen Hungers auf meinem Bauch. Im Badezimmer fließend Wasser. Ich packe meine sieben Sachen, ziehe mich warm an und gehe runter in die Küche. Das Essen muss noch werden, sagt Mutter. Tschüss und Türe zu, Berg hinauf und Türe ziehen, bezahlen, ausziehen, anziehen, duschen und springen. Erschöpfung und Enttäuschung erleiden, zwei Stunden durchhalten. Auf dem Weg in’s Hallenbad vernahm ich des Rossmanns Pfeifen, doch er schien den Berg hinabzugehen. Wir haben uns verpasst; schade um die wilden Träume. Später dusche ich mit einem Gleichaltrigen, den ich nicht kenne. Seine Gesichtszüge sind klar und viril, sein Körper haarlos und ausgewogen. Ein schöner Junge. Wir schauen uns beide genauer an, von oben bis unten, und für mehrere Sekunden sogar in unsere Augen. Ein leichtes Schmunzeln und tiefe Grübchen durchziehen seine Physiognomie. In einer bestimmten Sache gleichen wir uns und es gibt keinen, der sich unterlegen fühlen muss. Seine Augen verfolgen mich und ich weiß nicht, welche Bedeutung das haben könnte. Er bleibt am Ball, denke ich. Möchte er etwas sagen, oder weshalb betrachtet er mich so genau? Doch es bleibt bei den Blicken. Mein Durst bleibt ungesühnt. Wir gehen gemeinsam aus dem Duschraum und ziehen uns gemeinsam im Umkleideraum an. Ich sage „Tschüss“ und er „Ciao“. Den Berg laufe ich schnellen Schrittes herunter, kalt ist es und schon nach zweiundzwanzig Uhr. Zu Hause steht das Essen noch auf dem Tisch. Ein spezieller Tontopf bergt in sich eine warm-würzige Fleischzubereitung türkischer Art. Dazu Reis und ich bin für kurze Zeit glücklich. Ich bleibe noch ein bisschen im Wohnzimmer und sehe mir die Pläne unseres eventuell ersten Hauses an. Dort wird mein Bett und der Nachttisch stehen, hier mein Schreibtisch samt Computer und da der Kleiderschrank. Mehr brauche ich nicht. Oben in meinem Ruhelager ein bisschen Twitter und Verbitterung, synchron dazu das Gefühl tiefer Lust und Sehnsucht nach Zuneigung.

Schwermut und Musik, Müdigkeit und Schlaflosigkeit. Nachts um drei Uhr dann „Gute Nacht“.

Hallenbad und Rossmann.

25. Oktober 2010

Mir ist kalt, also gehe ich schneller. Die Sonne versank schon vor Stunden hinter dem Laubwald. Am Himmel nur Schwärze. Alle paar Meter werfen Straßenlampen blass-gelbe Schatten zu Boden. Leuchtkraft kaum der Rede wert. Der Wind steht still, kein Fahrzeug oder Mensch lässt sich aus der Dunkelheit heraushören. Mondscheinfarbene Katzenaugen blicken mich wissend an, vorne links. Ich habe das Gefühl, von ihnen verfolgt zu werden. Eine schöne Katze, denke ich und laufe weiter. Schneller, denn es ist kalt. In Gedanken freue ich mich schon auf die dampfend-warme Luft und auf das Gefühl auftauender Ohren. Meine Hände wohnen in meinen Jackentaschen, dort ist es nämlich kuschlig und warm. Zu erreichen bin ich nicht, denn das Mobiltelefon liegt zu Hause in einer Schublade. Gutes Gefühl, dieses Nichterreichbarsein. Noch zwei Straßen, dann bin ich da. Einmal links, dann rechts. Da.

