Posts Tagged ‘Geduld’

It get’s better.

1. April 2013

Die Arbeit mit den alten Menschen hat mich unglaublich geduldig gemacht; sie sehen die Welt anders, gelassener als die jungen, weil sie gelernt haben während ihres Lebens, dass man alles gelassen nehmen muss aber bedacht. Sie haben gelernt und verstanden, dass Ruhe die Erlösung ist, die Grundlage zur Lösung einer jeden Aufgabe.

So musst auch du es sehen, so musst auch du es fühlen: alles wird gut, wenn du dafür sorgst. Und das werden wir tun.

It get’s better. Weißt du, als ich von zu Hause abgehauen bin und keine Kraft mehr für nichts hatte, habe ich immer gedacht: it get’s better. Das war das Einzige, an das ich mich geklammert habe und an das ich mich klammern konnte, als ich völlig allein war. Ich hatte nichts Anderes. Und schau‘ jetzt: es ist so viel besser, mein Leben. Klar, Probleme gibt es immer, große wie kleine, aber es geht immer weiter, es wird immer besser. Alles im Leben formt uns, wir lernen das Leben. Und stolpern und weinen und stehen auf und lächeln und gehen weiter. Wie wertvoll das ist. Ohne Sorgen hätten die guten Dinge doch keinen Wert. Dadurch erst lernen wir zu leben. Demut ist vielleicht das Wichtigste im Leben.

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Heute.

23. Januar 2013

Der Kaffee aus meiner kleinen Espressokanne schmeckte heute ausgesprochen gut. Bus und Bahn waren pünktlich. Zwei Patientinnen bedanken sich für die „liebevolle Pflege der letzten Wochen“ mit einer – wie sie es nannten – „kleinen Aufmerksamkeit“, die ich kaum anzunehmen wagte, so hoch war für mich die Summe in dem kleinen Umschlag. Der Herr aus dem Zimmer sieben reichte mir zum Abschied seine Visitenkarte und sagte, dass ich mich unbedingt wegen der Nachttischlampe melden solle, denn er wolle mir dabei helfen, meinen Traum zu verwirklichen. (Er sagte: Ohne diese kleinen, persönlichen Ziele wäre ich niemals 82 geworden. Ich möchte Ihnen dabei helfen, mindestens genauso alt und genauso zufrieden mit sich und Ihrem Leben zu werden! Er war dem Tod mit letzter Kraft entkommen, und auf eine meiner Kennenlernfragen vor zwei Monaten, was er früher in seinem Leben beruflich gemacht habe, antwortete er: Ich habe, und das werde ich nach meiner Entlassung wieder tun, Instrumente gebaut. Vorrangig Orgeln, aber auch Klaviere und Harmonika.) Ich war den Tag über ein klares und helles Kerlchen, die Müdigkeit würdigte mich keines Blickes. Im Bus schleckte mir ein bildschöner Hund die Hand ab. Die Waschmaschine beendete gerade den Schleudergang, als ich durch die Haustür kam. In der ganzen Wohnung roch es nach Waschmittel. Das Abendessen von gestern schmeckte als Nachmittagessen von heute noch viel besser. Bene freute sich sehr über meine Ankündigung, dass ich ab morgen wieder mal im Ländle bin. Im Waschsalon an der Querallee hatte ich plötzlich Herzklopfen beim Anblick der wild und elegant wirbelnden Wäsche in all den Trocknern. Die Brezelfrau am Bahnhof schenkte mir die dritte Brezel, weil ich – wie sie sagte – so schön rote Bäckchen hätte. Die Deutsche Bahn machte wegen der Witterungsverhältnisse aus meinem „20 Euro, dafür vier Stunden Fahrt mit zweimal Umsteigen, ich werde mein Ziel nie erreichen“-Ticket ein ICE-Ticket, mit dem ich schneller und ohne Umstieg fahren konnte. Einer meiner Lieblingsmenschen schrieb mir, dass ich wunderbar sei. Im Ruheabteil war es tatsächlich ruhig. Am Zielbahnhof überkam mich eine schier unerträgliche Schmerzwelle, weil die erloschene Liebe zum Greifen nah und doch so weit in der Ferne lag. Die Umarmung meines Vaters war ehrlich und tröstlich. Die Katzen meiner Mutter sind nicht mehr nur Sohnersatz, sondern ein richtiger Teil der Familie geworden. Die kleine Katze schnurrte mich in den Schlaf. In der Nacht träumte ich von düsteren Feldern und allzu bekannten Gesichtern, die ich vor langer Zeit schon vergessen glaubte.