Archive for März, 2013

Tiefblau.

25. März 2013

Ich erfahre, dass du in Kassel bist, du hattest einen Unfall und liegst auf meiner Station. Du bist auf die Fresse gefallen, Nase gebrochen, irgendetwas am Gehirn. Du sollst operiert werden. Ich habe dienstfrei, fahre aber trotzdem zur Arbeit, um dich zu sehen. Ich kleide mich ein und gehe auf Station, lese deine Akte nach und bin auf dem Weg in dein Zimmer, als ich dich im Flur mit deinem Holger und einem Freund sehe. Du sitzt im Rollstuhl. Ich starre dich entsetzt an, dein Gesicht ist zerfetzt und blutig, doch du erkennst mich nicht wieder. Holger blickt mich lange und böse an, bis ich weiter gehe. Ich bin sehr traurig und verlasse das Krankenhaus. Nach ein paar Stunden, es ist bereits Abend, schaue ich wieder nach dir. Du bist mittlerweile auf der Intensivstation, dein Kopf ist in Watte gepackt, nur deine Augen sind frei, sie schauen blau und traurig wie immer. Ich gehe ganz nah an dein Gesicht, mir steigen Tränen in die Augen und dir genauso. Ich glaube, dass du mich erkennst, aber der Zweifel bleibt. Du kannst dich weder rühren, noch bewegen. Ich setze mich neben dich und halte deine Hand, sie ist ganz weich, du hast keinen Druck darin. Du bist gelähmt. Ich weine und lasse dich los. Dabei hätte ich so gerne deine Hand gehalten.

Ich wache auf und schaue aus dem Fenster, weit in das Blau hinein, tiefblau. Was für ein Morgen.

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Auf dem Balkon.

20. März 2013

Gestern saß ich nach einer langen Zeit wieder einmal auf dem Balkon und habe an den letzten Sommer gedacht. Auf dem Tisch waren weder Salzstangen, noch Oliven, am Geländer wuchsen keine Tomaten heran und im Garten lag Schnee. Alles war und ist anders, alles nicht Sommer, und dennoch fühlte es sich gestern an, als ob Marc bei mir säße. Dieser kleine Balkon – auf dem man nicht anders kann als zusammen zu rücken – ist wohl auf Ewig mit ihm verbunden.

Ich habe einen Jungen kennengelernt!, sagte ich zur Nacht. Aber warum fällt es mir so schwer, mich in ihn zu verlieben? Ich denke, es liegt an der Dichte und der Intensität, die ich in der Beziehung mit Marc hatte. Eine Beziehung gebaut auf Ferne und einer weitreichenden Lüge, denn Marc hatte einen Partner. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns nur ein paar Mal im Monat sahen, wenige, kostbare Tage, jede Stunde ein Geschenk, jedes Mal ein besonderes Ereignis. Das große Warten und dann das Gehört werden meiner kurzfristigen Wünsche, das Befeuern meiner lächerlichen Hoffnung, dass er eines Tages, ganz bald, auf mich zu gehen würde und seinen langjährigen Partner, den er monatelang belogen hat, für mich verlassen würde. (Ich rede mich schon wieder um Kopf und Kragen.) Mit jedem Ich liebe dich!.. seinerseits gab ich der trügerischen Hoffnung mehr und mehr Platz in meinem Herzen.

Damals Liebe und heute Tumor?, fragte ich die Nacht.