Während des Vorbeilaufens erkenne ich vier Schwimmer. Gut, denke ich und lächle. Meine Altersklasse geht eh nie in’s Hallenbad. Vor allem nicht Freitagabends. Ich drücke die Eingangstüre, obwohl dort ziehen steht. Nie werde ich es lernen. Dabei sollte ich doch wissen, dass ich an dieser Tür ziehen muss, schließlich habe ich hier vier Jahre lang das Schwimmen gelernt. Im Kassen- und Süßigkeitenhäuschen sitzt niemand, also gehe ich in eine Einzelkabine, ziehe mich aus und ziehe meine Badehose an. Meine Sachen stopfe ich in den Spind mit der Nummer elf, denn das war schon immer mein Schrank, damals als Kind. Ordnung muss nicht sein, sieht ja keiner. Ich nehme 2,50 Euro aus meiner Geldbörse und werfe einen davon in den Spindschlitz, schlage die Türe zu und drehe am Schlüssel, nehme den Schlüssel an mich und binde ihn mir um das linke Handgelenk. Wie ’ne Uhr, denke ich und gehe zur Glastür, am Duschraum der Männer vorbei. Das Wasser klar und blau. Die Wellen gleichmäßig. Fünf Schwimmer, nicht vier, sehe ich und gehe zu den beiden Bademeisterinnen. Oh, eine Freundin meiner Mutter. Hey, wie geht’s dir? Gut und dir? Mir auch. Du hier, wie kommt’s denn dazu? Ich hab‘ Rückenschmerzen und der Arzt meinte, Schwimmen könnte mir helfen. Ah, verstehe. Willst du gleich bezahlen? Jep. Wir laufen zurück zum Kassenhäuschen. Macht dann 1,50 Euro. So günstig? Ja! Voll gut, nicht wahr? Ich lächle und wende mich ab, gehe an den Kabinen vorbei in die Gruppendusche. Drücke auf den Push — das Wasser ist warm —, und stelle mich darunter. Haare, Körper und Badehose werden nass. Ich genieße kurz die Wärme und gehe wieder aus dem Duschraum. Öffne die Glastür und springe in’s Wasser, erreiche den Boden. Vier Meter, denke ich und tauche auf. Das Wasser hier ist viel wärmer als drüben im Duschraum. Toll! Ich fühle mich frei. Als wäre ich schwerelos und könnte fliegen.

Ich schwimme wie ich es gelernt habe, merke aber, dass ich mit den Jahren rostig geworden bin. Wie lange schon war ich nicht mehr schwimmen? Zuletzt 2007. Türkei, Sonne und Meer. Ich schwimme ein paar Bahnen und spüre, wie sich Erschöpfung in mir ausbreitet. Erschöpfung der wohligen Art. Nach ein paar Minuten gleite ich schon sicherer durch das Wasser, fühle mich wie mein Sternzeichen: Fische. Ich drehe mich auf den Rücken und lasse mich treiben. An der Decke noch dasselbe Holz wie damals als Kind. Und plötzlich bin ich wieder klein. Biene Maya und ich, wir waren die besten Freunde, denke ich und muss lachen. Huch, verschluckt! Biene Maya, so wurden die Schwimmflügel genannt, die von Kindern getragen werden mussten, die zu unsicher schwammen. Ich war so ein Kind. Doch jetzt, mit 17, bin ich ein Fisch im Goldfischglas. Zwar ein wenig ungelenk, aber das wird schon. Ich tauche ab und teste meine Lunge. Zwölf Sekunden und ich tauche wieder auf, schwimme zu den Massagedüsen. Ich halte mich am Beckenrand fest und lasse mich von den Wasserstrahlen massieren. Oh Gott, wie göttlich! Befriedigung durchblutet mich. Ich fühle mich wohl. Mach‘ ich jetzt jede Woche, weiß ich und schließe meine Augen.

Erst dann fällt mir auf, wie still es in diesem Hallenbad eigentlich ist. Jeder Schwimmer ist auf seine eigene Art in sich versunken. Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich einen neuen Gast am Beckenrand. Wo ist denn nur meine Brille…? Achja, im Spind. Ich gleite durch’s Wasser, diesmal wie ein Frosch, und sehe mir dabei den Herren näher an, der gerade in’s Becken gesprungen ist. Den kenne ich doch! Das ist der Typ, der so toll pfeifen kann! Er lächelt mich an. Wir kennen uns, aber nur vom Sehen her. Ich schätze sein Alter auf 35. Er sieht stattlich und dabei gut aus. Wie Dexter. Er schwimmt ein paar Bahnen, so wie ich, und wir machen beide Pause an den Massagedüsen. Seitdem er das Wasser betreten hat, ist es lauter geworden. Er atmet kräftig und männlich, ist muskulös. Seine Augen sind braun, sein Gesicht rasiert und markant. Ich denke an ein edles Rennpferd und mag den Vergleich. Er schaut zu mir, lächelt freundlich und schnauft weiter wie ein Ross auf hoher See. Dann gibt er sich einen Ruck und taucht ab. Am anderen Ende des Beckens taucht er wieder auf. Respekt. Ich drehe mich auf den Rücken, merke aber, dass ich eine Erektion habe, also drehe ich mich wieder auf den Bauch. Wie peinlich. Gut, dass niemand eine Taucherbrille auf dem Kopf hat. Ich kraule ein wenig und versuche somit, meine Erektion loszuwerden. Klappt.

