Archive for Oktober, 2011

Canan.

12. Oktober 2011

Bu dünya analara ve babalara kalsa, sevenler hiç kavuşamaz.

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Die Frage nach dem Sinn.

10. Oktober 2011

Die Lebenszeit nicht verschwenden, das ist mir wichtig, immer wieder nach dem Sinn fragen, denn Sinn ist wichtig, wichtiger als Glück […] schreibt Frau Fragmente.

Ich denke dieser Tage viel darüber nach, welchen Sinn mein Leben derzeit hat. Ich habe Wochen und Monate damit verbracht, auf Briefe, Antworten, Zu- oder Absagen zu warten und befinde mich jetzt inmitten einer großen Leere, weil die Grundlage, auf der ich meine Zukunft aufbauen wollte, auf der Kippe steht und sich immer mehr in Richtung Abgrund neigt. Eigentlich kann ich den Boden schon berühren und sollte endlich aufstehen und nach vorne schauen. Aber da ist noch Hoffnung, an die ich mich klammere. Eine letzte Chance, die das Ruder herumreißen könnte.

Ich war nicht faul und untätig, ich habe viel unternommen, damit ich mein Studium so entspannt wie möglich angehen kann, doch weil dieses jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit wegbrechen wird, muss ich mir etwas Anderes suchen, das mir einen Sinn gibt. Termine bei verschiedenen Beratungsstellen; der Versuch, mein Zeugnis anerkennen zu lassen; Praktika, Kindergeld, BAföG; die Suche nach einer WG, in der ich mich wohl fühlen könnte … all das habe ich in den letzten Wochen versucht in die Wege zu leiten, doch letztlich stehe ich da, ohne etwas erreicht zu haben, weil die Grundlage all dessen marode ist und wegbrechen wird. Wenn da nicht die Hoffnung wäre, der ich jedes Mal blind vertraue, naiv und optimistisch wie ich bin, wäre ich jetzt woanders, als im Hause meiner Eltern.

Ich bin wieder bei meinen Eltern. Ich bin wieder dort, wo ich eigentlich nicht sein möchte. Nicht aus der Not heraus, sondern weil ich meine Familie vermisst habe, weil ich meine Oma und ein paar Verwandte nach langen Jahren wieder sehen wollte, die wegen der Hochzeit meines Cousins aus der Türkei eingereist sind. Das Verhältnis zu meinen Eltern ist derzeit okay — wir waren sogar bei einem Familientherapeuten und es lief erfreulich —, dennoch halte ich es in der Wohnung nicht aus. Ich will ausziehen, und das Studium wäre ein guter Grund und eine finanzielle Stütze gewesen, aber das kann ich jetzt wohl vergessen. Ich muss nach vorne schauen, ich muss endlich lernen, auf mehreren Gleisen gleichzeitig zu fahren. Ich darf nicht mehr (allein) auf die Hoffnung setzen.

Seit ein paar Tagen suche ich in der Stadt, in der ich studieren möchte, nach Arbeit, nach Jobs, nach einer Beschäftigung, die mich über Wasser hält, bis ich mich nächsten Juli wieder für ein Studium bewerben kann. Aber aus der Ferne geht das schlecht. Immerhin habe ich einige Anlaufstellen, die vielversprechend klingen; denen werde ich schreiben. Ich brauche Arbeit, ich brauche ein Projekt oder eine Beschäftigung, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken kann und dafür entlohnt werde. Ich brauche einen Sinn, etwas, woran ich arbeiten und wachsen kann. Sonst komme ich mir nutzlos und verschwendet vor.

Und ich weiß nicht einmal, ob die Zeit, die ich jetzt mit Warten und Suchen verbringe, verschwendete Zeit ist oder einfach nur der normale Lauf eines eigenständigen Lebens.

Bester Freund.

6. Oktober 2011

Ich verlasse den Bahnhof und gehe die Straße in Richtung Ortskern entlang, bis ich weit in der Ferne die Gestalt von Bene erkennen kann. Das Wetter ist gut, es ist windig-warm und ich bereue es, eine dicke Jacke angezogen zu haben. Mein Herz schlägt mit jedem Schritt wilder, und als Bene vor mir steht, sprechen wir kein Wort und nehmen uns in den Arm. Es ist eine gute und ehrliche Umarmung. Ich merke an seinem Herzschlag, dass auch er aufgeregt ist: wir haben uns wirklich vermisst. Er sagt, dass ich gut und gesund aussehe. Ich lobe die Entspannung in seinem Gesicht und frage, ob er in den letzten zwei Monaten gewachsen ist. Ich komme mir plötzlich klein vor, fühle mich aber sehr wohl dabei, weil es Bene ist. Wir lachen beide wegen unserer eigenartigen Komplimente und gehen zu ihm nach Hause.

Bene wohnt noch bei seinen Eltern in einem tollen Fachwerkhaus. In seinem Zimmer reiche ich ihm sein Geburtstagsgeschenk, leider mit einem Monat Verspätung. Er liest aufmerksam den Brief, den ich ihm geschrieben habe, und lächelt. Es ist ein ehrliches Lächeln. Mit einem Ruck reißt er die Geschenkverpackung auf und legt das Game in die Konsole ein, um Einstellungen vorzunehmen und sich einen Überblick zu verschaffen. Dann gibt es Abendessen. Die Eltern und die drei Geschwister von Bene sind angenehm und wir verstehen uns. Das Essen schmeckt hervorragend und die Gespräche am Tisch sind lebendig. In seinem Zimmer schauen wir uns den Film an, den ich mitgebracht habe. Exam. Gefällt ihm sehr gut. Wir schalten die Xbox ein und spielen knapp drei Stunden lang sein Geschenk — Alan Wake —, und sind beide vollends begeistert. Die Spielatmosphäre ist düster und dunkel, und die Story beschert uns alle paar Minuten eine heftige Gänsehaut. Wir erschrecken uns an denselben Stellen und blicken uns dann aus den Augenwinkeln an, lachen darüber und spielen weiter. Kurz nach Mitternacht gehen wir schlafen.