Marc war ein äußerst gefühlvoller, emphatischer Kerl, und wenn es etwas gibt, mit dem man mich ködern kann, dann sind es Gefühle. (Vielleicht, weil ich selbst so bin.) Er war ein schöner, reifer Mann. Nunja, und er war bisher auch der einzige Mensch, mit dem ich meine Musik ohne Zweifel und mit großer Freude teilen konnte. Ich habe mich in seinen Augen und in seinem Herzen verstanden gefühlt, und auch wenn ich heute denke, dass es nur teilweise so war, hat es mich sehr glücklich gemacht damals. (Es: der Gedanke, dass…)

Daniel hingegen ist eher sachlich. Er fühlt seine Umgebung nicht, er analysiert sie nach objektiven Kriterien. Ein hübscher Junge mit farbenfrohen Augen und einer tollen Mundpartie. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Dingen, die ihn zum Lachen bringen. Gefühlsbeladene, eher traurige und melancholische Sachen lassen ihn erst einmal kalt, dabei kann er auch romantisch sein in dem Sinne, was romantisch für mich bedeutet. Meine Musik kann er nicht nachempfinden. Ich denke ganz oft, dass meine Gefühle nicht zu ihm durchdringen. Ich frage mich dann, ob ich nicht genug Gefühl zeige.

Und ich frage mich, ob ich noch zu sehr an Marc hänge, aus welchen hoffnungslosen Gründen nun auch immer. Ob ich zu viel erwarte von einem Jungen meines Alters, ob das normal ist, ob er nicht einfach so gefühlvoll ist und ich verwöhnt und verdorben bin, was diese Sache anbelangt. Kann ich erwarten, dass es so wird wie mit Marc? Ist es nicht würdelos den Freund mit den ExPartnern zu vergleichen? Mache ich etwas falsch oder passen wir nur auf der Oberfläche zusammen? Ich möchte doch so sehr in die Tiefe gehen. Sollte ich es langsamer angehen, wo ich es doch kaum erwarten kann, mich in’s Meer zu stürzen?

Nun, gestern saß ich auf diesem Balkon und habe mich nicht getraut bzw. habe es mir untersagt, Marc zu schreiben, dass ich dort draußen sitze und an ihn denke. Welchen Sinn sollte das haben?, dachte ich. Lass‘ ihn in Ruhe, am Ende weinst du wieder.


23:49 Uhr.

7. März 2013

Lieber Abdu,
ich bin bewusst still. Auch an unserem Jahrestag und auch an deinem kommenden Geburtstag. Die synapsen brauchen Zeit. Ich dachte nur deine. Aber auch meine. Ich freue mich wenn Du jemanden gefunden hast. Ich hoffe er ist gut zu Dir und besser als ich es war. ich wünsche dir dass es gut wird. Wenn sommer kommt werde ich gelb tragen und rot hören. wenn sommer kommt werde ich mich immer noch erinnern so wie ich es jeden tag tue. an kassel. an hund und gelb und rot und fahrrad und park und see und lila und wasser. und an sofa ikea kartons transporter lampe bild kuss und jauchzen und weinen und jauchzen und so vieles mehr. ich weine gerade. und wollte das doch nicht mehr. ich möchte dass du nicht mehr weinst sondern glücklich bist. dass er Dir das gibt. du bist ein so guter mensch. besser als ich. viel besser. ich lasse jetzt los. voller gedanken. voller träenen. nichts im vergleich zu deiner trauer. es tut mir so leid.
der mann mit dem weissen ring

06.03.2012.

6. März 2013

Mein lieber Marc,

Es war kurz vor neun als die ersten Blicke fielen, als unser Wunder zu wachsen begann; ich habe es noch glasklar vor Augen. Diesen Anfang werde ich niemals vergessen, und auch wenn es kein schönes Ende nahm, danke ich dir für diese Zeit. Du hast mir sehr geholfen; ich habe viel gelernt von dir und durch dich.

Du bist noch oft in meinen Gedanken, doch es wird weniger werden. Ich bin froh, dass da keine Wut mehr ist, dass die Enttäuschung nachlässt.

Deine Musik trägt mich durch die Tage, mir geht es gut. Ich bin dabei, mich neu zu verlieben; in einen Jungen, wie du ihn mir immer gewünscht hast: in meinem Alter, hübsch und klug. Jemand, mit dem ich eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnte. Mal schauen, was das Leben für mich vorgesehen hat.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, das Wetter zumindest verspricht viel. Ich hoffe, dir geht es gut.

Wohlan, dein kleiner Achdu.