Sechsmal hin und zurück, dann Pause. Ich lasse mich zum gefühlt hundertsten Mal massieren, blicke diesmal aber still an mir herab. Im Wasser sieht man meine Brusthaare gar nicht, weil dunkelblond und kaum vorhanden. Nur ich sehe, wie sie sich von den Wellen wiegen lassen. Fast männlich, glaube ich und sehe mich nach dem Rossmann um, welcher gerade auf seinem Rücken im Wasser liegt und in meine Richtung geschossen kommt. Er sieht nach oben und nicht, was sich hinter beziehungsweise vor ihm befindet, also schwimme ich zur Seite. Dem dumpfen Schlag nach stößt er sanft mit dem Kopf gehen den Beckenrand. Doch augenblicklich stellt er sich gerade und streicht sich verschmitzt über den Kopf. Er sieht zu mir rüber, lächelt und schießt wieder los. Dabei fällt mir auf, wie behaart dieser Typ eigentlich ist. Selbst auf dem Rücken hat er Haare. Ein waschechter Mann, denke ich und überlege mir, ob ich das schön finde. Naja, zu ihm passt es. Nach ein paar Sekunden merke ich zum wiederholten Male, wie Blut eine bestimmte Region meines Körpers durchströmt, also kraule ich wieder ein wenig, um loszuwerden, was mir peinlich sein könnte. Und so geht das fast zwei Stunden lang. Frosch, Rücken, Kraulen, vorwärts oder rückwärts, Massagepause, Erektion. Schwimmen, Pause, Ständer. Wasser, Luft, Blut. Kurz: Erektionsprobleme der anderen Art.

Nach etwas mehr als zwei Stunden im Wasser spüre ich die Erschöpfung in praktisch jeder Muskelfaser. Ich bin müde, möchte gehen — so wie die vier Schwimmer vor mir —, finde die Wassertemperatur aber angenehm und fühle mich zu antriebslos. Ich lasse mich treiben. Als ich mich über die Ruhe wundere, die plötzlich herrscht, stelle ich mich gerade und sehe, wie der Rossmann gerade aus dem Becken steigt. Das nehme ich mir als Anlass und tauche ab und am Geländer wieder auf, steige die Stufen hoch und winke nass und fröhlich den beiden Bademeisterfrauen zu und gehe zur Glastür. Das Wasser tropft an mir herab. Herr Rossmann befindet sich in einer der Toiletten, während ich zu meinem Spind gehe und diesen aufschließe. Ich packe Handtuch, Schampoo und frische Unterwäsche in meine Tasche und lege diese vor der Dusche ab. Hinter dem Vorhang plätschert es. Ein melodisches Pfeifen erreicht meine Ohren. Ich nehme Schampoo, Herz und Eier in die Hand und schiebe den Vorhang zur Seite, welcher den Sichtschutz der Gruppendusche darstellt.

Und dort steht der Rossmann. Komplett nackt und halb eingeseift. Die Hände im Intimbereich. Mit aller Kraft halte ich eine Erektion zurück. Disziplin! Er blickt auf und nimmt die Hände aus seiner Scham, grinst dann verschämt, dreht sich aber nicht weg. Ich schmunzle verständnisvoll. Währenddessen pfeift er seine Melodie, und das perfekt. Ich überlege in Sekundenbruchteilen, ob ich mich ihm gegenüber oder neben ihn stellen soll, und entscheide mich für gegenüber. Ich wende mich der Wand zu, drücke auf den Push und beiße mir in die Lippen, denn die Geilheit darf mich nicht einnehmen. Ich schütte mir das Schampoo in die Hand und seife mich von Kopf bis Fuß ein. Dann drehe ich mich um. Herr Rossmann wäscht sich gerade den Schaum vom Kopf. Seine Augen hat er dabei geschlossen. Erst jetzt realisiere ich, dass ich mit meinem Pferdevergleich goldrichtig lag. OH MEIN GOTT, denke ich und spüre wie das Blut in meinem Körper rauscht. Ich ziehe meine Badehose aus und halte sie hoch in den Wasserstrahl, presse dann das Wasser aus ihr heraus, lege sie zur Seite. Dann seife ich mich wieder ein. Mein Herz schlägt schneller denn je und ich führe einen blutigen Kampf gegen meine unstillbare Lust, die sich seit mehr als zehn Tagen hat nicht blicken lassen und jetzt plötzlich mit Verstärkung an mich heranzutreten versucht. Ich führe meine Hände in meine Weichteile und schäume auch diese ein. Und dann weiß ich: das war ein Fehler, denn ein strammer Bursche ist die Folge. Ich versuche zu verdecken, was mir gehört, merke aber ziemlich schnell, wie dumm das ist, denn wie soll ich etwas mit meinen Händen verdecken, das größer als ebendiese ist? Der Rossmann hat’s schon gemerkt und grinst tolerant. Bin ja noch jung und da kann das ja mal passieren, wenn man sich dort hin langt. Seine Hände reiben gerade über seinen Bauch, welcher trainiert zu sein scheint. Ich schmunzle tief-verschämt und hebe Augenbrauen und Schulter hoch und lasse sie zur gleichen Zeit fallen. Verflixt, fettes Eigentor! Ich drehe mich knallrot um und beiße mir auf die Zunge. Wie gerne würde ich mich hier jetzt befriedigen! Doch Selbstbeherrschung ist gefragt. Ich denke an meinen Vater und an seine Ehre und schon ist’s vorbei. Ich drücke auf den Push und wasche mich schaumfrei, gehe halbsteif zum Vorhang und hole mein Handtuch. Es ist üblich, dass man sich im Duschraum abtrocknet, also tue ich es dem Rossmann gleich. Der Waschraum wird von dem Schall tropfenden Wassers, den Atemgeräuschen zweier Männer und dem Reibton von Handtüchern auf menschlicher Haut erfüllt. Ich habe diese Angewohnheit, mich komplett trocken zu trocknen. Also brauche ich nach dem Duschen immer länger. Als sich der Rossmann gerade seine Boxershort überstreift, bin ich noch dabei, meine Haare zu entfeuchten. Er beendete sein Pfeifkonzert und ging in Shorts an mir vorbei, folgendes sagend: „Bis nächste Woche, junger Mann!“