Doch anstatt zu schlafen, reden wir. Ich erzähle ihm alles ganz ausführlich, die ganze Geschichte von Anfang an bis zu meiner Ankunft bei ihm. So umfassend habe ich bisher noch niemandem erzählt, was sich alles weshalb ereignet hat in den letzten Wochen. Bene hört aufmerksam zu und ist interessiert, stellt wichtige Fragen an den richtigen Stellen und sagt dann irgendwann, dass das alles drehbuchreif ist. Ich scherze: Dir ist aber klar, dass du bis dahin deine Theaterausbildung vollendet haben musst!? Ich bestehe darauf, dass du dich selbst spielst! Irgendwann nicken wir ein, sicher ist es schon nach zwei Uhr. Ich genieße es, dass Bene mein bester Freund ist und schlafe zufrieden ein.

In Heidelberg angekommen empfängt uns Jes und ist erst zögerlich und gereizt, aber schon nach fünf Minuten ist sie dieselbe Jes, wie wir sie kennen und lieben. Wir verbringen den Tag mit guten Dingen und gehen dann schlafen. Jes schläft in ihrem Bett und ich teile mir mit Bene ihre Ausziehcouch. Der Platz ist knapp, wir liegen unweigerlich nah beieinander. Nachts wache ich auf und merke, dass sich Bene an mich gekuschelt hat. Er liegt halb unter meiner und halb unter seiner Decke. Sein linker Arm hängt schlaff an mir herab und ich kann seine Atmung in meinem Nacken spüren. Ich lächle im ersten Moment, weil ich denke, dass es mein Held ist, realisiere aber dann, wo und bei wem ich bin. Ich empfinde Benes Umarmung als angenehm und irgendwie süß, habe aber das Gefühl, dass es falsch ist, so zu empfinden. Einerseits scheine ich diese Nähe zu brauchen, andererseits bekomme ich sie von der falschen Person. Ich denke kurz darüber nach, ob ich mich bewegen und seinen Arm woanders hinlegen soll, entscheide mich aber dagegen, weil ich Bene nicht aufwecken will und es ihm sicher peinlich wäre. Ich weiß nicht so recht, ob mein Verhalten nun richtig oder falsch ist, und schlafe grübelnd, aber dennoch zufrieden ein.

Dieses Ereignis verfolgt mich ein paar Tage lang, und ich denke viel darüber nach. Dass mich Bene — wenn auch versehentlich und im Schlaf — umarmt und mir somit Nähe, Sicherheit und Vertrauen vermittelt hat, ist etwas Gutes. Es gibt nichts Schlechtes daran, und auch dass ich das als angenehm empfunden habe, ist okay und normal. Nähe ist Nähe. Und ich freue mich so sehr, nach langer Suche sagen zu können, dass ich einen besten Freund gefunden habe, bei dem ich mich richtig gut und wohl fühle. Einen besten Freund, der Sicherheit und Nähe ausstrahlt und mich mag, wie ich bin. Das ist toll und macht mich glücklich.

Mittlerweile habe ich Bene von der Umarmung erzählt. Es war ihm etwas unangenehm, aber er sagte, dass er das gerne gemacht hat, auch wenn er nichts davon gemerkt hat. Kannst du immer bei mir haben!

Nächste Woche zieht Bene in ein kleines Feriendorf, um dort sein freiwilliges soziales Jahr anzutreten. Jes und ich, wir werden ihn bei Gelegenheit mal besuchen und ein paar Tage bei ihm übernachten. Ist ja schließlich ein Feriendorf! Und bald darauf sind die Beiden zu Gast in meiner WG. Ich male mir jetzt schon aus, was wir gemeinsam unternehmen, wohin wir fahren und abhängen könnten; was ich den Beiden kochen werde, und was ich dafür noch lernen und einkaufen muss. Ich denke viel über dieses Treffen nach, das vielleicht erst im Frühling nächsten Jahres oder sogar noch später stattfinden wird. Und es bereitet mir Freude, auf Wolken zu schweben, deren Zukunft allein in meinen Händen liegt.

Aufbruch.

5. Oktober 2011

Ich hatte damit gerechnet, dass es nach und nach Änderungen und Verbesserungen geben würde, doch dass sie so schnell und mit solch gewaltiger Wucht in mein Leben einschlagen würden, daran habe ich im Traum nicht gedacht. Innerhalb von zwei Monaten hat sich das, was ich einst Leben und Alltag nannte, komplett geändert.

Viel ist passiert in dieser Zeit, und es würde sich lohnen, darüber zu schreiben, doch mir fällt es schwer. Ich weiß nicht, ob ich bezüglich des Schreibens stumpf geworden bin oder ob das nur eine unschöne Phase ist, die es zu überwinden gilt. Anstatt zu schreiben, schweige ich, und das gefällt mir nicht. Und ich weiß, dass es euch ebenfalls nicht gefällt. Also werde ich versuchen, das zu ändern.

Ich werde versuchen, jeden Tag etwas aus dieser Zeit aufzuschreiben. Das wird nicht nur mir helfen, meine Gründe und Entscheidungen besser zu verstehen, sondern auch euch, meinen Unterstützern. Ich will nicht, dass ihr euch im Stich gelassen oder verraten fühlt, und ich will auch nicht mehr mit schlechtem Gewissen durch die Gegend schleichen müssen. Also werde ich schreiben, um mich wieder wohl fühlen zu können. (So, wie’s schon immer gewesen ist.)

Auf geht’s!