Hätte er sich in dem Moment noch einmal umgedreht, hätte er gesehen, wie hart ich innerhalb von einer Sekunde werden kann. Erfreulicherweise kam es nicht dazu. Seine Worten hatten die Wirkung von Viagra auf mich, obwohl ich nicht weiß, wie Viagra wirkt.

Ich werde jeden Freitag von zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr in’s Hallenbad gehen. Erstens meiner Gesundheit wegen, zweitens der wilden Träume wegen, welche ich jede Nacht von Freitag auf Samstag haben werde.

Sensitivität.

21. Oktober 2010

Und noch Stunden später glühen meine Hände, als wäre dieses Wärmegefühl die Strafe dafür, dass ich seiner Haut zu nahe kam.

Nachts erkenne ich in jedem Winkel meiner Träume das Muster seines Strickpullovers in der Farbe seiner Kornblumenaugen. Ihn jedoch sehe ich nicht. Am nächsten Morgen glühen nicht nur meine Hände; mein Kopf scheint schwer und glühend-heiß.

Und mit einem Mal ist er mein Sitznachbar. Er riecht gut und atmet still. Mehrmals am Tag berühren wir uns; mal zufällig, mal weniger zufällig. Fieberhaft glühen die Gliedmaßen meiner linken Körperhälfte. Jede verstreichende Stunde an seiner Seite scheint eine kleine Ewigkeit zu sein.

Ein paar Berührungen mehr und ich werde zu keiner Zeit an der Kälte des bevorstehenden Winters leiden. Der tiefschürfende Schmerz jeder einzelnen Berührung wird mich warm halten, bis ich eines Tages stumm verglühe.

Der erste Kuss.

13. Oktober 2010

Schläfrig lag ich auf dem schwarzen Rückenpolster meines Rucksackes, welchen ich immer öfter als Kissenersatz missbrauchte, und wünschte mir, dass die zäh kriechende Zeit sich verflüssigt, während der schmächtige Deutschlehrer seinen Lehrauftrag erfüllte und versuchte, uns Schülern an einem Freitagnachmittag, in der letzten Doppelstunde vor dem lang ersehnten Wochenende, etwas beizubringen, das wir schon längst kennen sollten, so oft wie wir das in unserer Schullaufbahn schon durchkauen mussten.

Ich lag da wie ein ausgeschlachteter Fleischklumpen und blickte aus nach Erholung kreischenden Lidern in die scheinbare Leere des Klassenzimmers und versuchte ohne Regung die Staubpartikel zu verfolgen, welche hoch oben in der Pumakäfigluft des Raumes von den Strahlen der bevorstehenden Abendsonne vergoldet wurden, die durch das schmutzbehaftete Fensterglas fielen und dem Zimmer dieser Irrenbildungsanstalt ein hoffnungsvolles Schimmern verliehen. Dieser funkelnde, farblos-flaue Anblick ermüdete mich nach kurzer Zeit und so entschloss ich mich dazu, meine ausgebrannten Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen, denn etwas besseres konnte ich als wissbegierig-gelangweilter Schüler nicht machen.

Nach einem zwanzig-minütigen Sekundenschlaf riss ich entsetzt meine Augen auf, als ich plötzlich die Stimme des jungen Mannes aus der Reihe vor mir vernahm, welcher sanft, fast liebevoll einen Text aus dem Schulbuch vorlas, und in mir die Entfaltung eines längst vergessenen Traumes lostrat, indem er das Wort „Kuss“ über seine Lippe springen ließ, welches zart auf meiner Lippe landete.

Mein Herz schlug so schnell, dass ich aus Angst, jemand könnte es hören, vergaß zu atmen und zu blinzeln, denn ich konnte nicht glauben, an was ich mich erinnerte. Er saß da, vor meinen Augen, und sprach einen Text, den ich nicht einmal wahrnahm, bis mein Unterbewusstsein das Wort erfasste, welches mich schmerzlich übermannte und mein Bewusstsein impulsartig in Brand steckte.

Im Traum, den ich Tage zuvor geträumt haben muss, küsste ich den jungen Mann, welcher Montag bis Freitag vor mir in der Reihe sitzt und zweifelsohne zu den schönsten Kerlen gehört, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin. An manchen Tagen kann ich ihm nicht in sein wunderschönes, klares Gesicht blicken, weil meine Vernunft es mir nicht gestattet, diesen zweiundzwanzig-jährigen Herren insgeheim anzuhimmeln. Doch er sitzt vor meinen Augen, jeden Tag, und redet oftmals mit mir, als kannten wir uns schon immer. Und ich sehe täglich in seine Kornblumenaugen und erkenne darin seine Intelligenz, welche mich immer wieder in die Faszination führt, und seine Aufrichtigkeit, welche mich im Herzen schmeichelt und mir jedes Mal ein Lächeln zaubert. Seine Haut, die fraglos reifer ist als meine, bewirkt in mir einen erotischen Respekt, und so zügle ich mich und beweise Disziplin, beherrsche mich und halte mich zurück, denn etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Doch wie gerne würde ich über sein Gesicht streichen und mit meinen Fingerkuppen durch sein volles, blond-braunes Barthaar gehen, das sein Antlitz veredelt und noch ästhetischer gestaltet, als es ohnehin schon ist…

Im Traum, da küsste er mich. Zum ersten Mal wurde ich geküsst und zum ersten Mal träumte ich davon, geküsst zu werden. Sorgsam hielt er meinen Kopf, sah mir in die Augen, in denen ich mich selbst erkennen konnte, und näherte sich mir, als wäre es nie anders gewesen, und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Unsere Lippen berührten sich und ich fühlte mich wohl dabei, fast geborgen. Im Traum war es das schönste aller Gefühle, denn ich hatte weder Sorgen, die sich erfüllen könnten, noch Hoffnungen, die sich erfüllen sollten. Es war ein hoch-erotisches, sinnliches Erlebnis, das mich schwer aufgeschürft hat.

Er las weiter und Wort für Wort verging die Zeit, doch mein Herz klopfte rasend und mein Atem stand still. Hellwach brannten meine Augen und eine schwere Traurigkeit flutete meine Gedanken und Gefühle. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, der sich nie verwirklichen und für immer nur ein Traum bleiben wird. Ein Traum wie kein anderer und ein Traum, der mich zerreißt und meine Zerrissenheit als unstillbare Durstlandschaft hinterlässt. Diese unbändige Sehnsucht fließt durch meine Adern und schmerzt mit jedem bewussten Herzschlag in seiner Gegenwart.

Ich weiß, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, meinen Durst mit und an diesem jungen Herren zu stillen. Mein Leben ist manchmal sehr bitter und schleicht so lange auf unhörbaren Sohlen, bis ich verwundet und schwach durch die Welt weile. In solchen Momenten schlägt es zu und trifft punktgenau auf mein verletzliches Gemüt. Ich lag auf diesem Tisch und fühlte mich wie durch einen dornigen Holzpflock aufgespießt. Mein Herz war gebändigt in beißender Enge, konnte sich nicht wehren gegen die Traurigkeit meiner Träume und Sehnsüchte, ohne ein größeres Leid zu erfahren. Und so lag ich still schweigend und schwer atmend und leidend auf dem Tisch, und versuchte meinen Kummer unbemerkt herunter zu schlucken, was mir natürlich bestens gelang, denn ich bin der Meister der Masken.

Ich werde mich niemals ausleben können, solange ich ein Doppelleben führe. Diesen jungen Herren sehe ich Tag für Tag und mit jedem weiteren Tag schmerzt mich sein herrlicher Anblick umso mehr. Er spricht nur eine Sprache, ist nicht bilingual, wie ich es bin. Und es ist nicht Liebe, es dieser Durst, der mir so oft die Tränen in die Augen treibt, wenn ich alleine bin.

Eine viertel Stunde nach der stechenden Erkenntnis, Wunderschönes geträumt zu haben, kam zu meiner Scheinrettung endlich die erlösende Zehn-Minuten-Pause um die Ecke. Der junge Mann, der mich geküsst und somit in den tiefen Sumpf der verbitterten Traurigkeit gestoßen hatte, hob seinen Kopf, welcher mittlerweile auf der Tischplatte lag, streckte sich und drehte sich um zu mir.

Einfühlsam lächelnd flüsterte er mir in’s Ohr: „Oh, der Herr Heartcore sieht aus, als könnte er einen Kaffee ebenfalls ganz gut gebrauchen. Ich geb‘ dir ‚was aus. Drei Mal Zucker und einmal Milch, nicht wahr?“

Secretary.

25. August 2010

Heute habe ich den Film „Secretary“ gesehen, nachdem mir dies am Sonntag nicht möglich war, weil mein Vater für diesen Abend andere Pläne hatte und ich in seinen Plänen eine elementare Rolle spielen musste… (Memo an mich selbst: endlich die Gedanken über den letzten Sonntag in den Computer eintippen.)

Den Film hat mir Frau Fragmente empfohlen, obwohl ich „noch zu jung!!!“ dafür bin. Ab dem heutigen Tage werde ich Empfehlungen von Frau Fragmente anderen Empfehlungen vorziehen, denn ich weiß nun ganz sicher: ihre Tipps sind hochwertig und sprechen mich immer an. Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Donnie Darko. (Memo an mich selbst: endlich den fragmentarisch entworfenen Blogpost über Donnie Darko zu Ende schreiben.)

Wer „Secretary“ noch nicht kennen sollte, kann die Wikipedia zur Wissenserweiterung heranziehen. Von mir gibt es nur ein paar Anmerkungen:

  • Das Theme ist toll. Ich muss mir unbedingt den Score bzw. den Soundtrack des Filmes besorgen. Hoffentlich ist so etwas erhältlich! Ich will unbedingt diese großartige Melodie auch außerhalb meines Kopfes hören können.
  • Ich habe mir den Mann (E. Edward Grey, gespielt von James Spader) viel älter vorgestellt, obwohl ich zuvor keine Vorstellung davon hatte, wie, wann, wo und mit wem der Film spielen wird. Wieder so ein Rätsel, das mir mein Gehirn aufgibt.
  • Maggie Gyllenhaal ist im echten Leben die Schwester von Jake Gyllenhaal und in „Donnie Darko“ die Schwester von Donnie Darko. Zufälle gibt’s. (Ich würde gerne mit beiden schlafen. Wäre das dann Inzucht oder so etwas in der Art? Hmm.)
  • Maggie Gyllenhaal ist eine schlichte Schönheit. Ich mag ihre Brüste und ihre Lippen und ihr Lächeln. Hübsche Augen. Kann es sein, dass sie Grübchen hat? Sie trägt im Film Pelz, was ich sehr interessant und schön anzusehen fand. Wie es sich wohl anfühlt, einmal mit der Hand über ihren Venushügel zu segeln? Als sie die schüchterne Lee Holloway verkörperte, fand ich sie unverschämt süß. Als sie die devote Lee Holloway spielte, fand ich sie sehr reizend. Ich mag es, wie sie atmet.
  • Der langsame Wandel der Charaktere und die schleichende Entwicklung der Geschichte hat mir sehr gefallen. „Langsam“ und „Schleichend“ sind zu hundert Prozent positiv gemeint. Tolle Farben! Und traumhaft schöne Detail.
  • Die Ticks der Lee Holloway sind mir gar nicht als solche aufgefallen. Außer das mit der Zunge; das war zu offensichtlich. Und dabei beobachte und analysiere ich immer alles minutiös! (Memo an mich selbst: öfters nicht Beobachten und Analysieren, sondern einfach nur ansehen.)
  • Erkenntnis: Schüchternheit täuscht. Stille Wasser sind tief, genauso wie die Wunden der Lee Holloway.
  • Während Lee Holloway sich irgendwo am Oberschenkel Schmerzen zufügte, musste ich an meinen Glastürenunfall denken und auf die Narben an meiner rechten Hand schauen. Sieht aus wie ein verunglückter Selbstmordversuch!
  • Während ich den vorherigen Abschnitt eintippte, habe ich einen Krampf in meiner rechten Wade bekommen und dabei unbeabsichtigt-eigenartig gestöhnt. Ganz kurz habe ich versucht, den Schmerz zu genießen. Nicht wirklich mein Ding. (Memo an mich selbst: das Ziehen nach dem Krampf ist ganz OK und erträglich.)
  • Für Lee Holloway ist Schmerz das, was für mich die Traurigkeit ist. Faszinierende Parallelen erkannt. Vor allem in der „Hörbuch“-Szene.
  • Der erste Sex der Lee Holloway war für sie nicht sehr berauschend. (Memo an mich selbst: während meines ersten Males auf Zeichen und Körpersprache achten, nicht zu früh kommen. „Standartratschläge“.)
  • Ich dachte, in dem Film wird knallhartes BDSM-Zeug gezeigt, so mit Leder, Lack, Auspeitschen und Fesseln. Ich sollte meine Blitzgedanken überdenken. Das, was gezeigt wurde, empfand ich als sehr sanft und lieblich. Knallhart dagegen sind meine Vorurteile. (Abknallen, sofort!)
  • Meine Mutter hat „Secretary“ schon gestern gesehen, während ich arbeiten war. Ich kam gegen Ende des Filmes zu Hause an. — Mutter kommentierte: „Was ist denn für ein komischer Film?“ Bruder kommentierte: „Die Frau ist ja voll psycho, die ritzt sich, um etwas zu fühlen!“ — Mein Bruder hat den Film nicht ganz gesehen, Mutter dahingegen schon. Ich machte mir viele Gedanken, heute wie gestern, denn ich wusste ja nicht, was meine Mami gesehen hatte. Bin jetzt beruhigt. Mir fiel auf, dass meine Mum an den kritischen Stellen (offensichtlich sexuelle Szenen) immer vorspulte. (Memo an mich selbst: das nächste Mal sollte ich DVDs nicht gemountet lassen.)
  • Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Mir hat „Secretary“ sehr gefallen. Ganz schlicht und schön.
  • (Memo an alle: ich bin für nichts nie zu jung!, glaube ich.)

Das Geheimnis stahlharter Männer.

24. August 2010

Ich kenne es, das Geheimnis stahlharter Männer.

12:00 Uhr — Mittagspause. Ich befand mich allein im Waschraum meiner Ferienjobarbeitsstätte und versuchte tiefschürfend meinen metallstaubschwarzen Händen ihre ursprüngliche Form und Farbe zu geben, als um die Ecke eine Horde Männer das Licht des Waschraumes erblickte und sich augenscheinlich ebenfalls der Körperpflege hingeben wollte.

In meiner Arbeitsstätte findet man jede Art von Mann. Man muss nur die Augen öffnen, oder wie ich, das Spiegelbild des Spiegels analysieren.

Manche Männer sind groß, andere so gut wie klein. Einige Typen sind muskelbepackt, andere eher schmächtig. Diverse Kerle sind behaart wie ein Bär, andere haarlos wie eine Frauenbrust. Und nicht wenige Burschen sind so rau wie eine Bürste oder sogar rauer als ein Schleifstein, während andere weich wie Babyspeck zu Tage treten.

Im Waschraum teilt sich die Mannschaft in zwei Gruppen auf. Gruppe Eins geht durch den Waschraum weiter zu den Toiletten und Pissoirs, Gruppe Zwei bleibt im Waschraum und wäscht sich.

Als ich meine Pranken halbwegs fleischfarben ausgewaschen hatte, wollte ich kurz das stille Örtchen aufsuchen, bevor meine Pause endgültig nach dem zweiten Händewaschen beginnen sollte. Also ging ich durch den großen Waschraum, trocknete meine Hände an dem erstbesten Handtuchziehautomaten ab und betrat die männliche Bedürfnisanstalt meiner Arbeitsstätte. Alle WC-Kabinen waren besetzt, darum positionierte ich mich vor einem Pinkelbecken, um dem Wasser freien Lauf lassen zu können. Man muss wissen, dass ich mich selten an Pissoirs stelle, weil mir das unangenehm ist und unhandlich vorkommt. Heute blieb mir aber nichts anderes übrig, also stand ich dort.

Ich knöpfte zügig meine Jeans auf und packe meinen Pullermann aus, damit dieser seine Aufgabe erfüllen konnte. Während ich still vor mich hin urinierte, wagte ich es, aus den seitlichsten Winkeln meiner Augen nach links und nach rechts zu lugen. Man muss wissen, dass die Pissoirs nah beieinander stehen und keine Art von Sichtschutz bieten. Man ist ja unter Männern, da darf auch einmal heimlich Lümmelschau betrieben werden.

Bei dem Rundblick auf die wahrhaftigen Kindermacher bekam ich große Augen, denn fast alle Pissoirpinkler hatten noch metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger, mit denen sie ihre Zauberstäbe hielten!

Der massiv bestückte (und muskulöse!) Typ links von mir hatte seine Blase entleert und packte zwar schnell, aber nicht schnell genug sein tropfendes Schwert ein, sodass ich gerade noch so sehen konnte, dass der Penis des Typen an den Stellen, an denen er ihn gehalten hatte, nun sichtlich grau bis schwarz gefärbt war.

Ich pinkelte fertig und verließ das Örtchen der Offenbarung, nachdem ich meine Hände gewaschen hatte. Ich ging durch die Tür und dachte mir:

Das Geheimnis stahlharter Männer sind metallstaubschwarze und schmierölfettige Hände und Finger, mit denen man seinen Penis anpacken muss.

Existenzerhaltungstheater.

9. März 2010

Durstig wache ich auf, weit und breit keine Wasserflasche in Sicht. Zu müde, um die Treppen herunterzulaufen; zu durstig, um einfach wieder einzuschlummern. Ich rede mit mir selbst, unhörbar. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an den Inhalt meines Selbstgesprächs erinnern, doch ich weiß, dass ich ein Selbstgespräch geführt habe. Es war eher so „Frage-und-Antwort“-mäßig. Nach ein paar Minuten bin ich wieder eingeschlafen.

Traumbeschreibung:
Ich befinde mich in einer Stadt, sie kommt mir bekannt vor, doch ich kenne ihren Namen nicht. Mit einer Person, ich glaube, jemand aus der näheren Verwandtschaft, laufe ich eine Straße entlang. Es ist dunkel, die Straßenlaternen leuchten gelblich-orangeartig. Die Straße ist eher ein Gasse, oder sogar ein Pfad. Ich erinnere mich an Erde und wie diese unter meinen Schuhen knirschte.

Zusammen mit dieser Person betrete ich ein Haus. Meine Erinnerung sagt mir, dass das Haus aus Lehm oder so etwas ähnlichem gebaut war und die Form einer Halbkugel hatte. In diesem Haus befand sich ein dicker Herr. Es war unglaublich heiß, ich glaube mich an einen Bachofen zu erinnern. Brot?

Filmriss.

Ich erinnere mich an vier Jugendliche, die einen Jungen verfolgen. Ich schätze, dass diese Jugendlichen um die 20 Jahre alt waren, genau wie dieser Junge. Ich und dieser Junge rannten so schnell wir konnten und versteckten uns in einer Seitengasse. Ich glaube, dass wir eine Treppe hochgerannt sind. Ich befinde mich in einem Badezimmer und kann von der Tür aus den Jungen die Treppen hoch rennen sehen. Ich rufe ihn herbei, und als er das Badezimmer betritt, schließe ich die Türe und drehe den Schlüssel um.

Was dann genau passiert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zusammen mit diesem Jungen onaniert habe. Ich sehe das Sperma auf dem Boden, dann sehe ich das Gesicht und die Augen des Jungen. Sein Blick ist traurig.

Und in diesem Moment wache ich auf. Meine Boxershort ist gefüllt und entsprechend verklebt. Die letzten Tropfen verlassen meinen Körper.

Es ist 4.50 Uhr. Ich liege da und frage mich, welche Bedeutung dieser Traum hat. Je mehr ich versuche, mich an die Details zu erinnern, desto trüber werden meine Erinnerungen. Ein eigenartiger Traum.

Feuchte Träume im Zusammenhang mit Jungs habe ich selten, fast nie. Ich verstehe nicht, was mir das alles sagen soll.

Den Inhalt des Traumes kenne ich nicht. Doch ich weiß, dass er spannend war. Ich erinnere mich an Gefühle und matte Gesichter / Gesichtsausdrücke. Es ist, als hätte ich ein Buch gelesen, dessen Geschichte ich vergessen habe, von der ich aber weiß, das sie aufregend war.

Die letzten Wochen waren langatmig und monoton. Vielleicht versucht mein Geist, mich „am Leben“ zu beteiligen, in dem er mir packende Abenteuer vorspielt. Eine Art Existenzerhaltungstheater.

Mein Leben ist langweilig und meine Phantasie ist bunt. Manchmal treffen sich diese beiden Welten und veranstalten eine farbenprächtige Orgie. An solchen Tagen stehe ich unter Strom.

Ich brauche keine Drogen, ich habe meine Phantasie.